Mori% Schlick FRAGEN DER ETHIK. Kapitel 5 Gibt es absolute Werte?

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1 Mori% Schlick FRAGEN DER ETHIK Kapitel 5 Gibt es absolute Werte?

2 Rekapitulation Schlicks These im Kapitel 4 These: o die sittlichen Vorschriften sind nichts anderes, als der Ausdruck der Wünsche der menschlichen Gesellschaft in der moralischen Wertung bestimmter Taten oder Gesinnungen spiegelt sich nur das Maß der Freuden oder Leiden, das die Gesellschaft von jenen Taten oder Gesinnungen für sich erwartet. (S.114) o die von der Gesellschaft erwarteten Wirkungen [sind] wirklich der einzige Grund, warum es gebilligt wird. (S. 114) Wie kann man diese These beweisen? 1. [zeigen], dass das sittliche Prädikat gut nur solchen Verhaltungsweisen erteilt wird, von denen die Allgemeinheit sich Freudenvermehrung verspricht. (S. 115) 2. die Gründe widerlegen, aus denen manche Ethiker glauben, dass trotz jener Tatsache [d.h. trotz der Wahrheit des ersten Punktes] das Prädikat gut etwas ganz anderes bedeute als das bloße Versprechen einer Freudenmehrung oder Leidminderung für die Gesellschaft. (S. 115)

3 Rekapitulation Der erste Teil des Beweises im Kapitel 4 Gesellschaftlicher Strukturwandel Wertwandel o o o wenn sich herausstellt, dass der tatsächliche Wechsel sittlicher Wertschätzung dem Wechsel gewisser Zustände und Ansichten in der Allgemeinheit genau parallel geht, so dürfen wir mit Sicherheit annehmen, dass diese Zustände und Ansichten den Boden darstellen, auf welchem jene Wertschätzungen erwachsen sind. Das trifft nun tatsächlich zu. (S.118) Zustand X Ansichten Y Wertungen Z Zustand X Ansichten Y Wertungen Z Zustand X Ansichten Y Wertungen Z, usw. Beispiel : Für welchen Kreis von Personen gelten moralische Normen? Die emotionalen Reaktionen zeigen, was die Leute billigen oder missbilligen (z. B. das schlechte Gewissen in der Anekdote von Darwin) Bestätigung aus der Anthropologie (Westermarck, Spencer) Die Intention bei der Formulierung von Normen o wenn Körperschaften oder Parlamente über irgendwelche Vorschriften oder Gesetze beraten, so dreht sich die Diskussion immer um die Frage: Welche Entschließung wird für die Gesellschaft am nützlichsten sein, ihr Wohl am meisten fördern? und man formuliert nicht: Welche Entschließung ist moralisch, hat den höchsten sittlichen Wert?. (S. 121) o Das gilt [ ] auch für die sittlichen Anschauungen der Gesellschaft. (S. 121)

4 Haben Werte mit der Psychologie nichts zu tun? 1. Die Lehre von den objektiven Werten (1) Die Werte laut Schlick Empirisch feststellbare Tatsache (Kapitel 4) LusWönung +/- Vorstellung: X tun. LusWönung Vorstellung: X tun ist gesellschaftlich nü%lich. X tun ist gut. Die Werte laut Vertretern einer objektiven Werttheorie LusWönung +/- LusWönung +/- X tun hat die Eigenschaft der Gutheit. [=X ist wertvoll] Vorstellung: X tun. Vorstellung: X tun ist gesellschaftlich nü%lich. Mögliche aber nicht notwendige Übereinstimmung X tun ist gut.

5 Haben Werte mit der Psychologie nichts zu tun? 1. Die Lehre von den objektiven Werten (2) Fragen von Schlick o Was bedeutet hier überhaupt das Wort Wert? [Gutheit] o Welchen Sinn hat eine Aussage, die irgendeinem Gegenstande einen bestimmten Wert zuschreibt? (S. 126) Das Sinnkriterium des logischen Empirismus X tun hat die Eigenschaft der Gutheit. [= X ist wertvoll] o Wenn das Verifikationskriterium auf eine Aussage nicht anwendbar ist, dann ist dieser Satz sinnlos. o Das Verifikationskriterium: Alle Erkenntnis beruht auf Beobachtungssätzen oder auf logischen Konsequenzen von Beobachtungssätzen. Schlicks Methode angewendet auf moralische Urteile o Diese Fragen können nur dadurch beantwortet werden, dass man angibt, auf welchem Wege die Wahrheit eines Werturteils festgestellt wird; d.h. man muss genau angeben, unter welchen aufweisbaren Umständen der Satz Dieser Gegenstand ist wertvoll wahr, und unter welchen aufweisbaren Umständen er falsch ist. Vermag man das nicht zu tun, so stellt der Satz nur eine sinnlose Kombination von Worten dar. (S. 126)

6 Korrelieren Lustgefühle mit objektiven Werten? 2. Lust als Kriterium des objektiven Wertes Von Schlick untersuchte Hypothese o Werte [sind] in der Tat nur durch Lustgefühle zu erkennen. o Aber der Wert [besteht] nicht [ ] in der Tätigkeit, Lust zu erzeugen, sondern [ist] etwas ganz anderes. (S. 126) Schlicks Einwände o Logisch unsinnige Hypothese: Diese Ansicht [stimmt] in allen ihren prüfbaren Konsequenzen mit der unsrigen restlos [überein]. Hinzuzufügen, dass die Lust mit objektiven Werten korreliert, ist inhaltslos. o Unvollständige Hypothese: Möglichkeit: X und Y haben gegensätzliche Lustgefühle bei der Wahrnehmung derselben Handlung oder Gesinnung. Eine Handlung oder Gesinnung kann nicht gleichzeitig gut und schlecht sein. Lust kann deshalb nicht das Kriterium für die Existenz objektiver Werte sein.

7 Sind objektive Werte objektive Sachverhalte? 3. Objektive Wertkriterien? Von Schlick untersuchte Hypothese o Werte sind objektive Sachverhalte. Beispiel: Wertvoll ist, was den Fortschritt der Entwicklung fördert, oder: was zur Schaffung geistiger Güter, z.b. Werken der Kunst und Wissenschaft, beiträgt. (S. 127) Schlicks Einwände o Zirkularität, Beispiel: Frage : Wann kann man irgendetwas als geistiges Gut bezeichnen? Antwort: Wenn es wertvoll ist. Frage: Wie kann man wissen, ob etwas wertvoll ist? Antwort: Wenn etwas ein geistiges Gut ist. o [Der Fehler] besteht darin, Wertunterschiede in den objektiven Tatsachen selbst zu suchen ohne Bezugnahme auf die Akte des Vorziehens und Auswählens, durch welche der Wert überhaupt erst in die Welt hineinkommt. (S. 128)

8 Nehmen wir objektive Werte durch Wertgefühle wahr? 4. Subjektive Wertkriterien Von Schlick untersuchte Hypothese o Werte werden nicht durch Lustgefühle determiniert, sondern durch Wertgefühle wahrgenommen. (These von Franz Brentano). [Das] Wertgefühl ist ein Letztes, nicht weiter zu Analysierendes das immer auftreten muss, wenn ein Werturteil sich als wahr erweist, und das man entweder hat oder nicht hat. (S. 129) Schlicks Einwände o Kann man Lustgefühle und Wertgefühle tatsächlich unterscheiden? Schlick zweifelt daran. o Ist die Analogie zwischen Gefühlen und Sensationen (sinnliche Wahrnehmung) richtig? Frage: Warum glauben wir bei den meisten Sensationen, dass sie uns eine objektive, von uns unabhängige Realität erschließen? Antwort: Weil sie gesetzmäßig funktionieren und deshalb wissenschaftliche Vorhersagen ermöglichen. Wertgefühle erlauben aber keine wissenschaftlichen Vorhersagen. o Das Chaos der Wertungen ist sprichwörtlich, und es besteht keine Franz Brentano Hoffnung, die Wertlehre, Ethik, und Ästhetik auf eine Stufe mit der Physik zu heben, was doch sonst leicht sein müsste. (S. 130)

9 Sind Wertaussagen Tautologien? 5. Gelten Werturteile wie logisch- mathematische Sä%e? Von Schlick untersuchte Hypothese o Obwohl das Evidenz-Erlebnis in der Mathematik und Logik subjektiv ist, können wir dadurch zum schlechthin Gültigen, Absoluten, unabhängig von jeder Anerkennung und jedem Akte des Denkens oder des Fühlens Bestehenden [ ] gelangen. (S. 130) Genau so können wir auch zur Wahrheit von Werturteilen gelangen. Mathematisches Beispiel : Der Satz 2 x 2 = 4 ist immer wahr. Mögliches Beispiel der Wertlehre: Der Satz Unschuldige Menschen zu töten ist schlecht. ist immer wahr. Schlicks Einwände o Logik und Mathematik kann man nicht mit etwas anderem vergleichen. Sätze der Mathematik und der Logik sind Tautologien. Die logischen Sätze geben schlechterdings überhaupt keine Erkenntnis, sie drücken keine Sachverhalte aus, sie lehren uns nichts darüber, was in der Welt vorhanden ist, oder wie irgend etwas in der Welt sich verhält oder verhalten sollte. (S. 131) o Wertaussagen haben einen Inhalt, der sich auf etwas bezieht, das mit unserer Erfahrung zusammenhängt. Deshalb können sie keine Tautologien sein.

10 Hypothetische vs kategorische Imperative 6. Das absolute Sollen (1) Schlicks Analyse von sollen (vgl. Kapitel 2, S ) o X tun ist gut Man soll X tun (Formales Kennzeichen des Guten). o Man soll X tun Jemand wünscht, dass man X tut (Urheber der Norm). o [Der Urheber der (moralischen) Norm ist die Gesellschaft (Kapitel 4)]. o Der Urheber einer Norm kann die Normbefolgung sanktionieren (belohnen, bestrafen). o Wünsche, die vom Urheber sanktioniert werden können sind Befehle (Imperative). o Alle Imperative sind hypothetisch und haben die Form Wenn du Y willst, dann tue X! Y = dem Urheber gehorchen Kants Analyse o Der Urheber einer moralischen Norm kann nicht ein Subjekt sein, das von zufälligen Umständen determiniert ist (Biologie, Geschichte, usw.) o Das moralische sollen kann deshalb keinen persönlichen Urheber haben, es wird ausschließlich von der praktischen Vernunft bestimmt. o Moralische Imperative sind deshalb kategorisch und haben die Form Emmanuel Kant Tue X!

11 Besteht das Werterlebnis in der Erkenntnis des kategorischen Imperativs (Kant)? 6. Das absolute Sollen (2) Schlicks Kritik von Kants Analyse des Sollens o Die alltagssprachliche Bedeutung von sollen zeigt, dass man den Begriff nicht ohne Bezug auf einen Urheber und die Sanktionsmöglichkeiten des Urhebers verstehen kann. Beispiel: Ein Kind versteht das Wort sollen nicht o Mutter: Du [sollst] Anna die Puppe zurückgeben. o Kind: Ich will die Puppe haben. o Mutter: Ich wünsche, dass du sie zurückgibst und wenn du es nicht tust, nehme ich dir die Puppe weg. Schlicks Analogie mit Onkel o So ist etwa der Begriff Onkel nur definiert relativ zu Neffen oder Nichten, ein absoluter Onkel wäre Unsinn. o Die Bedeutung der praktischen Vernunft als Urheber einer moralischen Norm ist entweder (a) leer, oder (b) entspricht dem Bewusstsein der moralischen Werte (S. 134). Im Fall (b) kämen wir zu einer Tautologie; z. B. Das Bewusstsein moralischer Werte bestimmt die Erkenntnis moralischer Werte. Bewusstsein und Erkenntnis sind hier synonym. Diese Erklärung ist aber falsch, siehe Abschnitt 5. o Kant kann nicht erklären, wie sollen und wollen zusammenhängen.

12 Ein Gedankenexperiment : Wenn es absolute Werte gäbe und wir sie kennen könnten was dann? 7. Leerheit der Hypothese absoluter Werte Wären objektive Werte relevant für unser Handeln? o Frage: Was bedeuten eigentlich diese objektiven Werte für mich? o Antwort des Absolutisten: Sie bilden die Richtschnur deines Handelns! Du sollst in deinen Zielsetzungen jeweils die höheren Werte den niederen vorziehen! o Frage: Warum denn aber? (S. 136) o Der Absolutist hat keine überzeugende Antwort auf diese Frage. Wollte er nämlich antworten: Dann bist du eben kein anständiger Mensch! so ist zu bedenken, dass diese Antwort nur dann etwas heißen will und mein Handeln nur dann beeinflussen kann, wenn ich schon wünsche oder Grund habe zu wünschen, ein anständiger Mensch zu sein, wenn also vorausgesetzt wird, dass gewisse Gefühle an jenem Begriffe haften. Und gerade diese Voraussetzung darf der Absolutist nicht zur Begründung verwenden. (S ) Schlussfolgerung o Gäbe es Werte, die in dem Sinne absolut sind, dass sie mit unserem Fühlen überhaupt nichts zu tun haben, so bildeten sie ein Reich für sich, das in die Welt unseres Wollens und Handelns an keiner Stelle hineinragte [ ] Das Leben verliefe genau so, als wenn sie nicht existierten. (S )

13 Verständnisfragen 1. Laut Schlick ist das Gefühl der Unlust, das die meisten Menschen bei uns haben, wenn sie sich zum Beispiel vorstellen, dass jemand ein Kind zu Sklavenarbeit zwingt, ein Indiz für weit verbreitete subjektive Werte in unserer Gesellschaft. Warum kann man laut Schlick nicht sagen, dass die Unlustgefühle zeigen, dass diese Handlung objektiv schlecht ist? 2. Jemand könnte sagen: "Friedlich in einer demokratischen Gesellschaft zusammenleben ist ein Sachverhalt, der objektiv gut ist." Was würde Schlick dazu sagen? Und was würden Sie dazu sagen? 3. Eine sehr einflussreiche Analyse unserer Werte besteht darin, eine bestimmte Art von Intuitionen zu untersuchen, nämlich die 'Wertgefühle'. Dieser Analyse zufolge funktionieren Wertgefühle ähnlich wie sinnliche Wahrnehmungen; wenn wir bei der Vorstellung einer Handlung oder einer Haltung ein positives Wertgefühl haben, nehmen wir dadurch eine objektive Eigenschaft der Handlung oder der Haltung wahr, nämlich ihren Wert. Warum kann Schlick diese Analyse nicht akzeptieren? 4. Emmanuel Kant behauptet, dass moralische Normen keinen persönlichen Urheber haben, sondern dass uns die praktische Vernunft zeigt, dass einige Normen absolut gelten. Aus welchen Gründen lehnt Schlick die Analyse von Kant ab?

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