Globale Konzentration und neuer Wettbewerb

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1 Autor: Hamann, Götz Titel: Globale Konzentration und neuer Wettbewerb. Ausländische Investoren in Deutschland deutsche im Ausland. Quelle: Vortragsmanuskript. 39. Mainzer Tage der Fernseh-Kritik. Mainz Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des ZDF. Götz Hamann Globale Konzentration und neuer Wettbewerb Ausländische Investoren in Deutschland deutsche im Ausland Guten Morgen, ich will Sie mit einem Zitat von einem Aufklärer begrüßen. Auch wenn es früh ist. Bitte nehmen Sie es mir nicht übel. Ich rede von Montesquieu. Er schrieb: Die Geschichte des internationalen Handels verläuft genau wie das Miteinander der Völker. Gelegentliche Ausrottungen, eine gewisse Ebbe und Flut und Verwüstungen bilden die Hauptereignisse. Seit der Handel mit Kulturgütern in der westlichen Welt nicht mehr von Zensur und immer weniger von politischen Hürden beschränkt wird, gilt dieser Satz von Montesquieu auch für die Medienindustrie. Das ist pessimistisch. So soll es auch nicht die ganze Zeit weitergehen. Aber anfangen muss ich damit schon. Denn wir sind in der Medienindustrie in einer Phase der Ausrottung eigenständiger Medienunternehmen. Neutraler ausgedrückt erleben wir eine Phase der Konzentration. National und global. Sie können einwenden, dass gäbe es schon immer. Sei also nichts Neues. Doch in meinen Augen erleben wir eine Zeitenwende. Die Medienwelt, wie wir sie seit 20 Jahren kennen, endet. Erlischt. Und diese Entwicklung hat natürlich Folgen für das Medienschaffen selbst. 1

2 Mit der zunehmenden Konzentration gehören immer mehr Fernsehsender, Zeitungen, Zeitschriften und Radios zu börsennotierten Konzernen. Das ist fast wie ein Naturgesetz. Wenn sie Geschäfte in der Größenordnung von Time Warner bis Axel Springer machen wollen, dann kommen sie ohne Aktien als Währung nicht aus. Bertelsmann ist zwar die formale Ausnahme, weil noch nicht an der Börse, aber das größte Geschäft der vergangenen fünf Jahre, die Mehrheitsübernahme der RTL Group, wurde mit Bertelsmann-Aktien bezahlt. Was heißt das? Einige Medienkonzerne sind zwar noch von Einzelpersonen oder Familien dominiert, aber die Tendenz nimmt ab. Wer folgt Sumner Redstone, wer Rupert Murdoch? Das ist eigentlich egal. Denn auch mit ihnen sind hohe Renditen ein Muss an der Börse. Erzwungen von den Kapitalmärkten wie in anderen Branchen auch, und das bedeutet am Ende: Die Wahlfreiheit des Eigentümerunternehmers, viel oder weniger Gewinn zu machen, wird zur Rarität. Gleichzeitig werden Medien zur alltäglichen Geldanlage.... und das, meine Damen und Herren, geht zu Lasten von Relevanz, Elite, Information, Hoch- und Nischenkultur. Wie sie es auch nennen wollen. Und es stärkt den Mainstream. Beispiele dafür gibt es jedenfalls genug. Die großen Musikkonzerne haben in den vergangenen Jahren viele hundert lokale Künstler vor die Tür gesetzt. Die Aktionäre von Pearson erwogen ernsthaft, die Financial Times abzustoßen, weil sie einige Jahre lang wenig Gewinn und ein bisschen Verlust gemacht hat. In den USA haben Aktionäre vor wenigen Wochen erzwungen, dass die Zeitungskette Knight Ridder verkauft und zerschlagen wird. Jene Blätter, deren Redakteure die meisten Preise einige Pulitzerpreise gewonnen haben, was sich natürlich in den Personalkosten niederschlägt, will der Erwerber nun wie Ramschware weiter reichen. Um nicht nur jenseits der Grenzen zu schauen. Wie schafft es wohl PSM, bei kaum steigenden Umsätzen inzwischen eine Rendite zu erwirtschaften, die sogar Finanzinvestoren glücklich macht? Die Antwort darauf reicht von der McDonald'sChart- Show über billige Kammerspiele bis hin zu der Tatsache, dass in den vergangenen Jahren immer weniger TV-Preise nach München gegangen sind. Das ist ein weicher, aber auch ein Indikator. 2

3 Also: Pulitzerpreise, die beste Wirtschaftszeitung Europas, kulturelle Nischen das scheinen natürliche Investoren-Vertreibungsmittel zu sein. Die Frage, wie man darauf als Gesellschaft, Journalist, Bürger, Medienpolitiker reagieren kann, ist nicht leicht zu beantworten. Ich will es am Ende ein bisschen versuchen und auf dem Weg dahin beschreiben, wo wir stehen. Diverse Ausrottungen Wenn man sich noch ein paar Ausrottungen anschaut, die deutsche Konzerne zu Wege bringen, könnte man zunächst vielleicht denken, dass ich sofort aufhören sollte, zu reden, weil die globale Medienkonzentration anderswo schrecklich sein mag, aber deutschen Medienschaffenden vor allem nützt. Erstens sind die meisten Medien hierzulande in der Hand von deutschen Verlegern oder Unternehmern. Zweitens profitieren wir davon (Stichwort: sichere Arbeitsplätze am Konzernsitz), dass hiesige Unternehmen im Ausland so erfolgreich sind: Bertelsmann besitzt den größten Buchverlag der Welt und ist am zweitgrößten Musikkonzern der Welt SonyBMG beteiligt. Die Arvato Druck-Sparte von Bertelsmann beherrscht den größten Druckereiverbund in Europa und stellt in Gütersloh demnächst die Gelben Seiten für Frankreich her. Die WAZ-Gruppe und die Passauer Neue Presse, Springer, Gruner + Jahr und Burda kontrollieren inzwischen die halbe Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft in Osteuropa. Knappheit Doch längst spüren Konsumenten auch hierzulande die schädlichen Folgen von Konzentration. Wer führende Medienmanager beobachtet, wird feststellen, dass sie häufiger um die Kontrolle über die Vertriebswege wetteifern als dass sie sich leidenschaftlich auf die Suche nach Neuland begeben. Eins ist ganz simpel. Sie geben mehr Mittel für Übernahmen als für Neugründungen aus. Sie kaufen Marktanteile. Und macht es nicht auch Sinn? Im TV-Kabel sind die Plätze knapp, die Frequenzen fürs Radio vergeben, ein Kiosk hat nur eine begrenzte Fläche. Nur die erfolgreichsten Medien haben ihren Platz 3

4 wirklich sicher. Da ist es fraglos leichter, etwas zu kaufen als neu zu erfinden und zu etablieren. Was geschieht, wenn es einem Konzern gelingt, einen Vertriebskanal zu besetzen, ist keine große Enthüllung: die Preise steigen, sei es fürs Abonnement (Premiere), die Netznutzung (SES Astra) oder die Werbung (BILD). Die zweite Möglichkeit besteht darin, den eigenen Marktanteil durch den Ausschluss anderer zu steigern, was die Musikindustrie seit langem vorführt. In jedem einzelnen Fall erhöht es den Umsatz und erleichtert das Erreichen einer international vergleichbaren Rendite, hat aber eben nicht nur ökonomische Folgen. Denn es mindert das Angebot und oft genug auch die Pluralität von Informationen. Es geht entweder zulasten einzelner Künstler und Gattungen oder zulasten aller politisch Interessierten. Denken Sie allein an die Musikindustrie. Fast 80 Prozent des weltweiten Musikmarktes ist in der Hand von vier Konzernen. Wettbewerb unter Musikern dreht sich deshalb nicht um die Frage, wer besser als der andere ist, sondern wer den Geschmack eines Managers in den vier beherrschenden Konzernen am besten trifft. Gelingt das nicht, ist die Karriere schon fast zu Ende, und damit meine ich nicht nur die natürliche Marktmacht von Universal, Sony/BMG, Warner, EMI. Um ihre Konkurrenten wegzudrücken, haben die vier in den vergangenen Jahren nichts unversucht gelassen: Sie haben Radios in Amerika bestochen, um mehr eigene Musiker dort auf die Playlist zu setzen (von SonyBMG, Warner und EMI, Ermittlungen drehten sich 2005 um Radiostationen in New York). In Deutschland hatte Universal mit dem Musiksender Viva geheime, wettbewerbsverzerrende Absprachen mit dem gleichen Ziel getroffen. (2003: Universal und Viva vereinbaren, dass mindestens 50 Videos von Universal-Künstlern in die Newcomer-Rotation wandern). Und in Kauf- und Warenhäusern, die mehr als ein Drittel aller CDs verkaufen, aber nur wenig Fläche dafür hergeben, drücken die großen Konzerne die kleinen Labels aus den Regalen. Musik ist auch ein sehr gutes Beispiel, um die Folgen von Konzentration über mehrere Medienmärkte hinweg zu beschreiben. Denn drei der großen Musikkonzerne gehören ihrerseits zu weit größeren Medienkonzernen. Selbst Bertelsmann mit seiner dezentralen 4

5 Unternehmenstradition neigt dazu, dem Publikum mehr vom immer Gleichen anzubieten, wenn der Konzern das Recht dazu besitzt. Seine Manager schleusen Stars, Stories und Formate durch die Medien des eigenen Hauses, um mit ihrer vereinten Marketing- und Vertriebsmacht einen Kassenschlager zu erzeugen. Bei Bertelsmann hat das mit Elvis- Produkten vor ein paar Jahren begonnen und führt bis zu Tobias Regener, dem Sieger von Deutschland sucht den Superstar. Die Sendung lief auf RTL. Der Gewinn war ein Plattenvertrag bei Sony/BMG, beide gehören zum Bertelsmann-Konzern und die Single I still burn ist seit rund einer Woche auf dem Markt (Chartplatz XXX). Hier wurde Wettbewerb systematisch verhindert. Das ist heute Alltag. Damit nicht genug haben die Ausrottungen, um bei Montesqieu zu bleiben, hierzulande eine Größenordnung erreicht, die es zu einer Frage der Zeit, vielleicht von Monaten, machen, bis internationale Konzerne auch bei uns eine wichtige Rolle spielen werden. Bisher waren sie ja eher Zaungäste. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass nicht mehr viele deutsche Medienunternehmen einen hiesigen Verlag oder einen Sender kaufen dürfen, wenn er zu haben ist. Der Größe wegen will ich hier nur ProsiebenSat. 1 erwähnen. Wer dürfte die Sender übernehmen? Bertelsmann auf keinen Fall. Die WAZ-Gesellschafter wollen nicht. Der Verleger Heinz Bauer hat vor dreieinhalb Jahren zurückgezuckt und Haim Saban und dessen Co-Investoren die Senderkette überlassen. Im vergangenen August hat es dann der Axel Springer Verlag versucht. Aber Bundeskartellamt und Kek haben die Übernahme aus meiner Sicht zu Recht verboten allen Merkwürdigkeiten im Kartellverfahren und dem Procedere der Kek zum Trotz. Denn von August bis Januar konnte man beobachten, was Marktmacht bedeutet: Führende Politiker hatten Angst, dass der Springer-Verlag ihnen den Vertriebsweg für ihre politischen Tagesparolen künftig wirkungsvoll verstopfen könnte. Deshalb haben sie lieber gleich gar nicht über die Folgen der Fusion debattiert. So etwas ist tödlich für unsere Demokratie, um es mal so pathetisch zu sagen,...,... und ich will noch einmal kurz zusammenfassen: Pulitzerpreise passen nicht zum Kapitalmarkt, Der Ausschluss anderer bindet mehr Kapital als der Wille zur Innovation. 5

6 Deutsche Politiker haben Angst davor, von Medienkonzernen an die Wand gedrückt zu werden, wehren sich aber nicht dagegen. Deshalb brauchen wir aus meiner Sicht zweierlei: Erstens brauchen wieder mehr Anbieter, die mit den großen Medienkonzernen dieses Landes wetteifern können. Und zweitens brauchen wir ein Korrektiv, das börsennotierte Unternehmen zwingt, aufwändige und für eine Gesellschaft lebensnotwendige Medien zu betreiben. Das eine werden wir bekommen, das andere sollten wir schützen. Pandora 1: Den ersten neuen Wettbewerber, den wir bekommen, haben wir der nordrhein-westfälischen Medienaufsicht zu verdanken. Ich spekuliere ein wenig. Aber nicht zu viel. Die Fernsehlizenz, die in Nordrhein-Westfalen an die Firma Arena vergeben wurde, besitzt eine noch kaum bemerkte Sprengkraft. Das erste Mal darf in Deutschland ein Netzanbieter auch einen eigenen Sender betreiben. Bisher war das strikt verboten. Noch im Jahr 200X durfte der US-Investor John Malone die Kabel Deutschland nicht übernehmen, weil er an mehreren TV- Sendern beteiligt war, die er hierzulande ins TV- Kabel hätte einspeisen können. Insofern erlischt mit der Lizenz an Arena ein seit zwanzig Jahren geltender Grundsatz deutscher Medienpolitik. Die Folgen dieser in Eile gefällten Entscheidung werden immens sein, da bin ich mir ziemlich sicher. Denn wer will von jetzt an einem Netzbetreiber noch verweigern, einen oder mehrere Fernsehsender zu kaufen? Die Sendelizenz für Arena bereitet also den Boden dafür, dass in Deutschland ein Medienkonzern nach dem Vorbild der USA entstehen kann. Das bedeutet: Netz und Inhalt in einer Hand wie es Time Warner und Newscorp vormachen. Time Warner verfügt über den landesweiten Sender ABC und eine große Kabelfirma. Rupert Murdoch besitzt den Satellitenbetreiber DirecTV und die Senderkette Fox. Wie so ein Konzern in Deutschland entstehen könnte, zeigt ein Blick auf die Besitzverhältnisse. Alle für so eine Neuschöpfung notwendigen Teile sind in Händen von Private Equity Investoren. 6

7 Kabel Deutschland gehört Providence Bei Unity Media, der Gesellschaft hinter Arena, spielt BC Partners die entscheidende Rolle. An Premiere hält Permira noch 5,9 Prozent, die große Mehrheit ist in Streubesitz Und über ProsiebenSat. 1 bestimmen außer Haim Saban noch Providence, Hellmann & Friedman, Thomas H. Lee Partners und Putnam Investment. Sie sehen. Der Boden ist bereitet. Hier und da überschneiden sich sogar schon die Aktionäre. Man trifft sich auf Weltheuschreckentagen wie kürzlich in Frankfurt und sichert die eine oder andere Milliarde Euro noch in seinem Fonds. Warum also nicht? Bleibt das jedoch ein Gedankenspiel, dann wird vermutlich einer der großen usamerikanischen Medienkonzerne, etwa Time Warner oder CBS Universal, bei ProsiebenSat.1 zugreifen. Jenseits davon entsteht gleichzeitig ein neuer Wettbewerb, dessen Folgen wir noch gar nicht abschließend erkennen können. Er entsteht durch und über das Internet. Wir sehen es schon lange kommen und nennen die neuen Märkte ICT oder TIME oder Triple Play, doch erst jetzt, mit dem steten Zuwachs von Internetnutzung und -werbung, passiert es wirklich und verändert den Wettbewerb. Das heißt vor allem: Es gibt keine Knappheit der Vertriebswege mehr. Wo eben noch Mangel herrschte und Wettbewerber ausgeschlossen werden konnten, werden nun Fernsehen und Radio, Musik und Worte im Überfluss verbreitet. Sichtbarster Ausdruck für diese neuen Chancen sind drei Konzerne, die in angrenzenden, verwandten Markt bereits Milliardenumsätze bereits machen und Bertelsmann in ihrer wirtschaftlichen Macht ebenbürtig sind. Pandora 2: Neulinge in der Medienindustrie Ich denke an die Deutsche Telekom, Yahoo! und Google. Die Telekom deutet schon an, wo sie für deutlich mehr Wettbewerb in der Medienindustrie sorgen will: Zum einen denke ich an die Pläne, sich mit dem Bezahlsender Premiere zu verbünden und Fernsehen für ein Millionenpublikum anzubieten. 7

8 Etwas weniger auffällig aber schon weiter gediehen ist allerdings ihr Wirken in der Musikindustrie. Mit ihrem Bezahldienst Musicload ist die Telekom Marktführer in Deutschland für Musik-Verkauf im Internet und gibt damit den Independents und ihren Künstlern wieder eine größere Chance. Zu Yahoo! will ich ein paar Worte mehr sagen, weil das Unternehmen hierzulande im Schatten von Google steht. Yahoo! ist an der Börse mehr als 40 Milliarden Dollar wert und wird von Terry Semel geführt. Semel kam vom Hollywood-Studio Warner Brothers und zog erfahrene Medienmanager nach, die mit ihm die alten Märkte erobern sollen. (Zu ihnen gehören wie der ABC-Television-Chef Lloyd Brown, Ira Kurgan von Fox Broadcasting, Shawn Hardin, Ex-Chef von NBC's Internet Geschäft, und Dave Katz, der Senior Vicepresident bei CBS war.) Das Yahoo! Center, Semels Medienlabor, liegt in Santa Monica in der Nähe von HBO, MTV und Universal. Und die Größe einer Bürofläche sagt alleine zwar noch nichts über Umsätze, wohl aber über Ambitionen. Das Yahoo! Center ist Quadratmeter groß. Was passiert dort? Yahoo! bietet von dort Filme, TV, Unterhaltung und Musik zum download. Es verbreitet Nachrichten und hat einen Wetterdienst. Mit Microsoft und SBC arbeitet man außerdem am Projekt Light Speed, um IPTV, Fernsehen übers Internet, wirklich zu etablieren. Und was sollte Yahoo! daran hindern, demnächst erfolgreiche Serien wie Emergency Room, Desperates Housewives, CSI oder Six Feet Under von Santa Monica aus zu vermarkten? Weit ist es also nicht mehr, bis wir das Internetportal als Fernsehanbieter werden wahrnehmen müssen - vermutlich auch in Deutschland. Doch noch etwas anderes spricht dafür. Dafür spricht, dass die Deutsche Telekom ihr VDSL- Netz mit bis zu 50-Megabyte Datendurchlass pro Sekunde aufbauen möchte. So könnte es schon in diesem Jahr Fernsehen per Internet in HDTV-Qualität geben. Zwei Worte will ich dann doch noch zu Google verlieren. Denn Google wird in deutschen Medienhäusern langsam so etwas wie ein Alptraum. Die Internetsuchmaschine hat zuletzt sechs Milliarden Dollar mit Werbung eingenommen, und in Deutschland hat es einen geschätzten Marktanteil von 25 Prozent an der Internetwerbung. Das ist noch nicht viel, etwa 200 Millionen Euro, aber die Wachstumsraten sind rasant. Das Unternehmen aus Kalifornien kann in absehbarer Zeit zum einen spürbaren Wettbewerber für die traditionelle Presse, für Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel und Bunte werden. 8

9 Die Blätter konkurrieren mit der Suchmaschine natürlich nicht um die besseren Inhalte, aber dafür um so mehr um die Werbung. Was bedeutet das für die nächsten zwölf Monate? Google wird alles daran setzen, Werbebudgets so schnell wie möglich ins Internet umzuschichten. Und wäre da unrealistisch, dass die Suchmaschine mit derzeit 99 Milliarden Dollar an der Börse bewertet einen globalen Werbekonzern wie WPP oder Omnicom übernimmt? In den Vertrieb von Radio-Werbung ist die Suchmaschine in den USA bereits eingestiegen, in dem sie den Vermarkter dmarc, übernommen hat. Zum Schluss geht es mir noch um die Frage. Was folgt daraus? Was tun?! Gegen diese Entwicklungen helfen keine Verbote. Die Bundesregierung kann kein Gesetz erlassen, das die Übernahme deutscher Medienunternehmen durch ausländische Investoren verbietet. Sie sind schon da. Im Fernsehen. In der Zeitungsbranche. Im Zeitschriftenmarkt. Im Internet stellt sich die Frage eh ganz anders. Außerdem würde die deutsche Politik die Regeln des EU-Binnenmarktes verletzten, wenn sie Bürger oder Unternehmen aus den Mitgliedsstaaten benachteiligen wollte. Blieben noch Gesetze, die auf Ausländer aus ferneren Ländern und dort beheimatete Firmen zielen. Doch dann würde Deutschland wohl sehr bald vor dem Schiedsgericht der WTO landen, wo drei Freihandels-Vertreter über die Deutschen zu Gericht säßen. So sehnsüchtig also der eine oder andere Beschützer der hiesigen Medienlandschaft in die USA schauen mag dort dürfen Ausländer traditionell keine TV-Sender, Radios und Zeitungen mehrheitlich besitzen, es ist kein Weg für die deutsche Medienpolitik. Das führt zu einigen heiklen Fragen auch für mich, der ich gegen die Fusion von Springer PSM argumentiert habe. Denn was wird, wenn in einigen Jahren solche Medien, in denen die Bundespolitik wesentlich verhandelt wird, im Besitz globaler Medienkonzerne sind. Da denke ich nicht nur an PSM. Ein Land, in dem weitgehender Konsens darüber herrscht, dass der Kontakt 9

10 zwischen Wähler und Politik oft nur noch über Medien stattfindet, muss so ein Land um seine Souveränität fürchten, wenn Ausländer darüber bestimmen, wer in den meinungsführenden Medien zu Wort kommt? Nehmen wir einfach mal die Erfahrungen aus den USA in den Kriegen gegen Irak und Afghanistan. Die führenden Medien des Landes ABC, CBS, Fox sowieso, aber auch New York Times und Wall Street Journal arbeiteten sehr eng mit der amerikanischen Regierung zusammen. Sie ordneten sich den nationalen Interessen der USA unter. Der Staatsräson. Nicht nur die Reporter an der Front waren embedded, sondern auch die viele Chefredakteure und Programmdirektoren. Warum sollte diese US-Staatsräson nun an den Grenzen der Vereinigten Staaten halt machen, sollten amerikanische Medienkonzerne künftig über führende Medien in Kontinentaleuropa verfügen? An der Wallstreet ist es doch gang und gäbe, dass sich die Banken im Ernstfall, also Kriegsfall in die Geopolitik der Regierung einbinden lassen. Es ist keine angenehme Wahl zwischen Politikern, die in Angststarre vor Springer verfallen und der Möglichkeit, dass deutsche Medienmanager und Journalisten einmal US-Druck ausgesetzt sein könnten. Nur am Ende sage ich: Mir ist publizistischer Wettbewerb mit Töchtern von US-Konzernen lieber. Das geht natürlich nicht einfach so. Fluchtburg Man braucht ein von Börsen und privatem Kapital unabhängiges Korrektiv in den Medien. Und was ich jetzt sage, sage ich nicht, weil das ZDF mich eingeladen hat. Ein probates Mittel wären eine exzellente ARD und ein noch besseres ZDF. Sie könnten dazu beitragen, dass auch börsennotierte Medienkonzerne dauerhaft einen Wettbewerb um Elite, Hochkultur und Relevanz führen müssen. Und wenn es sein muss, eben nur der Werbekundschaft zuliebe. Ich will an dieser Stelle keine Debatte über die Qualität der beiden Öffentlich-Rechtlichen führen. Das sollen andere tun. Bis dahin hört die tagesschau vielleicht damit auf, ständig Schleichwerbung fürs eigene Programm zu machen. Vielleicht ist bis dahin auch der ARD-Chefredakteur wieder mit seinen Dokumentationen und Magazinen zufrieden. Und vielleicht versucht das ZDF bis dahin 10

11 nicht mehr jedes Gerede über Sport als Information zu verkaufen und ersetzt es durch echte. Aber wie gesagt, das ist eine andere Debatte. Wachpersonal Die zweite Reaktion auf die Entwicklung muss meines Erachtens lauten: Man muss die Medienaufsicht neuen Zuschnitts schaffen. Für sie geht es weniger um die Kontrolle der Inhalte als darum, den Zugang zu den Medienmärkten für neue Wettbewerber offen zu halten. Ob das Bundeskartellamt diese Aufgabe übernimmt, in dem es größere Abteilungen für Medienfragen aufbaut, oder ob es die Regulierungsbehörde RegTP macht, ist eine politische Entscheidung, die möglichst bald getroffen wird. Denn es geht um eine einheitliche Aufsicht über die Infrastruktur, über das Kabel nach der Digitalisierung, über den Satellit (vermutlich auf europäischer Ebene), über das Internet und vielleicht auch über den Pressevertrieb. Zur Sicherung von Vielfalt im Internet gehört, dass es keine Frage des Geldes sein darf, wie schnell Datenpakete von A nach B gelangen. Und das steht beispielhaft für alle Netze und alle Bemühungen. Überall geht es darum: Keine Vorfahrt für Mainstream Media. So viel von mir. Vielen Dank Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. 11

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