Unnötig lange Wartezeiten: Viele Fachärzte arbeiten zu wenig für gesetzlich Krankenversicherte

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1 Information Ärzte-Befragung Unnötig lange Wartezeiten: Viele Fachärzte arbeiten zu wenig für gesetzlich Krankenversicherte AOK-Bundesverband Pressestelle Rosenthaler Straße Berlin Internet: Telefon: Telefax: In der Diskussion um das Versorgungsgesetz versucht die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die von den Versicherten erlebten Versorgungsdefizite wie zum Beispiel lange Wartezeiten auf Facharzttermine mit angeblichem Ärztemangel und unzureichender Honorierung zu erklären. Doch tatsächlich kommt es vor allem deshalb zu den erlebten Versorgungsdefiziten, weil viele Fachärzte zu wenig für gesetzlich Krankenversicherte arbeiten und dies von der KBV hingenommenen wird. Deshalb erleben die Versicherten trotz stark gestiegener Arztzahlen keine bessere Versorgung. Deshalb gibt es trotz steigender Arztzahlen, mehr Honorar und genügend ärztlichem Nachwuchs längere Wartezeiten und mancherorts das Risiko von Unterversorgung. Obwohl die Politik der KBV in den letzten Jahren alle Wünsche erfüllt hat mehr Ärzte, höhere Vergütung, ausreichender Nachwuchs, Steigerung der Attraktivität des Arztberufes, hat sich die medizinische Versorgung in den Augen der Bevölkerung und der Politik nicht deutlich verbessert. Laut einer aktuellen Studie der KBV erhielten im Jahr 2006 noch mehr als zwei Drittel der Patienten einen Termin innerhalb einer Woche. Doch bereits 20 Prozent der Patienten warten inzwischen mehr als drei Wochen auf einen Facharzttermin. Vor vier Jahren waren das elf Prozent. Damit hat sich dieses gravierende Versorgungsdefizit verdoppelt. Und die KBV hat dies nicht verhindert, obwohl sie vom Gesetzgeber den Sicherstellungsauftrag hat. In strukturschwachen Regionen wächst außerdem die Sorge darüber, ob die ambulante Versorgung künftig überhaupt noch funktionieren wird.

2 KBV und Bundesärztekammer verheddern sich in widersprüchlichen Erzählungen über die ärztliche Wochenarbeitszeit. Wie viele Arbeitsstunden leisten Ärzte in Deutschland wirklich? Angeblich soll das Pro-Kopf-Arbeitsvolumen aller berufstätigen Ärzte schrumpfen: Laut der aktuellen Studie zur Altersstruktur- und Arztzahlentwicklung (5. Auflage 2010) der KBV und der Bundesärztekammer (BÄK) hat sich das geleistete Arbeitsvolumen der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte seit 2000 um rund zehn Prozent auf mittlerweile 33,2 Wochenstunden reduziert. 1 Dieser Trend der Arbeitszeitverkürzung führe letztlich dazu, dass die Gesamtmenge der Arbeitszeit für Patienten nur dann nicht sinke, wenn immer mehr Ärzte berufstätig würden. Daher bedürfe es insbesondere weiterer vor allem finanzieller Anreize, um mehr Ärzte in die Versorgung zu bekommen. Im Widerspruch dazu erzählt der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Köhler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28. Februar 2011, dass Vertragsärzte im Durchschnitt 51 Stunden pro Woche arbeiten. Trifft diese letzte Aussage zu, muss insgesamt das Arbeitszeitvolumen der Vertragsärzteschaft aufgrund der erhöhten Vertragsarztzahl stark gestiegen sein. Dann ist jedoch die Erzählung von der sinkenden wöchentlichen Arbeitszeit pro Arzt eindeutig falsch, mit der KBV und BÄK die von den Versicherten erlebten Wartezeiten erklären wollen. Was ist der Grund dieser widersprüchlichen Erzählungen? Der durchschnittliche Reinertrag (Bruttoeinkommen) eines niedergelassenen Vertragsarztes liegt bei etwa Euro. Dies entspricht dem durchschnittlichen kalkulatorischen Arztlohn, der entsprechend dem Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) durch eine Wochenarbeitszeit von 51 Stunden für gesetzlich Krankenversicherte erzielt werden soll. Daher behauptet der KBV-Vorsitzende, dass die Ärzte im Schnitt 51 Stunden für die gesetzliche Krankenversicherung arbeiten.

3 Wie viel arbeiten deutsche Ärzte wirklich für gesetzlich Krankenversicherte? Die Ärzteumfrage Licht in die Wirrnisse der KBV und BÄK -Erzählungen über die Arbeitszeit der Ärzte für gesetzlich Krankenversicherte bringt eine aktuelle, repräsentative Umfrage des AOK-Bundesverbands. Danach zeigt sich, dass für die Versorgung von gesetzlich Versicherten und privat Versicherten sowie der Erbringung von Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) die deutschen Hausärzte im Durchschnitt (Median) insgesamt rund 60 Stunden pro Woche arbeiten, Fachärzte arbeiten dafür rund 50 Stunden pro Woche. Das ist viel Arbeitszeit. Aber für die gesetzlich Krankenversicherten arbeitet vor allem eine Mehrheit der Fachärzten eigenmächtig zu wenig. Bei den Hausärzten verteilen sich diese 60 Stunden wie folgt: 2 Behandlungsgeschehen o 60 Prozent für Behandlung von Kassenpatienten, o 14 Prozent für Behandlung von Privatpatienten und Erbringung von IGeL übriges Geschehen: o 15 Prozent für administrative Tätigkeiten (Abrechnungen, Praxisverwaltung) o 5 Prozent für Weiterbildung o 2,5 Prozent für sonstige Tätigkeiten Bei den Fachärzten verteilen sich die 50 Stunden wie folgt: Behandlungsgeschehen: o 60 Prozent für Behandlung von Kassenpatienten o 15 Prozent für Behandlung von Privatpatienten und Erbringung von IGeL übriges Geschehen: o 10 Prozent für administrative Tätigkeiten (Abrechnungen, Praxisverwaltung) o 5 Prozent Weiterbildung o 2 Prozent für sonstige Tätigkeiten

4 Das Verhältnis GKV-Behandlung und Privat bzw. IGeL beträgt also 4 zu1. Unter der plausiblen Voraussetzung, dass auch dieses Verhältnis bei administrativen Tätigkeiten und Weiterbildung besteht, kann man ableiten, dass für GKV-Versicherte etwas weniger als vier Fünftel der Arbeitszeit aufgewandt werden, also rund 80 Prozent. Die ver bleibende Arbeitszeit wird insbesondere für die Versorgung von Privatversicherten und Selbstzahler-Leistungen aufgewendet. Damit kommen Hausärzte im Durchschnitt mit rund 47 Arbeitsstunden pro Woche für gesetzlich Krankenversicherte nahe an die 51 Stunden pro Woche heran, für die sie von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Bei Fachärzten mit durchschnittlich rund 39 Stunden pro Woche Arbeitszeit für gesetzlich Krankenversicherte besteht dagegen ein viel größerer Unterschied zwischen den von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlten 51 Stunden Wochenarbeitszeit und den tatsächlich geleisteten ärztlichen Arbeitsstunden. Die Minderleistungen einer Mehrheit von Fachärzten fallen im Versorgungserleben den Patienten stärker auf als die große Gruppe der engagiert und viel arbeitenden Hausärzte und die Minderheit der ebenfalls im richtigen Umfang für GKV-Versicherte arbeitenden Fachärzte. Dieses Verhalten hat zur Folge, dass die gesetzlich Versicherten nicht die ärztlichen Arbeitsstunden bekommen für die sie bezahlt haben. Die finanziellen Dimensionen sind dabei durch aus relevant: Der Wert der bezahlten aber nicht erbrachten Zeit für die Versorgung der gesetz lich Versicherten liegt bei Fachärzten bei rund 3,1 Milliarden Euro (Abweichung bezahlte Stunden zu erbrachten Stunden: rund 23 Prozent, Basis 2009: Gesamthonorar 13,95 Milliarden Euro). 2 In der haus ärztlichen Versorgung (Abweichung rund acht Prozent) beträgt der Wert rund 900 Millionen Euro (Basis 2009: Gesamthonorar 11,22 Milliarden Euro). 4 Festzustellen ist also, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Kassenärztlichen Vereinigungen ihren gesetzlichen Auftrag zur Sicherstellung der Versorgung deshalb nicht vollständig erfüllen. Die Minderarbeit zeigt sich auch in Praxisschließungen zum Quartalsende. So hat jeder dritte Arzt in den letzten zwölf Monaten am Ende des Quartals sein Praxis für einige Tage (durchschnittlich fünf Arbeitstage) geschlossen. Über die Hälfte aller befragten Fachärzte hat sofern medizinisch unbedenklich Behandlungstermine aus finan-

5 ziellen Gründen bewusst auf den Anfang des nächsten Quartals verschoben. Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssen daher durchsetzen, dass die Ärzte auch die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlten Arbeitsstunden vollständig leisten. Die Auswertung der Arztbefragung finden Sie auf dem beiliegenden USB-Stick sowie ab Montag unter 1 Studie zur Altersstruktur- und Arztzahlentwicklung (5. Auflage 2010) S Prozentwerte sind alle Medianwerte um Verzerrungen durch Ausreißer zu vermeiden. Prozentwerte ergeben daher keine 100 Prozent. 3 Unterrichtung durch die Bundesregierung BT-Drs. 17/4000 S Unterrichtung durch die Bundesregierung BT-Drs. 17/4000 S. 11.

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