Edith Steins. Weg. zur mystischen Erfahrung

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1 Edith Steins Weg zur mystischen Erfahrung 1. HAUSARBEIT zur Lehramtsprüfung für Volksschulen, Hauptschulen und Polytechnischen Lehrgängen an der Religionspädagogischen Akademie der Erzdiözese Salzburg Fachrichtung: Themensteller: eingereicht von: Kirchengeschichte Dr. Franz Müller Eva-Maria KOLLER, 5020 Salzburg Salzburg, am

2 Inhaltverzeichnis Seite I.) Vorwort 3 II.) Verlust des Glaubens 3 III.) Suche nach der Wahrheit in der Wissenschaft 5 IV.) Durchbruch zur Transzendenz 8 V.) Warten auf den Karmel (Zeit der Berufstätigkeit) 10 a.) Lehrerin in Speyer 10 b.) Vorträge im Engagement für die Frauenfrage 11 ba.) Allgemeines 11 bb.) Frau in der Kirche 13 bc.) Biblische Auseinandersetzung 14 c.) Dozentin in Münster 16 VI.) Leben im Karmel (Aus der Tiefe leben) 18 VII.) Philosophie 19 a.) Endliches und ewiges Sein - der Versuch einer christlichen Philosophie 19 b.) Kreuzestheologie - Nacht als Ort der Gotteserfahrung 23 ba.) Nacht der Sinne 25 bb.) Nacht des Geistes 25 bc.) Nacht des Glaubens 25 VIII.) Gang in die Vollendung - Stellvertretendes Sterben 28 IX.) Denk- und Handlungsanstöße für Heute 31 X.) Literaturverzeichnis 37 XI.) Stundenbilder und Materialanhang (konnten wegen des Umfangs an AB, Fotos, leider nicht zum Downloaden miteingearbeitet werden RPA Sbg.) 2

3 I.) Vorwort Ein ungewöhnliches Leben, das zu Beginn so steil nach oben geht, Karriere macht, keine Widerstände kennt, das dann gebeugt wird, sich verliert, verschwindet, und doch neu gegenwärtig ist. Durch den Abstand läßt sich der Weg, der so vielfältig war, anders und tiefer bedenken. Durch Nachdenken soll der Weg beschritten werden. Es soll nicht ein Archiv entstehen, sondern ein sich Einfühlen, ein Entdecken der Resonanz des Verwandten. Und doch wird alles Erahnen fragmentarisch bleiben. Ein Leben läßt sich nicht in einem halben Jahr nachempfinden. So entsteht in mir mehr und mehr das Gefühl, bei allem was ich sage, doch nur ein Mosaiksteinchen des Lebens von Edith Stein anzusprechen. Also würde ich sagen: Fragmente auf dem Weg Edith Steins. II.) Verlust des Glaubens: Kindheit - Pubertät Edith Stein wurde am 12. Oktober 1891 als jüngstes von elf Kindern in Breslau geboren. Ihre Eltern waren jüdische Geschäftsleute. Edith war erst 1 3/4-jahre alt, als ihr Vater plötzlich starb. Die Mutter Auguste führte nun die Familie und das Geschäft alleine. Auguste Stein war harte Arbeit gewohnt. Sie besaß praktische Lebensklugheit, war sparsam und bedürfnislos sich selbst gegenüber, war aber andererseits hilfsbereit, ja gütig zu den Armen. Die ethische Lebensweise der Mutter, die Kargheit und Selbstdisziplin, ist wohl als Erbe der Mutter anzusehen. Als eine ungewöhnlich starke Frau prägte sie Edith Steins Wesen sehr. Die Familie half zusammen. So gab es vielfältige Kontakte, wechselseitige Ferienaufenthalte. Es war ein abwechslungsreiches, frohes Leben. Frau Stein unterwies die Kinder im jüdischen Glauben, lehrte sie Gastfreundschaft und die Liebe zu den Armen. Zu Edith Stein hatte sie ein ganz besonders Verhältnis. Einerseits war sie wie ein Vermächtnis des Vaters, andererseits hatte es für Frau Stein eine große Bedeutung, daß Edith Stein am Versöhnungstag geboren war. Dies ist der einzige Tag des Jahres, an dem der Hohepriester das Allerheiligste betreten durfte, um die Vergebung Gottes für ein weiteres Jahr zu erflehen. Der Versöhnungstag ist zugleich Abschluß des Neujahrsfestes. In der Diaspora war er ein Tag der Buße und des Fastens und Betens bis am Abend das Fest der Freude - eben der geglückten Versöhnung ausbricht. Diese zeichenhafte Bedeutung, am Versöhnungstag geboren worden zu sein, löste Edith Stein in ihrem späteren Leben mit ihrer Lebenshingabe ein. "Im Grunde wird ihr eigener Tod und vor allem die Sinngebung ihres Todes ihr Geburtsfest zeichenhaft einholen: Sterben in angenommener Stellvertretung." (Gerl, Seite 14/15). 3

4 Edith Stein entwickelte sich zu einem eigenwilligen, überaus klugen Kind. Nach außen hin wirkte sie äußerst temperamentvoll und zornig. "Aber", schreibt Edith Stein, "in meinem Inneren gab es noch eine verborgene Welt...Was ich am Tage sah oder hörte, wurde dort verarbeitet" (E.Stein, Familie/1, Seite 43, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 23). Diese innere Welt blieb trotz der Herzlichkeit, die untereinander herrschte, auch der Familie gegenüber verborgen. Durch ihre große Sensibilität litt Edith zu dieser Zeit an vielen Ängsten. Der Anblick eines Betrunkenen, ein hartes Wort, bewirkte, daß sie in der Nacht nicht schlafen konnte. Bei aller Vertrautheit zur Mutter, war diese, und auch sonst niemand, in diesen Dingen ihre Vertraute. "Von allen Dingen, an denen ich heimlich litt, sagte ich niemandem ein Wort..." (E.Stein, Familie/1, Seite 43, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 24). Mit wachsender kognitiver Verarbeitungsmöglichkeit wich diese Ungezähmtheit und Ängstlichkeit. Die Zeit der Ängste wurde in der Schulzeit durch eine Zeit mit Tagträumen abgelöst. Phantasie und Zukunftshoffnungen breiteten sich aus. "In meinen Träumen sah ich immer eine glänzende Zukunft vor mir. Ich träumte von Glück und von Ruhm, denn ich war überzeugt, daß ich zu etwas Großem bestimmt sei... Von solchen Träumen sprach ich ebensowenig wie von den Beängstigungen, die mich früher gequält hatten..." (E.Stein, Familie/2, Seite 51, z.n. Herbstrith, 1993/1, Seite 19). Die Schule forderte Edith, ordnete ihre Gedanken, sie fühlte sich sehr wohl und gehörte zu den besten Schülern. "In unserer Kindheit spielte die Schule eine große Rolle. Ich glaube fast, daß ich mich dort heimischer fühlte als zu Hause." (E.Stein, Familie/1, Seite 35, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 26). Um so erstaunlicher mutete es dann an, als Edith Stein mit 13 Jahren erklärte, sie wollte die Schule beenden. Später beantwortete sie die Frage nach dem Grund ihres Fortgehens folgend: "Zum Teil lag es wohl daran, daß mich mancherlei Fragen, vor allem weltanschauliche, zu beschäftigen begannen, von denen in der Schule wenig die Rede war..., das eigentlich Ausschlaggebende war... ein gesunder Instinkt, der mir sagte, daß ich nun lange genug auf der Schulbank gesessen hätte und mal etwas anderes brauchte." (E.Stein, Autob, Seite 42-46, z.n. Wimmer, 1991, Seite 176). So unterbrach sie die Ausbildung und ging für ein Jahr nach Hamburg zu ihrer Schwester Else. Sie half im Haushalt, sorgte für die Kinder, und hatte Zeit, ihre Krise zu durchleben. "Die Zeit in Hamburg", sagte sie, "kommt mir, wenn ich jetzt darauf zurückblicke, wie ein Art Puppenstadium vor. Ich war auf einen sehr engen Kreis eingeschränkt und lebte noch viel ausschließlicher in meiner inneren Welt als zu Hause... Hier habe ich mir auch das Beten ganz bewußt und aus freiem Entschluß abgewöhnt." (E.Stein, Familie/2, Seite 121, z.n. Herbstrith, 1991, Seite 9). Obwohl der Glaube der Mutter sie nie ganz berührt hatte, nahm sie dort bewußt Abschied vom Kinderglauben. Dieser 4

5 Glaube hatte für sie nicht die Verwurzelung in der Existenz. Zum Beispiel erlebte sie als 10-jährige den Selbstmord eines Onkels. In Erinnerung an die Leichenrede schrieb sie später: "...; etwas Tröstendes enthielt sie nicht. Es wurde zwar mit feierlich erhobener Stimme gebetet: <Und wenn der Leib zu Staub zerfällt, so kehrt der Geist zu Gott zurück, der ihn gegeben>. Aber dahinter stand kein Glaube an ein persönliches Fortleben und an ein Wiedersehen nach dem Tod..." (E.Stein, Familie/2, Seite 56, z.n. Herbstrith, 1993/1, Seite 21). Dieser Kinderglaube konnte den Fragen in ihr keine Antwort geben; wie vorher erwähnt auch nicht Trost. So begann eine neue Phase ihres Lebens. III.) Suche nach der Wahrheit in der Wissenschaft Nach dem Aufenthalt in Hamburg besuchte Edith Stein wieder die Schule. Als die Zeit der Berufswahl kam, wollte Onkel David, der eine Apotheke besaß, Edith Stein überreden, Medizin zu studieren. Doch seine Überredungskünste waren umsonst. Beruf war nach Ansicht Edith Steins nicht nur eine Sache des Geldverdienens, sondern Ausdruck einer inneren Gesetzmäßigkeit, der man verpflichtet war. So beschrieb sie ihre Entscheidungsfindung: "Ich konnte nicht handeln, solange kein innerer Antrieb vorhanden war. Die Entschlüsse stiegen aus einer mir selbst unbekannten Tiefe empor..." (E.Stein, Familie/1, Seite 94, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 32). Gegen den Willen des Onkels, belegte sie 1911 an der Universität Breslau die Fächer: Psychologie, Philosophie, Deutsch und Geschichte. Sie wählte diese Fächer, weil sie auf der Suche nach der Wahrheit über den Menschen und für den Menschen war. Ihr späterer Freund Roman Ingarden bestätigte dies, wenn er schrieb: "Die Frage nach der Klärung der Möglichkeit der gegenseitigen Verständigung zwischen den Menschen hat sie immer am meisten bewegt, also die Frage nach der Möglichkeit der Schaffung einer menschlichen Gemeinschaft, welche nicht nur theoretisch, sondern auch für ihr Leben in gewisser Weise für sie selbst, sehr nötig war" (Herbstrith, 1987/1, Seite 136/137 z.n. Fuchs, Seite 79). Aber auch in Edith Steins Aussage über ihr Geschichtestudium finden wir diese Suche nach Wahrheit, dieses Suchen nach Veränderungsmöglichkeiten. "Die Liebe zur Geschichte war bei mir keine bloß romantische Versenkung in vergangene Zeiten; mit ihr hing aufs Engste zusammen eine leidenschaftliche Teilnahme an dem politischen Geschehen der Gegenwart als der werdenden Geschichte, und beides entsprang wohl einem ungewöhnlich starken sozialen Verantwortungsbewußtsein, einem Gefühl für die Solidarität der Menschheit, 5

6 aber auch der engeren Gemeinschaften..." (E.Stein, Familie/1, Seite 125, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 41). Doch in Breslau sollte Edith ihre Antworten nicht finden. Die Psychologie steckte noch in den Kinderschuhen und die meisten Studenten studierten nur, um später eine "Futterkrippe" zu haben. Ihre Fragen nach dem, was der Mensch sei, was er bewegen könnte, und auch die Sehnsucht nach gemeinsamem Suchen blieb offen. So ist es nicht erstaunlich, daß sich in ihr das Gefühl, fortgehen zu müssen, steigerte. "... Es drängte mich fort... ich wußte... niemanden, der mir raten konnte. Und so suchte ich mir ganz getrost selbst meinen Weg." (E.Stein, Familie/1, Seite 146 und 123 z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 35). Dieser Weg führte Edith Stein nach Göttingen. Dort lehrte der Phänomenologe Edmund Husserl. Hier lernte Edith die bedeutendsten Vertreter der Göttinger Schule kennen: Adolf Reinach, Hedwig Conrad Martius, Hans Lipps, Max Scheler. Hier knüpfte sie rasch Verbindungen und fand Gleichgesinnte. "Ich war 21 Jahre alt und voller Erwartungen dessen, was nun kommen sollte... Das liebe alte Göttingen! Ich glaube, nur wer in den Jahren zwischen 19o5 und 1914, der kurzen Blütezeit der Göttinger Phänomenologenschule, dort studierte hat, kann ermessen, was für uns in diesem Namen schwingt." (E.Stein, Familie/1, Seite 165, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 37). Edith Stein genoß dieses gemeinsame Leben mit Gleichgesinnten. Die Husserlschüler waren durch die tiefe gemeinsame Art des Denkens auch freundschaftlich untereinander verbunden. Dieses Denken erschloß die Rückkehr zur Scholastik. Es ging also um eine Wende zurück zu den Objekten, um ein vorurteilsfreies Empfangen der Wahrheit aus den Dingen. Vorurteile, die den Zugang versperrten, sollten bewußt gemacht und "eingeklammert" werden. Peter Wust beschreibt das Wesen der Gemeinsamkeit aller Phänomenologen so: "Von Anfang an muß wohl, sagt er, in der Intention jener neuen philosophischen Richtung etwas ganz Geheimnisvolles verborgen gewesen sein, eine Sehnsucht zurück zum Objektiven, zur Heiligkeit des Seins, der Reinheit und Keuschheit der Dinge, der <Sachen selbst>. Denn wenn auch bei Husserl selbst, dem Vater dieser neuen Denkrichtung, der neuzeitliche Fluch des Subjektivismus nicht ganz überwunden werden konnte, trieb doch viele seiner Schüler die der ursprünglichen Intention dieser Schule eigene Objektgeöffnetheit weiter auf dem Wege zu den Dingen, zu den Sachverhalten, zum Sein selbst, ja sogar zum Habitus des katholischen Menschen, dem nichts gemäßer ist als das ewige Maßnehmen des erkennenden Geistes an den maßgebenden Dingen." (Wust, z.n. Herbstrith, 1993/1, Seite 88). Edith Stein war so begeistert, daß sie sich nicht von Göttingen trennen wollte. Um bleiben zu können, bat sie Husserl um das Thema für eine Doktorarbeit. Sie sollte sich 6

7 mit dem Problem der Einfühlung auseinandersetzen. Während der Ausarbeitung wurde Edith Stein immer weiter mit der Frage des Religiösen konfrontiert. Besonders auch durch Vorträge Schelers war sie beeindruckt. Der Wahrheitsgehalt seiner Aussage traf sie: "Das war meine erste Berührung mit dieser mir bis dahin völlig unbekannten Welt. Sie führte mich noch nicht zum Glauben. Aber sie erschloß mir einen Bereich von Phänomenen, an denen ich nun nicht mehr blind vorbeigehen konnte." (E.Stein, Familie/1, Seite 183, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 47). Die rationalistischen Vorurteile fielen und Edith Stein setzte sich mit der Welt des Glaubens auseinander. Um so mehr, als Dozent Reinach das lebte, was sie aus Schelers Vorträgen kannte begann für Edith Stein ein einsames Wintersemester. Ihre Freundinnen hatten Göttingen verlassen und sie fiel in eine tiefe Verzweiflung. Sie glaubte, ihre Doktorarbeit nicht fertigstellen zu können. "Zum erstenmal begegnete mir hier, was ich bei jeder späteren Arbeit wieder erfahren habe. Bücher nützen mir nichts, solange ich mir die fragliche Sache nicht in eigener Arbeit zur Klarheit gebracht hatte. Dieses Ringen nach Klarheit vollzog sich nun in mir unter großen Qualen und ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe... Es war zum erstenmal in meinem Leben, daß ich vor etwas stand, was ich nicht mit meinem Willen erzwingen konnte.... Das brachte mich so weit, daß mir das Leben unerträglich schien..." (E.Stein, Familie/1, Seite 197/198, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 48/49). Ihr innerer Kampf spiegelte sich auch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit wieder. Ihr Werk "Psychische Kausalität, Individuum und Gemeinschaft" verraten, worum es Edith Stein geht. Die Struktur der Seele, den Aufbau der menschlichen Person, des Individuums in Hinblick auf Gemeinschaft. In der Tiefe ihres Wesens wurde Edith Stein von dem Thema berührt. Ihr Verstand zögerte noch, gläubig zu werden, doch der Existenzmöglichkeit Gottes konnte sie sich nicht länger verschließen. "Ein überzeugter Atheist wird in einem religiösen Erlebnis der Existenz Gottes inne. Dem Glauben kann er sich nicht entziehen, aber er stellt sich nicht auf seinen Boden, er läßt ihn nicht in sich wirksam werden, er bleibt unbeirrt bei seiner wissenschaftlichen Weltanschauung, die durch den unmodifizierten Glauben über den Haufen geworfen würde..." (E.Stein, BzP, Seite 43f, z.n. Herbstrith, 1991, Seite 16/17). Edith Stein absolviert ihr Staatsexamen mit summa cum laude. Ihre Arbeit wurde durch den beginnenden Krieg unterbrochen. Sie meldete sich freiwillig zum Dienst in einem Seuchenlazarett. Diese Arbeit dort muß sie tief bewegt haben, da sie in ihren autobiographischen Schriften einen hohen Stellenwert einnimmt. Ab 1916 war Edith Stein Assistentin Husserls, der nach Freiburg berufen worden war. Sie leitete Proseminare und sichtete Husserls Manuskripte. Das Gesagte konnte sie ganz klar aufnehmen und geordnet wiedergeben. Sie hatte große Übersetzerfähigkeiten. Diesen 7

8 Fähigkeiten verdanken wir die Ordnung von Husserls stenographierten Zetteln. Mittlerweilen scheint klar, daß ohne Edith Stein viele Werke Husserls gar nie gedruckt worden wären. Da die Zusammenarbeit sich immer schwieriger gestaltete, wollte Edith Stein Freiburg verlassen und sich in Göttingen habilitieren. Der Versuch scheiterte, weil sie eine Frau war kehrte sie nach Breslau zurück um ihre Arbeit fortzusetzen. Das prägenste Ereignis dieser Zeit war aber der Tod Reinachs. Bis jetzt war ihr Suchen nach Wahrheit bis zum Denken des Glaubens vorgedrungen, doch nun sollte sie die Macht des Glaubens angesichts des Leides erfahren. Frau Reinach konnte nämlich inmitten des Leides an die Auferstehung glauben. "Es war dies meine erste Begegnung mit dem Kreuz und der göttlichen Kraft, die es seinen Trägern mitteilt. Ich sah zum erstenmal die aus dem Erlöserleiden geborene Kirche in ihrem Siege über den Stachel des Todes handgreiflich vor mir. Es war der Augenblick, in dem mein Unglaube zusammenbrach und Christus aufstrahlte, Christus im Geheimnis des Kreuzes." (Posselt, Seite 49, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 54). IV.) Durchbruch zur Transzendenz Nicht Wissenschaft, sondern persönliche Betroffenheit führte Edith Stein in die neue Dimension. Durch die Reaktion Fr. Reinachs auf den Tod des Mannes erkannte sie den Unterschied zwischen Durchdenken religiöser Phänomene und einem gelebten Glauben war ihre ganz persönliche Situation die einer Krise. Die Erfahrung des Krieges, Konfrontation mit dem Tod in vielfältigster Weise, die Schwierigkeiten bei der Doktorarbeit, das Ablehnen ihres Habilitatonsversuches, Ende der Karriere an der Universität durch Kündigung bei Husserl (sie fühlte sich von Husserl überfordert und gehindert am selbständigen Arbeiten), enttäuschte Beziehung zu Hans Lipps und Ingarden. Nie wurde ihre Liebe beantwortet. Sie selbst beschrieb den Zustand als tödliche Bedrohung, als Stagnation des geistigen Lebens, aller Aktivität beraubt. In dieser Ausweglosigkeit spürte sie das Berührtwerden von einer anderen Welt. In der äußersten Ermattung spürte Edith Stein das Einströmen einer anderen Wirklichkeit. "Es gibt einen Zustand des Ruhens in Gott, der völligen Entspannung aller geistigen Tätigkeit, in dem man keinerlei Pläne macht, keine Entschlüsse faßt und erst recht nicht handelt, sondern alles Künftige dem göttlichen Willen anheimstellt, sich gänzlich <dem Schicksal überläßt>. Dieser Zustand ist mir zu teil geworden, nachdem ein Erlebnis, das meine Kräfte überstieg, meine geistige Lebenskraft völlig aufgezehrt und mich aller Aktivität beraubt hat. Das Ruhen in Gott ist gegenüber dem Versagen der Aktivität aus Mangel an Lebenskraft etwas völlig Neues und Eigenartiges. Jenes war 8

9 Totenstille. An ihre Stelle tritt nun das Gefühl des Geborgenseins, des aller Sorge und Verantwortung, Verpflichtung zum Handeln Enthobenseins. Und indem ich mich diesem Gefühl hingebe, beginnt nach und nach neues Leben mich zu erfüllen und mich - ohne alle willentliche Anspannung - zu neuer Betätigung zu treiben. Dieser belebende Zustrom erscheint als Ausfluß einer Tätigkeit und einer Kraft, die nicht die meine ist und, ohne an die meine irgendwelche Anforderungen zu stellen, in mir wirksam wird." (E.Stein, BzP, Seite 76, z.n. Wimmer, Seite 198). Eine neue Wirklichkeit hatte sie hier ergriffen - die des Berührtwerdens von Gott. Dieses Wachsen des Glaubens, das schon durch das Lesen des Evangeliums oder Kierkegaards Buch "Einübung ins Christentum" sich angekündigt hatte, fand beim Lesen der Biographie Teresas v. Avila den Abschluß. Edith Stein sprach aus, was schon längere Zeit sich in ihr vorbereitete: "Das ist die Wahrheit". Hier fand sie sich selbst wieder. "Gott ist nicht ein Gott der Wissenschaft - Gott ist Liebe. Seine Geheimnisse löst nicht der schlußfolgernd vorgehende Verstand, sondern Hingabe." (Herbstrith, 1987/1, Seite 61). Teresa von Avila war wie Edith Stein Meister in der Selbsterkenntnis. Dieses sich Wiederfinden in Teresa v. Avila, löste die letzte Hemmschwelle vor einer Hingabe an Gott. Hier spürte sie einen Menschen, der in sein Innerstes vorgedrungen war, gelöst von allen Gebundenheiten, ganz bei sich war. Dies war auch immer Edith Steins ureigenste Sehnsucht. Die Fesseln, aus denen Gott löste, dieser Todesschatten, waren bei Teresa v. Avila die Freude am weltlichen Verkehr, bei Edith Stein die neue wissenschaftliche Weltanschauung. Diese war ihr Problem, das sie der Freiheit beraubt hatte, sich ganz Gott hinzugeben. Bei Teresa v. Avila geschah die Heilung vom innerstes Gebet heraus. Von hier aus konnte das widerstrebende Innere verwandelt werden. Edith Stein kannte diese Form des Betens, wie wir vorher sahen. Warum war sie nicht zum Ziel gelangt? Auch hier fand sie bei Teresa v. Avila Antwort: "Weil wir nicht alles völlig auf einmal hergeben, wird auch der Schatz der vollkommenen Liebe uns nicht auf einmal zuteil... denn viele wird es geben, die schon lange das innere Gebet zu üben begonnen haben und doch nie zum rechten Ziel gelangen. Dies kommt... daher, weil sie nicht gleich von Anfang an das Kreuz umfaßten." (Theresa v. Avila, Seite 1o7/113, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 63). Wieder begegnete Edith Stein das Kreuz, das schon durch den Tod Reinachs so deutlich die Kraft des Glaubens ihr vor Augen stellte. Die Bedeutung des Kreuzes sollte ihren Weg immer wieder begleiten. Edith Stein fand in der Biographie Teresas v. Avila so viel von sich selbst wieder, daß sie sich hingeben wollte. Sie erwarb einen Katechismus, nahm erstmalig an der katholischen Liturgie teil. Nach der Messe bat sie den Priester um die Taufe. Edith Stein mußte sich ein Jahr auf die Taufe vorbereiten. 9

10 Diese fand schließlich am 1.Jänner 1922 in Bergzabern statt. Taufpatin war ihre evangelische Freundin Conrad Martius. Doch zuvor mußte Edith Stein die Konversion der Familie unterbreiten. Edith Stein litt sehr darunter, ihrer so sehr geschätzten Mutter Kummer zu bereiten. Sie lebte in der Spannung, der Mutter wohl tun zu wollen, und doch andererseits ihren Weg gehen zu müssen. Als sie der Mutter ihren Entschluß mitteilte, kam kein Vorwurf, doch die sonst so überaus starke Frau weinte. Edith wußte, daß sie die zweite Entscheidung, in den Karmel zu gehen, verschieben mußte. V.) Warten auf den Karmel (Zeit der Berufstätigkeit) a.) Lehrerin in Speyer Edith Stein brach ihre wissenschaftliche Karriere ab, um im Glauben sich ganz Gott hinzugeben. Da der Eintritt in den Karmel noch nicht möglich war (aus Rücksicht auf die Mutter und durch das Anraten des Seelenführers), nahm sie die Stelle als Lehrerin für Deutsch und Geschichte bei den Dominikanerinnen in Speyer an. Sie faßte diese Arbeit apostolisch auf. Weniger teilte sie den Glauben durch Worte mit als durch ihr ganzes Sein. In einem Brief schrieb sie: "Das Wichtigste ist, daß die Lehrerinnen den Geist Christi wirklich in sich haben und lebendig verkörpern. Aber daneben ist es auch eine Aufgabe, das Leben zu kennen, in das die Kinder hineingehen müssen... die heutige junge Generation ist durch so viel Krisen hindurchgegangen - sie kann uns nicht mehr verstehen, aber wir müssen versuchen, sie zu verstehen, dann können wir ihr vielleicht noch ein bißchen helfen." (E.Stein, BI, Seite 54, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 74). Hier wird ihr ungeheures Einfühlungsvermögen deutlich. Viele Schülerinnen waren von ihrer Art, Leben und Glauben in Einklang zu halten, beeindruckt. Die Schülerinnen fühlten sich persönlich ernst genommen und angenommen. So schrieb eine Schülerin: "Meine persönlichen Ansichten und innersten Gefühle konnte ich in den Schularbeiten, die nur in ihre Hände kamen, rückhaltlos niederlegen. Ich empfand ganz tief, hier darfst du alles sagen, hier kannst du ganz offen und wahr sein, ohne mißverstanden zu werden..." (Posselt, Seite 63, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 75). Edith Stein lernte durch ihre berufliche Tätigkeit auch die Spannung kennen, das Verhältnis Beruf und Gebetswelt in Einklang zu bringen. Der Gedanke, sich aus der Welt zurückziehen zu müssen, wenn man gläubig geworden war, wurde mehr und mehr verändert. Als der Religionsphilosoph Dr. Erich Przywara sie aufforderte, sich mit der katholischen Philosophie zu beschäftigen, lernte Edith Stein Thomas von Aquin kennen. Sie begann die "Quaestiones disputatae de veritate" zu übersetzen und lernte mehr und mehr, daß Christsein nicht Rückzug aus der Welt 10

11 bedeutete. "Allmählich habe ich einsehen gelernt, daß in dieser Welt anderes von uns verlangt wird und daß selbst im beschaulichsten Leben die Verbindung mit der Welt nicht durchschnitten werden darf... je tiefer jemand in Gott hineingezogen wird, desto mehr muß er auch in diesem Sinne aus sich herausgehen, d.h. in die Welt hinein, um das göttliche Leben in sie hineinzutragen... Daß es möglich sei, Wissenschaft als Gottesdienst zu betreiben, ist mir zuerst so recht am Hl. Thomas aufgegangen; und nur daraufhin habe ich mich entschließen können, wieder ernstlich an wissenschaftliche Arbeiten heranzugehen" (E.Stein, BII, Seite 54, z.n. Herbstrith, 1993/1, Seite 4o). Die anfängliche Weltflucht hatte sich gewandelt. Ein neuer Zugang zur Wirklichkeit hatte sich aufgetan. Edith Stein leistete die Arbeit der Übersetzung in Stunden, die sie sich von ihrem ausgefüllten Tagesprogramm stehlen konnte. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, den Text synthetisch darzustellen, um ihn so für den Leser zugänglicher zu machen. Der Text sollte eine Hilfe sein, das Leben im Glauben besser verstehen und gestalten zu können. Ihr gelang eine Synthese von scholastischem Denken und phänomenologischer Methode, wodurch sie Vergangenheit und Gegenwart ins Gespräch brachte. Durch ihre Übersetzungen erlangte sie Ansehen in akademischen Kreisen und sie sprach in verschiedenen Vorträgen über die Probleme der Zeit. Der Schuldienst wurde durch diese Reisen im In- und Ausland immer häufiger unterbrochen. Ihr besonderes gesellschafts-politisches Engagement galt der Frauenfrage. b.) Vorträge im Engagement für die Frauenfrage ba.) Allgemeines In den Jahren von 1928 bis 1933 hielt sie eine Reihe von Vorträgen in Frauenfragen. Ihre Stimme erscheint mir besonders hörenswert, da sie einer bürgerlich-liberalen Denkwelt entsprang, strenge philosophische Arbeitsmethoden einbezog und eine Weite christlichen Denkens besaß, das nicht durch enge katholische Vorprägung bestimmt war. Sie beschäftigte sich besonders mit dem Thema der Mädchenerziehung. "Der Kampf wird geführt gegen eine Mädchenbildung, die fast ausschließlich in der Hand von Männern lag und deren Ziele und Wege von Männern bestimmt waren... Und doch war es etwas geschichtlich Gewordenes, und nicht einmal aus grauer Vorzeit Stammendes, sondern eine Errungenschaft der Neuzeit; etwas, was keineswegs überall in der Welt so war, sondern gerade in Deutschland sich eingebürgert hatte;..." (E.Stein, F, Seite 111, z.n. Gerl, Seite 56). Sie kämpfte für eine Veränderung. Es war nicht immer so, es muß nicht immer so bleiben. Um diese Umgestaltung zu ermöglichen, deckte sie Frauenbilder auf und versuchte aufzuzeigen, wie viel Potenzial 11

12 in der Frau verborgen ist. Wie sehr die Frau gerade fähig wäre, eine neue Kultur zu schaffen. Als Vortragende wandte sie sich gegen das vereinfachte Frauenbild des 19. Jhdt.. Sie vertrat die These: "...daß die frei entfaltete und recht gebildete weibliche Natur fähig sei zu eigener Kulturleistung, zu einer Leistung, nach der unsere Zeit verlangt, weil sie geeignet ist, die offen zutage liegenden Schäden der männlichen abendländischen Kultur anzugleichen; zu echter Menschenbildung und helfender Liebestätigkeit" (E.Stein, F, Seite 113, z.n. Gerl, Seite 56). Edith Stein war bemüht, die öffentliche Meinung zu entlarven, die der Frau am Ende der 2oer-Jahre das wieder nehmen wollte, was sie sich mühsam erkämpft hatte. "Es handelt sich für uns jetzt um die Tatsachenfrage, wie man gegenwärtig über die Frau denkt... Es gibt immer noch eine große Menge von Gedankenlosen, die mit abgegriffenen Redewendungen vom schwachen Geschlecht oder auch vom schönen Geschlecht sich begnügen und von diesem schwachen Geschlecht nicht ohne mitleidiges, oft auch zynisches Lächeln reden können, ohne daß sie je tiefere Überlegungen über das Wesen der Frau angestellt oder sich um einen Überblick über tatsächlich vorliegende Frauenleistungen bemüht hätten." (E.Stein, DF, Seite 1o2/1o3, z.n. Herbstrith, 1993/2, Seite 47/48). Sie fährt weiter fort: "Es gibt auch noch vereinzelte Romantiker, deren Frauenideal in zarten Farben auf Goldgrund gemalt ist und die um dieses Ideals willen den Frauen die Berührung mit der rauhen Wirklichkeit nach Möglichkeit ersparen möchten. Diese romantische Auffassung zeigt sich in einer merkwürdig widerspruchsvollen Verbindung mit jener brutalen Einstellung, die die Frau rein biologisch wertet, bei der gegenwärtig stärksten politischen Machtgruppe." (E.Stein, DF, Seite 1o3, z.n. Herbstrith, 1993/2, Seite 48). Dieser Hinweis ging in Richtung der Nationalsozialisten. Der Beitrag endete mit der Formulierung: "Teils aus der romantischen Ideologie heraus, teils mit Rücksicht auf die Rassenzüchtung, schließlich mit Berufung auf die gegenwärtige Wirtschaftslage wird hier eine Durchstreichung der Entwicklung der letzten Jahrzehnte und eine Beschränkung der Frau auf das Wirken in Haus und Familie ins Auge gefaßt. Das geistige Wesen der Frau wird dabei ebensowenig berücksichtigt wie die Gesetze der geschichtlichen Entwicklung." (E.Stein, DF, Seite 1o3, z.n. Herbstrith, 1993/2, Seite 48). Edith Stein wollte hier Tendenzen aufzeigen, die rückläufig waren, wo das Eigenwesen der Frau mißachtet, ihr keine außerhäusliche Entfaltung ermöglicht wurde. Edith Stein lehnte allerdings auch das sozialistische Werben ab, wo es zwar Gleichstellung bot, die Frau aber als wirtschaftlicher Faktor und Machtfaktor gewonnen werden sollte. Ihr ging es darum, besonders den Eigenwert der Frau zu betonen. Bei all dem Eigenwert, der natürlich gleich dem des Mannes sein 12

13 mußte, leugnete sie nicht die Unterschiede zwischen Mann und Frau. So ging sie auch der Frage nach einer weiblichen Eigenart nach. Diese Frage versuchte sie phämomenologisch zu lösen. Hier ging sie vom Erscheinungsbild der Frau aus und versuchte daraus Folgerungen auf ein weibliches Inneres zu ziehen. Sie ging von der natürlichen Anlage des Mutterseins aus und faltete dies auf Seele und Geist aus. "... Bei der Frau (treten hervor) die Fähigkeiten, um Werdendes und Wachsendes zu bewahren, zu behüten und in der Entfaltung zu fördern: darum die Gabe körperlich eng gebunden zu leben und in Ruhe Kräfte zu sammeln, andererseits Schmerzen zu ertragen, zu entbehren, sich anzupassen; seelisch die Einstellung auf das Konkrete, Individuelle und Persönliche, die Fähigkeit, es in seiner Eigenart zu erfassen und sich ihr anzupassen, das Verlangen, ihr zur Entfaltung zu verhelfen." (E.Stein, F, Seite 59, z.n. Gerl, Seite 65/66). Hier eröffnete sie viele konkrete Aufgabengebiete, wo Frauen durch ihr ganzheitliches Denken, das vor allem durch Beziehung geprägt ist, einen Ausgleich zum abstrakten Denken des Mannes schaffen könnten. Edith Stein drückte aus, daß das Leibliche das Seelische durchformt. In diesem Zusammenhang gibt es auch viele Aussagen, in denen Edith Stein zu sehr diesen Gedanken der Mütterlichkeit ausführte, wo Frauen etwa besonders als Hilfe für Schaffensprozesse anderer dargestellt werden. Den weiblichen Geist von Phänomen der Mütterlichkeit ausgehend, bestimmte Edith Stein als "Verlangen, Liebe zu geben und zu empfangen, und darin als eine Sehnsucht, aus der Enge ihres tatsächlichen gegenwärtigen Daseins zu höherem Sein und Wirken empor gehoben zu werden." (E.Stein, F, Seite 51, z.n. Gerl, Seite 67). Hier wird die Sehnsucht der Frau nach Veränderung, Reifung und Sehnsucht zugleich in dem anderen das Reifen zu fördern, deutlich gemacht. Die stärksten Ausdrucksformen für Frau sein fand Edith Stein darin, wenn sie das Frau sein dem Menschsein nachordnete. So formulierte sie "Menschsein ist das Grundlegende, Frau sein das Sekundäre." (E.Stein, D, Seite 1o, z.n. Gerl, Seite 67). bb.) Frau in der Kirche Edith Stein dehnte ihre Forderungen nach Gleichberechtigung auch auf die Kirche aus. So ist es nicht verwunderlich, daß sie auch hier kritisch wahrnahm und eine neue Richtung aufzeigte. "... Im heutigen Kirchenrecht kann zweifellos von einer Gleichstellung der Frau und dem Mann nicht die Rede sein, da sie von allen geweihten Ämtern der Kirche ausgeschlossen ist." (E.Stein, F, Seite 6,z.n. Herbstrith, 1993/2, Seite 24). Man weiß auch aus Gesprächsaufzeichnungen, daß sie sich gedanklich auch ein Priestertum der Frau vorstellen konnte, daß sie aber auf Grund der Bibel und der 13

14 langen Tradition nicht konkreter darüber nachdachte. Andere Dinge hielt sie für durchaus änderbar. Ja sie formulierte sogar, daß Kirche von vornherein auf Entwicklung angelegt sei. Daß Entwicklung immer auch Kämpfe einschließt und daß rechtliche Formen dies meist später formulieren, was geschehen ist, "daß in der Kirche alles für alle Zeiten unabänderlich festgelegt sei. Es wird naiv übersehen, daß die Kirche eine Geschichte hat, daß sie, ihrer menschlichen Seite nach, wie alles Menschliche von vornherein auf Entwicklung angelegt war und daß diese Entwicklung sich häufig auch in der Form von Kämpfen abspielt. Die meisten dogmatischen Definitionen sind abschließende Ergebnisse vorausgegangener, oft jahrzehnte und jahrhundertelanger Geisteskämpfe..." (E.Stein, F, Seite 116, z.n. Herbstrith, 1993/2, Seite 24/25). Dieses Ringen auf dem Weg ist Wesen der Kirche, nicht ihr rechtlicher Aufbau. Edith Stein drückte dies so aus: "Der rechtliche Aufbau erschöpft das Wesen der Kirche nicht, ist auch nicht ihr eigentlicher Wesenskern... Ähnlich wie beim Staat in der Regel auch die lebendig erwachsende Volksgemeinschaft das Erste ist, die staatliche Form und Ordnung das Hinzukommende, der äußere Abschluß und die willentliche Bestätigung dessen, was natürlich gewachsen ist" (E.Stein, EeS, Seite 38o, z.n. Herbstrith, 1993/2, Seite 35). Hier brachte Edith Stein die große Macht der Basis zum Ausdruck. Sie stellte das Kirchenrecht als Nachfolge des Tuns dar. Es wird verifiziert was gelebt wird. Kirche als ein Lebendiges, Wachsendes, sich Veränderndes und das Recht als die Form, die dazukommt. Edith Stein verwies darauf, daß heutige Formen eine Verschlechterung zum Urchristentum darstellten und nach einer Veränderung drängten. Auch für sie war es unverständlich, daß bei gleicher Qualifikation Männern der Vorzug gegeben wurde.sie sah die Frau in der Kirche in vielen Aufgaben: Caritas, Seelsorgehilfe, Lehrtätigkeit. Bei einem Vortrag in der Schweiz warnte Edith Stein die Frau, sich auf eine passive Rolle in der Kirche zurückzuziehen und Aufgaben nur heiligen Frauen, Ausnahmeerscheinung, zu überlassen. bc.) Biblische Auseinandersetzung Natürlich beschäftigte sich Edith Stein auch mit der Frau in der Bibel. Hier ging sie vor allem vom Schöpfungsbericht aus. Ohne die Hilfsmittel der kritisch-historischen Methode unterschied sie zwischen Textverhaftetem und Gültigverbindlichem. So ordnete sie Aussagen und deren Gewichtung in Abhängigkeit zum Kontext und fragte nach dem ursprünglichem Willen Gottes. Diesen sah sie zweimal ganz rein: Am Anfang der Schöpfung und bei Jesus. Hier sah sie das Unverfälschte, dem die 14

15 Gegenwart neu entsprechen sollte. So zeigte der Schöpfungsbericht Gen. 1, für Edith Stein einen gemeinsamen, 3-fachen Auftrag: 1.) Ebenbild Gottes zu sein 2.) Nachkommen hervorzubringen und 3.) sich die Erde untertan zu machen. Edith Stein sah erst durch den Sündenfall ein Auseinanderklaffen zwischen Mann und Frau. Durch den Sündenfall entstanden Fehlformen des Verhaltens zu Gott, zur Erde und zum Menschen. Die Unterordnung der Frau und die Herrschaft des Mannes ist eine Art dieser Fehlformen. Durch die Erlösung sollte der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt werden. Auch ihre Gedanken zum Korintherbrief veranschaulichen ihr kritisches Denken (1. Kor 11,3ff). "Wir dürften dem Apostel nicht zu nahe treten, wenn wir sagen, daß in dieser Weisung an die Korinther Göttliches und Menschliches, Zeitliches und Ewiges vermischt sind. Haartracht und Kleidung sind Sache der Sitte... Wenn seine Entscheidung in der Frage, wie die korinthischen Frauen beim Gottesdienst gekleidet sein sollten, für die von ihm gegründete Gemeinde bindend war, so ist damit nicht gesagt, daß sie es für alle Zeiten sein sollte. Anders ist das zu beurteilen, was er über das prinzipielle Verhältnis von Mann und Frau sagt... Man hat aber den Eindruck, daß die Interpretation nicht rein die ursprüngliche und die Erlösungsordnung wiedergibt, sondern in der Betonung des Herrschaftsverhältnisses und gar in der Annahme einer Mittlerstellung des Mannes zwischen dem Erlöser und der Frau noch von der Ordnung der gefallenen Natur beeinflußt ist. Weder der Schöpfungsbericht kennt eine solche Mittelbarkeit des Verhältnisses zu Gott, noch das Evangelium. Wohl aber kennt sie das mosaische Gesetz und das römische Recht." (E.Stein, F, Seite 24f, z.n. Gerl, Seite 59). Edith Stein machte deutlich, daß es im Heilswirken Gottes keinen Unterschied des Geschlechtes gibt. "... Im Neuen Bund leistet der Mensch seinen Anteil am Erlösungswerk durch den engsten, persönlichen Anschluß an Christus.... Für diesen Heilsweg gibt es keinen Unterschied des Geschlechtes. Von hier aus kommt das Heil für beide Geschlechter und für ihr Verhältnis zueinander." (E.Stein, D, Seite 1o, z.n. Gerl, Seite 61). Edith Stein ging noch weiter. Sie erwägt den Gedanken der Mütterlichkeit Gottes. Besonders sah sie den heiligen Geist als Urbild der Frau. "... Dienende Liebe ist Beistand, der allen Geschöpfen zu Hilfe kommt, sie zur Vollendung zu führen. Das ist aber der Titel, der dem Heiligen Geist gegeben wird. So könnten wir im Geiste Gottes, der ausgegossen ist über alle Kreatur, das Urbild weiblichen Seins sehen..." (E.Stein, F, 1959, z.n. Gerl, Seite 62). Die Nachfolge Jesu überwindet letztlich alle geschlechtliche Eigenartigkeit. Wenn wir Jesus ähnlich 15

16 werden, und Christus das Ideal menschlicher Vollkommenheit ist, werden alle Mängel mehr und mehr aufgehoben, ausgeglichen, ergänzt. "Je weiter (jeder) auf diesem Wege voranschreitet, desto mehr wird er Christus ähnlicher werden, und da Christus das Ideal menschlicher Vollkommenheit verkörpert, in dem alle Einseitigkeiten und Mängel aufgehoben, die Vorzüge der männlichen und weiblichen Natur vereint, die Schwächen getilgt sind, werden seine getreuen Nachfolger gleichfalls mehr und mehr über die Grenze der Natur hinausgehoben werden. Darum sehen wir bei heiligen Männern weibliche Zartheit und Güte und wahrhaft mütterliche Fürsorge für die Seelen, die ihnen anvertraut sind, bei heiligen Frauen männliche Kühnheit, Fertigkeit und Entschlossenheit." (E.Stein, F, Seite 43f, z.n. Gerl, Seite 63/64). Hier wird klar, daß es Edith Stein vor allem um Menschwerdung ging. In aller Verschiedenheit der Geschlechter geht es letztlich darum, Christus ähnlich zu werden, wahrhaft das werden, zu dem wir bestimmt sind: Hier fließt letztlich alles zusammen. c.) Dozentin in Münster Ihre wissenschaftliche Laufbahn schien durch die Vorträge zur Frauenfrage und durch die Thomasübersetzung einen neuen Höhepunkt zu erreichen. So versuchte sich Edith Stein erneut zu habilitieren. Der Versuch scheiterte erneut. Edith Stein gab ihre Aufgabe in Speyer auf, um sich ganz Thomas v. Aquin zu widmen. Es entstand der Entwurf für "Akt und Potenz", eine Auseinandersetzung der Scholastik und der Phänomenologie. Die Übersetzungen v. Thomas v. Aquin wurden weitergeführt. Sie zog sich in ihre Heimatstadt Breslau zurück, von wo aus sie an die Pädagogische Akademie nach Münster berufen wurde. Dort sollte sie am Aufbau einer theologischphilosophisch fundierten Pädagogik mithelfen. Diese Aufgabe fiel ihr nicht leicht, da die Dozenten, mit denen sie zusammenarbeitete, aus philosophisch unterschiedlichen Richtungen kamen und da sie der Welt des gemeinsamen Philosophierens durch ihre Zeit in Speyer ebenfalls entfremdet war. In einem Brief an Hedwig Conrad-Martius schrieb sie über diese Auseinandersetzung: "Haben Sie einmal darüber nachgedacht, was Pädagogik ist? Man kann keine Klarheit darüber bekommen, wenn man nicht Klarheit in allen Prinzipienfragen hat. Und wir sind Leute mit ganz verschiedener philosophischer Vergangenheit (der Psychologe sogar ganz ohne eine solche). Da können Sie sich denken, wie schwer es ist, sich zu verständigen. Einig sind wir nur in dem Ziel, eine katholische Pädagogik aufzubauen. Das ist ja etwas sehr Schönes, und ich bin herzlich dankbar dafür. Ich lerne auch viel dabei und leide nur immer an meiner gräßlichen Unwissenheit (besonders in Pädagogik und Philosophiegeschichte) und der Unmöglichkeit, das noch je wieder einzubringen. Ich tröste mich nur damit, 16

17 daß ich gerade in dieser Arbeitsgemeinschaft Anregungen geben kann, die dann von anderen fruchtbar gemacht werden, wenn auch meine eigenen Arbeiten immer unzulänglich bleiben werden." (E.Stein, BI1, Seite 11o/111, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 1o4/1o5). Obwohl viele ihrer Schüler beeindruckt von ihren Vorträgen und betroffen von ihrem Lebenszeugnis waren (sie hatte immer ein offenes Ohr für jeden), fühlte sie sich mehr und mehr fremd. Trotz ihrer Mitarbeit bei der Arbeitstagung der Societe Thomiste, wo sie brillierte und ein großes Echo fand, war sie allein. "Ich merke, daß ich eigentlich überall den Anschluß verloren habe und für diese Welt allseitig untauglich bin... Diese Erkenntnis der eigenen Grenzen hat in den letzten Monaten bei mir rapide Fortschritte gemacht." (E.Stein, BI2, Seite 123, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 1o5). Zu diesen inneren Fragen kamen schwere politische Veränderungen. Der Nationalsozialismus ging 1933 zum Angriff auf die Juden über. Edith Stein hatte schon lange diese Untaten befürchtet. "... Gerade jetzt, wo ich auf ein Jahr hier am Institut zurücksehen kann und auch für die nächste Zeit den Weg zu sehen glaube, habe ich stark den Eindruck, daß ich notwendig, Schritt für Schritt so gehen mußte und daß ich mich ruhig der Führung überlassen darf." (E.Stein, BII, Seite 135, z.n. Herbstrith, 1993/1, Seite 52). Aus all dem Gesagten wird klar, wie groß die Unsicherheit schon war. Edith Stein spürte schon früher als alle anderen, was sich hier abzeichnete. In ihrer Art, Leben und Tun, Denken und Handeln zu verbinden, unternahm sie Schritte, diesem Unheil entgegen zu wirken. Sie erbat eine Papstaudienz zur Judenfrage. Diese wurde ihr verwehrt. Und auch Erzabt Waltzer in Beuron, wo Edith Stein immer wieder Zeiten der Einkehr verbrachte, beschwichtigte ihre Befürchtungen. Doch als sie von Beuron zurückkehrte, mußte man, weil sie Jüdin war, auf ihre Mitarbeit in Münster verzichten. Ein neuer Abschnitt in Edith Steins Leben sollte beginnen. Elf Jahre hatte sie sehnsüchtig auf den Klostereintritt gewartet, doch alle geistlichen Berater hatten sie zum öffentlichen Engagement aufgefordert. Ihr Leben war nun abgeklärter, realistischer geworden. In ihrem Tagebuch finden sich folgende Bemerkungen: "Das Warten war mir zuletzt sehr hart geworden. Ich war ein Fremdling in der Welt geworden. Ehe ich die Tätigkeit in Münster übernahm, hatte ich dringend um die Erlaubnis, in den Orden eintreten zu dürfen, gebeten. Sie wurde mir verweigert mit dem Hinweis auf meine Mutter und auch auf die Wirksamkeit, die ich seit einigen Jahren im katholischen Leben hatte. Ich hatte mich gefügt. Aber nun waren ja die hemmenden Mauern eingestürzt. Meine Wirksamkeit war zu Ende. Und würde mich meine Mutter nicht lieber in einem Kloster in Deutschland wissen als an einer Schule in Südamerika? Am 3o. April - es war der Sonntag vom Guten Hirten - wurde in der Ludgerikirche das Fest des Heiligen Ludgerus mit dreizehnstündigem 17

18 Gebet gefeiert. Am späten Nachmittag ging ich dorthin und sagte mir: Ich gehe nicht wieder fort, ehe ich Klarheit habe, ob ich jetzt in den Karmel gehen darf. Als der Schlußsegen gegeben war, hatte ich das Jawort des Guten Hirten." (Posselt, Seite 1oo, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 112/113). Edith Stein, die eine Berufung einer Schule in Südamerika ausschlug, mußte nun ihre Entscheidung in den Karmel einzutreten auch ihrer Familie mitteilen. Der Riß stand zwischen Mutter und Tochter. Sie mußte den Weg im Glauben einfach durchstehen. Als sie Abschied von der Familie nahm und im Zug nach Köln fuhr, beruhigte sich diese innere Zerreißprobe. "So war es nun doch wirklich, was ich kaum zu hoffen gewagt hatte. Es konnte keine stürmische Freude aufkommen. Dazu war das zu schrecklich, was hinter mir lag. Aber ich war tief beruhigt - im Hafen des göttlichen Willens." (Posselt, Seite 1o9, z.n. Herbstrith, 1987/1, Seite 115) VI.) Leben im Karmel (Aus der Tiefe leben) Mit 42 begann ihre Zeit im Kloster. Wie wohl sie sich im Kloster fühlte, wie gut es ihr tat, endlich angekommen zu sein, drückte ein Brief aus. "Über die Frage, wie ich mich an die Einsamkeit gewöhnt habe, mußte ich ein wenig lächeln. Ich bin die meiste Zeit meines Lebens viel einsamer gewesen als hier. Ich vermisse nichts, was draußen ist, und habe alles, was ich draußen vermißte, so daß ich nur immer für die ganz unverdiente übergroße Gnade der Berufung danken muß." (Brief an Pfarrer Konrad Schwind vom aus Köln, z.n. E.Stein, ATl, Seite 1o3). Natürlich bereitete das Noviziat im Kölner Karmel auch Schwierigkeiten. Sie war als 42-jährige viel älter als alle anderen, natürlich auch viel gebildeter und in praktischen Arbeiten äußerst ungeschickt. Doch Edith Stein gelang es, sich gut einzufügen. Das Fest der Einkleidung fand am 15. April 1934 statt. Von der Familie war zu ihrem großen Fest niemand anwesend. Edith Stein liebte alle Gebetszeiten und konnte auch ihre Länge genießen. Wie sehr sie sich der Welt verbunden fühlte, und wie erfüllt dieses Leben im Kloster für sie sein mußte, wird deutlich, wenn man liest: "Das Vertrauen, daß etwas von unserem Frieden und unserer Stille hinausströmt in die Welt und denen beisteht, die noch auf der Pilgerschaft sind, kann mich allein darüber beruhigen, daß ich vor so vielen Würdigeren in diese wunderbare Geborgenheit berufen wurde...". (Brief an Gertrud von le Fort vom aus Köln, z.n. E.Stein, ATl, Seite 111/112). Diese Geborgenheit durch dieses neue Leben, weg vom Existenzkampf, die vielen Stunden des Gebetes, führten zu einer neuen Qualität des Seins. Den Unterschied des in sich gesammelten Menschen zum zerstreuten Menschen stellte Edith Stein in "Endliches 18

19 und ewiges Sein" so dar: "...im Inneren ist das Wesen der Seele nach innen aufgebrochen. Wenn das Ich hier lebt - auf dem Grunde seines Seins, wo es eigentlich zu Hause ist und hingehört -,dann spürt es etwas vom Sinn seines Seins und spürt seine gesammelte Kraft vor ihrer Teilung in einzelne Kräfte. Und wenn es von hier aus lebt, so lebt es ein volles Leben und erreicht die Höhe seines Seins. Was an Gehalten von außen aufgenommen wird und bis hierher vordringt, das bleibt nicht nur gedächtnismäßiger Besitz, sondern kann <in Fleisch und Blut> übergehen. So kann es zum lebensspendenden Kraftquell in ihr werden...". (E.Stein, EeS, Seite 4o2f, z.n. E.Stein, ATl, 1988, Seite 157). Wie sehr Edith Stein hier in der Tiefe verweilen konnte, wie sehr sie hier umgeformt wurde, bezeugte ihr ganzes Leben. Edith Stein erkannte, wie wichtig das oftmalige Verweilen in der Tiefe war, um sich wirklich ändern zu können, um die Seele formen zu lassen, den Sinn zu erkennen und sich auf das Ziel hin auszustrecken. So formulierte sie in "Endliches und ewiges Sein": "... Aber wer gesammelt in der Tiefe lebt, der sieht auch die <kleinen Dinge> in großen Zusammenhängen; nur er vermag ihr Gewicht - an letzten Maßstäben gemessen - in der richtigen Weise einzuschätzen und sein Verhalten entsprechend zu regeln. Nur bei ihm ist die Seele auf dem Wege zur letzten Durchformung und zur Vollendung ihres Seins. Wer nur gelegentlich in die Tiefen der Seele zurückgeht, um dann wieder an der Oberfläche zu verweilen, bei dem bleibt die Tiefe unausgebildet und kann auch ihre formende Kraft für die weiter nach außen gelegenen Schichten nicht entfalten. Und es mag Menschen geben, die überhaupt nie bis zu ihrer letzten Tiefe gelangen und darum nicht nur nie zur Vollendung ihres Seins, zur Durchformung ihrer Seele im Sinne ihrer Wesensbestimmtheit, sondern nicht einmal zu dem ersten, <vorläufigen> Besitz ihrer selbst, der für den Vollbesitz Voraussetzung ist und schon bei einem vorübergehenden Verweilen in der Tiefe erreicht wird: einem - wenigstens dunkel ahnenden - Wissen um den Sinn ihres Seins und um die Kraft, von sich aus auf das Ziel hinzuarbeiten." (E.Stein EeS, Seite 4o4, z.n. E.Stein, ATl, Seite 159). Wie sehr sich Edith Stein auf ihr Lebensziel hinbewegte, sich bewegen und formen ließ, kommt besonders auch in ihren philosophischen Werken zum Ausdruck. VII.) Philosophie a.) Endliches und ewiges Sein - der Versuch einer christlichen Philosophie Die Philosophie der Neuzeit, hatte sich mit der Erkenntnisfrage, nicht mit der Seinsfrage beschäftigt. Dadurch waren die katholischen Denker uninteressant geworden. Ihre Offenbarungswahrheiten konnten die Fragestellungen der Neuzeit 19

20 nicht aufgreifen. Edith Stein sollte diese neu verknüpfen können. Ihr ging es mehr darum, eine christliche Philosophie zu versuchen, das heißt Philosophie mit Voraussetzung des Glaubens zu betreiben. "Die Rätsel, die uns Sein und Erkennbarkeit dieser Urbilder... aufgeben..., veranlassen uns, die Antwort, die uns eine Philosophie aus rein natürlicher Erkenntnis schuldig bleibt, auf einem anderen Gebiet zu suchen: in den Glaubenswahrheiten und der theologischen Lehrüberlieferung". (E.Stein, EeS2, Seite 227, z.n. Herbstrith, 1991, Seite 5o). Doch wird sich der Wissenschaftler der Neuzeit einer Philosophie, die Glauben voraussetzt, stellen? "Dem <kritisch> eingestellten Philosophen der Gegenwart wird sich hier die Frage aufdrängen: wenn der Glaube letztes Kriterium aller anderen Wahrheit ist, was ist Kriterium für ihn selbst, was verbürgt mir die Echtheit der Glaubensgewißheit? Im Sinne des Hl. Thomas sagt man darauf wohl am besten: der Glaube verbürgt sich selbst. Man könnte auch sagen: Gott, der uns die Offenbarung gibt, bürgt uns für Ihre Wahrheit. Doch das wäre nur die andere Seite derselben Sache. Denn wollte man es als getrennte Tatbestände nehmen, so käme man, da wir ja des Gottes, den uns die Offenbarung kennen lehrt und der uns persönlich nahe ist, im Glauben gewiß werden, zu einem circulus vitiosus... Man kann nur darauf hinweisen, daß für den Gläubigen die Glaubenswahrheiten eine solche Gewißheit haben, daß alle andere Gewißheite dadurch relativiert wird, und daß er nicht anders kann als jede vermeintliche Erkenntnis preisgeben, die zum Glauben im Widerspruch steht. Die spezifische Glaubensgewißheit ist ein Geschenk der Gnade. Verstand und Wille haben die theoretischen und praktischen Konsequenzen daraus zu ziehen. Zu den theoretischen Konsequenzen gehört der Aufbau einer Philosophie aus dem Glauben." (E.Stein, HF, Seite 322, z.n. Wimmer, Seite 2o4/2o5). In diesem Eingehen auf den Glauben, diesem nicht Zurückschrecken von der Metaphysik unterschied sie sich grundlegend von Husserl. Ihr ging es darum, Leib, Seele, Geist in Einklang zu bringen, Sinnzusammenhänge herzustellen. Sie erläuterte auch, daß nur im Glauben ein Sinnzusammenhang möglich ist. So wächst aus Glauben die Überzeugung - es gibt keinen Zufall. Die moderne Naturwissenschaft kann den Sinn des Ganzen nicht wahren oder herstellen. Sie erklärt Einzelnes, bietet aber keine Zusammenschau, nur eine religiöse Sicht vermag dies zu leisten. "Schöpft man aber sein Lebensverständnis aus Glauben an Gott - Dann ist das Dasein, trotz seiner Fragen, sinnvoll. Im Glauben wächst die Überzeugung - alles steht in einem Sinnzusammenhang. "Was nicht in meinem Plan lag, das hat in Gottes Plan gelegen" (E.Stein z.n. Wimmer, Seite 219). In dieser Sinnfrage erschließt sie, vom ich ausgehend, die Existenzmöglichkeit Gottes. Als sie nämlich die Skizze "Akt und 20

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