Was haben psychiatrische Diagnosen mit Förderschwerpunkten zu tun? Michael von Aster

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1 Was haben psychiatrische Diagnosen mit Förderschwerpunkten zu tun? Michael von Aster

2 Schule und psychische Störungen: ein heisses Thema

3 Krankheitsdiagnosen und Förderdiagnosen ADHS, F90 Störung des Sozialverhaltens, F91/92 Emotionale Störung, F92/93 Autismus, F84 FS Emotionale und soziale Entwicklung (em-soz) FS Autismus Umschriebene Entwicklungsstörungen, F81-83 (Motorik, Sprache, Schulische Fertigkeiten) Intelligenzminderungen, F7 FS Sprache FS Körperliche Entwicklung FS Lernen FS Geistige Entwicklung

4 Was sind Diagnosen und wofür sind sie da? Sie sind Etiketten für die Patienten, den Arzt und die Gesellschaft zum Zweck der Benennung, Verständigung und Zuweisung. Sie verweisen auf wissenschaftlich mehr oder weniger gut begründete theoretische Modelle über das Wesen von Krankheiten / Behinderungen. Solche theoretischen Modelle sind immer Verallgemeinerungen, die die Sicht auf die Phänomene steuern, aber damit auch einengen.

5 Das alte Lied: Nature und / oder Nurture stetig, kontinuierlich extern genetisch vorbestimmt psychiatrisch (Substitution, Prothetik) Symptom Locus of control Ursache Prognose Behandlung variabel, veränderlich intern erworben unbestimmt psychotherapeutisch (Verstehen, Bewältigen) Deterministisch Konstruktivistisch Was ist krank an einem Wutanfall?

6 Was wir glauben hat Einfluss!

7 Kinder- und Jugendpsychiatrie heute Key ADHD treatment objectives for clinicians (spontaneous) Other Maximise convenience Reduce violence/aggression ADHS Behandlungsziele Minimise dosage Ensure compliance Minimise side effects Reduce impulsiveness Improve self-esteem Reduce hyperactivity Improve social functioning MPH-Verordnungen Improve inattention Improve family relationships General symptom improvement Improve school functioning Dominanz genetischdeterministischer Krankheitskonzepte 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% Proportion of respondents

8 Beispiele für zustands- und erfahrungsabhängige Einflüsse in der Entwicklung individueller Unterschiede

9 Erfahrungsabhängige Neuroplastizität

10 Funktionelle und strukturelle Neuroplastizität der grauen und weißen Hirnsubstanz Nicht genetisch

11

12

13 Untersuchung im enriched Environment (ENR) Beginn 4 Wochen nach der Geburt Individuelle Unterschiede: Exploration der Umgebung als Indikator für Verhaltensentwicklung Hippocampale Neurogenese im Erwachsenenalter als Indikator für erworbene Hirnplastizität

14

15 Was bedeutet das? Kleine Unterschiede in Verhaltenstendenzen am Beginn driften über die Zeit auseinander. Diese kleinen Unterschiede können begründet sein in der intrauterinen Situation, der Ernährung, mütterlichem Stress, frühen Interaktionen, u.a.m. Sie triggern unterschiedliche Erfahrungen, die über die Zeit kumulieren und sich perpetuieren. Hieraus resultieren bedeutsame Unterschiede in der Plastizität des Gehirns, im epigenetischen Zustand des Individuums und in den daraus folgenden Chancen für adaptive Anpassung und Entwicklung.

16 Was hat Epigenetik mit Bindungsforschung zu tun? By Dan Hurley Tuesday, June 11, 2013 Grandma's Experiences Leave a Mark on Your Genes Your ancestors' lousy childhoods or excellent adventures might change your personality, bequeathing anxiety or resilience by altering the epigenetic expressions of genes in the brain.

17 Wie bei den Mäusen, so in der Schule: Auch frühe Misserfolgserfahrungen neigen zu Kumulierung und Perpetuierung! Erfolg muss her! 1. Befundorientierte Diagnostik: die ICF 2. Unterrichtsdifferenzierende Methoden 3. Aus- und Weiterbildung 4. Schulnahe Lerntherapien 5. Flexible Schulsettings

18 1. Diagnostik und Störungsverstehen Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)

19 2. Unterrichtsdifferenzierende Methoden

20 2011 Rette Calcularis Zunahme Abnahme Neue Studie Calcularis

21 3. Aus- und Weiterbildung Die John Hattie Studie

22 4. Flexible Schulsettings Das ZSPR

23 5. Schulnahe Lerntherapien Implementierung lerntherapeutischer Methoden an drei Schulen in Berlin- Moabit

24 Was ich mir wünsche Echte Interdisziplinarität in Forschung, Lehre und Praxis Gesellschaftliche und ausbildungsmässige Aufwertung der pädagogischen Professionen Weniger Denken in genetischdeterministischen Krankheitskategorien zugunsten eines mehr dynamischen Verstehens von Entstehung und Veränderung bei Helfern und Betroffenen

25 Vielen Dank den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Klinik für KJPPP und des ZSPR, DRK Kliniken Berlin Westend und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Forschungsgruppe Berlin-Potsdam-Zürich Juliane Kohn Verena Richtmann Dr. Anne Wyschkon Nadine Poltz Prof. Günter Esser Dr. Karin Kucian Ursina Grond Tanja Käser Prof. Markus Gross und Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

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