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2 ist derselbe Weg wie gestern, beklagte sie sich, und mein Vater antwortete zerstreut und ohne sich umzuwenden: Nein, es ist ein anderer; aber sie fuhr fort zu wiederholen: Das ist der Weg von gestern. Das ist der Weg von gestern. Mein Husten erwürgt mich fast, sagte sie nach einer Weile zu meinem Vater, der immer weiterging, ohne rückwärts zu schauen. Mein Husten erwürgt mich fast, wiederholte sie und preßte die Hände an den Hals: Sie wiederholte dieselben Dinge immer zwei- oder dreimal. Sie sagte: Diese infame Fantecchi hat mir ein braunes Kleid gemacht, und ich wollte doch ein blaues! Ein blaues wollte ich! Und wütend klopfte sie mit ihrem Sonnenschirmchen aufs Pflaster. Mein Vater machte sie auf den Sonnenuntergang aufmerksam; aber sie war zornig auf die Fantecchi, ihre Schneiderin, und fuhr fort, mit der Spitze ihres Sonnenschirmchens wütend auf das Pflaster zu klopfen. Sie kam

3 übrigens nur in die Berge, um mit uns zusammenzusein, da sie während des Jahres in Florenz wohnte. Wir dagegen wohnten in Turin, so daß sie uns nur im Sommer sah. Sie konnte eigentlich das Gebirge nicht leiden, und ihr Traum wäre es gewesen, den Urlaub in Fiuggi oder Salsomaggiore zu verbringen: Orte wo sie in ihrer Jugend den Sommer verbracht hatte. Meine Großmutter war einst sehr reich gewesen und hatte ihr Vermögen im Ersten Weltkrieg verloren: Weil sie nicht glaubte, daß Italien siegen würde, und ihr ganzes Vertrauen auf Franz Josef setzte, hatte sie ihre österreichischen Wertpapiere behalten und dadurch viel Geld verloren. Mein Vater, Irredentist, hatte erfolglos versucht, sie zum Verkauf dieser Papiere zu überreden. Meine Großmutter pflegte»mein Unglück«zu sagen, wenn sie auf diesen Geldverlust anspielte, und ging deswegen morgens im

4 Zimmer oft verzweifelt auf und ab. Sie war aber gar nicht so arm. Sie hatte in Florenz eine schöne Wohnung mit indischen und chinesischen Möbeln und türkischen Teppichen; weil ein Großvater von ihr, der Großvater Parente, ein Sammler kostbarer Gegenstände gewesen war. An den Wänden hingen die Porträts ihrer verschiedenen Ahnen: der Großvater Parente und die Vendée, eine Tante, die so genannt wurde, weil sie einen Salon für Zopfträger und Reaktionäre führte; und viele Tanten und Basen, die alle Margherita oder Regina hießen: Namen, die früher in den jüdischen Familien sehr gebräuchlich waren. Unter all diesen Porträts fehlte jedoch dasjenige des Vaters meiner Großmutter, und von ihm durfte man auch nicht sprechen: Er hatte sich als Witwer einmal mit seinen beiden schon erwachsenen Töchtern gestritten und hierauf erklärt, er werde, um sie zu ärgern, die erste

5 Frau, die ihm auf der Straße begegne, heiraten, und das tat er auch; oder mindestens erzählt man sich in der Familie, daß er das tat; ob es in Wahrheit die erste Frau war, die er auf der Straße traf, nachdem er aus der Haustüre getreten war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall schenkte ihm diese zweite Frau noch eine Tochter, die meine Großmutter nie kennenlernen wollte und mit Verachtung»Papas Kind«nannte.»Papas Kind«war mittlerweile eine reife und würdige Dame von fünfzig Jahren geworden, der wir während unserer Ferien manchmal begegneten, und mein Vater pflegte dann zu meiner Mutter zu sagen: Hast du gesehen? Hast du gesehen? Das war Papas Kind! Bei euch wird alles zum Bordell. In diesem Haus wird alles zum Bordell, sagte meine Großmutter immer und meinte damit, daß uns nichts heilig war. Der Satz war berühmt in unserer Familie und wurde immer zitiert,

6 wenn wir über Tote oder über Begräbnisse lachen mußten. Meine Großmutter hatte eine tiefe Abscheu vor den Tieren und geriet in Verzweiflung, wenn sie uns mit einer Katze spielen sah; weil sie fürchtete, daß wir Krankheiten auflesen und sie damit anstecken würden. Diese infame Bestie, sagte sie, stampfte mit den Füßen und klopfte mit der Spitze ihres Sonnenschirmchens auf den Boden. Ihr ekelte vor allem, und sie hatte eine große Angst vor Krankheiten; sie war jedoch sehr gesund und starb mit mehr als achtzig Jahren, ohne je einen Arzt oder Zahnarzt konsultiert zu haben. Sie fürchtete immer, daß jemand von uns sie, um sie zu ärgern, taufen würde, weil einer meiner Brüder einmal zum Scherz so getan hatte, als wolle er sie taufen. Sie betete jeden Tag ihre jüdischen Gebete, ohne etwas zu verstehen, weil sie nicht hebräisch konnte. Gegenüber den Leuten, die nicht Juden waren wie sie,

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