MIKROKREDITE Wenn Frauen solidarisch wirtschaften

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1 A 6677 ISSN Heft 222 I Juni 2013 MIKROKREDITE Wenn Frauen solidarisch wirtschaften

2 INHALT 4 Indien Wenn Frauen solidarisch wirtschaften 7 Simbabwe Interview mit Frauenrechtlerin 9 Stimme aus dem Süden Mamadou Ndiaye, Senegal 11 Projektinfo Indien Equitiy Foundation/ Frauen 12 Projektinfo Brasilien Malungo/ Quilombolas 13 Unser Standpunkt 14 Weltnachbar 16 Impressum Aktionstag Weltnachbarschaft Karten spielen für eine solidarische Welt Gemeinsam mit Freunden und Familie zusammenkommen, gesellig Karten spielen und für eine solidarische Welt aktiv werden. Mit dem neuen Aktionstag Weltnachbarschaft, der zukünftig immer am letzten Sonntag im September stattfindet, möchte die ASW alle Unterstützerinnen und Unterstützer herzlich einladen, spielerisch Spenden zu sammeln. Egal ob mit Mau Mau, Rommé oder Skat machen Sie den 29. September 2013 zu Ihrem Weltnachbartag. Pro Spiel werfen die Verlierer einen Betrag zwischen 10 Cent und einem Euro in das Körbchen. Die Gewinner dürfen aufrunden, müssen aber nicht. Wenn Sie regelmäßig Karten spielen, dann behalten Sie Ihr Spiel und die Regeln einfach bei. Hauptsache Sie haben Spaß, spielen am 29. September und spenden den Einsatz für die Projekte der ASW. Für weitere Infos steht Ihnen Sonja Finkbeiner gern zur Verfügung: oder Tel Das Titelfoto dieser Ausgabe zeigt eine Selbsthilfegruppe bei unserem Partner DDNN in Indien. Foto: Tobias Zollenkopf Wie Mikrokredite das Leben dieser Frauen stark verändert haben, lesen Sie auf Seite 4 Die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.v. wurde 1957 gegründet. Sie ist von Parteien, Kirchen und anderen Organisationen unabhängig. Die ASW fördert auf Spendenbasis Projekte in Indien, Afrika und Brasilien, die von den Betroffenen selbst initiiert und getragen werden: z.b. Selbsthilfegruppen von Landlosen, Umweltbewegungen und Frauengruppen. Ein Schwerpunkt der ASW liegt in der Bildungsarbeit. Spendenkonto BLZ Bank für Sozialwirtschaft IBAN DE BIC/SWIFT BFSWDE33BER Spenden sind steuerlich absetzbar 2 I Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013

3 EDITORIAL Liebe Leserinnen und Leser, heute halten Sie eine ganz besondere Ausgabe der Solidarischen Welt in Ihren Händen! Es ist nicht nur die Nummer 222, sondern zugleich die erste farbige SW in der Geschichte unserer Zeitschrift. Auf ihrer langen Reise hat die SW schon viele Veränderungen erlebt. Der Name Solidarische Welt stammt zum Beispiel aus dem Jahr 1971, zuvor lautet der Titel schlicht Rundschreiben. Ein paar Jahre lang war das Rundschreiben zusätzlich mit dem Slogan Lass Liebe wachsen verziert. Einige von Ihnen werden sich noch daran erinnern. Die Bilder waren immer schwarz-weiß, eine zusätzliche Farbe auf der Titelseite kam vor etwa 20 Jahren dazu. Ab heute ist die SW also farbig, auch weil es heute nur noch unwesentlich teurer ist, in Farbe zu produzieren. Doch der wichtigste Grund sind die lebendigeren Eindrücke aus den Projekten. Dazu trägt auch die neue Rubrik Stimme aus dem Süden bei. Hier finden Sie in jeder Ausgabe ein Portrait eines/r Projektpartners/in der ASW. Wir hoffen, dass wir mit der neuen Aufmachung und den inhaltlichen Veränderungen allen eine informative und sympathische Zeitschrift zur Hand geben. Eine Zeitschrift, die dazu anregt nachzudenken, gemeinsam zu diskutieren und aktiv zu werden für eine solidarische Welt, ganz im Sinne einer gelebten Weltnachbarschaft, die schon immer das Grundverständnis der Aktionsgemeinschaft ausmachte. Die SW gehört allen, die an einer solidarischen Welt mitwirken. Deshalb freuen wir uns, wenn Sie eigene Beiträge an uns senden oder von einer gelungenen Spenden- oder Solidaritätsaktion berichten und so unsere neuen Weltnachbar - Seiten mit Leben füllen. Ihr Kommunikationsteam der ASW-Geschäftsstelle in Berlin Isabel Armbrust, Marek Burmeister, Sonja Finkbeiner und Tobias Zollenkopf Gemeinsam nach Afrika an einem Tag Afrika in Brandenburg liegt nördlich von Berlin und ist so an einem Tag mit dem Fahrrad gut erreichbar. 80 km ab Bernau und 55 km ab Eberswalde. Egal ob Profi oder Freizeitradler zusammen haben wir Spaß an der Bewegung in der Natur und radeln für einen guten Zweck. Mit der Tour sammeln wir Spenden für unsere Projektpartner im Senegal und in Simbabwe. Los geht s am 31. August 2013 und wer im Vorfeld pro Kilometer 2 Euro sammelt, ist dabei. Machen Sie mit. Neue Kollegin Sonja Finkbeiner Seit Januar ist Sonja Finkbeiner unsere neue Kollegin im Fundraising und in der SpenderInnenbetreuung. Nach dem Ethnologie-, Soziologie- und Portugiesischstudium war sie viele Jahre in der Telekommunikationsbranche in der Marketingkommunikation tätig. Durch eine Ausbildung zur Fundraiserin wechselte sie vor fünf Jahren in den NGO-Bereich und folgte damit ihrem gesellschaftspolitischen Engagement und inhaltlichen Interessen. Zuletzt war sie bei der Tibet Initiative Deutschland e.v. beschäftigt. Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013 I 3

4 DOSSIER INDIEN Bei den DDNN-Spargruppen stehen Dinge auf der Tagesordnung, die das ganze Dorf betreffen Wenn Frauen mit Mikrokrediten solidarisch wirtschaften Ein Beispiel aus Indien VON FRANZISKA KOHLHOFF UND SABINE WAHDAT S eit fast 15 Jahren unterstützt die ASW das im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh ansässige Deccan Development NGOs Network (DDNN). Dieses berät u.a. Spargruppen von Frauen, informiert über Einkommen schaffende Maßnahmen sowie finanzielle Fragestellungen und begleitet die Gruppen beim Aufbau von Kleinst unternehmen. Maximal 15 Frauen können sich bei DDNN als Gruppe zusammenschließen und sechs Monate lang beweisen, dass sie in der Lage sind, wirtschaftlich zu arbeiten. Gelingt es ihnen, erhalten sie einen Mikrokredit, mit dem sie ein Kleinstunternehmen gründen können. Basisdemokratische Entscheidungsfindungen tragen dazu bei, dass alle Frauen in den Spargruppen über alles Bescheid wissen und voneinander lernen. Damit wird einer Hierarchisierung vorgebeugt. Vertreterinnen der Spargruppen treffen sich regelmäßig, um zukunftsweisende Entscheidungen zu fällen, von denen alle Mitglieder betroffen sind. So haben sie gemeinsam beschlossen, keine chemischen Dünger für ihre Felder zu verwenden oder den Bau von Tiefbrunnen zu stoppen. Stattdessen investieren sie in eine effektivere Wasserwirtschaft. Das Amt der Gruppensprecherin rotiert, sodass im Laufe der Jahre jede Frau einmal mit der Verantwortung betraut wurde. Dieses Modell bewährt sich seit mehreren Jahren und hat viele ehemals marginalisierte Frauen wirtschaftlich gestärkt und ihnen geholfen, ihren Status in der Gemeinschaft zu verbessern. Mann aus Bangladesch machte Kleinkredite populär Die Idee der Stärkung von Frauen über Mikrokredite wurde durch Muhammad Yunus populär. Der Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesch hatte das, was schon viele kleinere Organisationen in Indien länger praktizierten, zum Programm erhoben und dafür 1983 eigens die Grameen Bank (Bengali: dörfliche Bank) aufgebaut. Diese verschafft Frauen den Zugang zu günstig verzinsten Minidarlehen und schützt sie vor privaten Geldverleihern und deren Wucherzinsen. Auch bei Yu - nus ist die Vergabe von Darlehen an die Gründung von Spargruppen gekoppelt, die von MitarbeiterInnen der Grameen-Bank geschult werden und deren Mitglieder füreinander bürgen. Und letztlich zielt auch das Yu nuskonzept auf die wirtschaftliche und soziale Stärkung 4 I Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013

5 DOSSIER INDIEN von Frauen mit der Perspektive, dass langfristig ganze Gemeinschaften aus dem Armutszirkel ausbrechen. Für die Entwicklung dieses Konzeptes erhielt der Wirtschaftswissenschaftler 2006 den Friedensnobelpreis. Auch an kleinen Krediten lässt sich verdienen Seit der Gründung der Grameen-Bank haben sich die Angebote und Interessen der Kleinkreditgeber gewandelt. In Indien tummeln sich mittlerweile Hunderte kommerzielle Mikrofinanzinstitute (MfI), die erkannt haben, dass sich auch mit Kleinstkrediten gutes Geld machen lässt. Nachdem sich im Herbst 2010 Dutzende ihrer Schuldnerinnen im Bundesstaat Andhra Pradesh das Leben genommen hatten, gerieten nicht nur die unverantwortlich agierenden Darlehensgeber in die Kritik. Selbstmord einer großen Idee titelte zum Beispiel im November 2010 die ZEIT und auch andere Medien stellten das Konzept der Frauenstärkung über Kleinkredite grundsätzlich in Frage. Haftungsgemeinschaften statt Solidargemeinschaften Unser indischer Projektpartner K. Nimmaiah, der das Deccan Development NGOs Network koordiniert, hat die Entwicklungen im Kleinkreditsektor über viele Jahre hinweg beobachtet. Er kennt das Vorgehen der großen indischen Mikrofinanzinstitute bei der massenhaften Vergabe kleiner Darlehen. Deren Kredite seien ebenso wie die von staatlichen Banken einfach zu bekommen. Als Gründe hierfür sieht er neben der Profitorientierung der Finanzinstitute auch Wahlkampftaktik von Politikern und Korruption. Mit der Bereitstellung hoher Subventionen und zinsloser Darlehen gehen diese auf Stimmenfang. Die indische Zentralbank habe zudem bestimmt, dass Banken 40 Prozent ihres Kreditvolumens in den landwirtschaftlichen Sektor geben sollten. Sowohl private Mikrofinanzinstitute als auch staatliche Banken versuchten seither die Vorgaben mithilfe exzessiver Kreditauszahlungen zu erfüllen. So sei das einst von indischen Nichtregierungsorganisationen entwickelte Mikrofinanz konzept von diesen Entwicklungen regelrecht ausgehöhlt worden, beklagt der DDNN-Koordinator. Pervertiert wurde damit auch die Idee einer Solidargemeinschaft von Frauen. Bevor sie Geld vergeben, Das Überangebot an Krediten ermöglichte den Frauen einen souveränen Umgang mit den Rückzahlungspflichten, beschreibt auch die Frauenforscherin Christa Wichterich die Situation nach der Mikrokreditschwemme ( Mikrokredite und die Entdeckung der Frauen, Dez 2012). Sie nahmen mehrere Kredite von mehreren Anbietern gleichzeitig auf ( ). Die wöchentliche Zinseintreibung der Mikrofinanzagenten im Rücken jonglierten sie mit einem komplexen System der Verschuldung und mehreren formellen und informellen Geldquellen gleichzeitig. fordern auch die großen MfI ihre Kreditnehmerinnen auf, sich in Gruppen zusammenzutun. Allerdings zu Zweckgemeinschaften mit dem Ziel, die Zahlungsmoral der Kreditnehmerinnen zu erhalten. Ist eine nicht in der Lage, ihren Kredit mitsamt Zinssätzen von bis zu 40 Prozent zurückzuzahlen, gerät sie unter den Druck der anderen Gruppenmitglieder. Unzählige Frauen sahen sich so gezwungen, mehrere Kredite von mehreren Anbietern gleichzeitig aufzunehmen, um ihren Schuldendienst zu leisten. Sie fanden sich in derselben Schuldenspirale wie bei der alten Schuldknechtschaft bei dörflichen Geldverleihern. Und die Mikrofinanzinstitute vergaben ihre Kredite immer unverantwortlicher. Viele Frauen wählten den Selbstmord, um dieser ausweglosen Lage zu entkommen. Alternative: Genossenschaften per Gesetz Dass der Mikrofinanzsektor sich so sehr zum Negativen gewandelt habe, sei nicht der Idee der Mikrokredite anzulasten, betont auch unser Partner K. Nimmaiah. Durch solidarisches Wirtschaften könne der langfristige Erfolg des Konzeptes sehr wohl gewährleistet werden, so der DDNN-Koordinator. Anders als die profitorientierten Kreditgeber setzt das Deccan Development NGOs Network auf genossenschaftliche Selbstorganisation. Die indische Regierung legte hierfür 1995 den Grundstein, Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013 I 5

6 DOSSIER INDIEN Auch Entscheidungen in der Landwirtschaft werden gemeinsam getroffen Dass Frauen zu bevorzugten Empfängerinnen von Mikrokrediten wurden, verdanken sie ihrer traditionellen Geschlechterrolle, gibt die Frauenforscherin Christa Wichterich zu bedenken. Ihre Erfahrungen in der Organisation des Alltags, der Budgetverwaltung und Regelung des Haushalts, würden auf ihre Kreditwürdigkeit übertragen. indem sie die den Zusammenschluss von Spargruppen zu Genossenschaften und genossenschaftlich verwalteten Banken (MACS) per Gesetz ermöglichte, wenn die Vorgaben kontinuierliches Sparen, gleichberechtigte Überschussbeteiligung, demokratische Organisation und Schulung aller Beteiligten gewährleistet sind. Alle 5 bis 10 Spargruppen eines Dorfes schließen sich hierfür zu einer Dorforganisation zusammen. Die Dorforganisationen von 10 bis 15 Dörfern bilden eine genossenschaftlich verwaltete Bank, an der die Mitglieder durch die Zahlung von 300 Rupien (etwa 4,25 Euro) eigene Geschäftsanteile erwerben. Die Gruppenersparnisse werden auf ein Konto dieser Bank eingezahlt und dienen als Bemessungsgrundlage für eine auf das 3- bis 5- fache der Spareinlagen begrenzte Darlehensgewährung. Die Orientierung an dieser Bemessungsgrundlage soll realistische Rückzahlungsvoraussetzungen schaffen. Begleitung durch kompetente Nichtregierungsorganisationen Auch hier haften die Frauen jeder Spargruppe füreinander, so Nimmaiah. Allerdings werden Erfolg und Solidaritätsempfinden durch die Gestaltung der Programme und ihrer Rahmenbedingungen gewährleistet. Durch eine Verzinsung des Sparguthabens der Gruppen mit 9 Prozent werden Anreize geschaffen, und auch den Darlehenszinsen ist mit 18 Prozent eine fixe Obergrenze gesetzt. Die Finanzdisziplin der DDNN-Spargruppen ist sehr strikt, dafür gibt es durchgehende Beratung und es wird auf kontinuierliches Sparen geachtet. Auch durch die Begrenzung der Kreditsumme unterscheidet sich die Darlehensvergabe von jener der großen Mikrofinanzinstitute, wo Bankangestellte autonom über die Höhe der Kredite entscheiden und so dazu beitragen, dass sich nicht zu bewältigende Schulden anhäufen. Nimmaiah betont auch die Wichtigkeit der Betreuung von Genossenschaftsbanken durch Nichtregierungsorganisationen. Er kenne keine einzige Genossenschaftsbank in Indien, die komplett eigenständig verwaltet sei. Die Beratung und Unterstützung der zum Teil auch analphabetischen Frauen ist aus seiner Erfahrung die einzige Möglichkeit, den Erfolg und die Nachhaltigkeit von Mikrokreditprogrammen zu sichern. Kontinuierliche Beratung und Begleitung von organisierten Frauen und von zu Genossenschaften zusammengeschlossenen Spargruppen ist auch das Erfolgsrezept von DDNN. Seit 1993 konnte das Netzwerk sich mit Kleinkreditprogrammen für Frauen erproben und seit 1995 auf der Grundlage des Gesetzes über die Bildung von Spar-Genossenschaften (MACS) seine Arbeit ausbauen. Heute ist das Netzwerk in der Region so bekannt, dass sich auch andere Organisationen Rat suchend an seine MitarbeiterInnen und den Koordinator K. Nimmaiah wenden, wenn es um die Begleitung von Kleinkreditnehmerinnen geht. 6 I Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013

7 INTERVIEW SIMBABWE Von starken Frauen profitieren auch die Männer Aziza Abemba zur Lage in Simbabwe und zur Basisarbeit mit Frauen ASW: Simbabwes Bevölkerung hat im März per Referendum für eine neue Verfassung gestimmt. Ist das aus Ihrer Sicht ein Schritt zu mehr Demokratie und zu stabileren Verhältnissen in Simbabwe? Aziza Abemba: Das Referendum ist auf jeden Fall ein Erfolg, weil es die drei Parteien MDC-T, MDC-M und ZANU-PF zwingt, miteinander zu reden und zusammenzuarbeiten. Tatsächlich haben alle drei Parteien den ersten Entwurf gemeinsam gestaltet. Schließlich haben sie alle und das finde ich großartig die Öffentlichkeit aufgefordert, zu den Wahlurnen zu ge hen. Auch dass über Wochen täglich in den Medien berichtet wurde und im Fern sehen große Debatten stattfanden, finde ich ganz unglaublich. Jetzt stehen Präsidentschafts- und Parlamentswah len an, obwohl das genaue Datum noch nicht klar ist. Was erwarten Sie, wie werden die Wahlen ausgehen? Politik ist keine Wissenschaft, so dass man das Ergebnis nicht voraussagen kann. Eigentlich will gerade die Opposition noch keine Wahlen, weil die Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen sind. Fest steht, dass die ZANU-PF müde ist und keine Lust mehr auf die gemeinsame Regierung hat. Für die MDCs muss gesagt werden, dass sie bis jetzt kein durchdachtes Wahlprogramm haben. Befürchtet die Bevölkerung, dass es Unregelmäßigkeiten geben wird oder gar Menschenrechtsverletzungen? Bisher äußert sich die Zivilgesellschaft nur marginal bis gar nicht zu den Wahlen. Sie ist eher für einen späteren Aziza Abemba koordiniert das Women s Self Promotion Movement und informierte im Mai 2013 auf Einladung der ASW in verschiedenen deutschen Städten über ihre Arbeit. Links im Bild unser Afrikareferent Michael Franke. als für einen frühen Wahltermin. Denn aktuell hat sich die Wirtschaftslage etwas entspannt, und das ist der gemeinsamen Regierung zu verdanken. Die MDC-T stellt hier den Finanzminister. Die Menschen freuen sich über diesen Aufschwung und sie befürchten, dass es wieder zu Unruhen kommen könnte wie bei den Wahlen In einer großen deutschen entwicklungspolitischen Zeitschrift findet gerade eine interessante Debatte über die Enteignungen weißer Großgrundbesitzer im Jahr 2000 zugunsten von schwarzen Kleinbauern statt. Wie stehen Sie zu dieser Thematik? Am Anfang war diese Fast Track Landreform ein Desaster: Die neuen Bauern kannten sich nicht aus und die Produktion ging zurück. Man sah diese Bilder: Das Land war plötzlich grau und nicht mehr grün. Heute profitieren etliche schwarze Farmer von den Landaneig- Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013 I 7

8 INTERVIEW SIMBABWE nungen. Sie nutzen das Land und bewirtschaften es gut. Einige schwarze Besitzer sind auch von China mit Maschinen unterstützt worden. Diese sogenannte Fast Track Landreform war auch ein Streitpunkt bei der Erarbeitung der neuen Verfassung. Die ZANU-PF hatte Probleme mit allen Punkten, die die weißen Simbabwer positiv darstellten. Schließlich konnte sie sich damit durchsetzen, dass in der Endversion des Verfassungstextes keine Rede mehr ist von der Rückgabe enteigneter Ländereien an die weißen Siedler. Jetzt würden wir gerne zu Ihrer Arbeit kommen. Wie entstand die Idee, WSPM, das Women s Self Promotion Movement, aufzubauen? Schon früh erfuhr ich, was Gewalt ist. Ich wurde in Bukavo im Kongo in eine polygame Familie mit vier Frauen geboren. Alle lebten unter einem Dach. Gerade Frauen in solchen Konstellationen werden häufig Opfer von häuslicher Gewalt. Meine Mutter war die Frau auf Platz zwei und ich war die erste Tochter. Als im Kongo der Krieg begann, gehörten Gewalt und Vergewaltigungen bald zur Tagesordnung. Um mein Überleben zu sichern, floh ich aus dem Kongo und landete später in Simbabwe bekam ich dort den Flüchtlingsstatus. Im Flüchtlingslager in Tongogara lernte ich noch einmal eine neue Form der weiblichen Ausbeutung kennen. Ich erlebte Frauen und Minderjährige, die ihren Körper an Männer verkauften, um sich die Essensration zu sichern. Für mich war das die schlimmste Form der Ausbeutung und ich wollte etwas dagegen unternehmen. So setzte ich mich mit anderen Frauen und einigen Männern zusammen und wir beschlossen, eine Art Bewegung zu gründen. Frauen sollten sich trauen, über ihre Schwierigkeiten zu reden und lernen, sich selbst zu helfen. Sterbt nicht in Stille, munterten wir die Frauen auf. So kam es zum Aufbau von WSPM. Gab es in dieser Zeit, also in den Jahren kurz nach 2000, keine politischen Schwierigkeiten für euch als Organisation? Doch. Die Registrierung unserer Organisation hat sich anfangs als schwierig erwiesen. Es war die Zeit, als allen NGOs unterstellt wurde, dass sie mit der Opposition oder den Weißen zusammenarbeiten. Wir haben uns dann als Trust eintragen lassen, so wie fast alle anderen NGOs auch. Ist es dabei eher von Nachteil oder von Vorteil, dass Sie ein Flüchtling sind? Für mich und für WSPM war es gut, dass ich als Flüchtling keiner politischen Partei nahe stand und daher als neutral angesehen wurde. Am Anfang, als wir ausschließlich im Flüchtlingslager gearbeitet haben, war es egal. Als wir später die Arbeit auf simbabwische Frauen ausgedehnt haben, wurde diese Neutralität zum Vorteil. Wenn ich gefragt wurde, konnte ich sagen: Ich diene der Gemeinschaft, ich mache keine politische Arbeit. Was ist Ihnen vor diesem Hintergrund das Wichtigste in der Arbeit mit Frauen? Wir wollen die Frauen in einem umfassenden Sinn stärken. Viele Frauen hatten die Haltung, auf sich selbst herabzusehen. Am Ende gehen sie selbstbewusst ihren Weg und sagen: Ja, ich kann für mich selbst sprechen. Wie reagieren die Männer auf dieses Empowerment von Frauen? Wir schulen die Frauen so, dass sie auf mögliche Ängste der Männer reagieren können. Männer sollen verstehen, dass Empowerment von Frauen nicht Machtverlust für die Männer bedeutet. Es ist vielmehr eine Win-win Situation für beide Geschlechter. Ist diese Arbeit nicht doch politisch? Natürlich. Wir äußern uns zwar nicht parteipolitisch, aber wir machen uns für Frauenrechte stark und haben zum Beispiel in der Zeit der Verfassungsdebatte viele Frauengruppen zusammengetrommelt. Mit Erfolg: In der neuen Verfassung sind die Frauenrechte gestärkt. Das Interview führte ein ASW-Frauenteam am 30. April 2013 in Berlin 8 I Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013

9 STIMME AUS DEM SÜDEN Marathonläufer für die Unterprivilegierten Mamadou Ndiaye und sein Engagement im Senegal VON ISABEL ARMBRUST UND MICHAEL FRANKE Mamadou Ndiaye ist für unsere senegalesische Partnerorganisation INTERMONDES verantwortlich und für die ASW ein wichtiger Kooperationspartner. Als Kenner der senegalesischen NRO-Szene hat er uns schon oft beratend zur Seite gestanden. Seit 20 Jahren sind wir von seinem großen Einsatz für globale Gerechtigkeit und für eine menschlichere Gesellschaft im Senegal beeindruckt. Das meiste in meinem Leben verdanke ich den ländlichen Produzenten, Bauern und Bäuerinnen sowie Handwerkern in den Städten, sagt Mamadou zu Beginn unseres Gesprächs. In ihre Schule bin ich gegangen, die Schule der Gemeinschaften. Sie haben mir Kenntnisse überlassen, die man nicht von den Eltern bekommt. Der Mann, der heute INTERMONDES leitet und am Aufbau zahlreicher Nichtregierungsorganisationen (NRO) im Senegal beteiligt war, begann sein soziales Engagement im Gesundheitsbereich. Als diplomierter Krankenpfleger in einer köpfigen Gemeinde lernte er schnell die Unterschiede zwischen Medizinwissenschaft und Gesundheit begreifen. Da war ein breiter Graben zwischen dem Wissen, das mir mein Studium vermittelt hatte und dem Wissen der lokalen Bevölkerung. ICH BIN IN DIE SCHULE DER GEMEINSCHAFTEN GEGANGEN Die Krankenstation, in der er gearbeitet habe, war quasi unausgestattet, Medikamente seien eine Rarität gewesen. Ich habe verstanden, dass Gesundheit nicht nur medizinisch zu betrachten ist, sondern stark von Lebensumständen wie Zugang zu Bildung, ausreichender und guter Ernährung und einer sauberen Umwelt beeinflusst wird. Weil die weitere Ausbildung ihm nicht erlaubte, sich gründlicher mit diesen gesellschaftlichen Faktoren zu befassen, habe er beschlossen, ein Studium der Sozialwissenschaften zu beginnen und Sozialarbeiter zu werden. Mamadou Ndiaye ist ein unermüdlicher Erbauer, dem es am Herzen liegt, jeden Tag die Gesellschaft von morgen zu erschaffen Foto: Martin Klein So kam er zu der Nichtregierungsorganisation ENDA GRAF, bei der er 20 Jahre lang die komplexe Realität seiner Gesellschaft kennenlernte. Nebenbei hat er auch am Aufbau von zehn weiteren Organisationen im städtischen und ländlichen Senegal mitgewirkt. Überall ging es im Wesentlichen um folgende Dinge: Probleme mit den lokalen Ressourcen zu lösen, die Zivilgesellschaft zu stärken, die Politik zu kontrollieren und gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen. Noch in den 70er und 80er Jahren hätten die NROs kurzsichtig gehandelt, sich als wohltätig geriert und ein Verhältnis von Rettern und Geretteten aufgebaut. Erst nach und nach habe man den Reichtum der lokalen Initiativen bemerkt. In den 80er und 90er Jahren hätten dann die Gemeinschaften ihren Platz im Prozess der lokalen Entwicklung besetzt. So wurden die Senegalesen zu Akteuren, die an ihrer eigenen Entwicklung mitwirken. Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013 I 9

10 STIMME AUS DEM SÜDEN Ich habe mich in dieser Zeit in die Anliegen der Stadtund Landbevölkerung eingearbeitet und auch eingegriffen, blickt Mamadou zurück. Vor allem gegen das prekäre Leben in den Randgebieten der Städte und die Misshandlung von Kindern und Jugendlichen in zerrissenen Familien habe er etwas tun wollen. Auf dem Land waren der Rückgang der Agrarproduktion und der Bodenfruchtbarkeit die Dinge, die die Menschen beschäftigten. ICH HABE LOKALES WISSEN UND WISSENSCHAFT ZUSAMMENGEBRACHT Um innovative Lösungen zu finden, habe er sich den Problemen schon immer auf verschiedenen Wegen genähert. Ich knüpfe an das Wissen und die Kompetenzen der Gemeinschaften an. Zusammen mit Gruppen von Bauern, Technikern und Forschern führe ich dann das lokale Wissen und das der Wissenschaft zusammen. Die Frage, wo er die Kraft für sein unermüdliches Engagement hernimmt, ist für den geschätzten Mittfünfziger, der die 60 erreicht hat, leicht zu beantworten: Ich habe immer die gesellschaftliche Produktion von Armut vor Augen. Man wird nicht arm geboren, man wird arm! Eine Minderheit entscheidet und eignet sich die Ressourcen an, eine Mehrheit, der es an allem fehlt, nimmt das hin. DER TRAUM VON EINER SOLIDARISCHEN GESELLSCHAFT REGT MEIN ENGAGEMENT TAGTÄGLICH AN Humane oder existentielle Sicherheit könne sich nur in einer solidarischen Gesellschaft mit fundierter Chancengleichheit und gleichen Rechten entwickeln. Ich träume von jener solidarischen Gesellschaft. Das regt mein Engagement jeden Tag an. Und das ist der ganze Sinn meines Engagements. Dass dieses Erbauen der Gesellschaft von morgen die ganze Person fordert, bekommt zuerst seine Familie Mamadou blickt aufgrund einer verkrümmten Wirbelsäule von einer Höhe von eineinhalb Metern auf die Welt. Trotzdem wird er nicht angestarrt und das Handicap ist für ihn auch kein Grund, von anderen abhängig zu sein oder nicht mühelos den Alltag zu bewältigen. Mamadou ist ein Beschützer und Verteidiger von Schwächeren. Mamadou hat gelernt, seine Autonomie weiterzuentwikkeln und zu festigen. Er handelt nicht in Zurückgezogenheit sondern steht mit allem was er tut immer mitten in der der Gemeinschaft. zu spüren. Insbesondere seine Frau stehe ihm dabei in seinem Engagement bei und er verdanke ihr viel. Sie versteht, dass meine Selbstverwirklichung nur durch den Beruf möglich ist. Seine Kinder nimmt er gelegentlich auf die Dörfer mit: So haben sie die Möglichkeit, meine langen Abwesenheiten von zu Hause und meine soziale Mission zu verstehen. Wenn sie mir heute SMS schicken, geben sie mir das Pseudonym Jambar, was der Tapfere heißt. Nach einem besonderen Erfolg in seiner Laufbahn befragt, nennt er die 1996 zusammen mit KollegInnen getroffene Entscheidung, ENDA GRAF zu dezentralisieren und INTERMONDES als eigene NRO aufzubauen. Die Zeit dazu sei reif gewesen, betont er. Wir hatten verschiedene Wirkungsgruppen geschaffen, die in punkto Visionen, Strategien, Kompetenzgebiete und Finanzen auf Autonomie drängten. Heute bin ich stolz, die Herausforderungen der Verselbstständigung angenommen zu haben. INTER- MONDES verfügt über gutes Personal und hohe Kompetenzen. Ein nicht weniger wichtiger Erfolg sei, dass INTER- MONDES etwa zehn der gemeinschaftlichen Organisationen begleitet und in ihren Programmen berät. Diese Gruppen haben alle eine große Nähe zur Gesellschaft, treiben die lokale Entwicklung voran und arbeiten an einer verantwortungsvollen Bürgerschaft mit. Immer wieder betont Mamadou die Notwendigkeit, die Gemeinschaften zu aktivieren und den Menschen an der Basis die Initiative zurückzugeben. Das ist letztlich das Credo seiner Arbeit: Jeder und alle zusammen sollen ihre Entwicklung bestimmen. Indem er das unterstützt, leistet er, Mamdou, seinen Beitrag zur Entstehung von sozialen Bewegungen. 10 I Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013

11 PROJEKTINFO INDIEN Frauen, die ihre Bürgerpflicht wahrnehmen Wie EQUITY Gemeinderätinnen die Arbeit ermöglicht Bitte spenden Sie, damit EQUITY die Frauen auf diesem aussichtsreichen Weg unterstützen kann: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.v. Kennwort: Frauenfonds Indien Kennnummer: 9090 Konto Bank für Sozialwirtschaft BLZ IBAN DE BIC/SWIFT: BFSWDE33BER EQUITY Foundation setzt sich seit 2003 für das Empowerment von Frauen ein und macht Kampagnen gegen die gezielte Abtreibung weiblicher Föten. Ein neuer Arbeitsschwerpunkt ist die Stärkung und Ausbildung von Frauen für politische Ämter auf Gemeindeebene. An der Grenze zu Nepal im sogenannten Hindugürtel liegt der extrem arme Bundesstaat Bihar. Das alte Indien mit strengen Kastenstrukturen, politisch einflussreichen Großgrundbesitzern und einem sehr konservativen Gesellschaftsbild ist hier noch lebendig. Bihars Frauen können das bezeugen: Als Menschen zweiter Klasse sind sie noch stärker der Willkür der Männer ausgesetzt als die Frauen in anderen Landesteilen des Subkontinents. Um dies zu ändern haben sich in der Region um die Landeshauptstadt Patna Frauen und engagierte Männer zusammengetan. Sie wollen über Mitarbeit in gewählten Gemeinderäten Frauen zur ihren Rechten verhelfen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, denn schon seit 1992 sieht die indische Verfassung eine Mitarbeit von Frauen in der Lokalpolitik vor. 33 Prozent der Sitze in Dorfräten sollen eigentlich von Frauen besetzt sein. Sunja Devi wurde vor vier Jahren in Vajipur zur Bürgermeisterin gewählt. Bei einem Treffen von Gemeinderätinnen mit unserem Indienreferenten Detlef Stüber berichtet sie von ihren Schwierigkeiten. Niemand hat mir erklärt, was meine Aufgaben sind. Die anderen Gemeinderäte sind Männer. Anfangs versuchten sich mich einfach zu ignorieren. Wir haben ein Gemeindehaus, dort gibt es aber kein Trinkwasser und keine Toilette. Wenn mir Antragsteller drohen, finde ich keinerlei Zuflucht. Besonders abends ist es für mich sehr gefährlich. Erst habe ich Familienmitglieder zu meinem Schutz mitgenommen, nun halte ich die Versammlungen oft bei mir zuhause ab. Dort ist es für mich einfach sicherer. Viele versuchen ihre Anliegen mit Drohungen durchzusetzen, bestätigt Gita Devi, die Bürgermeisterin einer Nachbargemeinde. Dann gibt es für uns keinen Schutz. Und wo sollen wir dort unsere Notdurft verrichten?, ergänzen andere Dorfrätinnen. Wie sollen wir ohne Fahrgeld und ungeschützt in der Dunkelheit unser Amt wahrnehmen? Dass das Gemeindehaus für sie verschlossen sei, beklagt eine weitere. Von EQUITY erhalten wir jetzt wichtige Tipps und Hilfestellung für unsere schwierige Arbeit, sagt Manchu Devi, die seit Jahren ein Amt hat. Seitdem wir die ersten Erfolge verbuchen können, beginnen viele Widerstände zu schwinden und wir erhalten endlich Anerkennung für unsere Arbeit. In ihrer Gemeinde hat Bina Devi gezeigt, was eine gut informierte Rätin bewirken kann. Seit sie im Amt ist, wurde die ins Dorf führende Straße ausgebessert und die Grundschule neu ausgestattet. Dann hat Bina Devi eine,highschool für Mädchen beantragt und seit kurzem erhalten alte DorfbewohnerInnen, insbesondere Witwen, sogar die ihnen zustehende kleine Rente. Gangja Prasad hat noch keinen Posten. Nach einer Schulung durch EQUITY will sie sich nun für die Gemeinderatswahlen aufstellen lassen. Ich möchte an der Entwicklung unserer Gemeinde mitwirken, gibt sie uns zu verstehen. EQUITY hat den Fokus auf die Frauen gelegt. Von 100 für Schulungen ausgewählten GemeindevertreterInnen sind 70 Frauen und nur 30 Männer. Bei der Stärkung dieser Gruppe sind die EQUITY-Schlagworte Knowledge, Voice und Action. Und tatsächlich hat die Organisation schon etlichen Frauen Wissen und eine Stimme verliehen und sie zum Handeln befähigt. Früher konnten wir uns in unserer Gemeinde nicht frei bewegen. Jetzt nach den Trainings merken wir, dass wir das auch alleine und dabei viel erreichen können, freut sich Jelata Devi. Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013 I 11

12 PROJEKTINFO BRASILIEN Zurück aufs Land Malungu stärkt Schwarzengemeinschaften Vier Stunden braucht die Fähre vom Festland zur Insel Marajó. Dabei überquert man lediglich einen Mündungsarm des Amazonas. Auf Marajó, der Luzia Betânia Alcântara, überall liebevoll Bete genannt, aus der Gemeinde Mangueira, koordiniert die Initiative von Malungu auf Marajó. Ich mache diese Arbeit seit Jahren sehr gerne, aber bei der nächsten Wahl möchte ich nicht mehr kandidieren. Dann sollen mal Jüngere das Ruder übernehmen! Dank der von der ASW seit 2009 geförderten Seminare für Nachwuchskräfte ist Bete davon überzeugt, dass es viele potentielle KandidatInnen gibt. Auf Marajó wächst die Bevölkerung. Viele ziehen aus den Großstädten zurück aufs Land. Die wirtschaftliche Situation hat sich verbessert und hier finden sie die Werte und Traditionen wieder, die in den Städten verloren gegangen sind. Bei der jährlich organisierten Woche des schwarzen Bewusstseins werden diese Traditionen gefeiert. Ohne Malungu wäre dieses Fest nicht möglich, sagt uns Bete. Neue Herausforderungen Malungu ist der Dachverband von Quilombola- Organisationen in Pará und unterstützt 200 im Bundesstaat registrierte Quilombola-Gemeinden bei der Sicherung ihrer Landtitel und bei einer nachhaltigen Entwicklung. größten Flussinsel der Welt, verrichteten zu Zeiten des Kolonialismus viele afrikanische Sklaven die Schwerstarbeit auf den Zuckerrohrplantagen. Ihre Nachfahren leben heute in abgelegenen Dörfern, in Quilombos. Die meisten sind Kleinbauern oder Sammler. Doch das Land, auf dem sie leben und wirtschaften, gehört ihnen nicht. Unsere Partnerorganisation Malungu unterstützt die Gemeinden dabei, die ihnen zustehenden Landtitel zu erwerben und selbstbestimmt zu verwalten. Malungu hat schon viel bewegt Man spürt die Betriebsamkeit und den Aufbruch in den Gemeinden. Malungu hat durch Aufklärung und Fortbildung erreicht, dass die Menschen ihre Rechte kennen und diese gezielt beim Staat einfordern können. Da immer die ganze Gemeinde einen Landtitel erhält, kümmern sich alle gemeinsam um Äcker, Wald und Tiere. Immer öfter sieht man Gemüsegärten, Hühnerprojekte und sogar eine Büffelzucht. Auch traditionelle Fertigkeiten, wie der Bootsbau, die Herstellung von Körben oder der Bau von Häusern aus Naturmaterialien, werden wieder gepflegt und weitergebenen. Trotz der Anerkennung ihrer Landtitel sind die Gemeinden zunehmend von Großprojekten und dem industriellen Ölpalmanbau bedroht. Konzerne und Farmer nehmen sich Ländereien und vertreiben die Quilombolas. Malungu organisiert die Menschen, klärt auf und schreitet ein. Die Quilombolas haben das Recht auf eine erste Anhörung, bevor Großprojekte gestartet werden. Das ist das erste Mal, das ich von diesen Gesetzen höre, sagt der 66jährige Páscoa Alves de Macedo nach einem Seminar. Jetzt können wir nicht mehr so leicht übers Ohr gehauen werden. Bitte unterstützen Sie MALUNGU bei dieser erfolgreichen Arbeit mit Ihrer Spende: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.v. Kennwort: Perspektivenfonds Brasilien Kennnummer: 6001 Konto Bank für Sozialwirtschaft BLZ IBAN DE BIC/SWIFT: BFSWDE33BER 12 I Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013

13 UNSER STANDPUNKT Indiens Adivasi brauchen unsere Solidarität Leben in und von den Wäldern: Frauen der Adivasigemeinschaft der Dongria Kondh VON ISABEL ARMBRUST Als Ende 2006 das indische Parlament den Forest Rights Act verabschiedete, jubelten nicht nur Indiens Indigenenverbände. Auch das ASW-Team freute sich, dass Indiens indigene Adivasi, die im Zentrum unserer Projektarbeit in Indien stehen, eine größere Existenzsicherheit erhielten. Denn das Gesetz erkennt ausdrücklich das Recht dieser Gemeinschaften auf ihre Wälder und deren Ressourcen an. Entwicklungsprojekte, die sich auf die Waldbewohner auswirken, sollten künftig von der Zustimmung der jeweiligen Dorfräte ( Gram Sabhas ) abhängig sein. Diesen letzten Passus hat die Regierung im Februar 2013 wieder gestrichen. Zumindest lineare Infrastrukturprojekte, also Straßen, Kanäle, Pipelines, Stromtrassen und Fiberglasleitungen sollen wieder ohne die Zustimmung der Betroffenen möglich werden. Damit hat die Regierung Investoren das Tor zu indigenen Gebieten und so zur Zerstörung der Adivasigemeinschaften noch weiter geöffnet: Wenn einmal Schneisen für Straßen oder Stromleitungen geschlagen sind, werden auch andere Projekte nicht auf sich warten lassen. Wir, die ASW, haben nichts dagegen, wenn die seit 2012 schwächelnde indische Wirtschaft wieder in Fahrt gebracht wird. Wir denken nur, dass das weder auf Kos ten der Umwelt noch auf Kosten der ohnehin benachteiligten Bevölkerungsgruppen geschehen sollte. Landraub im Namen von Entwicklung gehörte schon in den vergangenen 10 Jahren zu den hässlichen Seiten des vielbejubelten indischen Wirtschaftsbooms. Und schon in jenen besseren Zeiten von Shining India bekam die ländliche Mehrheit der indischen Gesellschaft rund 700 Millionen, zu denen auch die 90 Millionen Indigenen zählen nichts von den Segnungen des Wirtschaftswachstums ab. Warum, so fragen wir, sollten sich diese benachteiligten Gruppen damit abfinden, dass sie weiterhin nichts bekommen, aber immer mehr bezahlen? Für uns jedenfalls ist ausgemacht, dass wir uns mit allen unseren Möglichkeiten auf die Seite dieser Entrechteten stellen und ihre Proteste unterstützen werden. Ohne Zivilgesellschaft keine Frauenrechte VON DETLEF STÜBER Das Gesetz gegen häusliche Gewalt von 2006 gilt als Meilenstein in der Stärkung der Frauenrechte in Indien. Es wurde von der Frauenbewegung hart erkämpft und hat, so sehen es unsere Partnergruppen in Indien, ein Bewusstsein für die Allgegenwart sexistischer Gewalt in den Familien geschaffen. Dass zurzeit in Indien immer mehr Menschen Flagge zeigen gegen die Benachteiligung von Frauen könnte mit dieser wichtigen Vorarbeit zu tun haben, die indische Frauennetzwerke hier geleistet haben. Justiz und Verwaltung allerdings setzen das Gesetz zu schleppend um, so das CWS auf einer Zusammenkunft von ASW-Partnergruppen im Dezember letzten Jahres. Hier ist noch viel Sensibilisierungsarbeit zu lei- sten. Außerdem gäbe es längst nicht genug Protection officers, die im Namen der Frauen Regelungen mit Ehemännern und Schwiegerfamilien treffen und Einigungsvorschläge aushandeln. Weil der Staat es nicht schaffe, diese Lücken zu füllen, müssten private NGOs solche Beratungsarbeit übernehmen. Wie immer in Indien kommt gesellschaftliche Veränderung nur durch Druck der Zivilgesellschaft zustande. Letztlich müssten die reformfreudigen Kräfte in der indischen Regierung diesen Gruppen danken, dass sie gegen den Widerstand träger und korrupter Verwaltungen gute Gesetze zur Umsetzung bringen. Wir als ASW ziehen schon seit Langem den Hut vor den aktiven indischen Frauennetzwerken. Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013 I 13

14 WELTNACHBAR WELTNACHBAR Zu Gast bei Freunden im Senegal Bei unserer Spenderreise 2006 in den Senegal lernte der Lehrer Martin Klein die ASW-Partnerorganisationen ASA- FODEB und INTERMONDES kennen und wurde zu einem begeisterten Unterstützer. Seither pflegen er sowie eini - ge KollegInnen und SchülerInnen seiner Johann-Michael- Sailer-Schule in Ingolstadt Kontakt zu beiden Initiativen. Im Folgenden berichtet Martin Klein vom jüngsten Besuch der senegalesischen Freunde: In Dakar besuchten wir die kleine Schule im Stadteil Medina Gounass und trafen Cheik Thiam, den Leiter der Schule, wieder. Inzwischen ist die Zu der kleinen Gruppe aus Ingolstadt gehörte diesmal auch die 17 jährige Schülerin Anna, die ihre Eindrücke per Brief an ihren Lehrer übermittelt hat. Liebe Frau Klein, lieber Herr Klein, ich möchte mich nochmal ganz, ganz herzlich für die wunderschöne Reise bedanken. Ich durfte so viel Beeindruckendes, Schönes, Faszinierendes, Neues sehen, und wie schon nach unserer Südafrikareise würde ich gerne wieder zurück nach Afrika. Und jetzt weiß ich, dass ich da sicher nach dem Abi hin will, und habe ein Ziel, auf das ich hinarbeiten kann, auf das ich mich freuen kann, und für das es sich lohnt zu lernen. (Den Wolof-Führer hab ich schon!) Jetzt hab ich einen Traum, mit dem vor Augen es bestimmt leichter fällt, das letzte Oberstufenjahr noch hinter mich zu bringen, und meine vielen Freiheiten und Möglichkeiten hier zu genießen. Die Einstellung und Lebensweise der Menschen hat mich sehr beeindruckt, und ich möchte das auch nicht so schnell vergessen und hier wieder in die typisch gelangweilte, lustlose deutsche Lebensweise zurückfallen, wo keiner in die Schule will, und keiner lernen will. Danke für die Chance, das Land so kennenzulernen! Anna, Schule ausgebaut und alle Räume werden genutzt. Im Erdgeschoss sind die Kinder einquartiert und im ersten Stockwerk die Jugendlichen, die hier ihren Schulabschluss ablegen und einen Beruf erlernen können. In neu angelegten Minigärten auf dem Dach lernen die Kinder und Jugendlichen die Pflege der Pflanzen, die Herstellung von Humus und den sparsamen Umgang mit Wasser. Mamadou Ndiaye führte uns auch zu einer Färberei in der Nachbarschaft der Schule. Ein junger Mann hat die Bedeutung biologischer Farben für den Umweltschutz erkannt. Mit großer Konsequenz verfolgt er sein Konzept, und wir halten seine Initiative in Medina Gounass für absolut unterstützenswert! WELTNACHBAR sein ASW-Partnerinnen von ASAFODEB besucht und unterstützt aus Ingolstadt An den folgenden Tagen waren wir in Thiès bei ASAFODEB zu Gast und trafen dort mit Madame Seck, Mohamed Seck und Fatima Diéye alte Bekannte. Vom Cercle Litteraire wurden wir eingeladen, an einer Abendveranstaltung der 6. Semaine culturelle teilzunehmen. Im Cercle kommen Jugendliche in der alten Bibliothek im Stadtbezirk Thially zusammen, um zu lernen, sich auf Prüfungen vorzubereiten und um mit pädagogischer und sozialer Arbeit die Lebenssituation in ihrer Stadt zu verbessern. Zum Abschluss fuhren wir mit Mamadou in die Landwirtschaftsschule nach Bagana. Hier zeigten uns die meist jungen Leute, wie sie Pflanzen effektiv anbauen, wie biologische Düngung funktioniert und wie Baumpflege und Kleintierhaltung mit Gartenbau verbunden werden können. Am Nachmittag trafen wir uns mit den Vertretern des Dorfes. Der Tag endete mit dem Besuch der Schule und des Gesundheitshauses in Bagana. WELTNACHBARN leben oft weit auseinander und fühlen sich doch einander nah. Sie begegnen sich auf Augenhöhe und mit Wertschätzung. Sie leben eine solidarische Welt und übernehmen Verantwortung für eine global gerechte Zukunft. Gemeinsam mit vielen Menschen leben wir diese Weltnachbarschaft. Hier berichten wir über sie. Werden Sie Weltnachbar. Engagieren Sie sich für die ASW, werden Sie Fördermitglied oder schreiben Sie uns von Ihren Aktionen und Ihrem Engagement für die ASW. Wir freuen uns. oder I Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013

15 WELTNACHBAR Klimagerechtigkeit Jetzt! Hört auf die Menschen, nicht auf die Verschmutzer! Diesem Motto folgen die ehrenamtlichen ASW-Mitarbeiter Jan Erler und Falk Springer bei ihrem Engagement für die Initiative Klimagerechtigkeit Jetzt!. Diese bringt Klima- Bündnisse der Berliner Stadtbezirke mit den indigenen Völkern der Regenwälder voran. Jan Erler: Gerechter Klimaschutz heißt für mich, vom naturangepassten Wirtschaften der RegenwaldbewohnerInnen zu lernen, meinen Lebensstil radikal neu zu denken und Gewohnheiten zu verändern. Falk Springer: Im Frühjahr habe ich eine Community am Rio Tapajos besucht. Aus Maniok angebaut im intakten Regenwald - haben wir Tapioka und aus schonend gewonnenem Kautschuk Latex selbst herstellt. Wer sieht, wie schnell die Zerstörung des Regenwaldes am Amazonas voranschreitet und die Existenz der Menschen, die am Fluss leben, bedroht, begreift den Satz Listen to the people, not the polluters! Jan Erler (links) und Falk Springer (rechts) engagieren sich gegen die Abholzung des Regenwalds Aziza Abemba begeisterte Kaum hatte Aziza Abemba das Wort ergriffen, hingen die ZuhörerInnen wie gebannt an ihren Lippen. Fast 30 Personen waren Ende April in das Evangelische Frauenbegegnungszentrum EVA in Frankfurt gekommen, um unsere Projektpartnerin und Gründerin der simbabwischen Frauenorganisation Women s Self-Promotion Movement (WSPM) Aziza Abemba live zu erleben. Die Feministin und Menschenrechtsaktivistin berichtete von Frauen in Simbabwe, die mit Hilfe der ASW ein eigenes Kleinunternehmen aufbauen konnten. Denn nur durch die Selbstständigkeit, so ihre Überzeugung, werden Frauen unabhängig und selbstbewusst. Mit ihrem lebhaften Vortrag überzeugte Aziza Abemba vom 26. April bis 09. Mai 2013 bundesweit in sechs Städten, allein in Dortmund 150 Schüler im Kulturhaus Taranta Babu und in Hamburg zahlreiche Besucher des Kirchentags. Die PartnerInnenreise mit Aziza Abemba wäre ohne die Unterstützung unserer beiden Regionalgruppen in Frankfurt und Dortmund sowie weiterer Ehrenamtlicher nicht möglich gewesen. Sie sorgten für Unterkunft und Wohlergehen unseres Gastes und leisteten eine großartige Arbeit bei der Vorbereitung der Abendveranstaltungen. Ein Zeugnis echter Weltnachbarschaft, wie wir finden, das Vorbild für Nachahmer sein kann. Falls auch Sie gerne bei unseren PartnerInnnereisen aktiv werden wollen, dann sprechen Sie uns an: oder Gelebte Weltnachbarschaft Materiell habe ich alles, was ich brauche also braucht ihr euch wirklich nicht den Kopf zu zerbrechen wegen eines Geschenks. Wer will, kann aber gern in die bereit stehende Box einen Spenden-Umschlag zugunsten der ASW e.v. werfen. Mit diesen Worten lud unser langjähriger Unterstützer und Spender Gerold Fix aus dem Allgäu im Mai zu seinem runden Geburtstag ein. Die Gäste kamen zahlreich und bescherten ihm einen wunderschönen und lustigen Abend. Eine besondere Bescherung gab es anschließend für die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt. Denn es kamen fast 600 Euro an Spenden zusammen. Auf die Frage, warum er die ASW mit einer Anlassspende unterstützen möchte, meinte Gerold Fix zu seinen Gästen: Mir gefällt besonders an ihr, dass sie ausschließlich Projekte unterstützt, die von einheimischen PartnerInnen geleitet und durchgeführt werden (die ASW war darin bundesweit der Vorreiter). Wir sagen herzlichen Dank und freuen uns sehr über diese tolle Initiative gelebter Weltnachbarschaft. Solidarische Welt Nr. 222, Juni 2013 I 15

16 Vertriebsstelle Solidarische Welt, Potsdamer Straße 89, Berlin, Postvertriebsstück, Entgelt bezahlt IMPRESSUM Herausgeberin: Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.v. ASW, Potsdamer Straße 89, Berlin, Telefon: 030/ , Fax: 030/ , Erscheinungsweise vierteljährlich: Der Verkaufspreis der Zeitschrift ist für Mitglieder im Mitgliedsbeitrag enthalten. Jahresabonnement 10 Euro. Redaktion: Isabel Armbrust (Redaktionsleitung), Marek Burmeister, Sonja Finkbeiner, Michael Franke, Lisa Loeper, Anett Pohl, Detlef Stüber, Imke-Friederike Tiemann, Silke Tribukait, Tobias Zollenkopf Am aktuellen Heft wirkten außerdem mit: Jan Erler, Janike Minde, Lisa Schröder Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder der Herausgeberin wieder. Grafik: Natalie Friedinger, Berlin Ulrike Kleine/Grips medien GmbH&Co.KG Bildnachweis: ASW (falls nicht anders angegeben) Druck: Oktoberdruck AG, Berlin Gedruckt auf 100% Recyclingpapier Die Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt e.v. (ASW) wurde 1957 gegründet. Sie ist von Parteien, Kirchen und anderen Organisationen unabhängig. Die ASW fördert auf Spendenbasis Projekte in Indien, Afrika und Brasilien, die von den Betroffenen selbst initiiert und getragen werden: z.b. Selbsthilfegruppen von Landlosen, Umweltbewegungen und Frauengruppen. Ein Schwerpunkt der ASW liegt in der Bildungs - arbeit. Für eine Welt, die zusammenhält

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