Sehr geehrter Herr Jürs, sehr geehrter Herr Dr. Kirsch, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Klie, sehr geehrter Herr Pohlmann, sehr geehrte Damen und Herren,

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1 Grußwort Auftaktveranstaltung zum Werdenfelser Weg in Hamburg, am , Leben mit Behinderung Hamburg e.v. Sehr geehrter Herr Jürs, sehr geehrter Herr Dr. Kirsch, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Klie, sehr geehrter Herr Pohlmann, sehr geehrte Damen und Herren, die Lebenserwartung der Menschen steigt in den meisten Ländern der Erde beständig an. Uns vereint dabei die Hoffnung, dass wir im Alter geistig gesund bleiben und selbstbestimmt unseren Lebensabend verbringen können. Wir wissen aber, dass mit dieser Entwicklung auch Demenz und andere altersbedingte Erkrankungen zu nehmen. Die betroffenen Menschen können dann selber bestimmte Gefahren nicht mehr abwägen. Aber für jeden von uns dürfte die Vorstellung un erträglich sein, in dieser Situation durch Gurte, Bettgitter oder andere mechanische Fixierungen 1

2 in unserem Bewegungsdrang gehindert zu werden. Auch möchten wir nicht, dass Medikamente, mit all ihren Nebenwirkungen, uns über das therapeutische Maß hinaus in einen ruhigen, vielleicht dämmrigen Zustand versetzen. So stellen wir uns unser Alter nicht vor. Vergegenwärtigen wir uns allerdings die Verantwortung und Situation einer Pflegeeinrichtung, wissen wir, dass Krankenkassen, Betreuer, Bevollmächtigte oder Angehörige die Einrichtung bei Unfällen und Verletzungen der Pflegebedürftigen unter Umständen verantwortlich machen. Zum Beispiel dann, wenn Bewohner durch einen Sturz Verletzungen erleiden. Die Furcht vor Stürzen ist bei diversen Krankheitsbildern begründet. Auch zeigen demenzkranke Menschen häufig einen übergroßen Bewegungsdrang, verlassen die Einrichtungen und irren draußen herum. Nach Schätzungen werden vor diesem Hintergrund bundesweit jeden Tag rund Menschen in Pflegeheimen mit Gurten an das 2

3 Bett oder den Rollstuhl gefesselt oder mit Bettgittern am Aufstehen gehindert. Bekannt ist allerdings auch, dass genehmigungsbedürftige Fixierungen nicht immer dem Schutz dienen, sondern das Gegenteil bewirken können. Die Unfallgefahr durch Gurte bis hin zu Strangulierungen oder der schnelle Muskelabbau durch die Zwangslage sind nicht zu unterschätzen. Vieles davon trifft auch auf die Hamburger Situation zu. In Hamburg gibt es etwa Plätze in circa 150 Pflegeheimen. Mehr als Menschen befinden sich hier in vollstationärer Pflege. In einer aktuellen Studie wurden jeweils 18 Pflegeheime in NRW und Hamburg ein halbes Jahr miteinander verglichen. In einer Gruppe wurde das Personal mit einem Leitlinien- Programm intensiv auf Möglichkeiten hingewiesen, Fixierungen zu vermeiden. In der Vergleichsgruppe lief die Arbeit praktisch unverändert. In der ersten Gruppe verringerte sich die Zahl der Freiheitseinschränkungen von knapp einem 3

4 Drittel der Bewohner auf gut ein Fünftel, ohne dass es mehr Stürze gab oder zusätzlich Medikamente verordnet werden mussten. In der Vergleichsgruppe blieb der Anteil der Freiheitseinschränkungen fast unverändert bei knapp 30 Prozent. Solche praktischen Erfolge wollen wir aufgreifen und ausbauen, um Fixierungen künftig drastisch zu reduzieren beziehungsweise gänzlich zu vermeiden. Wir brauchen dazu ein weit verbreitetes Wissen über die vielfältigen Möglichkeiten alternativer Schutzmaßnahmen und die Erfahrung, dass der Pflegealltag auch ohne Zwang und Einschränkung bewältigt werden kann. Die durch Fixierungen gewonnene Sicherheit steht in aller Regel nicht im Verhältnis zu dem Verlust von Lebensqualität und eigener Persönlichkeit. Sehr geehrter Herr Dr. Kirsch, Sie als richterlicher Initiator und Sie, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Klie, als wissenschaftlicher Wegbereiter haben mich mit Ihren Erfahrungen und Erkenntnissen davon überzeugt, den Werdenfelser Weg auch in Hamburg mit Leben zu füllen. 4

5 Die Erkenntnisse aus der Studie zur Reduktion von Fixierungen sollen dazu beitragen, über die physischen und psychischen Folgen von freiheitsentziehenden Maßnahmen aufzuklären, Alternativen aufzuzeigen und in die Praxis umzusetzen. Der Werdenfelser Weg bietet die Möglichkeit, im gerichtlichen Verfahren zu unterbringungsähnlichen Maßnahmen in sozusagen letzter Instanz noch einmal kritisch die Erforderlichkeit zu überprüfen. Die ersten Schritte dazu waren noch relativ einfach und gehören zu unserem behördlichen Handwerkszeug : Ein zweijähriges Projekt wurde beschrieben. Ein überzeugender Träger Leben mit Behinderung Hamburg, mit Herrn Pohlmann als Frontmann wurde gefunden. Eine finanzielle Zuwendung konnte auf den Weg gebracht werden. Die nächsten Schritte sind erfahrungsgemäß schwieriger. 5

6 Jetzt wird es darum gehen, persönliche Einstellungen und Haltungen zu verändern und Handlungssicherheit zu gewinnen. Dazu gehört auch, langfristig das Recht auf Sicherheit und den Schutz der körperlichen Unversehrtheit mit der Achtung der Menschenrechte in eine neue Balance zu bringen. Das geht bekanntlich nicht im Schnellverfahren. Sehr viele Akteure müssen mit auf den Weg genommen werden. Ambitionierte Pflegefachkräfte sind als Verfahrenspfleger zu gewinnen und auszubilden. Erfahrene Verfahrenspfleger- und pflegerinnen, die in aller Regel einen juristischen Hintergrund haben, bekommen das Angebot, sich zu pflegerischen Themen fortzubilden. Sie sollen künftig, wenn es in gerichtlichen Verfahren um freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege geht, den betroffenen Menschen mit neuem Wissen um die vielfältigen alternativen Schutzmaßnahmen zur Seite stehen. 6

7 Alternativen können zum Beispiel sein: Niedrigflurbetten, Hüftprotektoren, intelligente Fußbodensensoren zur Personenortung, oder ganz simpel: Antirutschsocken. Ich denke dabei auch an unser im letzten Jahr auf den Weg gebrachtes Projekt Vernetztes Wohnen im Quartier. Hierbei geht es um die vielfältigen technischen Assistenzsysteme, die es uns ermöglichen, bis ins hohe Alter eigenständig und mobil im eigenen Wohnraum zu Recht zu kommen. Die Technik ist weit fortgeschritten. Die Notwendigkeit besteht allerdings darin, die heutigen Möglichkeiten, Ansätze und Projekte effizient miteinander zu verknüpfen. Als Gesundheits- und Verbraucherschutzsenatorin sehe ich unsere Herausforderung darin, aus einzelnen, zeitlich befristeten Projekten ein langfristiges und nachhaltiges Gesamtsystem zu formen, um die pflegerische Versorgung sowohl ethisch als auch fachlich weiterzuentwickeln. 7

8 Im letzten Jahr haben wir die personellen und baulichen Anforderungen nach dem Hamburgischen Wohn- und Betreuungsqualitätsgesetz auf den Weg gebracht. Es soll den veränderten Bedürfnissen älterer Menschen Rechnung tragen und die Betreiber von Pflegeeinrichtungen dazu verpflichten für die Sicherung der Selbstbestimmung und gleichberechtigten Teilhabe der Bewohnerinnen und Bewohner zu sorgen. Durch die Anforderungen an Einrichtungen und Dienste zieht sich wie ein roter Faden, dass es uns eben nicht nur um gesundheitliche Risikovermeidung in der Pflege geht, sondern um die Lebensqualität in einer Wohneinrichtung, die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft und die Vernetzung mit dem Quartier. Mir war es besonders wichtig, dass bei den landesrechtlichen Regelungen keine Abstriche von einer umfassend gedachten Fachlichkeit des Pflegepersonals gemacht werden. Und genau an diesen Punkten setzt auch das Projekt Werdenfelser Weg an: als Herausforderung an die Fachlichkeit und als 8

9 Sicherung der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. Demenzkranke und ihre Angehörigen begegnen uns nicht nur in Pflegeeinrichtungen, sondern zunehmend im Alltag: in der U-Bahn, im Wartezimmer des Arztes, im Krankenhaus, beim Stadtteilfest. Um richtig mit den Erkrankten umzugehen ist eine Sensibilisierung notwendig. Ich habe dies zum Thema einer Landesinitiative Leben mit Demenz in Hamburg gemacht, in der inzwischen sehr viele Beteiligte intensiv zusammenarbeiten und Vorschläge für konkrete Verbesserungen in Krankenhäusern, Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen und den Quartieren entwickeln. Auch der längste Weg beginnt mit den ersten Schritten aber man muss im Blick behalten, wo man hin will. Deshalb braucht Hamburg um gut vorbereitet zu sein auch den Blick auf die demografisch deutlich geänderte Situation nach dem Jahr In diesem Sommer werden wir dem Senat ein Demografiekonzept Hamburg 2030 vorlegen, das 9

10 dieser Herausforderung Rechnung trägt und alle Ressorts der Stadt einbezieht. Einfallsreichtum und Einfühlungsvermögen bedarf es auch, um die unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteure auf das Ziel einzustimmen, höchstmögliche Freiheit in Pflegeeinrichtungen zu bieten und eingefahrene Wege und Handlungsmuster kritisch zu überdenken. Sehr geehrter Herr Pohlmann, langen Atem, Einfallsreichtum und Einfühlungsvermögen benötigen wir auch beim Werdenfelser Weg, um die unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteure auf das Ziel einzustimmen, höchstmögliche Freiheit in Pflegeeinrichtungen zu bieten und eingefahrene Wege und Handlungsmuster kritisch zu überdenken. Dazu gehören die unmittelbar Beteiligten, wie Pflegeeinrichtungen, Betreuungsrichter, Verfahrenspfleger, Betreuungsbehörde, Ärzte und nicht zu vergessen die Angehörigen, rechtlichen Betreuer und Bevollmächtigte. Gerade sie leben häufig in der Angst, die ihnen anvertrauten Menschen Gefahren auszusetzen. 10

11 Das zu verhindern, ist sehr häufig der Grund, auf vermeintlich bewährte fixierende Maßnahmen zuzugreifen. Ich wünsche Ihnen für Ihre Zusammenarbeit mit den unterschiedlichen Professionen und Menschen größtmöglichen Erfolg. Dabei ist es unser gemeinsames Ziel, Pflegefachfachkräfte zu engagierten und qualifizierten Verfahrenspflegern auszubilden und bereits tätige Verfahrenspfleger in die pflegerischen Themen einzuweisen. Sehr gefallen hat mir schon Ihr erstes, sehr ansprechendes Werbefaltblatt, mit dem Sie über die Ausbildungsmöglichkeit für Pflegefachkräfte und Juristen informieren. Ihre hanseatische und humorvolle Gelassenheit durfte ich bereits in einer Sitzung des Landespflegeausschusses kennenlernen. Dies zusammen mit Ihrem großen Erfahrungsschatz im Bereich der gesetzlichen Vertretung von erwachsenen Menschen bildet sicher eine gute Basis, den Werdenfelser Weg in Hamburg voranzutreiben. 11

12 Meine Mitarbeiter und ich werden Sie und den Betreuungsverein Leben mit Behinderung Hamburg dabei tatkräftig unterstützen. 12

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