Ergebnisbericht zur Erfassung des Rotmilanbestandes im Kreis Paderborn 2010

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1 Ergebnisbericht zur Erfassung des Rotmilanbestandes im Kreis Paderborn 2010 Foto: W. Venne im Auftrag der WestfalenWIND GmbH September 2010

2 ANLASS UND AUFGABENSTELLUNG Die artenschutzrechtliche Prüfung (ASP) bei Planungsvorhaben u. a. für Windenergieanlagen ist in jüngster Zeit zu einem wesentlichen Teil des Genehmigungsverfahrens geworden. Dies betrifft auch aktuelle Vorhaben im Kreis Paderborn. Geprüft wird bei der artenschutzrechtlichen Prüfung vorrangig die Auswirkung eines Vorhabens auf die lokalen Populationen geschützter Arten. Bei zu erwartenden negativen Auswirkungen ist ein vorzeitiges Ausgleichs- und Maßnahmenkonzept als Teil der Antragsunterlagen seitens des Vorhabensträgers eingebracht werden, das bei Umsetzung zur Kompensation der zu erwartenden Auswirkungen beitragen kann. Bei vollständig zu erwartender Kompensation ist das Projekt aus artenschutzrechtlicher Sicht genehmigungsfähig. Die Maßnahmen des Konzeptes müssen dabei vor Beginn der Projektwirkung umgesetzt sein. Konkret für Planungen von Windenergieanlagen sind einige Vogel- und Fledermausarten von hohem Belang. Insbesondere einige Greifvogelarten, für die an Windenergieanlagen verhaltensbedingt nachweislich ein erhöhtes Kollisionsrisiko besteht, rücken bei Planungen im Kreis Paderborn in den Fokus. Allen voran steht dabei der Rotmilan, für den bundesweite Auswertungen besonders hohe Schlagopferzahlen an Windenergieanlagen zeigen. Im Kreis Paderborn sind weitere Vogelarten heimisch, deren Vorkommen in Konflikt zu WEA stehen können (z.b. Wiesenweihe, Wespenbussard, Schwarzmilan, Schwarzstorch, Uhu, Wachtelkönig). Aufgrund des überdurchschnittlichen Kollisionsrisikos, der sich vielfach überschneidenden Reviere mit bestehenden und geplanten Windparks und der Bedeutung des Kreisgebiets für den Rotmilanbestand insgesamt und erfordert die Art aber eine vorrangige Beachtung Vor diesem Hintergrund stießen die WestfalenWIND GmbH, der Kreis Paderborn und die Biologische Station Kreis Paderborn-Senne ein Projekt an, das die kontinuierliche Ermittlung und Dokumentation der Bestandssituation des Rotmilans im Kreis Paderborn zum Ziel hat. Es soll jährlich der Bestand erfasst werden und in Folgejahren auch Untersuchungen zu speziellen Fragestellungen geben (z.b. herbstliche Schlafplätze, Fragen zur saisonalen Raumnutzung, Kontrollen des Bruterfolges, Kollisionsopfer, weitere relevante Arten u.ä.). Dies wird in einem jährlichen Gespräch zwischen Vertretern der Windenergie, dem Kreis Paderborn und der Biologischen Station erörtert. 2

3 Die gewonnenen Daten werden für Planungsverfahren verfügbar sein und den jeweiligen gutachterlichen Fachbeiträgen als eine Basis dienen. Neben den Informationen für zukünftige Planungen dienen die Daten aber auch den Monitoringaufgaben, die die Vorhabensträger bei genehmigten Anlagen als Teilauflage der artenschutzrechtlichen Kompensationsverpflichtungen zu erfüllen haben. So können die Wirkungen der Anlagen wie auch die der umgesetzten Ausgleichs- und Vermeidungsmaßnahmen nach Ablauf einiger Jahre festgestellt werden. Aufgabe dieses ersten Untersuchungsjahres war es, den Bestand und Verbreitung des Rotmilans im Kreis Paderborn möglichst vollständig zu erfassen. Anhand dieser Daten wird die Bestandskontrolle in den Folgejahren einfacher, da Rotmilane recht reviertreu sind. So werden Kapazitäten für zusätzliche Untersuchungsinhalte frei. 3

4 METHODE Die Kartiermethode orientiert sich überwiegend an den Empfehlungen von NORGALL (1995). Arttypisches Verhalten territorialer Rotmilane insbesondere zu Beginn der Brutsaison kann genutzt werden, um die Reviere, teilweise auch die Horstbereiche mit geringem Beobachtungsaufwand zu ermitteln. Zu den Verhaltensweisen zählen: Flug aus dem Jagdgebiet zum Horstbereich Demonstrationsflug über dem Horstbereich Exponiertes Sitzen im Horstbereich Schleifensturzflug Eintrag von Nistmaterial oder Beute Die Feststellung eines solchen revieranzeigenden Verhaltens reicht in der Regel aus, um ein Revier zu identifizieren. Dabei kann es sich sowohl um Brutpaare wie auch um nichtbrütende territoriale Paare oder Einzelvögel handeln. Im Ergebnis erhält man somit nicht den Brutbestand sondern die gesamte territoriale Population einschließlich der Nichtbrüter, deren Anteil in intakten Populationen bei ca. 20% liegt. Zur Ermittlung der Brutpaarzahl wäre eine gezielte Horstsuche erforderlich, die 2010 nicht vorgesehen war. Die Untersuchungen im Kreis Paderborn erfolgten aufgrund der methodischen Vorgaben schwerpunktmäßig im März und April. Danach, mit Brutbeginn, ist das Territorialverhalten der Rotmilane weniger auffällig und somit steigt der Erfassungsaufwand. Die Zeit ab Mai bis zum Ausfliegen der Jungvögel im Verlauf des Juli wurde deshalb genutzt, um gezielt fragliche Reviere oder mögliche Kartierungslücken aufzusuchen. Insgesamt waren acht Mitarbeiter der Biologischen Station an der Kartierung beteiligt. 4

5 ERGEBNISSE Populationsgröße Insgesamt konnten 2010 im Kreis Paderborn und unmittelbar außerhalb des Kreisgebietes 65 Rotmilan-Reviere festgestellt werden. Hinzu kommen 11 Bereiche, in denen aufgrund auffälliger Beobachtungen Revierverdacht bestand, aber nicht abschließend geklärt werden konnte, ob dort ein dauerhaftes Revier besetzt war. Damit ist die Territoriale Saison-Population im Sinne von NORGALL (1995) erfasst. Diese schließt neben den tatsächlich brütenden Paaren auch die nichtbrütenden Revierpaare und revierbesetzende Einzelvögel ein. Der tatsächliche Brutbestand des Rotmilans ist geringer. Nach Untersuchungen von NORGALL ET AL. (1995) und HILLE (1995) liegt der Nichtbrüter-Anteil in Rotmilan-Populationen zwischen 17 und 23 %. Zumeist handelt es sich bei den Nichtbrütern um Paare, seltener um einzelne Vögel. Damit zählt der Kreis Paderborn weiterhin zu den Vorkommensschwerpunkten des Rotmilans in NRW (Abb. 1), wobei der landesweite Bestand auf 450 Paare geschätzt wird. Abb. 1: Verbreitung des Rotmilans in Nordrhein-Westfalen (nach BRUNE ET AL. 2002) 5

6 Interessant ist eine Gegenüberstellung mit Daten, die im Jahr 2000 in der Südhälfte des Kreises Paderborn erhoben wurden (Abb. 2). Dabei wurden 42 Reviere festgestellt. Im selben Raum konnten Reviere ermittelt werden. Abb. 2: Gegenüberstellung der Rotmilanverbreitung 2000 und 2010 im südlichen Kreis Paderborn Die Daten sind nicht eins zu eins vergleichbar, da 2000 mit geringerem Aufwand kartiert wurde. Zudem können jährliche Bestandsschwankungen bei lediglich zwei Referenzjahren längerfristige Trends stark überlagern. Es deutet sich aber an, dass die Bestandsgröße des Rotmilans im südlichen Kreisgebiet in den letzten zehn Jahren weitgehend auf einem Niveau geblieben ist. Regionale Verbreitung Die Verteilung der festgestellten Reviere des Rotmilans ist im Kreis Paderborn klar differenziert (vgl.. Karten im Anhang). Der überwiegende Teil der Rotmilane siedelt im Bereich der Hellwegbörde (8 Reviere) und auf der Paderborner Hochfläche mit den angrenzenden Mittelgebirgslandschaften von Egge und Sauerland (52 Reviere). In den Tieflagen der Westfälischen Bucht (Lippeniederung, Senne) kommt der 6

7 Rotmilan nur sehr spärlich und überwiegend in den Übergangsbereichen zu den stärker besiedelten Landschaften (5 Reviere). Tab. 1: Revierzahl und -dichte in den Landschaftsräumen Paderborner Hochfläche einschl. Mittelgebirge Haarstrang und Hellwegbörde Revierzahl Siedlungsdichte (Reviere/100km² 53 7,1 8 6,9 Westfälische Bucht 5 1,3 Erkennbar wird eine Schwerpunktbildung von Revieren in einigen Bereichen. Dies sind vor allem die Landschaftsteile mit einem ausgeprägten Wechsel von Wald und Offenland und einem hohen Grünlandanteil. So sind der Nordrand der ausgedehnten Wälder im südlichen Kreisgebiet mit den Grünlandbereichen entlang von Alme und Afte, der Raum Holtheim-Dalheim-Husen und die Umgebung von Altenbeken überdurchschnittlich dicht besiedelte Bereiche. Dünner besiedelt sind zum einen die großräumigen Ackerlandschaften des Sintfelds und östlich von Paderborn sowie die großen Waldgebiete. Auffällig geringe Dichten, teils auch Vorkommenslücken, die nicht allein aus der Landschaftsstruktur abzuleiten sind, bestehen um Büren und im Gebiet südlich von Paderborn. Tab. 2: Verteilung der Reviere auf die Kommunen im Kreis Paderborn (Vorkommen knapp außerhalb des Kreises unberücksichtigt) Reviere unsichere Reviere Altenbeken 6 0 Bad Lippspringe 2 0 Bad Wünnenberg 11 1 Borchen 2 1 Büren 13 3 Delbrück 0 1 Hövelhof 1 0 Lichtenau 16 5 Paderborn 8 0 Salzkotten 4 1 7

8 Ergebnisse zum Schwarzmilan Aufgrund der nur wenig unterschiedlichen Verhaltensweise des Schwarzmilans wurden im Rahmen der Kartierung alle Beobachtungen vermerkt. Der Schwarzmilan kommt im April zwei bis drei Wochen nach dem Rotmilan Brutgebiet an, weshalb einige zu diesem Zeitpunkt schon für den Rotmilan kartierte Bereiche in geringerer Intensität untersucht wurden. Insgesamt wurden 10 Reviere festgestellt, hinzu kommt ein Revierverdacht (vgl. Karte im Anhang). Eine gewisse Verdichtung der Vorkommen ist dabei in der Hellwegbörde bzw. deren nördlicher Randbereiche festzustellen, wo mindestens vier Schwarzmilan-Reviere lagen. Zudem ist die Paderborner Hochfläche besiedelt, allerdings in sehr geringer Dichte. aus dem nördlichen Kreisgebiet fehlen Beobachtungen. Die Ergebnisse fügen sich in die seit mehreren Jahren zu beobachtende Ausbreitung des Schwarzmilans in Westfalen ein. 8

9 FRAGESTELLUNGEN KÜNFTIGER UNTERSUCHUNGEN Die kontinuierliche Erhebung der Population des Rotmilans sollte auch im Hinblick auf anstehende Erfolgskontrollen von Kompensationsmaßnahmen durchgeführt werden. Das hätte den Vorteil, dass Bestandsveränderungen in kurzer Zeit erkennbar werden und Schwankungen u.a. durch jährlich unterschiedliche Mäusebestände das Bild weniger verfälschen. Mit der vorliegenden Erhebung wurde die Population des Rotmilans während der Brutsaison erfasst. Damit liegen keine Angaben zum exakten Brutbestand vor. Hier wäre eine Erfassung mit Schwerpunktsetzung auf der Suche besetzter Rotmilan-Horste sinnvoll. Die Daten der Erfassung 2010 liefern hier bereits zahlreiche Hinweise und würden den Aufwand relativ gering halten. Mit dem Wissen über die Horstbäume des Rotmilans ließen sich zudem Schutzmaßnahmen einleiten und eine Kontrolle des jährlichen Bruterfolges wäre möglich, was entscheidende Hinweise auf die Vitalität der Population bringen würde. Neben der Erfassung der Brutplätze ist bei Fragestellungen zum möglichen Konflikt Windenergie-Rotmilan insbesondere die saisonale Raumnutzung des Rotmilans von Interesse. Die lokale Raumnutzung ist ein zentrale Grundlage für die Abschätzung des Kollisionsrisikos an geplanten Windenergieanlagen. Zum einen ist dabei die Raumnutzung während der Brutperiode von Belang, die sich erfahrungsgemäß während der Brutzeit in Abhängigkeit von der Landnutzung wandelt. Zum anderen ist insbesondere der Raum der Paderborner Hochfläche als Rastgebiet für Rotmilan nach der Brutsaison von Bedeutung. Hier kann eine Erfassung der Schlafplätze wertvolle Daten zum Schutz der Art liefern. 9

10 LITERATUR BRUNE, J., GUTHMANN, E., JÖBGES, M. & A. MÜLLER (2002): Zur Verbreitung und Bestandsentwicklung des Rotmilans (Milvus milvus) in Nordrhein-Westfalen. Charadrius, 38. Jahrgang. Heft 3. S HÄRTEL, H. FINKE, C. (2000): Untersuchung zum Vorkommen des Rotmilans Milvus milvus im Kreis Paderborn. Unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag der Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten NRW. 12 S. HILLE, S. (1995): Untersuchungen zur Ökologie des Rotmilans (Milvus milvus) in der Rhön. Dipl-Arb. Justus-Liebig-Univ. Gießen (unveröff.). NORGALL, A., POSTENDÖRFER, D. & D. TRZECOIK (1995): Territoriale Saison-population, Popolationsentwicklung und lokale Dichte-Unterschiede beim Rotmilan (Milvus milvus) im Raum Göttingen/Südniedersachsen. Vögel und Umwelt Bd.8, Sonderheft NORGALL, A. (1995): Revierkartierung als zielorientierte Methodik zur Erfassung der Territorialen Saison-Population beim Rotmilan (Milvus milvus). Vögel und Umwelt Bd.8, Sonderheft

11 ANHANG Karten: - Revierverteilung des Rotmilans im Kreis Paderborn Nordteil - Revierverteilung des Rotmilans im Kreis Paderborn Südteil - Reviere des Schwarzmilans im Kreis Paderborn

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