Creative Accounting löst SOX die Probleme?

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1 Creative Accounting löst SOX die Probleme? Kritische Ursachenanalyse der vermeintlichen Bilanzskandale und Hinter fragung der Tauglichkeit des Sarbanes-Oxley Act als Problemlösung Prof. Dr. Herbert R. Haeseler und Prof. Dr. Franz Hörmann *) Inhaltsverzeichnis 1. Vorbemerkungen und Zielsetzung 2. Ausgewählte Bilanzskandale und ihre Hintergründe 2.1. Enron 2.2. Telekom-Unternehmen 3. Creative Accounting als Krise der Institutionen 4. Lessons learned und europäische Alternativen 5. Fazit Abstract Die als Mega-Bilanzskandale etikettierten Wirtschaftskriminalitätsfälle sondergleichen bewegen seit Beginn des aktuellen Jahrtausends ebenso Theorie wie Praxis der Unternehmensrechnung bzw. der Kapitalmarktkommunikation. In grob vereinfachter Sicht werden die anhand gewaltiger Betrugsfälle zutage getretenen Systemschwächen zumeist bloß als Problem der Normendurchsetzung (Enforcement ) bzw. der ethischen Grundhaltung von Einzelpersonen (Business Ethics) interpretiert und dann auch gleich mit demselben Rezept kuriert (oberflächlich strengere Gesetzgebung), durch welche diese Schwierigkeiten ursprünglich eigentlich entstanden sind (nach dem Motto mehr vom selben ). Tiefergehende Analysen hingegen zeigen ein gänzlich anderes Bild, welches einerseits fundamentale Modellprämissen sowie Konstruktionsprinzipien der sogenannten freien Marktwirtschaft erschüttert, andererseits Funktion und Sinn regulierender Institutionen massiv in Frage stellt. 1. Vorbemerkungen und Zielsetzung Enron, WorldCom, Global Crossing etc. sind heute bereits Synonyme einer bestimmten historischen Epoche geworden, in welcher noch die Meinung vorherrschte, mittels papiergebundener Kommunikation in Form weitestgehend kontextfreier Zahlenwerke (Finan- *) ao.univ.-prof. Dr. Herbert R. Haeseler, Wirtschaftsuniversität Wien und Universität Graz; ao.univ.-prof. Dr. Franz Hörmann, Wirtschaftsuniversität Wien und Universität Linz. Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac 385

2 Herbert R. Haeseler/Franz Hörmann cial Statements bzw. Bilanzen) könne wertvolle Information von börsennotierten Gesellschaften an die (tatsächlichen oder potentiellen) externen, Managementfunktionen nicht ausübende Eigentümer übermittelt werden. Der Umstand, dass einerseits diese Zahlenreihen lediglich oberflächlich und rein formal (stichprobenweise (1)) überprüft wurden bzw. andererseits weitestgehend gummiartige Bewertungsspielräume in Kombination mit niemals konkret fixierten Periodisierungsgrundsätzen es den Unternehmensleitungen sehr leicht machten, Gewinnausweise nach Belieben zu vermehren oder zu vermindern, schien dabei ebenso wenig zu stören wie die Tatsache, dass Informationen, welche zum selben Zeitpunkt an den gesamten Markt übermittelt werden, eben gerade deshalb für alle Marktteilnehmer den Nutzen Null besitzen. (2) Mit einfachsten Tricks war es zu diesen Zeiten für Unternehmensvorstände möglich, die Börsenkurse ihrer Unternehmen in oftmals extremem Ausmaß zu manipulieren und dadurch persönlich märchenhafte Reichtümer zu erwerben. Erleichtert wurde dieses Vorhaben i.d.r. durch grenzenlose Naivität von Standard-Settern und Aufsichtsbehörden sowie die ebenso unersättliche Gier der Kleinanleger, welche steigende Kurse stets als Kaufsignal interpretierten und damit häufig selbst für das Anwachsen jener Spekulationsblasen sorgten, deren Platzen für all jene, die ihre Verkäufe nicht rechtzeitig getätigt hatten, zu desaströsen Wert einbußen führte. Die Grenze zwischen (hochgradig) kriminellen Gaunern und (noch) nicht als Täuscher bzw. Betrüger zu qualifizierenden Gauklern ist ähnlich fließend wie diejenige zwischen echter Bilanzkriminalität und exzessiver, gerade noch tolerierbarer Bilanzpolitik. Die nachfolgenden Ausführungen sollen diese Entwicklungen ins rechte Licht rücken: Es handelt sich nach unserer festen Überzeugung eben nicht um Einzelfälle einiger weniger unmoralischer Akteure oder die eine oder andere sanierungsbedürftige Gesetzesnorm, vielmehr bedeuten diese (übrigens nach wie vor zutage tretenden (3)) flächendeckenden Phänomene die praktische Widerlegung des Modells der externen Finanzberichterstattung auf Basis allgemein anerkannter Grundsätze (GAAP), die von Wirtschaftsprüfern für Wirtschaftsprüfer (unter Beiziehung allenfalls noch der Unternehmensvorstände) ohne jegliches theoretische Grundmodell weiterentwickelt werden. Theorielosigkeit als Prinzip kann in der Wirtschaftspraxis nicht (anhaltend) funktionieren, denn auch sich selbst bestätigende Prophezeiungen besitzen nur endliche Lebensdauern. Aus europäischer Sicht stellt sich daher, nach dem weltweit sichtbaren Scheitern des angloamerikanischen Modells, die spannende Frage nach besseren, alternativen Möglichkeiten der Kapitalmarktkommunikation. (4) Ein heute auch praktisch umsetzbarer theoretischer Ansatz soll daher als Abschluss dieser Ausführungen skizzierend präsentiert werden. 2. Ausgewählte Bilanzskandale und ihre Hintergründe 2.1. Enron Mittels Fusion zweier Gasversorgungsunternehmen wurde Enron (5) 1985 geschaffen. Enron zählte bis zu seinem Zusammenbruch im Dezember 2001 zu den sieben marktkapitalisierungsmäßig größten Konzernen der USA, wobei sich Enrons Börsenwert seit Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac

3 Creative Accounting löst SOX die Probleme? um 50 Mrd. US-$ erhöhte und die Gewinne über 20 Quartale hinweg anstiegen (6). Jeffrey Skilling (President ) war ursprünglich Partner der Beratungsfirma McKinsey und dort u.a. im Partnerauswahlgremium dafür verantwortlich, dass nicht zu viele neue Partner den Kuchen für die bereits eingesessenen Partner verkleinerten. Sein fürstliches Einkommen konnte seine tödliche Langeweile nicht kompensieren, und so nahm er das Angebot eines Klienten, die für ihn entwickelte Strategie auch gleich selbst umzusetzen, nach kurzer Überlegung als persönliche Chance die Welt zu verändern freudig an. Seine Idee war es, das langweilige Gashandelsgeschäft wesentlich aufregender zu gestalten, indem er die Versorgungsverträge kurzerhand in Wertpapiere konvertierte und diese an einer speziellen Börse handelsfähig machte (Enron als Energiebank ). Diese neu kreierten Finanzinnovationen sollten sodann nach der Mark-to-Market-Methode bilanziell bewertet werden. (7) Für diese Bilanzierungspraxis musste zuvor jedoch das Einverständnis der amerikanischen Börsenaufsicht (SEC ) eingeholt werden. Skilling bereitete daher eine entsprechende Präsentation vor, bei der v.a. auch auf den Einsatz der Mark-to-Market-Bewertung hingewiesen wurde. Tatsächlich bemerkte ein Mitglied der SEC während der Präsentation: Das ist genau die Bewertungsmethode, welche wir schon lange von unseren Banken fordern, diese aber nicht anwenden wollen. Und Sie wollen diese freiwillig anwenden? Damit war für Skilling die Schlacht gewonnen und die rasante Fahrt in die Spekulationsblase nicht mehr aufzuhalten. Die schlichte Unfähigkeit der Börsenaufsicht, hinter einem bloßen Bewertungsprinzip noch die grundverschiedenen Geschäftsmodelle eines Energieversorgers und einer Bank zu erkennen, war somit die Wurzel eines der größten Unternehmenszusammenbrüche der amerikanischen Geschichte! 2.2. Telekom-Unternehmen Ein gänzlich anderes Bild bot sich in der US-amerikanischen Telekom-Branche. (8) Hunderte dieser Unternehmen sind im letzten Jahrfünft von der Bildfläche verschwunden. Unternehmensführer, welche in der amerikanischen Wirtschaftspresse reihenweise Man of the Year -Awards entgegennahmen, steuerten ihre Firmen geradewegs in den Abgrund. Der von WorldCom lediglich in den Jahren 2001 und 2002 eingestandene Bilanzbetrug belief sich auf 3,7 Mrd. US-$. Darüber hinaus befasste sich ein Kongressausschuss mit der Frage, ob dieses Unternehmen in diesen Jahren seinen Kunden im Ausmaß von 3 Mrd. US-$ zu hohe Rechnungen gestellt habe. Bei diesen betraglichen Dimensionen stellt sich unwillkürlich die Frage nach der Qualität der Tätigkeit der Abschlussprüfer (Arthur Andersen). Offensichtlich fanden gewissenhafte Abschlussprüfungen gar nicht statt: Andersen was asked whether they had requested journal entries from WorldCom officials to document the numbers with which they had been presented, and replied that they had not. They did claim to have asked for top-side-entries, or notations of accounting handled outside normal company practice, and were told there were none. (9) Der Wert der Aktien von NTL fiel in nur zwei Jahren von 110 US-$ auf 43 Cent. Im Jahresabschluss 2000 wurde ein Verlust in Höhe von 3 Mrd. US-$ ausgewiesen. Als Motto für 2001 wurde daher auch getting down to business gewählt. Als im Mai 2002 um Chapter 11 angesucht wurde, betrug der Bilanzwert des Vermögens 16,8 Mrd. US-$, derjenige der Schulden hingegen 23,4 Mrd. US-$. (10) Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac 387

4 Herbert R. Haeseler/Franz Hörmann Beim Börsengang von WorldCom erhielten zahlreiche Vorstandsmitglieder von der Investmentbank Salomon Aktien zum Ausgabekurs und verdienten damit durchschnittlich 2,3 Mio. US-$ pro Person. Dies erfolgte offenbar als Gegengeschäft für die Börseneinführung, eine zu dieser Zeit allgemein übliche Praxis: Essentially, the charge was that the shares had been directed to WorldCom leaders in return for lucrative investment banking business for Salomon. In its own defence (how the rich get richer), Salomon says that its actions amounted to common practice and were entirely consistent with industry regulations. It was, apparently, quite normal for hot IPO shares to be distributed to major clients. (11) In zahlreichen Ländern schritten sodann die Finanzminister zu einer höchst eigenartigen Tat: Es wurden UMTS-Lizenzen öffentlich versteigert. Keinem verantwortlichen Politiker schien es je in den Sinn gekommen zu sein, dass dadurch die Telekom-Industrie des eigenen Landes massiv geschädigt (und das Vermögen unzähliger Kleinaktionäre, da Telekom-Aktien zumeist als Volksaktien fungierten, vernichtet) werden könnte. Die zwölf teuersten Lizenzen wurden im Vereinigten Königreich und in Deutschland verkauft, die fünf nächst teuren in Italien. (12) Um horrende Summen (Vodafone z.b. bezahlte für die Lizenzen 9 Mrd. US-$) wurde somit das fragwürdige Recht erworben, Dienste anzubieten, von denen niemand sagen konnte, ob sie am Markt jemals nachgefragt werden würden! Doch die Geschäftspläne der damaligen Zeit ließen auf rosige Zeiten hoffen, schließlich wurden in diesen Plänen genau jene Wachstumsraten prognostiziert, welche bei der ursprünglichen Einführung der ersten Handys (in der Zeit des Festnetzes) am Markt beobachtet werden konnten. Dass diese Wachstumsraten in Zeiten, da bereits die meisten Menschen zwei oder drei Handys mit SMS- und -Funktion besaßen und als neueste Innovation dann lediglich noch Bilder und Filmchen auf einem Guckloch-ähnlichen Display betrachtet werden konnten, wohl nicht ganz realistisch wären, ist den hochbezahlten Vorständen und Beratern damals wohl auch nicht in den Sinn gekommen. Nach wie vor leidet der Telekom-Markt (und mit ihm Millionen von Kunden) unter dem ökonomischen Irrsinn der UMTS-Lizenzversteigerungen. Genau in jenen Ländern, in denen die höchsten Lizenzpreise erzielt wurden, sind die Unternehmen am nachhaltigsten geschädigt. Am Markt herrscht ein, durch Regulatoren angeordneter, gnadenloser Verdrängungswettbewerb. Telekom-Provider konkurrieren sich selbst mit unterschiedlichen Tarifmodellen (und werben eigene Kunden mit neuen Tarifen aus bereits bestehenden Tarifmodellen ab). Die neuesten und niedrigsten Tarife können i.d.r nur mittels Quersubventionierung durchgehalten werden. Es ist absehbar, dass es demnächst zu massiven Marktbereinigungen kommen wird, wonach wieder nur wenige große Unternehmen weiterbestehen werden (diese zwangsläufige Entwicklung war auch Joseph Schumpeter schon klar!). Es darf (im Sinne der heute modernen Ideologie) damit gerechnet werden, dass im zukünftigen Oligopol bzw. Monopol abermals die Regulatoren einschreiten werden, um künstlichen (Preis- und Verdrängungs-)Wett bewerb zu erzeugen, wodurch zahlreiche kleine Konkurrenten zunächst den Markt beleben, welche die Preise dann abermals in wirtschaftlich unsinnige Tiefen drücken, der Markt neuerlich bereinigt wird etc. ad infinitum. 388 Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac

5 3. Creative Accounting als Krise der Institutionen Creative Accounting löst SOX die Probleme? Der exzessive Bilanzbetrug (welcher entweder durch Sachverhalts gestaltungen vor den Bilanzstichtagen oder aber durch reine Ansatz- oder Bewertungsmanipulationen, in der Praxis aber auch durch zahlreiche Mischformen realisiert wird) stellt offenbar für etliche Unternehmensvorstände die einzige Möglichkeit dar, der unersättlichen Anlegergier (zumindest auf dem Papier noch) entsprechen zu können. Verhindert werden sollte diese Entwicklung ursprünglich durch die speziell dafür geschaffenen Institutionen, wie z.b. die Börsenaufsicht, die Wirtschaftsprüfung bzw. die Investmentbanken. Leider agieren diese jedoch jeweils in (durch die Gesetzgebung garantierter) monopolistischer Art und Weise. Dadurch war und ist es ihnen möglich, durch gezielte Ausnutzung gesetzlicher Lücken bzw. entsprechender Inter pretations spielräume persönliche Einkommensmaximierung auf die besondere Art, wie sie ihre Rolle ausüben, zu betreiben. Um diesen Missbrauch zu unterbinden, wurde im Jahr 2002 der sogenannte Sarbanes-Oxley-Act (SOA bzw. SOX ) erlassen und am 30. Juli 2002 von George W. Bush unterzeichnet. Die Schwerpunkte dieser einschneidenden und seit den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts umfangreichsten Neuregelung des amerikanischen Kapitalmarktes liegen dabei in den folgenden Bereichen: a) Prüferunabhängigkeit Wirtschaftsprüfer dürfen nicht mehr zugleich beratend für das geprüfte Unternehmen tätig sein (Ausnahme: Steuerberatung). Diese Regelung führt in der Praxis nun jedoch dazu, dass sich die Prüfer durch die Prüfungen der internen Kontrollen gem. Section 404 entsprechend jene Honorare ausgleichen, welche ihnen durch den Entfall der Beratungstätigkeiten abhanden kamen. Die durchschnittlichen Prüfungskosten haben sich seit der Einführung von SOX mehr als verdoppelt und etliche Unternehmen ließen sich von der NYSE bereits delisten (13) bzw. haben ursprünglich geplante Börsengänge aus diesem Grunde abgesagt. Ob diese Bestimmungen jedoch in der Praxis tatsächlich hilfreich sein werden, kann wohl mit Recht in Frage gestellt werden: Ironically, one firm that would have been able to comply with the SOX director independence requirements before the law was passed was Enron. Eighty-six percent of Enron s board was independent. A former dean of the Stanford Business School and professor of accounting chaired its audit committee. Yet when the scandal broke, the professor claimed he didn t understand the audit documentation. (14) b) Corporate Governance Die Unternehmen müssen nunmehr über ein audit committee verfügen, in welchem zumindest ein Mitglied ein financial expert sein muss, was immer dies auch sein mag. Der CEO und der CFO müssen die Bilanzen nunmehr persönlich unterfertigen (eigentlich sogar doppelt, nämlich mit zivil- und strafrechtlicher Konsequenz (15)). Wenn nunmehr mindestens ein Mitglied des neuerdings obligatorischen audit committee ein Finanzexperte zu sein hat, drängt sich die Frage auf, wie die Qualifikationen der Mitglieder von bislang nicht obligatorischen audit committees waren. Darüber hinaus ist zu betonen, dass Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac 389

6 Herbert R. Haeseler/Franz Hörmann ein audit committee wohl nur dann wirklich effektiv sein kann bzw. eine hochwertige Arbeit verrichtet, wenn neben Fachkompetenz auch ein anderes Kriterium erfüllt wird, nämlich die Nichtzu gehörigkeit zum board of directors. c) Unternehmensbetrug (corporate fraud, white collar crime) Die Vernichtung von Dokumenten oder Aufzeichnungen wird nunmehr strafrechtlich verfolgt. (16) Darüber hinaus werden unternehmensinterne Aufdecker (whistleblowers) unter besonderen gesetzlichen Schutz gestellt (diese hatten in der Vergangenheit nämlich unter besonderen Schikanen ihrer Vorgesetzten und/oder Verlust des Arbeitsplatzes zu leiden gehabt). d) Prüfung interner Kontrollen Das Top-Management muss nunmehr die internen Kontrollen überprüfen und zum Zustand des IKS Stellung beziehen. Diese, in Section 404 enthaltene, Bestimmung ist wohl für die höchsten Zusatzkosten der neuen SOX-Prüfungen verantwortlich. Andererseits gibt es in der Praxis keinen kompetenten Prüfer, der sich nicht selbst darüber wundert, welche Vorteile aus der bloßen Dokumentation unzähliger interner Prozesse (welche, kaum dokumentiert, sich u.u. schon wieder verändern können) dem geprüften Unternehmen wohl erwachsen könnten. Die Internationale Vereinigung der Finanzmanager FEI (Financial Executives International) befragte im Jänner börsennotierte Unternehmen hinsichtlich der von ihnen dafür geschätzten Kosten und diese wurden durchschnittlich mit 1,93 Mio. US-$ angegeben. (17) Eine im Juli 2004 hingegen abermals bei den gleichen Unternehmen durchgeführte Befragung ergab jedoch bereits durchschnittliche Schätzungen in Höhe von 3,14 Mio. US-$ (eine 62%ige Steigerungsrate innerhalb lediglich eines halben Jahres)! Die von der Börsenaufsicht (SEC) ursprünglich geschätzten Kosten (compliance costs) für die Prüfung interner Kontrollen nach Section 404 waren um den unglaublichen Faktor 20 zu niedrig, (18) wie nachträgliche Erhebungen ergaben. Durch diese extremen Belastungen (die noch dazu nur fragwürdigen Nutzen stiften) ist die amerikanische Wirtschaft im Wettbewerb bereits schwer benachteiligt, weshalb der Zeitpunkt der Einführung entsprechender Regeln für kleinere Unternehmen permanent verschoben wird (ursprünglich war die Einführung im März 2005 geplant, danach für Juli 2006, nunmehr für Juli 2007). Die Talfahrt der Börsengänge von Technologiefirmen spiegelt die durch die SOX-Gesetzgebung eingetretene Schrumpfung bzw. den Niedergang des amerikanischen Kapitalmarkts eindrucksvoll wieder: Jahr Anzahl Technology-IPOs Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac

7 Creative Accounting löst SOX die Probleme? Abb. 1: Anzahl Technology-IPOs am amerikanischen Kapitalmarkt (19) 4. Lessons learned und europäische Alternativen Die wesentliche Botschaft dieser Fehlentwicklungen historischen Ausmaßes aus europäischer Sicht kann wohl nur sein, dass die Art und Weise, wie Unternehmen zu Eigenkapital gelangen, grundsätzlich neu überdacht werden sollte. Ein anonymer Markt vermittelt die wichtigsten (v.a. auch vertrauensbildenden) Informationen schon aufgrund eben dieser Anonymität nicht, daran können auch durch gesetzliche Monopole ohnedies fragwürdig einzementierte Institutionen und Berufsgruppen nichts ändern. Drakonische Gesetze, welche untaugliche Kommunikationsmodelle (Bilanzen) mit immer strengeren Prüfungen absichern, können an dieser Situation inhaltlich auch nur wenig verbessern, sehr wohl hingegen der Wirtschaft massive Kosten- und Wettbewerbsnachteile bescheren. Verschärft werden die Probleme durch die nunmehr seit über 50 Jahren vorliegenden experimentellen Ergebnisse zum Funktionieren von Märkten: Realgütermärkte führen tatsächlich stets zu Gleichgewichtspreisen (Wirksamkeit der unsichtbaren Hand Frage: Welcher wäre der maximale Preis, den Sie für 1 kg Äpfel bezahlen würden?), Finanzmärkte hingegen funktionieren im Experiment nie, d.h. mangels inneren Werts (subjektiver Grenzpreis) von Wertpapieren (Frage: Welcher wäre der maximale Preis, den Sie für eine Aktie von IBM bezahlen würden?) führen sie regelmäßig zu einer Abfolge von Blasen und Crashs, ein Umstand, auf den z.b. auch kein Geringerer als der Entdecker der fraktalen Geometrie, Benoit Mandelbrot, bereits seit einigen Jahrzehnten hinweist. (20) Ganz offensichtlich hängt jedoch ein wesentlicher Teil des Problems auch mit der Art der Ausbildung zusammen. Rein formale Wissensvermittlung ohne Anwendungs kontext und persönliche Involvierung prägt das Verhalten der späteren Entscheidungsträger, die einmal rezipierten (auswendig gelernten) Regeln zwar in andächtiger Ergebenheit zu exekutieren, diese jedoch mangels Tiefenwissens stets kontextfrei, d.h. in falscher und extrem wertvernichtender Form. Diese Erkenntnis müsste die europäischen Bildungsminister ebenso wie die hohen Schulen wachrütteln und zur Umkehr vom eingeschlagenen Weg der mittels Punkteschema vergleichbaren Studien (auch hier kritiklose Übernahme des angloamerikanischen Modells im Bologna-Prozess) bewegen! Die europäische Wirtschaft braucht Kreativität und Innovation, nicht nur bei den Produkten und Dienstleistungen sondern v.a. auch bei der Ausgestaltung der Märkte und Institutionen, wenn ähnliche Schäden wie in der Vergangenheit in der Zukunft vermieden werden sollen. Unternehmen und Investoren sowie Fremdkapitalfinanciers sollten daher alle Freiheiten gewährt werden, ihre Kontrakte und Kommunikationsmodelle selbst und eigenverantwortlich auszugestalten. Privatanleger wie Kreditgeber benötigen keinen gesetzlichen Schutz Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac 391

8 Herbert R. Haeseler/Franz Hörmann wie unmündige und ungebildete Personen, sondern sie sollten zu eigenverantwortlicher Gestaltung erzogen und ausgebildet werden. Märkte können, wenn überhaupt, nur dann funktionieren, wenn auf ihnen ausreichend informierte und autonome Teilnehmer agieren. Schutz und auch jede andere Art der Regulierung enthebt die Schutzbefohlenen nur ihrer Informations- und Gestal tungspflicht und führt dazu, dass nach eingetretenen Schäden eben massiv die Gerichte bemüht werden, anstatt im Vorfeld flexible und transparente Vertrags modelle zu entwickeln. 5. Fazit Die Ereignisse rund um die sogenannten Bilanzskandale (Enron, WorldCom etc.) enthüllen die praktische Untauglichkeit des mittelalterlichen Bilanzmodells in geradezu apokalyptischem Ausmaß. Die zu seinem Schutz seinerzeit errichteten Berufsgruppen und Institutionen haben sich in diesem Kontext als eher inkompetent und teilweise sogar korrupt erwiesen. Die Verschärfung formeller Regeln ändert nichts an der wirtschaftlichen Sinnlosigkeit dieser Modelle, sondern führt zu exorbitanten Kostenbelastungen und der Flucht aus dem Kapitalmarkt. Europa hätte jetzt die historische Chance, sich endlich von der geistigen Vorherrschaft der USA zu befreien und durch weitestgehende Deregulierung der Kapitalmärkte den Markt teil nehmern die Möglichkeit zur Innovation bei Verträgen und Kommunika tionsmodellen (durchaus auch in Form von verschlüsselter Echtzeit-Kommunikation z.b. mittels Virtual Private Networks, VPN) zu bieten. Dieser mutige Schritt könnte mit der wirtschaftlichen Führungsrolle für unseren Kontinent belohnt werden! Literaturverzeichnis Brody, K./Dunstan, S. (2003): The Great Telecoms Swindle, Capstone Publishing Ltd. Eichenwald, K. (2006): Verschwörung der Narren, C. Bertelsmann. Fox, L. (2003): Enron The Rise and Fall, John Wiley & Sons, Inc. Lev, B. (2001): Intangibles Management, Measurement, and Reporting, Brookings Institution Press, Washington, D.C. Mandelbrot, B. B. (2005): Fraktale und Finanzen Märkte zwischen Risiko, Rendite und Ruin, München. Miller, R. M. (2002): Paving Wall Street: Experimental Economics and the Quest for the Perfect Market, John Wiley & Sons Inc., New York. Ruffi eux, B. (2006): Märkte im Labor, in Spektrum der Wissenschaft Dossier 5, S Welytok, J. G. (2006): Sarbanes-Oxley for Dummies, Wiley Publishing Inc., Hoboken. Internetquellen ( ) ( ) 392 Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac

9 Creative Accounting löst SOX die Probleme? Anmerkungen (1) Der sogenannte risikoorientierte Prüfungsansatz wurde als Methode ursprünglich von der Qualitätskontrolle der Fertigung übernommen. Die dabei herangezogenen empirischen Verteilungen sind aber natürlich nur dann sinnvoll auf die Zukunft übertragbar, falls der konkret untersuchte Prozess weitestgehend konstant bleibt, d.h. z.b. eine Fertigungsmaschine nicht gänzlich umprogrammiert wird, weil sich dadurch die Ausschussraten natürlich wesentlich ändern können. Im Rechnungswesen ändern sich die betrachteten Prozesse jedoch laufend (insb. die Gesetzesnormen, die Formulare, die Geschäftsbeziehungen, die Absatzregionen, die eingesetzten Hilfsmittel wie Hard- und Software etc.), sodass der Schluss von Stichprobenergebnissen auf Grundgesamtheiten wissenschaftlich äußerst fragwürdig erscheint! (2) Der ökonomische Nutzen einer Information für einen Marktteilnehmer besteht eben gerade darin, dass dieser Marktteilnehmer sie besitzt, andere hingegen nicht. Identische Informationen, welche zum selben Zeitpunkt an den gesamten Markt übermittelt werden, können daher von keinem Marktteilnehmer vorteilhaft eingesetzt werden, besitzen daher keinen wirtschaftlichen Nutzen. Man könnte dieses Prinzip auch anders bzw. polemisch wie folgt formulieren: Die einzig wirtschaftlich sinnvollen Informationen sind Insiderinformationen! (3) So fand sich etwa am auf der ORF-Homepage der Bericht über rückdatierte Aktienoptionen der Firma Apple (http://www.orf.at/ticker/ html): Den Angaben zufolge wurden offenbar bei 15 Gelegenheiten zwischen 1997 und 2002 Aktienoptionen zurückdatiert. Apple-Chef Steve Jobs habe von einem Teil der Optionsbewilligungen gewusst, hieß es weiter. Er habe von den Programmen aber nicht profitiert und sei sich nicht über die Folgen für die Bilanzen im Klaren gewesen. Jobs entschuldigte sich bei den Apple-Aktionären und den Beschäftigten des Unternehmens für die Vorfälle. (4) Nähere Informationen zu Kritik und Alternativen zum bestehenden Bilanzierungsmodell finden sich auf (5) Empfehlenswerte Quellen zu diesem Fall stellen v.a. Publikationen von Loren Fox bzw. Kurt Eichenwald dar. (6) Zahlreiche prominente amerikanische Wirtschaftsprofessoren zitierten in dieser Zeit laufend die Erfolge Enrons in ihren Publikationen und hoben die wichtige Vorbildwirkung dieses führenden Innovators hervor! Als Beispiel für viele sei hier der renommierte, in den USA wirkende Accounting-Wissenschaftler Baruch Lev genannt (Baruch Lev, S 16): Enron (electricity and gas production), Wal-Mart (retail), and Corning (previously producing housewares) are prime examples of companies that leverage major innovations to gain leading positions in their industries and sometimes even creating new fields (energy and bandwith trading, in Enron s case). Daher stellt sich hier schlicht folgende Frage: War es die Inkompetenz der Beobachter oder die Untauglichkeit des Berichterstattungsmodells, welche zu dieser massiven Fehleinschätzung führte? (7) Tatsächlich bedeutete dies, im Lichte der Experimental Economics betrachtet, einen nachweislich funktionsfähigen Realgütermarkt in einen Finanzmarkt zu verwandeln, von dem z.b. Bernard Ruffi eux, Professor für Volkswirtschaftslehre an der École nationale supérieure de génie industriel (ENSGI) in Grenoble, behauptet: Noch ist es niemandem gelungen, auch nur einen einzigen fiktiven Finanzmarkt zum Funktionieren zu bringen. Das heißt nicht, dass es unmöglich ist aber nobelpreisverdächtig wäre eine solche Leistung allemal. Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac 393

10 Herbert R. Haeseler/Franz Hörmann (8) Die eindrucksvollsten Quellen liefern wohl Keith Brody und Sancha Dunstan. (9) Brody/Dunstan, S. 25. (10) Brody/Dunstan, S. 48. (11) Brody/Dunstan, S. 91 f. (12) Brody/Dunstan, S (13) Ein Delisting ist nach amerikanischen Börseregeln jedoch nur dann möglich, wenn weniger als 300 Personen mit Wohnsitz in den USA Aktien dieses Unternehmens halten. Aus diesem Grunde ist ein Delisting für die meisten europäischen Unternehmen kaum mehr möglich. Berücksichtigt man dazu noch den Umstand, dass, mit Ausnahme von SAP, die Aktienumsätze an der NYSE praktisch verschwindend gering sind, so stellt sich tatsächlich die Frage, welcher Nutzen diesen doch beachtlichen Kosten gegenübersteht! (14) Welytok, Jill Gilbert, 2006, S 13. (15) Dieser Bestimmung stehen viele CEOs in der Praxis fassungslos gegenüber. Einerseits stellt sich nämlich die Frage, welches Hintergrundwissen durch diese formelle Unterzeichnung gewonnen oder demonstriert werden kann, andererseits wäre, falls durch diese Gesetzgebung Bilanzbetrug nicht in erwartetem Ausmaß unterbunden werden könnte, als Fortsetzung vielleicht die persönliche Unterfertigung jedes einzelnen Bilanzpostens vorstellbar? (16) Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Andersen, welche dem Enron-Skandal zum Opfer fiel, allerdings aus formellen Gründen (falsch instruierte Jury!) im Jahr 2005 in der nächsten Instanz (Supreme Court) sogar freigesprochen wurde, hatte im Rahmen ihrer Prüfungstätigkeit, kurz vor Einleitung der SEC-Untersuchungen ca. zwei Tonnen Dokumente systematisch vernichtet (durch Personalüberstunden, Einrichtung einer speziellen Transportlogistik etc.). (17) Vgl. (18) Vgl. Welytok, 2006, S 161. (19) Quelle: (20) Vgl. Mandelbrot, Benoit, Seicht, Jahrbuch für Controlling und Rechnungswesen 2007, LexisNexis ARD Orac

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