Louis Toujours! Geschichte(n) von Ludwig XIV (4)

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1 SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE SWR2 Musikstunde Louis Toujours! Geschichte(n) von Ludwig XIV (4) Francois Couperin schaut zu Von Katharina Eickhoff Sendung: Donnerstag 09. Juli Uhr Redaktion: Bettina Winkler Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Musik sind beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden für 12,50 erhältlich. Bestellungen über Telefon: 07221/ Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de 1

2 Musikstunde mit Katharina Eickhoff Louis Toujours! Geschichte(n) von Ludwig XIV. Teil IV: Francois Couperin schaut zu Indikativ Wenn man heute, den Audioguide im Ohr, durch die großen und kleinen Appartements von Versailles, den Spiegelsaal und die Gärten streift und versucht, einen Hauch vom wahren Leben zu Ludwigs Zeiten zu erhaschen, stellt man schnell fest, dass das unmöglich ist - trotz aller Bemühungen kreativer Museumspädagogen ist das Leben aus Versailles entwichen. Und auch wenn sich jetzt Touristengruppen aus der ganzen Welt und all die immer so erstaunlich wohlerzogenen französischen Schulklassen dort drängeln man bekommt einfach kein richtiges Gefühl dafür, wie es wohl damals gewesen ist, als Versailles schon einmal so voller Menschen, vermutlich noch viel voller war. Zu Ludwigs des 14. Zeiten durfte jeder, der einen Degen und einen Hut besaß, dort in den öffentlichen Bereichen herumlungern, und zusammen mit dem Hofstaat und den Bediensteten ergab das regelmäßig ein derartiges Menschenknäuel, dass der Sonnenkönig vermutlich eher selten auch nur seine gegenüberliegende Wand gesehen hat. Mehrere Zehntausend Menschen arbeiten damals ständig in und an Versailles, und mehrere Tausend wohnen auch dort. Neben der Königsfamilie und ihren ungezählten Angestellten sind das die adligen Höflinge, denen mit einem raffinierten Wohn- 2

3 Ranking ihr Platz zugewiesen wird: je wichtiger einer ist, desto besser beheizbar ist sein Appartement ein bedeutendes Privileg in diesem zugigsten aller Schlösser...In diesen Appartements also versammelt der König die Hocharistokratie Frankreichs um sich nicht, weil er sie so liebt, sondern weil er ihr misstraut, wir sprachen schon davon diese Woche. Aber von all diesen vielen Menschen, ihren Ausdünstungen und Stimmen, ihren falschen und wahren Gefühlen, ist nichts geblieben. Die Revolution und alles, was danach kam, hat das Leben aus Versailles abfließen lassen, und zurückgeblieben ist nur diese schier überbordenden Menge von Porträts,- überall diese Leute, in Al-Fresco-Manier auf Wände gebannt, in Öl gemalt oder als Büsten verewigt, unübersichtliche Mengen von irgendwie den Bourbonen verbundenen Damen, Herren und Kindern, umwölkt von Stoffen und hochgetürmten Haaren und mit vielsagenden Handhaltungen, die in der Geheimsprache der Herrscherbilder immer irgend etwas bedeuten, das uns heute nichts mehr zu sagen hat, und kostümiert in den verschiedensten Rollen: Antike Feldherren, Jagdgöttinnen, Sonne, Mond und Sterne...Alle diese Gemälde sind beeindruckend und prächtig, aber sie erzählen nicht die Wahrheit. Sie sprechen vielmehr davon, wie die Portraitierten gesehen zu werden wünschten, oder wie eine von uns heute nicht mehr zu verstehende Hofetikette sie dargestellt sehen wollte. Wir sehen also in diesen Gemälden nur die vagen Schatten der realen Menschen, die sie einst gewesen sind. Lauter Platon sche Höhlengleichnisse in Öl und Pastell. Aber wir haben ja Francois Couperin. 3

4 CD T Francois Couperin, Ritratto dell amore, Le je-ne-scay-quoy Trio Sonnerie Harmonia Mundi HMU Die Mitglieder der Familie Couperin sind sowas wie die Bachs Frankreichs es gab einige Couperins, alle waren hervorragende Musiker, aber einer hat dann alle Anverwandten in die Tasche gesteckt. Bach übrigens, also Johann Sebastian, hat Couperin, also Francois, sehr geschätzt, es gab sogar einen ausführlichen Briefwechsel zwischen den beiden, der aber verlorengegangen ist, angeblich hat man bei Couperins irgendwann Marmeladengläser damit abgedichtet... Urahnen der Couperin-Dynastie sind drei Brüder, die Mitte des 17. Jahrhunderts im südöstlich von Paris gelegenen Chaume von Jacques de Chambonnières, dem königlichen Hofcembalisten, entdeckt und bei Hof vorgestellt werden. Louis, einer der Brüder, wird dann Organist an der Pariser Kirche St. Gervais, ein Posten, den die Couperins von da an sozusagen in Erbpacht untereinander weitergegeben haben, als Louis Bruder Charles stirbt, wird dessen achtzehnjähriger Sohn Francois Nachfolger. Das erstaunliche Können dieses Organisten spricht sich bis zum Hof herum, und Ludwig persönlich, immer auf der Suche nach den besten Musikern im Lande, holt Francois Couperin als Organisten nach Versailles. Das ist Anfang der 1690-er Jahre. Francois wird 4

5 Cembalolehrer der Königskinder, und von da ab steht seinem verdienten Aufstieg nichts mehr im Weg, Couperin wird Louis Lieblingskomponist für alle privaten Situationen. Couperin scheint des Königs Wertschätzung aber nicht wie so vielen anderen die Sinne vernebelt zu haben jedenfalls ist er klug genug, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Er wohnt ganz bewusst nicht in Versailles, sondern fährt immer wieder in seine Wohnungen in Paris zurück, die mit der Zeit und dem wachsenden Ruhm größer und luxuriöser werden. Aus diesem sorgfältig eingehaltenen Abstand hat er dann daheim in seiner Künstlerwerkstatt seine persönlichsten Beobachtungen dem Cembalo anvertraut - und aus denen erfahren wir heute noch mehr über diese Zeit damals, als alle Audioguides der Welt uns erzählen könnten, vor allem, wenn wir lernen, zwischen den Zeilen seiner Titel und in der Musik zu lesen, was bei Couperin immer zusammengehört: Les Nonetes zum Beispiel portraitiert auf den ersten Blick zwei junge Nonnen, allerdings heißt Nonette im Französischen auch Sumpfmeise, schließlich fällt der Blick auf den Untertitel, Les Blondes und Les Brunes teilt die Nönnchen genüsslich in Blondinen und Brünette, und spätestens dann ahnt man, dass die zart neckisch daherhüpfenden zwei Damen die züchtigen Nonnenschleier vermutlich nicht gar so ernst nehmen... CD T Francois Couperin, Les Nonètes Les Blondes & Les Brunes Olivier Baumont Erato

6 Wenn man Couperins Pièces de Clavecin auf sich wirken lässt, wird bald klar: Er ist der Fotograf, der sich in Versailles unter das vielgestaltige Hofleben mischt und heimlich aus der Hüfte Momentaufnahmen schießt, die die dort versammelten Charaktere, Rituale oder vorbeifliegenden Stimmungen festhalten. Und diese Bilder hat Couperin dann bei sich zuhause in der Dunkelkammer entwickelt und ihnen geheimnisvolle Titel gegeben. Er selber hat über seine Miniaturen mal gesagt, dass tatsächlich die meisten davon Porträts seien. Bei der Komposition dieser Stücke hatte ich immer ein Objekt im Blick gehabt, schreibt er 1713 über seine Pièces de Clavecin, deren Titel und musikalische Lebendigkeit ja tatsächlich auch darauf hinweisen, dass da wirkliche Menschen und lebensechte Situationen dargestellt sind und Couperin bekräftigt das auch: Die Titel reflektieren Ideen, die ich hatte. Da aber unter diesen Titeln einige sind, mit denen ich mir selbst zu schmeicheln scheine, möchte ich betonen, dass die dazugehörigen Stücke gewissermaßen Portraits sind, die unter meinen Fingern manchmal durchaus ähnlich gerieten, und dass die Mehrheit dieser schmeichelnden Titel den liebenswürdigen Originalen gehören, die ich darstellen wollte, und weniger den Kopien, die ich von ihnen machte. Das hat er schön gesagt, der Herr Couperin, eine kleine, courtoise Verbeugung im Nachhinein vor den Objekten seiner Portraitierlust, denen er damit sozusagen ihre Portraits wieder zurückschenkt... 6

7 Dieses hier durfte dabei natürlich nicht fehlen, findet sich gleich im 1er Ordre, der ersten Sammlung von Cembalostücken aus dem Jahr 1713, da lebte Louis XIV noch, und das ist sein Portrait in Gestalt einer Sarabande: La Majestueuse. CD T Francois Couperin, La Majestueuse Olivier Baumont Erato Schon der Titel der Schrift, die Francois Couperin über das Cembalospielen verfasst hat, belegt seine zärtliche, ja, fast erotische Beziehung zu diesem Instrument sie heißt L art de toucher le clavecin, wörtlich übersetzt also: Die Kunst, das Cembalo zu berühren Couperin, der von Haus aus Organist und Kirchenmusiker war, hat zum Cembalo tatsächlich eine sehr intime Beziehung gepflegt nach außen hin war es das Alltagsinstrument, an dem er als unauffälliger Begleiter saß, wenn der älter gewordene und immer öfter kranke Ludwig in seinen Privatgemächern nach gemütsstillender Kammermusik verlangte. Diese Concerts du Dimanche, die immer Sonntags in Louis Appartements oder denen der Madame de Maintenon stattfinden, haben irgendwann die verschwenderischtheatralischen Feste im Park abgelöst, wie sie damals, in den er und 70-er Jahren zuzeiten von Molière und Lully stattgefunden 7

8 haben. Jetzt also ist die Musik zu Königs Privatvergnügen geworden, und am Cembalo sitzt dabei ab der Jahrhundertwende meist Francois Couperin und versucht, Louis einsetzende Altersmelancholie zu lindern. Gebr. CD T. 8 auf Zeit Francois Couperin, Les Concerts Royaux, IV, Forlane Le Concert des Nations Jordi Savall Alia Vox Forlane aus dem vierten der königlichen Konzerte, der Concerts Royaux Couperins für sehr private Aufführungen beim älter gewordenen Ludwig XIV Musik, die dann durch die Jahrhunderte weitergewirkt hat, knapp zweihundert Jahre später hat ja Couperin in Frankreich seine große Renaissance erlebt, und sein Bewunderer und Erbe in vielerlei Hinsicht, Maurice Ravel, der als Sohn eines Schweizer Uhrmachers auch ganz fantastisch in das Regelwerk des Hofs zu Versailles gepasst hätte, Ravel also hat sich vom Gestus dieser Forlane zu einer neuen Forlane inspirieren lassen daraus wurde dann der dritte Satz von Le Tombeau de Couperin. 8

9 CD T Maurice Ravel, Le Tombeau de Couperin, Forlane Marcelle Meyer Documents ADD , Man kann über Ludwig den 14. sicher so manches Unvorteilhafte sagen, aber von Musik hat er wirklich was verstanden, und er wusste sehr genau um die Einzigartigkeit Couperins. Er hat ihn enorm geschätzt, nicht zuletzt auch für seine Diskretion und kluge Zurückhaltung, und sicher auch seines ironischen Humors wegen. Selbst Jean-Baptiste Lully, der zu seinen Lebzeiten jeden ernstzunehmenden Musiker aus der Nähe des Königs weggebissen hat, wäre es schwergefallen, die königliche Begeisterung für Couperins Musik zu unterbinden aber Lully ist ja seit 1687 tot, und so kann Louis seinen Couperin ein paar Jahre später in aller Ruhe zum Chevalier adeln. Zu der Zeit ist er aber schon weit über Versailles hinaus berühmt, und zwar nicht nur als Cembalist und Organist Couperin schreibt großbesetzte Motetten, Divertissements und die wundervollste Kammermusik, und hat dann bald auch seinen Spitznamen weg: Parallel zu Louis le Grand ist er Francois le Grand. Ganz leise und ohne Starallüren ist er so zum bedeutendsten Komponisten an Louis Hof aufgestiegen aber weil er weiß, was sich gehört, widmet er dem immer noch ikonenhaft verehrten Lully fast vierzig Jahre nach dessen Tod dann eine Gedenkmusik, eine Apotheose in Form eines Instrumentalkonzerts,...à la mémoire immortelle de l incomparable Monsieur de Lully Musik, die 9

10 manchmal fast Comic-haft die Stationen von Lullys Weg zum Parnass nachzeichnet, das hier ist Apollon, wie er höchstselbst Lully vom Parnass entgegenkommt, um ihm seine persönliche Geige zu überreichen und seinen Platz auf dem Musikolymp anzuweisen: CD T Francois Couperin, Apothéose de Lully, Descente d Apollon Gli Incogniti, Amandine Beyer Harmonia Mundi HMC Der Witz und die Karikaturisten-Ironie, mit der Francois Couperin komponiert hat, kommen dann übrigens gleich im folgenden kleinen Sätzchen voll zum Ausbruch, da hat er nämlich mal eben das angesichts von Lullys Kanonisierung neidische Gegrummel von Lullys zeitgenössischen Komponistenkollegen portraitiert: Rumeur souteraine causée par les auteurs contemporains de Lully... Gleiche CD T Eigentlich aber, und das ist schon wieder so eine typisch Couperin sche Ironie, hat er mit dieser Apotheose auf Lully einen ganz anderen Zweck verfolgt, als Lully zu preisen: Es gab am musikverrückten Hof des 14. Ludwig ja jenen erbitterten Streit zwischen zwei verfeindeten Stilrichtungen, die Verfechter des strengen und pompösen französischen Geschmacks der ausgerechnet vom geborenen Italiener Jean-Baptiste Lully 10

11 vertreten war -, und die Fans der leichgewichtigeren, virtuoseren, persönlicheren italienischen Musik, für die man stellvertretend gern Arcangelo Corelli ins Feld geführt hat, ein Musiker und Komponist, den Couperin wohl sehr viel lieber mochte als den pompösen Lully. Couperin hat nun entschieden dafür plädiert, dieses von Lully angezettelte Gezerre um ein musikalisches Reinheitsgebot ad acta zu legen und sich einfach das Beste aus beiden Stilen zu eigen zu machen, und so heißt die große Sammlung seines Spätwerks mit kleinbesetzten Konzerten für die Privaträume des Königs dann ganz programmatisch Les goûts réunis die wiedervereinten Geschmäcker. Es sollte, fand Couperin, zusammenwachsen, was sowieso zusammengehört. Und deshalb Lully dürfte im Grabe rotiert haben lässt er den großen Lully auf dem Parnass vom großen Corelli in Empfang nehmen, der nämlich schon da ist und den Kollegen gleich animiert, zusammen Musik zu machen. Erst führt Lully, dann Corelli. Und das klingt erst gravitätisch, dann tänzerisch, dann versöhnlich... Gleiche CD T Francois Couperin: Les goûts réunis Couperin hat nie eine echte Oper oder ein Ballett komponiert, Theatermusik war nicht sein Ding, und doch ist das, was er hinterlassen hat, die wohl lebendigste, menschennaheste, szenischste Musik, die es im Zeitalter des Sonnenkönigs gegeben hat. Ein seidenes Rascheln, eine anmutige Bewegung, ein streng 11

12 zeremonielles Auftreten, das ins Komische abkippt, der majestätische Auftritt einer siegesgewissen Mätresse - Francois Couperin war der Protokollant all dieser kleinen Momente, und weil er, was man auch an seinen wenigen uns hinterlassenen geschriebenen Texten merkt, einen ziemlich guten Humor hatte, lässt uns so manche seiner ironischen Preziosen heute noch grinsen, allem voran seine Sammlung Les Dominos ou les Folies Francoises, in der er, wenn man genau auf die Titel sieht, mal so richtig gegen die liderliche bis bizarre Hofgesellschaft abgeledert hat, die da tagein, tagaus in Versailles paradierte. Jeder Charakter oder jede Clique taucht mit einer farblich passenden Maske auf, und gleich beim ersten Gast haben wir da eine interessante Zusammenstellung, - es ist La Virginité, die Jungfräulichkeit, und sie trägt eine Maske couleur d invisible, also: unsichtbar. CD T Francois Couperin, Les Dominos, La Virginité sous le domino couleur d invisible Charivari Agréable Gaudeamus CDGAU159 So richtig den Karikaturisten raus lässt Couperin dann, wenn die lächerlichen Alten die Bühne entern, da heißt es: Les vieux galans et les trésorières surannées sous les dominos pourpre et les feuilles mortes alte Galane und noch ältere Damen, die als 12

13 Schatzmeisterinnen ihre gar nicht mehr bedrohten Intimzonen hüten, allesamt von Couperin frecherweise in Purpur, der Farbe des Hochadels, maskiert, und hinter der reichlich hüftsteif daherzuckelnden Truppe lässt er gleich noch ein paar herbstlich tote Blätter durchs Bild wehen... Gebr. CD T Francois Couperin, Les Dominos, Les vieux galants et les trésorières suranées sous les Dominos pourpres et feuilles mortes s.o. Couperin ist in all dieser Zeit bei Hof übrigens trotzdem auch noch der Organist von St. Gervais geblieben, wo damals eine der kostbarsten Orgeln von ganz Paris installiert war - im Herzen war er immer auch der Kirchenmusiker, als der er angefangen hatte, und als der hat Couperin dann, auch schon wieder ganz ohne Pomp und Aufsehen, eins der verinnerlichtesten, erstaunlichsten und eigenbrötlerischsten Werke barocker Glaubensversenkung komponiert, die Lecons de ténèbres pour le mercredi saint. Solche Lektionen in Dunkelheit waren als Form ganz beliebt zu seiner Zeit, man hat dafür an den Tagen der Karwoche tatsächlich die Kirchen verdunkelt, um das Leid Christi besser nachempfinden zu können. Francois Couperin hat seine Lecons nicht für Paris oder Versailles geschrieben, sondern für die Abtei von Longchamp, gegründet Mitte des 13. Jahrhunderts von der frommen Isabella, der Schwester von Ludwig dem Heiligen. 13

14 Während der Revolution ist die Abtei dann zerstört worden, heute ist dort groteskerweise die berühmte Pferderennbahn von Longchamp, aber im Jahr 1714 sind hier zum ersten Mal Couperins Lecons de ténèbres erklungen, diese sehr eigenwilligen Vertonungen der Klagelieder des Jeremia. Couperin hat jedem einzelnen dieser Sätze den Buchstaben vorangestellt, mit dem der jeweilige hebräische Originaltext beginnt, so, wie in mittelalterlichen Schriften der erste Buchstabe phantasievoll ausgemalt schon mal ein Kunstwerk für sich ist, steht er bei Couperin auch jeweils am Beginn, aber eben nicht gemalt, sondern als kunstvolles Melisma gesungen: Hier ist es der Buchstabe Lamed das L. Gebr. CD T Francois Couperin, Lecons de Ténèbres, Troisième Lecon, Lamed Sophie Daneman, Patricia Petibon, Les Arts Florissants, William Christie Erato Es ist eine Binsenweisheit, dass Musik immer auch mit dem gesellschaftlichen Kontext zu tun hat, in dem sie entsteht, und eigentlich nur zusammen mit ihm so richtig verstanden werden kann. Das ist nun aber bei der Musik aus dem Zeitalter Ludwigs des XIV ganz besonders schwierig für uns, denn das Lebensgefühl und die 14

15 Spielregeln dieser Gesellschaft sind Lichtjahre von unseren heutigen Kategorien entfernt. Wir heute sind, oder fühlen uns zumindest, immer noch als Kinder der romantischen Epoche, in der es auf den unmittelbaren Ausdruck der Gefühle, die Intuition, die Untiefen der Seele und das unverstellte natürliche Sein ankam. Interessanterweise war denn auch die Zeit des Sonnenkönigs für die Romantiker, ja für das gesamte 19. Jahrhundert Anathema. Denn das Grand Siècle, wie es sich selbst etikettiert hat, glaubte ja an nichts so sehr wie an die Ordnung. Es gab keine Zufälle, das Universum, lehrte der Philosoph Descartes, war ein Billardtisch, und irgendwer musste die Kugeln ja anstoßen. Wenn nicht Gott, dann der Mensch. Wenn man nur viel nachdachte siehe Descartes -, und alles schön in die jeweils passenden Schubladen, Kästchen und Regelwerke steckte, musste dem im Menschen von jeher lauernden Chaos doch beizukommen sein, glaubte man. Und deshalb war das Hofleben von Versailles aus heutiger Sicht auf den ersten Blick so frigide und künstlich. Ungezähmte Natur war von Übel, weil Unsicherheit erzeugend, Symmetrie war die beruhigende Konstante dieser Gesellschaft, und Ludwig 14. selbst war ihr entschiedenster Verteidiger. Als seine Gefährtin und heimliche Gattin Madame de Maintenon eines Winters der entsetzlich zugigen Fenster wegen darum bittet, die Läden außen schließen zu dürfen, verweigert er das, weil es das Gleichmaß der äußeren Fassade von Versailles gestört hätte, was die Maintenon zu dem hübschen und reichlich galgenhumoristischen Bonmot 15

16 veranlasst hat, man werde hier dann wohl in Symmetrie untergehen: périr en symétrie. Bei Hof herrschte dieses fast lächerliche Zeremoniell, nach dem sich fünf ganz bestimmte Leute Königs Nachttopf weiterzureichen hatten, und fünf andere seine Perücke herbeihangelten etc. und wenn dem König wegen eines ganz plötzlichen Regenschauers im Park ein dafür nicht vorgesehener Mensch den Hut aufsetzte, brach schon die große Verwirrung und Empörung aus. Der König selber war, à propos Hut, Weltmeister in der haarfeinen Abstufung seiner Gunstbezeugungen, Saint Simon berichtet uns fasziniert, dass Louis aus dem Grüßen seiner Höflinge eine eigene Wissenschaft gemacht hat, je nach Titel und Stand hat er bei den Damen seinen Hut mehr oder weniger gelüpft, in genau abgemessener Höhe, und genau abgemessen war auch die Zeit, die er ihn dabei in der Luft hielt, und der Grad der Entfernung zum Ohr. So hat Louis das komplizierte menschliche Miteinander unter Kontrolle bringen wollen, durch immer komplexere Rituale, die mit einer Pünktlichkeit ausgeführt wurden, dass man die Uhr danach stellen konnte. Das ganze Weltbild der Zeit, schreibt Egon Friedell, ist ein Mosaik aus perceptions petites, aus unendlich kleinen Vorstellungen, und jeder Mensch ist eine Monade, in sich abgeschlossen, ohne Fenster, allein auf einem Sonderplatz in einem sorgfältig abgestuften Kosmos, der in allem vorherbestimmt, seinen mechanischen Lauf nimmt wie ein Uhrwerk und darum für die beste aller Welten gilt. Denn man war tief innerlich überzeugt: das Bewundernswerteste und Prächtigste, das Kunstvollste und Geistreichste, sei eben doch eine gut gehende Uhr. 16

17 CD T Francois Couperin, Le Tic Toc Choc ou Les Maillotins Marcelle Meyer Documents ADD , Auch Francois Couperin verstand sich auf Uhrwerke:... Couperin allerdings hat in dem auf rigides Funktionieren angelegten Regelwerk am Versailler Hof die Schönheit in den kleinen Dingen gesehen. Die Anti-Pracht und Konzentriertheit seiner Musik erscheint in der Materialschlacht, die dieses Versailles ja eben auch gewesen ist, so ungeheuer erholsam: Der Lebensstil des Grand Siècle hatte ja doch viel mit Täuschung zu tun, Trompe-l oeuil, vexierende Wasserspiele und Buchsbaumlabyrinthe, hohe Absätze und noch höhere Perücken, in all dem lag genaugenommen auch ein bisschen Hilflosigkeit, - man spürte, dass man eben doch nicht alle dunklen Ecken mit dem Licht der Vernunft und der Ordnung ausleuchten konnte, - zum Eigentlichen, der puren Substanz der Dinge und Menschen und den dunklen Pfaden ihrer Seele, wollte man lieber nicht vordringen. Also hat man sich dankbar den komplizierten Ritualen und Regeln der Etikette unterworfen, die das Leben ja auf eine gewisse Art leichter machten. Dass dabei mehr Schein als Sein rauskam, versteht sich. Der am Hof lebende Graf und Schriftsteller de la Rochefoucault hat das so beschrieben: In jedem Stande nimmt jeder eine bestimmte Miene und Haltung an, um das zu 17

18 scheinen, wofür er angesehen werden will. Also kann man sagen, dass die Welt aus lauter Mienen besteht. Couperin dagegen scheint von den Dingen bei Hofe eher die Aura wahrgenommen zu haben, jenes Fluidum, das sich hinter allen Choreographien und Regeln verströmte wie ein kaum wahrnehmbarer Geruch. Seine Cembalostücke füllen vier große Bände, sie sind erst spät in seinem Leben herausgekommen und doch sein eigentliches Hauptwerk, - kleine Porträts, Skizzen von Stimmungen und Figuren, gesammelt über ein ganzes Hofleben hinweg, viele von ihnen mit rätselhaften, phantastisch seltsamen Titeln, die so originell sind, dass man manchmal fast meint, diese verschmitzten Überschriften zu erfinden, sei der eigentliche Antrieb für Couperins Komponieren gewesen, ja, vielleicht waren diese Titel ja noch vor der Musik da: lauter kleine Rätsel, um die Nachwelt zu foppen...marcelle Meyer spielt Les barricades mystérieuses. CD T Francois Couperin, Les barricades mystérieuses Marcelle Meyer Documents ADD ,

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