Leichte traumatische Hirnverletzung - eine klinische Diagnose. Sönke Johannes, Prof. Dr. med. Medizinischer Direktor

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1 Leichte traumatische Hirnverletzung - eine klinische Diagnose Sönke Johannes, Prof. Dr. med. Medizinischer Direktor

2 Inhalt Diagnosestellung Klinische Aspekte 1

3 2 Unfallmechanismus

4 3 Unfallmechanismus

5 4 Unfallmechanismus

6 5 Unfallmechanismus

7 Unfallmechanismus Kopf gegen hartes Objekt Kopf gegen Kopf, Kopf gegen Windschutzscheibe, Objekt gegen Kopf 6

8 Diagnostische Kriterien Glasgow Coma Score (GCS) (bei Spitaleintritt) und/oder Bewusstlosigkeit (max. 30 Min.) und/oder post traumatische (anterograde) Amnesie (max. 60 Min.) und/oder retrograde Amnesie (max. 30 Min.) Glasgow Coma Score: Augenöffnen (4), Verbale Antwort (5), Motorische Antwort (6) Amnesie: Zeitraum, der nicht kontinuierlich erinnert werden kann. (Vos et al., Eur J Neurol Feb;19(2):191 8) 7

9 Komplexe vs. nicht komplexe LTHV Intrakranielle Auffälligkeiten (im Routine CCT/MRI) = komplexe LTHV Assoziiert mit Lern- und Gedächtnisstörungen Lange et al. Brain Injury 2009 Höherer Grad an Behinderung Holm et al.; Journal of Rehabilitation Medicine 2005 Stärkere subjektive Beschwerden Sadowski-Cron et al.; Brain Injury

10 LTHV und Bildgebung Pathologisches CCT GCS Anzahl Patienten % Patienten / / / / n= 3181, Einschluss: GCS oder 15+RF; LOC nicht obligatorisch Smits M. et al: Predicting Intracranial Traumatic Findings on Computed Tomography in Patients with Minor Head Injury: The CHIP Prediction Rule; Ann Intern Med. 2007; 146:

11 LTHV und Bildgebung Impressionsfraktur (8%) Schädelfraktur (28%) intraparenchymatöse Läsion (58%) Smits M. et al: Predicting Intracranial Traumatic Findings on Computed Tomography in Patients with Minor Head Injury: The CHIP Prediction Rule; Ann Intern Med. 2007; 146:

12 LTHV und Bildgebung Subarachnoidalblutung (35%) akutes Subduralhämatom (28%) Epiduralhämatom (28%) Smits M. et al: Predicting Intracranial Traumatic Findings on Computed Tomography in Patients with Minor Head Injury: The CHIP Prediction Rule; Ann Intern Med. 2007; 146:

13 Probleme bei Diagnosestellung Unfallmechanismus wird nicht systematisch bei Akutversorgung erfragt Amnesie wird nicht systematisch im Akutspital erfragt 12

14 Ungenügende Dokumentation Unfall A.D., m., 32 J Aktendokumentation der Erstversorgung: «PKW Seitkollision»»stellt sich wegen persistierender Kopfschmerzen vor». «kein neurologisches Defizit» Unfallhergang: Als PKW Fahrer mit von links kommendem PKW kollidiert, Anprall Kopf an Seitenholm Klinische Symptomatik: kurze Amnesie (Fahrer nimmt Schatten von links wahr und erinnert dann wieder in stehendem Fahrzeug als Helfer neben dem Fahrzeug steht), Prellmarke links temporal 13

15 Dokumentationsbogen Suva 14

16 Probleme bei Diagnosestellung Weitere Symptome werden nicht systematisch erfragt Andere schwerwiegende Diagnosen werden prioritär gestellt und behandelt 15

17 Weitere Symptome A.T., m., 55 J Unfallhergang: Patient rutscht auf vereistem leicht abschüssigen Fussweg aus, Aufprall Hinterkopf Klinische Symptomatik: Keine Amnesie. Schwierigkeiten, wieder auf die Beine zu kommen. Muss sich an Geländer festhalten, um zu Restaurant in 50m Entfernung zu gehen 16

18 Bewegungsstörung 17

19 Bewegungsstörung 18

20 Probleme bei Diagnosestellung Die ärztliche Dokumentation ist lückenhaft Diagnosekriterien werden uneinheitlich verwendet A. Unfall vom : Sturz aus 4 m Höhe A1 Traumatische Hirnverletzung Initial GCS 15 Mit kleiner versorgter RQW Komplexe Mittelgesichtsfrakturen links Orbitabodenfraktur links Orbitawandfraktur links lateral Nasenseptumfraktur wenig disloziert i. Sinus maxillaris-wand links lateral 19

21 Probleme bei Diagnosestellung Multiple shearing injuries (Scherverletzungen) belegen Hirnverletzung 20

22 LTHV und MRT 26J, m., Polytrauma mit: Abdominal und Thoraxtrauma Frakturen: Femur links, Unterarmschaft links, Fibula rechts Kopfkontusion CCT Tag 10 CCT Tag 10 CCT Tag 10

23 LTHV und MRT Verhaltensauffälligkeiten: Impulsivität, Enthemmung Nächtliche Unruhe (Symptom einer PTSD) MRT Monat 14 MRT Monat 14 MRT Monat 14

24 LTHV und MRT Verhaltensauffälligkeiten: Impulsivität, Enthemmung Nächtliche Unruhe (Symptom einer PTSD) MRT Monat 14 MRT Monat 14 MRT Monat 14

25 Inhalt Diagnosestellung Klinische Aspekte 24

26 Frühe klinische Symptome Benommenheit Verwirrtheit Kopfschmerzen Schwindel Erbrechen 25

27 Kognitive Beeinträchtigungen Verschlechterungen von Reaktionszeit Verarbeitungsgeschwindigkeit Visuelles Gedächtnis Verbales Gedächtnis Dauer Tage Wochen Monate? 26 (McClincy et al. Brain Inj. 2006)

28 Weitere Beschwerden Kopfschmerzen Schwindel, Benommenheit Müdigkeit, Schlafstörungen Angst, Depression Stressintoleranz Neuropsychologische Störungen Messung gemäss Skalen (z.b. Cantu et al. 2001) 27

29 Depression und Trauma bedingen Beschwerdewahrnehmung Lange et al. Journal of Head Trauma Rehabilitation

30 Versicherungsmedizinische Etablierung der Diagnose LTHV Klinische Symptome Bewusstlosigkeit Amnesie Andere Bewusstseinsveränderungen Beschwerden Bildgebung Körperliche und neuropsychologische Untersuchung Frühe medizinische Berichte (z.b. Entlassungsbericht) Dokumentierter Verlauf über die Zeit Aktuelle Beschwerden Spezifität 29

31 Zusammenfassung Leichte Traumatische Hirnverletzung ist klinische Diagnose (GCS, Amnesie) bei strukturellem Schaden in Routinebildgebung: komplexe LTHV Dokumentation der Initialsymptomatik im Rahmen der Akutversorgung oft lückenhaft Psychiatrische Störungen (z.b. Depression) interagieren mit Beschwerdeerleben Spezifität der Symptomatik nimmt mit zunehmendem Abstand vom Unfallereignis ab 30

32 Herzlichen Dank 31

Leichte Traumatische Hirnverletzung (LTHV) (Commotio Cerebri, Gehirnerschütterung, Milde Traumatische Hirnverletzung)

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