Präsente Vergangenheit erinnerte Zukunft

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1 Präsente Vergangenheit erinnerte Zukunft Zeit und Geschichte im Alten Testament Semester-Eröffnung für Gasthörende am 30. März 2010 an der CvO Universität Oldenburg Prof. Dr. Kim Strübind

2 1. Bibel und Wahrheit

3 Der Fruchtbare Halbmond (Relief) 3

4 Der Fruchtbare Halbmond (politische Mächte) 4

5 2. Bibel und Geschichte

6 Geschichte als (Re-)Konstruktion der Vergangenheit Der Glaube Israels ist grundsätzlich geschichtstheologisch fundiert... Er weiß sich gegründet auf Geschichtstatsachen und weiß sich gestaltet und umgestaltet von Fakten, in denen er die Hand Gottes sah. (Gerhard v. Rad) 6

7 Was ist Geschichte? Drei Grundsätze 1. Realer oder materialer Geschichtsbegriff: Gewesenes Geschehen, tatsächlich geschehene Ereignisse ( res gestae ) 2. Theoretischer Geschichtsbegriff: Interpretierende Darstellung der Vergangenheit ( historia rerum gestarum ) 3. Konvergenz der Perspektiven Unterscheidung: Erzählte Zeit und Zeit des Erzählers 7

8 Was ist Geschichte? Geschichte ist die spezifische Weise, in welcher ein Mensch die Welt in und durch die Vergangenheit begreift Johan Huizinga 8

9 Geschichte (wissenschaftliche Definition) Geschichte ist die von der Gegenwart her unternommene wissenschaftliche Interpretation überlieferten menschlichen Handelns in seinen temporalen und sozialen Bezügen und im Zusammenhang einer Kontinuität, die seine Kenntnis für die Gegenwart relevant macht. R. Vierhaus, Was ist Geschichte?, in: G. Alföldy u.a. (Hgg.), Probleme der Geschichtswissenschaft, Düsseldorf 1973, 19 9

10 2. Zeit und Geschichte im Alten Testament (Leitsätze)

11 Leitsätze zum Geschichtsverständnis im Alten Testament 1. Leitsatz Israels Darstellung der eigenen Vergangenheit ist als Geschichte Gottes mit den Menschen theomorph Geschichte ist *im Alten Testament+ eine Veranstaltung Gottes. Er bringt mit seiner Verheißung die Bewegung in Gang. Er steckt ihr nach seinem Willen das Ziel... Er greift ein, wann er es für angebracht hält. Alle Geschichte rührt von Gott her und begibt sich für Gott. (Ludwig Köhler) Tun-Ergehen-Zusammenhang (synthetische Lebensauffassung) 11

12 2. Leitsatz: Israels Interesse an der Geschichte ist nicht vergangenheits-, sondern gegenwartsorientiert. Begründung (Kausalität) Mahnung (Paränese) Koinzidenz von Vergangenheit und Gegenwart (Zeit des Erzählers und erzählte Zeit) 12

13 3. Leitsatz: Alttestamentliche Geschichtsschreibung sucht keine objektive Distanz und kritische Sachlichkeit zur Vergangenheit, sondern ist parteiliche Geschichtsschreibung: Sie deutet die Ereignisse der Vergangenheit aus einer dezidiert theologischen Perspektive. 13

14 4. Leitsatz: Alttestamentliche Geschichtswerke entstanden in Krisenzeiten: Durch die Sicherung und Interpretation der eigenen Glaubensüberlieferungen vollzog sich die Klärung des eigenen Selbstverständnisses. 14

15 5. Leitsatz: Alttestamentliche Geschichtsschreibung kennt keine kategoriale Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Grammatik ohne Zeitstufen Unterteilung aller Handlungen in a) selbstständig nichtselbständig b) abgeschlossen nicht abgeschlossen 15

16 Gleichnis vom Ruderboot

17 Das Ruderboot -Gleichnis Relief aus dem Palast der Königin Hatschepsut (Theben, 15. Jh. v. Chr.)

18 Das Ruderboot-Gleichnis Im Vergleich mit der Zukunft war vergangenes Geschehen einsehbar, sofern die Vergangenheit, für die das Hebräische keinen eigenen abstrakten Begriff hat - ebenso wenig wie für Gegenwart und Zukunft - die Zeit war, die vor dem Israeliten lag. Hatte er die Vergangenheit vor Augen, so lag entsprechend die Zukunft hinter ihm... Rüdiger Liwak, Der Prophet und die Geschichte (BWANT 121), Stuttgart u.a. 1987, 52f. 18

19 6. Leitsatz: Alttestamentliche Geschichtsschreibung räumt dem zu jeder Zeit Typischen Vorrang vor dem Individuellen (Kontingenten) ein. Ätiologischer Charakter (Ursprungsgeschichten) Beispiel: Erzählung vom Sündenfall (Gen 3) 19

20 Zusammenfassung: Geschichte und Wirklichkeit im Alten Testament 1. Geschehene Geschichte 2. Geglaubte Geschichte 3. Ätiologien (Ursprungsgeschichten) 4. Geschichte als Wirkungsgeschichte 5. Geschichte als kulturelles Gedächtnis (Aleyda und Jan Assmann) 20

21 Das kulturelle Gedächtnis richtet sich auf Fixpunkte in der Vergangenheit Vergangenheit gerinnt hier zu symbolischen Figuren, an die sich die Erinnerung heftet. Die Vätergeschichten, Exodus, Wüstenwanderung, Landnahme, Exil sind etwa solche Erinnerungsfiguren, wie sie in Festen liturgisch begangen werden und wie sie jeweilige Gegenwartssituationen beleuchten. [...] Für das kulturelle Gedächtnis zählt nicht faktische, sondern nur die erinnerte Geschichte. [...]. Durch Erinnerung wird Geschichte zum Mythos. Dadurch wird sie nicht unwirklich, sondern im Gegenteil erst Wirklichkeit im Sinne einer fortdauernden normativen Kraft. (Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 4. Aufl. 2002, 52) 21

22 3. Präsente Vergangenheit und erinnerte Zukunft Exodus und Landnahme als Beispiel

23 Der Exodus: Fluchtrouten 23

24 Idealisierte Landnahme nach dem Josuabuch 24

25 4. Fakten und Fiktionen Ein Fazit

26 Fazit 1. Alttestamentliche Geschichtsschreibung ist keine Fälschung der Geschichte, sondern wesentlich Wirkungsgeschichte 2. Ihre historische Wahrheit ist die geschichtliche Wirklichkeit (= Wirksamkeit ) 3. Geschichte ist Lehrmeisterin des Lebens (historis magistra vitae) 4. Die (Re-)Konstruktion der Vergangenheit als deren erinnerte Präsenz erschließt die Gegenwart und die Zukunft 5. Probleme: Ideologisierung der Vergangenheit 26

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