Gerhard Henschel Beim Zwiebeln des Häuters

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1 Gerhard Henschel Beim Zwiebeln des Häuters

2 Gerhard Henschel, geboren 1962, ist freier Schriftsteller. Letzte Buchveröffentlichung bei Tiamat:»Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung«, Tiamat, Berlin Edition TIAMAT Deutsche Erstveröffentlichung Herausgeber: Klaus Bittermann 1. Auflage: Berlin 2012 Verlag Klaus Bittermann Buchumschlag unter Verwendung eines Bildes von Ernst Kahl»Die Tortenschlacht«ISBN:

3 Gerhard Henschel Beim Zwiebeln des Häuters Glossen und Verrisse Critica Diabolis 201 Edition TIAMAT

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5 INHALT Schicksal! 7 Ulrich Horstmanns Eis-Vergnügen 8 Matthias Horx erklärt die Welt 9 Verkettung des Sichbetrillerns 11 Ernst Jünger am Apparillo 13 Lieber Harry Rowohlt! 16 Von Abraham bis Zwerenz 17 Trompete des Volksempfindens 26 Der Bundespräsident, unbehaust 29 Würstchen mit Haarteil. Heinos Lebensbilanz 31 Was Friedrich Schorlemmer so denkt 34 Dariusz Michaelczewski! 36 Die 89er. Eine komische Generation 37 Johannes Mario Simmel träumt den unmöglichen Traum 44 PW = I mal D x. Alles über L. Ron Hubbard 50 Lateralsäulen instabil. Über Michael Crichton 56 Hans Küng greift nach der Weltmacht 61 Hermann Glasers letzter Walzer 66 Cyberspacelyrik 71 Poesie der Technik 83 Schein und Wirklichkeit des Edzard Reuter 86 Vorlesung zur Einführung ins Jirglische 91 Sozialkunde mit Uli 95 Pasta & Opera 97 Vierzehn Variationen über Durs Grünbein 98 Vera Lengsfelds Lebenstraum 105 Raddatzong, Raddatzong 110 Then I am the Prussian Icarus 113

6 Christa Wolf bittet zu Tisch 116 Reich-Ranicki und Kraus 123 Reich-Ranicki und Kraus revisited 125 Heil dir, deutsches Eigelb 126 Der Richter und sein Henker 128 Beim Zwiebeln des Häuters 130 Der Bischof Huber 138 Hinaus aus Hamburg mit den Schuften! 146 Ein gewisser Seriositäts-Discount 149 Der irgendwo bellende Hund in der Literaturgeschichte 156 Bischof Huber! 159»Polizeihiebe auf Krawallköpfe«. Über Springers»Medienarchiv68«160 Axolotl Roadkill 170 Neues aus der Margot-Käßmann-Forschung 176 Die Henschels in der deutschsprachigen Literatur 186 Neue Geschichten vom Herrn Keuner 189 DSDS-Kandidaten! 193 Liebe FIFA! 194 Der Bumerang des Glücks 195 Hegels Anus, die Parallaxe der Vagina und die Sowjetmacht 202 Radau im Premiumsegment 209 Götterdämmerung der Handfläche 212 Eine Lustwandlerin ihrer Ausdruckswelt 219 Wenn es um Fragen des Friedens geht 225 Grenzenlos guter Geschmack 237

7 Schicksal! Es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo man Dir näher ist als sonst und eine Frage an Dich frei hat: Wieso hast Du nichts dagegen unternommen, daß sich in der Berliner Körtestraße ein Wäschegeschäft mit dem Namen»Chic Saal«etabliert hat? Anders ausgedrückt: Gilt Nemesis bei den Erinnyen heutzutage als Orchideenfach? Wißbegierig: Titanic Titanic 9/1992 7

8 Ulrich Horstmanns Eis-Vergnügen Der in Münster lebende Philosoph Ulrich Horstmann variiert seit 1983, als er die»konturen einer Philosophie der Menschenflucht«zeichnete, immer wieder einen einzigen Gedanken, welcher besagt, daß der Mensch von Übel sei und alles umsonst. In Talkshows ist Horstmann Heilsbringern wie Rudolf Bahro damit gelegentlich geschickt in die Parade gefahren hat er den Kleist- Preis erhalten, und inzwischen ist er zum Quoten- Misanthropen des gehobenen Feuilletons avanciert und nervt. Bei seiner Essaysammlung»Ansichten vom Großen Umsonst«, der ganz besondere Brillanz und polemische Schärfe nachgerühmt werden, handelt es sich leider bloß noch um Weltuntergangsprosa für höhere Töchter:»Das Klima in unserem Inneren steuert jedenfalls nicht auf ein globales Temperaturhoch zu... immer unterkühltere Innenwelten... Unsere Seelenlandschaft liegt unter Eis, im Rauhreif und Permafrost... Vieles wurde mit starren Fingern geschrieben, aber dafür womöglich ohne Starrsinn... Und das Inlandeis des Großen Umsonst trägt, was immer sich akklimatisieren kann...«sire, geben Sie rodelfrei! tip 10/1992 8

9 Matthias Horx erklärt die Welt Da er sonst nichts gelernt zu haben scheint, betreibt der Journalist Matthias Horx in Hamburg ein»trendbüro«, das dazu dient, viel Wind zu machen und Kauderwelsch zu verbreiten:»trendbüro ist eine Agentur für Consulting, Monitoring und Recherche«, schreibt Horx in seinem ersten»trendbuch«; aber was ist Monitoring?»Monitoring ist ein Scanning-Prozeß«, heißt es dazu dunkel brausend. Sein»Scanning der kulturellen Oberflächen«mag Horx eventuell die schnelle Mark bringen, und die sei ihm auch gegönnt aber ist es nicht sonderbar, mit welchen Tätigkeiten sich in der postmodernen Welt der Schornstein zum Rauchen bringen läßt? Guten Tag, ich bin Bäcker, und was machen Sie? Ich scanne kulturelle Oberflächen. Mit oder ohne Monitoring? Um uns in die Geheimnisse der Trendforschung einzuführen, arbeitet Horx mit ruchlosen Wortschöpfungen wie dem»immermehrismus«, der»transparent-welle«, der»singleisierung«, dem»ökolozismus«und der»multiperspektivik«. Für den intellektuellen Zugriff auf die Welt sind solche Löweneckerchenbegriffe ebenso hilfreich wie der Loriotsche Familienbenutzer bei der Haushaltsführung. Rasendes Blabla suggeriert analytische Tiefenschärfe:»Mit diesen vier Parametern virtuoser Ironie, Hang zu Zynismus, Rückkehr in die Langsamkeit, melancholischer Distanz läßt sich ein erstes, grobes Grundraster der Jugendmentalität der Mittneunziger zeichnen.«was nicht gar. Langsam, lustig, zynisch und melancholisch, das soll unsere Jugend sein? 9

10 Guten Tag! Ich erforsche Jugendtrends. Wie fühlen Sie sich? Ich bin virtuos ironisch und melancholisch distanziert, neige zu Zynismus und kehre in die Langsamkeit zurück. Ach? Das Layout des Buches ist so quirlig, daß man Kopfweh davon bekommt. Der Trend zum Aspirin wird ungebrochen bleiben; das ist meine eigene kleine Laienprognose. Freitag,

11 Verkettung des Sichbetrillerns Eine Kamera dringt in die intimste Abgeschiedenheit eines Menschen ein und zeigt uns den Rezensenten. Er sitzt in einem halbrunden, armlosen Ledersessel und beugt sich über das neue Buch von Botho Strauß:»Wohnen Dämmern Lügen«. Es folgt die sehr nahe Aufnahme der Miene des Rezensenten. Grimasse der Skepsis, Randanstrich, einsetzende Verdüsterung. Weshalb hat er sich das angetan? Es war doch abzusehen, daß es auch in diesem Buch um nichts Geringeres gehen werde als um»epochenbruch und Ärasturz«, die Strauß auf die»tagesordnung des Ewigen«gesetzt hat, ohne uns die»schlinge des Erbarmens«zu gewähren, so daß die störende»verkettung des Sichtbetrillerns«kein Ende nimmt. Der Rezensent seufzt. Liest weiter. Wir sehen sein»zusammengestürztes Gesicht, Zwetschge der Untröstlichkeit«(Strauß).»Das Gesicht grau wie gestorbene Baumrinde«(Strauß).»Er liest zusehends zaghafter, liest kleinlaut, verschmälert und krümmt sich zwischen Hals und Knie«(Strauß). Wird ihm übel? Kommt es zu einer»urflutszene«? Mitsamt Epochenbruch und Ärasturz? Da,»ach«(Strauß), sinkt der Rezensent in den Sessel zurück, von ganzem Wesen Urteil und Strafe hinnehmend«(strauß), und es steht eine schwerwiegende Frage im Raum:»Welchen Hof, welchen Beiklang, welche Urweise, welch verschollenen Ruf streift das Wort?«Möglicherweise streift es auch nur die Grenze zum Nonsens, wenn Strauß sein Sehertum und die Kosmologie zur Einheit zwingt:»aus Myriaden von Galaxien sieht uns ein Kinderkopf mit weltenleeren Augen an.«kuckuck! 11

12 So kommen die Sätze auf Stelzen daher (»Der Himmel war schwarz wie der edelste Rappe«). Der Rezensent aber bricht die Lektüre ab und überläßt die Zwetschge der Untröstlichkeit getrost der Verkettung des Sichbetrillerns. taz,

13 Ernst Jünger am Apparillo Am 29. März 1995, Ernst Jüngers Hundertstem, schaltete die Titanic-Redaktion in den Tageszeitungen taz, junge Welt und Die Welt folgende Anzeige: Kaum zu glauben, aber wahr: Unser Ernst Jünger wird heut 100 Jahr! Haben Sie Fragen an das Geburtstagskind? Ernst Jünger antwortet. Live. Persönlich. Nur heute von 11 bis 14 Uhr. 069 / Rufen Sie jetzt an! Hier einige Ergebnisse. Hallo? Ja, hallo, hier Jünger, wer da? Herr Jünger! Mein Name ist Bier, Ernst Bier. Ja, guten Tag. Was ich Sie als mein großes Vorbild und als meinen Mentor schon immer mal fragen wollte: Wie viele Leute haben Sie im Ersten Weltkrieg getötet? Och, gar keinen, das ist ja alles nur so Wind, Presse hallo? Hallo? (Aufgelegt.) Hallo? Jünger? Ja, schönen guten Tag, Herr Jünger, damit hab ich jetzt aber gar nicht gerechnet... Ich aber. Wer spricht da bitte? Ich, äh, äh, bin wohnhaft in Berlin. Detlef Lutz. 13

14 Guten Tag, Herr Lutz. Ja, ich hab gerade den Artikel gelesen in der Berliner taz, und da stand diese Anzeige drin:»kaum zu glauben, aber wahr...«ja, das war sehr nett. Die taz les ich immer gerne... Wer hat denn das veranlaßt? Mein Freundeskreis. Aber ich hab auch gute Kontakte zu den jungen Leuten von der Presse. Aha. Ja, und wollten Sie auch was wissen? Haben Sie Krankheiten? Ich? Krankheiten? Oder Kriegsverletzungen? Kriegsverletzungen? Kriegsverletzungen haben Sie auch nicht? Sie sind weißer Jahrgang? Wie nennen Sie das? Sie haben nicht gedient? Nicht gedient, nein. Ja, dann tut s mir leid ich hab hier noch Kameraden zu sprechen. Aber ich wünsche Ihnen noch ein schönes Leben. Sie könnten s ja mal in der Fremdenlegion versuchen. Haha! Das war jetzt ein Scherz von mir. Auf Wiederhören! Wiederhören. Jünger. Hallo? Ja, also, äh, ich möchte nur gern wissen, wer hinter dieser Anzeige eigentlich steht. Ja, das bin ich. Zum Geburtstag. Nein, also, das ist nicht Ernst Jünger! Also bitte: Wer steht hinter dieser Anzeige? Ja, man ist nicht mehr derselbe mit hundert, aber, äh, das Leben ist schön... Also hören Sie, was Sie mir da erzählen, will ich gar nicht hören. Ich möchte gern wissen, wer hinter der Anzeige steht! 14

15 Ja, das sind unter anderem meine Gratulanten und Freunde... Ach was! Also, Sie sind nicht Ernst Jünger! Sie sind derjenige, der hier das in Auftrag gegeben hat! Ja, aber Sie wollen mich ja nur schmähen. Entschuldigung, ich hab so viele Feinde, mit denen möchte ich nicht so gerne sprechen... Ach, Unsinn, das ist alles Unsinn, was Sie sagen! Auf Wiederhören. Ja, Jünger. Hallo? Ja, hier ist Günter Gerhard, Bad König, ich hab da ne Frage. Wer ist am Telefon? Ich bin s, das Geburtstagskind, und beantworte gerne Fragen zum Lebenslauf oder auch so andere Sachen, was Sie wissen möchten. Was ich wissen möchte wie Sie, Herr Jünger, den aufkommenden Nationalismus beurteilen, etwa in Österreich den Haider oder Le Pen oder bei uns die Nationalsozialisten, die ja stark im Kommen sind. In Rußland, im ehemaligen, gibt s ähnliche Tendenzen... Ja, ich bin da nicht dafür. Ich bin mehr ein konservativ denkender Mensch, und das ist nicht gut. Ja, das ist nicht gut, aber was können wir dagegen tun? Lichterketten, demonstrieren, Unterschriftenlisten, und ich spreche aber auch persönlich mit dem Präsidenten darüber. Ja, das war schon mein Anliegen! Ich meine, ich hab gestern die ZDF-Sendung gesehen und hab auch»marmorklippen«gelesen, und solche Fragen sind so aktuell, daß Sie als prominenter Philosoph und Schriftsteller da sich ne Meinung zu haben. Das ist richtig. Ich bedanke mich. Ja, ich auch, und ich spreche mit dem Präsidenten Hindenburg darüber. Wiederhören! Titanic 5/

16 Lieber Harry Rowohlt! In Willi Winklers Nachruf auf Thomas Strittmatter in der taz haben wir gelesen:»anfang vergangenen Jahres traf ich ihn wieder, bei der Silberhochzeit von Harry Rowohlt.«Da dachten wir ungefähr folgendes:»silberhochzeit? Mit wem ist Harry Rowohlt denn verheiratet? Mit Ernst Maria? Ach nee, der ist ja ledig.«wir finden das lustig. Titanic Titanic 10/

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