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1 APHORISMEN VON SANELA TADIC - Stand: August Seite 1 von 12

2 Wenn Gedanken eine Stimme hätten, würde jeder das Leben führen, das er verdient. Die Meisten scheinen mehr, als sie sind, und die Wenigsten sind mehr, als sie scheinen. Träume sind vom Verstand ausgeblendete Illustrationen der Seele. Es ist schön, auf der Welt zu sein, sagen die sorgenerlösten Optimisten, und vergessen dabei gern, dass durch den positiven Gedanken allein kein Schaden behoben wird. Wissen Geist: Manch ein Provinzbürger kann sich in die Welt hineindenken, während der Weltumsegler vielleicht allerlei gesehen, sich aber nichts dabei gedacht hat. Was ist die Zeit und der Mensch in ihr, wenn er nur dauert und nichts leistet? Seite 2 von 12

3 Jeder Einfluss hat dort die grösste Macht, wo am wenigsten gewusst wird. Der Mensch sehnt sich danach, authentisch zu bleiben, und doch lebt er zögernd und verschlossen, wie schwierige Bücher, die fürchten, sich Ahnungslosen und Unvorbereiteten offen zu legen. Das Dasein im eigentlichen Sinn ist viel mehr das, was in uns geschieht und weniger, was um uns geschieht. Ist Moral ein Gefühl oder ein Gedanke? Das Böse ist schlichtweg dumm, da der Güte viel zu viele Gedanken vorausgehen. Die am wenigsten sprechen, haben am meisten etwas zu sagen. Seite 3 von 12

4 "Durch ihre Erscheinung fallen viele Menschen auf und ziehen alle Blicke auf sich. Durch ihr Herz und ihren Verstand aber erst bleiben sie in Erinnerung." Ohne es zu merken, erzählt ein Lästerer mehr über sich als über andere. Werden wir nicht verstanden, bleiben wir trotz aller Begegnung und Berührung einsam, auch wenn wir nicht allein sind. Gut und Böse im Menschen sind Geschwister, die sich verleugnen. Ein erschüttertes Vertrauen in den falschen Menschen ist kein Verlust? Man verliert immer, wenn man nicht gefunden hat. Freiheit ist nicht etwas, das einem gegeben wird. Sie ist die eigens zu entwickelnde Fähigkeit, der Seele Hände zu geben. Seite 4 von 12

5 Was selten eine schwere Träne preisgibt, verbirgt oft ein schönes Lächeln. An einer Stelle in meinem Herzen gibt es ein Augenpaar wie in meinem Gesicht. Vielleicht erst durch diese Augen erlangen wir die Sehkraft und halten Ausschau nach Seelen und nicht nach Körpern. Geheimnisse sind eine Intimität, für die die nackte Haut noch ein nahtloser Mantel ist. Denn anders als zwischen Körpern gibt es zwischen Geistern und Seelen zuviel Kleidung, an der keine Knöpfe sind. Eitelkeit wirkt nach aussen wie ein ungünstig liegendes Muttermal im Gesicht einer schönen Frau. Echtes Selbstvertrauen entsteht erst, wenn wir aufhören, uns mit der Wahrnehmung anderer zu betrachten. In Wahrheit fremd sind uns die Menschen, vertraut nur ihre Gesichter. Seite 5 von 12

6 Wahrheit ist Gewissen. Erinnern wir uns zurück an die ungetrübte Sicht auf die Welt, die wir als Kinder genossen haben. Wenn die Erinnerung stark geblieben ist, wissen wir, dass es Schönheit gibt. Die Welt ist nicht schön und ist nicht hässlich. Was wir in uns sehen, sehen wir auch da draussen. Solange das Gewissen noch Zähne hat, die sich in unser Seelen- und Gedankenleben beissen, gilt es zu zweifeln, zu grübeln, zu überdenken, was wir sagen und was wir tun. Wir Menschen blicken unermüdlich hinauf, und wünschen uns dorthin, bloss weil es oben ist und wir unten sind. Nicht auf den Klang oder die Besonderheit des Wortes kommt es an, sondern auf seine Bedeutung. Schwerer als das grosse Wort wiegt sein Ursprung. Seite 6 von 12

7 Betrinkst Du Dich, werden nach einer Weile alle Deine Wünsche nüchtern und verderben Dir die Trunkenheit. Wenn ich schreibe, spreche ich wirklich. Die meisten Menschen wollen nur das tun, was sie glücklich macht und kaum das, was notwendig ist. Es gibt Tage, an denen wir ein bisschen sterben und Tage, an denen wir einmal mehr auf die Welt kommen. Käme ein Wissenschaftler und sagte: Nur denken macht schön! Wäre Schönheit noch ein Ideal? Glauben bedeutet Sehen. Viele Menschen sind sich ihres eigenen Willens nicht bewusst. Seite 7 von 12

8 Gut möglich, dass Religion eine Erfindung der Menschheit war, da man seit jeher nicht an die Menschen glauben konnte. Das Leben ist eine Komödie. Wir lachen nicht, weil es uns passiert. Gefallen oder nicht gefallen? Die entscheidende Frage ist doch, ob man es auch auf Dauer mit uns aushält?! Die Welt hat mehr Redner als Zuhörer und auf beiden Seiten wenige Denker. Bei der Bildung geht es nicht so sehr darum, alles wissen zu wollen, sondern was und warum. Was für eine Liebe kann das sein, deren Marionette man sein muss? Seite 8 von 12

9 Ob Du geliebt wurdest oder nicht, bereue niemals, geliebt zu haben. Besitzen können wir nichts, aber wir sind und werden von Vielem besessen. Wir wehren uns jeden Tag gegen Dinge, die in uns hineingedrängt werden. Dinge eben, die durch andere, von aussen in uns hineingelangen und nicht durch uns selbst. Jeden Tag wehren wir uns und leiden. Und jeden zweiten oder dritten Tag geben wir nach und leiden noch mehr. Erstaunlich, was sich alles verbergen lässt, wenn man viel Zeit mit unaufmerksamen Menschen verbringt, die keine Augen für das Wesentliche haben. Liebe ist alles oder nichts. Nur Gefühl ist kindisch. Nur Verstand ist kalt und der Trieb allein roh. Seite 9 von 12

10 Mächtig und stark ist, wer Macht über sich selbst gewinnen kann nicht über andere. Es gibt Leute, die leben, als ob es sie gar nicht gäbe und solche, die leben, als gäbe es nur sie und als gäbe es sie für immer. Je weniger ich mich bemühe, umso durchschnittlicher bin ich, je weniger ich denke, was ich sage, umso beliebter bin ich. Es ist leichter vorzugeben, jemand zu sein, als der zu sein, der man ist. Enttäuschung ist Reue und Wut. Reue, die wir anstelle eines anderen Menschen empfinden und die Wut auf ihn, weil er uns diese Reue nicht abnimmt. Seite 10 von 12

11 Menschen, die das Gefühl haben, sich nirgendwo und bei nirgendwem heimisch zu fühlen, können die erhebende Entdeckung machen, dass Heimat etwas ganz anderes ist, nämlich in sich zu leben und nicht an diesem oder jenem Ort. Nicht nur Eltern prägen ihre Kinder. Auch Kinder prägen ihre Eltern. Es ist eine belastende, immerzu präsente Sorge, wie ein Mensch diesen einen Menschen bloss finden könnte. Auf dass er bedingungslos lieben endlich ein ganzer Mensch werden kann. Die meisten Menschen können nicht zwischen den Zeilen lesen. Zum Glück und zum Unglück. Wir alle wissen, dass wir nicht ewig leben werden und dennoch versäumen wir wahrscheinlich viel zu viel wegen diesem Bisschen an Hoffnung, dass es so etwas wie Schicksal gibt. Ein Schicksal, das gerecht austeilt und verteilt, wenn wir nur lange genug abwarten können. Seite 11 von 12

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