Engineered in Germany. Ausgabe Das neue Qualitätssiegel der deutschen Industrie. / 1

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1 / 1 Foto: Anja Weber-Decker / plainpicture Ausgabe Engineered in Germany Das neue Qualitätssiegel der deutschen Industrie. // Diskussion: Corporate Learning // Marokko: Evolution statt Revolution // Special: Schuldscheindarlehen // Architektur aus dem Drucker

2 / 03 Die norddeutsche Art. Liebe Leser, herzlich willkommen zur Ausgabe eins 2015 von 52 NORD. Dem ungebrochenen Nimbus von Made in Germany folgt durch die zunehmende Präsenz deutscher Unternehmen im Ausland ein neues Phänomen: Engineered in Germany. Das ist unser Schwerpunktthema dieser Ausgabe. Lesen Sie im Aufmacher, wie insbesondere der deutsche Mittelstand seine Produktionsplattformen erfolgreich internationalisiert hat. Wie Corporate Learning und Weiterbildung im internationalisierten Unternehmen aussehen können, diskutieren Arbeitsforscherin Sibylle Peters und Carsten Knoth von der Köster GmbH in Osnabrück im Gespräch im Foyer. In unserem Länderbericht werfen wir einen Blick auf Marokko, ein Land, das sich durch eine geschickte Wirtschaftspolitik in den letzten Jahren erfolgreich zu einem aufstrebenden Industrieland entwickelt hat. In der NORD/LB Story beleuchten wir eine Finanzierungsform, die im Mittelstand in den letzten Jahren eine wahren Boom erlebt hat: Das Schuldscheindarlehen. Frank Bartschat aus dem Bereich Corporate Finance erläutert die Hintergründe dieser Veränderungen. Unser Architekturspecial zeigt, wie der 3D-Druck sich derzeit anschickt, die Architekturbranche zu revolutionieren. Foto: Christian Burkert / laif Wie immer finden Sie vertiefende Artikel und Informationen auf unserer Online-Plattform 52 LIVE unter anderem ein Special über intuitive versus zahlenbasierte Entscheidungen. Doch zunächst wünsche ich Ihnen eine spannende Lektüre! Eckhard Forst Vorstand NORD/LB

3 04 / 52 NORD Inhalt / / Titelthema Engineered in Germany: Eine Klasse für sich Praktisch, präzise und perfektionistisch deutsche Produkte stehen weltweit hoch im Kurs. Dabei stammen sie immer häufiger nicht aus Deutschland selbst. Die gute alte Herkunftsbezeichnung Made in Germany verwandelt sich zunehmend in ein Engineered in Germany. 12 / Gespräch im Foyer 16 / Länderfokus Lernangebote verändern sich derzeit rasant Ein Gespräch mit Prof. Sibylle Peters, Lehrstuhlinhaberin für Betriebliche Weiterbildung und Personalentwicklung an der Universität Magdeburg ( ), und Carsten Knoth, Geschäftsführer der Köster GmbH in Osnabrück, über betriebliche Weiterbildung im neuen Zeitalter. Marokko: Evolution statt Revolution Das Land hat sich zum Musterschüler Nordafrikas gemausert. Politische Stabilität geht einher mit soliden wirtschaftlichen Wachstumsraten. Nicht zuletzt deshalb hat sich das Königreich zu einem interessanten Produktionsstandort unmittelbar vor den Toren Europas entwickelt. 22 / NORD/LB Story Special Unternehmensfinanzierung & Schuldscheindarlehen Lesen Sie ein Interview mit Frank Bartschat, Senior Director Corporate Finance der NORD/LB, zum Thema Schuldscheindarlehen. 24 / Interview Mittelständler haben sich neuen Finanzierungsquellen geöffnet Ein Interview mit Stefanie Quervel, Geschäftsführerin des Laminatherstellers Classen GmbH & Co. KG, über komplizierte Finanzierungsstrukturen und die Platzierung eines Schuldscheins. 28 / Architektur 3D-Druck: Immobilien auf Knopfdruck Gebaut wird seit alters her mit Holz, Stein, Stahlbeton oder Glas. Doch die Baugeschichte könnte vor einer Zeitenwende stehen: Architekten und Ingenieure planen die digitale Revolution auf der Baustelle. 3D-Druck oder additive Fertigung heißt das Zauberwort. 26 / 52 LIVE Online-Special Engineered in Germany Vertiefende Informationen und weitere Interviews zum Thema finden Sie auf unserer Online-Plattform 52 LIVE. Foto: F1ONLINE Fotos: Achim Multhaupt Foto: Rick Roberts / plainpicture

4 06 / 52 NORD Engineered in Germany / 07 gewesen. Wenige Jahre später, nachdem die Chinesen gelernt hatten, wie man Waschmaschinen und Geschirrspüler ordentlich zusammenschraubt, booteten sie die Schwaben wieder aus, strichen kurzerhand die ersten zwei Silben aus dem Firmennamen und eroberten als Haier die Weltmärkte. Dabei setzten sie ganz bewusst auf einen deutsch klingenden Markennamen. Schließlich sollen damit beim Kunden positiv besetzte Assoziationen hervorgerufen werden, erklärt Klaus-Peter Wiedmann. Durch seine Wortkomposition versucht Haier zu signalisieren: Wir stehen für Werte und Qualität, so der Professor für Marketing und Management an der Leibniz Universität in Hannover. Man möchte ja auf allen relevanten Märkten in einem möglichst positiven Licht erscheinen. Ob die Produkte nun wirklich Made in Germany sind oder auf Basis deutscher Ingenieurskunst entstanden, das hinterfragen im Regelfall nur die wenigsten. Eine Klasse für sich Praktisch, präzise und perfektionistisch deutsche Produkte stehen weltweit hoch im Kurs. Dabei stammen sie immer häufiger nicht aus Deutschland selbst. Die gute alte Herkunftsbezeichnung Made in Germany verwandelt sich zunehmend in ein Engineered in Germany. München? Dingolfing? Nein: Spartanburg, USA. Namen sind alles andere als Schall und Rauch. Das beweist die Erfolgsgeschichte von Haier, dem heute weltgrößten Hersteller von Haushaltsgeräten. Einst hieß die Firma Qingdao Refrigerator Co. und war ein typischer, maroder chinesischer Staatsbetrieb ging man mit dem deutschen Edelkühlschrank-Produzenten Liebherr aus dem schwäbischen Ochsenhausen eine Kooperation ein. Dieser lieferte technisches Know-how und Maschinen für das nunmehr Libuhaier getaufte Gemeinschaftsprojekt Liebherr wäre im Reich der Mitte ein Zungenbrecher Foto: Fred Rollison Photography / BMW AG, München Garant für hochwertige Verarbeitung Seit Jahrzehnten steht Made in Germany im Ruf, das Gütesiegel überhaupt zu sein und zwar rund um den Globus. Dabei ist es selbst gar nicht einmal deutscher Herkunft verfügte das britische Parlament im sogenannten Merchandise Marks Act, dass ausländische Produkte fortan mit einem Hinweis auf ihr Ursprungsland zu versehen seien. Jedoch verfehlte diese als Diskriminierung gedachte protektionistische Maßnahme, hinter der ein Buy British! stand, ihren Zweck und bewirkte das genaue Gegenteil. Die Herkunftsbezeichnung war bald ein Garant für hochwertige Verarbeitung, Vertrauenswürdigkeit und langlebige Produkte. Wer sich etwas leisten will und auf gute Qualität achtet, ist auch heute noch durchaus bereit, für Markenware mit dem Hinweis Made in Germany etwas mehr Geld auszugeben. Das gilt in den Vereinigten Staaten ebenso wie für die aufstrebende Mittelschicht in China oder Indien. Kein Wunder also, dass auch für Deutschlands exportorientierte Industrieunternehmen das Image der Marke Made in Germany eine Rolle spielt. Das jedenfalls geht aus dem BDI-Mittelstandspanel vom Januar 2014 hervor. 84 Prozent der befragten Firmen nannten den exzellenten Ruf deutscher Produkte noch vor der gut ausgebauten Infrastruktur als wichtigsten Faktor, der für den Standort Deutschland spricht. Abhängig von der Branche lässt sich damit ein Preispremium von mindestens 10 bis 20 Prozent erzielen, so eine aktuelle Studie der Universität St. Gallen. Und das, obwohl in vielen Produkten, die das Gütesiegel Made in Germany tragen, zahlreiche im Ausland hergestellte Komponenten verbaut werden, weiß Rolf Henning zu berichten.

5 08 / 52 NORD Engineered in Germany / 09 Foto: Oliver Lang / KION Group Oftmals findet hierzulande auch nur noch die letzte Stufe der Endproduktion statt oder es sind allein Entwicklung und Produktgestaltung in Deutschland beheimatet, so der Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Qualität e. V. (DGQ) in Frankfurt am Main. Eine Faustregel besagt, dass mindestens die Hälfte der Wertschöpfung in Deutschland stattfinden sollte, doch es gibt keine zentrale Instanz, die darauf achtet, ob dieses Mindestmaß eingehalten wird. Deshalb hat sich in jüngster Zeit ein weiteres Gütesiegel etabliert, das ein Engineered in Germany verspricht. Dahinter stecken eine Notwendigkeit wie auch ein Schachzug der deutschen Industrie. Notwendigkeit, weil sich längst nicht mehr alle im Ausland verkauften Waren in Deutschland produzieren lassen und daher die Produktion vor Ort organisiert werden muss. Schachzug, weil das bekannte Made in Germany nun positiv gehebelt wird. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung der alten Herkunftsbezeichnung, so Jean Haeffs. Auf diese Weise wird auch der Versuch unternommen, ein altbekanntes Qualitätssiegel ein Stück weit zu retten und den sich verändernden Bedingungen in der globalisierten Welt anzupassen, bestätigt auch der Geschäftsführer bei der VDI-Gesellschaft Produktion und Logistik in Düsseldorf. Bei Engineered in Germany geht es nicht um die Frage, wie groß der Anteil von in Deutschland hergestellten Komponenten ist, vielmehr steht eine spezifisch deutsche Qualitätskultur im Mittelpunkt, die in nunmehr weltweit organisierten Produktionsketten die Norm sein sollte. Denkbar sind auch solche Bezeichnungen wie Developed in Germany oder Processed in Germany. Wiesbaden? Nein: Indaiatuba, Brasilien. Übertragung der Verflechtung ins Ausland Die Aufrechterhaltung von deutschen Qualitäts-, Umweltund Arbeitsstandards jenseits der nationalen Grenzen ist nicht nur für die weltweit aufgestellten Dax-30-Konzerne von zentraler Bedeutung, sondern ebenfalls für kleine und mittlere Unternehmen, die ihren Auftraggebern folgen und sich ebenfalls internationalisieren. Deutsche Unternehmen wollen und müssen heute nahe am Kunden sein und errichten deshalb auf allen Zielmärkten Fertigungsanlagen, meint dazu Experte Haeffs. Wenn sie dabei ihre in Deutschland entwickelten und praktizierten Qualitätsstandards in den Produktionsprozessen eins zu eins übernehmen und alle Parameter aufrechterhalten, bleiben diese Produkte faktisch identisch mit denen, die die Herkunftsbezeichnung Made in Germany tragen. Das bewährte Modell einer engen Verflechtung von überwiegend mittelständisch geprägten Unternehmen aus dem Maschinenbau oder der Kfz-Zulieferindustrie mit den großen Herstellern wird im Rahmen dieser Internationalisierung oftmals ins Ausland übertragen. Zwar bleiben Forschung und Entwicklung im Regelfall in Deutschland beheimatet, die Produktion findet nun jedoch weltweit vernetzt statt. Engineered in Germany heißt ja keinesfalls, dass nun etwas schlechter gemacht wird, ergänzt Wiedmann. Betont wird damit vor allem die Wertigkeit der Ingenieurleistung und diese gilt es, nach außen richtig und offensiv zu kommunizieren. Insbesondere der Mittelstand muss dies leisten können, denn der alte Made in Germany -Hinweis war immer ein wichtiges Verkaufsargument, schließlich sind deutsche Produkte nicht selten etwas teurer als die der Konkurrenz. Da muss man kämpfen und die Lufthoheit bewahren. Zugleich warnt der Experte der Universität in Hannover davor, das Thema zu vernachlässigen oder Standards in irgendeiner Form auszuhöhlen. Denn ein Engineered in Germany verspricht die Erfüllung von anerkannten Qualitätsrichtlinien und hilft so, völlig ortsunabhängig, Geschäftsbeziehungen aufrechtzuerhalten. International tätige Unternehmen verweisen mit einem Engineered in Germany darauf, dass alle relevanten Prozesse entlang der Wertschöpfungskette kompatibel mit deutschen Qualitätsansprüchen sind oder Forschung und Entwicklung hierzulande stattfinden. Dieses Leistungsversprechen muss mit Inhalten gefüllt sein und hat maßgeblich Anteil daran, das globale Markenbild zu prägen. Das haben nicht nur deutsche Player erkannt; so werben beispielsweise die koreanischen Autobauer Kia und Hyundai überall auf der Welt damit, dass ihre Fahrzeuge in Deutschland entworfen wurden. Hanwha, der ebenfalls koreanische Hersteller von Solarzellen und Käufer des 2012 insolvent gegangenen Photovoltaik-Anbieters Q-Cells aus Bitterfeld-Wolfen, verfolgt die gleiche Strategie: Produziert wird weltweit, geforscht und entwickelt aber in Deutschland darauf wird immer wieder explizit hingewiesen. Auch BMW buhlt um Kunden für seine ausschließlich in den Vereinigten Staaten hergestellten Baureihen mit dem Slogan Engineered in Germany und versucht, sich so mit Hinweis auf ihre deutschen Gene von den Mitbewerbern auf dem Markt abzuheben und zu signalisieren, dass ein BMW Made in USA immer noch ein im Kern deutsches Fahrzeug ist. Wer als Unternehmen besonders stark aufgestellt ist, kann es sich sogar erlauben, mit einem Made by Bosch oder Made by Mercedes zu werben, ergänzt Wiedmann. Oder es gibt Mischformen, exemplarisch dafür das Designed by Apple in California, Assembled in China des iphone-produzenten Apple. Man versucht auf diese Weise, ein Ursprungsland zu nennen, tut sich aber dennoch sehr schwer damit, meint Haeffs. Nicht einmal die Vereinigten Staaten werden erwähnt, sondern nur ein Bundesstaat mit einem positiven Image. Dem Erfolg der nicht ganz billigen Smartphones und Tablets von Apple tat dies bis dato aber keinen Abbruch. Während Deutschland sich gerade mit Engineered in Germany anfreundet, wächst weltweit das Ansehen von Made in China. Das Land hat in Sachen Qualität in zahlreichen Sektoren eine atemberaubende Aufholjagd hingelegt, so der VDI-Mann. Die Unterschiede verschwinden zusehends. Gute oder minderwertige Waren sind heute nicht mehr automatisch mit einem bestimmten Herkunftsland verknüpft. Hohe Produktqualität allein genügt heute immer weniger, um sich von der Konkurrenz zu differenzieren, schnelle, verlässliche Lieferfähigkeit sowie exzellenter Service und After-Sale-Service werden deshalb mindestens genauso wichtig. Von daher könnte sich der Trend, Engineered in Germany stärker zu betonen, als goldrichtig erweisen. Zukunft des Produktionsstandorts Deutschland Dennoch gibt es natürlich nach wie vor Unternehmen, die weiterhin ihre Herkunft nutzen, um sich Erfolg versprechender im globalen Wettbewerb zu positionieren. Dafür ist Miele ein überzeugendes Beispiel. Die Gütersloher bewerben ihre hochpreisigen Haushaltsgeräte nicht nur mit dem Verweis, dass diese in Westfalen hergestellt werden, sondern darüber hinaus auch damit, dass so gut wie alle Komponenten aus eigener Produktion stammen. Auf diese Weise haben sie es geschafft, Waschmaschinen und Geschirrspüler zu Statussymbolen aufzubauen. Inwieweit dies berechtigt ist, wäre eine gesonderte Diskussion die Kunden jedenfalls glauben daran und sind begeistert. Ein Engineered in Germany sowie die zunehmende Inter- Unternehmen nutzen ihre Herkunft, um sich Erfolg versprechender im globalen Wettbewerb zu positionieren.

6 10 / 52 NORD Engineered in Germany / 11 nationalisierung bedeuten also keinesfalls, dass Deutschland in naher Zukunft kein Produktionsstandort mehr sein kann, alle Bereiche der Wertschöpfungskette über den Globus verteilt sind und allenfalls die F&E-Abteilungen der Unternehmen hierzulande bleiben. Es kommt eben auf den Einzelfall an. Ein Blick auf die Entwicklung Deutschlands während der Finanzkrise zeigt, warum: Deutschland hat die Turbulenzen der vergangenen Jahre nur deshalb so gut überstanden, weil der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der wirtschaftlichen Gesamtleistung deutlich höher ausfällt als anderswo, bringt es Haeffs auf den Punkt. In der Tat trägt dieses mit über 22 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Zum Vergleich: In Frankreich oder Großbritannien sind es gerade einmal rund 10 Prozent. Viele deutsche Maschinen- und Anlagenbauer produzieren bereits im Ausland, weiß Marlies Schäfer stellvertretend für ihre Branche zu berichten. Aber auch die Produktion im Inland ist in den letzten Jahren konstant gestiegen, erklärt die Pressesprecherin des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V. (VDMA). Die gesamte Wertschöpfungskette ist wichtig für den Erfolg des Maschinenbaus und wird somit in Deutschland gehalten. Zwar werden einfache und arbeitsintensive Arbeitsprozesse wohl auch weiterhin ausgelagert oder automatisiert. Aber wer glaubt, dass der Wohlstand einer Volkswirtschaft wie Deutschland allein vom Dienstleistungssektor aufrechterhalten werden kann und es reicht, wenn hierzulande nur noch die F&E-Abteilungen von Unternehmen beheimatet sind, der irrt gewaltig, ergänzt Haeffs. Wachsende Bedeutung von Weiterbildung Maschinen Made in Germany sind weltweit zum Synonym für deutschen Erfindergeist, hohe Qualität, technische Flexibilität und enorme Leistungsfähigkeit geworden, betont Schäfer. Diese Herkunftsbezeichnung ist also auf keinen Fall ein Auslaufmodell. Damit dies so bleibt und auch ein Engineered in Germany alle Qualitätsversprechen erfüllen kann, bedarf es jedoch zahlreicher Anstrengungen. Denn viele Experten sehen mit Sorge, dass es an qualifiziertem Nachwuchs vielerorts mangelt. Ein Problem, das der demografische Wandel in Zukunft noch verschärfen wird. Zudem gewinnen die Themen Weiterbildung und lebenslanges Lernen weiter an Bedeutung. Unternehmen müssen sich für Jugendliche öffnen und dem Nachwuchs die Attraktivität von Arbeitsplätzen im Industrieumfeld zeigen. Wir fordern schon seit Jahren, etwas dafür zu unternehmen und beispielsweise in den Schulen eine Kultur der Technikaffinität zu etablieren und zu fördern, sagt Haeffs. Der VDI unterstützt mit seinen Initiativen VDini-Clubs und VDI-Zukunftspiloten für Kinder und Jugendliche diese Aktivitäten seit Jahren. Und auch Professor Wiedmann fordert eine Aufwertung dessen, was gerne als Bastler oder Technik-Nerd belächelt wird. Schließlich hängt unser aller Wohlstand davon ab, dass es viele kreative Köpfe in den technischen Berufen gibt. Mit der Internationalisierung ändert sich zugleich das Berufsbild des Ingenieurs, der nicht länger nur ein Tüftler ist, der im Alleingang forscht und entwickelt, sondern zum Koordinator und Manager von internationalen Entwicklungsprojekten wird. Hohe Fachkompetenz und auch organisatorische Fähigkeiten sind gefragt, weil zunehmend in internationalen Projektteams gearbeitet wird. Derzeit sind es zumeist in Deutschland ausgebildete Ingenieure und Experten, die die Produktion im Ausland auf die Beine stellen und dafür sorgen, dass Personal vor Ort nach deutschem Qualitätsverständnis angelernt und ausgebildet wird. Diese müssen auch in Zukunft weiter ausreichend vorhanden sein, ansonsten droht, selbst ein Engineered in Germany Schall und Rauch zu werden. Weitere Informationen Mehr über das Phänomen Engineered in Germany finden Sie unter Foto: Heidelberger Druckmaschinen AG Weitere Informationen Heidelberg? Nein: Qingpu, China.

7 12 / 52 NORD Gespräch im Foyer / 13 Lernangebote verändern sich derzeit rasant Ein Gespräch mit Dr. Sibylle Peters, Lehrstuhlinhaberin für Betriebliche Weiterbildung und Personalentwicklung an der Universität Magdeburg ( ), und Carsten Knoth, Geschäftsführer der Köster GmbH in Osnabrück. Das Thema dieser Ausgabe lautet Engineered in Germany. Zu den großen Pluspunkten Deutschlands im internationalen Vergleich zählt mit Sicherheit das hohe Fachwissen. Werden wir uns hierzulande künftig auf Forschung und Entwicklung konzentrieren? Peters: Wir durchleben derzeit tatsächlich einen Wandel bzw. Paradigmenwechsel von made in zu engineered in. Da die Produktion in Deutschland unter den globalen Wettbewerbsbedingungen in vielen Branchen unrentabel wird, wird immer noch Fertigung ins Ausland verlagert. Dennoch ist natürlich der Export des verarbeitenden Gewerbes aus Deutschland insgesamt sehr hoch. Als Trend würde ich sehen, dass Fotos: Achim Multhaupt langfristig der Fertigungsanteil in Deutschland eher sinkt, während der engineered -Anteil steigen wird. Dies bezieht sich in erster Linie auf F&E. Im Automobilsektor ist der Export des verarbeitenden Gewerbes sehr hoch: International werden die Autos der Luxusklasse aus Deutschland gern gekauft, wenn sie für Made in Germany stehen; der Erfolg vieler Produktionsstätten deutscher Hersteller im Ausland lässt aber erahnen, dass auch Engineered in Germany zum Gütesiegel werden kann. Welche Implikation hat der Wandel von Made in Germany zu Engineered in Germany auf die Rahmenbedingungen in den Bereichen Learning und Weiterbildung? Peters: Eines der zentralen Themen unserer Zeit ist die hohe Spezialisierung. Was Unternehmen jeweils brauchen, ist so speziell, dass Learning nur mit maßgeschneiderten Programmen funktioniert. Etwas, das ich häufig beobachte, ist die Einarbeitung neuer Mitarbeiter als zusätzlicher Fokus, auf den Unternehmen sich konzentrieren, weil es das standardisierte Weiterbildungsprogramm nicht mehr gibt. Man muss daher immer genau unterscheiden. D. h. gleich, ob wir über berufliche oder akademische Weiterbildung sprechen man benötigt sie nicht mehr flächendeckend, sondern nur noch individuell und in einer bestimmten Phase. Das klingt jetzt nach Hochschulschelte? Peters: Ganz im Gegenteil. Dies ist keine Kritik an den Studiengängen, denn wir haben gute Ausbildung und Berufsausbildung in Deutschland. Aber wir brauchen mehr offene Hochschulen für eine offene Form von Weiterbildung im Hinblick auf das neue Umfeld. Es sollte mehr Möglichkeiten zur Entwicklung individueller wie auch unternehmensspezifischer Angebote geben. Es gibt ja auch viele Mitarbeiter, die vielleicht keinen Hochschulabschluss haben, sich aber dennoch weiterbilden möchten, wie zum Beispiel in der Fertigung. Es kann aber auch im Bereich Forschung & Entwicklung der Fall sein, wo für die Produktentwicklung gewisse Freiheitsgrade nötig sind. All diese Mitarbeiter muss man heutzutage abholen und ihr betriebsinternes Potenzial entwickeln. Wir sehen Sie das Thema bei der Köster GmbH, Herr Knoth? Knoth: Als Bauunternehmen, das fast ausschließlich in Deutschland seine Leistungen erbringt, wird bei uns nicht nur das Engineering zu 100 Prozent in Deutschland erbracht. Wir sind, was diese Fragestellungen angeht, sicherlich in einer speziellen Branche aktiv. Allerdings wird auch im Bausektor bereits heute ein hoher Teil der Wertschöpfung durch Nachunternehmer, insbesondere aus den osteuropäischen Nachbarländern, erbracht. Insofern zeigt sich auch im Baubereich, dass der zunehmende Kostendruck zu einer Verlagerung führt. Dass Engineering- Leistungen für ausländische Märkte in Deutschland erbracht werden, können wir für unsere Marktsegmente nicht beobachten. Hier wirken bereits die vielfältigen rechtlichen Bestimmungen und Normen als Barriere. Wie wird Weiterbildung bei Köster GmbH organisiert? Knoth: Wir unterhalten seit 1996 die Köster-Akademie zur umfassenden Weiterbildung und Schulung unserer Mitarbeiter. Das Schulungsangebot deckt dabei nicht nur die bauspezifischen Anforderungen ab, sondern bietet darüber hinaus auch umfangreiche Angebote zum Selbstmanagement und zur Zusammenarbeit. Dabei verändern sich die Lerninhalte und -formen derzeit rasant. Zum einen gehen wir weg von den Standard-Seminarangeboten hin zu individualisierten Inhalten mit einem engen Bezug zu unseren bauspezifischen Anforderungen. Zum anderen sind insbesondere die jüngeren Mitarbeiter aufgrund der technologischen Veränderungen es gewohnt, sich im Web zu informieren. Für sie spielen die Themen Wissensplattformen und E-Learning eine immer größere Rolle. Also verändert E-Learning das gesamte Corporate Learning? Peters: Es entsteht an dieser Stelle derzeit eine gewisse Bipolarität. Jüngere Arbeitnehmer wissen meist genau, was sie suchen, und sie empfinden sehr stark den Druck wie auch das Interesse, den Arbeitsprozess zu beherrschen. Der Innovationsdruck bei Corporate Learning besteht heute insbesondere bei F&E und ganz besonders stark bei Projekten mit klar definierten Zielen. Und genau diese beiden Punkte kann man mit standardisierten Weiterbildungsangeboten heute nicht mehr auffangen. Also ist Innovation in der Weiterbildung gefragt? Knoth: Absolut, wir brauchen auch Innovation in der Weiterbildung. Vor 20 Jahren war Weiterbildung wohl meist ein fremdgesteuerter Lernprozess, der über klassische Seminarangebote abgedeckt werden konnte. Die höhere Komplexität und die gestiegene Veränderungsgeschwindigkeit, mit denen die Unternehmen heute konfrontiert werden, erfordern einen weitergehenden Ansatz. Treiber sind hier sicherlich zum einen die technologische Entwicklung, wie Web 2.0 und E-Learning, zum anderen aber auch die Erwartungen gerade der jüngeren Mitarbeiter. Technologisch bieten sich mit webbasierten Anwendungen und E-Learning heute einfach weitergehende Möglichkeiten. Diese werden von den jüngeren Mitarbeitern auch eingefordert, weil sie sie in ihrem privaten Umfeld kennengelernt haben und auch im beruflichen Umfeld nutzen wollen. Beispiele sind da sicherlich die vielfältigen Problemlösungen, die auf Youtube bereitgestellt werden. Die Herausforderung im betrieblichen Umfeld liegt dann darin, diese Möglichkeiten für die jeweiligen Mitarbeitergruppen optimal nutzbar zu machen.

8 14 / 52 NORD Gespräch im Foyer / 15 Das heißt, seit Jahren sehr vorteilhaft, denn sie bringen befindet sich alles im Fluss? die Beteiligten nicht nur physisch Peters: Die gesamte Weiterbildung zusammen, sondern vernetzen sie ist heute viel differenzierter und auch miteinander. Zugleich kann man komplexer geworden. Bei Fachkräften verändert sich permanent Schnittpunkt heraussuchen, gezielt im Rahmen eines Workshops einen das Tätigkeitsfeld, hier gilt es also, beleuchten und so die eigentlichen permanent nachzujustieren. Aber Probleme oder Fragestellungen identifizieren. Die Ergebnisse kann man auch Führungskräfte brauchen heute mehr Weiterbildung zum Beispiel in dann im Unternehmen zur Diskussion weitergeben. Im Endeffekt befähigt den Fragen, wie mit der seit Jahren gegenwärtigen wirtschaftlichen Unsicherheit umzugehen ist, wie Designs an der Diskussion zu beteiligen, und man so sämtliche Mitarbeiter, sich modelliert werden können oder was kann dann entscheiden, in welchen Führung heute überhaupt bedeutet. Bereichen implizites Wissen eine Rolle spielt diese müssen dann interaktiv, wie zum Beispiel mit E-Learning, Wie kann ein Unternehmen herausfinden, wer die internen Zielgruppen des Corporate Learning sind weiterbearbeitet werden. und welche Ansprüche sie haben? Der Markt für E-Learning Peters: Das A und O erfolgreicher differenziert sich derzeit immer Corporate Learning-Programme ist weiter aus. Was sind Ihre Erfahrungen bei Köster GmbH damit? die Beteiligung möglichst vieler Stakeholder. Dies kann man am besten Knoth: Wir machen sehr gute Erfahrungen mit E-Learning. Aus unserer über Workshops erzielen. Wichtig ist dabei, dass alle gleichberechtigt Sicht kommt es sehr darauf an, welche beteiligt werden. Workshops sind hier Lerninhalte für welche Mitarbeitergruppen angeboten werden. Der Vorteil liegt auf der Hand: der Mitarbeiter ist flexibler, weil Lernort und Lernzeit nach den individuellen Bedürfnissen gesteuert werden können. Auch die Inhalte können inzwischen sehr individuell auf die Teilnehmer abgestimmt werden. Nach den ersten positiven Erfahrungen entwickeln wir nun eigene Inhalte und E-Learning-Angebote, die an unsere individuellen Geschäftsprozesse angepasst sind. E-Learning betrifft ja dann auch die Frage des Wissensmanagements. Wie kann man das Wissen von Unternehmen am besten organi sieren, Dr. Sibylle Peters Foto: Achim Multhaupt pflegen und ausbauen? Was sagt die Forschung? Peters: Wissensmanagement dreht sich im Wesentlichen um den Transfer von Theorie und Praxis. Bislang war das häufig ein Problem, denn die Theorie gab immer vor, genau zu wissen, wie die Situation ist, verbunden mit dem Anspruch, dass die Praxis den Transfer zu leisten habe. Doch mit der Zeit wurden der größere Kontext und die Problematik dieses Ansatzes immer deutlicher. Wie organisieren Sie bei Köster GmbH das betriebliche Wissen? Knoth: Wir haben vor Jahren angefangen, uns diesem äußerst komplexen Thema zu nähern. Dabei haben wir im Köster-Masterplanâ das betriebliche Know-how sehr sauber strukturiert und auf dieser Basis ein Wissensmanagement ausgerichtet. Da die Wissensinhalte entlang unserer Geschäftsprozesse und damit am Wertschöpfungsprozess ausgerichtet sind, bieten sie den Anwendern einen praxisorientierten Zugang. In Sachen Verschlagwortung haben wir versucht, möglichst viele Anwendergruppen einzubeziehen. Die nächsten Herausforderungen werden darin liegen, die sogenannten Web 2.0-Charakteristiken, wie z. B. dynamische Inhalte, personalisierte Informationsangebote und Inhaltsgestaltungen, mit allen Nutzern zu entwickeln. Also war die Euphorie über die Leistungsfähigkeit des Computers in der Anfangsphase zu hoch? Peters: Sagen wir es so: In der ersten Phase wurde noch relativ stur nach Detailwissen in Datenbanken verschlagwortet allerdings machte es dies manchmal schwer, die richtigen Treffer zu erzielen. Hier gab es früher viele Probleme, aber die Konzentration auf die einzelnen Prozessphasen ermöglicht es seit einiger Zeit, explizites Fachwissen mit dem impliziten Wissen, über das die Mitarbeiter ebenso verfügen und für die Bearbeitung benötigen, besser in Wissensmanagement Systeme zu integrieren. Foto: Achim Multhaupt Carsten Knoth, Köster GmbH Wie haben Sie das Thema bei haben wir uns dazu entschlossen, die gesamten Bauprozesse im Köster- Masterplanâ zu dokumentieren und zugänglich zu machen. Nach diesem Prozesssystem werden bei uns alle Bauprojekte abgewickelt, um Qualität, Kosten und Termine transparent steuern zu können. Auch unser Wissensmanagement haben wir entlang des Wertschöpfungsprozesses organisiert. Hier findet sich z. B. unser gesammeltes Wissen zur Angebotsphase wieder. Derzeit geht es für uns darum, die Partizipation der Teilnehmer, also unserer Mitarbeiter, noch weiter zu erhöhen. Daher beschäftigen wir uns gerade damit, wie es gelingen kann, Nutzer zu aktiven Produzenten von Inhalten zu machen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die erforderliche Qualität der Beiträge gewährleistet wird. und auch für F&E im Bereich von Engineered in Germany. Flexibilität ist bei den Hochschulangeboten in weiterbildenden und weiterführenden Studiengängen geboten, sowie mehreren Mitarbeitergruppen in Unternehmen in berufsbegleitenden Weiterbildungsformen Angebote und Anreize zu bieten. Gleichzeitig wird die Einarbeitung nach der Ausbildung sowie für Hochschulabsolventen nach dem Studium wichtiger. Hier wäre es hilfreich, wenn über Weiterbildung eine Verzahnung verschiedener Bildungsangebote verstärkt würde und so die Bedarfe deutlicher und transparenter würden. Weiterbildung hat m. E. zukünftig verstärkt kreatives Lernen zu fördern und neue Formen zu entwickeln. Hier sind die Herausforderungen noch groß und das Wissensmanagement unter Einbindung der Mitarbeiter sehr gefragt. Köster GmbH organisiert? Knoth: Für unsere Ingenieure ist es natürlich wichtig, dass wir unser Wissen anwendungsorientiert und praxistauglich bereitstellen. Insofern Wie ist Ihr Ausblick bzw. was sind Ihre Erwartungen für die Zukunft? Peters: Die berufliche Ausbildung bleibt ein wichtiger Garant insbesondere für die verarbeitende Industrie Zur Person Sibylle Peters studierte Soziologie und Erziehungswissenschaft/Erwachsenenbildung in Münster und hatte zuletzt die Professur für Betriebliche Weiterbildung und Personalentwicklung im Institut für Berufliche Bildung und Betriebspädagogik der Fakultät für Humanwissenschaften der Otto-von-Guericke- Universität Magdeburg inne. Schwerpunkte ihrer Forschungsarbeit waren Führungskräftenachwuchsentwicklung, Wissens- und Projektmanagement sowie die Themen Gender und Diversity. Gegenwärtig hat Dr. Peters eine Gastdozentur und ist Lehrbeauftragte an der Technischen Universität Berlin, aktuelle Forschungen betreibt sie zur Arbeitszeitsouveränität in Projektorganisationen. Zur Person Carsten Knoth studierte Betriebswirtschaftslehre in Gießen. Nach seinem Studium arbeitete er ab 1993 als Prüfungsleiter und Seniormanager bei internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern. Ab 2002 war Herr Knoth als Geschäftsführer in der Lebensmittelindustrie tätig. Seit 2004 ist er kaufmännischer Geschäftsführer der Köster GmbH, der Baresel GmbH sowie Vorstand der Köster Holding AG.

9 16 / 52 NORD Länderfokus / 17 Marokko zieht an. Auf vielen Bekleidungsstücken steht rechnen die Experten wieder mit einem Zuwachs von 4,7 nicht selten Made in Morocco. Bislang vor allem von fran- Prozent. Wie eng das Land mit Spanien, Frankreich oder zösischen und spanischen Textilfirmen geschätzt, haben Deutschland verzahnt ist, beweist der Außenhandel. nun auch deutsche Hersteller die Vorteile des nordafrika- Weit über 50 Prozent aller Exporte gehen in die EU. Doch nischen Landes entdeckt und lassen dort fertigen. Mar- Marokko ist nicht nur nach Europa ausgerichtet, sondern ken und Konzerne wie Zara, Diesel oder Miss Sixty sind ebenfalls nach Afrika und Amerika, erklärt Fausi Najjar. mittlerweile vor Ort präsent. Der Grund: Gerade einmal 14 Denn Rabat hat mittlerweile über 50 Freihandelsabkom- Kilometer trennen Marokko vom europäischen Festland. men mit anderen Staaten oder Wirtschaftsräumen rati- Innerhalb weniger Tage erreichen die Erzeugnisse ihren fiziert, so der Repräsentant von Germany Trade & Invest Zielort und müssen nicht erst zwei Monate lang um die (GTAI) im Maghreb. halbe Welt reisen. Selbstverständlich lohnt es sich schon 1999 übernahm König Mohammed VI. die Regierungs- längst nicht mehr, Standard- oder Massenware wie weiße geschäfte von seinem Vater Hassan II. Dieser Genera- T-Shirts in Marokko nähen zu lassen, relativiert Angela tionswechsel läutete zugleich einen neuen Kurs in der Ben Aissa. Diese wird in Zukunft weiterhin vor allem Wirtschaftspolitik ein. Marokko ist ein vergleichsweise aus Südostasien zu uns kommen. Das hat auch die hiesi- ressourcenarmes Land mit hohem Bevölkerungswachs- ge Textilindustrie schmerzhaft zu spüren bekommen, tum, skizziert Ben Aissa die Ausgangslage. Deshalb so die Referentin für Nordafrika des Afrika-Vereins der wollten es die Verantwortlichen möglichst attraktiv für deutschen Wirtschaft e. V. Aber für die so genannte Fast ausländische Investoren machen und die verarbeitende Fashion ist das Land ein durchaus interessanter Standort. Industrie ausbauen. Seither ist sehr viel geschehen: Der Denn marokkanische Hersteller von Textilien können Ausbau des Transportwesens und eine Verbesserung der recht kurzfristig auf das sich immer schneller drehende Verkehrsinfrastruktur wurden in Angriff genommen, Kollektionskarussell reagieren und entsprechend liefern. beides ist aber noch nicht ganz abgeschlossen. So war Ma- Diese Fähigkeit in Kombination mit der geografischen rokko das erste Land in Nordafrika, das die 3G-Technologie Nähe zu Europa zählt eindeutig zu den großen Stärken im Mobilfunk einsetzte, nun bereitet man die Aufrüstung Marokkos. Zudem sind die Lohnkosten vergleichswei- auf den LTE-Standard vor. Ein Meilenstein war 2007 die se niedrig, jedoch deutlich höher als in Bangladesch Eröffnung des Tiefseehafens Tanger Med, der innerhalb oder Vietnam. Selbst im benachbarten Tunesien sind weniger Jahre zu einer wichtigen Drehscheibe im interna- sie im Durchschnitt um rund 10 Prozent niedriger. tionalen Handel aufstieg und schon heute an die Grenzen seiner Kapazitäten gelangt ist. Für eine Erweiterung sind Die Produktionskarawane ist in Marokko angekommen. Foto: Angelo Gandolfi / plainpicture Stabilität ist Trumpf Es ist aber nicht nur sein Platz auf der Landkarte, der das Königreich im äußersten Nordwesten Afrikas zu einem bedeutsamen Produktionsstandort machte. Im Unterschied zu den anderen Staaten in der Region überstand Marokko den sogenannten Arabischen Frühling völlig unbeschadet, erläutert Marco Wiedemann. Es kam nur zu wenigen Demonstrationen, auf denen eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse und mehr politische Partizipationsmöglichkeiten eingefordert wurden, so der Geschäftsführer allein in diesem Jahr 1,1 Milliarden Euro vorgesehen, so Wiedemann. Das Autobahnnetz wird ständig ergänzt und mit dem sich im Bau befindlichen TGV zwischen Tanger und Marrakesch entsteht die erste Hochgeschwindigkeitsstrecke auf dem afrikanischen Kontinent. In diese wichtigen Maßnahmen wurde auch der jahrzehntelang vernachlässigte Norden des Landes mit einbezogen. Günstiger als Osteuropa Recht bald erntete Marokko die ersten Früchte für sei- Marokko: Evolution statt Revolution der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Marokko mit Sitz in Casablanca. Das Königshaus selbst wurde nie in Frage gestellt und erfreut sich weiterhin großer Popularität in allen Schichten. Diese politische Stabilität ist Marokkos großer Trumpf und bescherte dem Land einen ne Anstrengungen nahm Renault-Nissan in der Freihandelszone von Tanger die Produktion unter anderem von Fahrzeugen seiner Billigmarke Dacia auf, die größtenteils für den Export vorgesehen sind. Wenn alles nach Plan läuft, werden dort in den kommenden ordentlichen Wachstumsschub. Daran änderten auch die Jahren rund Autos die Werkshallen verlassen. Das Land hat sich zum Musterschüler Nordafrikas gemausert. Politische Stabilität geht einher mit soliden wirtschaftlichen Wachstumsraten. Nicht zuletzt deshalb hat sich das Königreich zu einem interessanten Produktionsstandort unmittelbar vor den Toren Europas entwickelt. konjunkturellen Turbulenzen auf den Weltmärkten relativ wenig. In den Jahren zwischen 2009 und 2013 legte die Wirtschaft durchschnittlich um 4,1 Prozent zu. Zwar fiel das Plus 2014 laut IWF mit schätzungsweise 3,5 Prozent etwas magerer aus als sonst, für das laufende Jahr aber Das Engagement der Franzosen lockte zudem zahlreiche Autozulieferer ins Land oder motivierte andere, die schon vor Ort aktiv waren, ihre Produktion auszuweiten. Beispielhaft dafür ist Leoni, einer der bedeutendsten Hersteller von Bordnetz-Systemen weltweit, weiß Wie-

10 18 / 52 NORD Länderfokus / 19 Foto: Eugene Sergeev / dreamstime Drehscheibe für den Export: Cargo Terminal in Tanger. demann zu berichten. Im Oktober vergangenen Jahres schaftszweigen, die gezielt von der Regierung gefördert Kapital gesteigert werden kann, sondern die Verbesserung Bau von Windkraftanlagen geradezu ein. Aktuell sind hat das Unternehmen sein fünftes Werk in Marokko werden. Eine weitere ist die Luft- und Raumfahrtbranche der Effizienz in der Wirtschaft zunehmend wichtiger wird. gerade Projekte zur Erzeugung von Windenergie im Wert eröffnet. Knapp 110 exportorientierte Unternehmen der und auch diese entwickelt sich zunehmend zu einer Er- Denn nur billig arbeiten lassen geht in anderen Ländern von rund 2,5 Milliarden US-Dollar im Bau. Und jüngst Kfz-Branche haben sich mittlerweile angesiedelt und folgsgeschichte. Marokko hat sich ebenfalls als verlänger- oftmals besser. Deshalb gibt es bereits ein breit gefächer- erhielt der saudische Konzern ACWA Power den Zuschlag es dürften bald noch mehr werden. Auch die Lear Corp., te Werkbank von Airbus einen Namen gemacht, so Fausi tes Angebot an IT- oder Ingenieurdienstleistungen, die für die Errichtung zweier großer Solarkraftwerke, die Teil ein renommierter Zulieferer von Bordnetz-Systemen, Najjar. Zahlreiche Flugzeugzulieferer haben hier Pro- aber traditionell eher auf den französischen Markt zuge- der ehrgeizigen energiepolitischen Pläne Marokkos sind, nahm Ende 2014 die Produktion von Kabelbäumen in der duktionskapazitäten aufgebaut und sich beispielsweise schnitten sind, ergänzt Najjar. bis zum Jahr 2020 rund zwei Gigawatt allein mit Hilfe der Freihandelszone der Industriestadt Kenitra auf; an ande- in einer der Freihandelszonen angesiedelt expor- Sonne zu erzeugen. 42 Prozent seines Strombedarfs will ren Standorten in Marokko lassen die Amerikaner bereits seit Jahren elektrische Komponenten sowie Fahrzeugsitze herstellen. Renault-Nissan, Leoni und Co. entschieden sich auch deshalb ganz bewusst für das nordafrikanische Land, weil die Lohnkosten deutlich unter denen in Osteuropa liegen und zentrale Absatzmärkte so nah sind. Gerade für relativ arbeitsintensive Produktionsprozesse, die keine übermäßig qualifizierten Fachkräfte benötigen, eignet sich Marokko hervorragend als Standort für Investitionen, ist GTAI-Experte Najjar überzeugt. Zudem gehört die Kfz-Zulieferindustrie zu den Wirt- tierte Marokko bereits für knapp 1 Milliarde US-Dollar Flugzeugteile und Ausrüstungen, bis 2020 soll sich dieses Volumen verdoppeln. Dabei geht es längst nicht mehr nur um einfache Komponenten wie Sitzgurte oder Kabelbäume, geplant ist ebenfalls die Fertigung von Rumpfteilen für den Airbus 321 sowie von Leichtflugzeugen. Marokko will sich auf diese Weise langfristig als Standort für die Produktion von höherwertigen Gütern positionieren, so Ben Aissa. Schließlich befindet sich das Land schon heute in einer Übergangsphase, in der der Wohlstand nicht einfach durch den zusätzlichen Einsatz von Arbeit und Große Pläne für erneuerbare Energien Marokko verfügt weder über Öl- noch über Gasvorkommen und muss Energie weitestgehend importieren. Für ein Entwicklungsland ist das ein teurer Spaß, erklärt der GTAI-Mann und verweist auf die sich daraus ergebenden Geschäftschancen für deutsche Unternehmen. Das Königreich setzt schon seit geraumer Zeit auf die Förderung von erneuerbaren Energien. Schließlich gibt es Sonne satt und die langen Küsten am Meer laden zum das Land bis dahin aus alternativen Quellen beziehen. Im Rahmen dieser Vorhaben kommen aufgrund ihrer Kompetenzen in diesem Bereich auch mittelständische Zulieferer aus Deutschland ins Spiel, berichtet Wiedemann. Natürlich ist Marokko noch lange kein Industrieland und weit davon entfernt, ein Tigerstaat zu sein. Der Agrarsektor ist zwar mit 16 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt längst nicht mehr so bedeutend wie früher, aber 39 Prozent aller Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft. Auch wenn marokkanisches Obst und Gemüse längst den Weg nach Europa gefunden haben, ist dieser Bereich häufig

11 20 / 52 NORD Länderfokus / 21 Marokko ist eng verzahnt mit der EU und könnte sich zu einem Tigerstaat entwickeln. von Subsistenz geprägt und sind die Erträge, oftmals aufgrund ausbleibender Regenfälle und technologischer Rückständigkeit, stark schwankend. Zudem herrscht im Land ein Mangel an Fachkräften. Wer Marokko als Produktionsstandort in Betracht zieht, muss bei der Qualifikation seiner Mitarbeiter entweder Abstriche machen oder selbst nachlegen. Doch die Regierung ist sehr um eine Anhebung des Ausbildungsniveaus bemüht und greift deshalb Unternehmen bei der Förderung entsprechender Maßnahmen steuerlich unter die Arme, so Najjar. Steigende Bevölkerungszahlen Marokko steht zudem unter starkem sozialen Druck, weil jedes Jahr aufgrund der demografischen Entwicklung Menschen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt strömen Dabei ist das Bildungsniveau relativ gut, lautet dazu die Einschätzung von Wiedemann. Aber die ausreichende Verfügbarkeit von Facharbeitern stellt in der Tat eine große Herausforderung dar. Trotzdem, im Vergleich zu Südostasien weist Marokko einige klare Vorteile auf, die für das Land als Standort sprechen: Zum einen gibt es nicht diese starke Mitarbeiterfluktuation, über die viele in China tätige Unternehmen immer wieder klagen, meint Ben Aissa, Marokkaner sind eher an langfristigen Beschäftigungsverhältnissen interessiert. Zum anderen beherrschen sie häufig europäische Fremdsprachen, was die Kommunikation deutlich erleichtert und kulturell bedingte Missverständnisse zu vermeiden hilft. Im Regelfall kann man mit seiner Belegschaft direkt und ohne Umwege kommunizieren. Um als Produktionsstandort auch weiterhin attraktiv zu bleiben, muss Rabat jedoch noch einiges in Angriff nehmen, um die Rahmenbedingungen zu verbessern. Denn in allen Korruptions- und Businessklima-Indices belegt Marokko eher das Mittelfeld. Das Land hat in der Vergangenheit aber deutlich aufgeholt und einige Plätze gut gemacht, merkt Ben Aissa an. Doch nach wie vor gilt die Bürokratie als wenig flexibel und daher als eines der Haupthindernisse. Dabei versuchte man von offizieller Seite durch die Schaffung eines One-Stop-Shops im Jahr 2002, ausländischen Investoren den Einstieg so leicht wie möglich zu machen und entsprechende Prozesse zu beschleunigen. Aber wenn es um Fragen des Grundstückserwerbs oder längerer Aufenthaltsgenehmigungen geht, müssen sich Interessenten weiterhin an andere Behörden wenden, was durchaus zeitraubend sein kann und sich oftmals mühsam gestaltet. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass die marokkanische Wirtschaft von Akteuren mit hoher Marktdominanz und guten politischen Verbindungen geprägt ist. Dies ist allerdings weniger beim Export relevant als vielmehr wenn es darum geht, auf dem marokkanischen Binnenmarkt Fuß zu fassen, gibt Najjar zu bedenken. Wer sich trotzdem auf Marokko einlässt, gewinnt nicht nur einen attraktiven Produktionsstandort quasi vor Europas Haustür, sondern findet darüber hinaus ein Sprungbrett zu zahlreichen anderen internationalen Märkten. Foto: View Pictures / mauritius-images Vorzeigeprojekt: Technische Hochschule Guelmin. Weitere Informationen Besuchen Sie unser Online-Special unter wenn Sie mehr über die wirtschaftliche Entwicklung Marokkos erfahren möchten.

12 22 / 52 NORD NORD/LB Story Schuldscheindarlehen / 23 Foto: NORD/LB Unternehmensfinanzierung & Schuldscheindarlehen Ein Interview mit Frank Bartschat, Senior Director Corporate Finance NORD/LB. Wie ist es um die Finanzierungssituation von Mittelständlern in Deutschland bestellt? Viele mittelständische Unternehmen haben seit der Krise ihre Hausaufgaben gemacht. Die beiden wesentlichen Punkte dabei sind die Stärkung der Eigenkapitalbasis und die Verbesserung des Working Capitals. Gerade die Optimierung des Working Capitals hat dazu geführt, dass viele Unternehmen eine sehr auskömmliche Liquiditätsbasis haben. Dies führt wiederum dazu, dass die Aufnahmebereitschaft von Fremdkapital eher gering ist. Auch hat sich das Ziel der Finanzierung in den letzten Jahren geändert. Stand in der Krise die Liquiditätssicherung zu enormen Kosten im Vordergrund, steht nunmehr die Kostenoptimierung im Fokus. Zur Sicherung der Liquidität haben viele Unternehmen in der Krise Finanzierungen mit einer großen Anzahl von Banken abgeschlossen. Die Kosten waren hier eher eine Art Nebenschauplatz. In den letzten zwei bis drei Jahren sind diese Finanzierungen in der Form abgelöst worden, dass die Anzahl der Banken und die Kosten erheblich reduziert wurden. Die Börsen-Zeitung meldete im Januar, dass der Markt für Schuldscheine im Jahr 2014 erneut gegenüber dem Vorjahr gestiegen sei. Welche Entwicklung erwarten Sie für das laufende Jahr? Im Jahr 2014 haben Unternehmen 9 Milliarden Euro in Unternehmensschuldscheinen emittiert, das Transaktionsvolumen lag damit mehr als 20 Prozent über dem des Vorjahresniveaus. Wie auch in den Vorjahren war dabei das zweite Halbjahr von einer höheren Emissionsaktivität gekennzeichnet als das erste. Durch die hohe Marktliquidität seitens der Investoren bei gleichzeitig geringem Angebot hält der Trend deutlicher Überzeichnungen weiter an. Da niemand auf dem Markt derzeit mit einer Zinserhöhung rechnet, erwarten wir für das Gesamtjahr 2015 ein ähnliches Emissionsvolumen. Warum hat das Schuldscheindarlehen in den letzten Jahren so an Attraktivität gewonnen? Dafür gibt es viele Gründe. Bis einschließlich 2007 betrug das jährliche Volumen für Schuldscheindarlehen rund 4-5 Milliarden Euro, 2007 sogar nur rund 3 Milliarden Euro. Durch die Emissionen des Schuldscheindarlehens der Telekom über 800 Millionen Euro und desjenigen von BMW über 1,35 Milliarden Euro Anfang 2008, als Ersatz für Anleihen und Konsortialkredite, stieg der Bekanntheitsgrad dieses Finanzierungsinstruments massiv. In der Folge interessierten sich mehr und mehr Unternehmen dafür und die Banken verstärkten den Vertrieb. Ein weiterer Grund ist die schlanke Dokumentation mit rund 25 Seiten sowie der schlanke Prozess mit nur drei Monaten für die Umsetzung. Zusätzlich spielt die hohe Liquidität der Investoren eine große Rolle. Der Anlagedruck ist sehr groß, so dass sich auch die Konditionen zugunsten der Unternehmen entwickelt haben. Aus meiner Sicht reflektiert das Pricing derzeit bei Schuldscheindarlehen nicht die zugrunde liegenden Risiken, vielmehr haben wir ein liquiditätsgetriebenes Preisniveau. Nicht zu vergessen natürlich, dass die Gesamtkosten eines Schuldscheindarlehens im Vergleich zu anderen Instrumenten, insbesondere einer Anleihe, sehr gering sind. Beim Schuldscheindarlehen wird am Ende der Laufzeit in der Regel ein größerer Betrag fällig bzw. eine Anschlussfinanzierung. Welche Erfahrungen haben Sie damit bei Unternehmen, die Sie begleitet haben? Im derzeitigen günstigen Marktumfeld beobachten wir zwei Trends. Zum einen zahlen die Unternehmen die fälligen Tranchen aus eigener Liquidität zurück. Dies reduziert einerseits den Zinsaufwand und ist andererseits wirtschaftlich sinnvoll, da im momentanen Niedrigzinsumfeld attraktive Anlagemöglichkeiten fehlen. Zum anderen nutzen viele Unternehmen diese Niedrigzinsphase, um neue Schuldscheindarlehen zu wesentlich niedrigeren Konditionen aufzulegen. Was halten Sie davon, die Finanzierungen über mehrere Laufzeiten zu verteilen? Eine bestimmte (Tilgungs-) Struktur durch verschiedene Fälligkeiten durch unterschiedliche Laufzeiten ist absolut sinnvoll. Die verschieden Laufzeiten müssen aber mit anderen Fälligkeiten von anderen Finanzierungsinstrumenten abgestimmt werden, um größere Refinanzierungsrisiken zu vermeiden. Wann lohnt sich ein Schuldscheindarlehen, wann eine Anleihe? Aus meiner Sicht muss jedes Unternehmen verschiedene Punkte für sich klären: Stehen bei einem Schuldscheindarlehen wie im Falle einer Anleihe institutionelle Investoren im Fokus oder ist es eher für Banken geeignet? Dann gilt es natürlich, zu klären, über welches Volumen wir reden. In der Regel sind bei Anleihen größere Volumina, ab 200 Millionen Euro und mehr, zu erzielen als beim Schuldscheindarlehen. Auch Aufwand und Kosten sind bei Anleihen wesentlich höher. Und last but not least die Publizitätspflichten, die bei einer Anleihe wesentlich umfangreicher sind und auch öffentlich zugänglich gemacht werden müssen. Bei einem Schuldscheindarlehen müssen nur die in der Dokumentation definierten Informationen veröffentlicht werden und diese werden nur an die SSD-Investoren verteilt. Wie würden Sie die Verbindung bzw. das Verhältnis und den Unterschied zum Konsortialkredit beschreiben? Nachdem das Schuldscheindarlehen während der Krise als reines Liquiditätsbeschaffungsinstrument zu hohen Margen diente, hat es sich nun als regelmäßiges Finanzierungsinstrument neben dem Konsortialkredit etabliert. Dabei verfolgen die Unternehmen die Strategie, dass sich die Kernbanken im Konsortialkredit engagieren und zusätzlich Cross-Selling-Bedarfe für das Unternehmen abdecken. Von daher kommt das Schuldscheindarlehen zum Einsatz, wenn ein bestimmter Bodensatz finanziert werden soll. Schuldscheindarlehen waren bislang eher in Deutschland bekannt. Kann man sagen, dass der Trend zu diesem Instrument von Deutschland nun auf die anderen Länder überschwappt? War das SSD in den letzten Jahren ein typisches Produkt für den deutschen Mittelstand, ist in der Tat eine Internationalisierung festzustellen. Der Grund dafür ist sicherlich die breitere Präsenz in der Presse auch international. Ein weiterer Grund ist, dass neben den deutschen (Landes-) Banken auch international aufgestellte Banken Schuldscheindarlehen arrangieren. Doch auch die deutschen (Landes-) Banken vermarkten das Produkt nun verstärkt im Ausland. Neben einer Internationalisierung der Emittenten lässt sich dieser Trend auch bei den Investoren feststellen. In letzter Zeit treten hier verstärkt Investoren aus Asien in den Vordergrund. Dabei ist zu beachten, dass ein Schuldscheindarlehen vom rechtlichen Status her immer deutschem Recht unterliegt. Für internationale Investoren wird eine Dokumentation in englischer Sprache erstellt, rechtlich bindend ist jedoch das deutsche Original. Welche Schuldscheine haben Sie begleitet? Die NORD/LB ist seit Jahren ein aktiver Player am Schuldscheinmarkt. Jedes Jahr werden seitens der NORD/LB rund 15 Emissionen federführend begleitet. Dabei tritt die NORD/LB bei kleineren Emissionsvolumina (bis zu 50 Millionen Euro) als alleiniger Arranger auf. Bei Emissionsvolumina über 50 Millionen Euro ist es üblich, zwei bis drei Arranger für eine solche Transaktion zu mandatieren. Das für die NORD/LB kleinste Schuldscheindarlehen betrug 15 Millionen Euro, das größte 550 Millionen.

13 24 / 52 NORD NORD/LB Story Schuldscheindarlehen / 25 Foto: Classen GmbH & Co. KG Mittelständler haben sich neuen Finanzierungsquellen geöffnet Ein Interview mit Stefanie Quervel, Geschäftsführerin des Laminatherstellers Classen GmbH & Co. KG. Frau Quervel, was ist kennzeichnend und typisch für den Markt der Bodenbeläge, insbesondere in Sachen Finanzierung? Die Classen-Gruppe ist ein mittelständisches Familienunternehmen. Wir haben uns von einem Handelsbetrieb zu einem vollintegrierten Laminatfußbodenhersteller entwickelt. Diese Entwicklung war nur durch die konsequente Umsetzung von Innovationen und Investitionen möglich. Doch zur Finanzierung dieser Strategie reichen thesaurierte Gewinne nach Steuerzahlungen nicht aus. Daher benötigen wir zusätzlich Fremdkapital. Schließlich ist unser Geschäft durch die Produktion sehr kapitalintensiv. Dies führt auch dazu, dass unsere Wettbewerber meist sehr große Unternehmen sind, die ihren Ursprung in der Spanplatten- und MDF-Plattenfertigung haben. Einer unserer großen Vorteile ist unser zentraler und integrierter Produktionsstandort in Baruth, Brandenburg, der eine kostenoptimierte und hoch flexible Fertigung ermöglicht. Welche Rolle spielt das Thema Innovation bei Ihnen? Forschung und Entwicklung stehen bei uns ganz oben auf der Agenda. Wir verfügen über zahlreiche Patente. Zu den bekanntesten Patenten gehört unser Patent Megaloc, eine von uns entwickelte, weltweit angewandte Verlegetechnik, sowie unser LLT - Patent zur effizienten Oberflächengestaltung. Die Oberflächengestaltung des Laminatbodens hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Während man in den Anfängen der Laminatherstellung ein fertig bedrucktes Papier auf den Boden klebte, bedrucken wir heute die Platte mit modernster Digitaldruck-Technik selbst. Derzeit werden die Dekorwünsche der Kunden immer individueller und damit rücken kleine Losgrößen in den Vordergrund. Auch hier haben wir in unserem Marktsegment eine Vorreiterrolle gespielt. Welche Rolle spielt heute das Verhältnis zur Hausbank? Hat es aus Ihrer Sicht hier einen Wandel gegeben? Das Verhältnis hat sich in der Tat verändert. Vor 15 Jahren waren Banken sehr breit aufgestellt und die Beziehung zur Hausbank basierte auf einem persönlichen Vertrauensverhältnis zwischen Unternehmer und Banker. Durch den starken Strukturwandel in der Branche sind die meisten Banken heute sehr beschäftigt damit, sich in puncto Regularik neu aufzustellen und ihr Geschäftsmodell ständig neu auszurichten dadurch haben sie sich von ihrem Urgeschäft, der Kreditvergabe an Unternehmen, entfernt. Zudem sind die Banken sehr zurückhaltend, während es zugleich sehr viel Geld auf den Märkten gibt, das Anlage sucht. Daher gehen auch zunehmend viele mittelständische Unternehmen direkt auf die Kapitalmärkte und tun sich mit Investoren zusammen. Viele Unternehmen haben ihre Finanzierungen neu auf die Beine gestellt bzw. umstrukturiert. Trifft das auch auf die Classen-Gruppe zu? Als Unternehmen muss man sich in Sachen Finanzierung heute breiter aufstellen, um gegen plötzliche Änderungen in der Finanzierungswelt gewappnet zu sein. Daher haben wir unseren Bankenkreis erweitert, über den wir unseren Liquiditätsbedarf abdecken. Viele Mittelständler, die viel investieren, haben sich gegenüber neuen Finanzierungsquellen wie dem Schuldscheindarlehen geöffnet. Wir haben seit jeher viel investiert, laufend Kredite aufgenommen und hatten am Ende ein Geflecht unterschiedlicher Kredite mit unterschiedlichen Sicherheitenstrukturen. Dies wollten wir ändern und haben die Finanzierung langfristig neu ausgerichtet und die Kreditbasis verändert, um dann im nächsten Schritt eine Neuverhandlung der Kredite anzustreben. Zudem ging es auch um eine neue Sicherheitenstruktur, die Raum für künftige Investitionen ließ. Sie haben mit der NORD/LB ein Schuldscheindarlehen platziert. Was war der Hintergrund? Wie gesagt wollten wir unsere etwas zersplitterte Finanzierungsstruktur vereinheitlichen. Die Lösung war eine neue Organisation mit einem neuen Sicherheitenkonzept, das Raum für künftige Entwicklungen ließ. Dabei fiel die Entscheidung für einen Schuldschein über 56 Millionen Euro, der als Anschubfinanzierung einer Designboden-Fertigung hier vor Ort in Kaisersesch diente. Mit dem Schuldschein selbst haben wir auch unattraktive Bankverbindlichkeiten abgelöst und einen Rahmenkredit zu sehr guten Konditionen aufgenommen. Diesen haben wir als Konsortialkredit mit zehn Jahren Laufzeit ausgehandelt und dabei auch das Sicherheitenkonzept für alle Banken vereinheitlicht. Im dritten Schritt haben wir die bilateralen Bankverbindungen neu ausgeschrieben und konnten dabei attraktive Kontokorrentkredite verhandeln. Die Initialzündung dieser kompletten Neuaufstellung unserer Finanzierung war der Schuldscheinkredit. Welche waren die besonderen Herausforderungen? Den Ablauf hat die NORD/LB sehr effizient organisiert. Sie übernahm zunächst die Präsentation des Produkts, anschließend führten wir eine Telefonkonferenz mit den potenziellen Investoren durch. Die Informationen über Unternehmen und Schuldschein wurden dann auf einer Internetplattform hinterlegt, auf der die Investoren ihre Vorbestellungen in Form von Soft-Ordern abgeben konnten. So hatten wir schon im Laufe der Ausschreibungsphase immer den Überblick, wie hoch das Volumen an harten und weichen Ordern war. Im Endeffekt war der Schuldschein überzeichnet und wir konnten ihn erfreulicherweise sogar noch aufstocken. Die besondere Herausforderung war mit Sicherheit, dass die Investoren eine Negativerklärung erwarten, in der wir uns verpflichten, andere Kreditgeber nur in einem bestimmten Umfang zu besichern. Dabei war es für uns auf der einen Seite wichtig, ein Commitment bei den Investoren abzugeben, andererseits aber auch die Flexibilität für weitere Expansion zu erhalten. Hier ist es gelungen, eine für beide Seiten faire Lösung zu finden.

14 26 / 52 NORD Online-Special / 27 Branchenspecial Textilindustrie Die Textilindustrie war neben der Stahlindustrie eine der beiden Wiegen der industriellen Revolution in Deutschland. Doch seit den Siebzigerjahren hat sie einen beispiellosen Rückgang an Arbeitsplätzen hinnehmen müssen, weil Arbeitsplätze ins Ausland verlagert wurden. Die Branche zählte damit zu den ersten, die ihre Prozesse und Prozessketten internationalisierte und eine neue Form der Arbeitsteilung erschuf. Dennoch macht Deutschland als Standort für Textilien immer noch eine gute Figur. Länderfokus Marokko: Evolution statt Revolution Dem Land an der Westküste Nordafrikas ist ein kleines Kunststück geglückt, denn es hat sich im Vergleich zu anderen Anliegerstaaten der Region wirtschaftlich sehr gut entwickelt. Dahinter steckt eine kluge Wirtschaftspolitik, mit der sich das Land am Rand der europäischen Union positionierte. Kernelemente dieses Aufbruchs sind Investitionen in Infrastruktur und Bildung. Mittelstand Live: Intuition Stehen wir vor dem Ende der Vernunft? Seit rund 200 Jahren gelten analytische Urteile auf der Basis wohl abgewägter Argumente als Grundlage erfolgreicher Entscheidungen. Doch spätestens seit dem Einzug von Psychologie und Neurowissenschaft wendet sich das Blatt. Kritiker wenden nämlich heute ein, es gebe zu viele Beispiele erfolgreicher Unternehmer, die Urteile mehr aus dem Bauch heraus denn auf der Grundlage von Zahlen, Daten und Fakten entscheiden. Ein Lagebericht. Architektur: 3D-Druck: Immobilien auf Knopfdruck Haben Holz, Beton und Steine bald ausgedient? Wenn es nach dem Willen von Trendforschern geht: ja. 3D-Druck heißt das Zauberwort, das derzeit die Phantasien der Architekturbranche beflügelt. Die Technologie, die bislang eher zum Ausdrucken kleiner Ersatzteile genutzt wurde, schickt sich an, eine Branche zu revolutionieren. In Holland wird derzeit gar das erste Haus der Welt ausgedruckt. Eine Reportage. 52 LIVE Sonderthema Mai: Engineered in Germany In unserem Mittelstandsportal 52 LIVE finden Sie regelmäßig Specials zu Trendthemen im Mittelstand. Wir führen für Sie Interviews, analysieren die derzeitige wirtschaftliche Situation und informieren über die Trends von morgen. Diesen Service können Sie kostenlos abonnieren. 52 LIVE 52 LIVE: Ganz gleich, ob Sie mit Smartphone, Tablet oder Desktop im Internet surfen, die Technik hinter 52 LIVE erkennt automatisch, um was für ein Gerät es sich handelt, und passt Inhalte und Bildschirm automatisch an. Scannen Sie jetzt den QR-Code und surfen Sie durch das neue Magazin. 52 LIVE kostenlos abonnieren Wir halten Sie auf dem Laufenden! Abonnieren Sie 52 LIVE kostenlos, indem Sie in unserem Magazin auf den Abo-Button klicken. Selbstverständlich können Sie sich ebenso unkompliziert wieder abmelden.

15 28 / 52 NORD Architektur / 29 großangelegte Forschungsprojekt, an dem sich Unternehmen, Universitäten und Städteplaner beteiligen, hat zum Ziel, das erste komplett gedruckte Haus zu realisieren. 3D-Druck: Immobilien auf Knopfdruck Die Grundfesten des Bauens haben sich seit alters her nur wenig geändert: Gebaut wird auch heute noch ganz traditionell mit Holz, Stein, Stahlbeton oder Glas. Doch die Baugeschichte könnte vor einer Zeitenwende stehen: Architekten und Ingenieure planen die digitale Revolution auf der Baustelle. 3D-Druck oder additive Fertigung heißt das Zauberwort. In der Automobilindustrie wird dieses Verfahren in der Prototypenentwicklung eingesetzt. Schmuck, medizinische Geräte, Designstücke oder Hüllen für Smartphones werden heute so hergestellt. Aber Architektur aus dem Plotter? Das ist neu. 3D-Druck: Ornament aus dem Drucker. Auf der Baustelle ist es ungewöhnlich ruhig. Keine Kräne, keine Bagger, keine Planierraupen, nur das beständige Surren eines überdimensionierten 3D-Druckers. Schicht für Schicht, Millimeter für Millimeter dreht die gigantische Nadel des Druckers ihre Runden und trägt dabei dünne Plastikfäden aufeinander. Das Ergebnis nach acht Stunden: eine 1,60 Meter hohe Säule. Im Amsterdamer Stadtteil Noord entsteht auf diese Weise ein Grachtenhaus. Vier Stockwerke, 13 Zimmer, im traditionellen Stil mit verzierten Giebeln. Doch statt Stein, Mörtel und Zement kommt Kunststoff zum Einsatz. Und es wird nicht gemauert, sondern eben gedruckt. Der Drucker mit drei Metern Höhe und zwei mal zwei Metern Grundfläche der weltweit größte seiner Art produziert Einzelteile wie Wände, Treppen oder Teile der Fassade, die dann am Ende einfach zusammengesetzt werden. Lego für Erwachsene quasi. Das Foto: DUS architects Zeitenwende in der Architektur? Die Digitalisierung hat das Architektur- und Bauwesen in den letzten 20 Jahren bis in die letzten Winkel durchdrungen. Heute gehören Softwareprogramme wie CAD und BIM zum Standard bei der Entwicklung und Darstellung räumlicher Konzepte. Entwurfs- und Planungsprozesse wurden damit von Grund auf umgekrempelt, dynamisiert und vereinfacht. Das Bauen an sich hingegen hat sich seit dem 19. Jahrhundert kaum verändert es bleibt zeitaufwändig, kostspielig und arbeitsintensiv. Der 3D-Drucker soll hier nun Abhilfe schaffen. Forscher und Visionäre weisen der Technologie eine ähnlich große Sprengkraft zu wie der Erfindung des Betons durch die Römer in der Antike. Alles am Bau soll sich dadurch verändern: Konstruktion, Materialität, Statik-Formeln, Ästhetik. Der eigentliche Vorteil dieser Technologie liegt darin, dass man ohne Zwischenschritt direkt aus dem Computer bzw. dem Entwurfsprogramm heraus bauen kann, beschreibt es Joachim Simon vom Hauptverband der Deutschen Bauindustrie in Berlin etwas nüchterner. Dies führt unter anderem zur Eliminierung von Ausführungsfehlern und nicht nur dadurch zu Kostenreduzierung. Bis der 3D-Drucker tatsächlich digitale Zeichnungen auf Tastendruck in Gebäude zum Anfassen verwandeln kann, dürfte es jedoch noch ein weiter Weg sein. Denn bisher ist die additive Fertigung in der Architektur nicht mehr als ein spannendes Forschungsfeld: Die 3D-Technologie wird bisher vorwiegend im Modellbau eingesetzt, erklärt Jochen Zäh, wissenschaftlicher Mitarbeiter für 3D-Scan und Rapid Prototyping an der Fachhochschule Düsseldorf. Umsetzungen in der realen Anwendung sind dagegen noch Experimente, die verschiedene Verfahren miteinander kombinieren. So werden auch beim Grachtenhausprojekt in Amsterdam größtenteils nur die Verschalungen gedruckt und dann mit Beton aufgegossen. Dass das Thema in der Architektur- und Baubranche solche Wellen schlägt, hängt mit der zunehmenden Automatisierung in allen Branchen zusammen von der Produktion bis hin zur Logistik. Die Bauplanung und -ausführung bildet da keine Ausnahme, bestätigt Stefan Kaufmann, Gründer und ehemaliger Leiter des Digital Lab an der Technischen Universität München. Mit zunehmender Rechnerperformance werden wir noch viele überraschende Anwendungen und Produkte sehen: Industrie 4.0, Rapid Manufacturing, Smart Home. Hinter all diesen Themen steht letztlich der Rechner mit seinen Möglichkeiten.

16 30 / 52 NORD Architektur Forscher und Visionäre weisen der Technologie eine ähnlich große Sprengkraft zu wie der Erfindung des Betons durch die Römer in der Antike. / 31 Raue Oberflächen aus dem Drucker In den letzten Jahren hat sich die Zahl der 3D-Druckverfahren vervielfacht, mittlerweile liegen die Anschaffungskosten für einen Modellbau-Drucker bei unter 2000 Euro: Der Einsatz lohnt sich mit zunehmender Komplexität und abnehmender Stückzahl, so Kaufmann. Die Baubranche ist also prädestiniert für die Anwendung von 3D-Druckern in der Planung. Viele Planungsbüros haben deshalb bereits in 3D-Drucker investiert. In den letzten Jahren wurde zudem eifrig an den Druckstoffen gefeilt. Im kleinen 3-D-Druck-Bereich nimmt die Materialvielfalt daher kontinuierlich zu. Mittlerweile können sogar Beton, Holz oder Keramik gedruckt werden. Allerdings steht auch hier die Entwicklung noch am Anfang. Modelle aus dem 3D-Drucker sind mitnichten so sauber und oberflächenfertig, wie man sie gerne hätte, und müssen in der Regel nachbearbeitet werden, räumt Jochen Simon ein. Legt man den Maßstab eines ganzen Gebäudes an, sieht die Sache noch einmal anders aus: Das gedruckte Haus kann den vielfältigen Anforderungen in Sachen Fertigung noch nicht gerecht werden, bringt es Kaufmann auf den Punkt. Denn übliche Druckverfahren arbeiten mit Kunststoff. Auch in Amsterdam wird ein spezieller Biokunststoff der Firma Henkel verwendet. Eine weitere Möglichkeit ist die Herstellung künstlichen Sandsteins. In jedem Fall muss der Stoff aber thermoplastisch sein, um gedruckt werden zu können, was wiederum brandschutzrechtliche Fragen aufwirft. Außerdem mindert der schichtweise Aufbau des Druckverfahrens die Oberflächenqualität, macht sie porös und damit sehr anfällig für Feuchtigkeit. Um 3D-Druck flächendeckend einsetzen zu können, müsste man das Material obendrein in seinen bauphysikalischen Eigenschaften programmieren können, damit es zum Beispiel eine Wärmespeicher- oder Wärmedämmfähigkeit annimmt, je nachdem, an welcher Stelle es verbaut wird. Bisher können das nur klassische Baustoffe bzw. Materialkombinationen wie etwa Stahlbeton leisten. Die aktuelle Bautechnologie wurde im Lauf der letzten Jahrhunderte auf Basis bauphysikalischer Gegebenheiten entwickelt, so Simon. Unterschiedliche Bedingungen erfordern jeweils auch unterschiedliche Materialkombinationen. Ein einziges Baumaterial zu wählen, ist daher nach dem jetzigen Stand kontraproduktiv. Foto: Olivier Middendorp via Hollandse Hoogte Serienfertigung unwahrscheinlich Ist der 3D-Druck also DIE Technologie der Zukunft? In der Architektur eher unwahrscheinlich darin sind sich die Experten einig: Der 3D-Drucker ist ein zusätzliches Werkzeug für weitere Realisierungsmöglichkeiten, sagt Jochen Zäh. Ein Alleinstellungsmerkmal wird es nur bedingt geben. Welche Technologie zum Einsatz kommt, hänge schließlich immer von den baulichen Anforderungen ab. Der wirkliche Mehrwert der additiven Fertigung liegt demnach nicht darin, künftig Häuser in Serie drucken zu können wie beispielsweise beim chinesischen Unternehmen WinSun, das angeblich zehn Häuser innerhalb nur eines Tages gedruckt hat. Vielmehr geht es darum, digital möglichst viele Varianten entwerfen und direkt produzieren zu können. Kosten und Ausgedruckt: Fassadenteile des Versuchsbaus. Effizienzsteigerung beim Ressourcenverbrauch stehen im Vordergrund. Arbeitskräfte könnten eingespart werden, genauso wie Transportkosten und Bauabfälle, weil alles vor Ort und unmittelbar aus dem Rechner produziert werden kann. Darüber hinaus könnte der 3D-Drucker auch komplexeren Formen wie Ornamenten ein Revival bescheren denn eine verschnörkelte Wand ist in der digitalen Herstellung weder schwieriger umzusetzen noch teurer als eine gerade, was zählt, sind Volumen und Gewicht des am Ende verwendeten Materials. Die Zukunft gehört aufgrund der Digitalisierung der individuellen Produktion, prognostiziert Kaufmann. Der 3D-Drucker bringt damit eine neuen Aspekt in der Fertigung ins Spiel: Neben Kosten- und Planungssicherheit kann Architektur sehr viel individueller auf Kundenbedürfnisse zugeschnitten werden als vorher. Die Idee: Jeder kann sein eigener Architekt werden und per Mausklick Fassaden oder die Aufteilung der Räume gestalten. Impressum 52 NORD Das Mittelstandsmagazin aus Hannover Herausgeber: NORD/LB Norddeutsche Landesbank Girozentrale Friedrichswall Hannover Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt: Uta Schulenburg, Leiterin Marketing NORD/LB Holm Hänsel, Leiter Firmenkunden Konzept & Redaktion: Westend Medien GmbH Wagnerstraße Düsseldorf Dr. Michael Siemer Bildredaktion: Holger Lorenz Grafik: Klaus Niesen Kein Ende der Automatisierung in Sicht Gehört das traditionell gebaute Haus also bald der Vergangenheit an? Keineswegs, denn der Charme des Handgemachten darf nicht unterschätzt werden, ist sich Jochen Zäh sicher: In anderen Branchen ist es durchaus möglich, dass sich die Technologie als Hauptverfahren durchsetzen wird. In der Architektur hingegen wird es die Zeit zeigen, ob sich dieses Verfahren durchsetzen kann oder wird. Wann und ob Kunden in Zukunft bereit sind, Häuser aus dem 3D-Drucker als realistische Alternative zum klassisch gebauten Haus zu akzeptieren, bleibt abzuwarten. Tatsache ist, dass die Automatisierung in der Gebäudekonstruktion zunehmen und die Grenzen des Bauens weiter verschieben wird. Technoide Großbauten wie das Mercedes Benz Museum, Kilometertürme wie der Kingdom Tower in Saudi Arabien oder Grachtenhäuser aus dem Drucker sind dabei nur der Anfang. Erscheinungsweise: 52 NORD erscheint dreimal pro Jahr. Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Herausgebers. Haftungsausschluss: Die Inhalte dieses Magazins werden mit größtmöglicher Sorgfalt recherchiert und zusammengestellt. Die NORD/LB übernimmt jedoch keine Gewähr für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte von 52 NORD. Mit der reinen Nutzung der Inhalte des Magazins kommt keinerlei Vertragsverhältnis zwischen dem Nutzer und der NORD/LB zustande. Die in dem Magazin getroffenen Aussagen ersetzen keine einzelfall bezogene Beratung. Dieses Magazin wurde auf Papier gedruckt, das nach den Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC ) zertifiziert worden ist.

17 Die norddeutsche Art.

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