Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK)

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1 Grußwort: Jungs das vernachlässigte Geschlecht von Dr. med. Max Kaplan, Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer (BLÄK) am 20. März 2010 in München Es gilt das gesprochene Wort

2 Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie ganz herzlich im Namen der Bayerischen Landesärztekammer als auch persönlich zum Symposium Jungs das vernachlässigte Geschlecht. Wenn mir vor zig Jahren jemand gesagt hätte, dass ich einmal eine Veranstaltung mit dem Titel Mädchen das vernachlässigte Geschlecht eröffnen würde, wäre das wohl nichts Außergewöhnliches gewesen. Die Emanzipationsbewegung der Frauen hat ja besonders in den 60-er und 70-er Jahren enorm an Kraft gewonnen. Dass aber im Jahr 2010 Jungs und ihre geschlechtsspezifischen Probleme verstärkt in den Blickpunkt rücken würden, daran hätte wohl damals niemand gedacht. Anrede Begonnen hat die Diskussion um die vernachlässigten Jungs bereits vor einigen Jahren. In den Medien wurden vor allem die Bevorzugung von Mädchen im Bildungssystem und die dadurch entstehende Benachteiligung von Jungs thematisiert. Im medizinischen Bereich wurde der Jungen- beziehungsweise Männermedizin bisher weniger Beachtung entgegengebracht als Mädchen. Umso mehr freut es mich, dass das Interesse an der heutigen Veranstaltung so groß ist. Gemeinsam mit dem Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, Seite 2 von 5

3 Landesverband Bayern, möchten wir die medizinischen Besonderheiten in Prävention, Diagnostik und Therapie von Jungen aufzeigen. Jungen sind keine Mädchen. Da werden Sie mir wahrscheinlich zustimmen. Wenn Jungen keine Mädchen sind, dann gibt es logischerweise Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen. Das ist zwar sehr banal, aber genau darum geht es: Um die Frage, wo sind Jungs anders als Mädchen und damit meine ich nicht nur rein körperliche Unterschiede. In der schon erwähnten medialen Bildungsdiskussion wurde zum Beispiel festgestellt, dass Jungs mehr Zeit in der Schule brauchen würden anzuhalten, im Kopf umzuschalten und auf Fragen zu antworten. Eine Lehrerin hat in ihrer Schulklasse herausgefunden, dass sich Jungs besser konzentrieren könnten, wenn sie gleichzeitig etwas Körperliches tun und so ihrem größeren Bewegungsdrang nachgingen. In manchen amerikanischen Schulen werden bereits solche Erkenntnisse aus der Hirnforschung in der Erziehung von Jungs umgesetzt. Sogar das bayerische Bildungsministerium hat vor einigen Jahren einen Arbeitskreis Bubenförderung eingerichtet. Unter Experten herrscht Einigkeit darin, dass Jungen im Durchschnitt ebenso intelligent seien wie Mädchen, diese aber fleißiger lernen würden. Das ist vielleicht mit ein Grund dafür, dass 60 Prozent der Studienanfänger im Numerus-Clausus-Fach Humanmedizin Frauen sind. Seite 3 von 5

4 Anrede Unsere Kultur war schon immer geprägt von Rollenbildern, die sich im Lauf der Zeit auch verändern. Menschen können das Gleiche tun, und trotzdem wird es unterschiedlich bewertet. Ein Mann, der auf einer Party gut gebechert hat, wird von seinen Kumpels oft anerkennend als trinkfest bezeichnet. Über einer Frau wird in der gleichen Situation schnell sehr abwertend gesprochen. Eine Mutter dreier Söhne hat einmal gesagt: Bei Jungs wird Wildheit als Verhaltensstörung kritisiert, bei Mädchen als Temperament bewundert. Und der Psychologe Professor Dr. Allan Guggenbühl schrieb 2006 in seinem Buch Kleine Machos in der Krise : Problematisch ist, wenn die Jugendarbeit von einem defizitären Männerbild ausgeht. Statt auf Jungen einzugehen und ihre Psychologie zu reflektieren, will man sie eigentlich umerziehen. Defizitäres Männerbild: Das ist für mich das Stichwort, um kurz die derzeit in den Medien thematisierten aktuellen schrecklichen Ereignisse in konfessionellen und nicht-konfessionellen Bildungseinrichtungen zu erwähnen. Massenhafter sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker und Pädagogen von den USA über Irland bis Deutschland stellt einen enormen Imageverlust einer Institution dar, die gerade für Ethik und Moral steht. Ebenso problematisch sehe ich die Gefahr, dass Internate jetzt grundsätzlich in Frage gestellt werden. Für mich als Arzt ist noch viel gravierender natürlich die Auswirkungen auf die Opfer des sexuellen Missbrauchs. Ich hoffe, wir werden heute im Verlauf der Tagung Gelegenheit finden, über sexuelle Orientierung und Männlichkeitsentwürfe zu diskutieren. Seite 4 von 5

5 Anrede Unsere Referenten wollen heute aufzeigen, inwieweit neben den körperlichen Einflussfaktoren auch soziale und kulturelle Einflussfaktoren auf Jungs wirken und was das für die medizinische Betreuung bedeutet. Warum nur bin ich ein Mann geworden? Wie werde ich ein Mann? Ich bin schwul was nun? Mir ist zum Heulen, aber keiner merkt es. Das sind nur einige Fragen und Aussagen, die wir heute diskutieren wollen. Ich freue mich, dass Sie hier sind und wünsche Ihnen ein informatives, interessantes und erkenntnisreiches Symposium. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Seite 5 von 5

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