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1 KARGES, ROSEMARIE, LEHNER, ILSE M., WEGMANN, HEDWIG. Wenig Engagement in eigener Sache. Das Verhältnis sozialer Fachkräfte zu ihrer standespolitischen und gewerkschaftlichen Interessenvertretung ist entwicklungsbedürftig. In: Blätter der Wohlfahrtspflege 11+12/2001. S Wenig Engagement in eigener Sache. Das Verhältnis sozialer Fachkräfte zu ihrer standespolitischen und gewerkschaftlichen Interessenvertretung ist entwicklungsbedürftig Werden Veränderungen im Gesundheitswesen geplant, so konsultieren die politischen Mandatsträger dieses Landes zuvor stets die Ärzteschaft und deren berufständische Vertretungen. Fallen die Reformen nicht zur Zufriedenheit aus, dann ertönt, wie jüngst geschehen, lautstarker und medienwirksamer Protest. Welche Regierung holt aber vor geplanten sozialpolitischen Neuerungen die ExpertInnenmeinung von SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen oder deren Berufsverbände ein? Dabei bieten sie sich als Sachverständige geradezu an, da sie durch die Lebensumstände ihrer AdressatInnen täglich mit gesellschaftlichen Veränderungen und mit den Folgen der Umgestaltung der Arbeitsgesellschaft und des Umbaus des Sozialstaates konfrontiert werden. 1 Bisher nutzen SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen diese Kompetenz zu wenig, um sich als kompetente Gesprächspartnerinnen wirksam in die öffentliche Diskussion einzubringen. Die Angehörigen von sozialen Berufen melden sich wenig zu Wort, sie stehen im Ruf, EinzelkämpferInnen zu sein, die gegenüber Berufsverbänden und gewerkschaftlicher Interessenvertretung eher skeptisch sind. Dies gilt auch dann, wenn die Sparmaßnahmen im sozialen Bereich ein vernünftiges Arbeiten immer weiter erschweren. Um herauszufinden, wie SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen ihr eigenes Ansehen einschätzen und wie ihr Verhältnis zu Organisationen ist, die wichtige Anliegen der Sozialen Arbeit öffentlichkeitswirksam formulieren könnten, befragten wir im Rahmen eines Forschungsprojektes 2 von September 1998 bis Juni 1999 bundesweit 255 SozialarbeiterInnen und Sozialpädagoginnen. Dazu stellen wir im folgenden Teilaspekte der Forschungsergebnisse vor. Wie eine 1997 in Auftrag gegebene Studie des DBSH 3 eindrucksvoll beweist, genießen SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen aufgrund ihrer sozialen Tätigkeiten in der Bevölkerung hohes Ansehen. Die nachgewiesene positive Wertschätzung des Berufsstandes steht dabei im krassen Widerspruch zu der Eigenwahrnehmung von SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen, die nur zu 22,7% der Überzeugung sind, daß ihre Profession sehr bzw. ist (vgl. Abb. 1). 1 vgl. RAUSCHENBACH, T., Dienste am Menschen Motor oder Sand im Getriebe des Arbeitsmarktes? Die Rolle der Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberufe in einer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft. In: neue praxis 2/99, Neuwied, 1999a, S. 144; 2 KARGES, Rosemarie, LEHNER, Ilse M., WEGMANN, Hedwig, Forschungsprojekt: Beruflicher Alltag der Sozialen Arbeit zwischen dem Anspruch von SozialarbeiterInnen / SozialpädagogInnen und gesellschaftlichen Bedingtheiten. Katholische Fachhochschule Berlin, Köpenicker Allee Berlin. Tel.: /20/24/61. Fax: ; 3 DEUTSCHER BERUFSVERBAND FÜR SOZIALARBEIT, SOZIALPÄDAGOGIK UND HEILPÄDAGOGIK E.V. (DBSH) (Hg.), Die Zustimmung zur Sozialen Arbeit ist höher, als von der Politik vermutet. Erste Ergebnisse einer empirischen Befragung zum Stellenwert der Sozialarbeit in der Bevölkerung. O. O., o. J.;

2 2 Abb. 1: SozialarbeiterInnen / SozialpädagogInnen sind in unserer Gesellschaft Ihrer Meinung nach: n=243 57,2% 21,9% 13,2% 0,8% 4,1% 2,9% Sehr Angesehen Wenig Eher schlecht Schlecht Ich weiß nicht Besonders negativ wird das gesellschaftliche Ansehen ihres Berufes von SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen in den Alten Bundesländern eingeschätzt (vgl. Abb. 2). Nur 18,5% sind dort der Auffassung, ihr Beruf sei bzw. sehr. Ähnlich gering beurteilen Sozialarbeiter innen die gesellschaftliche Wertschätzung ihrer Profession (18,3%). Demgegenüber sind ihre männlichen Kollegen (30,1%) und immerhin ein Drittel (33,3%) der befragten SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen aus den Neuen Bundesländern davon überzeugt, daß die Angehörigen ihrer Berufsgruppe ein positives gesellschaftliches Ansehen genießen (vgl. Abb. 2). Die Mehrheit der SozialarbeiterInnen und Sozialpädagogen gehen jedoch davon aus, daß ihr Berufsstand in der Gesellschaft wenig, eher schlecht oder gar schlecht ist (vgl. Abb. 1 und 2).

3 3 Abb. 2: SozialarbeiterInnen / SozialpädagogInnen sind in unserer Gesellschaft Ihrer Meinung nach... Frauen Männer Alte Bundesländer Neue Bundesländer Sehr 0,0 2,7 0,6 1,6 Angesehen 18,3 27,4 17,9 31,7 Wenig 59,3 41,4 56,4 46,0 Eher schlecht 11,5 15,1 14,0 7,9 Schlecht 3,3 5,5 5,0 1,6 Ich weiß nicht 2,7 2,7 1,7 4,8 Keine Antwort 4,9 5,5 4,5 6,4 Gesamt 100% 100% 100% 100% Die Diskrepanz zwischen dem in der Studie des DBSH 4 nachgewiesenem hohen Ansehen in der Bevölkerung und der negativen Einschätzung der SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen erklärt sich zum Teil daraus, daß sich die öffentliche Anerkennung der beruflichen Tätigkeit von SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen nicht automatisch in eine Verbesserung der finanziellen und politischen Rahmenbedingungen bzw. in die Bereitstellung von finanziellen Mitteln für die Soziale Arbeit umsetzt. Hier erleben SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen im Gegenteil, daß immer weniger Ressourcen zu Verfügung stehen. Bei Überlegungen, wie die gesellschaftliche Akzeptanz und Anerkennung Sozialer Arbeit gesteigert werden kann, sprechen SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen auch ihrer standespolitischen und gewerkschaftlichen Interessenvertretung nur eine untergeordnete Bedeutung zu. Danach befragt, was erforderlich sei, um ihrem Beruf in der Öffentlichkeit zu einer höheren Anerkennung zu verhelfen, nennen 32,7% eine aktive Öffentlichkeitsarbeit und bessere Presse, 29,1% Professionalisierung und Reflexion der Sozialen Arbeit; 17,2% die politische Aufwertung der Sozialen Arbeit, 7,6% ein höheres Einkommen, aber nur 7,1% eine eigene berufliche Lobby. 5 Die Untersuchungsergebnisse zeigen ein widersprüchliches Bild. Einerseits sehen 47,1% der Befragten eine Schwachstelle ihres Berufs in der zu geringen beruflichen Interessenvertretung, 6 andererseits ist die Zahl derjenigen, die selbst Mitglied einer Gewerkschaft oder eines Berufsverbands sind, sehr niedrig. 4 DEUTSCHER BERUFSVERBAND FÜR SOZIALARBEIT, SOZIALPÄDAGOGIK UND HEILPÄDAGOGIK E.V. (DBSH) (Hg.), Die Zustimmung zur Sozialen Arbeit ist höher, als von der Politik vermutet. Erste Ergebnisse einer empirischen Befragung zum Stellenwert der Sozialarbeit in der Bevölkerung. O. O., o. J.; 5 KARGES, Rosemarie, LEHNER, Ilse M., WEGMANN, Hedwig, a. a. O., S. 36; 6 ebd. S. 22;

4 4 Abb. 3: Sind Sie gewerkschaftlich organisiert? Wenn ja, beteiligen Sie sich aktiv? n=255 Nein 67,5% Ja 32,5% Keine Beteiligung 73,5% Aktive Beteiligung 26,5% 32,5% der Befragten sind gewerkschaftlich organisiert (vgl. Abb. 3). Davon sind 20,8% bei Freien und 11,8% bei Öffentlichen Trägern beschäftigt. Es ist erstaunlich, daß der Organisationsgrad bei den Beschäftigten von Freien Trägern fast doppelt so hoch ist wie bei den MitarbeiterInnen von Öffentlichen Trägern, da tarifliche Vereinbarungen, die für den öffentlichen Dienst ausgehandelt werden, nicht automatisch und nicht immer im vollen Umfang von Freien Trägern übernommen werden. Von den organisierten SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen beteiligt sich etwas mehr als ein Viertel (26,5%) aktiv an gewerkschaftlichen Aktivitäten. Die Mehrheit ist in der ÖTV (21,6%) und ein kleinerer Teil der Befragten ist in der GEW (6,3%) organisiert. 67,5% der befragten SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Als Grund wird von 60,5% genannt, daß sie im bisherigen Verhalten der Gewerkschaften nichts Positives sehen, 28,0% nennt Zeitmangel. Nur 11,5% sehen generell nicht die Notwendigkeit einer gewerkschaftlichen Organisierung. Der Organisationsgrad fällt bei Berufsverbänden noch deutlich geringer aus als bei den Gewerkschaften (vgl. Abb. 4).

5 5 Abb. 4: Sind Sie Mitglied eines Berufsverbandes? Wenn ja, beteiligen Sie sich aktiv? Nein 95,5% Ja 4,5% Aktive Beteiligung 100,0% n=255 Nur 4,5% der befragten SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen sind Mitglieder eines Berufsverbandes. 2,5% sind im Deutschen Berufsverband für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Heilpädagogik e. V. (DBSH), 1,6% im Berufsverband der Motopäden und 0,4% im Berufsverband der Heil- und Sonderpädagogen organisiert. Bemerkenswert ist, daß sich die organisierten Mitglieder zu 100% aktiv an der Arbeit ihres Berufsverbandes beteiligen (vgl. Abb. 4). Als Gründe, nicht Mitglied eines Berufsverbands zu sein, werden genannt: Abb. 5: Gründe dafür, nicht Mitglied in einem Berufsverband zu sein: Ist mir nicht bekannt 32,9% Habe kein Interesse 26,3% Ich halte den DBSH eher für eine konservative Gruppe 13,2% Ich sitze in anderen Gremien und brauche meine Freizeit 11,8% Ich habe mich damit noch nicht beschäftigt 6,6% Der Mitgliedsbeitrag ist mir zu teuer 5,3% Der Berufsverband wird politisch nicht ernst genommen 4,0% n=76 (244)

6 6 Der soziale Wandel hat in den letzten Jahrzehnten zu einem enormen qualitativem als auch quantitativem Zuwachs sozialer Dienste und insbesondere Sozialer Arbeit geführt. Alleine zwischen 1950 und 1997 hat sich die Zahl der Erwerbstätigen im Sozialen Bereich im gesamten Bundesgebiet auf über eine Million erhöht. 7 Mehr als Zwei Drittel der Beschäftigten, die im Bereich der Sozialen Arbeit tätig sind, sind Frauen. 8 Nach Angaben des EU-Kommisars PÁDRAIG FLYNN 9, innerhalb der Europäischen Union bis 1999 zuständig für Beschäftigung, Arbeitsbeziehungen und soziale Angelegenheiten, wurde der Anteil an Arbeitsplätzen im sozialen Bereich 1996 europaweit bereits auf 4,5 Prozent bis 5,3 Prozent geschätzt, dies sind fast sieben Millionen Arbeitsplätze. Was können SozialarbeiterInnen und Sozialpädagogen selbst dazu beitragen um, dem enormen Bedeutungszuwachs ihrer Profession entsprechend, dem eigenen Berufsstand zu mehr Selbstbewußtsein zu verhelfen und dafür zu sorgen, daß die in der Bevölkerung vorhandene Anerkennung, die in der Studie des DBSH 10 nachgewiesen wurde, in Taten, d.h. in die Bereitstellung von finanziellen Mitteln für die Soziale Arbeit umgesetzt wird? Das professionelle Selbstverständnis der Sozialen Arbeit müßte sich dahin entwickeln, daß die berufliche Tätigkeit, aber auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Arbeit sowie die eigenen Interessen der Profession regelmäßig reflektiert werden. Dies ist gerade dann erforderlich, wenn aufgrund von Sparmaßnahmen die beruflichen Belastungen größer werden. Individuelles Engagement kann gesellschaftliche und strukturelle Rahmenbedingungen nicht verändern. Veränderungen, dies ist eine Binsenweisheit, erfolgen aber nicht von selbst. Soziale Arbeit muß sich deshalb eine eigene Lobby schaffen. Hier sind Gewerkschaften und Berufsverbände gefordert. Wenn, aus welchen Grün den auch immer, die bestehenden Gewerkschaften und Berufsverbände von der Mehrzahl der SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen derzeit nicht als geeignete Lobby gesehen werden, können selbstorganisierte Diskussions- und Aktions-Arbeitsgemeinschaften eine neue Plattform bilden. SozialarbeiterInnen und Sozialpädagogen engagieren sich als Teil ihrer beruflichen Tätigkeit in vielfältigen politischen Gremien (z. B. Gemeinderat, Bezirksverordnetenversammlung, Jugendhilfeausschuß). Dies bietet die Möglichkeit, dort nicht nur die Interessen der AdressatInnen Sozialer Arbeit, sondern auch eigene berufliche Interessen zu artikulieren und zu vertreten. Um den Berufsstand und die von SozialarbeiterInnen und Sozialpädagogen geleistete Arbeit stärker in das öffentliche Bewußtsein zu bringen, ist intensive 7 vgl. RAUSCHENBACH, T., Dienste am Menschen Motor oder Sand im Getriebe des Arbeitsmarktes? Die Rolle der Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberufe in einer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft. In: neue praxis 2/99, Neuwied, 1999, S. 138 ff.; 8 vgl. ebd., S. 135 ff.; 9 vgl. FLYNN, P., zitiert in: BUNDESMINISTERIUM FÜR FAMILIE, SENIOREN, FRAUEN UND JUGEND (Hg.). Organisationen, Initiativen und Dienste im sozialen Bereich ein Motor der Sozialpolitik in Europa. Dokumentation Internationale Konferenz im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft vom 19. bis 21. Mai 1999 in Aachen. Berlin, S. 10; 10 DEUTSCHER BERUFSVERBAND FÜR SOZIALARBEIT, SOZIALPÄDAGOGIK UND HEILPÄDAGOGIK E.V. (DBSH) (Hg.), a. a. O.;

7 7 Öffentlichkeitsarbeit unter Nutzung aller Medien (Lokalsender, Regionalpresseund Fernsehstationen, Internet, etc. ) notwendig. Die Lehrenden von Fachhochschulen für Sozialwesen sind gefordert, bereits in der Ausbildung Fragen der beruflichen Interessenvertretung zu thematisieren und sich gemeinsam mit den Studierenden der Sozialen Arbeit über den Sinn und Zweck von Gewerkschaften und Berufsverbänden auseinanderzusetzen. Dabei besteht die Gelegenheit, die eigene Ausbildungsstätte über die Ausbildung hinaus als weiteren Treffpunkt und zur eigenen Weiterbildung zu nutzen, um beispielsweise regionale AG s als eine Form der Selbsthilfe für die Berufsgruppe selbst fest zu installieren. Darüber hinaus müßten Gewerkschaften und Berufsverbände enger mit allen Fachhochschulen zusammenarbeiten und sich bemühen, entsprechend den Erfordernissen des Berufsstandes facettenreich zu agieren. Allerdings können Gewerkschaften und Berufsverbände immer nur so gut und aktiv sein, wie es ih re Mitglieder sind! Kontakt: Prof. Rosemarie Karges, Prof. Ilse M. Lehner, Hedwig Wegmann M.A. Katholische Fachhochschule Berlin Köpenicker Allee Berlin Tel.: 030/ / 20 / 24 / 61 Fax: 030/ /

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