Erklärung von München

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1 Erklärung von München Die Weltwirtschaft und Finanzmärkte erlangen durch die Digitalisierung eine neue Dynamik, die ihre Wertschöpfung, Branchenkompetenzen und Arbeitsleistungen grundlegend verändern. Das hier vorliegende Papier fasst als Münchner Erklärung die wesentlichen Erkenntnisse zusammen, über die sich rund 30 ausgewählte Finanzmarktteilnehmer des ACI aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Rahmen eines mehrtägigen Think Tanks in München ausgetauscht haben. Impulse für die Zukunftsperspektive leisteten an dem Treffen im März 2015 vier Experten aus Trendforschung, E Commerce, Politik und digitaler Wirtschaft. Der ACI (The Financial Markets Association) ist ein weltweit anerkannter Verbund der Währungsspezialisten. Anders als ein Lobbyverband setzt sich der ACI aus Einzelpersonen zusammen, die nicht die Interessen ihrer jeweiligen Bankhäuser vertreten, sondern an der Entwicklung des weltweiten Devisenhandels gestaltgebend mitwirken. So liegt z.b. innerhalb der Aus und Weiterbildung der Berufsgruppe der Zins und Devisenhändler ein Schwerpunkt in der Definition und Einhaltung des Model Code als Selbstverpflichtung zu fairem Handel. Der ACI setzt sich zum Ziel, notwendige Veränderungsprozesse bei Banken und ihren Stakeholdern anzustoßen, um die Gestaltungsspielräume und Berufsbilder der Finanzmarktteilnehmer neu auszuloten und zukunftsfähig anzupassen. Die digitale Transformation auf der Agenda Die Digitalisierung als die stärkste Umwälzungskraft gilt unter den ACI Mitgliedern als unbestritten. Insbesondere im globalen Devisenhandel, wo bereits zwei von drei Transaktionen völlig automatisiert erfolgen, ist man mit den Vor wie auch Nachteilen der digitalen Infrastruktur auf der Marktseite vertraut. Umso unzeitgemäßer erscheinen den Finanzmarktteilnehmern die noch klassisch verhaftete Arbeitsweise in der Organisation und die limitierten Schnittstellen zum Kunden. Längst müssten die bankinternen Abstimmungs und Kundenprozesse hinsichtlich Agilität, Effizienz und Qualität den digitalen Anforderungen angepasst werden. Überholte Arbeitsstrukturen verhindern die interne Erneuerung Sowohl die steigenden Kundenanforderungen als auch die zunehmende Automatisierung verlangen von den künftigen Wissensarbeitern eine hohe Flexibilität und Innovationskraft. Wenn der Algorithmus das Tagesgeschäft erledigt, bleiben für die Teams Sonderaufträge, Speziallösungen, Trouble Shooting und Interaktionen mit den Kunden. Für diese komplexen Aufgaben müssen kleine Task Forces aufgestellt werden, innerhalb derer die Mitarbeiter nahezu autonom Lösungen entwickeln können. Dies erfordert ein flexibles Management unterschiedlicher Kompetenzen. Die Berufsanfänger, die der ACI ausbildet, sind inzwischen Digital Natives, die es gewohnt sind, ihre Kompetenzen lösungsorientiert und vernetzt einzusetzen. Doch in den Banken werden sie von monotonen Abteilungsroutinen, angstbesetzten Kommunikationsrichtlinien und überzogenen 1

2 Firewalls ausgebremst. Das ist fatal, denn der Digital Native denkt bereits wie der Bankkunde von morgen und könnte den internen Transformationsprozess beschleunigen. Der Druck für die digitale Transformation kommt von außen Den nötigen Veränderungsdruck sehen die ACI Mitglieder eher von außen auf die Finanzinstitute einwirken: Gemeint sind hier nicht die operativen Restriktionen durch Regularien, sondern ökonomischer Druck, erzeugt durch neue digitale Wettbewerber, die über Plattformen und Datenanalysen kundenzentrierter und agiler am Markt operieren können, als es eine Bank mit ihren rechtlichen und sicherheitstechnischen Auflagen leisten kann. Digitale Marktteilnehmer, die Kundendaten via Mobiltelefon, Suchmaschine, Netzwerk oder Handelsplattform sammeln, gewinnen aus der Nähe zum Kunden ihren Wertschöpfungsvorsprung. Birgit Gebhardt, Trendexpertin zur vernetzten Arbeitskultur Digitale Wettbewerber ziehen Bankkunden auf ihre Plattformen Die digitalen Marktteilnehmer generieren ihre Wertschöpfung direkt an den Kundenschnittstellen, indem sie für die umfangreich gewonnenen Daten das kundenindividuell beste Angebot aus dem globalen Angebot zusammenstellen. Dadurch, dass der vernetzte Anbieter den direkten Draht zu den Kunden hat, kann er deren Interessen skalieren und somit für seine Kunden zusätzliche Vorteile bei seinen Geschäftspartnern heraushandeln. Die Kundenanzahl und Bindung ist für die digitalen Geschäftsmodelle wichtiger als der Erlös der Kunden. Denn je valider die Kenntnis über die individuellen Kundenbedürfnisse, umso höher die Wahrscheinlichkeit dieses Wissen monetarisieren zu können. Die Vernetzung verändert die Wettbewerbslandschaft grundlegend. Dank Big Data kann der Handel signifikante Margensteigerungen erzielen. Dr. Lars Finger, Direktor E Commerce Competence Center der Otto Group Interessant sind diese Angebote vor allem für eine neue Generation medienaffiner Kunden, die sich breiter informieren und zu Interessensgemeinschaften vernetzen, um sich persönliche Vorteile zu sichern. Selbst wenn die Banken in jüngster Zeit alles richtig gemacht hätten, gilt die Loyalität der Digital Natives eher der Social Community Plattform, die ihre Interessen vertritt, als dem Finanzdienstleister, der das Produkt liefert. Die komplexen und kostspieligen Aufgaben verbleiben bei den Banken Die Think Tank Teilnehmer des ACI befürchten, dass auch den Währungsspezialisten der Abgriff ihrer Kunden durch branchenfremde Plattformen droht und ihnen eine neue Rolle als B2B Dienstleister zugewiesen wird. Wertschöpfungsbeispiele der Think Tank Experten untermauerten die Strategie, wonach die digitalen Marktteilnehmer nur die gewinnträchtigen Schnittstellen direkt am Kunden übernehmen. Die in Bezug auf Know How, Sicherheit und Rechtspolitik komplexen und schwierigen Aufgaben verblieben also bei der Bank, die sich als Zulieferer für Produkte und Services einem erbitterten Wettkampf mit ihren branchennahen Konkurrenten stellen müsste. Die klassische Wertschöpfung der Finanzinstitute wäre damit am Ende. 2

3 Sie haben innerhalb Ihrer Organisation gar keinen direkten Kundenkontakt. Den haben nur Ihre Vertriebsleute. Dr. Sebastian Herfurth, Gründer und Geschäftsführer von Friendsurance Innerhalb einer digitalen Wertschöpfung hätte auch der Devisenhandel das Problem, dass die Forderung nach mehr kundenindividuellem Service einen erheblichen Zusatzaufwand nötig macht, dem deutlich weniger Ertragsmöglichkeiten und ein erhöhter Wettbewerb gegenüberstehen. Zusätzlich schränken die Auflagen der Regulatoren die Spielräume der individuellen Produktentwicklung stark ein und erschweren eine Differenzierung der Angebote. Der ACI möchte in absehbare Entwicklungen gestaltgebend einwirken Die deutschen, österreichischen und schweizerischen ACI Mitglieder des Münchner Think Tanks halten daher die Anpassung des Devisenhandels an die digitalen Geschäftsmodelle, im Sinne einer kundenzentrierten Wertschöpfung, für überlebenswichtig. Auch für die Währungsspezialisten besteht dringender Handlungsbedarf, um den direkten Kontakt zum Kunden nicht an digitale Wettbewerber zu verlieren. Zentrales Anliegen ist die Anpassung der Regularien für das digitale Wirtschaften Während Banken und Regulatoren nicht immer optimal zusammenarbeiten, müssten sie nach der Logik des vernetzten Wirtschaftens ihre gemeinsamen Interessen erkennen und dafür eine Win Win Situation herbeiführen. Ihr gemeinsames Ziel, die Banken in ein faires und digital kompatibles Wirtschaften zu überführen, hat einen gemeinsamen Fokus: Den Kunden, der zum einen in seinen Interessen geschützt und zum anderen nach seinen Interessen bedient werden will. Folglich müssen Regulatoren wie Devisenhändler sich neu verständigen, um die Nähe zum Kunden über dessen individuelle Daten herstellen zu können. Gelingt diese Verständigung, wäre der Start und Angelpunkt die Kundenzentrierung als wichtigste Prämisse für das neue Wirtschaften gelegt. BU: Die Erneuerung der Bankenwirtschaft hängt am Data Management. Die unterschiedlichen Einwirkungen seitens Regulierungen und digitaler Wertschöpfung treffen sich bei der automatisierten Datenübermittlung und der Generierung individueller Kundenprofile. Diese gilt es jetzt für das künftige Wirtschaften gemeinsam nutzbar zu machen. 3

4 Zukunftsfähige Rahmenbedingungen gemeinsam gestalten Die Mitglieder des ACI Think Tanks aus Deutschland, Österreich und der Schweiz möchten daher partnerschaftliche Gespräche zu einer zukunftsfähigen Rahmengestaltung anregen. Der ACI sieht sich der Zukunft des Zins und Devisenhandels verpflichtet und als Banken übergreifende Institution auch als geeignet, um mit allen involvierten Anspruchsgruppen Gespräche zu den Chancen und Risiken der digitalen Transformation zu führen. Inhalt der Gespräche wäre ein Verständnis über Interessen, Werte und Ziele der involvierten Beteiligten mit der Hoffnung, darauf zukunftsfähige Win Win Situationen als Basis für einen fairen, vernetzten und ökonomisch tragfähigen Handel zu konzipieren. Es gilt, gemeinsam neue zukunftsfähige, verbindliche und messbare Ziele für die Banken zu formulieren, die Stabilität, Transparenz, Kundenschutz und individuelle Beratungskompetenz sichern und so neues Systemvertrauen schaffen. Dr. Klaus Tschütscher, Alt Regierungschef Fürstentum Liechtenstein Günstige Voraussetzungen zur Gesprächsaufnahme Mit dem Code of Conduct als der Selbstverpflichtung der ACI Mitglieder zu ethisch korrektem Verhalten an den Finanzmärkten verfügt der ACI bereits über eine selbst auferlegtes Commitment, das ihn als Diskussionspartner qualifiziert, um die künftigen Rahmenbedingungen für Rechte, Werte und Daten gemeinschaftlich zu sondieren und an neuen Fragestellungen zeitgemäß zu justieren. Die vielfältigen Aspekte, Entwicklungen und Vorstellungen, die der ACI zusammen mit Experten zu zukunfts wie konsensfähigen Handlungsempfehlungen verdichten möchte, will der Berufsverband gleichzeitig nutzen, um auch seine eigene Ausrichtung und inhaltlichen Angebote zu überprüfen und ggf. zu erneuern. Die Gespräche dürften auch für das vielschichtige Ausbildungsangebot des ACI eine konstruktive Bedeutung haben. Gerade die Berufseinsteiger erlebt der ACI mit einem neuen Selbstverständnis, das sie nicht nur als Finanzmarktteilnehmer oder ACI Mitglied definiert, sondern ihr Wertempfinden auch in der Rolle als Kunde oder Marktteilnehmer bedient sehen will. Insofern sind es keine voreingenommenen Positionen, die den ACI nun in die einzelnen Gespräche mit Vertretern aus Politik, Regulatoren, Ratingagenturen, Banken, Informationstechnologie, digitalen Plattformen und Kunden(netzwerken) führen, sondern lediglich die für alle relevante Frage, nach welchen Werten, Interessen und Vorgaben sich die digitalen Geschäftsmodelle gestalten und ihre Erfolge messen lassen (sollten). Da angesichts der zunehmenden Komplexität und Unbeständigkeit auch viele Anspruchsgruppen gerade ihre bisherigen Annahmen, Rahmenbedingungen und Handlungskonsequenzen auf ihre Zukunftstauglichkeit hinterfragen, möchte der ACI entsprechende Überlegungen, die den Zins und Devisenhandel betreffen, moderierend vernetzen. Die digitale Transformation voranzutreiben, muss oberstes Ziel aller Beteiligten werden, die möchten, dass die Finanzinstitute ihre systemische Bedeutung für Wirtschaft und Politik zwar halten, aber ihre Weise zu Wirtschaften und zu Arbeiten endlich neu aufstellen. 4

5 Externe Impulsgeber waren die Trendexpertin Birgit Gebhardt, die mit ihren New Work Order Studien neue Modelle des vernetzten Wirtschaftens und Arbeitens erforscht und für den Nationalen IT Gipfel in Hamburg mit Medien und IT Unternehmen das Chancenpapier zur vernetzten Wertschöpfung erstellt hat. Der Vice President E Commerce Competence Center der Otto Group, Dr. Lars Finger, der beim zweitgrößten Handelsunternehmen weltweit neue E Commerce Geschäftsmodelle verantwortet und die digitale Transformation vorantreibt. Der Alt Regierungschef des Fürstentums Liechtenstein, Dr. Klaus Tschütscher, der zu seiner Amtszeit als Regierungschef und Finanzminister die Transformation des Liechtensteinischen Finanzplatzes hin zu Transparenz und Steuerehrlichkeit vollzogen hat und heute als Unternehmer und unabhängiger Verwaltungsrat international tätig ist. Der Gründer und Geschäftsführer des Versicherungsportals Friendsurance.de, Dr. Sebastian Herfurth, der seine Klienten zu Social Communities zusammenschließt und dadurch beim Versicherungskonzern bessere Bedingungen für sie erreichen kann. 5

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