Bulletin des Schweizerischen Unterstützungskomitees für die Sahraouis. Menschenrechte keine Aufgabe für MINURSO!

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1 Nr. 115 Juni 2010 Erscheint 4 x jährlich Bulletin des Schweizerischen Unterstützungskomitees für die Sahraouis Menschenrechte keine Aufgabe für MINURSO!

2 EDITORIAL UNO kein erweiterter Auftrag für MINURSO! Am 6. April hat der UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon seinen alljährlichen Bericht zur Lage in der Westsahara und zur Arbeit der MINURSO vor dem Sicherheitsrat vorgestellt. Darauf wurde von verschiedenen Ländern insbesondere von Mexiko verlangt, dass der Auftrag der MINURSO erweitert würde. Bisher hatte die MINURSO nur die Aufgabe, die Einhaltung des Waffenstillstandes zu kontrollieren und das Referendum vorzubereiten das spätestens im Februar 1992 hätte stattfinden sollen! Mit dem Beginn der gewaltfreien Protestaktionen im Mai 2005 und der daraufhin zunehmenden willkürlichen Verhaftungen, Misshandlungen und Deportationen von Privatpersonen durch die marokkanische Besatzungsmacht in den besetzten Gebieten, wurden die Stimmen von Nicht-Regierungsorganisationen und verschiedenen Ländern aus Afrika und Lateinamerika immer lauter, die verlangten, dass die MINURSO auch für die Einhaltung der Menschenrechte in den besetzten Gebieten sorgen müsse. So kam es diesmal zu heftigen Kontroversen unter den Mitgliedern des Sicherheitsrates. Als am 30. April die Resolution des Sicherheitsrates zur Westsahara veröffentlicht wurde, war allen klar, dass einmal mehr die Freunde Marokkos allen voran Frankreich gewonnen hatten: Die MINURSO soll auch weiterhin nicht für die Einhaltung der Menschenrechte in der Westsahara sorgen. Dies ist das «Verdienst» Frankreichs, das Marokko entgegen allen internationalen Prinzipien in dessen Besetzungspolitik voll unterstützt. Abdeslam Omar Lahsen, der Präsident von AFAPREDESA, der sahraouischen Menschenrechts-Organisation der Verschwundenen und deren Angehörigen, hat darauf seine Empörung und seine tiefe Enttäuschung in einem offenen Brief an das französische Volk ausgedrückt. Nachdem Israel Anfang Juni die Schiffe europäischer Hilfswerke, welche humanitäre Hilfsgüter in den Gaza-Streifen bringen wollten, in den internationalen Gewässern vor seiner Küste gestürmt und dabei neun Friedensaktivisten erschossen hatte, kam es nicht nur europaweit zu Protesten, sondern auch die israelische Friedensbewegung organisierte Protestmärsche und israelische Intellektuelle verurteilten die Aktion und forderten die Aufhebung der Blockade von Gaza sowie Rechte für das palästinensische Volk. Proteste und Forderungen wie wir sie von marokkanischen Intellektuellen zugunsten der Sahraouis noch nie gehört haben! Wenn ich bei irgendeiner Fee einen Wunsch offen hätte, wünschte ich mir endlich einen Zusammenschluss liberaler Marokkanerinnen und Marokkaner, eine marokkanische Friedensbewegung, die lauthals in marokkanischen Zeitungen und auf der Strasse! das Recht auf Selbstbestimmung für das sahraouische Volk fordern! Elisabeth Bäschlin Für UNO-Resolutionen: 2

3 Offener Brief an das französische Volk Mit grosser Bestürzung und höchstem Erstaunen haben wir zur Kenntnis genommen, dass die französische Regierung sich vehement gewehrt hatte gegen jeden Einschluss von Menschenrechten in der Resolution, die der Sicherheitsrat am 30. April angenommen hat. Das Schlimmste ist, dass Frankreich das einzige Land im Sicherheitsrat war, das sich mit einer solchen Leidenschaft gegen einen Einschluss wehrte. Unsere Entrüstung ist umso grösser, da dieses Verhalten von jenem Land kommt, das in der ganzen Welt als Wiege der Menschenrechte gilt. Ein sahraouisches Sprichwort sagt: «Wenn die Schreie von den Hügeln kommen, woher kann dann die Rettung kommen?» Bei wem Hilfe holen, wenn das Land, von dem in erster Linie die Verteidigung der Menschenrechte erwartet wird, das der bedeutendste Förderer internationaler Abkommen zu Menschenrechten ist, einem friedlichen Volk, das nichts anderes fordert als Freiheit, Demokratie und die Respektierung der Menschenrechte, den Rücken kehrt? Welche andere Wahl lässt man dem sahraouischen Volk, das täglich unter dem Joch leidet? Es ist offensichtlich: Das offizielle Frankreich ist das grösste Hindernis für einen Frieden in der Westsahara. Die französische Regierung hat eben das sahraouische Volk der einfachen Überwachung der Menschenrechte durch die Mission der Vereinten Nationen für ein Referendum in der Westsahara (MINURSO) beraubt. Unglaublich, aber wahr: Das Land, das als Wiege der Menschenrechte gilt, stellt sich gegen die Menschenrechte! Wer hätte das gedacht? Wir hoffen, mit unserem Nachbarn im Norden bald in Frieden leben zu können und mit ihm unsere gegenseitigen Ressourcen teilen zu können im Interesse von Wohlfahrt und Wohlbefinden für unsere beiden Bruderländer. Dies wird aber nicht möglich sein, solange Frankreich das Königreich Marokko in seinem kolonialen Vorhaben unterstützt und weiterhin Hindernisse für einen Frieden aufbaut. Mit Hochachtung Abdeslam Omar Lahsen Flüchtlingslager, 1. Mai 2010 Präsident AFAPREDESA Protestaktion in Strassburg: Jugendliche aus Deutschland, Frankreich und der Sahara 3

4 Jahresbericht 2009 Die zwei Aufgaben, die sich das SUKS vor Jahren gesetzt hat, Projektarbeit in den Flüchtlingslagern und Öffentlichkeitsarbeit in der Schweiz zum Problem um die Westsahara, widerspiegeln sich auch in der vorliegenden Jahresrechnung. Projektarbeit Auf Wunsch von Zeïn und seinem Team, den Verantwortlichen der Jugendzentren in Smara, unterstützten wir im Jahr 2009 vor allem die Sommeraktivitäten der UJSario. Im Sommer kommt jeweils eine grosse Zahl Jugendlicher, die in Algerien, Libyen, Syrien, Kuba oder Spanien das Gymnasium besuchen oder studieren, nach Hause in die Ferien zu ihren Familien. Es ist für die UJSario sehr wichtig, mit diesen jungen Leuten etwas unternehmen zu können und sie wieder in die sahraouische Kultur und Gesellschaft einzubetten, mit sportlichen und kulturellen Aktivitäten aller Art oder Ausflügen in die befreiten Gebiete. Für die eigene Identität dieser jungen Leute, die das ganze Jahr über weit weg von zu Hause und teils in einer ganz anderen Kultur leben, ist dies ausserordentlich wichtig. Neben der nachholenden Ausbildungsarbeit (Computer-, Sprach- und Nähkurse) Dieses Jahr haben nun aber drei weitere Gruppen zu arbeiten begonnen, die eine verarbeitet ebenfalls Gerste, die beiden andern stellen Couscous her. Verantwortlich vor Ort für die Betreuung der Produktionsgruppen sind zwei junge sahraouische Ökonominnen, Nasrouha und Fatimetou, die in Algerien ihren Studienabschluss gemacht haben. Das Projekt gibt ihnen die Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln zu dem, was sie an der Universität theoretisch gelernt haben. Auf diese Weise werden im Projekt sahraouische Frauen nicht nur auf der Ebene der Produktion, sondern auch auf derjenigen des Managements gefördert. Couscous- Herstellung und dem Bildungsangebot (Vorträge zu Recht, Gesellschaft, Ethik usw.) in den Jugendzentren wird es in der aktuellen Situation der Lager immer wichtiger, auch Einkommens-Möglichkeiten zu fördern. Dazu dient das Projekt der Produktionsgruppen, das die Tessiner Organisation NoWomanNoLife zusammen mit dem SUKS aufgebaut hat. Gruppen von jungen Frauen können Kleinkredite erhalten, um sich ein kleines Unternehmen aufzubauen. Ein erstes Unternehmen zur Gersteverarbeitung arbeitet mit Erfolg; die Frauen haben ihr Unternehmen bereits «diversifiziert» und verkaufen nun auch Pausenbrote für die SchülerInnen der nahen Schule. Näherinnen hingegen haben in den Lagern Schwierigkeiten mit dem Absatz, da sie mit den tiefen Preisen der Kleider aus China(!) nicht konkurrenzieren können; die beiden bisherigen Nähgruppen haben daher aufgegeben. 4

5 Jahresrechnung 2009 AUFWAND Projekte in Flüchtlingslagern Jugendzentren Smara NoWomenNoLife Produktionsgruppen Projektreisen in Lager Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit Sahara-Info Polisario Genf Polisario Europa, Brüssel EuCoCo / Europ. Koordination 827 Projektbegleitung Präsidium Aktionsfonds Homepage Administration Büromiete Personalaufwand Verwaltungsaufwand (u. a. Revision) diverser Betriebsaufwand 345 Übriger Aufwand Total Aufwand ERTRAG Spenden und Beiträge Übrige Erträge 646 Total Ertrag JAHRESERFOLG Gewinn FONDSRECHNUNG Bestand Fondszuwachs Total Fondsbestand Die Jahresrechnung 2009 wurde geprüft und für korrekt befunden. Aeschlen, 23. März 2010 Kurt W. Zbinden, Betriebsberatung 5

6 Durch die Projektbesuche, die wir zweimal pro Jahr durchführen, haben wir einen regelmässigen direkten Kontakt mit unseren PartnerInnen und können die Entwicklung der Projekte und die gute Arbeit vor Ort hautnah miterleben, die trotz dem materiellen Mangel in den Lagern täglich geleistet wird. Wir nehmen uns bewusst Zeit für Gespräche, für Ideenaustausch und Diskussionen über auftauchende Probleme etwas, was wir uns als kleines Freiwilligen-Hilfswerk leisten können. Oft wird erst in solch informellen Gesprächen klar, wo Bedürfnisse vorhanden sind und wo die MitarbeiterInnen gelegentlich mit wenig Aufwand unterstützt werden können. So habe ich den Verantwortlichen der lokalen Jugendzentren gezeigt, wie sie ein einfaches Kassenbüchlein führen können. Die jungen Frauen waren sehr stolz auf ihr neues Wissen und haben sofort begriffen, dass ihnen dies auch in der Familie von Nutzen sein könnte. Wir werden diese Art von Unterstützung in Zukunft bewusst weiterführen, denn gerade im Administrativbereich, im Verfassen von Projektprogrammen, Berichten und Rapporten sind viele Unsicherheiten vorhanden. Das Atelier Gartenbau hat letztes Jahr mit einem sehr guten Erfolg abgeschlossen. Sieben junge Leute hatten unter Mithilfe des Landwirtschaftsexperten Taleb neben ihrem Haus einen Garten angelegt und ein Plastikgewächshaus aufgebaut. Im Winter, der Vegetationszeit in der Sahara, konnten sie dann Tomaten, Bohnen, Erbsen, Zwiebeln, Auberginen, Peperoni, Rüebli, Randen und Petersilie ernten. Stolz präsentierten die verschiedenen GärtnerInnen ihre Ernte! Nun werden sie das Gärtnern selbständig weiterführen. Und Taleb würde gerne dieses Jahr mit einer neuen Gruppe einen Garten aufbauen, sofern wir das Geld finden. Öffentlichkeitsarbeit Das Problem um die Westsahara ist politisch, ebenso die Lösung des Konflikts! Daher ist es wichtig, immer wieder auf die Situation der Sahraouis aufmerksam zu machen und darauf hin zu arbeiten, dass dieses Volk endlich über sein Zukunft selber bestimmen darf. Das SUKS gibt daher viermal pro Jahr das Infoblatt Sahara-Info heraus und verteilt Flugblätter an diversen Standaktionen und Veranstaltungen. Wir unterstützen aber auch die Arbeit der Polisario, in Genf bei der UNO, insbesondere beim Flüchtlingswerk UNHCR und beim Rat für Menschenrechte, wo Polisario-VertreterInnen auch aus den besetzten Gebieten über die marokkanische Repression informieren. Ganz besonders wichtig ist die Informationsarbeit der Polisario in Brüssel beim Europäischen Parlament; diese Arbeit wird ebenfalls von uns unterstützt. Das Ziel des SUKS ist schliesslich die Lösung des Konfliktes und dazu braucht es regelmässige Informationen, damit das sahraouische Volk nicht vergessen wird. Für den Vorstand des SUKS: Elisabeth Bäschlin 6

7 Nomaden und Landwirtschaft «Ein echter, stolzer Nomade nimmt nie eine Hacke in die Hand!» ein Bild, das viele Leute in Europa im Kopf haben. Dieser Ausspruch gibt die Haltung der Touareg wieder, der vermutlich am meisten erforschten Nomaden der Sahara, entspricht aber nicht der Haltung der Sahraouis. Es gibt zwar durchaus gewisse Ähnlichkeiten zwischen den beiden Nomadengruppen der Touareg und der Mauren (Sahraouis), doch ihre Haltung zu Getreideanbau und Bodenbearbeitung ist sehr verschieden. Die maurischen Nomaden betrieben seit jeher eine Art «Gunst-Landwirtschaft», das heisst, wenn die Situation günstig war, haben sie Getreide gesät und später geerntet, wie der Sahraoui Salek Ould Rahal ( ) berichtete: Wir ernährten uns von den Kamelen, von Milch, Getreide und Wild, das es damals viel gab. Das war vor der Flucht. Getreide wird nur im Wad Sagiya angebaut. Wenn es regnet, kann man hier in jedem Wad Getreide anbauen. Trafen sich mehrere Leute, z.b. im Wad Sagiya, so teilten sie die Erde unter sich auf, jeder bekam ein Stück. Nach der Aussaat setzte man einen Wächter (al- assas) ein. Er bekam als Lohn einen Teil der Ernte. Die anderen gingen ihren unterschiedlichen Tätigkeiten nach, bis das Getreide reif war. Dann kamen sie, ernteten das Getreide und brachten es in eine Speichergrube (matmura). Sie nahmen, was sie brauchten, füllten es in Säcke und liessen den Rest bis zum nächsten Jahr im Speicher. In: Simurgh/Kulturzeitschrift, Heft 5, 2009: 51 Auch im Buch Zeltgeschichten aus der Westsahara, 1995 vom SUKS herausgegeben und leider vergriffen, sind Berichte zur Landwirtschaft zu finden. So erzählt Barka Ould Bouzeid: Unsere Wirtschaftführung ist auf das ganze Jahr ausgerichtet und wird Jahr für Jahr geplant. Ursprünglich beschränkte sie sich auf Viehwirtschaft und Getreideanbau. Die natürlichen Gegebenheiten unseres Bodens sind so, dass wir uns, sobald es geregnet hat, mit ganzer Kraft um den Ackerbau kümmern müssen. Wir müssen die Felder bewirtschaften, wann immer es möglich ist. (S.60) In: Zeltgeschichten aus der Westsahara, dtv Auf diesem kulturellen Hintergrund ist ein Atelier Gartenbau in den Lagern doppelt sinnvoll. Elisabeth Bäschlin 7

8 Musik-CDs Mariem Hassan Con Leyoad cantos de las mujeres saharauis Musik aus der Westsahara Medej cantos antiguos saharauis: Mariem Hassan et al. Arabische Spiritualsongs A Pesar De Las Heridas: Cantos de las mujeres saharauis Western Sahara Westerdahl: Remixes of traditional Saharaui music NEU CD SHOUKA (Der Stachel) Mariem Hassan Diese neuen Lieder sind Ausdruck von Mariams enger Verbindung mit der Azawan-Kultur der Wüste, ihrer kulturellen Wurzel. NEU Kartenspiel «Mauerquartett» Kramladen Das Material kann beim SUKS bestellt werden. Wir danken im Namen der Sahraouis herzlich für Ihre Spenden und Ihre treue Unterstützung. Beides haben die Sahraouis bitter nötig! IMPRESSUM Herausgeber SUKS / Schweizerisches Unterstützungskomitee für die Sahraouis, Postfach 8205, 3001 Bern Büro SUKS: Tel (wird umgeleitet) PC IBAN: CH BIC: POFICHBEXXX Auflage Nr. 115: 2800 Expl. Abo: Fr. 2. / Jahr; der Betrag wird von Ihren Spenden einmalig abgezogen Redaktion: Elisabeth Bäschlin Fotos: Elisabeth Bäschlin, zvg Druck: Schenker Druck AG Versand: Band-Genossenschaft Täglich neue Informationen zur Westsahara unter

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