Viel Zukunft wenig Forschung

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1 Viel Zukunft wenig Forschung Zukunftsforschung auf dem Prüfstand* Reinhold Popp Natürlich interessiert mich die Zukunft. Ich will doch schließlich den Rest des Lebens in ihr verbringen. (Mark Twain) Zukunft zwischen Wissenschaft, Wahrsagern, Planern und Propheten Seit jeher ist die Zukunft eine Projektionsfläche für die Ängste, Hoffnungen und Pläne der Menschen. Zur Reduktion der Ängste, zur Bekräftigung der Hoffnungen und zur Optimierung der Planungskompetenz wurde in der Menschheitsgeschichte eine beachtliche Menge von Methoden entwickelt. So konkurrierten etwa im antiken Griechenland mehrere Standorte um das Image der größten Treffsicherheit am Orakelmarkt. Bis heute gilt Delphi als Synonym für den mystisch-magischen Typus der Vorausschau. Hinter den auf der Showbühne des Apollo-Tempels von Delphi orakelnden Priesterinnen agierte allerdings im Fall von politisch wichtigen Zukunftsfragen ein gut organisierter Apparat von Informanten und Experten, der mit Hilfe von scheinbar göttlich eingegebenen Vorhersagen Entscheidungen und Entwicklungen bewusst beeinflusste. Der französische Historiker Georges Minois spricht in diesem Zusammenhang von Futurokratie 1. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann sieht hier wohl nicht ganz zufällig Ähnlichkeiten zu herrschenden Praktiken internationaler Agenturen zur Politik- und Unternehmensberatung 2. Denn Orakel waren keine generalisier- * Dieser Text erscheint zeitgleich in leicht modifizierter Form in dem von R. Popp herausgegebenen Sammelband Zukunft und Wissenschaft. Wege und Irrwege der Zukunftsforschung (Berlin-Heidelberg). 1 Minois (1998), S Liessmann (2007), S. 30 1

2 FOCUS-Jahrbuch 2012 ten Aussagen über die Zukunft sondern Erfolgs- und Risikoabschätzungen für konkrete Unternehmungen 3. In vielen Kulturen profilierten sich Propheten mit ihren Warnungen vor den fürchterlichen Folgen der Missachtung der göttlichen Vorsehung. Vor allem in der christlich-jüdischen Tradition sind Prophezeiungen verbunden mit Warnungen vom Ende der Zeiten und vom Ende der Geschichte sowie mit Aufrufen zur Umkehr und mit der Aussicht auf Erlösung. Denkfiguren wie der Messianismus, die Hoffnung auf den Erlöser oder die Parusie, die Wiederkehr des Erlösers, gehören zum festen Arsenal prophetischer Gesten. Damit wird die Zeit in Hinblick auf die Zukunft hin strukturiert: Es wird etwas geschehen, es wird jemand kommen. Das Warten wird zur Erwartung, leben heißt, die Anzeichen des zukünftigen Untergangs oder des kommenden Erlösers schon jetzt zu erkennen. Seitdem wird Gegenwartsdiagnostik als Hermeneutik der Spuren des Zukünftigen im Hier und Jetzt betrieben. Die späten Nachfahren der biblischen Propheten, die die Zeichen des strafenden Gottes zu deuten wussten, sind die Trendscouts und Futurologen, die, meist in den Jugendkulturen, verzweifelt nach den Spuren der Zukunft suchen. 4 Strategen und Planer spielen seit Jahrtausenden zukünftige Bedrohungen und Gefahren sowie militärische und wirtschaftliche Chancen durch. Die zugehörige Logik brachte der altgriechische Feldherr Perikles ( vor Christus) auf den Punkt: Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorherzusagen, sondern auf die Zukunft vorbereitet zu sein. Dieses strategisch-planerische Erkenntnisinteresse führte seit jeher zur gedanklichen Strukturierung des in der jeweiligen historischen Epoche bekannten Wissens in Form von möglichen oder wahrscheinlichen zukünftigen Entwicklungen und entsprechenden Handlungsoptionen. Seit Jahrtausenden nutzen Kaufleute und Militärstrategen dieses zukunftsorientierte Denkwerkzeug, das seit der Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem zeitgeistigen Titel Szenariotechnik firmiert. Parallel zu diesen esoterischen, prophetischen und strategischen Ansätzen machte sich seit den Anfängen der abendländischen Philosophie auch die Wissenschaft Gedanken um die Zukunft. Besonders beliebt war die Methode, den Unzulänglichkeiten der real existierenden Gegenwart das Ideal einer besseren Zukunft gegenüberzustellen. Ein histo- 3 Ebd., S Ebd., S. 35 2

3 risch sehr frühes Beispiel für eine derartige Studie ist das Buch Politeia, in dem der große Denker Platon ( vor Christus) das Modell eines zukunftsfähigen Gemeinwesens skizzierte. An diesem Konzept orientierte sich auch der Theologe, Philosoph und Politiker Thomas Morus (1516), dem wir das berühmte Werk Utopia verdanken, oder auch der italienische Theologe und Philosoph Tomasso Campanella mit seinem Sonnenstaat (1643). Neben dieser philosophisch-utopischen Variante wissenschaftlicher Zukunftsstudien gab es offensichtlich seit der Antike ein beachtliches Interesse an der Berechenbarkeit der Zukunft. Dieses Interesse wurde bis weit in die Neuzeit vor allem durch die Astrologie befriedigt. Die Berechnung der Vorgänge am Sternenhimmel war ja in vielen Kulturen eine von Priestern ausgeübte Wissenschaft. Unter der freilich irrationalen Voraussetzung, dass es einen Zusammenhang zwischen den Bewegungen und Konstellationen der Gestirne und den Schicksalen der Menschen gibt, erscheinen letztere rational entschlüsselbar, da erstere mathematisch berechenbar sind. 5 (Inter-)disziplinäre Zukunftsforschung oder eigenständige Futurologie? Vom klassischen Altertum bis in unsere heutige Zeit manifestierten sich die unterschiedlichen Zugänge zur Zukunft in immer wieder neuen Ausprägungsformen. Seit Beginn der Neuzeit traten sowohl die wissenschaftlichen als auch die strategisch-planerischen Zugänge in den Vordergrund. Im Zuge der Ausdifferenzierung der Wissenschaften im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts fanden in den meisten Disziplinen auch intensive Auseinandersetzungen mit Zukunftsfragen statt. Bis heute wird der allergrößte Teil aller wissenschaftlich relevanten Zukunftsstudien in diesen disziplinären Kontexten oder in Form der interdisziplinären Kooperation von Forscherinnen und Forschern produziert. In den 1940er Jahren kam jedoch vereinzelt der Ruf nach einer eigenständigen Zukunftswissenschaft beziehungsweise Zukunftsforschung auf. So hatte etwa der deutsche Rechts- und Staatswissenschaftler Ossip K. Flechtheim bereits 1943 während seines Exils in den USA den Terminus Futurologie geprägt. 5 Liessmann (2007), S. 31. Ausführlich und vertiefend zur Geschichte der menschlichen Zukunftsbilder: Hölscher (1999), Minois (1998), Uerz (2006). 3

4 FOCUS-Jahrbuch 2012 Diese Idee einer neuen wissenschaftlichen Disziplin namens Futurologie beziehungsweise Zukunftswissenschaft blieb allerdings bis heute eine Utopie. Während also in den vergangenen sechs Jahrzehnten die Institutionalisierung der Zukunftswissenschaft nicht gelang, entstand in diesem Zeitraum eine Reihe von anderen neuen Wissenschaften, zum Beispiel: die Politikwissenschaft, die Sportwissenschaft oder die Ernährungswissenschaft. Dies lässt den Schluss zu, dass sich das Interesse einflussreicher wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder politischer Gruppen für die Entstehung der neuen Disziplin Zukunftswissenschaft in überschaubaren Grenzen hielt und hält. Denn die Gründung neuer Wissenschaften ist weniger eine wissenschaftstheoretische sondern vielmehr eine wissenschafts- und hochschulpolitische Frage. In den 1940er und 1950er Jahren wurden zukunftsorientierte Forschungsfragen überwiegend in Think Tanks mit einem engen Naheverhältnis zum militärischindustriellen Komplex (USA) beziehungsweise im Umfeld politischer Entscheidungsträger (Frankreich) bearbeitet. Die Ergebnisse dieser Art von zukunftsbezogener Forschung wurden in den meisten Fällen als militärische Geheimnisse oder als Betriebsgeheimnisse großer Konzerne betrachtet und daher nur selten publiziert. Erst in den 1960er und 1970er Jahren erlangte dieser Typus von Forschung, (Forecasting, Foresight, Prospective, ), der im deutschsprachigen Raum meist als Zukunftsforschung bezeichnet wurde, durch einige viel beachtete Publikationen sowohl in den USA als auch in Europa eine gewisse Popularität. Dabei stand in den USA die industriell-technologisch und militärstrategisch orientierte Zukunftsforschung im Vordergrund. In Europa ging es vor allem um die vorausschauende Forschung über die möglichen, wahrscheinlichen und wünschenswerten Entwicklungen von Lebensqualität und menschlichem Zusammenleben. Sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks blieb die Zukunftsforschung jedoch bis heute ein Minderheitenprogramm in der vielfältigen Forschungslandschaft. Im weltweiten Vergleich konnte sich die Community der Zukunftsforscher in den USA am stärksten entwickeln. Die World Future Society, eine Vereinigung von seriösen und weniger seriösen Zukunftsforschern und Zukunftsbera- 4

5 tern, wird deshalb auch von der US-amerikanischen Zukunftsforschung dominiert. 6 Zukunftsforschung mit dem Anspruch der wissenschaftlichen Prognostik In den Naturwissenschaften haben Prognosen im Hinblick auf Systeme mit geringer Komplexität und stabilen Rahmenbedingungen eine lange Tradition. So lässt sich etwa die zukünftige Umlaufbahn von Planeten langfristig vorhersagen. In den Human-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zeichnen sich die meisten Forschungsgegenstände jedoch durch einen außerordentlich hohen Grad an Komplexität aus. Außerdem müssen wir beim menschlichen Handeln mit zwei unberechenbaren Faktoren rechnen, mit der Freiheit und dem Zufall. 7 Die Dynamik psychosozialer Lernprozesse und soziokultureller beziehungsweise politischer Entwicklungen lässt sich nur begrenzt vorausberechnen und vorhersagen. Seit den 1930er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte sich in den USA auch in den unterschiedlichen Disziplinen der Human-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften die Methodik der statistischen Modellierung von Daten rasant weiter. Diese forschungsmethodische Innovation ermöglichte bei Vorliegen einer aussagekräftigen quantifizierbaren Datenbasis die einigermaßen verlässliche mathematische Fortschreibung der (wahrscheinlichen) Entwicklung von Systemen mit eher geringer Komplexität. Ab 1945 gewann diese empirisch-statistische Prognostik in Anbetracht der neuen Herausforderungen sowohl des militärisch-industriellen Komplexes als auch der Nachkriegspolitik der USA eine wachsende Bedeutung. Auf Grund der in der unmittelbaren Nachkriegszeit erforderlichen Planungsanstrengungen bei der Umstellung der Wirtschaft auf Friedensproduktion und des beginnenden Kalten Krieges erschien Zukunftsforschung ( ) als vielversprechendes (Hilfs-)Mittel zur Bewältigung technischer, sozialer, ökonomischer und militärstrategischer Wandlungs- und Erneuerungsprozesse. 8 6 Im vorliegenden Beitrag geht es vor allem um die Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum. Einen guten Überblick über den aktuellen Diskussionsstand in der deutschsprachigen Zukunftsforschung bietet der von Popp/ Schüll (2009) herausgegebene Sammelband. 7 Liessmann (2007), S Uerz (2006), S

6 FOCUS-Jahrbuch 2012 Auf diesem Hintergrund wurde 1946 an der University of Stanford das Stanford Research Institute (SRI) und 1948 die zunächst überwiegend militärstrategisch ausgerichtete RAND-Corporation gegründet. (RAND ist die Abkürzung für Research and Development.) In der Logik dieser Art von Zukunftsforschung wurde in den 1960er Jahren von Olaf Helmer im Rahmen der RAND-Corporation erstmals eine abgewandelte Form des klassischen Experteninterviews, die Delphi-Methode, für eine Long-Range Forecasting -Studie eingesetzt. 9 Die von den befragten Experten angenommenen zukünftigen technischen Möglichkeiten wurden von Helmer umstandslos als zukünftige Wirklichkeiten beschrieben, zum Beispiel: 1975: provisorische Mondbasis 1980: Wettersteuerung auf der Erde 1985: Rohstoffgewinnung auf dem Mond 1990: Forschungsstationen auf erdnahen Planeten 1995: weltweiter Flugverkehr auf ballistischen Bahnen 2000: Autobahnen für automatisches Fahren 2005: ständige Marsbasis 2010: Symbiose Mensch Maschine 2015: Medikamente zur Intelligenzsteigerung 2020: Umfliegen des Pluto 2025: intergalaktische Nachrichtenverbindung 2025: lang anhaltendes Koma, das lang dauernde Weltraumreisen erlaubt. 10 In den 1960er Jahren avancierte der Leiter des Hudson Institute, Herman Kahn, zum neuen Star der amerikanischen Zukunftsforschung. Ihm wird unter anderem die Erfindung des Begriffs Szenariotechnik zugeschrieben. 11 International bekannt wurde Kahn durch die 1967 gemeinsam mit seinem Co-Autor Antony Wiener publizierte Studie The Year 2000 (Deutsch: Ihr werdet es erleben. Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahr 2000 ). Viele der bis heute in diversen zukunftsorientierten Studien kolportierten Megatrends gehen auf den Bestseller von Kahn und Wiener zurück, etwa: nachindustrielle Gesellschaft, Dominanz der tertiären und quartären Berufe ( Dienstleistungsgesellschaft ), Wissensgesellschaft (beziehungsweise Lerngesellschaft ). 9 Ebd., S Vgl. Opaschowski (2009), S. 17 f. 11 Uerz (2007), S

7 Holger Rust 12 konnte jedoch nachweisen, dass diese Megatrends aus noch älteren Quellen stammen, auf die Kahn/Wiener zurückgriffen (zum Beispiel Bell 1963; Clark 1940; Fisher 1939, S ; Fourastié 1949 und 1955). Ein wesentlicher Teil der in der heutigen populärwissenschaftlichen Zukunftsliteratur spektakulär als neue Ergebnisse der Zukunftsforschung dargestellten Megatrends wurde also bereits vor sechs bis sieben Jahrzehnten viel weniger spektakulär als plausible gesellschaftliche Entwicklungstendenzen publiziert. Ab den 1970er Jahren profitierte die empirisch-statistisch orientierte Prognostik von der rasanten Verbesserung der Rechenleistung von Computern. Dies erweiterte die EDV-technischen Möglichkeiten der mathematisch-kybernetischen Simulation von Systemmodellen erheblich. Auf diesem Hintergrund wurde eine Reihe von Zukunftsstudien produziert, zum Beispiel der erste Bericht des Club of Rome. Kybernetische Prognostik am Beispiel des 1. Berichts des Club of Rome Die wohl berühmteste kybernetische Studie wurde 1972 von einem Forscher- Team des Massachusetts Institute of Technology MIT (Dennis Meadows, Donatella Meadows, Peter Milling, Erich Zahn) in Kooperation mit 70 Experten und Expertinnen aus 25 Ländern unter dem Titel The Limits to Growth (deutsch: Die Grenzen des Wachstums ) veröffentlicht. Diese Studie erschien als erster Bericht des Club of Rome 13. Mit Hilfe einer spieltheoretisch fundierten Computersimulation wurden globale Trendextrapolationen für die folgenden fünf Entwicklungsbereiche durchgerechnet: Bevölkerung, Kapital, Nahrungsmittel, Rohstoffvorräte, Umweltverschmutzung. Die von den MIT-Kybernetikern errechneten äußerst negativen Prognosen hatten eine stark alarmierende Wirkung auf viele Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft. Forschungsmethodisch betrachtet leidet die Studie Die Grenzen des Wachstums an dem unvermeidlichen Problem aller statistischen Kausalmodelle: In Anbetracht der Komplexität der psychischen, sozialen und politischen Dimension eines Forschungsgegenstands lassen sich die gesellschaftlichen und politischen 12 Rust (2008), S Ausführlicher dazu: Uerz (2006), S. 298 ff. 7

8 FOCUS-Jahrbuch 2012 Einflussmöglichkeiten trotz der permanent verbesserten Rechenleistungen moderner EDV-Systeme nicht mit der erforderlichen naturwissenschaftlichen Exaktheit erfassen, quantifizieren und berechnen. Mangels Berechenbarkeit wurde der gesellschaftliche und politische Faktor auch im Weltmodell der MIT-Kybernetiker nicht in die zukunftsorientierten Rechenmodelle einbezogen. Genau dieser Mangel wurde bereits kurz nach der Veröffentlichung der Studie von sozialwissenschaftlich fundierten Forscherinnen und Forscher scharf kritisiert. 14 Bereits ein Jahr vor Nussbaum und Senghaas hatte sich schon Robert Jungk zum 1. Bericht des Club of Rome kritisch geäußert. Er befürchtete, dass mit Hilfe derartiger Studien der Computer zum Orakel des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts avanciere und die dadurch forcierte Sachzwanglogik die soziale Phantasie und Gestaltungsbereitschaft der Menschen behindere. 15 Im deutschsprachigen Raum konnte sich eine empirisch-statistisch orientierte Ausprägungsform der zukunftsorientierten Forschung im Bereich der Sozialund Wirtschaftswissenschaften bisher vor allem in Form der Bevölkerungsprognosen der Demografie-Institute sowie der makroökonomischen Prognosen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute durchsetzen. In den Naturwissenschaften, unter anderem auch in der ökologischen Forschung, spielt dieser Typus von Prognostik eine deutlich größere Rolle. Die Experten und Expertinnen für demografische, ökonomische oder ökologische Prognostik ordnen sich selbst jedoch meist nicht der Zukunftsforschung zu, sondern definieren ihren fachlichen Standort im Bereich der jeweiligen Disziplinen. Politik, Wirtschaft und Medien setzen in die empirisch-statistische beziehungsweise kybernetische Prognostik hohe Erwartungen. Die Darstellung von prognostischen Aussagen in Form von Zahlen erweckt offensichtlich bei vielen Menschen, auch bei vielen Entscheidungsträgern, den Eindruck von Fakten. Sofern fundiertes wissenschaftliches Wissen über die Strukturen und Funktionen eines Forschungsgegenstands vorliegt, können die Ergebnisse kybernetischer Verfahren durchaus nützliche Beiträge für Zukunftsstudien leisten. Im 14 zum Beispiel Nussbaum (1974), S ; Senghaas (1974), S Ausführlicher zu diesem kritischen Diskurs Uerz (2009), S. 311 ff. 15 Uerz (2009), S. 312 f. 8

9 Falle von komplexen und dynamischen Systemen geraten jedoch derartige Verfahren sehr rasch an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. So gelang es etwa den großen Prognoseinstituten nicht, den Zusammenbruch des Ostblocks und der Planwirtschaft vorherzusagen. Beispiele für Fehlprognosen finden sich auch in jüngster Zeit; denn offensichtlich prognostizierte keines der großen Wirtschaftsforschungsinstitute die schwere Wirtschaftkrise von 2008/09. Aber vielleicht geht es bei Prognosen eigentlich gar nicht darum, tatsächliche Entwicklungen in der Zukunft beschreiben zu können, sondern um die Steuerung eines bestimmten gegenwärtigen Verhaltens durch die Beschwörung der Zukunft. 16 Vielleicht haben also Prognosen dieselbe Funktion wie Orakel: Entscheidend ist nicht, ob sie zutreffen, sondern dass sie Handlungen selektieren und legitimieren. Prognosen haben so einen impliziten normativen Charakter, sie sollen vor etwas warnen oder zu etwas bewegen, nicht selten mittels eines Sanktionspotenzials, das implizit in der Prognose enthalten ist. Da dem Trendforscher die Zukunft natürlich genauso verschlossen ist wie jedem anderen Sterblichen auch, prognostiziert er jene Trends, die sich seinem Weltbild nach durchsetzen sollten. Deshalb ist er immer auf Seiten der Zukunft, diejenigen, die seine Prognosen durchkreuzen könnten die Zukunftsverweigerer müssen noch zur Räson gebracht werden, damit Zukunft geschieht. 17 Zukunftsforschung mit dem Anspruch der Zukunftsgestaltung In den deutschsprachigen Raum gelangte die Information über die Existenz der großen und einflussreichen US-amerikanischen Think Tanks für Zukunftsfragen erst durch den Journalisten Robert Jungk, der nach einer Studienreise in die Vereinigten Staaten von Amerika 1952 ein viel beachtetes Buch veröffentlichte: Die Zukunft hat schon begonnen. Amerikas Allmacht und Ohnmacht. Jungk selbst war weniger an der Entwicklung der Zukunftsforschung interessiert sondern engagierte sich vielmehr für die Demokratisierung der Zukunftsvorbereitung und -planung, wozu er eine Vielzahl von populärwissenschaftlichen Büchern und Artikeln veröffentlichte, das Moderationsverfahren der Zukunftswerkstatt (gemeinsam mit Norbert Müllert) konzipierte und in Wien das Institut für Zukunftsfragen gründete. 16 Liessmann (2007), S Ebd. 9

10 FOCUS-Jahrbuch 2012 Nach diesem österreichischen Vorbild baute Jungk 1967 die deutsche Gesellschaft für Zukunftsfragen (Duisburg) auf, die sich mit den Wissenschaftlern Karl Steinbuch, Helmut Klages und Ossip K. Flechtheim stärker wissenschaftlich orientierte und an der Entwicklung einer sozial und ökologisch engagierten Zukunftsforschung arbeitete. 18 Diese Tradition wird in der deutschsprachigen Zukunftsforschung von einigen außeruniversitären Instituten bis heute fortgeführt, zum Beispiel vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin, das vom Doyen der Zukunftsforschung des deutschsprachigen Raums, Rolf Kreibich, geleitet wird. Die zentralen Begriffe dieser Ausprägungsform der Zukunftsforschung lauten nachhaltige Entwicklung beziehungsweise synonym zukunftsfähige Entwicklung. Der Begriff Zukunftsforschung wird in dieser Szene meist in enger Verknüpfung mit dem Begriff Zukunftsgestaltung verwendet. Soziales und ökologisches Engagement ist selbstverständlich kein grundsätzlicher Widerspruch zu seriöser Forschung. Allerdings darf die Grenze zwischen dem Forschungsanteil und dem Praxisanteil nicht verschwimmen. Diese Grenzziehung erfolgt in der politisch und zivilgesellschaftlich engagierten Zukunftsforschung nicht immer mit der nötigen Sorgfalt. Vielleicht sollte auch der Begriff Zukunftsgestaltung kritisch hinterfragt werden. Denn Zukunft lässt sich streng genommen nicht gestalten sondern nur vorbereiten und planen. Exkurs: Gestaltungsorientierte Zukunftsforschung in Frankreich und den Niederlanden Weniger mit Bezug auf das Nachhaltigkeitsthema jedoch ebenso mit einem ausgeprägten Gestaltungsanspruch, entwickelte sich die Zukunftsforschung in Frankreich. Die mit dem Begriff Prospective bezeichneten spezifischen Ansätze der französischen Zukunftsforschung gehen auf den Philosophen Gaston Berger und den Sozialwissenschaftler Bertrand de Jouvenel zurück. Der Ökonom und Statistiker Michel Godet (1997) versuchte, den eher auf qualitative Forschungsmethoden und kreative Diskursprozesse bezogenen Konzepten von Berger und Jouvenel eine stärker quantitative Note zu geben. Einen ähnlich gestaltungsorientierten und diskursiven Ansatz wie Bertrand de Jouvenel im Frankreich der 1960er Jahre vertrat in den Niederlanden Fred Po- 18 Uerz (2006), S

11 lak (1961), der im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit der Zukunft den intuitiven und kreativen Methoden einen hohen Stellenwert einräumte. 19 Corporate Foresight: strategische Zukunftsplanung in Unternehmen Corporate Foresight 20 versteht sich als zukunftsorientierter Kommunikationsund Planungsprozess im Innenverhältnis von Wirtschaftsunternehmen. In diesem Prozess spielt der Anspruch der Früherkennung von schwachen Signalen für mittel- bis langfristig zu erwartende Veränderungen und der damit verbundenen zukünftigen Chancen und Gefahren eine wesentliche Rolle. 21 Das Konzept der weak signals wurde übrigens ursprünglich vom US-amerikanischen Mathematiker und Managementtheoretiker Igor Ansoff (1976) durchaus theoriegeleitet konzipiert. Die Ergebnisse von Corporate-Foresight-Prozessen dienen vor allem der unternehmensinternen Entscheidungsvorbereitung und werden in der Regel nicht veröffentlicht. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Prozessen und Produkten von Corporate Foresight ist deshalb nicht möglich. 22 Zukunftsorientierte Unternehmens- und Politikberatung: Zukunftsforschung oder Zukunftsmanagement? Da Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum an den Universitäten beziehungsweise Hochschulen und in den großen Forschungsgesellschaften nur marginal vorkommt, füllen mehrere kleine Unternehmen für zukunftsorientierte Unternehmens- und Politikberatung (zum Beispiel Z-Punkt ) die akademische Lücke. Seriöse zukunftsorientierte Beratung als Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis ist aus wissenschaftlicher Sicht durchaus wünschenswert, sofern die Schnitt- oder Nahtstelle zwischen Forschung und Beratung deutlich gemacht wird. Problematisch wird dieses zukunftsorientierte Beratungsgeschäft dann, wenn es umstandslos als Zukunftsforschung tituliert wird, ohne die Anforderungen an 19 Zum Stand der Zukunftsforschung in Europa: Steinmüller/Kreibich/Zöpel (2000) 20 Burmeister/Schulz-Montag (2009) 21 Zur Problematik dieser strategischen Frühaufklärung und der damit verbunden verzweifelten Suche mancher unternehmensinterner Zukunftsforscher nach schwachen Signalen siehe in Rust (2008), S. 75 ff. und 156 ff. 22 Bezüglich der im Rahmen von Corporate Foresight verwendeten Methoden siehe bei Schwarz (2009), S. 247 f. 11

12 FOCUS-Jahrbuch 2012 einen modernen Forschungsbetrieb erfüllen zu können. In Anbetracht der mangelnden Einbindung in das Diskurs- und Publikationssystem der Scientific Community und mangels interdisziplinärer Forschungsteams verkommt der Forschungsanspruch allzu rasch zum imagefördernden Marketingargument. Einige Autoren und Autorinnen aus der Beraterszene (zum Beispiel Burmeister/ Schulz-Montag 2009) verstehen ihre Dienstleistung der partizipativen Begleitung von betrieblichen Foresight- und Innovationsprozessen als Forschung. Dieses Selbstverständnis wäre durchaus möglich, sofern eine Verknüpfung mit Diskursen zur partizipativen Forschung im Kontext der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, etwa mit den Diskursen zu action research oder Handlungsforschung, sowie eine Einbindung in die Scientific Community nachvollziehbar wären. 23 Sofern der Bezug zum Wissenschaftssystem nicht gegeben ist, sollte auf den Forschungsanspruch verzichtet werden. Die meisten Verfahren, die in der zukunftsorientierten Beraterszene als Forschungsmethoden gelten, sind genau genommen Kreativitäts- und Moderationstechniken, etwa: Brainstorming, Brainwriting, Collective Notebook, Rollenspiel, Zukunftswerkstatt, Zukunftskonferenz. In die Kategorie der Kreativitäts- und Moderationstechniken ist auch der morphologische Kasten samt der Software MICMAC (Lipsor) einzuordnen. Dieses von dem französischen Zukunftsforscher Michel Godet, auf der Basis des Morphologie-Konzepts des Schweizer Astrophysikers Fritz Zwicky entwickelte Denkwerkzeug nutzt das Funktionsprinzip einer Matrix zur Entdeckung und Bewertung von Wirk-Zusammenhängen in komplexen und vernetzten Systemen. Der morphologische Kasten ist ein durchaus nützliches aktivierendes Instrument in einem moderierten zukunftsbezogenen Workshop, jedoch keine Forschungsmethode. Vergleichbare Verfahren sind auch die von den US-amerikanischen Forecasting-Experten Theodore Gordon und Olaf Helmer entwickelte Cross- Impact-Analyse oder der vom deutschen Biokybernetiker Frederic Vester konzipierte Papiercomputer. Derartige Kreativitätstechniken sind zwar keine Forschungsmethoden, verbessern jedoch die Planungskompetenz der Kunden und erfüllen so eine wichtige didaktische Funktion im Kontext von Strategie-Entwicklungsprozessen. 23 Siehe dazu Popp (2009): partizipative ; vertiefend: Altrichter/Feindt (2004); Moser (1995 und 2008); Unger/ Block/Wright (2007) 12

13 Aus wissenschaftlicher Sicht stellt sich die Frage, warum die zukunftsorientierten Unternehmens- und Politikberater ihre Dienstleistung nicht mit dem viel passenderen Begriff Zukunftsmanagement bezeichnen. Unter diesem Titel beschreiben etwa Fink/Siebe (2006) jene Techniken, die von vielen zukunftsorientierten Beratern für Methoden der Zukunftsforschung gehalten werden, als Werkzeuge der strategischen Planung. Diese Überlegungen im Spannungsfeld zwischen Forschung und Planung sollen am Beispiel der Szenariotechnik, die häufig (fälschlich) als Methode der Zukunftsforschung präsentiert wird, vertieft werden. Exkurs: Szenariotechnik Forschungsmethode oder planungsbezogenes Wissensmanagement? Die in der Zukunftsforschung sehr beliebte Szenariotechnik ist genau genommen gar keine Forschungsmethode sondern ein aus den militärischen Planspielen abgeleitetes Verfahren des strategischen Wissensmanagements. Denn die Szenariotechnik dient weniger der Generierung von neuem Wissen sondern vor allem der übersichtlichen Strukturierung und Darstellung von vorhandenem Wissen über zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten. Die Zuordnung dieser zukunftsbezogenen Wissensbestände zu den einzelnen Szenariosträngen bezieht sich meist auf die Vorbereitung von Entscheidungen im Rahmen von strategischen Planungsprozessen in der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft oder im politisch-administrativen System. 24 Die Logik des Szenariokonzepts entspricht dem Verständnis von Zukunft als Zeit vieler Möglichkeiten. Dabei wird die Vielzahl der Entwicklungsmöglichkeiten vereinfacht in Form von drei bis vier besonders gut unterscheidbaren Entwicklungssträngen zusammengefasst. Die vergleichende Gegenüberstellung der wichtigsten Szenariostränge mit all ihren Vor- und Nachteilen sowie Chancen und Gefahren ermöglicht eine gute Orientierung für zukunftsorientierte Entscheidungen. Der als besonders unwahrscheinlich eingeschätzte Entwicklungsstrang wird gelegentlich als Wild Card bezeichnet. 25 Die einzelnen Szenariostränge werden möglichst konkret und bildhaft ausformuliert. Somit ist die Formulierung der Szenarien weniger eine wissenschaftliche sondern vielmehr eine literarische Leistung. 24 Dazu u. a.: Pillkahn (2007), Wilms (2006) 25 vgl. Steinmüller/Steinmüller (2004) 13

14 FOCUS-Jahrbuch 2012 Die Szenariotechnik ist also keine Forschungsmethode, hat jedoch sehr wohl einen engen Bezug zur Wissenschaft. Denn das in einem guten Szenarioprozess realisierte zukunftsbezogene Wissensmanagement ist auf umfassendes theoriegeleitetes Wissen über die Strukturen und Funktionen des jeweiligen Planungsgegenstands angewiesen. Eine derartige wissenschaftliche Fundierung gelingt in der Regel nur dann, wenn zukunftsorientierte Berater mit interdisziplinär zusammengesetzten Expertenteams kooperieren. Dies ist allerdings im Wirkungsbereich der zukunftsorientierten Unternehmens- und Politikberatung außerordentlich selten. Wenn jedoch die Datenzuordnung überwiegend alltagslogisch erfolgt, ist ein Szenario wissenschaftlich wertlos und in Anbetracht des großen Zeitaufwands mit Blick auf die Kosten-Nutzen-Relation nicht zielführend. Öffentliche Zukunfts-Wissenschaft zwischen Forschung und Feuilleton Öffentliche Wissenschaft mit Bezug zu Zukunftsfragen hat eine lange Tradition. So publizierte etwa der englische Autor Herbert G. Wells an der Grenze zwischen Wissenschaftsjournalismus und Science Fiction bereits 1902 eine Sammlung von Artikeln unter dem Titel Ausblicke auf die Folgen des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts für Leben und Denken des Menschen erschien der vom deutschen Wissenschaftsjournalisten Arthur Brehmers herausgegebene Sammelband Die Welt in hundert Jahren, der übrigens 2010 neu aufgelegt wurde und interessante Einblicke in die vor einem Jahrhundert konstruierten Zukunftsbilder gewährt. In jüngerer Zeit gibt es im Angebot der Wissenschaftsverlage eine ganze Reihe von Werken, in denen renommierte Wissenschaftler wichtige Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis in einem allgemein verständlichen Sprachstil ( Öffentliche Wissenschaft ) behandeln, zum Beispiel Der moderne Mensch und seine Zukunft (Erich Fromm), Clash of Civilizations (Samuel Philips Huntington), Risikogesellschaft (Ulrich Beck), Erlebnisgesellschaft (Gerhard Schulze), Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Karl Popper), Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft (Jeremy Rifkin), Das Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch), Jenseits von Links und Rechts. Die Zukunft radikaler Demokratie (Anthony Giddens), Deutschland 2030 (Horst W. Opaschowski). 14

15 Manche dieser Bücher wurden sogar Bestseller. Die Autoren gehen meist von komplexeren wissenschaftlichen Theorien über die Strukturen und Funktionen von Psyche, Gesellschaft, Wirtschaft oder Politik aus und leiten aus diesen abstrakten Konzepten Überlegungen für das Leben in der Gegenwart und für die Vorbereitung auf die Zukunft ab. Diese Bestsellerautoren entwickelten ihre wissenschaftliche Expertise nachvollziehbar im Kontext von Universitäten oder anerkannten außeruniversitären Forschungsinstituten; waren in den Diskurs der Scientific Community eingebunden und produzierten sowohl ihre wissenschaftlichen Studien als auch ihre populärwissenschaftlichen Bücher und Artikel auf der Basis eigenständiger empirischer Untersuchungen beziehungsweise normativer Argumentationslinien. Auf diesem akademischen Hintergrund erfüllt auch Öffentliche Wissenschaft eine wichtige wissenschaftliche Funktion im Hinblick auf die Popularisierung von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Publikationen, die sich vor allem an eine kleine Schar von Forschern in der jeweiligen Scientific Community wenden, können allerdings die Adressaten der öffentlichen Wissenschaft die wissenschaftliche Qualität der Veröffentlichungen meist nicht beurteilen. Dies animiert offensichtlich zur scheinwissenschaftlichen Nachahmung wissenschaftlicher Erfolgsautoren, nicht zuletzt auch bei den für die Medien besonders interessanten Zukunftsthemen. Trend-Gurus als Trittbrettfahrer zukunftsorientierter Forschung Bei den Nachahmern der oben angeführten wissenschaftlich ausgewiesenen Forscherpersönlichkeiten fehlt in den meisten Fällen sowohl eine vergleichbare wissenschaftliche Sozialisation als auch die Einbindung in die Scientific Community und damit auch das qualitätssichernde wissenschaftliche Korrektiv. Als medial sehr präsente Trittbrettfahrer des außerordentlich mühevollen Prozesses der wissenschaftlichen Wissensproduktion schmücken sie sich mit dem vertrauenerweckenden Forscher-Image, um ihren Marktwert als Berater, Vor- 15

16 FOCUS-Jahrbuch 2012 tragende und Sachbuchautoren zu steigern. Ohne selbst etwas zur Weiterentwicklung der (Zukunfts-)Forschung beizutragen, entnehmen sie einzelne besonders öffentlichkeitswirksame Versatzstücke aus seriösen wissenschaftlichen Studien oder Analysen. Um nicht missverstanden zu werden: Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es selbstverständlich nichts dagegen einzuwenden, wenn auch Nicht-Wissenschaftler ihre persönliche Meinung zu wichtigen Zukunftsfragen in Form von Vorträgen, Büchern oder Zeitungsinterviews veröffentlichen. Ihre Aussagen können durchaus sehr klug, sehr anregend, sehr unterhaltsam und literarisch sehr qualitätsvoll sein. Es ist jedoch eine Frage der Seriosität, den Erfahrungshintergrund solcher öffentlicher Meinungsäußerungen darzulegen. Wenn die Aussagen auf dem Hintergrund einer langjährigen Erfahrung als Berater, Manager oder Journalist getroffen werden, sollte dies ehrlich und offen kommuniziert werden. Diese Berufs- und Lebenserfahrung als Forschung umzudefinieren, ist jedoch einerseits eine nicht zutreffende Produktdeklaration gegenüber dem Konsumenten und schadet andererseits auch dem Ansehen der wirklichen Forschung und der echten Forscher. Die Serie der Versuche, mit scheinwissenschaftlichen Publikationen an die Erfolge wissenschaftlich fundierter Zukunftsforscher anzuschließen, begann mit Alvin Toffler, dessen Buch Future Shock (1971) weltweit immerhin sechs Millionen Mal (!) verkauft wurde. 26 Damit war ein neuer Typus von anekdotisch-journalistisch formulierter Zukunftsliteratur geboren, in der zukunftsorientierte Aussagen (Trends, Prognosen, Warnungen, ) zwar als Zukunftsforschung deklariert wurden, ohne jedoch die Regeln des wissenschaftlichen und vor allem theoriegeleiteten Arbeitens einzuhalten. Der wesentliche Unterschied zu Robert Jungk oder zu diversen Science-Fiction- Autoren besteht darin, dass deren Publikationen eben nicht unter dem Etikett Zukunftsforschung auf den Markt kamen, sondern wahrheitsgemäß als journalistische Sachbücher oder als Produkte des künstlerischen Schreibens. Der Erfolg Tofflers animierte John Naisbitt, der sich selbst vorerst als Trendforscher und später als Zukunftsforscher sah, zur Produktion seines unterhalt- 26 Rust (2008), S

17 samen, aber keineswegs wissenschaftlich fundierten Bestsellers Megatrends (1982). Mit Blick auf die beeindruckenden Verkaufszahlen von Toffler und Naisbitt ernannte sich auch die PR-Expertin Faith Popkorn (die eigentlich F. Plotkin hieß) selbst zur Trend- beziehungsweise Zukunftsforscherin und gab 1991 erstmals den legendären, jedoch wissenschaftsfernen Popcorn-Report heraus. Seit Anfang der 1990er Jahre werden die Erfolgsrezepte der US-amerikanischen Trend-Gurus von einer wachsenden Zahl selbsternannter Zukunftsexperten und Expertinnen auch im deutschsprachigen Raum mehr oder weniger erfolgreich nachgeahmt. Eine fundierte Kritik an dieser modernen Wahrsager-Szene findet sich in Rust 2008 und Die Tricks der Trend-Gurus Der Erfolg der Trend-Gurus, die sich selbst häufig als Zukunftsforscher titulieren, beruht auf einigen wenigen Tricks: Trick Nr. 1: Die Welt wird immer besser Die Trend-Gurus blenden soziale Konflikte und Probleme weitgehend aus und denunzieren sie als panische Haltung der Zukunft gegenüber beziehungsweise als Zukunfts-Aids und Alarmismus. Diese scharfe Kritik formuliert der Erziehungswissenschaftler und Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski in seinem Buch Deutschland unter der Überschrift Falsche Propheten. Gesellschaftliche Widersprüche, komplizierte Zusammenhänge und ambivalente Entwicklungstendenzen stören den radikalen Zukunftsoptimismus (Horx 2007). Trick Nr. 2: Ganzheitlichkeit statt Interdisziplinarität Ähnlich wie Astrologen, Kartenleger, Wahrsager und Wunderheiler verwenden die Trend-Gurus gerne den Begriff der Ganzheit, der dem in Disziplinen zersplitterten modernen Wissensbetrieb anscheinend verloren gegangen sei. Statt durch die mühsame interdisziplinäre Kooperation von wissenschaftlich ausgewiesenen Experten und Expertinnen aus mehreren Disziplinen entstehen die universalwissenschaftlichen (beziehungsweise in Wahrheit unwissenschaftlichen) 27 Opaschowski (2008), S

18 FOCUS-Jahrbuch 2012 Ganzheitslösungen für alle möglichen Zukunftsfragen im Kopf des einzelnen Guru. 28 Trick Nr. 3: Abwertung der traditionellen Wissenschaft Trend-Gurus bieten sich ihren Auftraggebern mit ihren simplen Ad-hoc-Erklärungen auf der Basis von Alltags- und Erfahrungswissen als die besseren Wissenschaftler an. Zu diesem Zweck müssen die seriösen Ausprägungsformen der Wissenschaft insbesondere der Sozialwissenschaften mit ihren eher komplizierten theoriegeleiteten Analysen abgewertet werden. Der Soziologie- Professor Holger Rust 29 belegt dies mit Hilfe vieler Zitate von prominenten Vertretern der Trendszene. Die von den Trend-Gurus propagierten Methoden finden sich zwar in keinem ernsthaften Handbuch für Forschungsmethodik, beeindrucken aber den wissenschaftlich unbedarften Leser beziehungsweise Zuhörer durch geheimnisvolle Bezeichnungen wie zum Beispiel Field Anomaly Relaxation, Horizon Scanning oder Visioning. Die wichtigste Methode der Trendszene nennt sich Mind-Set. Hinter diesem Begriff verbirgt sich genau genommen nichts anderes als die Lektüre von Zeitungen, Zeitschriften und Internettexten. In den wissenschaftsfernen Zukunftsinstituten der Trend-Gurus werden diese Massenmedien für das global operierende Forschungszentrum gehalten, wie dies etwa Naisbitt 30 unumwunden zugibt. Trick Nr. 4: Mystisch-magisches Seher-Image Experten und Expertinnen, die sich mit Zukunftsfragen beschäftigen, werden in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung latent mystisch-magische Seher- Qualitäten zugeschrieben. Wissenschaftlich fundierte Forscherinnen und Forscher distanzieren sich von dieser Zuschreibung. Trend-Gurus kultivieren jedoch dieses Image auf subtile Weise, etwa durch die Verwendung von Begriffen wie Zukunftsradar. Die Botschaft an die Kunden ist klar: Wer die Fähigkeit besitzt, Signale aus der Zukunft zu empfangen, kann bereits in der Gegenwart die Chancen und Gefahren für Wirtschaft und Politik besser erkennen. 28 siehe dazu ausführlicher: Rust (2008), S. 90 ff. 29 ebd., S. 99 ff. 30 Naisbitt (2007), S

19 Für Marketingzwecke kann es durchaus nützlich sein, die exklusive Verfügung über Zukunftswissen als Alleinstellungsmerkmal darzustellen. Wissenschaftlich seriös ist die Kultivierung dieser Illusion sicher nicht! Aber auch konsumentenrechtlich betrachtet ist dieses offen oder latent kommunizierte Leistungsziel bedenklich, da es sich um die Vorspiegelung einer nicht erfüllbaren Leistung handelt. Trick Nr. 5: Naming Ein offensichtlich wirkungsvolles Erfolgsrezept der Trend-Gurus besteht auch in der Erfindung und Veröffentlichung von neuen Begriffen. Der bekannteste Kritiker der scheinwissenschaftlichen Trendforscher-Szene, Holger Rust, 31 hat einige dieser skurrilen Wortneuschöpfungen zusammengestellt: Groundworkers, High Skill Workers, Hobbyworkers, Freeployees, Selbstpreneure, Pleasure Parents, Cool Cats, Sex Gourmets, Tiger Ladies, Silver Grannys, Health-Hedonisten, Self- Designer, Work-Life-Venturists, Every-Day-Manager, CummuniTeens, Inbetweens, Young Globalists, Silverpreneure, Greyhopper, Latte-Macchiato-Familien, Bike Mania-Trend. Insbesondere für die Zeitgeistformate in den Print-, Bild- und Tonmedien signalisieren diese Neologismen den so dringend ersehnten Newswert. Das ungeklärte Verhältnis von Zukunftsforschung und Innovationsforschung Sowohl Zukunft als auch Innovation sind sehr schillernde Begriffe. Nicht nur in dieser Hinsicht ist Innovationsforschung mit der Zukunftsforschung verwandt. 32 Ein systematischer Diskurs zwischen Zukunftsforschung und Innovationsforschung fand bisher zumindest im deutschsprachigen Raum nicht statt. Im Bereich der technikwissenschaftlichen Forschung konnte sich im deutschsprachigen Raum der mit der sozial engagierten zukunftsorientierten Forschung verwandte Ansatz der Technikfolgenabschätzung (TA) auch im Wissenschaftssystem und an Hochschulen deutlich besser etablieren als die so genannte Zukunftsforschung Rust (2009), S Einen guten Überblick über wichtige Diskursstränge der Innovationsforschung bieten unter anderem folgende Publikationen: Blättel-Mink (2006); Hof/Engenroth (2010). 33 Siehe dazu ausführlicher: Zweck (2009) 19

20 FOCUS-Jahrbuch 2012 Experten und Expertinnen für Zukunftsforschung einerseits und für Technologiefolgenabschätzung andererseits bemühen sich zwar vereinzelt um einen produktiven Diskurs, eine systematische Klärung der Schnittmengen und Unterschiede zwischen diesen beiden Forschungsansätzen fand jedoch bisher nicht statt. Ähnliches gilt für die mit der Technologiefolgenabschätzung verwandte Risikoforschung. 34 In der Zukunftsforschung fehlt der wissenschaftstheoretische Diskurs Der Diskurs über Forschungsmethoden und -techniken lässt sich nicht von der Zugehörigkeit eines Forschers beziehungsweise einer Forscherin zu einer der großen wissenschaftlichen Denkschulen entkoppeln, zum Beispiel: Konstruktivismus, Positivismus, Kritischer Rationalismus, Pragmatismus, Kritische Theorie, erkenntnistheoretischer Anarchismus, Jede dieser Denkschulen vertritt ein spezifisches Konzept für die Möglichkeiten der menschlichen Erkenntnis und eine aus dieser Erkenntnistheorie abgeleitete Forschungslogik. In den unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Denkschulen geht es nicht nur um die Möglichkeiten und Wege der wissenschaftlichen Erkenntnis der Wirklichkeit sondern auch um die Schnitt- und Nahtstellen zwischen Forschung und Praxis. So herrscht etwa in den Denkschulen des Kritischen Rationalismus und des Neopositivismus die statische Variante der bloßen Übermittlung der Forschungsergebnisse an die Praxis vor. Denn der Verwertungszusammenhang ist nach Auffassung dieser Forschungslogiken nicht mehr die Aufgabe der Forschung. In der Kritischen Theorie ist die Begegnung mit der Praxis von einem emanzipatorischen Erkenntnisinteresse und vom Anspruch der Aufklärung geprägt. Im Pragmatismus steht die gesellschaftliche Nützlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse im Vordergrund. In der (deutschsprachigen) Literatur zur Zukunftsforschung haben wissenschaftstheoretische Diskurse Seltenheitswert. 34 Beispielhaft siehe dazu: Renn (2009) 20

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