Rolf Theobold Wunderbar in SEINEN Augen Predigt über Lk. 18, August 2015, Pauluskirche

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1 Liebe Gemeinde! Rolf Theobold Wunderbar in SEINEN Augen Predigt über Lk. 18, August 2015, Pauluskirche Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Lukasevangelium. Dort heißt es: Vom Pharisäer und Zöllner 9 Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. Das erste, was mir dazu einfiel, war eine Postkarte, die ich vor kurzem gesehen habe. Darauf stand: Eigenlob stimmt! Ich hab das aus meiner Kindheit dunkel noch etwas anders in Erinnerung. Geht es bei dieser Episode aus dem Lukasevangelium darum, dass man sich selbst nicht loben darf, selbst wenn es stimmt? Geht es darum, dass man sich immer schön klein machen muss, selbst wenn es nicht stimmt? Ist Selbstbewusstsein etwas schlechtes, und ist etwas christliches, von sich selbst am besten nur schlecht zu denken? Erstellt von Rolf Theobold Pr(Wunderbar in SEINEN Augen) Seite 1 von 5

2 Das würde an der Oberfläche bleiben. Denn ganz so einfach ist es nicht. Zunächst einmal, wenn man den Text etwas genauer anschaut, dann sieht man, dass nicht so sehr das Selbstbewusstsein des Pharisäers das Problem ist, sondern seine damit verbundene Verachtung für den Zöllner. Ein Selbstbewusstsein, das allerdings davon lebt, sich besser als andere zu fühlen, ein Selbstbewusstsein, das es nötig hat, andere schlecht zu machen, ein solches Selbstbewusstsein, ist, so würde ich behaupten, eigentlich gar kein Selbstbewusstsein. Es ist vermutlich ein Versuch, die eigene Unsicherheit und die eigenen Selbstzweifel zu verdrängen, zu verleugnen, sie gar nicht erst spüren zu müssen, indem sie nach außen projiziert werden. Ich bin der Gute denn der dort ist ja eindeutig der Schlechte. Wer aber mit einem Finger auf andere zeigt, der zeigt mit drei Fingern auf sich. Jesus hat sich nicht blenden lassen, von dem, was wir Menschen uns selbst vormachen. Und wenn ich ihn richtig verstehe, wollte er, dass jeder Mensch, also auch der Pharisäer und auch der Zöllner, sich selbst in jener Würde erleben, die sie vor Gott haben. Ein Selbstbewusstsein als Kinder Gottes. Und dazu gehört, dass man sich zweierlei Dinge bewusst macht. Erstens: ich habe einen unendlichen Wert. Zweitens: diesen Wert kann ich mir nicht selbst verdienen. Dieser Wert wird mir zugesprochen, aus Gnade. Wer das einmal begriffen hat, der könnte glücklich leben, und den ganzen Tag mit einem Lächeln herumlaufen und fröhlich ein Liedchen pfeifen. Nur: die meisten von uns begreifen das nicht. Wir Menschen glauben, dass wir unseren Wert uns immer erst irgendwie verdienen müssen. Sei es durch Leistung, sei es durch Moral, sei es durch Religion, sei es durch Wohlstand, sei es durch gesellschaftlichen Aufstieg, oder Erstellt von Rolf Theobold Pr(Wunderbar in SEINEN Augen) Seite 2 von 5

3 sei es, dass wir ins Fernsehen kommen. Gleichzeitig brauchen wir die anderen, von denen wir uns abgrenzen können, die Verlierer, die Unmoralischen, die Gottlosen, die Bedeutungslosen. Dann erst glauben wir, dass wir einen besonderen Wert haben. Ich habe das jetzt bewusst pauschal und zugespitzt formuliert, um etwas deutlich zu machen, was oft subtiler und oft auch unbewusst geschieht. Die Bibel jedenfalls nennt diesen Versuch des Menschen, sich selbst durch Leistung und durch Verachtung einen Wert beizumessen mit einen klaren Wort: Sünde. Es ist Sünde, zu glauben, wir müssten uns unseren Wert verdienen. Von unserem ersten Atemzug an haben wir diesen Wert schon längst bekommen, von Gott. Wertvoller können wir nicht werden, egal was wir tun. Weniger wertvoll können wir auch nicht werden, egal was wir tun. Diesen unseren wahren Wert uns bewusst zu machen, das gelingt aber erst, wenn wir darauf verzichten können, unsere selbst gemachte Wertsteigerung loszulassen. Denn solange wir selbst meinen, unseren Wert an der Börse der Eitelkeiten handeln zu müssen, sind wir blind für den Wert, den uns Gott schon längst geschenkt hat. Und hier ist der Zöllner in der Tat seinem wahren Wert deutlich näher als der Pharisäer. Der Pharisäer ist noch blind dafür, dem Zöllner gehen die Augen auf er beginnt zu ahnen, dass er trotz allem ein unendlich wertvoller und von Gott geliebter Mensch ist. Diese Liebe muss er sich nicht verdienen, er muss sie sich lediglich schenken lassen. Als zerknirschter Mensch ist er viel näher an der Erkenntnis, dass er mit leeren Händen viel reicher beschenkt ist, als mit vollen Händen. Der Pharisäer müsste erstmal loslassen, er müsste sein stolzes Ego überwinden, müsste erkennen wieviel Sünde in seiner Selbstgerechtigkeit verborgen liegt, die ihn blind macht für die Liebe Gottes. Aber dieses Loslassen kann unendlich schwer sein. Vor allem dann, wenn man glaubt, auf der Leistungsbilanz et- Erstellt von Rolf Theobold Pr(Wunderbar in SEINEN Augen) Seite 3 von 5

4 was vorzuweisen zu haben. Wer dagegen wie der Zöllner erkennt, dass seine Leistungsbilanz brüchig und unvollkommen ist, der ist schon deutlich näher am Reich Gottes. Jeder von uns ist beides. Wir sind der Pharisäer, der sich und anderen seinen Wert ständig beweisen muss, weil er oder sie nicht wie ein Kind darauf vertrauen kann, dass er diesen Wert einfach hat. Einfach weil es ihn oder sie gibt. Weil er oder sie in Gottes Augen unendlich viel wert ist. Und wir sind auch der Zöllner, der erkennt, dass er sich selbst und andere betrogen hat, wenn er glaubte, er könne und müsse aus sich selbst etwas wertvolles machen. Wenn wir in uns sowohl Pharisäer sind als auch Zöllner, dann geschieht es oft auch in uns, dass der Pharisäer den Zöllner verachtet oder gar nicht wahrhaben will. Und doch ist es gerade der Zöllner in uns, der den Pharisäer in uns erlösen kann. Er, der Zöllner, kann für beide sagen, was der Pharisäer nie sagen könnte: Gott, sei mir Sünder gnädig. Und vielleicht würde der Zöllner in uns noch hinzfügen: Gott, ich lass mir von Dir alles schenken. Verzeih mir, dass ich Dir nicht geglaubt habe, wie wertvoll ich für Dich bin. Verzeih mir, dass ich dachte, ich müsste für meinen eigenen Wert selbst gerade stehen. Was ich dabei zustande gebracht habe ist vielleicht selbstgerechte Moral, Überheblichkeit, Besserwisserei, Selbstgefälligkeit, Arroganz, Verachtung, vielleicht gut getarnt hinter eine anständigen oder bescheidenen Fassade. Und doch ist das alles so unendlich weniger wertvoll, als das, was Du mir schenken möchtest. Und doch bin ich zugleich immer ängstlich besorgt, dass es mir unter den Fingern zerrinnen könnte, dass ich mich nicht genug angestrengt habe, dass man mir vielleicht ansehen würde, wie ich innerlich um meinen Wert kämpfe. Dass ich scheitern könnte, in dem Versuch, mich selbst wertvoll zu machen. Das war das, was Du Sünde nennst. Weil ich dabei völlig übersehe, dass der Wert, den ich in Deinen Augen Erstellt von Rolf Theobold Pr(Wunderbar in SEINEN Augen) Seite 4 von 5

5 habe, unverlierbar ist. Gott, ja, erbarme ich meiner! Hilf, dass ich mich loslassen kann, um mich in Dir neu zu finden. Gnade statt Selbstgerechtigkeit, Erbarmen statt Anstrengung, Liebe statt Leistung, Güte statt Gutsein das ist es, was ich mir nicht selbst geben kann, sondern nur von Dir, Gott, empfangen kann. So sei mir Sünder gnädig, Gott, und lass mich erkennen, welch unverlierbaren Wert ich für Dich habe. Wenn wir so innerlich zu Gott sprechen können, wird das unmerklich hart gewordene Herz des Pharisäers in uns weich, und das zerbrochene Herz des Zöllners in uns wird fest. Und wir werden die, die wir in den Augen Gottes schon längst sind, seine Kinder! Doch das kann man vielleicht wirklich nur annehmen wie ein Kind, so wie es im nächsten Abschnitt bei Lukas heißt. Doch dann, dann kann man auch mit kindlichem Gemüt auf neue Weise selbstbewusst sein: Ja, ich bin ein Kind Gottes. Wunderbar in seinen Augen. Gott sei Dank. Und wer jetzt denkt, was wird dann aus der notwendigen moralischen Anstrengung, der sieht nicht, dass dort, wo der Pharisäer sich als Sünder erkennt und der Zöllner sich als Kind Gottes erkennt, dass dort Liebe geboren wird, eine Liebe, uns barmherzig macht, barmherzig mit uns selbst und barmherzig mit anderen. Amen. Erstellt von Rolf Theobold Pr(Wunderbar in SEINEN Augen) Seite 5 von 5

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