Was ist eigentlich ein bäuerlicher Familienbetrieb? Wie unterscheidet er sich zur industriellen Landwirtschaft und zur Hobbylandwirtschaft?

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1 Internationales Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe 2014 International Year of Familiy Farming (IYFF) Bäuerliche Landwirtschaft ernährt die Welt: Eine Einführung zum besseren Verständnis Die UN hat das Jahr 2014 auf Antrag des World Rural Forums (WRF) und der FAO (Food and Agriculture Organization der UN) zum International Year of Family Farming, also zum Internationalen Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe deklariert. Ziel ist es, das internationale Bewusstsein für landwirtschaftliche Klein- und Familienbetriebe zu stärken und ihre wichtige Rolle aufzuzeigen im Abbau von Hunger und Armut, der Verbesserung der Ernährungssicherheit, der gesunden Ernährung, dem verantwortlichen Umgang mit der Umwelt und der nachhaltigen Entwicklung, speziell im ländlichen Raum. Das Internationale Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe ist eine einzigartige Chance für BäuerInnen, Konsumenten, gesellschaftlichen Gruppierungen, nationalen Behörden, internationalen Stellen und Akteuren der Zivilgesellschaft um zusammen für die vier spezifischen Ziele zu arbeiten: 1. Entwicklung von Strategien zur nachhaltigen Unterstützung von bäuerlichen Familienbetrieben 2. Information, Kommunikation und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für bäuerliche Familienbetriebe 3. Ein besseres Verständnis in der Öffentlichkeit für die Bedürfnisse, Potentiale und Zwänge der Familienbetriebe und deren Beitrag zur Ernährungssicherung, gesunder Ernährung und nachhaltigen Nutzung unserer Ressourcen 4. Synergien für Nachhaltigkeit zu schaffen Viele Aktivitäten in vielen Teilen der Welt werden in 2014 dazu beitragen diese Ziele in der Öffentlichkeit und Politik bekannter werden zu lassen (Brüssel, Budapest, Bukarest, Rom) Hierfür sind drei Aktionslinien im Fokus des IYFF Förderung des Dialogs für politische Entscheidungsprozesse 2. Identifizierung, Dokumentation, voneinander Lernen und erfolgreiche Erfahrungen über existierende Pro Familienbetrieb Politik auf nationaler und / oder anderer Ebene um relevantes Wissen über Familienbetriebe nutzbar zu machen 3. Kommunikation, Interessensvertretung und Öffentlichkeit

2 Familienbetriebe sind unentwirrbar mit der nationalen und internationalen Ernährungssicherheit verbunden. Sowohl in sogenannten entwickelten Ländern als auch in sog. Entwicklungsländern ist die vorherrschende Form der Landwirtschaft die, Nahrungsmittel zu produzieren. Bäuerliche Familienbetriebe sind das Rückgrat unserer Ernährung. Diese Form der Landwirtschaft hat das Potenzial, eine wachsende Weltbevölkerung sicher und ausreichend zu ernähren. Familienlandwirtschaft ist mehr als ein Beruf, es ist eine Lebensweise. BäuerInnen von Familienbetrieben bewirtschaften ihr Land sorgsam. Sie halten so ein bemerkenswert hohes Level an Produktivität. Tatsächlich zeigen die meisten Forschungsergebnisse ein umgekehrtes Verhältnis zwischen Landgröße und Produktivität: Kleinere bäuerliche Familienbetriebe produzieren oft mehr pro Hektar als Großbetriebe, obwohl sie weniger Zugang zu Ressourcen haben wie z.b. Landwirtschaftlicher Beratung und Unterstützung. Das verlangt Wertschätzung und Anerkennung. Das verlangt aber auch, sich mit ihren politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Herausforderungen zu befassen. Was ist eigentlich ein bäuerlicher Familienbetrieb? Wie unterscheidet er sich zur industriellen Landwirtschaft und zur Hobbylandwirtschaft? Eine einheitliche internationale Definition ist nicht möglich. Bäuerinnen und Bauern sind eine große und sehr unterschiedliche Gruppe. Sie variiert weltweit und muss entsprechend der jeweiligen kulturellen Traditionen und der nationalen Kriterien flexibel bleiben. In dieser Vielfalt sieht die FAO einige Kriterien die einen bäuerlichen Familienbetrieb ausmachen: Die Arbeit auf dem Betrieb wird hauptsächlich von Familienangehörigen ausgeführt Die Familie führt den Betrieb auf eigene Rechnung Ein beschränkter Zugang zu Land oder Kapital Die Landwirtschaft ist die Haupteinkommensquelle Ein Teil der Produktion wird von der Familie selbst konsumiert Kleinbauern sind laut FAO: Viehhalter, Waldarbeiter oder Fischer, die ein Gebiet von einer Größe unter 10 Hektar bewirtschaften. Die französische Nichtregierungsorganisation Coordination SUD nennt als wichtigstes Merkmal der bäuerlichen Familienbetriebe den engen Zusammenhang zwischen den wirtschaftlichen Tätigkeiten und der Familien. Dieser Zusammenhang beeinflusst auch die betriebswirtschaftlichen Fragen, die Arbeitsorganisation sowie die Betriebsführung und übergabe. Die Definition bäuerlicher Familienbetriebe hängt also von verschiedenen Kriterien ab, die nicht einzeln betrachtet werden können.so zum Beispiel die Frage ab welcher Fläche oder Angestelltenzahl ein Betrieb kein Familienbetrieb mehr ist. Hier geht nur eine ganzheitliche Betrachtung der Kriterien, die je nach Kontext unterschiedlich bewertet werden müssen

3 Fakten 1: Es gibt mehr als 500 Millionen Familienbetriebe Das sind mehr als 98% der Landwirtschaftlichen Betriebe 85% dieser Betriebe bewirtschaften weniger als 2 Hektar Land (vor allem in Afrika und Asien) In Europa beträgt die Durchschnittsfläche 14 Hektar, in Lateinamerika knapp 70 und in Nordamerikaknapp 120 Hektar Weltweit produzieren mittlere und kleine Familienbetriebe 70% aller Nahrungsmittel (Weltagrarbericht 2009, IAASTD) Für 40% der Weltbevölkerung ist die Landwirtschaft die wichtigste Einnahmequelle. Die Mehrheit arbeitet dabei auf Familienbetrieben die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Familienbetriebe fördern durch vielfältige Strukturen in der Bewirtschaftung, der Sorge um das Land als Lebensgrundlage für die Familie, der Sippe und dem Dorf: Soziale, ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Kleinbäuerliche Landwirtschaft und die damit verbundenen Sektoren beleben den ländlichen Raum, schaffen Arbeitsplätze und Einkommen und verbessern die Ernährungssituation für viele Menschen Fakten 2: 700 Millionen Menschen die auf dem Land leben sind unterernährt Viele davon verfügen über zu wenig oder gar kein Land um genügend anbauen zu können Die Ernte reicht nicht für das ganze Jahr Es fehlt an geeigneter Infrastruktur zur Lagerung und Weiterverarbeitung der Ernte Der Zugang zu lokalen und regionale Märkten ist oftmals nicht ausreichend gegeben Frauen, in Afrika und Asien haben meist kein Recht auf eigenes Land, Produktionsmittel oder Kleinkredite (50% der landwirtschaftlichen Arbeit in Afrika und Asien wird von Frauen verrichtet). Ihre Ernten fallen daher um rund 20 30% geringer aus als die der Männer. In diesen Ländern leben 60-85% mehr unterernährte Kinder Die Verantwortung für die Bewirtschaftung des Betriebes, Sorge um Kinder und Eltern wird oft von Frauen übernommen. Die ohnehin schon hohe Arbeitsbelastung erhöht sich dadurch noch weiter. Im Gegensatz zu Industrieländern erhalten kleine Familienbetriebe in Asien, Afrika und Lateinamerika kaum öffentliche Unterstützung Abwanderung der jungen Menschen auf der Suche nach Perspektiven und Einkommen. Das führt zu Verlust an landwirtschaftlichem Know how, insbesondere dem Wissen zu lokal angepassten Anbaumethoden. Vorschriften der Welthandelsorganisation (WTO) und bilaterale Freihandelsverträge verpflichten die Länder zur Öffnung ihrer Märkte: Z. B. statt einheimischen Produkten- billiges Hühnerfleisch oder Reis aus den USA oder EU aus subventionierter Produktion und Export

4 Fakten 3: Machtkonzentration: 50% des Saatgutmarktes werden von den drei größten Agrarkonzernen der Welt- Monsanto, Syngeta und DU Pont kontrolliert 75% des globalen Getreidehandels teilen sich vier Unternehmen Knapp ein Drittel der industriellen Verarbeitung von Lebensmitteln ist in der Hand von 10 großen Firmen (Nestle ist Marktführer) Internationale Firmen setzen ihre wirtschaftliche Bedeutung dafür ein, gesetzliche Rahmenbedingungen gemäß ihren Interessen zu beeinflussen: z.b. afrikanischen Saatgutmarkt verändern, indem globale Qualitätsstandarts und Eigentumsrechte eingeführt werden sollen (nach Bsp. Industrieländer). Nur die Saatgutunternehmen und Züchter sollen über das Recht Ihres Saatguten bestimmen. Traditionelle Rechte von Bauernfamilien, das Saatgut aus der eigenen Ernte wieder zu nutzen, zu tauschen und zu verkaufen wird dadurch drastisch beschnitten, die eigenen Sorten können nicht geschützt werden weil sie die Qualitätsstandarts nicht erfüllen. Sie verlieren die Kontrolle über ihr eigenes Saatgut und müssen möglicherweise für jeden Produktionszyklus neues Saatgut kaufen Fakten 4: Spekulation und Klimawandel Bäuerinnen und Bauern verlieren den Zugang zu Land wenn ihre Regierungen große Ländereien an Investoren verpachten oder verkaufen: Landgrabbing (v.a. in Afrika) Spekulationen mit Agrarrohstoffen führen zu Preisschwankungen, die kleine und mittlere Betriebe nicht auffangen können. Klimatische Veränderungen erschweren die Produktion: Wasser wird knapper, Unwetter und Überschwemmungen in trop. Regionen, Dürreperioden vernichten die Ernten Forderungen: Trotz all dieser widrigen Umstände besitzen Familienbetriebe eine hohe Widerstandsfähigkeit und ein hohes Potential für die nachhaltige Produktion von Nahrungsmitteln. Um dieses Potential und die Vielfalt der bäuerlichen Betriebe zu unterstützen braucht es: Vielfalt der bäuerlichen Familienbetriebe, die ökologisch und sozial nachhaltig für lokale und regionale Märkte produzieren Sie brauchen langfristig gesicherten Zugang zu fruchtbarem Ackerland und Wasser Lokal angepasstes Saatgut und erschwingliches Saatgut Zugang zu Kapital, Wissen und Dienstleistungen Funktionierende Märkte und faire Preise Faire und transparente Handelsbeziehungen Stärkung von Organisationen von Bäuerinnen und Bauern

5 Stärkung der Frauen: Alle diskriminierenden Gesetze und Praktiken abschaffen, die den Frauen den Zugang zu den Ressourcen eines Landwirtschaftlichen Betriebes verweigern: Land, Produktionsmittel, Kredite, Know-how. Unterstützung bei der Verantwortung für die Versorgung der Familie zu Hause: öffentliche Kindergärten, fließendes Wasser und Elektrizität Bessere Bildung für Frauen in Entwicklungsländern: 55% des Hungers in der Welt könnte durch die Verbesserung der Situation der Frauen in der Gesellschaft verringert werden (Oliver de Shutter, 2013) Verbesserter Zugang für Frauen zu Produktionsmitteln, Land Krediten und Beratung Mehrschrittige, über Jahre verteilte Einführung von Ernährungssicherheitsstrategien durch die Regierungen, die die volle Gleichberechtigung von Frauen fördern, indem sie eine Umverteilung der traditionellen- und Genderrollen sowie Verantwortlichkeiten aktiv angehen.

6 Im Mai 2012 wurden durch das Committee on Food Security (CFS) die Freiwilligen Leitlinien zur verantwortungsvollen Verwaltung von Boden, Land, Fischgründen und Wäldern im Kontext der nationalen Ernährungssicherheit verabschiedet. Sie enthalten Grundsätze und international anerkannte Prinzipien. Sie bieten einen Rahmen, den Staaten bei der Entwicklung ihrer eigenen Strategien, Richtlinien, Gesetze und Programme verwenden können. Sie ermöglichen es Behörden, Privatwirtschaft, Zivilgesellschaft und Bürgern eine Amtsführung zu bewerten, Verbesserungen zu erkennen und anzuwenden. (http://www.fao.org/docrep/016/i2801e/i2801e.pdf) Fünf Forderungen zum Internationale Jahr der bäuerlichen Familienbetriebe 1. Jede Nation sollte ein Recht haben, ihre eigene Lebensmittelproduktion zu entwickeln, als Grundlage für Ernährungssicherheit auf dem Weg zu Entwicklungssouveränität. Unter Berücksichtigung des Klimawandels, als eine der schwersten Bedrohungen der bäuerlichen Familienbetriebe 2. Regierungenmüssen die Umsetzung der freiwilligen Leitlinien (s.o.), die sie selbst genehmigt haben dringend priorisieren 3. Zur Förderung der bäuerlichen Familienbetriebe müssen Nationen, deren Mehrheit der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist, fortfahren transparent und angemessen die Zuteilung von finanziellen Ressourcen und landwirtschaftlichem Haushalt zu gewährleisten. Dieselben Kriterien sollten für die Entwicklungshilfe und öffentlichen Investitionen gelten, auf der Basis von sinnvoller Beteiligung von Organisationen der Familienbetriebe sowie anderen Organisationen der Zivilgesellschaft. 4. Die Gleichen Rechte für Männer und Frauen in Familienbetrieben institutionalisieren. Frauen die in ländlichen Gebieten arbeiten und leben sind häufig diskriminiert hinsichtlich des gleichberechtigten Zugangs zu produktiven Ressourcen wie Land, Wasser, Krediten und Beratungsdienste 5. Strategien, die die Jugend in der Landwirtschaft hält müssen eingeführt werden. Unter der Berücksichtigung, dass nur echte öffentliche Unterstützung für bäuerliche Landwirtschaft und Familienbetriebe diesen Beruf für sie attraktiv macht.

7 Mit der notwendigen politischen Unterstützung, den rechtlichen Rahmenbedingungen und einer starken gesellschaftlichen Verankerung können bäuerliche Familienbetriebe einen zentralen Beitrag zur Ernährungssicherung und für wirtschaftlich und gesellschaftlich attraktive Randregionen leisten Quellen: FAO; Helvetias Swiss Intercooperation & Swissaid; gez. Christina Meibohm, 14. März 2014

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