Regionale Standortfaktoren und ihre Bedeutung für die Arbeitsplatzdynamik und die Entwicklung von Industriebetrieben in Baden-Württemberg 1

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1 Regionale Standortfaktoren und ihre Bedeutung für die Arbeitsplatzdynamik und die Entwicklung von Industriebetrieben in Baden-Württemberg 1 Raimund Krumm, Martin Rosemann, Harald Strotmann Kurzfassung Die Wettbewerbsfähigkeit einer Region sowie die regionale Beschäftigungssituation hängen entscheidend davon ab, ob die in der Region angesiedelten Unternehmen national und international konkurrenzfähig sind. Nicht nur Volkswirtschaften, sondern auch kleinere regionale Einheiten stehen somit in einem intensiven Wettbewerb um die Ansiedlung wettbewerbsfähiger Unternehmen und daher auch um die Bereitstellung möglichst attraktiver Rahmenbedingungen für Unternehmen und ihre Beschäftigten. Die Position von Regionen und Kreisen in diesem Standortwettbewerb ist dabei nicht nur von übergeordneten Einflüssen, sondern auch und gerade von eigenen Potenzialen und deren Nutzung abhängig. Aufgabenstellung und methodische Besonderheiten Die vorliegende Studie verfolgt daher das Ziel, mit Betriebsdaten aus der amtlichen Industriestatistik für Baden-Württemberg in der Kombination mit amtlichen Regionaldaten theoretische Hypothesen über die Bedeutung unterschiedlicher regionaler Einflussfaktoren für die (regionale) industrielle Beschäftigungsentwicklung einer fundierten empirischen Überprüfung zu unterziehen. Eine wesentliche Besonderheit der Vorgehensweise besteht darin, dass die amtlichen Betriebsdaten aus der Industriestatistik zu einem Paneldatensatz verknüpft werden, der das Nachvollziehen betriebsindividueller Beschäftigungsentwicklungen im Zeitablauf ermöglicht. Dadurch wird es möglich, das regionale Ausmaß der betrieblichen Jobschaffung und des Jobabbaus zu beleuchten und somit einen Blick hinter die Kulissen der aggregierten Beschäftigungsentwicklungen zu werfen. Da entsprechende Betriebspaneldaten für den Dienstleistungssektor leider noch nicht verfügbar sind, beschränken sich die Auswertungen auf den industriellen Sektor. Die Datenlage hierfür ist jedoch hervorragend, da es sich dabei durch die Verknüpfung der Monatsberichte aus dem Produzierenden Gewerbe und der in- 1 Die Studie wurde vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg aus Mitteln der Zukunftsoffensive III (Projekt Förderung von Existenzgründungen und von kleinen und mittleren Unternehmen bei der Anpassung an den strukturellen Wandel Projektbereich Wissenschafts- und Forschungsprojekte ) finanziert.

2 2 dustriellen Kleinbetriebserhebung praktisch um eine Vollerhebung der Industriebetriebe in Baden-Württemberg für die Jahre 1980 bis 2000 handelt. Die Arbeit mit den amtlichen Mikrodaten wurde möglich, da das Statistische Landesamt Baden-Württemberg als Projektkooperationspartner Wissenschaftlern des einen Gastwissenschaftlerstatus eingeräumt hat, so dass die IAW-Mitarbeiter unter Wahrung des Statistikgeheimnisses vor Ort mit den Daten aus der amtlichen Industriestatistik arbeiten konnten. Diese Kooperation war auch deshalb beispielhaft, da auf diesem Wege vorhandene amtliche Datensätze, deren Erhebung mit erheblichen Kosten verbunden ist, einer ergänzenden Nutzung durch die Wissenschaft zugänglich gemacht werden. 2 Inhaltlich gliedert sich die Studie in zwei große Teile: In Teil I der Studie wird auf der Ebene der baden-württembergischen Kreise das Ausmaß der Arbeitsplatzdynamik im Verarbeitenden Gewerbe der 1980er- und 1990er-Jahre dargestellt und analysiert. Dabei werden insbesondere auch Ausmaß und Struktur der hinter der Nettobeschäftigungsentwicklung stehenden Bruttoströme auf den regionalen Arbeitsmärkten untersucht, wobei unter anderem folgenden Fragen nachgegangen wird: Welche Kreise sind mit Blick auf die regionale Jobschaffung und den regionalen Jobabbau im industriellen Sektor mehr, welche weniger arbeitsplatzdynamisch? In welchen Kreisen findet in erheblichem Maße ein gleichzeitiges Nebeneinander von Jobschaffung und Jobabbau in den Betrieben statt, welche Kreise sind eher einseitig durch Jobschaffung oder Jobabbau geprägt? In welchem Maße lässt sich eine bessere regionale Entwicklung der Industriebeschäftigung durch größere Raten der Jobschaffung oder aber geringere Raten des Jobabbaus und somit eine höhere Stabilität der vorhandenen Arbeitsplätze erklären? Welche Bedeutung kommt Ansiedlungen und neu auftretenden Industriebetrieben in den einzelnen Kreisen gemessen am Betriebs- und Beschäftigungsanteil zu? Aufbauend auf Teil I liegt das Hauptaugenmerk der Studie dann in Teil II darauf, die Ursachen der regionalen Jobschaffung und des regionalen Jobabbaus zu identifizieren und die Bedeutung regionaler Standortfaktoren für den Beschäftigungserfolg der baden-württembergischen Kreise herauszuarbeiten. Konkret geht es dabei darum, mit Mikrodaten der amtlichen Industriestatistik in Kombination mit amtlichen Regionaldaten theoretische Hypothesen 2 Unser herzlicher Dank für die angenehme Zusammenarbeit gilt daher Herrn Walla, Herrn Brachat-Schwarz, Herrn Steiger, Herrn Dr. Votteler, Frau Kopecky, Frau Kulling und Frau Hackl. Der Präsidentin des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg, Frau Dr. Meister-Scheufelen, danken wir ebenfalls herzlich für die Bereitschaft zur Kooperation mit dem IAW.

3 3 über die Bedeutung verschiedener regionaler Einflussfaktoren einer fundierten empirischen Überprüfung zu unterziehen, und dabei u.a. folgende Fragen zu beantworten: Was unterscheidet auch im Rahmen multivariater Analysen Kreise mit hoher industrieller Jobschaffung, geringem Jobabbau oder wachsender Zahl von Betrieben und Beschäftigten von Kreisen, die eine geringe Jobschaffung, einen hohen Jobabbau und sinkende Betriebs- und Beschäftigtenzahlen aufweisen? Welche Rolle spielen die Verfügbarkeit und die Preise inputbezogener Produktionsfaktoren (Löhne, Bodenpreise, ) für die Entwicklung der Industriebeschäftigung auf regionaler Ebene? Welche Relevanz haben die Gewerbesteuerhebesätze? Kommt der regionalen Humankapitalausstattung eine Bedeutung für die industrielle Beschäftigungsentwicklung zu und lassen sich positive Beschäftigungswirkungen einer guten FuE-Ausstattung nachweisen? Lässt sich empirisch bestätigen, dass die Verkehrsinfrastruktur für die regionale Entwicklung der Industriebeschäftigung von größerer Bedeutung ist? Welche Rolle spielt die Unternehmensgrößenstruktur für die regionale Beschäftigungsentwicklung? Welche Bedeutung kommt der regionalen Branchenstruktur für die Arbeitsplatzdynamik zu? Entwickelt sich die Industriebeschäftigung bzw. der dahinter stehende Jobauf- und Jobabbau in Kreisen, die in besonderem Maße vom Verarbeitenden Gewerbe geprägt sind, anders als in Kreisen, in denen der Dienstleistungssektor dominiert? Lässt sich ein Einfluss der Homogenität bzw. Heterogenität der regionalen Industriestruktur auf das Ausmaß der Arbeitsplatzdynamik erkennen? Im Folgenden werden einige wesentliche Ergebnisse der Studie zusammengefasst. Arbeitsplatzdynamik und deren Komponenten in baden-württembergischen Kreisen Die in Teil I der Studie durchgeführte Analyse zeigt, dass in den baden-württembergischen Kreisen in den 1980er- und 1990er-Jahren die Beschäftigungsentwicklung im industriellen Bereich zum Teil recht unterschiedlich verlief. Während in den 1980er-Jahren immerhin noch die Hälfte der Kreise einen Beschäftigungszuwachs verzeichnen konnte, waren es in den 1990er-Jahren nur noch 6 von 44 Kreisen. Die anderen Kreise mussten stattdessen Beschäftigungsverluste hinnehmen. Dabei zeigt sich, dass Kreise, die bereits in den 1980er- Jahren eine unterdurchschnittliche Beschäftigungsentwicklung durchlaufen hatten, auch in der Folgedekade in der Tendenz eine nur unterdurchschnittliche Beschäftigungsbilanz vor-

4 4 weisen konnten. Dies deutet auf das Vorliegen gewisser struktureller Stärken bzw. Schwächen der einzelnen Kreise hin. Die in den 1990er-Jahren gegenüber der Vordekade zu verzeichnende Verschlechterung der industriellen Beschäftigungsentwicklung resultierte insbesondere aus einem stärkeren Jobabbau d.h. durch Arbeitsplatzverluste infolge von Schrumpfung, Schließung und Abwanderung von Betrieben und weniger durch eine schwächere Jobschaffung. Selbst in den 1990er-Jahren wurden durch die Expansion, Gründung und Zuwanderung von Betrieben weiterhin in erheblichem Umfang neue Arbeitsplätze geschaffen, wenn auch nicht genug, um den deutlich gestiegenen Jobabbau auszugleichen. Bemerkenswert ist die hohe intertemporale Stabilität der Ergebnisse: Kreise, die sich in den 1980er-Jahren durch eine überdurchschnittliche Jobschaffung auszeichneten, taten dies tendenziell auch in den 1990er-Jahren. Entsprechendes galt auch für die Jobabbauseite. Bei der Jobschaffung entfielen in den 1990er-Jahren etwa drei Viertel auf den Arbeitsplatzzuwachs in bereits bestehenden Betrieben. Der Jobaufbau durch die Neugründung von Betrieben lag bei einem knappen Viertel, während der Beschäftigungszuwachs durch Firmenzuwanderung mit 0,1 von 4,2% keine allzu große Bedeutung hatte. Der Jobabbau ging in der betreffenden Dekade zu etwa 78% auf das Konto von Schrumpfungsprozessen, d.h. auf den Arbeitsplatzabbau in bestehenden Betrieben. Der Anteil der durch Betriebsschließungen bedingten Jobverluste lag zwischen einem Fünftel und einem Sechstel. Kaum ins Gewicht fielen die Arbeitsplatzverluste durch Abwanderung, die 0,1 von 6% ausmachten. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Betrachtung aus einem anderen Blickwinkel: Während in den 1990er-Jahren immerhin 13 der 44 baden-württembergischen Kreise aus der Gründung und Schließung von Betrieben einen positiven Beschäftigungssaldo realisieren konnten, ergab sich hinsichtlich der Beschäftigungsentwicklung in den bestehenden Betrieben eine deutlich schlechtere Bilanz: So konnten nur 6 von 44 Kreisen die durch Betriebsschrumpfungen bedingten Arbeitsplatzverluste mittels Beschäftigungsaufbau in expandierenden Betrieben überkompensieren. Während in Teil I der Studie das Ausmaß der Arbeitsplatzdynamik in der baden-württembergischen Industrie auf Kreisebene dargestellt und interpretiert wurde, ging es in Teil II um die Frage, in welchem Maße regionale Gegebenheiten zur Erklärung der unterschiedlichen Beschäftigungsbilanz der Kreise beitragen können. Dazu wurden in Kapitel 4 die regionalen Determinanten erörtert, die aus der Sicht von Wirtschaftstheorie und bisherigen empirischen Studien Einfluss auf die Beschäftigungsentwicklung in den Kreisen haben können. In diesem

5 5 Zusammenhang wurden Hypothesen über die beschäftigungspolitische Wirkung solcher regionalen Standortfaktoren aufgestellt, die für den vorgegebenen Untersuchungsgegenstand als besonders relevant angesehen wurden. Korrelationen zwischen regionalen Standortfaktoren und der Beschäftigungsentwicklung in den Kreisen Ergebnisse bivariater Analysen Aufbauend auf den theoretischen Überlegungen wurden dann als Vorstufe der multivariaten Analysen zunächst bivariate Korrelationsanalysen durchgeführt. Dabei wurde zum einen mit Hilfe von Streuungsdiagrammen aufgezeigt, inwieweit sich die einzelnen Kreise bei den verschiedenen regionalen Standortfaktoren jeweils unter- oder überdurchschnittlich positioniert hatten bzw. wie ein bestimmter Kreis etwa bei seiner FuE-Ausstattung im Vergleich zu den anderen baden-württembergischen Kreisen einzustufen war. Darüber hinaus wurde untersucht, ob sich im Querschnitt für die 44 baden-württembergischen Kreise zwischen deren Beschäftigungsentwicklung und den dort jeweils gegebenen quantitativen Ausprägungen einzelner regionaler Standortfaktoren statistisch signifikante Zusammenhänge nachweisen lassen. Dabei zeigte sich, dass zwischen dem Baulandpreisniveau, der Lohnhöhe bzw. anderen regionalen Standortfaktoren der Kreise einerseits und deren Beschäftigungsentwicklung andererseits in vielen Fällen spezifische Korrelationen gegeben waren. D.h., dass zum Beispiel in den baden-württembergischen Kreisen ein bestimmtes Baulandpreisniveau tendenziell mit einer positiveren bzw. negativeren Beschäftigungsentwicklung einherging. Im Rahmen der entsprechenden bivariaten Analyse ließen sich zwischen den regionalen Standortfaktoren und der Beschäftigungsentwicklung allerdings nur mögliche Korrelationen (bzw. Koinzidenzen), nicht aber mögliche Kausalitäten ableiten. Die letztere Frage blieb notwendigerweise der so genannten multivariaten Analyse vorbehalten. Bedeutung einzelner regionaler Standortfaktoren für die Beschäftigungsentwicklung in den Kreisen Ergebnisse multivariater Analysen Bei den entsprechenden multivariaten Untersuchungen ergaben sich dann die nachstehenden Ergebnisse, die zeigen, welchen Einfluss die regionalen Standortfaktoren in den 1980erund 1990er-Jahren auf die industrielle Beschäftigungsentwicklung in den baden-württembergischen Kreisen hatten (vgl. auch Übersicht 1). Gemäß der in Kapitel 7 durchgeführten Untersuchung fiel die industrielle Beschäftigungsentwicklung in den entsprechenden Kreisen zumindest in gewissem Grad dann eher schlechter aus, wenn die dort jeweils ansässigen

6 6 Unternehmen mit überdurchschnittlich hohen Arbeitskosten konfrontiert waren. Der tendenziell negative Einfluss der Lohnkosten auf die Beschäftigungsentwicklung lief dabei insbesondere über einen verstärkten Abbau bestehender Arbeitsplätze und weniger über eine geringere Jobschaffung. Während also in Bezug auf die Höhe der Arbeitskosten zumindest eine begrenzte Relevanz für die Beschäftigungsentwicklung gegeben war, ließ sich dies im Hinblick auf die Arbeitslosenquote nicht feststellen. D.h., die Höhe der Arbeitslosigkeit konnte keinen Erklärungsbeitrag für die hinsichtlich der Beschäftigungsentwicklung zwischen den baden-württembergischen Kreisen bestehenden Unterschiede liefern. Eine vergleichsweise schlechte Beschäftigungsbilanz ließ sich allerdings für den Fall nachweisen, dass in den Kreisen ein hoher Anteil an Arbeitsplätzen für Geringqualifizierte bzw. Ungelernte gegeben war. Insofern war die Frage, ob in einem Kreis eher qualitativ hoch- oder geringwertige Arbeitsplätze dominieren ein wichtiger Erklärungsansatz für die regionale Beschäftigungsentwicklung. Im Hinblick auf die Ausstattung der Kreise mit Kapazitäten für Forschung und Entwicklung führte die Analyse zu dem Befund, dass sich eine überdurchschnittlich gute Ausstattung mit FuE-Personal tendenziell positiv auf die Entwicklung der regionalen industriellen Beschäftigung auswirkt. Ebenso gab es deutliche Hinweise darauf, dass die Beschäftigungsentwicklung auf Kreisebene durch eine gute verkehrsinfrastrukturelle Anbindung der Unternehmen, etwa zur Autobahn, begünstigt wird. Es zeigte sich aber auch, dass der anhand der Bevölkerungsdichte gemessene Agglomerationsgrad keinen eigenständigen statistisch signifikanten Einfluss auf die Beschäftigungsentwicklung in den Kreisen hatte. Eine zwischen Agglomerationsräumen und weniger verdichteten Räumen abweichende Beschäftigungsentwicklung wäre damit nicht durch unterschiedliche Einwohnerdichten, sondern durch andere Faktoren zu erklären. In diesem Zusammenhang ist zudem interessant, dass auch die in den Kreisen gegebenen Baulandpreise, die typischerweise gerade auch zwischen Agglomerations- und ländlichen Räumen differieren, keinen wesentlichen Erklärungsbeitrag zur Beschäftigungsentwicklung in den Kreisen liefern konnten. Dagegen wurde deutlich, dass sich eine hohe Belastung der Unternehmen mit Gewerbesteuer durch hohe Hebesätze der Kommunen negativ auf die Beschäftigungsentwicklung in den betreffenden Kreisen auswirkt. Im Hinblick auf die unterschiedliche Wirtschaftsstruktur der baden-württembergischen Kreise ist interessant, dass das Ausmaß der auf der Kreisebene gemessenen Branchenkonzentration keinen Einfluss auf die jeweilige Beschäftigungsentwicklung hatte. Dies gilt auch für den Tertiarisierungsgrad, der den Beschäftigungsanteil des Dienstleistungssektors erfasst. Be-

7 7 merkenswert ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass die Beschäftigungsentwicklung des Dienstleistungssektors negativ mit der Beschäftigungsbilanz im industriellen Bereich korreliert war. Hier wäre auf der Basis der üblicherweise nur als reine Nettobetrachtung durchgeführten Analyse zu vermuten gewesen, dass hinter diesem Zusammenhang in nennenswertem Umfang auch das Phänomen Outsourcing steht, bei dem es im Zuge der Konzentration von Industriebetrieben auf ihre so genannte Kernkompetenz zu einer Verlagerung von Arbeitsplätzen vom Verarbeitenden Gewerbe in den Dienstleistungssektor kommt. Die zusätzlich zur Analyse der industriellen Nettobeschäftigung durchgeführte Analyse der dahinter stehenden Bruttoströme verdeutlicht jedoch, dass zwar die industrielle Jobschaffung eine negative Korrelation aufweist, sich in Bezug auf den industriellen Jobabbau aber kein statistisch signifikanter Zusammenhang feststellen lässt. Letzteres impliziert dann aber, dass im vorliegenden Fall die Erklärungshypothese Outsourcing nicht greift. Übersicht 1: Einfluss regionaler Standortfaktoren auf die (Netto-)Beschäftigungsentwicklung in baden-württembergischen Kreisen in den 1980er- und 1990er-Jahren Regionale Standortfaktoren bzw. andere regionale Beschäftigungsdeterminanten Einfluss auf die (Netto-) Beschäftigungsentwicklung Baulandpreise Monatsgehalt je Angestelltem (eher) negativer Einfluss Arbeitslosenquote Geringqualifiziertenquote negativer Einfluss FuE-Personalintensität positiver Einfluss Verkehrsanbindung positiver Einfluss Gewerbesteuerhebesatz negativer Einfluss Bevölkerungsdichte Branchenkonzentration (gemäß Herfindahl-Index) Tertiarisierungsgrad (Beschäftigtenbasis) Beschäftigungswachstum im Dienstleistungssektor negativer Einfluss Betriebsgröße Exportquote negativer Einfluss positiver Einfluss Die in Kapitel 7 durchgeführte multivariate Analyse zeigt auch, dass die industrielle Beschäftigungsentwicklung in denjenigen Kreisen besser verlief, bei denen die Betriebsgrößenstruktur eher durch kleinere Betriebe gekennzeichnet ist. Dies unterstreicht die große beschäftigungspolitische Bedeutung des Mittelstandes. Schließlich war auch noch festzustellen, dass Kreise, bei denen die Industrieunternehmen eine hohe Exportquote aufwiesen, eine überdurchschnittliche Beschäftigungsentwicklung im Verarbeitenden Gewerbe vorweisen konnten. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass sowohl der Exportquoten- als auch der Betriebsgrößeneffekt nur auf der Jobschaffungsseite auftraten, während auf der Jobabbauseite dieser betriebsstrukturellen Aspekte festzustellen war.

8 8 In Kapitel 6 der Studie war bereits im Vorhinein geprüft worden, inwieweit die industrielle Beschäftigungsbilanz baden-württembergischer Kreise auch von der Beschäftigungsentwicklung und damit den Standortbedingungen der jeweiligen Nachbarkreise beeinflusst wurde. In dieser Hinsicht ließen sich für die 1980er-Jahre keine statistisch signifikanten Zusammenhänge feststellen. Dagegen zeigten sich für die 1990er-Jahre gewisse, wenn auch nicht allzu ausgeprägte Nachbarschaftszusammenhänge, bei denen baden-württembergische Kreise mit günstiger bzw. ungünstiger Beschäftigungsentwicklung bis zu einem gewissen Grad jeweils eine Art räumliche Cluster bildeten. Insgesamt zeigte sich aber, dass die in einem Kreis gegebenen regionalen Standortfaktoren für die dortige Beschäftigungsentwicklung eine viel größere Rolle gespielt haben als die entsprechenden Faktoren im räumlichen Umfeld der Kreise. Die vorliegende Studie findet somit Evidenz für eine Vielzahl plausibler Wirkungskanäle, in denen die regionalen Gegebenheiten die Beschäftigungsentwicklung beeinflussen. Gleichzeitig machen die Analysen aber auch deutlich, dass ein erheblicher Teil der Unterschiede zwischen den Kreisen sich nicht auf diese explizit berücksichtigten Regionalfaktoren zurückführen lässt, sondern andere hier unbeobachtete Ursachen hat. Diese können zum Teil ihre Ursache auch in verschiedensten Aspekten einer unterschiedlichen Ausgestaltung der in den baden-württembergischen Kreisen praktizierten Regionalpolitik haben, wobei die vorliegende quantitative Studie diese Ursachen im Gegensatz zu den oben angeführten härteren Standortfaktoren nicht operationalisieren und damit auch nicht benennen kann.

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