Katholische Kirchengemeinde St. Ludwig Darmstadt-Innenstadt Pfarrer Dr. Thomas Krenski

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1 Katholische Kirchengemeinde St. Ludwig Darmstadt-Innenstadt Pfarrer Dr. Thomas Krenski Frag die Alten, sie werden es dir sagen! (Dtn 32,7) Grundfragen (nicht nur) des Alters Eröffnungsreferat zum 1. Darmstädter Seniorentag Kongreßzentrum darmstadtium Sehr geehrte Frau Klaff-Isselmann, sehr geehrter Herr Partsch, sehr geehrte Aussteller und Anbieter, meine Damen und Herren, zunächst danke ich Ihnen sehr herzlich, dass Sie mir Gelegenheit geben, anlässlich des 1. Darmstädter Seniorentages zu Ihnen zu sprechen. Ich frage mich freilich, was Sie bewogen hat einen der Pfarrer dieser Stadt um eine Festrede zu bitten. Das ist durchaus ein Risiko. Zunächst aber freue ich mich schlicht und einfach, dass der Seniorenrat Darmstadt in Zusammenarbeit mit dem Sozialdezernat der Wissenschaftsstadt es zuwege gebracht hat, Menschen verschiedenster Profession zusammenführt, die sich für Seniorinnen und Senioren zu engagieren bereit sind. Hätten wir nur mehr solcher konzertierter Aktionen. So erwartet Sie, die Angehörigen der älteren Generation, die so genannten Seniorinnen und Senioren, bei einem Rundgang über den Info-Markt der 1. Darmstädter Seniorentage ein breites Angebot an Dienstleistungen. Über 40 Aussteller bieten Ihnen ein beeindruckendes Kaleidoskop an Antworten auf Fragen an, die sich im sogenannten Alter stellen. Die entsprechenden Antworten versuchen sämtlich Lebensqualität im Alter zu sichern. Vielleicht fragen Sie sich, mit welcher Antwort auf welche Frage ich als einer der Pfarrer dieser Stadt aufzuwarten hätte. Ich habe keine Antworten. Zumindest keine schnellen Antworten. Ich habe Fragen. Ich frage Sie nach Ihren Fragen. Ich frage nach jenen Fragen, die sich nicht im Hinblick allein auf Ihre Gesundheit, Ihre Vitalität, Ihre finanzielle und soziale Situation, sondern im Rück-Blick auf Ihre Vergangenheit und im Vor-Blick auf Ihre Zukunft stellen. Ich vermute, dass diese Ihre Fragen nach dem Woher und Wohin, nach dem Sinn dessen, was war und dem, was Ihre Zukunft sein wird, von nicht weniger Bedeutung für Ihr Wohlergehen und Ihre tatsächliche Lebensqualität sein dürften als die konkreten Fragen, auf die die Aussteller des Info-Marktes eine Antwort nicht nur zu geben versuchen, sondern in vielen Fällen haben. Mir geht es darum, Sie auf jene Fragen anzusprechen, die sich stellen, die aber nicht unbedingt gestellt werden oder die zu stellen Sie möglicherweise aufgegeben hatten. Jenseits der pragmatischen Fragen, die sich im Alter stellen - keiner verachte den Pragmatismus, der unser konkretes Leben stützt und erleichtert Dennoch: jenseits der pragmatischen Fragen, die sich im Alter stellen, stellt unser Unbewusstes Fragen, auf die keiner der Aussteller eine Antwort parat haben dürfte. Sie tauchen folgerichtig mit keinem Wort im Programmheft der Seniorentage auf. Ich nenne sie Grundfragen menschlicher

2 Thomas Krenski: Frag die Alten, sie werden es dir sagen!. 1. Darmstädter Seniorentag Existenz. Mit diesen Grundfragen setzt sich der reife Mensch bewusst oder unbewusst noch einmal und aufgrund der knapper bemessenen Lebenszeit dringlicher auseinander als sie den jungen Menschen beschäftigten und als sie dem Erwachsenen über seiner Tätigkeit und Beanspruchung abhanden zu kommen drohen. Ohne dass der Mensch diese Grundfragen stellt und sie wach hält, mutiert er zum Gartenzwerg. Es gehört zur Größe und zur Faszination des Menschen, dass er sich die Frage nach dem Sinn oder Unsinn seines Daseins stellen kann, nein: dass er sie stellen muss. Wenn er sie nicht stellt, stellt sie sich. Es gehört zu den erregendsten und spannensten Erfahrungen des Menschseins, dass der Mensch auf sich selbst zu reflektieren im Stande ist. Dass er sich nach dem Woher und Wohin, nach dem Sinn und Unsinn seiner selbst fragen und sich zu sich selbst verhalten kann. Freilich es ist hin und wieder eine Last, aber doch auch deutlich eine Lust über Sinn und Unsinn des eigenen Lebens, über das eigene Werden und Vergehen zu philosophieren. Wir sind uns selbst eine erregende und spannende Frage, die wir lebenslang stellen. So auch im Alter. Welche Fragen stellen sich im Alter? Oder besser: Welche Fragen stellen nicht nur, aber verschärft im Alter? Von welchen scheinbar spezifischen Fragen des Alters profitierten wir als Gesellschaft? Vielleicht doch von der Frage, die der Mensch sich selbst ist. Irre ich, wenn ich der Auffassung bin, dass eine menschliche Gesellschaft nicht nur, aber doch auch dadurch und insofern eine menschliche Gesellschaft ist, dass sie die Fragen, die den Menschen als Menschen umtreiben, nicht tabuisiert, sondern stellt. Oder wollen wir weiter nur über das sprichwörtliche Wetter, über unsere Wehwehchen, über unsere Reisen und sofort reden. Ich für meinen Teil finde die Frage nach den Gründen und Abgründen, den Höhen und Perspektiven unseres Lebens allemal spannender als das, womit wir uns die Zeit vertreiben. Wie wäre es, nicht weiter unser Niveau zu unterschreiten, sondern auf dem Niveau der Frage, die wir uns selbst sind, nach Antworten zu suchen. Wir werden Sie nicht ohne weiteres finden. Aber indem wir die Frage stellen, wer und wozu und worauf wir sind, wachsen uns möglicherweise Antworten zu. Es käme zunächst darauf an die entscheidenden Fragen zu stellen. Ich ermutige Sie mit Rainer Maria Rilke Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben und sie zu leben. 1 Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Boethius, der vom Trost der Philosophie sprach, der einem in dem Maße zuwachse als man frage und sich so der resignativen Fraglosigkeit eines dahingelebten Alltags begebe. Ich will sie provozieren, provocare: das heißt herausrufen aus der Fraglosigkeit, mit der Sie sich vielleicht dem Alter überlassen wie ich mich meinem Arbeitsalltag. Ich interessiere mich für die Fragen, die sich Ihnen in Ihrem Alter jenseits des schönen Wetters und der pragmatischen Alltagsfragen stellen. Ich mache Ernst mit der biblischen Empfehlung: Frag die Alten, sie werden es Dir sagen! 2. So frage ich Sie: Wie fühlt sich das an nicht nur zu wissen, sondern zu erfahren, dass die eigene Lebenszeit begrenzt und in absehbarer Zeit ein Ende haben wird? Wie fühlt sich das an Erfahrungen gemacht zu haben, die zu verarbeiten man nicht in der Lage ist? Wie fühlt sich das an zu wissen, dass erhebliche Anteile dessen, was ich hätte leben wollen, ungelebt blieben? Wie fühlt sich das an auf Bruchstücke gelungenen und gescheiterten Lebens zurückzuschauen? Bringt man das alles zusammen? Wie fühlt sich das an, alleine zu sein mit der Last eines Lebens? Wie fühlt sich das an alleine zu sein mit den 1 Rainer Maria Rilke an Franz Xaver Kappus am Dtn 32,8.

3 Thomas Krenski: Frag die Alten, sie werden es dir sagen!. 1. Darmstädter Seniorentag erinnerten, aber doch versunkenen Freuden eines Lebens? Wie ist das, wenn die Kräfte schwinden? Wie ist das, wenn man Bilanz zieht? Was hat vor einem selbst Bestand? Wie beurteilt man sein aktives Leben? Wie fühlt sich das an zu wissen, dass man Enkel oder Urenkel nicht wird groß werden sehen? Wie geht man mit Augenblicken angesichts ihrer möglichen Unwiederbringlichkeit um? Noch ein Sommer? Noch ein Herbst? Wie wird das sein nicht mehr zu sein? Wie fühlt es sich an von einer Krankheit geschlagen einfach nur noch dazuliegen? Wie fühlt sich die nahezu bewegungsunfähige Passantin? Ich zitiere Natascha Wodin, die Frau des verstorbenen Büchnerpreisträgers Wolfgang Hilbig: Eine alte Frau kommt mir entgegen, schleppt ihre aufgedunsenen, aus den Schuhen quellenden Beine über das brüchige Pflaster. Sie hat die Augen auf den Boden unter sich geheftet und hält sich an ihrer Handtasche fest wie an einem Geländer. Woher kommt sie, wo geht sie hin? Man sieht, dass ihr schwerer Körper eine kaum noch tragbare Last für sie ist. Sie schafft immer nur drei, vier winzige Schritte hintereinander, dann muss sie anhalten, um zu verschnaufen, und jedes Mal scheint es, dass sie für immer stehen geblieben ist, dass sie es nicht mehr schaffen wird, ihren zu Tode erschöpften Körper noch einmal in Bewegung zu setzen. 3 Mit einem Wort: Wie lebt man mit der Perspektive des Alters? Der diesjährige Büchnerpreisträger Walter Kappacher lässt in seinem Roman Fliegenpalast den alternden Dichter Hugo von Hofmannsthal sagen: Die Zahl der Jahre, die man noch vor sich hat, wird immer geringer: Ein verpatzter Sommer, und womöglich noch ein Dauerregen im Herbst, wird bald einmal zur Katastrophe. 4 Wer spricht diese Fragen an? Wo finden Sie einen Gesprächspartner, einen Anbieter, mit dem Sie über Ihre Vergangenheit und über Ihre Zukunftsängste und visionen ins Gespräch kommen könnten? Ich bin vorsichtig, Ihnen mich und meine Kolleginnen und Kollegen als Gesprächspartner anzubieten. Immer wieder hatte ich mir vorgenommen meine letztjährig verstorbene 96jährige Großmutter zu fragen, wie sich das anfühle. Mit welchen Fragen sie sich quäle. Wie ich ihr als Gesprächspartner dienen könnte. Ich hatte nicht den Mut. Selbst dann nicht, als Beschwichtigungsformeln an Ihrem Sterbebett absurd schienen und sie mir doch entglitten. Vielleicht erklärt sich daher die Impertinenz, mit der ich Ihnen diese Fragen stelle. Aber nein. Eigentlich erklärt sie sich aus der Tatsache, dass ich und dass Tausend andere sich diese Fragen uneingestanden oder ausdrücklich stellen. Sie sind von Relevanz für jeden Menschen in jedem Alter. Wir Jüngeren bedürften Ihrer Fragen, damit inmitten des Getriebes uns diese Frage nach dem Sinn und die tatsächliche Perspektive unseres Lebens nicht abhanden käme. Wir bedürften viel eher Ihrer Fragen als Ihrer Antworten. Mir imponieren Menschen, die (im Alter) noch Fragen haben oder sich selbst eine Frage (geblieben) sind. Ich will Sie ermutigen über den unbedingt wichtigen Fragen bezüglich der Erhaltung der Lebensqualität im Alter, auf die Sie hier eine Antwort erhalten können und werden, die Grundfrage nach der Zukunft Ihrer Vergangenheit wach zu halten. Geben Sie sich mit dem Angebot nicht zufrieden! Fragen Sie nach Ihrer Vergangenheit! Nach der Bedeutung dessen was war. Treten Sie in ein Gespräch mit Ihrer Vergangenheit. Ihr Leben hält eine verborgene Botschaft bereit. Der ältere Mensch ergeht sich gerne in Erinnerungen. Er arbeitet diesermaßen an seiner Biografie, die ihm hilft, sich seiner zu vergewissern und seinen Lebenslauf als eine dynamische Entwicklung zu begreifen. Die Erinnerung verschafft Lebensqualität, weil sie verbürgt 3 Wodin, Natascha, Nachtgeschwister. München 2009, Kappacher, Walter, Der Fliegenpalast. St.Pölten-Salzburg 2009, 84.

4 Thomas Krenski: Frag die Alten, sie werden es dir sagen!. 1. Darmstädter Seniorentag und erfahrbar macht, dass das, was war, immer gewesen sein wird. Es wird erinnert Gegenwart und macht das Leben zu einem Fest. Wer bietet sich Ihnen bezüglich Ihrer Biografie als Gesprächspartner an? Zunächst fungieren Sie selbst als Ihr eigener Gesprächspartner. Das Lukasevangelium bietet uns im Umfeld der Kindheitserzählung Jesu das Bild eines alten Menschen namens Simeon an, dem man das Kind Jesus in die Arme legt. Diese Begegnung löst die Verkrampfung des Alters. Im Grunde begegnet der greise Simeon in dem konkreten Kind jenem Kind, das er einmal war. Nichts scheint verloren. Er wird wiedergeboren. Er tritt über die Jahrzehnte in Kontakt zu jenem Kind, das er einst war. Er begegnet sich selbst und seiner Geschichte. In dieser Selbstbegegnung wachsen ihm Antworten zu bis dahin, dass er sagen kann: Nun lässt Du Herr Deinen Knecht in Frieden scheiden! 5 Das heißt doch, dass es dem älteren Menschen aufgegeben ist, Friede mit dem zu machen, was er erlebt, was er versäumt, was ihm vorenthalten, was er genossen, was ihn erfreut, was er erlitten oder anderen zugefügt hat, was er an Ungelebtem und an Enttäuschungen im Gepäck seines Lebens trägt. Ich höre im Rahmen meiner Tätigkeit immer wieder älteren und alten Menschen zu. Ich befrage sie inzwischen regelrecht nach ihren Lebensläufen und nehme wahr, dass sich während des Erzählens etwas in ihnen bewegt und dass das, was sie erzählen, etwas in mir bewirkt. Deshalb frage ich die Alten. Und ich sehe sie wie Walter Kappacher den greisen Hofmannsthal den Entschluss fassen, in ihr eigenes Leben zurückzukehren. 6 Und weiter: Die älteren und alten Menschen stellen mit ihrer Lebenserfahrung, aber und gerade auch mit den offen gebliebenen Fragen ein gesellschaftlich ungenutztes Potential dar. Die Fragen, die sich gegen Ende des Lebens stellen, könnten uns Jüngeren einen Hinweis für unsere Lebensführung geben. Sie wirkten gewissermaßen heilsam zurück und trügen dazu bei, dass wir unser Leben nicht zu eng dimensionierten. Etwa so: "Ich lege mich niemals zum Schlafen nieder, ohne zu bedenken, dass ich den nächsten Tag vielleicht nicht mehr erleben werde, und doch könnte keiner meiner Bekannten sagen, dass ich im Umgang mit ihnen stur oder verdrießlich sei - und für diese Quelle des Glücks danke ich meinem Schöpfer jeden Tag und ich wünsche meinen Mitmenschen von ganzen Herzen dasselbe (...) Da der Tod, genau zu nehmen, der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten freund des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht allein nichts schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel beruhigendes und tröstendes.. 7 So der 31jährige Mozart junior an den todkranken 68jährigen Mozart senior. Wolfgang Amadeus sieht den Tatsachen ins Auge. Der ältere und noch einmal verschärft der alte oder in Mozarts Fall der todgeweihte Mensch selbst stellt als einer, dessen Lebenszeit sich dem Ende nähert, sich und uns die Frage, wohin das führen wird. Welche Perspektive habe ich? Macht es eigentlich Sinn auf den Tod hin zu leben? Macht also das Leben vor dem Tod einen Sinn? Wo doch vergeht, was war? Läuft das Alter auf etwas anderes heraus als auf den Tod? Ich vermute, dass sich angesichts dieser Fragen noch einmal eine ganz unerwartete Lebensqualität einstellen könnte. In dem Maße als die Quantität der zu erwartenden Lebensjahre schwindet, stellt sich möglicherweise eine unerwartete Qualität ein. Biblisch: unerwartet empfängt die längst unfruchtbare 5 Lk 2,29. 6 Kappacher, Walter, Der Fliegenpalast Wolfgang Amadeus Mozart 1787 an seinen Vater Leopold.

5 Thomas Krenski: Frag die Alten, sie werden es dir sagen!. 1. Darmstädter Seniorentag Elisabeth Leben. Geboren heißt es Johannes, der am Hof des unangefragt herrschenden Herodes als Mahner auftrat Haben die Alten eine Perspektive? Geht das Leben auf? Haben nicht nur die Alten, sondern wir Zukunft jenseits des Todes? Eine Grund-Frage nicht nur des Alters. Diese Frage zu stellen verschafft Perspektive. Geben Sie sich nicht zufrieden mit der platten Vorstellung, der Mensch sei eine Maschine, die zunächst Abnutzungserscheinungen zeitige bis dass sie ihre Funktion einstelle und entsorgt würde. Ich weiß nicht, was der Mensch ist, ich weiß aber, dass er mehr ist als eine Maschine. Eine Maschine stellt keine Fragen. Sie funktioniert und stellt fraglos ihre Funktion ein. Wir aber fragen. Ich biete Ihnen im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen: der Pfarrerinnen und Pfarrer, der Seniorenseelsorgerinnen und Seniorenseelsorger, der Hospizhelferinnen und Hospizhelfer, der Lebensberaterinnen und Lebensberater an mit uns über diese und andere Fragen des Alters ins Gespräch zu kommen. Wir treten nicht auf als die, die wissen und eine schnelle Antwort parat hätten. Vielmehr als Gesprächspartner, die vermuten, dass es sich lohnt, die Grundfragen zu stellen. Nicht um der Frage willen, sondern um der Weite willen in die hinein uns dieses Fragen führt. Wir fühlen uns nicht um irgendeiner noch so frommen Ideologie, sondern um des Menschen als Menschen willen verpflichtet, diese Grundfragen offen zu halten und ins Spiel zu bringen. Freilich hat meine Zunft eine Hoffnung, die einen Namen hat und Perspektive schafft. Wir bieten Ihnen als Kirchen unsere Hoffnung, unsere Offenheit auf eine ungeahnte Zukunft an, die wir in unseren Gottesdiensten feiern und der wir im Gespräch über Erlebtes auf der Spur sind. Vielleicht geht es Ihnen wie dem von Walter Kappacher zitierten Hofmannsthal: Jemanden zum Reden, das entbehrte er immer mehr, und immer weniger ertrug er das Geschwätz. 8 Vielleicht ergeht es Ihnen gar wie es Marie-Luise Kaschnitz in ihrem Gedicht Gerontologie beschreibt:... Keiner mehr da, an den sie sich wenden können Alle Seiten im Adressbuch leere Seiten In Beichtstühlen Schemen. Am schnellsten verschwindet was Sie den Sinn des Lebens nannten Oder den Sinn allen Lebens. Dieser wird ausgeblasen. Ein Nichts. Eine kleine Zugluft Zwischen Tür und Angel genügt Ob es sich nicht lohnte das Adressbuch neu zu füllen und statt weiter in einmal erarbeiteten oder übernommenen Schemen zu leben und zu denken sich gesprächsweise und noch einmal auf die Frage nach dem Sinn des Lebens einzulassen? Noch glimmt der Docht. 8 Kappacher, Walter, Der Fliegenpalast Kaschnitz, Marie Luise: Gedichte. Frankfurt 1975,

6 Thomas Krenski: Frag die Alten, sie werden es dir sagen!. 1. Darmstädter Seniorentag Nun dürften Sie von einem Pfarrer erwarten, dass er mit einem biblischen Bild schließt. Da aber dieser Pfarrer davon überzeugt ist, dass das Wort, das am Anfang war und in Ewigkeit sein wird, sich in Literatur zu offenbaren in der Lage ist, erlaube ich mir am Ende einen Schriftsteller zu zitieren, der die zitierte Erzählung seiner Protagonistin gegenüber als theologische Geschichte bezeichnet. Ich lese Ihnen aus Daniel Kehlmanns Roman in neun Geschichten. Eine dieser Geschichten, eben die theologische Geschichte handelt von einer alten Dame, die sich angesichts der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs entschließt in die Schweiz zu reisen und von dem Angebot einer Sterbehilfeorganisation Gebrauch zu machen. Warum? Weil sie im Alter keine Perspektive sieht. Der Krebs fungiert nur als Symbol für jede Form der Ausweglosigkeit und Perspektivlosigkeit des Alters. An der Schwelle des Todes verhandelt sie mit dem Autor, also Kehlmann selbst, er solle die Geschichte anders enden lassen. Sie wolle leben. Der Autor, in den Parabeln der Weltliteratur immer Bild Gottes, tritt an ihre Seite und verhilft seiner Romanfigur Rosalie aus der Sterbefalle. Der Sterbehelfer verblasst und verweht wie Staub : Rosalie, du bist gesund. Und wenn wir schon dabei sind, sei auch wieder jung. Fang von vorne an! Bevor sie noch antworten kann, bin ich wieder verschwunden, und sie steht im Lift, der knarrend nach unten fährt, und kann nicht begreifen, dass ihr aus dem Spiegel eine zwanzigjährige Frau entgegenblickt. Danke. Ach, sage ich erschöpft, nicht zu früh. Sie reißt die Haustür auf und springt mit ihren nicht mehr schmerzenden Beinen auf die Straße. Die Kleider sehen seltsam aus an ihr: ein junges Mädchen angezogen wie eine alte Frau. Sie geht die Straße entlang, mit großen Schritten, halb bewusstlos noch vor Freude, und mir scheint es für einen Moment als hätte ich richtig gehandelt, als wäre Gnade das Höchste. Und zugleich, ich kann es nicht leugnen, kommt mir die absurde Hoffnung, dass dereinst jemand dasselbe für mich tun wird Kehlmann, Daniel, Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. Reinbeck 2009,

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