Soviel fürs erste, Pater Kassian. Lieber Pater Kassian Ich bin ganz Ihrer Meinung. Dass es eine Welt gibt und in dieser

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1 Pater Kassian, woher kommt dieser Glaube? Ein -Gespräch aus dem Jahr 2007 mit dem damals 78 Jahre alten Pater Kassian Etter aus dem Kloster Einsiedeln Sehr geehrter Pater Kassian Das Leben ist flüchtig, was es in den Läden zu kaufen gibt, kann die innere Leere nicht füllen. Ich spüre es schmerzhaft und denke manchmal, es ginge mir besser, wenn ich wenigsten ein bisschen fromm sein könnte. Aber was heisst, fromm sein? Soll ich anfangen, im Koran zu lesen? Soll ich mir eine Buddha-Statue ins Wohnzimmer stellen und zu meditieren anfangen? Da ich weder homosexuell veranlagt noch Vegetarier bin, käme auch die katholische Kirche als eine mögliche Behausung für mein Leben in Frage. Allerdings befürchte ich, ohne ein zünftiges Opfer des Intellekts wird es mit der Frömmigkeit so oder so nichts werden. mit freundlichen Grüssen offen gestanden, ich liebe das Wort "fromm" oder "Frömmigkeit" nicht sehr. Ich brauche in meinen Predigten oder Gesprächen diese Worte nicht, oder nur ganz selten. Aber es gibt so etwas wie Ehrfurcht. Albert Einstein schreibt einmal: "Des Wissenschafters Religiosität liegt im verzückten Staunen über die Harmonie der Naturgesetzlichkeit, in der sich eine so überlegene Vernunft offenbart, dass alles Sinnvolle menschlichen Denkens und Anordnens dagegen ein gänzlich nichtiger Abglanz ist." Was man so gemeinhin als Frömmigkeit bezeichnet beginnt vielleicht mit solchem Staunen. Staunen, dass es mich überhaupt gibt. Ich würde als nicht mit dem Koran, nicht mit der Bibel oder mit einem katholischen Katechismus beginnen, sondern mit Staunen. Soviel fürs erste, Pater Kassian Ich bin ganz Ihrer Meinung. Dass es eine Welt gibt und in dieser

2 Welt Menschen mit der Fähigkeit, über diese Welt zu staunen, das ist allerdings eine höchst aufregende Sache. Das komplexeste Ding im ganzen bisher erforschten Universum, es ist in meinem Schädel drin. Ich habe ein Gehirn und kann daher denken und fühlen und beispielsweise wie Einstein "in verzücktes Staunen über die Harmonie der Naturgesetzlichkeit geraten, in der sich eine überlegene Vernunft offenbart". Aber zu dieser Harmonie der Naturgesetzlichkeit gehört auch, dass ich gefressen werde, wenn ich einem Raubtier begegne. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Meteoriten, Seuchen sind alles Naturereignisse, in denen sich vielleicht eine überlegene Vernunft offenbart, wer weiss, aber Menschenleben scheinen für diese überlegene Vernunft, für die man wohl auch das Wort "Gott" verwenden könnte, oft keinen Wert zu haben. Wie also vom Staunen über die Natur zum frommen Gottvertrauen kommen, wo man statt Einstein mit gleich viel Recht auch Shakespeare zitieren könnte? Zum Beispiel die folgenden Sätze aus King Lear: "Was bösen Buben Fliegen sind, sind wir den Göttern. Sie töten uns zum Spass." Oder ist frommes Gottvertrauen gar nicht das Ziel? Immerhin haben Sie etwas gegen das Wort "fromm", ich weiss aber noch nicht, weshalb. mit herzlichem Gruss Sie haben Recht; es gibt viel Leid, es gibt viel Böses in unserer Welt. Das Böse ist auch für den glaubenden Menschen ein dunkles Geheimnis. Wenn ich von Glauben spreche, gehe ich wesentlich weiter als Einstein. Ich staune nicht nur über eine mir weit überlegene Vernunft; ich glaube, dass diese "Vernunft" ansprechbar ist, und vor allem dass diese "Vernunft" mich anspricht. Ich glaube an ein Du. Ich habe hier das Wort "Gott" zunächst vermieden. Mit diesem Wort sind viele falsche Vorstellungen verbunden; dabei bin ich mir bewusst, dass wir immer Bilder benötigen, wenn wir von diesem Du reden. Woher kommt das Leid, das Böse? Ich glaube, dass der Welt und vor allem dem Menschen Freiheit gegeben ist. Um nun doch den Namen auszusprechen: Gott wirbt um unsere Liebe. Aber Liebe gibt es nur in Freiheit. Echte Liebe gibt es nur, wo man sie auch verweigern kann. Hier wäre sicher noch vieles zu sagen. Mit dem Wort "fromm" habe ich persönlich etwas Mühe, weil mich dieses Wort

3 an ein "Getue" erinnert, an ein "sich fromm zeigen". Aber sicher gibt es echte Frömmigkeit im "verschlossenen Kämmerlein (Mt. 6.6.). Soviel für den Moment. Mit freundlichen Grüssen, Pater Kassian Es gibt nichts Schöneres und Tieferes als von jemandem echte Liebe zu erfahren. Doch wie, wenn dieser jemand kein Mensch ist, sondern beispielsweise eine Bakterie in meinem Darm? Mit einem müden Lächeln wird so was als Absurdität weggewischt. Aber ist die Situation weniger absurd, wenn dieser jemand Gott ist und damit der Schöpfer eines Universums, das seit Milliarden von Jahren existiert und 100 Milliarden Galaxien umfasst, die alle wieder aus 100 Milliarden Sonnen bestehen? Und wenn dieser Gott um meine Liebe wirbt, dann nicht auch um die Liebe der restlichen Menschen - auch wieder eine Milliardenzahl?, ich hätte tatsächlich ein Bild nötig eines solchen Gottes, der Weltenschöpfer ist und Gesamtmenschheitsliebender und mir zugleich ein Du, das mir auf gleicher Augenhöhe begegnet. Wie komme ich zu diesem Bild? Wie soll ich mir als Mensch ein Du vorstellen, das alle menschlichen Massstäbe übersteigt und damit buchstäblich unmenschlich ist? Und wie kann ich an etwas glauben, das ich mir nicht vorstellen kann und von dessen Existenz ich kein klares Zeichen habe? Mir scheint, ich bin wieder beim intellektuellen Opfer angelangt, ohne das die fromme Denkungsart nicht gelingen will. Mit herzlichen Grüssen setzen Sie dieser uns weit überlegenen Vernunft, setzen Sie Gott nicht Grenzen, wenn Sie ihm die Fähigkeit oder den Willen absprechen, sich um jeden Einzelnen von uns zu kümmern? Für mich ist die für uns unvorstellbare Grösse des Universums kein Argument gegen einen Gott, der jeden einzelnen Menschen liebt, im Gegenteil. Rein naturwissenschaftlich könnte man sagen: Das Universum muss so gross sein und muss eine lange Geschichte haben, damit nach den heute

4 erkannten Naturgesetzen ein Lebewesen, wie wir es sind, entstehen konnte. Aber in unserem Gespräch geht es letztlich nicht um Naturwissenschaft und Philosophie. Ich kann die Existenz eines persönlichen Gottes nicht beweisen, aber ich kann an diesen Gott glauben und auf ihn vertrauen. Echte Frömmigkeit setzt solchen Glauben voraus. Mehr will ich hier (noch) nicht sagen, Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Pater Kassian. Ja, ich setze diesem Gott Grenzen, aber doch nur darum, um ihn dem begrenzten Wesen, das ich bin, etwas näher zu bringen und als Du vorstellbar zu machen. Die Frage nach der Existenz Gottes ist für mich sehr wohl eine philosophische und naturwissenschaftliche Frage, man fragt ja nach etwas Wirklichem. Und die Auskunft der Wissenschaft scheint mir ziemlich deutlich zu sein: das höheres Wesen, von dem wir hier reden, gibt es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht. Soweit würden Sie mir wohl zustimmen, nehme ich an, trotzdem glauben Sie. Woher kommt dieser Glaube? mit herzlichem Gruss, Ich glaube nicht einfach an ein höheres Wesen, ich glaube an Gott, der sich uns Menschen offenbart. Mit anderen Worten: Weihnachten ist für mich nicht bloss ein schönes Märchen, sondern die ganz unerhörte Botschaft, dass Gott selber Teil seiner Schöpfung geworden ist. Ich kann das Leid und das Böse nicht erklären, aber ich glaube, dass Gott selber das Leid und das Böse als Mensch erfahren und getragen hat. Sie fragen, wie man zu einem solchen alle rein menschlichen Vorstellungen überschreitenden Glauben kommt. Ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen. Mein Kinderglaube

5 war am verblassen, er war eigentlich schon gestorben, als ich als Achtzehnjähriger vom Glauben fast plötzlich überwältigt wurde. Diese Erfahrung kann ich kaum mit Worten schildern. Es ist ähnlich, wie man sich verliebt. Man weiss nicht, wie und warum man fast über Nacht verliebt ist. Seit dieser Glaubenserfahrung bin ich, wie ich meine sagen zu dürfen, in meinem Herzen fromm. Ich danke Ihnen, lieber Herr Meister, für unser Gespräch, Pater Kassian veröffentlicht in: reformiert.info, November 2007

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