Axel Klingenberg, Wenke Lange, Ole Schulz-Weber (Hg.) Bohlweg-Zeiten Die 80er in Braunschweig. Covergestaltung, Satz und Layout: Wenke Lange

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3 Axel Klingenberg, Wenke Lange, Ole Schulz-Weber (Hg.) Bohlweg-Zeiten Die 80er in Braunschweig Covergestaltung, Satz und Layout: Wenke Lange 1. Auflage, 2012, Originalausgabe Alle Rechte des Gesamtwerkes beim Verlag Andreas Reiffer Alle Rechte an den Einzelwerken bei den Autor/innen, den Fotograf/innen und Zeichner/innen ISBN Verlag Andreas Reiffer Hauptstraße 16b D Meine

4 Inhaltsverzeichnis Das waren noch Bohlweg-Zeiten! Vorweg gesagt... 9 Gerald Fricke: Im Volksporsche auf der Autobahn Interview mit Ulrich Schwanke:»Abends waren wir im Panopticum auf der Tanzfläche« Stephan Mäusel: Man wollte selbst was auf die Beine stellen Karsten Weyershausen: Zwei alte Säcke Stefan Maiwald: Zwischen Bruce Lee und Debussy Interview mit Natali Reich:»Die schönste Zeit meines Lebens« Attik Kargar: First Time at Jolly Joker Vera Kargar: Ziemlich klein und spießig Harald Duin: Noch kein Gefühl für das Maß Ulli Meyer-Degering: Im angesagtesten und coolsten Schuppen der Stadt Matthias Heine: Dem Zeitgeist entsprechend waren wir nicht zimperlich Interview mit Olaf Stelter:»Kalkuliert wurde hinterher« Jens Müller und Stefan Schrader: C-83 Seltsame Klenge aus dem Kassetten-Underground Matthias Heine: 123 Legenden Interview mit Tom Ruhstorfer:»Das Gefühl der totalen Freiheit« Jan-Heie Erchinger: Übergeschnappt und funky Interview mit Christian Eitner:»Damals war man Zonenrandgebiet«... 97

5 Frank Schäfer: Unleashed in Ostfalen Interview mit Claus Hartisch:»Ich habe zufälligerweise immer die Siegerbands gemischt« Frank Behnsen: Fred Banana Matthias Heine: Gewissensprüfung im FBZ Peter Vaihinger: FreiBiZe-Files Tagebuch eines Veranstalters Lars Dobbertin: Bernd Buchheister Leistungssportler und Lebemann Holger Reichard: Rubrik 23: Mitteilungen Michael Kaps: Ein Opfer pro Tag Axel Klingenberg: Heidberger Nächte sind lang Ole Schulz-Weber: Sie nannten mich»killing Joke« Viten Glossar Fotografen, Bildnachweis Abbildungen von Attik Kargar auf den Seiten 16, 25, 31, 37, 69, 72, 84, 105, 112, 131, 137 und 149

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7 Stefan Maiwald Zwischen Bruce Lee und Debussy Ich hatte eine merkwürdige Jugend, denn einerseits hatte ich schnell kapiert, dass man seine Chancen bei den Mädchen gewaltig steigert, wenn man sich eine intellektuelle Aura zulegt; außerdem sind kulturinteressierte Teenagerinnen sexuell promisker. Andererseits war ich als 14-Jähriger in die Fänge einer üblen Weststadtclique geraten, einer wirklich harten Gang aus IGS-lern ohne erkennbaren schulischen Ehrgeiz und anderen Jungen, die überhaupt gar keine Schule mehr besuchten und zu unseren Cliquentreffen ihre älteren Brüder mit Vollbart mitbrachten. Diese Polarität führte dazu, dass ich mit 15 sowohl mit Klappmesser und Wurfsternen (sogenannten Shuriken, inzwischen verboten) umgehen als auch Hermann Hesse zitieren konnte beides ausgesprochen nutzlose Fähigkeiten. Ich war natürlich immer zu feige, in eine ernsthafte Schlägerei zu geraten oder etwas wirklich Kriminelles zu tun. Das erste Mal, dass ich so etwas wie gesunde Wettkampfhärte gezeigt habe, war im Münchner Hofbräuhaus, mit einem Bierkrug in der Hand, aber das ist eine andere Geschichte. Mitte der 80er Jahre hing ich also mit der Weststadtclique auf dem Braunschweiger Schützenfest akkurat am Autoscooter herum und blickte abschätzig mit meinen Kumpels aus allen damals zwischen Harz und Heide verfügbaren Ethnien auf die vorbeischlendernden Pärchen, die ihre Schritte beschleunigten, wenn sie uns sahen um dann mit der Linie 18 nach Hause Richtung Watenbüttel zu fahren, Debussy am Klavier zu üben und die Französisch-Hausaufgaben für Herrn Heidrich am Martino-Katharineum (MK) zu erledigen. In etwas sanfteren Cliquenmomenten diskutierten wir die neuesten Moves von Bruce Lee, dessen Filme ich auf VHS in einem regelrechten Schrein aufbewahrte. Für die Internet-Generation, die nichts mehr kennt, was älter als zwei Tage ist: Bruce Lee war der Einzige, der es mit Chuck Norris aufnehmen konnte. Und er war mein Gott. Weil es noch kein Copy & Paste gab, schrieb ich sein komplettes Buch über den von ihm entwickelten Kampfstil»Jeet Kune Do«mit Füller und auf Linienpapier ab mein erstes schriftstellerisches Werk. Im Kraftsportcenter Budokan (damals wie heute Schöppenstedter Straße 20) lernte ich Karate und schaffte mit Ach und Krach den Gelben Gürtel. Man kann nicht von einer erfolgreichen Kampfsportkarriere sprechen. Kurzum: Ich war der einzige Braunschweiger, den ich kenne, der seine abendlich/ nächtliche Freizeit exakt zwischen Atlantis (Weststadtclique) und Jolly (MK) halbierte. Da ich etwas außerhalb wohnte und den Abend früh beginnen musste, kam ich sogar immer in den Genuss der Atlantis-Lasershow um kurz vor neun. Außerdem kam man früher leichter rein man durfte ja offiziell erst ab 16. Als wäre es nicht genug der Zerrissenheit in ohnehin fragilen pubertären Zeiten, spielten einige Klassenkameraden von mir Hockey und nahmen mich öfter zu

8 ihren Partys mit. Hockeyspieler waren eindeutig der Braunschweiger Teenie-Jetset, begüterte und pickellose Kinder aus bestem Haus, denen die Welt offenstand. Die wunderschönen Hockey-Mädchen waren unerreichbare Göttinnen. Natürlich, nun sind sie gefangen in ihrem unaufregenden Leben mit ihren Wirtschaftsanwälten in den Stöckheimer Neubaugebieten. Ach, was hätte aus mir und ihnen werden können. Wie es immer ist, erwuchs aus der Unerreichbarkeit Verachtung. Am untersten Ende der Braunschweiger Nachtlebenskala lag für mich das Kiwi (Hockeyspielerinnen!). Den Laden mied ich lange. Nicht ganz freiwillig übrigens: Ins Kiwi wurde ich lange nicht reingelassen, was mir bis heute weltweit in fast allen Clubs widerfährt. Man kann schon von einem Trauma sprechen, dabei finde ich mich eigentlich ganz ansehnlich. Es gab da dunkle Erlebnisse in München und London, deren nähere Beschreibung mein Selbstwertgefühl zerbröseln lassen würde. Aber Türsteher sind wie Bluthunde, sie riechen deine Angst. Und je öfter du abgewiesen wirst, desto stärker schwitzt du. Als ich endlich rein kam, rächte ich mich auf perfide Weise: Monatelang gab ich mich, leicht angetrunken, mit einem Kumpel schon an der Treppe als Türsteher aus und verlangte die Ausweise der Anstehenden. Viele fielen darauf rein, manche schickten wir nach Hause; bei all denen möchte ich mich hier und jetzt entschuldigen. Irgendwann entdeckte ich das Panopticum für mich. Das war ein guter Kompromiss, weil man sowohl die Hockeyspielerinnen abfangen, als auch mit den coolen Jungs in Lederjacke abhängen konnte. Und kennt noch jemand das ewig leere Soleil? Dahin konnte man sich mit seiner Eroberung zurückziehen und sie ungestört zuquatschen. Ach ja, und dann gab es den legendären Döner-Imbiss in der Südstraße, in dem ein Kumpel von mir einmal Lokalverbot bekam ein deutschlandweit wohl einzigartiger Vorgang. Es war gegen drei Uhr nachts, und als mein Kumpel mit der Bestellung dran war, kam der Inhaber gerade aus dem Küchenverschlag, mit einer Zigarette im Mundwinkel.»Nanana, in der Küche wird aber nicht geraucht«, lallte mein Kumpel, woraufhin der Inhaber ihm, mit dem langen Dönermesser bewaffnet, bis zum Bankplatz hinterherjagte. Der Fixpunkt meiner Braunschweiger Jugend aber war der sogenannte Zapfhahn, der»jever-pub«hieß und dem es ein literarisches Denkmal zu setzen gilt. (Der Name Zapfhahn war einem bedauernswerten Etablissement am Hauptbahnhof vorbehalten warum auch der Jever-Pub von allen Zapfhahn genannt wurde, hat sich schon damals nie so ganz klären lassen.) Die winzige Kneipe lag in der Breiten Straße, gegenüber vom MK, und so verbrachten wir Frei- und Schulstunden dort beim Hausaufgabenkopieren und Kniffeln. Nachmittags fuhren wir nach Hause, um kurz die verrauchten Sachen zu wechseln, und fuhren am Abend umgehend wieder in den Zapfhahn zurück, zum fantastischen Wirtsehepaar Angelika und Harald, welcher jeden Satz mit»verstehste?«beendete. Ein Freund von mir, der stadtbekannte»schnuller«, jobte hinter der Theke und ließ sich den Lohn nicht auszahlen, sondern legte es in 0,4l-Pils-Gutscheine an.

9 Gegen Ende der 80er Jahre hatte es sich dann mit der Rummelplatzclique erledigt, statt Atlantis hieß es bald nur noch Zapfhahn Liro Dando Jolly Pano. Und hin und wieder eine Türstehereinlage vor dem Kiwi. Es war eine großartige Zeit. Und das ist nicht verklärend gemeint, ich kann da gut differenzieren: Das anschließende Studium an der TU Braunschweig war nämlich grauenhaft, langweilig und regelrecht bedrückend. Viele blicken ja mit rosaroter Brille auf ihre Studienzeit zurück; ich habe jede Sekunde gehasst. Wir angehenden Politikwissenschaftler waren im siebten Stock jenes Hochhauses am Wendenring gegenüber des Affenfelsens untergebracht, in dem unten ein Steakhaus lag und in dem ein Jugoslawe mit extrem buschigem Schnauzbart täuschend echt auf Mexikaner machte. Ich hatte mir mein Uni-Leben anders vorgestellt, irgendwie efeuumrankter. Nette Abende im Eusebia retteten nichts mehr, nach zwei Semestern hatte ich genug. Inzwischen hat sich alles gut entwickelt. Ich habe ein Auskommen als Autor in Italien, in meinem Leben scheint elf Monate im Jahr die Sonne, und wenn ich die Augen zumache, höre ich das Rauschen des Meeres mehr geht eigentlich nicht. Aber was ich vermisse (abgesehen von den Hockeyspielerinnen): Braunschweig war groß genug, einer Jugend alles zu bieten. Und klein genug, dass man alles, auch das ganze seltsame Zeug, wirklich mitnehmen konnte.

10 Daily Terror Sweaty Feet New Connection Der Träumende Mund

11 Blue Bamboo Kids The Art of Love Genocide

12 Frank Behnsen

13 Matthias Heine Gewissensprüfung im FBZ Pförtner das klingt nicht gerade nach einem coolen Job. Aber die gläserne Eingangsloge im Freizeit- und Bildungszentrum Bürgerpark war in den 80er Jahren wohl der begehrteste Ort, an dem man seinen Zivildienst verbringen konnte dafür ließ man sogar den ebenfalls sehr begehrten Job als Fahrer bei der Arbeiterwohlfahrt sausen, wenn man die Wahl hatte. Alltags bestand die verantwortungsvolle Aufgabe des FBZ-Zivildienstleistenden in erster Linie im Rumsitzen, Karten verkaufen und Schlüssel ausgeben. Das FBZ war ja nicht nur ein Ort für öffentliche Veranstaltungen wie Konzerte und Theateraufführungen, sondern seine Räume wurden auch von zahlreichen weniger auffälligen Gästen genutzt. In Wirklichkeit sind wahrscheinlich die meisten Menschen dorthin gekommen, um Schach zu spielen. Das galt für die älteren Herren in der Cafeteria, die sehr genervt reagierten, wenn der Zivi nicht pünktlich ab 10 Uhr in der Loge saß, um ihnen ihre Bretter auszuhändigen, genau wie für die jüngeren Vereinsspieler, die sich im großen Raum im 1. Stock zum Training trafen. Letztere blieben gerne länger als bis 23 Uhr, was die Zivis nervte, die Feierabend machen wollten und anschließend noch die Tische aufräumen mussten. Gefürchtet war dieser Teil des Dienstes auch, weil mindestens einer der Schachcracks so unfassbar bestialisch nach Schweiß stank, dass man den Raum erst mal eine Viertelstunde lang durchlüften musste. Die meisten Zivis hatten sich übrigens ebenfalls im FBZ für ihre Gewissensprüfung das Wort ist zum Glück mit dem Verfahren untergegangen vorbereiten lassen. Einmal in der Woche empfing in der Caféteria die Deutsche Friedensgesellschaft angehende Kriegsdienstverweigerer und klärte sie im Schnellverfahren über Theorien der Sozialen Verteidigung und über die richtige Antwort auf die berüchtigte Frage»Was würden sie tun, wenn nachts im Wald ein Rocker ihre Freundin vergewaltigen wollte und sie ein Gewehr in der Hand hätten?«auf. Zu den Aktivitäten rund um das FBZ gehörten aber solche damals als extrem uncool geltenden Sachen wie Bauchtanz- und Töpferkurse für die Frauen und Briefmarkenbörsen für ältere Männer und kleine Jungs (wie mich). In den 70er Jahren gab es dort auch einmal wöchentlich eine Teenager-Disco für alle, die keinen Zutritt zu den ähnlichen Veranstaltungen in den Tanzschulen Haeusler und Heise hatten. Mein Schulkamerad Frank schleppte dort wöchentlich eine andere Prolette ab, worum ich ihn sehr beneidet habe. Derselbe Frank ging im FBZ wenn ich mich recht erinnere auch zum Einweisungskurs für die Jugendweihe (ob die eigentliche Veranstaltung auch dort oder in der Stadthalle abgehalten wurde, weiß ich nicht mehr). Er hatte sich für dieses heute eher mit Ostdeutschland verbundene Ritual entschieden, weil die Vorbereitung nur wenige Wochen dauerte im Gegensatz zum zweijährigen für fast alle anderen damals noch selbstverständlichen Konfirmandenunterricht. Fast vergessen ist heute auch, dass der erste große

14 Braunschweiger Flohmarkt einmal pro Monat um das FBZ herum stattfand, bevor in den 80er Jahren dann andere Veranstalter erkannten, dass sich mit solchen Veranstaltungen auf dem Platz vor der Eishalle oder dem Harz-und-Heide-Gelände richtig Geld verdienen ließ Dennoch wird das FBZ (den Namen»FreiBiZe«fand ich persönlich immer bescheuert) heute bei vielen 80er Jahre-Nostalgikern vor allem mit den Konzerten, die dort stattfanden, in Verbindung gebracht: Einerseits gelang es dem damals fürs Musikprogramm verantwortlichen Sozialarbeiter Peter Vaihinger Bands wie Alien Sex Fiend, Gun Club, die Pixies oder Soundgarden in die Stadt zu locken der Dollar stand günstig und anders als private Veranstalter konnte Peter auch ein bisschen öffentliches Geld zuschießen. Andererseits war ein Auftritt im Bürgerpark oder gar ein Sieg beim jährlichen Amateurband-Wettbewerb das Größte, was man als lokale Braunschweiger Band erreichen konnte. Aber das alles ist nun längst Geschichte. Das FBZ wird trotzdem noch ein paar Jahrzehnte in den Erinnerungen fast aller vor 1980 geborenen Braunschweiger weiterleben. Mein ganz persönliches schönstes Souvenir sind jene Abende, an denen wieder eine von den großen Bands im Bürgerpark gastierte. Dann mussten die Zivis nicht nur vor und nach den Konzerten beim Auf- und Abbau helfen und durften spät am Abend wegfressen, was vom Catering übrig geblieben war Haribo war immer dabei. Ich selbst hatte auch noch den besonderen Vertrauensjob des Kassierers. Im leicht zugigen Seiteneingangsbereich des FBZ, wo einen gelegentlich mal ein Schein aus der viel zu kleinen Geldkassette geweht wurde, saß ich, beneidet von manchem, mit meiner Lederjacke im James Dean-Stil (gekauft bei Ran 7) und konnte mir einen Abend lang einbilden, Teil des internationalen Rock-Business zu sein. Es war eine herrliche Zeit.

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