16. Dezember 2006 Am Lago Verde im PN Los Alerces / Argentinien S 42 43'006 / W

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1 16. Dezember 2006 Am Lago Verde im PN Los Alerces / Argentinien S 42 43'006 / W Es regnet. Nein, eigentlich regnet es nicht. Es schüttet. Seit gestern Nachmittag entleert die graue Wolkenmasse ihre nasse Fracht über uns. Wir sind zwar noch in Argentinien und diesseits der Andenkette, aber nur noch rund 150 Kilometer Luftlinie vom Pazifik entfernt, der uns mit dem Regen schon einmal eine klare Botschaft schickt, was wir in den nächsten zwei Wochen zu erwarten haben, wenn wir in Chile die Carretera Austral befahren wollen. Die Strasse (einst geplant zur völligen Strassenanbindung der chilenischen Territorien auf Feuerland geplant) wurde jedoch nie fertig gestellt. Zu unwegsam ist der Weg, zu unwirtlich das Wetter. Im Süden Chiles befindet sich der einzige kalte Regenwald der Welt. Was das heissen wird. Wald, Regen und Kälte können wir aber schon hier im PN Los Alerces erahnen. So sitzen wir im Auto, erledigen einige Arbeiten am Computer (Adressen nachtragen, Fotos aufladen und auf DVD für zu Hause brennen, Homepage bearbeiten, Weihnachtsmail schreiben), wickeln uns in warme Decken und werfen die Dieselstandheizung an, die uns gleich in mehrfacher Hinsicht nutzt. Neben der Warmluft können wir das Gebläse gleichzeitig noch als Wäschetrockner nutzen und einen Wäschehaufen nach dem anderen von den Lüftungsausgang legen. Aufgrund des schlechten Wetters sind wir weitgehend an den Wagen gebunden und sitzen auf der faulen Haut herum. Zwar hat es auf dem Camping noch einen schützenden Unterstand, bei Feuchtigkeit und Wind ist es im Wagen jedoch etwas gemütlicher. So richtig gemütlich wie in einem grossen Wohnmobil ist es bei uns natürlich nicht. Um im Toyota zu zwei bei Regen zurecht zu kommen, müssen wir unsere alten Knochen entrosten und eine jogaähnliche Geschmeidigkeit entwickeln. Alleine der Gang zur Toilette entwickelt sich so zum bühnenreifen Artistikeinlage. Zunächst muss dazu die Hecktüre geöffnet werden. Da der Türgriff innen auf der kleinen Hecktüre recht weit aussen liegt, braucht es dazu einen sehr langen Arm. Wenn ich die Nase an der Heckscheibe platt drücke und die Finger an den Campingstühlen vorbeischmuggle, bekomme ich die Türe sogar auf, ohne den Tisch, auf dem der Laptop steht wegzuräumen. Ist das Heck erst einmal offen, müssen nur noch die Gummistiefel angezogen werden und der Schirm unter dem schützenden Tisch herausgezogen werden. Dann kann es losgehen. Nur stehen die Gummistiefel da gross und dreckig natürlich nicht im Wagen, sondern unter dem Wagen. Zu weit um von innen (auch auf dem Bauch liegend) nach ihnen greifen zu können. Abhilfe leisten die Badelatschen, mit denen die Heckstossstange und die Trittstufe bewältigt werden. Da die Badelatschen draussen aber natürlich nass sind, müssen zunächst die Socken ausgezogen werden. Schlangenartig um den Tisch herumgeschlängelt kann ich den Fuss dann in eine Badelatsche bugsieren und mich am Türrahmen aus der angegossenen Sitzposition herausziehen. Kaum auf ebener Erde angekommen, müssen dann nur die Füsse getrocknet, die Socken wieder angezogen und die Gummistiefel übergestülpt werden. Es versteht sich, dass der Gang zum WC bei dem Procedere nicht in letzter Minute erfolgen darf. Der Einstieg ist dann ein Spiegelbild des Ausstiegs, wobei ich mich nur noch kurz unter den Tisch hocken muss, um die Badeschlappen für das nächste Mal in Position zu bringen. 31

2 Joly hat zum Ausstieg eine andere Übung zu absolvieren. Sie sitzt hinter dem Tisch und kann nicht über oder unter ihm hindurch kommen. So bleibt ihr zum Ausstieg nur der Weg über den Fahrersitz. Also mit minimalsten Bewegungen (Vorsicht Ellbogen nicht anschlagen) auf der Stelle gedreht, zwischen den Vordersitzen nach vorne gekrabbelt und über den Fahrersitz (auf den Beifahrersitz und dem entsprechenden Fussraum liegt alles Gepäck, was wir gerade bei Seite räumen müssen) geht es nach draussen. Die Gummistiefel liegen freilich unter dem Wagenheck. So, für heute reicht es. Standheizung wieder an und ab nach oben ins flauschig warme Bett. Hoffen wir, dass diese Schlechtwetterfront ein baldiges Ende hat. 20. Dezember 2006 Im PN Queulat am Gletscher Ventisquiero / Chile S 44 28'172 / W Regnete es in Argentinien? Von hier aus betrachtet erlebten wir im PN Los Alerces nur leicht angefeuchtete Luft. Hier im südlichen Chile, auf der Carretera Austral regnet es. Hier kann der Fachmann lernen, was es bedeutet, im Regen zu stehen. Regen kann fallen, plätschern, senkrecht, waagerecht oder auch von unten kommen; er kann brutal sein und ins Gesicht peitschen, aber auch fast wohlig warm nieseln, ja er kann sogar wenn er einem zeigen will, was eine Naturgewalt ist - einen Menschen regelrecht an den Boden drücken. Und das alles binnen einer Stunde. Also, hier im Süden Chiles regnet es. Das Land säuft ab. Zwar sagen die Einheimischen, dass das Wetter derzeit aussergewöhnlich schlecht sei, 4'000 mm (!) Niederschlag im Jahr pro Quadratmeter sprechen aber schon rein statistisch eine klare Sprache. Dass aber nahezu jede Aufhellung fehlt, eine Minute Sonne von uns nahezu frenetisch gefeiert wird, das hätten wir nun wirklich nicht erwartet. Zumindest hält die Ausrüstung bislang durch. Hubdach und Zelt erweisen sich bislang als wasserdicht und wenn es im Wagen mit all den Regensachen einmal zu feucht wird, können wir mit der Standheizung schnell Abhilfe schaffen. Ganz anders haben da die Reisenden zu Fuss oder auch auf dem Fahrrad zu kämpfen, die sich ebenfalls in diese äussere Ecke der Welt vorwagen. Aber so hat sich wohl niemand den Traum von Patagonien vorgestellt. Tagsüber eingepackt in Regenjacke und Hose und ab dem Nachmittag eingepackt in den (hoffentlich noch trockenen) Schlafsack im Zelt wegen der Kälte (morgens ist es hier trotz der direkten Nähe zum Meer kaum über 7 warm). Überhaupt: vorgestellt. Was haben wir nicht für Erwartungen an den reichen Nachbarn Chile gehabt. Während Argentinien nach der Wirtschaftskrise 2001 von allen anderen angrenzenden Ländern mitleidig belächelt wird, trumpfen diese mit solidem Wirtschaftsgang und robuster Konjunktur auf. Goldene Zeiten allerseits. Sollte man meinen. Dann kam der chilenische Grenzort Futalefue. Vorweg müssen wir jedoch anmerken, dass bei allen Grenzübertritten in Lateinamerika sich weniger der Zoll als das Gesundheits- und Landwirtschaftsministerium für ein Fahrzeug und die Reisenden interessiert. Während uns Polizei (90 Tage Aufenthaltserlaubnis) und Zoll (90 Tage Fahrzeugtransit) nur beiläufig betrachteten, nimmt die Landwirtschaftskontrolle seine Aufgabe an der Grenze todernst. Kein Witz. Auch die letzte Tomate, eine verirrte Orange und andere Gemüse und Fruchtsorten werden von strenger Hand im Plastiksack abgeführt. Fleisch und Milcherzeugnissen würde es ebenso gehen. Hätten wir sie nicht vorher wohlweislich verzehrt oder sorgfältig versteckt. Aufgrund des vorhandenen Mangels an frischen Lebensmitteln suchen wir also unsere Grenzübergänge so aus, dass wir möglichst bald in eine grössere Stadt kommen, wo wir Geld wechseln und einkaufen können. Also Futalefue. Ein Ort mit immerhin 5'000 Seelen. Ein Ort am Ende der Welt. Wir sind recht fassungslos, als wir durch den Ort fahren, der eher den Eindruck Yukon nach dem Goldrausch als Stadt von heute auf uns macht. Ganz anders noch der 32

3 Grenzort Trevelin auf der armen argentinischen Seite, wo es sogar ein (zwar langsames) Internetcafe gab. Aber immer hin. In Futalefue gibt es auf den ersten Blick: nichts. Einfache Holzhäuser entlang ungeteerter Strassen. Viele verfallen, verriegelt und vernagelt. Ein kleiner Supermarkt ist auszumachen. Das Angebot bescheiden. Ein paar Konserven, kein Brot, keine (geniessbaren) frischen Sachen. Aber zunächst einmal zur Bank. Die ist auch schnell gefunden. Quasi im Zentrum des Ortes an einer Ecke der Hauptstrasse. Das Gebäude entspricht in seinem flachen Blockhausstil allen anderen Gebäuden der Umgebung und ist nur durch ein kleines Schild als Bank die einzige im Ort zu erkennen. Leider verfügt die Banco del Estado über keinen Geldautomaten. Der nächste befindet sich 60 Kilometer zurück im (armen) Argentinien. In Chile ist der nächste Geldautomat 150 Kilometer entfernt. Erst an der Küste in einem der grösseren Orte soll es etwas geben. Für Tankstellen gilt übrigens das gleiche, was uns rätseln lässt, wo die ganzen Chilenen ihre Fahrzeuge auftanken. Doch hoffentlich nicht beim armen Nachbarn. Aber zurück zur Banco del Estado. Plastikgeld geht nicht. Traveller-Check verbietet sich (USD 12 Gebühr auf USD 100 Reisescheck). Also Bargeld. Aber nur US-Dollar etwas anderes wird nicht getauscht. Das aber zumindest ohne Gebühren und zu einem fairen Kurs. Am Schalter steht eine kleine Schlange und so habe ich Zeit mich in der Bank etwas umzusehen. Diese entspricht nur entfernt unseren Erwartungen eines marmornen Geldpalastes. Das Interieur besteht aus Pressspanplatten. Weiss übertüncht, mit vielfarbigen Wasserflecken durchsetzt. Eine Heizung scheint es nicht zu geben. Im Gebäude herrschen die gleichen lausigen 12 wie vor der Türe. Die Wände bieten somit vornehmlich einen Windschutz. Gewöhnungsbedürftig ist auch der Fernseher in der Ecke der Schalterhalle, der mit voller Lautstärke auf sein Programm aufmerksam macht. Das Fernsehen in Chile scheint dabei eine billige Kopie des nicht eben qualitativ sehr hoch stehenden italienischen Programms zu sein. Langbeinige Blondinen (gibt es die überhaupt in Natura in dem Andenstaat?) führen Wella-Föhnfrisur schwenkend durch irgendwelche Game-Shows. Es wird viel gelacht und noch mehr werden Produkte präsentiert, die man oder frau haben muss. Neben dem Fernseher steht dann die Werbetafel, die für einen günstigen Kleinkredit bei der Bank wirbt. Immobilienhypotheken werden wohl auch gerne gegeben. Werbung: 100% Finanzierung. Tja, das Land boomt. Auch wenn man es nicht sieht. Vielleicht sind wir aber auch nur in der falschen Ecke von Chile. Dieser Teil des Landes, erst durch die Carretera Austral (einer Arbeitsbeschaffungsmassnahme unter Pinochet) für Fahrzeuge erschlossen, ist auch heute noch vom Rest der Welt abgeschieden. Kein Wunder, ist dieser Lebensstrang doch zumeist einspurig und auch nur geschottert. In ganz so schlechtem Zustand, wie uns berichtet worden war, ist sie aber zum Glück nicht. Und selbst bei Dauerregen gut zu befahren. Womit wir wieder beim Thema dieses Reiseberichtes wären. Regen. Was macht der verfrorene Reisende gegen ein solches Wetter? Warm duschen. Und nachdem wir die vergangene Nacht abseits der Strasse mangels alternative wild verbracht hatten, suchten wir uns für heute einen Campingplatz mit heisser Dusche aus. Heisse Dusche hiess es zumindest auf den Tafeln am Eingang. Wobei wir natürlich wissen, dass vom Versprechen einer heissen Dusche bis zu einer heissen Dusche oftmals gröbere Hürden genommen werden müssen. Heute aber war bemerkenswert. Eineinhalb Stunden warm chilenisch Duschen. Der Parkranger hatte uns zum Glück instruiert, wie wir den Gasboiler selber anwerfen können. Denn bei so wenigen Gästen auf dem Platz (neben uns noch 3 Tramper) lohnt sich der Aufwand nicht, selbst zum anfeuern zu kommen. 33

4 Ohne Duschsachen gehe ich also nun zum Badehäuschen (Zustand: na ja ) und werfe wir angegeben den gasbetriebenen Durchlauferhitzer an. Das gelingt bereits im ersten Anlauf! Gas ist zur genüge vorhanden. Also Joly geholt (Platz zum ablegen der Kleider gab es leider keinen, so dass wir abwechselnd Kleiderständer spielen mussten) und ab unter die Dusche. Die heisse Dusche blieb aber leider aus. Also Unterhose wieder an, raus zum Durchlauferhitzer auf der Rückseite des Gebäudes. Gashahn ist offen. Wasserhahn auf. Zündflamme brennt. Prima, sollte doch gehen. Aber nichts tut sich. Nach einigem hin und herprobieren finde ich endlich heraus, was die Ursache ist. Der Wasserdruck ist zu niedrig, um die Hauptgaszufuhr zu öffnen. Klasse. Können die keinen altbackenen Kanonenofen hier haben? Verfroren also wieder rein in das Badehaus und angezogen. Einige Hundert Meter weiter soll es ja noch eine zweite Sanitäranlage geben. Nach einiger Sucherei finden wir die auch. Leider in erbärmlichem und nicht mehr zu gebrauchendem Zustand. Sollte das Wetter die Besucher doch fernhalten? Also zurück zu ersten Dusche. Wieder Versuche, wieder kein Erfolg. Zurück zum Wagen: Werkzeug holen. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht hinbekommen. Das Ventil, welches den Druck reguliert finde ich dann schon im zweiten Anlauf. Also etwas weiter aufgedreht. Wasser marsch und wumm der ganze Gasbrenner brutzelt wie gewünscht vor sich hin und produziert warmes Wasser. Heiss ist von der Ausgangstemperatur des Gletscherwassers auch nicht zu erwarten. Kaum stehe ich unter der Dusche. War es das mit dem warmen Wassersegen. Also wieder raus, das Ventil wieder etwas nachjustiert. Und noch mal und noch mal. So langsam leidet da dann doch die Moral. Der Triumph, es dann schliesslich nach eineinhalb Stunden Mühsal drei Minuten unters warme Wasser geschafft zu haben, vermiese ich mir dann noch selber, als mir das frische Badetuch auf den versumpften Boden des Bades fällt Das sind dann so Momente, wo man sich viele Fragen stellt. Was das so alles soll. Derzeit können wir uns aber noch blendend mit dem Gedanken aufbauen, zum Glück nicht mit dem Fahrrad hier zu sein. Standheizung an, einen kleinen Kaffee gemacht, ein paar leckere Teilchen aus dem letzten Ort herausgekramt und alles ist wieder gut. Sofern morgen endlich mal ein regenfreier Tag ist. 34

5 23. Dezember 2006 In einem geheizten Cabana in Coyhaique / Chile S 45 34'266 / W Der Regen hat Pause. Nicht dass das Wetter endlich besser geworden wäre. Im Gegenteil. Nachdem sich die vom Himmel stürzenden Wassermassen in den vergangenen 48 Stunden zu einer Sintflut verdichtet hatten und auch die Temperaturen kaum mehr nördlich von 8 Celsius anzutreffen waren, haben wir die Flucht weiter in den Süden angetreten und eine Unterkunft mit festem Dach und Heizung aufgesucht. Rund 100 Kilometer vor der in der Region grössten Stadt Coyhaique endet dann der einspurige Schotterweg, der in seinen schönsten Passagen den Urwaldpisten Zentralafrikas glich, und mündet zunächst in eine 40 Kilometer lange Baustelle um schliesslich einer komfortablen Teerstrasse Platz zu machen. Mit der besseren Strasse ändert sich leider auch gleich das Landschaftsbild. Der weiter nördlich noch dichte Regenwald ist entlang der Strasse vollständig gerodet. Über Kilometer hinweg liegen noch halb verbrannte, halb bereits verfaulte Baumriesen auf den grünen Wiesen, die jedoch nur wenige Rinder oder Schafe ernähren können. Zumindest scheint der Raubbau an der Natur gestoppt. Vielerorts fordern Hinweisschilder die Menschen auf, die Natur zu respektieren. Auch deutet der fortgeschrittene Zerfallsprozess der Baumstämme darauf hin, dass schon über viele Jahre hinweg kein neues Farmland mehr dem Wald entrissen wurde. Coyhaique erstaunt uns schon vom fernen Blick herab von der Passstrasse, die in den Ort führt. Die Dimension der Stadt lässt uns staunen. Knapp 40'000 Einwohner sollen hier laut Reiseführer leben. Die flächenmässige Ausdehnung, mehr aber noch die Dichte der Banken (ganze 9 verschiedene Gesellschaften tummeln sich im Zentrum) und das ausufernde Angebot der Supermärkte vermittelt den Eindruck einer deutlich grösseren Stadt. Reiseberichte verfassen und nach Hause senden (im Wagen und im Cabana) Einen Tag vor Weihnachten bebt natürlich die Shopping-Meile in der Innenstadt. Mit ohrenbetäubender Musik (wenig weihnachtsverdächtig) versuchen die Geschäfte Besucher anzulocken. Es wird mit vollen Händen gekauft. Bekleidung, Elektronikartikel, Spielsachen und Autozubehör. Woher die Menschen ihr gutes Einkommen beziehen, ist nicht ganz auszumachen. Zwar gibt es in der Nähe der Stadt einige Minen, doch werden diese nicht alle Einwohner der Stadt beschäftigen, zumal ein Grossteil der Häuser einen eher ärmlichen Eindruck macht. Was jedoch auffällt ist das allgegenwärtige 35

6 Kreditangebot. Alle Banken werben mit Kleinkrediten, alle Konsumartikel können in kleinsten Monatsraten abgestottert werden. Ganz so weit wie in Brasilien, wo schon T-Shirts zu 5 Franken in 12 Monatsraten bezahlt werden können, geht es in Chile aber zumindest nicht. 29. Dezember 2006 Auf der Estancia Telken an der Ruta 40 / Argentinien S 46 48'835 / W Vom Regen in die Traufe. So heisst es sprichwörtlich. Was auf Südamerika jedoch nur bedingt zutrifft. Zwischen Chile und Argentinien im Süden des Kontinentes zu wählen heisst, Wasser oder Wind, Regen oder Sturm. Beides ein Wetter, welches zum campen nicht gerade einlädt. Als hätten wir es gewusst, endet die Regenpause in Chile mit der Abgabe unseres Cabanas in Coyhaique. Kaum sind wir wenige Kilometer aus der Stadt nach Süden heraus, setzt ein leichter Sprühregen ein. Bis zum PN Cerro Castillo verdichtet sich der Niederschlag dann wieder in Schirm- und Regenjackenwetter. Zumindest kommen wir in dem Nationalpark auf einem schönen Campsite mit Regendach und warmer Dusche unter, wofür wir dankbar sind. Das Campsite ist klimatisch günstig gelegen. Nur wenige Kilometer weiter zum Cerro Castillo hin (einem festungsähnlichen, zerklüfteten Berg von gut 2'500 Meter Höhe) fliegt uns der Regen bereits wieder von allen Seiten um die Ohren. Von Wolken und Nebelschwaden verhüllt, können wir nur die Umrisse des Berges erahnen. Die zu erkennenden Klippen und Zacken des Berges beeindrucken aber auch so. Erneute verjüngt sich die Carretera Austral zu einem einspurigen Schotterweg und führt uns durch eine faszinierende Landschaft. Unser Ziel ist der leuchtend blaue Lago General Carrera. Laut Reiseführer herrscht hier ein bevorzugtes Klima. Geschützt durch den massiven San Rafael Gletscher im Westen sollen hier 300 Tage Sonnenschein im Jahr herrschen. Nach unserem Besuch vermuten wir, dass diese Statistik eher vom örtlichen Tourismusverband als vom Wetterdienst verfasst wurde Es regnet also weiter. Auch die Suche nach einem geeigneten Nachtplatz gestaltet sich schwieriger als vermutet. Der erste der im Reiseführer verzeichneten Campingplätze ist nicht mehr existent. Der Anbieter hat auf ein nobleres Ambiente umgerüstet und bietet nur noch Lodge-Unterkünfte mit Halbpension an. Vermutlich unbezahlbar. Am Eingang zum zweiten Stellplatz steht eine junge Frau mit ihren Kindern und winkt uns, dass wir halten sollen. Ich verstehe kaum ein Wort, was sie will. Aber sie hat wohl ein Problem mit ihrem Wagen und braucht dringend Hilfe. Anscheinend wartet sie hier schon seit Stunden. Wir folgen ihr also auf einen kleinen Feldweg. Unsere Fahrt endet jedoch unvermittelt an einem steilen Hang. Der Boden ist völlig aufgeweicht, die Fahrspur schlammig, zerfahren und mit Zweigen und Ästen belegt. Am Ende des Hangs stehen ihr Mann und der älteste Sohn, die versuchen, ihren Pick-up den Hang hinauf zu bekommen. Ohne Chance. Bereits in der ersten Steigung drehen die Räder durch und der Wagen schmiert zur Seite. Hinab werden wir diesen Hang aber auf keinen Fall fahren. Trotz Allrad und Differentialsperren zweifle ich, ob wir da wieder rauf kommen werden. Auch dieser Camping scheidet für uns aus. Zunächst muss nun aber der gestrandeten Familie geholfen werden. Wir packen die Abschleppgurte aus, die mit gut 20 Metern aber kaum die Hälfte der Distanz reichen. Für den Rest hat der junge Chilene noch eigene Abschleppseile. Diese sind zwar kaum dicker als ein Finger. Aber etwas anderes gibt es nicht. Der erste Anlauf trägt ihn rund 10 Meter den Hügel hinauf, dann reisst eines der dünnen Seile. Die Strecke ist aber weit genug, das dünnste Seil nun doppelt zu nehmen. Damit ist auch bereits die grösste Hürde der Bergung genommen und eine halbe Stunde später stehen beide Fahrzeuge wieder auf der Hauptpiste. Völlig erschöpft aber sehr glücklich bedankt sich das Ehepaar für unser Weihnachtsgeschenk überschwänglich und geht mit etlichen Stunden Verspätung auf die Heimreise nach Coyhaique. 36

7 Auch für uns ist es nun spät geworden, um einen Nachtplatz zu finden. Bis kurz nach 10 Uhr ist es zwar hell am Abend, aber ein weiterer Campingplatz lässt sich am See nicht finden. Die Region ist bereits ausschliesslich auf hochpreisigen Tourismus ausgerichtet. Auch verhindert der stets links und rechts der Piste verlaufende Zaun, dass wir uns in die Büsche schlagen können. Wie wir dann endlich einen Platz abseits der Piste finden, beginnt es wieder heftig zu regnen. Nicht gerade sehr gerecht Das Wetter jagt uns weiter. So lassen wir den südlichsten Punkt der Carretera Austral aus und flüchten in Richtung Argentinien. Auf der spektakulären Piste entlang der Südseite des Lago General Carrera kommt uns dann ein holländischer Radfahrer entgegen, der uns einen schönen Fleck zur Übernachtung kurz vor der Grenze empfiehlt. Der PN Lago Jeinimeni ist ein 50 Kilometerabstecher über eine kleine Piste in die Berge bei Chile Chico (alle Achtung vor dem Radfahrer, so etwas als Abstecher zu fahren). Und endlich klart auch das Wetter auf. Statt Regen setzt nun aber Wind ein. Erst in Böen, dann heftiger, schliesslich stürmisch mit Orkanböen. So suchen wir unseren Nachtplatz ausschliesslich nach dem Kriterium des Windschutzes, was trotz dichtem Wald ein schwieriges Unterfangen durch die Höhe des Hubdaches ist. Eine kleine Wiese, direkt neben einem seichten Tümpel erweist sich als ideal. Hier bleiben wir! Das ist ein Platz, wo wir einmal einige Tage verweilen können. Zumindest bis zum nächsten Morgen, als die nächste Regenfront uns davon scheucht. Es reicht uns mit Chile. Wir gehen zurück nach Argentinien und haben bereits nach rund 20 Minuten alle Grenzformalitäten erledigt. Staunen. Kein Blick in den Wagen. Keine Fragen wegen Gemüse oder Obst. So darf es immer sein. Bis Perito Moreno, der grössten Stadt in der Gegend sind es 60 Kilometer, die eine neue Strasse ebnet. Endlich auf glattem Asphalt dahinschwebend, fällt mir erst spät auf, dass wir gar keine Geräusche mehr im Wagen haben. Kein Gerüttel und Vibrieren, kein Gewackel und Gerappel. Und auch keine Windgeräusche! Mit gut 70 km/h schiebt der Wind von hinten und nimmt dem Motor alle Kühlluft. Mit dem Abzweig auf die Ruta 40 nach Süden bekomme ich dann alle Gewalt des Windes in der Lenkung zu spüren. Immer wieder will uns der Wind von der Spur pressen. Auf freier Fläche kann die Beifahrertüre ohne Hilfe von aussen kaum mehr geöffnet werden. So gross ist der Winddruck. Die Böen stürmen ohne Unterlass über das Land. Darauf zu hoffen, dass der nächste Windstoss der letzte sein wird, geben wir schon bald auf. Hier herrscht ein Wind, den wir von zu Hause nicht kennen. Vielleicht nur vom Orkan Lothar vor wenigen Jahren. Aber nicht nur für einige Minuten. Sondern für Stunden. Unablässig. In der Nacht, am Morgen, am Tag und besonders am Nachmittag, wenn die Temperaturunterschiede von dies und jenseits der Anden am grössten sind. Die Naturgewalt Patagoniens, der Wind hat uns fest im Griff. Zuflucht finden wir in der Estancia Telken. Einer Oase in der gleichförmigen Steppe. Gespeist aus einer Quelle, konnten in einem Tal einige Bäume Fuss fassen. Boden genug, dass sich vor zwei Generationen ein holländisch-neuseeländisches Ehepaar hier niederliess und eine Farm gründete. Zu unserem Glück bieten die Nachkommen der Gründer (ein bereits betagtes Ehepaar) ein kleines Campsite an, wo wir neben einem hervorragenden Windschutz auch weitere Annehmlichkeiten finden. Endlich ein Platz, an dem wir auch einmal länger bleiben können! Zumal der Himmel blau und die Temperaturen wieder angenehm sind. 37

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