Geschichte des Landeskirchenamts

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1 Geschichte des Landeskirchenamts Der größte Bestand im Nordelbischen Kirchenarchiv heißt Das Kürzel steht für die Akten der Zentralregistratur des Landeskirchenamts der Landeskirche Schleswig-Holsteins. Die hier verwahrten Akten sind jetzt nach mehreren Jahren vollständig verzeichnet und können von Interessierten benutzt werden. Bemerkenswert ist, dass sie trotz Kriegsverluste bis 1924 zurückreichen. Der vörläufige Abschluss bei der Erschließung ist Anlass zu einer kurzen Geschichte des Landeskirchenamts. Vorläufig ist der Abschluss, weil noch weitere Ablieferungen für den Bestand Landeskirchenamt zu erwarten sind. 1. Neugestaltung der Landeskirche Die Revolution 1918 und die Ausrufung der Republik beendeten die Monarchie in Deutschland. Infolge der erzwungenen Abdankung des preußischen Königshauses und des Kaisers endete auch das alte Summepiskopat für die preußischen Landeskirchen. Auch die schleswigholsteinische Landeskirche musste jetzt einen neuen Weg finden. Als Übergangslösung trat die neue preußische Regierung an die Stelle des Königshauses, bis die Kirche sich eine neue Ordnung gegeben habe. Die landeskirchlichen Rechte des Kirchenregiments wurden bis dahin auf drei evangelische preußische Minister übertragen 1. Die Weimarer Verfassung begründete in Artikel 137 den Status der privilegierten Religionsgemeinschaften als einer verfassten öffentlich-rechtlichen Körperschaft. Eine außerordentliche Gesamtsynode beschloss am Wahlen zu einer verfassunggebenden Landeskirchenversammlung. Diese wurden ein Jahr später am abgehalten, die Landeskirchenversammlung kurz darauf am in Rendsburg eröffnet. Ein staatliches Gesetz hatte es bereits 1921 ermöglicht, dass die Rechte des Königs und des Ministers für geistliche Angelegenheiten auf einen Landeskirchenausschuss übergingen, der sich aus Mitgliedern des Konsistoriums und der Gesamtsynode zusammensetzte 2. Inzwischen hatte die Landeskirchenversammlung relativ rasch über die neue Verfassung beraten und sie am in einer Schlussabstimmung angenommen 3. Es dauerte aber noch etwa eineinhalb Jahre, bis die Verfassung in Kraft treten konnte. Grund war der Umstand, dass zuvor noch ein staatliches Gesetz verabschiedet werden musste, das die Folgen aus den Verfassungen der verschiedenen Landeskirchen, insbesondere zur Regelung der Zustimmungspflicht des Staates zu kirchlichen Maßnahmen, anerkannte. Dies geschah erst Somit konnte die neue Verfassung erst am 15. Mai 1924 in Kraft treten 5. Unter dem 28. Januar 1925 teilte das Landeskirchenamt mit, dass es von der Kirchenregierung auf Grund des 143 der Verfassung gebildet worden sei 6. Die Übergänge werden auch an den verwendeten Bezeichnungen deutlich: Bis zum Oktober 1924 wurde noch der Begriff Konsistorium in den Gesetzes- und Verordnungsblättern verwendet. Im November findet das Landeskirchenamt seinen Weg in den Titel 7. Auch die Verkündigungen werden ab diesem Monat mit dem Landeskirchenamt gezeichnet. Da sich sowieso eine personelle Kontinuität ergab, spielte das Datum für die Neubildung des Landeskirchenamts keine herausragende Rolle. Der bisherige Präsident des Konsistoriums verblieb als Präsident des Landeskirchenamts, die Akten wurden fortgeführt. Allerdings wurden sehr viele Akten zu den einzelnen Gemeinden neu angelegt Heintze 1928, S. 10. Blaschke 1998, S. 17. Heintze 1928, S. 14. Blaschke 1998, S. 17. KGVOBl. 1923, S Heintze 1928, S. 15. Blaschke 1998, S. 20. Heintze 1928, S. 15. Abdruck des Gesetzes in: KGVOBl. 1924, S. 211 und Verfassung 1928, S. 107ff. Heintze 1928, S. 15, Fn. 2. KGVOBl. 1925, S. 15. KGVOBl. 1924, S. 337 und S. 345.

2 2. Verfassung von 1922 Die entscheidenden Aussagen der neuen Verfassung zum Landeskirchenamt finden sich in den 104 und Die Verfassung billigte dem Landeskirchenamt eine starke Stellung zu 8. Nach 104 war das Landeskirchenamt neben der Landessynode, der Kirchenregierung und den Bischöfen für Schleswig und Holstein sowie dem Landessuperintendenten für Lauenburg ein Organ der Landeskirche. Die starke Stellung erhellt auch aus dem Umstand, dass der Präsident und der Vizepräsident des Landeskirchenamts nach 124 volles Mitglied der Kirchenregierung, mithin also stimmberechtigt waren. Der Präsident der Landessynode dagegen war auf eine Teilnahme mit beratender Stimme beschränkt. Eine aus heutiger Sicht bemerkenswerte Teilung des Landeskirchenamts findet sich in der Aufzählung der Personen, die dort arbeiteten. Das Landeskirchenamt bestand nach 143 aus dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten, den Bischöfen und dem Landessuperintendenten sowie weiteren geistlichen und nichtgeistlichen Mitgliedern. Diese Gruppe wurde strikt von den Beamten und etwaigen Hilfsarbeitern unterschieden ( 145). Die erste Gruppe ähnelt damit dem Kreis des heutigen Kollegiums 9, wenn man von den Bischöfen und dem Landessuperintendenten absieht. So ist dann auch 146 zu verstehen, der bestimmte, dass das Landeskirchenamt kollegial zu führen sei und die Entscheidungen mit Stimmenmehrheit zu treffen seien. Mit dem Landeskirchenamt war stets der kleine Kreis der Mitglieder gemeint. Der Präsident hatte eine herausragende Stellung, weil er zum einen Mitglied der Kirchenregierung war und zum anderen auf Lebenszeit gewählt wurde ( 144). Außerdem stand ihm wie auch dem Vorsitzenden der Kirchenregierung gegen Entscheidungen des Landeskirchenamts Einspruch zu, über den die Kirchenregierung zu entscheiden hatte ( 147). Im Aufbau ergab sich damit eine Kontinuität vom Konsistorium zum Landeskirchenamt. Das Kollegialprinzip und die Gliederung nach Präsident, Mitgliedern und sonstigen Subalternen war schon durch die Dienst-Instruction für die Provinzial-Konsistorien von 1817 bestimmt gewesen 10. Im Unterschied zum Konsistorium aber war das Landeskirchenamt nicht dem preußischen Kultusministerium, dem Nachfolger des Ministeriums für geistliche Angelegenheiten, unterstellt, sondern eine reine Kirchenbehörde ohne direkte staatliche Anbindung. Die Abb. 1: Gebäude des Konsistoriums und des LKA im Sophienblatt 12 ( ca. 1905) Beamten waren keine Staatsbeamte mehr, sondern Kirchenbeamte. Der preußische Staat und die Landeskirchen in Preußen hatten in einem Staatskirchenvertrag geregelt, in welchen Punkten der Staat noch eine Art Fachaufsicht wahrnehmen konnte 11. Dagegen verlor das Landeskirchenamt die kirchenleitenden Funktion des Konsistoriums an die neugeschaffene Kirchenregierung. Die Aufgaben des Konsistoriums waren noch enumerativ genannt worden, während für das Landeskirchenamt mit den 149 und 150 eine pauscha Zum Einfluss des Konsistoriums auf die Verfassung vgl. Blaschke 1998, S. 28. Verfassung der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, Art. 107 Absatz 1. KGVOBl. 1976, S Chalybaeus 1902, S , hier S. 130f. KGVOBl. 1931, S.107. Zuvor vom preußischen Staat in einem Staatsgesetz zugesichert: KGVOBl. 1924, S. 211.

3 le Aufgabenzuweisung zufiel 12 : Verwaltung der inneren und äußeren Angelegenheiten der Landeskirche. Die Kontinuität wird nicht nur im Personal, sondern auch im Gebäude deutlich. Bis 1944 blieb das Landeskirchenamt im alten Konsistorium im Sophienblatt 12/Ecke Herzog- Friedrich-Straße Das Landeskirchenamt als wesentlicher Faktor der Umgestaltung Das Konsistorium lebte de facto unter einem neuen Namen weiter 13. Das wird nicht zuletzt daran deutlich, dass die alten Amtsbezeichnungen wie Konsistorialrat noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg weiter benutzt wurden. Kinder hat anschaulich beschrieben, wie das neue Amt in den alten Bahnen weiter arbeitete notierte ein Pastor, dass das Wort Königliches auf dem Schild am Amtsgebäude: Königliches ev.-luth. Konsistorium vor einigen Jahren weiß übertüncht worden sei, die Tünche hat sich aber als wenig dauerhaft erwiesen Ein entscheidender Bruch trat vielmehr 1933 ein. Es ist bereits an anderem Ort darauf hingewiesen worden, dass die Pastoren und die Beamten der Landeskirche eher konservativ und antirepublikanisch eingestellt waren. So wie das neue Landeskirchenamt dem Konsistorium in seiner Stellung nachgebildet war, waren viele von ihnen im Denken noch der Monarchie verhaftet 16. Darum begrüßten viele Geistliche die Übernahme der Regierungsgewalt durch die Nationalsozialisten. In unterschiedlichem Maße erhofften sie eine Wiederherstellung der alten Ordnung und eine Besserung für Deutschland. Die Entwicklungen sind an anderer Stelle beschrieben 17. Wichtig ist hier zu zeigen, wie das Landeskirchenamt einen erheblichen Machtzuwachs erhielt. Mit der Einsetzung eines Staatskommissars der preußischen Regierung für die Landeskirchen in Preußen versuchte die nationalsozialistische Regierung den ersten Eingriff in die landeskirchliche Verwaltung. Der Staatskommissar, Dr. August Jäger, verfügte als erstes die Auflösung der gewählten Organe, von denen aber das Landeskirchenamt nicht betroffen war 18. Die neu gewählte Synode, die im September 1933 zusammentrat, bekanntermaßen als Braune Synode tituliert, übertrug mit einem Ermächtigungsgesetz die Zuständigkeiten an einen Landeskirchenausschuss, in dem drei Beamte des Landeskirchenamts Mitglied waren: der Präsident Traugott Freiherr von Heintze und die Konsistorialräte Nikolaus Christiansen und Christian Kinder 19. Zudem wurde im Oktober der Verfassung dahin geändert, dass das Landeskirchenamt durch den Präsident vertreten war und dieser nicht mehr an die Kollegialbeschlüsse des Landeskirchenamts gebunden war. Das Führerprinzip war verwirklicht worden 20. Die Gegner wurden nach und nach ausgeschaltet. Bekanntlich wurden die Bischöfe Adolf Mordhorst und Eduard Völkel in den Ruhestand versetzt 21. Doch auch den Vizepräsidenten Hermann Simonis ereilte das gleiche Los. Der Landeskirchenausschuss hatte ebenfalls im Oktober beschlossen, Simonis vom Amt des Vizepräsidenten zu entbinden und ihn auf eine Stelle als Konsistorialrat zu setzen. Sein darauf folgender Antrag auf Versetzung in den Ruhestand dürfte erzwungen worden sein. Bezeichnenderweise schrieb er im Antrag, dass sein Bleiben vgl. Chalybaeus 1902, S und Geil 1935, 42f. Hahn 1968, S. 55 spricht von einigen Reformen im Landeskirchenamt, die aber nicht näher beschrieben werden und heute wegen fehlender Akten nicht mehr nachvollzogen werden können. Die Darstellung wird im Weiteren nicht herangezogen, da sie mehr die politische Funktionen des Landeskirchenamts betont und zudem Ereignisse in der NS-Zeit verschweigt. Kinder 1964, 15. Riewerts, Theodor, Das unsterbliche Konsistorium. In: Kirchenblatt 1926, Nr. 5 vom , Sp. 51. Zitiert nach: Jakob 1998, 47f. Jakob Reumann Göhres; Linck; Liß-Walther In verfälschender Weise: Kinder Reumann 1998, S KGVOBl. 1933, S. 101f. Reumann 1998, S KGVOBl. 1933, S Reumann 1998, S. 155.

4 im Kirchenamt nicht erwünscht sei 22. Wieweit andere Zurruhesetzungen in dieser Zeit erzwungen waren, lässt sich nicht feststellen. Sein Nachfolger wurde Christian Kinder. Zum 1.Oktober 1933 wurden das neue Amt des Landesbischofs für Schleswig und Holstein und das ebenfalls ganz neue Amt des geistlichen Vizepräsidenten des Landeskirchenamts errichtet. Als geistlicher Vizepräsident wurde der bisherige Konsistorialrat Nikolaus Christiansen bestimmt 23. Christiansen gewann noch mehr Macht, als im gleichen Monat der Landesbischof seinen Sitz in der Disziplinarkammer verlor. Stattdessen nahm der geistliche Vizepräsident dessen Sitz ein 24. Somit hatten zwei engagierte Nationalsozialisten und Mitglieder der Deutschen Christen wichtige Stellen im Landeskirchenamt besetzt 25. Kinder bekleidete überdies das Amt des Reichsleiter der Deutschen Christen. Allerdings agierte Christiansen sehr bald nicht mehr in Kiel, sondern in Berlin. 1933/34 versuchte die Reichskirchenregierung, Christiansen für verschiedene Aufgaben zu gewinnen und von Kiel auszuleihen. Die zunehmende Entfremdung dürfte zu Verstimmungen im Landeskirchenamt geführt haben, so dass das Amt schon 1935 die Versetzung Christiansens in den Ruhestand betrieb 26. Der nationalsozialistische Staat versuchte stets, seinen Zugriff auf die kirchliche Verwaltung zu verbessern. Der anhaltende Konflikt innerhalb der evangelischen Landeskirche und mit der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) führte zu neuen Ansätzen. Im Juli 1935 schuf Hitler ein neues Reichsministerium für kirchliche Angelegenheiten, das die Kanzleien der DEK und der nachgeordneten Landeskirchen direkt Anweisungen erteilen konnte 27. In zahlreichen Durchführungsverordnungen wurden wichtige Entscheidungen auch für die Landeskirche Schleswig-Holsteins getroffen. Außerdem erließ der Kirchenminister 1935 die Anweisung, dass im Landeskirchenamt eine Finanzabteilung zu bilden sei, der alle mit den Finanzen zusammenhängende Angelegenheiten oblagen 28. So konnte der Staat besser kontrollieren, wie die kirchlichen Mittel verwaltet wurden 29. Mehrfach wurde eingeschärft, dass die Finanzabteilung in finanziellen Sachen zu beteiligen sei oder die alleinige Entscheidungsbefugnis habe. Insbesondere sei sie bei Erlassen, Gesetzen und anderen Vorschriften vorher zu beteiligen wurde der Präsident, Freiherr von Heintze, in den Ruhestand gedrängt. In seinem Rücktrittsgesuch auf Versetzung in den Ruhestand bezog er sich auf eine Einheitsfront gegen ihn 31. Kinder wurde zunächst kommissarisch Präsident des Landeskirchenamts 32. Doch tat dies der Machtfülle keinen Abbruch. Vielmehr fiel dem Präsidenten dank der Machtkämpfe zwischen den kirchlichen Gruppierungen noch mehr Möglichkeiten zu. So übertrug der Minister für kirchliche Angelegenheiten die landeskirchliche Verwaltung im Dezember 1937 auf den Präsidenten, nachdem ein neuer Landeskirchenausschuss sich wegen Zerstrittenheit aufgelöst hatte. Zugleich wurde Kinder als kommissarischer Präsident des Landeskirchenamts auch Vorsitzender der Finanzabteilung 33, 1938 schließlich zum Präsidenten ernannt 34. Kinder war in dem Machtkampf innerhalb des Landeskirchenamts und in der Landeskirche stets darauf bedacht, seine Position zu halten und möglichst auszubauen. 1942/1943 scheint er Nordelbisches Kirchenarchiv, (Nordelbische Kirche/Personalakten) Nr Dort auch sein Antrag 1946, dass das Landeskirchenamt ihm bescheinigen möchte, dass er aus politischen Gründen zu Gunsten von Dr. Kinder in den Ruhestand versetzt worden sei. Dies gestand ihm das Amt zu, wobei es kirchenpolitische Gründe anführte. KGVOBl. 1933, S KGVOBl. 1934, S. 9. vgl. auch Reumann 1998, S NEK-Archiv, Nr Dort in einem Nachruf anlässlich seines Tods die bezeichnende Formulierung, dass er wegen Auffassungsverschiedenheiten ausgeschieden sei (Norddeutsche Rundschau vom ). Siehe auch: Reumann 1998, S. 410ff. mit Anm. Link 1985, S KGVOBl. 1935, S. 53. Link 1985, S Reumann 1998, S KGVOBl. 1937, S , S. 73f. NEK-Archiv, Nr Nr. 2. KGVOBl. 1936, S. 62. KGVOBl. 1937, S. 36. KGVOBl. 1938, S. 101.

5 zunehmend Schwierigkeiten gehabt zu haben, seine Position unangefochten zu halten 35. Er sah sein Regiment gefährdet und bereitete einen schonenden Abgang vor. So setzte er 1943 durch, dass der Vizepräsident beim Ausscheiden des Präsidenten automatisch die Leitung erhalte 36. Bührke übernahm 1943/1944 die Geschäfte 37. Zunehmend wurde die Arbeit des Landeskirchenamts durch den Bombenkrieg beeinträchtigt. Drastisch wurde es mit Bombenangriffen am und am , bei denen das Gebäude des Landeskirchenamts völlig zerstört wurde 38. Der Betrieb musste nach Timmendorfer Strand in das Dünenhaus ausgelagert werden, wo das Landeskirchenamt bis 1946 blieb Neuordnung nach 1945 Nach dem Kriegsende galt es, die undemokratischen Strukturen in der Landeskirche zu beseitigen und die alte Verfassung wieder zu ihrem Recht kommen zu lassen. Die Initiative ging dabei von einzelnen Pastoren vor allem aus dem Kreis der Bekennenden Kirche wie Wilhelm Halfmann, Reinhard Wester und Dr. Martin Pörksen aus 40. Das Landeskirchenamt verharrte passiv und erfuhr keine wesentliche Umgestaltung. Auch blieb es im Wesentlichen bei einer personellen Kontinuität. Zwar verlor Bührke das Amt der Leitung der Landeskirche, aber blieb Präsident 41. Bezeichnenderweise wurde ihm das Amt genommen mit dem Argument, dass es mit dem Auftraggeber, dem preußischen Staat, weggefallen sei 42. Hingegen wurde er rasch als Präsident bestätigt 43. Die Finanzabteilung wurde wieder aufgehoben 44. Einen Wechsel vollzog das Amt auch mit seinem Domizil konnte es bereits ein Gebäude in Kiel in der Körnerstraße 3 beziehen, das zuvor als Wohnheim genutzt worden war 45. Die Raumnot im Nachkriegs-Kiel war so groß, dass das Kirchenamt erst nach langen Verhandlungen in einem Gebäude der Jakobi-Kirchengemeinde für kurze Zeit einige weitere Räume anmieten konnte 46. Veränderungen traten freilich nach und nach auch im Inneren der Behörde ein. So wie man die Erfahrungen aus dem Kirchenkampf für die Neuordnung der Landeskirche zu nutzen Abb.2: Das Dünenhaus in Timmendorfer Strand gegen Kriegsende Reumann 1998, 376. KGVOBl. 1943, S. 37. KGVOBl. 1944, S. 18. Nordelbisches Kirchenarchiv, (Landeskirche Schleswig-Holsteins/ Landeskirchenamt - Zentralregistratur) Nr. 64. KGVOBl. 1944, S Nr Reumann Jürgensen Bekanntmachung über die Übertragung der Aufgaben der Kirchenregierung auf die Vorläufige Kirchenleitung. KGVOBl. 1945, S. 10. Reumann 1998, 400. Reumann 1998, 404. KGVOBl. 1945, S. 7. Weczerka 1993, S Nr. 66 und 67. NEK-Archiv, Nr. 62.

6 versuchte, war man für Neuerungen in der Amtsorganisation offen. Hatte das Amt bisher einen Architekten über einen Vertrag als Konsistorialbaumeister beschäftigt 47, sah man jetzt die Notwendigkeit, einen hauptamtlichen Baumeister zu beschäftigen. Die Stelle wurde 1948 im Gesetzes- und Verordnungsblatt ausgeschrieben 48. Ein Jahr später wurde die Stelle als besetzt gemeldet, allerdings unter dem Titel Landeskirchenbaumeister 49. Im gleichen Jahr wurde zum ersten Mal im KGVOBl. der Geschäftsverteilungsplan für das Amt auf besonderen Wunsch veröffentlicht 50. Eine Analyse der existierenden Geschäftsverteilungspläne für das Landeskirchenamt nach 1945 zeigt, dass die Aufgaben zunehmend klarer und logischer strukturiert wurden. Bisher hatte das Amt strikt auf Kollegialbasis gearbeitet, auf Grund dessen die Aufgaben mehr zufällig den Mitgliedern (den späteren Dezernenten) zugeordnet waren. Allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass in einer neuen Zeit eine neue Struktur gefragt war 51. Es wurden gleichzeitig eine neue Dezernatsstruktur und ein neuer Aktenplan erarbeitet. Allerdings war der Geschäftsverteilungsplan immer noch bis in die Sechziger hinein ein Dezernatsverteilungsplan, der auf die einzelnen Dezernenten zugeschnitten wurde. Daher mussten die Dezernate nach einem Wechsel bei den Dezernenten neu verteilt werden 52. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verteilung dennoch eine stärkere Kontinuität erfuhr und die Zuständigkeiten nicht mehr so oft wechselten etwa wurde ein als solches bezeichnetes Haushaltsdezernat eingeführt 53. Ein neuer Aktenplan wurde zu Beginn der Fünfziger Jahre erarbeitet und sollte bereits 1957 eingeführt werden. Doch verzögerte sich die Einführung bis Er war auf dem Dezimalsystem aufgebaut und löste das alte Schema nach Buchstaben und Zahlen (alphanumerisches System) ab. Zugleich wurde er an alle Kirchengemeinden versandt mit der Aufforderung, ihn vor Ort anzuwenden 55. Damit unterstrich das Landeskirchenamt den Anspruch, eine Leitbildfunktion für die Verwaltung der Kirche innezuhaben konnte das Amt nun auch ein neues Gebäude beziehen, das nach vierjähriger Planungsund Bauzeit in der Dänischen Straße gegenüber vom Kieler Schloss errichtet worden war Rechtsordnung 1958 Abb.3: Gebäude des LKA in Kiel, Körnerstraße 3 Nach dem Krieg und dem Kirchenkampf war bei den führenden Köpfen der Bekennenden Kirche der Wunsch entstanden, die Verfassung der Landeskirche neu zu ordnen. Das Ergebnis der jahrelangen Bemühungen endete mit der Einführung der Rechtsordnung 1958, die die Verfassung von 1922 ablöste 57. Eine wesentliche Änderung ergab sich für das Landeskirchenamt nicht. Der Präsident war weiterhin stimmberechtigtes Mitglied der Kirchenleitung, während der Präsident der Landessynode wie bisher nur mit beratender Stimme teilnehmen konnte (Art. 105). Auch unterschied man zwischen den Mitgliedern und den Beamten und Angestellten des Landeskirchenamts (Art. 111). Der Präsident und die Mitglieder wurden von der Kirchenleitung auf Lebenszeit ernannt, die nebenamtlichen auf Zeit (Art. 112). Die Zahl der Denkschrift, S. 4. KGVOBl. 1948, S. 39. KGVOBl. 1949, S. 39. KGVOBl. 1949, S. 26. Vgl.: Materialien zur Geschichte des Landeskirchenamts der Landeskirche Schleswig-Holsteins Zusammengestellt von Marielies Speck mit Unterstützung des Nordelbischen Kirchenarchivs. Unveröffentl. Ms NEK-Archiv, Nr das. NEK-Archiv, Nr. 79 und NEK-Archiv, Nr KGVOBl. 1957, S. 2. KGVOBl. 1958, S. 83 und 109.

7 Mitglieder war theoretisch unbegrenzt, während für die Beamten und Angestellten ein Stellenplan zugrundegelegt werden musste (Art. 111 Absatz 4). An der Kollegialstruktur wurde festgehalten (Art. 113 Absatz 1). Ebenso behielt der Präsident sein Einspruchsrecht gegen Beschlüsse des Kollegiums (Art. 113 Absatz 3). Im Gegensatz zur alten Verfassung konnten die Bischöfe und der Landessuperintendent für Lauenburg nur noch mit beratender Stimme an den Sitzungen des Kollegiums teilnehmen (Art. 113 Absatz 2). Insgesamt wurden die Funktionen der Kirchenleitung und der Kirchenverwaltung strikter getrennt. 6. Modernisierung Damit war die Stellung des Amts gefestigt. Die oben erwähnten Veränderungen in der Organisation wurden jetzt zunehmend auch für die Öffentlichkeit erkennbar. War der Geschäftsverteilungsplan das erste Zeichen für eine Haltungsänderung, konnte die Öffentlichkeit mehr und mehr sehen, dass das Amt sich nach außen öffnete. Zwar wurde erst 1965 im KGVOBl. der nächste Geschäftsverteilungsplan 58 veröffentlicht, doch danach in kurzen Abständen in neuen Fassungen publiziert. Ab 1972 fanden die Leser des Verlautbarungsorgan sogar die Telefonnummern und Geschäftszeichen aller Mitarbeiter und nicht nur der Dezernenten in dem Heft 59. Die erste Ausdifferenzierung in der Struktur, die Einrichtung der Finanzabteilung, war eine Maßnahme des nationalsozialistischen Staates gewesen und wurde daher nach dem Krieg gleich rückgängig gemacht. Doch kam das Amt nicht an der Erkenntnis vorbei, dass bei der zunehmenden Inanspruchnahme durch die Kirchengemeinden eine effizientere Organisation unerlässlich war. So wurde 1967 eine eigene Bauabteilung eingerichtet, die neben dem Baudezernat existierte 60. Der Zweck war, eine nach außen gerichtete Abteilung zu haben, die sich auf ganz bestimmte Aufgaben konzentrierte. Auch bei den Finanzen gab es insofern eine Änderung, als 1973 eine neue Haushaltssystematik eingeführt wurde, die zu den neuen Gegebenheiten passte 61. Wohl kein Zufall war es auch, dass sich das Schriftbild des Verlautbarungsorgan wandelte. Im vorletzten Kriegsjahr hatte man eine moderne Schrifttype verwandt und war dann wieder zur Fraktur zurückgekehrt 62. Allmählich wurde die Fraktur aber nicht mehr als zeitgemäß empfunden, so dass das Gesetzesblatt 1969/1970 in einem fließenden Übergang zu einer modernen Type überging Abschied von der Landeskirche Schon seit den fünfziger Jahren wurde eine Diskussion über die Vereinigung der drei Landeskirchen auf schleswig-holsteinischem Gebiet, Eutin, Lübeck und Schleswig-Holstein, mit der Landeskirche Hamburg geführt konnten immerhin die drei schleswig-holsteinischen Landeskirchen gemeinsam einen Staatskirchenvertrag mit dem Land Schleswig-Holstein abschließen, in dem die Beziehungen neu geregelt wurden 65. Um auch gegenüber dem Staat einen Ansprechpartner zu haben, beschlossen die Landeskirchen, eine gemeinsame Geschäftsstelle einzurichten. Diese wurde fast naturgemäß 1962 beim Landeskirchenamt der Landeskirche Schleswig-Holsteins als der größten angesiedelt 66. Dieser Schritt war schon das Vorspiel zur Schaffung des Nordelbischen Kirchenamts, das 1970 auf Grund des so genannten Bezeichnenderweise unter dem Begriff Dezernatsverteilungsplan. KGVOBl. 1965, S , S , S. 33. KGVOBl. 1967, S. 2. Vgl. auch: NEK-Archiv, Nr Geschäftsverteilung in der Bauabteilung des Landeskirchenamts. Rundschreiben des Landeskirchenamts vom KGVOBl. 1973, S KGVOBl ab Stück komplett wieder in Fraktur. KGVOBl. 1969: Inhaltsverzeichnis in einer modernen Type die ganze Ausgabe. Lange 1972, S. 155 ff. KGVOBl. 1957, S. 31. KGVOBl. 1962, S. 1.

8 Nordelbien-Vertrags in Kiel eingerichtet wurde 67. Das Nordelbische Kirchenamt war mit dem Landeskirchenamt Schleswig-Holstein praktisch kongruent, auch wenn der nordelbische Kirchenamtspräsident, Horst Göldner, aus Lübeck kam. Dieser wurde kurz darauf auch kommissarisch Präsident des Landeskirchenamts. Die Organisation des Landeskirchenamts setzte sich im Prinzip im Nordelbischen Kirchenamt fort, auch wenn im Hinblick auf das größere Gebiet Änderungen vorgenommen werden mussten. Die Nordelbische Verfassung stärkte zudem noch die Eigenständigkeit des neuen Kirchenamts, indem sie in Art. 102 bestimmte, dass es die Verwaltung in eigener Verantwortung führt und eine Richtlinienkompetenz besitzt. Damit wurde die Trenung zwischen Leitung und Verwaltung stärker betont, ohne sie eindeutig zu machen 68. Der Versuch der Verfassung, geistliche Leitung und kirchliche Verwaltung auszubalancieren, dürfte auch in Zukunft kaum anders ausfallen KGVOBl. 1970, S. 161, hier Abschnitt IX, Absatz 4: Die Kirchenleitung und das Kirchenamt haben ihren Sitz in Kiel. Göldner/Blaschke 1978, S , hier S. 287f.

9 Präsidenten des Landeskirchenamts D. Otto Müller (seit 1904 Präsident des Konsistoriums) Traugott Freiherr von Heintze Dr. Christian Kinder ( kommissarisch) D. Herbert Bührke ( kommissarisch) Dr. Oskar Epha Dr. Erich Grauheding Horst Göldner (seit 1970 zugleich Präsident des Nordelbischen Kirchenamts) Literatur Blaschke 1998 Blaschke, Klaus: Die Zeit des Übergangs sowie die Kirchenverfassung von Der Preußische Kirchenvertrag. In: Kirche 1998, S Chalybaeus 1902 Chalybaeus, Heinrich Franz: Sammlung der Vorschriften und Entscheidungen betreffend das Schleswig-Holsteinische Kirchenrecht. Ein Handbuch für Geistliche, Kirchenälteste und Synodale. Schleswig: Julius Bergas, ²1902. KGVOBl. Kirchliches Gesetz- und Verordnungsblatt für den Amtsbezirk des ev.-luth. Landeskirchenamts in Kiel. - Kiel Kirchliches Gesetz- und Verordnungsblatt der Ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holsteins. - Kiel Göhres; Linck; Göhres, Annette; Linck, Stephan; Liß-Walther, Liß-Walther 2003 Joachim: Als Jesus arisch wurde. Kirche, Christen, Juden in Nordelbien Die Ausstellung in Kiel. Bremen: Edition Temmen, Göldner; Göldner, Horst; Blaschke, Klaus: Verfassung Blaschke 1978 der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche: Erläuterungen. - Kiel: Lutherische Verlagsges., Hahn 1968 Hahn, Wilhelm: Geschichte des Kieler Konsistoriums. In: Festschrift zum húndertjährigen Bestehen des evangelisch-lutherischen Landeskirchenamtes in Kiel. (Sonderdruck aus: Schriften des Vereins für Schleswig- Holsteinische Kirchengeschichte, II: Reihe, 23./24. Band, 1967/68), Flensburg: Christian Wolff, 1968, S Heintze 1928 Heintze, Traugott Freiherr von: Geschichtliche Einleitung. In: Verfasung Jakob , S Jakob, Volker: Die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Schleswig- Holstein in der Weimarer Republik. In: Kirche 1998, S Jürgensen 1976 Jürgensen, Kurt: Die Stunde der Kirche: Die Ev.-Luth. Landeskirche Schleswig-Holsteins in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. - Neumünster: Wachholtz, 1976 (Schriften des Vereins für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, Reihe 1; 24). Kinder Kirche 1998 Lange 1972 Kinder, Christian: Neue Beiträge zur Geschichte der evangelischen Kirche in Schleswig-Holstein und im Reich Flensburg: Karfeld, Verein für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte (Hrsg.): Kirche zwischen Selbstbehauptung und Fremdbestimmung. Unter Mitarbeit von K.Blaschke, J.Alwast, V.Jakob und K.Reumann. (Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, Band 6/1), Neumünster: Wachholtz, Lange, Hartmut: Die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche: Vorgeschichte und rechtliche Gliederungsprobleme. - Kiel, Univ., Jur. Diss., 1972.

10 Link 1985 Link, Christoph: Staat und Kirchen. In: Deutsche Verwaltungsgeschichte, Band 4: Das Reich als Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus. (Deutsche Verwaltungsgeschichte/ im Auftrag der Freiherr-vom Stein-Ges. e.v. hrsg. von Kurt G.A. Jeserich... - Stuttgart: DVA, 1985, S Reumann 1998 Reumann, Klauspeter: Der Kirchenkampf in Schleswig-Holstein In: Kirche 1998, S Verfassung 1928 Die Verfassung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schleswig- Holsteins und die seit ihrem Erlaß ergangenen Kirchengesetze und Ausführungsbestimmungen. - Bordesholm: Heliand-Verl., Weczerka 1993 Weczerka, Margrit: Vom Henriettenhaus zum Dietrich-Bonhoeffer-Haus. Zur Geschichte des Hauses Körnerstraße 3 in Kiel. Kiel: Eigenverlag, Quellennachweis Abb.1: Abb.2: Abb.3: Nordelbisches Kirchenarchiv, 91 (Foto- und Ansichtensammlung) Nr Fotograf unbekannt. NEK-Archiv 91 Nr Fotograf: Anton Christian Andersen. NEK-Archiv 91 Nr Fotograf: Hans-Heinrich Diederichsen. Ulrich Stenzel, NEK-Archiv

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