Vorlesung Sozialisation Biografie Lebenslauf. Habitus - Kulturelles Kapital Bildungschancen

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1 Sommersemester 2007 mittwochs bis Uhr Blauer Hörsaal Vorlesung Sozialisation Biografie Lebenslauf Habitus - Kulturelles Kapital Bildungschancen

2 Pierre Bourdieu Französischer Soziologe empirisch orientierte Sozialforschungen Entwicklung von theoretischen Begriffe wie Habitus, sozialer Raum, soziales Feld, ökonomisches Kapital, soziales Kapital, symbolisches Kapital und kulturelles Kapital bzw. Bildungskapital. Hauptwerk Die feinen Unterschiede Kulturkämpfe zwischen den gesellschaftlichen Klassen im Raum der Lebensstile

3 Habitus Definitionen: Im allgemeinen Sinne ist mit Habitus die Haltung des Individuums in der sozialen Welt, seine Dispositionen, seine Gewohnheiten seine Lebensweise, seine Einstellungen und seine Wertvorstellungen gemeint ( Im Sinne Spontaneität ohne Wissen oder Bewusstsein Als einverleibte, zur Natur gewordene und damit als solche vergessene Geschichte ist der Habitus wirkende Präsenz der gesamten Vergangenheit, die ihn erzeugt hat. (Bourdieu 1979) Im sozialen Sinn Habitus ist ein System dauerhafter und übertragbarer Dispositionen, die als Erzeugungs- und Ordnungsgrundlage für Praktiken und Vorstellungen fundieren (Bourdieu 1987)

4 Habitus Definitionen: Nach Aristoteles entsteht Habitus aus Erfahrung in einzelnen Handlungen, die das Subjekt in Erinnerungen behält als Gewohnheit, die sich grundsätzlich von Einzelhandlungen unterscheidet. Diese Gewohnheit ist dauerhaft; sie hält etwas Getanes für alle Zukunft des Subjekts fest; sie wird mit Hilfe körperlicher Prozesse gespeichert (Krais/Gebauer 2002) Habitus ist ein System dauerhafter und übertragbarer Dispositionen, ein System von Mustern, die der Mensch internalisiert hat und die es ihm ermöglichen, beliebige Wahrnehmungen, Gedanken und auch Handlungen in einem kulturellen Raum zu erzeugen. (Bourdieu 1987).

5 Habitus Habitus ist das Produkt von sozialem und kulturellem Kapital Soziales Kapital die Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit der Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sein können. (Bourdieu 1983) Soziales Kapital stellt eine Verbindung zwischen Netzwerk- und Kapitaltheorie dar. Sozialkapital wird als Netzwerkphänomen angesehen. Es entsteht und vergeht innerhalb von sozialen Beziehungen. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe lässt sich als Ressource auffassen, die es einem Akteur ermöglicht, sowohl für sich selbst als auch für die Gruppenmitglieder positive Auswirkungen zu erzielen. (Bourdieu 1983).

6 Habitus ist das Produkt von sozialem und kulturellem Kapital Kulturelles Kapital Das kulturelle Kapital für Bourdieu die Bildung eines Menschen und er unterscheidet es in: Inkorporiertes kulturelles Kapital: Wissen, Fähigkeiten, Kenntnisse, Denk- und Handlungsschemata, Wertorientierungen, Verhaltensmerkmale, die von einer Person inkorporiert werden. Objektiviertes kulturelles Kapital: materiell übertragbares kulturelles Kapital in Form von juristischem Eigentum (z.b. Schriften, Gemälde, Instrumente, usw.) Institutionalisiertes kulturelles Kapital: das ist in Form von gesellschaftlich anerkannten Titeln objektiviertes inkorporiertes kulturelles Kapital.

7 Der Habitus und die von ihm geleitete Handlungsweisen, Einstellungen und Bewertungen tendieren dazu, sich die engere und weitere soziale Welt so einzurichten, bzw. so auszusuchen, dass diese charakteristischen Züge im alltäglichen Leben zur Geltung kommen. Die Gehalte und die Potentiale des Habitus bleiben in der Regel unbewusst: unbewusst in dem Sinne, dass das Individuum um die Herkunft und die Aneignung der Elemente des Habitus nicht mehr weißt. Der einmal einverleibte Habitus reagiert in nicht passenden Situationen träge: er tendiert ja eigentlich dazu, solche Umstände zu erhalten oder wiederzugewinnen, in denen er reibungslos funktionieren kann. ( Bourdieu Meditationen 1997)

8 Habitus und Körper Der Körper versteht sich bei Bourdieu als das Medium oder auch Instrument, mit dem Habitus erzeugt wird. Er nennt den Habitus das Körper gewordene Soziale Der Habitus ist in körperlichen Empfindungen und Gewohnheiten verankert. Er zeigt sich in: Körperhaltung, Bewegungsformen, Körperausdruck. Die klassenspezifischen Körperbilder entstehen durch klassenspezifische Ernährungsweisen, so dass der Körper die unwiderlegbarste Objektivierung des Klassengeschmacks darstellt. (Bourdieu 1979)

9 Einverleibung des Habitus Strukturen des Habitus werden entweder durch soziale Praxis oder durch pädagogische Konzepte und Felder übertragen. Die Inhalte des Habitus wie Höflichkeitsregeln, Vorschriften für die Körperhaltung Regeln für Benutzung von Esswerkzeuge werden pädagogisch vermittelt.

10 Habitus und Klasse Im Mittelpunkt steht für Bourdieu der soziale Raum und Unterschiede in diesem Raum. Kriterium für diese Unterschiede ist die Verfügung über ökonomisches und kulturelles Kapital. Die Formen der Ausprägung des Habitus haben einen sozialen Sinn. Sie zeigen einerseits - soziale Unterschiede, anderseits Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder einer Klasse und sind manifestiert in äußeren Erscheinungen in: Moralvorstellungen Ästhetischen Empfindungen Umgang mit Produkten der Kunstindustrie Geschmack

11 Habitus und Geschlecht Ein grundlegendes Strukturierungsprinzip der Gesellschaft ist die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Eine vergeschlechtliche Sicht der Welt lagert sich in unserem Habitus ein. Habitus ist durch eine soziale Praxis geprägt, die männlich und weiblich als polare Gegensätze konstruiert und klassifiziert.

12 Heinrich T., Kraftfahrzeugelektromechaniker Ursula T., Heimatarbeiterin Quelle: H. Koebel, M. Sack: Das deutsche Wohnzimmer

13 Egon F. Sozialhilfeempfänger, arbeitslos Quelle: H. Koebel, M. Sack: Das deutsche Wohnzimmer

14 Johann S. Rentner Quelle: H. Koebel, M. Sack: Das deutsche Wohnzimmer

15 Hans-Heinrich A., Landwirtschaftsmeister Maria A., Hausfrau Quelle: H. Koebel, M. Sack: Das deutsche Wohnzimmer

16 Dr. Michael T. Leitender Angestellter in der Industrie Christina T., Hausfrau Quelle: H. Koebel, M. Sack: Das deutsche Wohnzimmer

17 Günter G., Redakteur Gertraud G. Marktforscherin Quelle: H. Koebel, M. Sack: Das deutsche Wohnzimmer

18 Bildung und Bildungschancen Bildung ist die bewusste, planmäßige Entwicklung der natürlich vorhandenen geistigen Anlagen einer Person, insbesondere die Aneignung oder Vermittlung von Kenntnissen, Erkenntnissen und Erfahrungen. Auch der durch diese Entwicklung erreichte Zustand wird Bildung genannt. [ Artikel 26 (1) Jeder hat Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zumindest der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen allgemein verfügbar werden, und der Hochschulunterricht muss allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offen stehen. (3) Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll.

19 Bildung und Bildungschancen Geschlecht und Bildungschancen Bei der jüngeren Generation gibt es hinsichtlich des Bildungsgrades kaum noch Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Frauen gelten als die Gewinner der Bildungsexpansion. Sie haben die neu geschaffenen Bildungsmöglichkeiten überproportional genutzt. Seit 90er Jahre gehen prozentual weniger Frauen als Männer ohne abgeschlossene Berufsausbildung auf den Arbeitsmarkt.

20 Bildung und Bildungschancen Herkunft und Bildungschancen Die Bildungsexpansion hat zwar die Bildungschancen für alle Schichten erheblich erhöht, aber zu einer Umverteilung der Chancen, zu einem Abbau der Chancenunterschiede zwischen den Schichten ist es nur bei den mittleren Abschlüssen gekommen. Die Chancen auf eine höhere Ausbildung an Gymnasien und Universitäten sind dagegen nach wie vor sehr ungleich verteilt.

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