Der Weg zum erfolgreichen Projekt

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1 Gabriele Girke Charlotte Große Der Weg zum erfolgreichen Projekt Entwicklung, Umsetzung und Präsentation an Grundschulen Modellprojekt Unsere Schule... Soziale Schulqualität an Grundschulen Schulinterne Evaluation, Fort- und Weiterbildung Die Entwicklung und Durchführung des Modellprojektes wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und unterstützt und durchgeführt in den Ländern Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

2 Dr. Gabriele Girke studierte Philosophie und Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Nach ihrem Diplom war sie als wissenschaftliche Assistentin tätig. Als Gründungsmitglied eines Vereins, der sich sozialen Projekten und beruflicher Weiterbildung widmet, und unter ihrer Leitung initiierte sie zahlreiche Projekte in der Jugend- und Sozialarbeit im Land Brandenburg. Sie ist seitdem als Geschäftsführerin und Projektmanagerin tätig. Als Dozentin an Hochschulen und Weiterbildungsträgern beschäftigt sie sich mit Methoden von Bildungs- und Sozialer Arbeit, im Besonderen mit Projektentwicklung, Qualitätsmanagement sowie Führung und Kommunikation. Charlotte Große studierte Soziologie, Pädagogik und Psychologie an der Universität Bonn. Nach ihrem Magisterabschluss entwickelte und leitete sie Projekte zur berufsvorbereitenden und berufsbegleitenden Förderung Jugendlicher und junger Erwachsener. Sie war Geschäftsführerin einer großen Jugendhilfeeinrichtung im Land Brandenburg. Als Dozentin und Beraterin beschäftigt sie sich insbesondere mit Gender Mainstreaming und Projektmanagement sowie Team- und Organisationsentwicklung. Hinweis: Die sprachliche Gleichbehandlung von Männern und Frauen hat sich in den letzten Jahren überall durchgesetzt. In diesem Lehrbrief wollen wir bewusst und konsequent für Frauen und Männer kommunizieren. Damit der Text trotzdem lesbar bleibt, verwenden wir jeweils unterschiedliche Formen dieser sprachlichen Gleichstellung. Copyright 2005 Institut für berufliche Bildung und Weiterbildung e. V., Göttingen Alle Rechte vorbehalten Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Photokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Instituts für berufliche Bildung und Weiterbildung e.v. reproduziert, übersetzt oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Satz und Gestaltung: Delta GmbH, Göttingen Wissenschaftliche und redaktionelle Leitung: Ulrich Geisler, Anne Niederdrenk, Wolfgang Muhs Auflage 2005

3 Inhaltsverzeichnis 3 Inhaltsverzeichnis Seite 1. Einführung Was macht ein Vorhaben zum Projekt? Gibt es überall Projekte? Wie verlaufen Projekte? Didaktische Hinweise Projektentwicklung Konzept erstellen und Aufträge klären Was ist los? Problemdiagnose Theoretische Erklärung Methodische Hinweise Beispielgeschichte Was wollen wir erreichen? Zielsetzung Theoretische Erklärung Methodische Hinweise Beispielgeschichte Wie können wir das erreichen? Lösungssuche Theoretische Erklärung Methodische Hinweise Beispielgeschichte Wie wollen/müssen wir das erreichen? Lösungsauswahl Theoretische Erklärung Methodische Hinweise Beispielgeschichte Projekt-Präsentation Was macht eine Rede zu eine Präsentation? Welche Fehler können passieren? Technische Hilfsmittel erfolgreicher Präsentation Das Präsentations-Konzept 62

4 Inhaltsverzeichnis Vor- und Nachbereitung im Team Rhetorische Hilfsmittel erfolgreicher Präsentationen Klare und verständliche Rede Anschauliche Visualisierung Nonverbale Sprache Projektumsetzung Aufgaben und Abläufe planen Aufgabenplanung Theoretische Erklärung Methodische Hinweise Beispielgeschichte Ablaufplanung Theoretische Erklärung Methodische Hinweise Beispielgeschichte Projekt-Dokumentation Bedeutung von Dokumentation und Veröffentlichung Formen und Methoden Information und Transparenz herstellen Dokumentation Öffentlichkeitsarbeit Ausblick 130 Arbeitsblätter 131 Literaturverzeichnis 143 Links 145 Einsendeaufgabe 147

5 1. Einführung 5 1. Einführung Viele Aufgaben des schulischen Alltags sind notwendigerweise Routine und wiederholen sich jedes Jahr aufs Neue. Bewährte Methoden und Organisationsformen haben ihren festen Platz im schulischen Leben. Dennoch kommen von innen und außen Anstöße zu Veränderungen, die als Impuls aufgegriffen werden müssen. Schule und Lernen entwickeln sich oft in Schüben. Sei es die Veränderung des Unterrichts in Klassen oder in klassenübergreifenden Formen oder unterrichtsergänzende Vorhaben, seien es Angebote der Sozialarbeit an Schulen, Qualitätszirkel der Lehrer/innen, Beteiligung an Netzwerken im Sozialraum viele Formen der Schulentwicklung sind ursprünglich einem inneren oder äußeren Impuls gefolgt. Jemand hat diesen Impuls aufgegriffen, ein Problem formuliert, Verbündete gesucht und sich mit ihnen auf gemeinsame Ziele geeinigt. So entstand ein Vorhaben, das aus dem alltäglichen Trott herausragte nicht immer zur Freude aller. Diese Unterbrechung der Routine, das In-Frage-stellen dessen, was wir schon immer so gemacht haben, oder die Befürchtung, dass das sowieso nicht geht, stellen sich ebenso schnell ein, wie die Begeisterung für Neues und das Aufgreifen kreativer Ideen. Aber diese neuen Ideen fruchten nicht von selbst. Angelehnt an einen Werbespruch könnte man sagen: für die einen ist es Unruhe, für die anderen ist es die schönste Herausforderung der Welt Diese Vorhaben laufen i.d.r. neben dem eingespielten Alltag, sie brauchen langen Atem und gute Planung, sonst geraten sie in die Mühlen des Gewohnten und verpuffen gestartet als Tiger und gelandet als Bettvorleger so beschreiben viele Lehrer/innen und Sozialarbeiter/innen den Ausgang von Projekten an ihrer Schule. Andere berichten (auch im Rahmen der Weiterbildungen) vom Schwung, den diese Projekte in die Schule gebracht haben und davon, dass ehemals neue Vorhaben inzwischen erfreulicherweise zum (veränderten) Alltag gehören. Menschen, die in Projekten beteiligt sind, verändern auch sich selbst; sie werden mutiger, kreativer, klarer und selbstsicherer. Unsere Erfahrungen besagen auch, dass es nicht ausreicht, von einem Vorhaben überzeugt und selbst davon begeistert zu sein nur wer diese Projektideen klar, glaubwürdig und einprägsam präsentieren kann, wird Wertschätzung, Interesse oder Unterstützung finden.

6 1. Einführung 6 Gründe genug, um sich im Rahmen dieser Weiterbildung mit der systematischen Entwicklung und Präsentation von Projekten zu beschäftigen? Nun denn: Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden; Es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun! (J. W. Goethe) 1.1 Was macht ein Vorhaben zum Projekt? Projekte sind Vorhaben, die jenseits von Routineabläufen entstehen. Sie können beispielsweise technische, gesellschaftliche oder wissenschaftliche Aufgaben beinhalten. In diesem Sinne werden alle möglichen Aufgaben als Projekt bezeichnet echte Projekte sind jedoch dadurch gekennzeichnet, dass sie: komplexe Probleme bearbeiten, verschiedenartige Tätigkeiten erfordern und risikovoll sind (und nicht nur einfache Aufgaben); durch konkrete Ziele geleitet, durch eindeutige Aufgabenteilung und Verantwortung aller Beteiligten für das Gesamtergebnis organisiert werden (und nicht nur Wünsche und lose Absprachen); in dieser Art erst-/einmalig und innovativ sind (und nicht routinemäßig wiederkehren); in der Zeit befristet, im Geld begrenzt und im Personal besonders zusammengesetzt sind (und nicht im laufenden Betrieb bestritten werden). Bei der Gestaltung dieser komplexen Aufgaben müssen die Tätigkeiten systematisch ineinander greifen. In der Projektarbeit muss ein Gleichgewicht zwischen eigenständigem Arbeiten und Kooperation sowie zwischen Phantasie und Realitätssinn hergestellt werden.

7 1. Einführung 7 Projektarbeit braucht eine Arbeitsweise, die konkurrierende Ziele, Aufgaben und Beziehungen integriert und steuert. Projekte müssen geführt werden, weil die Aufgaben komplex sind und die Kooperation der Beteiligten gesichert werden muss. Projekte erfordern kreatives, unkonventionelles Denken und demokratischen Umgang mit Menschen, die unterschiedliche Sichtweisen einbringen.! Erinnern Sie ein Projekt aus Ihrem Schulalltag: Hat es Ihnen Spaß gemacht, sich auf Neues, Ungewohntes einzulassen? Wenn ja, ging es den anderen auch so? Waren die Aufgaben klar getrennt? Haben Sie die Zusammenarbeit in der Projektgruppe als gewinnbringend für sich selbst und als hilfreich für die Aufgabenerledigung erlebt? Oder erging es Ihnen eher so, wie es Motto vieler Projekte ist: Wir wissen zwar nicht wohin, aber wir laufen schon mal los.? War die Luft schnell raus, wussten die Beteiligten nicht genau, was jede/r einzelne tun sollte, gab es Unzuverlässigkeiten? Haben Sie eventuell an den Erwartungen der anderen vorbei agiert und sich dann gewundert, dass es plötzlich irgendwo Widerstand gab? Ist das Projekt vielleicht im Sande verlaufen? Damit sich diese negativen Erfahrungen nicht ständig wiederholen, braucht ein Projekt drei Garantien: es muss klar, überschaubar und überprüfbar gestaltet sein. Das erfordert systematisches, konsequentes Herangehen. In diesem Lehrbrief werden einige Methoden vorgestellt, die Ihnen helfen werden, Projekte erfolgreich zu gestalten. Nicht selten sind durch solche Projekte langfristig auch ganze Organisationen und Institutionen verändert worden, ist die alltägliche Arbeit leichter geworden, weil nach Abschluss eines Projektes nachhaltig Aufgaben neu festgelegt und Strukturen geschaffen wurden, die alle Beteiligten zufriedener machen.

8 1. Einführung 8 In vielen Weiterbildungslehrgängen haben sich diese methodischen Handreichungen schon bewährt und Lehrer/innen haben den Unterschied zu ihren bisherigen Projekterfahrungen deutlich gemerkt: die Arbeit wird leichter, treffsicherer und freudvoller. Bevor Sie sich mit diesen methodischen Schritten der Entwicklung und Umsetzung von Projekten beschäftigen, wollen wir Ihre Aufmerksamkeit auf einige Eigentümlichkeiten im Projektverlauf richten. Zunächst einige informative Beispiele für Bereiche, in denen Projekte stattfinden.

9 1. Einführung Gibt es überall Projekte? In der Privatwirtschaft und auch in öffentlichen Institutionen wird in den letzten Jahren immer öfter dezentral und projektbezogen gearbeitet. Betriebe oder Arbeitsbereiche werden so umstrukturiert, dass die Beschäftigten mit mehr Eigeninitiative und Verantwortung arbeiten können. Aus großen unüberschaubaren Institutionen werden produktorientierte Projektgruppen herausgelöst, die dann relativ eigenständig und selbstorganisiert arbeiten. Aus verschiedenen Verwaltungen heraus werden Angestellte in Arbeitsgruppen zusammengefasst, die dann z. B. vor Ort arbeiten, verschiedene Aufgaben zusammenfassen und für die Bürger unnötige Behördengänge vereinfachen. Beispielsweise können Hilfen für Familien mit komplexen Problemlagen dort aus einer Hand erledigt werden, wo es vordem viele verschiedene Ämter, Personen, Träger gegeben hat. In anderen Fällen schließen sich Träger solcher Hilfen projektbezogen zusammen oder bilden mobile Teams. Hierbei sprechen wir von Veränderungsprojekten; sie dienen der Veränderung von eingefahrenen Strukturen in Organisationen. Dazu bildet sich eine Arbeitsgruppe oder es wird eine Stabsstelle eingerichtet, in der Menschen aus verschiedenen Abteilungen oder Berufsgruppen zusammenkommen und für eine begrenzte Zeit mit einem Auftrag zur Veränderung der Arbeitsabläufe, der Produkte, des Images o. ä. zusammenarbeiten. Ein Projekt kann andererseits auch eine Vorstufe zu einer Institution sein. Aus vielen Projekten ist später ein Verein oder eine andere Trägerform geworden. Eigentlich ist Projektarbeit in der Forschung und technischen Entwicklung entstanden viele datieren die Entwicklung der ersten Atombombe als den Beginn erfolgreicher Projektarbeit. Heute ist keine Forschung und Entwicklung ohne Projektstrukturen denkbar. Projekte entstanden auch im Zusammenhang mit politischen emanzipatorischen Bewegungen in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum standen und stehen heute noch lokal und zeitlich begrenzte selbstorganisierte Vorhaben und Initiativen. Projekte sind darüber hinaus eine Form des Lernens, die reformpädagogische Absichten hat. In der Praxis der pädagogischen Arbeit setzen sie eine neue Erziehungsphilosophie (Einheit von Erfahrung und Lernen) durch

10 1. Einführung 10 und sind durch offenes, forschendes, exemplarisches, soziales Lernen im Gruppenunterricht gekennzeichnet. Leider hat sich diese Lernform in der Hochschulausbildung nur punktuell durchgesetzt; d.h. und Lehrer/innen haben diese Arbeitsform selten in ihrer eigenen Ausbildung gelernt. Im sozialen und Bildungsbereich setzt sich diese Form des Lernens und der Organisation jedoch immer mehr durch. Bisherige Formen des Lehrens und Lernens sollen verändert werden aber wohin und wie? Das entscheidende Moment besteht darin, dass im fortlaufenden Prozess eines Schuljahres oder eines Ausbildungsganges Veränderungen durchgeführt werden müssen, die durch alle Beteiligten wirklich getragen werden, und sie müssen gut überlegt sein. Bestehender Regelunterricht soll ergänzt werden durch variable Arbeitsgemeinschaften. Oder es werden themenbezogene Blöcke eingeführt. Lernende sollen sich das Wissen und die Erfahrungen selbstorganisierter und praxisbezogener aneignen. Soziales Lernen erfordert neben alltäglichen Erfahrungen auch besondere Situationen und Lernfelder. Freizeit kann in variablen Gruppen gestaltet werden und jeder Jahrgang entdeckt eigene Betätigungsfelder. Sozialpädagogische Freizeitbegleitung braucht immer wieder neue Projekte je nachdem, was gerade angesagt ist oder wer sich daran beteiligt. Nicht zuletzt gibt es Baustellen im schulischen Alltag, die alle kennen, aber für die neben der normalen Arbeit nur wenige ihre Zeit geben wollen ein guter Grund, Initiator/inn/en zu sammeln und ein Projekt zu starten mit der Gewissheit, dass es Wellen schlagen wird. Auch das System Schule selbst unterliegt Impulsen zur Veränderung, muss über Qualität der Ausbildung Rechenschaft abgeben, Image aufbauen, um Schüler/innen werben, öffentliches und privates Geld beschaffen, Vernetzungen zu anderen Sozialisationsinstanzen, wie z.b. der Jugendhilfe aufbauen u.a.m. diese Impulse müssen aufgegriffen und zunächst in Projekten bearbeitet werden, bevor sie in den geregelten Alltag überführt werden dann sprechen wir vom Projekt als lernender Organisation und vom Projektmanagement als organisationalem Lernen. 1 1 Vgl. Schiersmann/Thiel, 2000.

11 1. Einführung Wie verlaufen Projekte? Projekte beginnen in der Regel mit einem vorläufigen Titel, der sich aus intuitiv erahnten Problemen oder aus gemeinsam angestrebten Aufgaben oder aus einem Auftrag ergibt. In der Schule und in der Praxis Sozialer Arbeit gibt es zu bestimmten brennenden Themen auch öffentliche Ausschreibungen, die von den Professionellen ein begründetes Konzept fordern, um zeitlich begrenzt ein Projekt (meist modellhaft) zu fördern. Soziale Organisationen initiieren Projekte, um neue Angebote zu entwickeln, ihre internen Arbeitsstrukturen zu verbessern, neue Finanzierungsquellen zu erschließen, Arbeits-Konzepte zu erweitern, Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern u.a.m. Aus dem Leben eines Projektes geplaudert: Projekte leben auf Zeit, sie haben (wie jeder lebendige Organismus) einen eigenen Lebenszyklus und aufeinander folgende Lebensphasen: Diese Lebensphasen folgen zwar nacheinander, aber sie können sich wiederholen (zyklisch) und sie beeinflussen sich untereinander, Bedingungen ändern sich, Entscheidungen müssen revidiert und eventuell neue Sichtweisen einbezogen werden. Die Probleme, denen sich eine Projektgruppe zuwendet, existieren außerdem nicht objektiv, sondern sie werden gesehen, ihnen wird eine Bedeutung als lohnenswertes Thema beigemessen. In gewisser Weise konstruieren sich Menschen ein Projekt-Thema, weil sie damit ein Problem verbinden, weil es für sie Bedeutung hat oder weil sie einen Auftrag bekommen, sich darum zu kümmern. Sie reduzieren also die Komplexität, in der sich die Wirklichkeit um sie herum befindet, setzen den

12 1. Einführung 12 Fokus auf einen Ausschnitt und formulieren daraus ein Problem als Ausgangspunkt ihres Projektes. Damit beginnt ein Problemlösezyklus. Probleme werden analysiert und darauf aufbauend Ziele festgelegt. Lösungswege werden gesucht, deren Durchsetzung geplant, gesteuert und kontrolliert. Das Projekt wird in seinem Erfolg evaluiert. Möglicherweise mündet es in Vorhaben ein, die darauf aufbauend neue, noch ungelöste oder erst neu entdeckte Probleme, offene Fragen oder unerledigte Veränderungen bearbeiten. Dieser Zyklus kann sich in jeder Phase des Projektes wiederholen 1. Und schließlich gibt es noch eine weitere Besonderheit im Leben eines Projektes: Es entwickelt sich stets vom Groben zum Detail. Ein Projekt muss Schritt für Schritt gestaltet, geplant und evaluiert werden, wobei es fortschreitend und immer tief greifender ausgearbeitet wird. Zunächst entsteht in einer Vorstudie oder in groben Überlegungen eine Projektidee, die zu einem Konzept ausgearbeitet wird. Dieses Konzept wird Vorgesetzten, Kooperationspartnern oder beispielsweise Finanziers präsentiert und es kommt daraufhin zu einem Auftrag oder einer Zusage. Danach wird das Projekt detaillierter ausgearbeitet, geplant und umgesetzt. Dadurch können sich die Projektmitglieder auch während der Projektlaufzeit noch auf veränderte Bedingungen einstellen, genaueres Wissen einarbeiten und die Methoden ausfeilen. 1 Vgl. Boy/Dudeck/Kuschel, 1994, S. 32 ff.

13 1. Einführung Didaktische Hinweise Wir werden uns in diesem Lehrbrief vor allem mit der Konzeptphase und mit der Umsetzung eines Projektes beschäftigen. Besonderes Augenmerk legen wir außerdem auf die Präsentation von Projekten. Diese Aufgaben sind Bestandteil Ihres Weiterbildungslehrganges. Die methodischen Hinweise werden Sie im Besonderen bei dieser Weiterbildung unterstützen. Darüber hinaus dienen sie als Werkzeugkasten für die immer wiederkehrende Projektarbeit in ihrem Arbeitsfeld. Der Lehrbrief verzichtet auf Ausführungen zu besonderen Managementaufgaben im Zusammenhang mit der Projektarbeit, wie beispielsweise Führung, Teamentwicklung, Kommunikation und Konflikte in Projektteams, Controlling und Steuerung von Projekten in der Gesamtorganisation, Finanzierung u. a. m. Auf einiges werden wir nur kurz eingehen und verweisen dann auf weiterführende Literatur. Am Ende des Lehrbriefes befinden sich Hinweise zur empfohlenen Literatur und zu informativen Links im Internet. Ebenfalls am Ende haben wir einige Arbeitsblätter zusammengestellt, die Sie direkt für die Projektarbeit einsetzen können. Die Entwicklung von Projekten und die Umsetzung eines Projektkonzeptes werden anhand einer durchgehenden Beispielgeschichte illustriert. Sie dient dazu, das theoretische Wissen zu veranschaulichen, und soll für sich selbst stehen. Vielleicht erinnert Sie diese Geschichte an etwas Ähnliches?

14 1. Einführung 14 Beispiel: Wir befinden uns an einer Schule in Irgendwo. Irgendwo ist eine Großstadt in Deutschland mit knapp Einwohnern am Rand eines industriellen Ballungsraumes, ausgestattet mit traditionellen und neuen Wohngebieten, zwei Niederlassungen großer Firmen der Metall- und Elektroindustrie, zahlreichen Klein- und Mittelbetrieben, einigen kulturellen und sozialen Einrichtungen, Schulen und sonstiger durchschnittlicher Infrastruktur. Auch in den sozialen Problemlagen und Ressourcen unterscheidet sie sich nicht sonderlich von vergleichbaren anderen Städten. An unserer Schule werden Mädchen und Jungen im Grundschulalter unterrichtet. Die Schule ist vierzügig, der Anteil der Schüler/innen mit Migrationshintergrund beträgt ca. 20%. In zwei Klassen pro Jahrgangsstufe werden Integrationskinder beschult. Die Kolleg/innen haben den Eindruck, dass die Zahl der Schüler/innen mit Leistungsdefiziten und Verhaltensauffälligkeiten kontinuierlich zunimmt. Viele Kinder kommen aus sozial schwachen Familien, die durch vielfältige Belastungsfaktoren geprägt sind. Die Eltern sind mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt, da bleibt für gemeinsame Unternehmungen wenig Zeit. Die Kinder verbringen ihre freie Zeit überwiegend vor dem Fernseher und mit Computerspielen. Die Natur als Erfahrungs- und Erlebnisraum kommt im Leben vieler Schüler/innen faktisch nicht mehr vor. Die Kinder bewegen sich zu wenig, sind unruhig, haben Schwierigkeiten, sich auf das Unterrichtsgeschehen zu konzentrieren und weisen Entwicklungsverzögerungen im grob- und feinmotorischen Bereich auf. Häufig kommt dazu auch noch eine einseitige, durch Fastfood und Süßigkeiten gekennzeichnete Ernährung. Beim Sinnesspiel auf dem letzten Schulfest sollten die Kinder mit verbundenen Augen unterschiedliche Gegenstände am Geschmack, Geruch bzw. an der Form erkennen. Das Ergebnis war erschreckend: im Durchschnitt war nur jede/r vierte Schüler/in in der Lage, zumindest die Hälfte der Aufgaben zu lösen. Leider bietet auch das Schulgelände den Kindern wenig sinnliche Erlebnisse. Es ist zwar sehr weitläufig, aber größtenteils betoniert. In den Pausen rennen die Jungen oft hektisch umher, häufig arten kleinere Rangeleien in ernsthafte Auseinandersetzungen aus. Die Mädchen hingegen verbringen die unterrichtsfreie Zeit meist in kleinen Gruppen am Rand des Geländes. Die Klassenlehrerin der 4a beobachtet diese Phänomene schon seit längerem und ist zunehmend beunruhigt. In einem gemeinsamen Gespräch mit der Biologielehrerin und dem Sportlehrer wird die Idee geboren, ein Projekt mit den Schüler/innen, den Eltern und den Lehrer/innen zu initiieren, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken. Bestimmt hilft dieses Beispiel beim Verstehen und macht Sie neugierig auf die Fortsetzung der Geschichte.

15 2. Projektentwicklung Konzept erstellen und Aufträge klären Projektentwicklung Konzept erstellen und Aufträge klären 2.1 Was ist los? Problemdiagnose Theoretische Erklärung Voraussetzung für den Start eines Projektes ist die Erarbeitung eines Konzeptes. Unabhängig davon, ob es bereits einen feststehenden Auftrag oder erst einmal nur eine unklare problematische Situation gibt, die den Betroffenen (Lehrer/innen, Sozialarbeiter/innen, Schüler/innen, Eltern ) auffällt, müssen zunächst die Vorstellungen aller Beteiligten über die Situation geklärt werden. Aufgabe dieses ersten Schrittes ist es: eine intuitiv als problematisch empfundene Situation oder einen Auftrag systematisch zu durchleuchten und für alle Beteiligten transparent abzubilden, alle Fakten zu sammeln, zu gliedern und in Beziehung zueinander zu setzen und nach Ursachen zu suchen sowie mögliche zukünftige Entwicklungen zu prognostizieren und Umwelt einflüsse einzubeziehen. Dieses methodische Vorgehen wiederholt sich im Prinzip in den anderen Phasen mehrmals und wird stets detaillierter. Es ist Grundlage für das Konzept und vermittelt allen Mitwirkenden die Sicherheit, die richtigen Themen zu bearbeiten. Da sich Projektarbeit stets in einem Team entwickelt, muss das zu bearbeitende Problem/ Thema auch in diesem Team strukturiert werden. Dabei sollten alle Mitglieder einbezogen, Meinungen erfasst und gegebenenfalls zur weiteren Bearbeitung an Arbeitsgruppen übergeben werden. Falls diese Aufgabe von einer Vorbereitungsgruppe wahrgenommen wird, sollten diese

16 2. Projektentwicklung Konzept erstellen und Aufträge klären 16 Überlegungen aufbewahrt und den späteren Projektteilnehmer/inn/en zugänglich gemacht werden Methodische Hinweise Um zu verhindern, dass sich bei der Problemdiagnose die lautstärksten, schnellsten, Status-höchsten durchsetzen, oder nur das gesehen wird, was man(n) oder frau für wichtig hält, und um die Übersicht zu erleichtern, können so genannte W-Fragen strukturierend helfen und eine Moderation unterstützen: Was Wo Wodurch Weshalb Wie Wer Womit Warum Wann Welche/n ist passiert? ist der Bedarf? ist unklar, muss geklärt werden? ist das Problem aufgetreten (Ort, Stelle, Symptom)? ist das Problem/ Thema entstanden? (Hypothesen, Analysen, Selbstbild) hat es Bedeutung? äußert sich das Problem/ die Erscheinung? erklären wir/ die Betroffenen das Problem? hat das Problem/ Thema? ist davon betroffen? ist an der Lösung interessiert? arbeitet schon daran? wurde bisher eine Lösung des Problems versucht? haben bisherige Lösungen versagt? tritt das Problem/Thema in Erscheinung, seit wann? Folgen könnte das Problem haben? Umfang und Ausdehnung hat das Thema?

17 2. Projektentwicklung Konzept erstellen und Aufträge klären 17 Wie viel Ressourcen kennen wir? öffentliches Interesse gibt es daran? Durch eine moderierte Bearbeitung der W-Fragen können alle Sichtweisen, Informationen und Herangehensweisen gleichberechtigt einfließen und bearbeitet werden. 1 Die Ergebnisse werden in der Moderation sortiert und gegebenenfalls von einer Arbeitsgruppe zusammengefasst. Die so herausgearbeiteten Themen und Problemsichten können bei Bedarf auch in einem größeren Rahmen vorgestellt und entlang der W-Fragen nochmals hinterfragt werden. Nutzen Sie diese Technik zur Strukturierung und Überprüfung der Sichten. Je genauer diese Sichtweisen und Fakten bekannt sind, desto weniger Missverständnisse gibt es später. Als nächstes geht es dann darum, die Kernprobleme auszumachen und gegenseitige Abhängigkeiten abzubilden. Dazu eignet sich im Projektteam ebenfalls die Moderationsmethode, in der Fragen gestellt, Probleme jeweils getrennt auf Karten notiert und danach durch Über- oder Unterordnung in Hierarchien gebracht werden. Wie geht das? 1. Notieren Sie die mit Hilfe der W-Fragen gesammelten Probleme auf kleine Karten. Achten Sie dabei darauf, dass pro Karte nur ein Problem/ ein Thema festgehalten wird. 2. Denken Sie daran: ein Problem ist nicht die Abwesenheit der Lösung, sondern ein als negativ empfundener Zustand oder eine unerwünschte Situation, die geändert werden soll. 1 Die W-Fragen lassen sich erweitern zum sog. Fragennest. Dabei wird das Thema in die Mitte geschrieben und sämtliche W-Fragen werden ringsherum angeordnet. Die Fragen werden dann in Stichworten gleich unter der Frage beantwortet. So offenbart sich, was man zu dem Thema schon weiß und was noch recherchiert werden muss. Außerdem zeigen sich eine Struktur und ein Überblick.

18 2. Projektentwicklung Konzept erstellen und Aufträge klären Ordnen Sie die auf den Karten formulierten Probleme in eine Hierarchie; dabei helfen Ihnen die W-Fragen, denn sie lassen das Kernproblem erkennen, sowie die möglichen Ursachen und Wirkungen. Alle Probleme sind für sich genommen wichtig; die Position als Ursache und Wirkung verdeutlicht lediglich, wo das Projekt ansetzen sollte und welche Auswirkungen es vermutlich hat. Erinnern Sie sich an die Ausgangssituation eines Projektes, an dem Sie beteiligt waren bzw. gerade arbeiten, Stellen Sie eine ausführliche Problemdiagnose und nutzen Sie dazu das Arbeitsblatt W-Fragen. Was fällt Ihnen auf? Welche Unterschiede werden deutlich?

19 2. Projektentwicklung Konzept erstellen und Aufträge klären Beispielgeschichte Auf einem gemeinsamen Elternabend der Klassen 4a und 4b informieren die Lehrkräfte die Eltern über ihre Beobachtungen. Einigen Eltern ist diese Entwicklung ebenfalls aufgefallen. Auf Vorschlag der Biologielehrerin sammeln die Anwesenden zunächst in einem Brainstorming alles, was sie beunruhigt. Auf den kleinen Zetteln steht eine Reihe von Themen, die sie bewegen: Sie bearbeiten diese Karten, indem sie sich gegenseitig die W-Fragen stellen und dadurch genauere Vorstellungen über die verschiedenen Sichtweisen und die Gründe für die Besorgnis der Beteiligten bekommen. Dabei merken sie auch, dass sie diese Themen untereinander ganz unterschiedlich gewichten; die Bedürfnisse sind vielfältig und die Problembeschreibungen sehr subjektiv. Woher wissen sie eigentlich, ob das die anderen Lehrer/innen, Schüler/innen oder Eltern jeweils auch so sehen? Wie hängen die einzelnen Veränderungswünsche voneinander ab? Da gibt es Vermutungen, aber genauer wissen sie es nicht. Sind das wirklich Probleme, die veränderbar sind? Was lohnt sich, in Angriff zu nehmen? Wie sollen sie nun weiter vorgehen? Die Eltern und Lehrer/innen teilen sich in drei Gruppen und die gesammelten Themen werden weiter bearbeitet. Durch gegenseitiges Nachfragen wird klarer, was mit den einzelnen Aussagen eigentlich gemeint war, es werden Hypothesen zur Entstehung der Probleme gebildet, Ursachen werden gesucht, Wirkungen festgestellt. Bei der Herausarbeitung der Kernprobleme entsteht ein Bild, aus dem deutlich wird, wo das Projekt ihrer Meinung nach ansetzen sollte. Es stellt sich heraus, dass die sinnliche Wahrnehmung bei vielen Kindern stark eingeschränkt ist. Sie halten sich selten im Freien auf und verbringen ihre Zeit überwiegend passiv konsumierend. Lernen erfolgt hauptsächlich über den Kopf und selten durch praktisches Tun. Insbesondere die leistungsschwächeren Schüler/innen versuchen, durch auffälliges Verhalten Anerkennung und Zuwendung zu erlangen. Die Lehrer/innen beklagen, dass die Eltern ihre Kinder zu wenig fördern. Die Eltern verweisen auf ihre begrenzten zeitlichen,

20 2. Projektentwicklung Konzept erstellen und Aufträge klären 20 räumlichen und finanziellen Möglichkeiten und erwarten, die Lehrkräfte sollten sich um die Entwicklung der Schüler/innen kümmern schließlich sind sie doch die Expert/innen! Nach einer teils heftigen Diskussion meldet sich schließlich ein arbeitsloser Vater zu Wort und merkt an, dass man mit gegenseitigen Vorwürfen doch auch nicht weiterkommt. Er möchte sich engagieren, weil ihm zuhause die Decke auf den Kopf fällt, weiß aber nicht so recht wie. Daraufhin schlägt Frau Schmitt, die Klassenleiterin der 4b vor, eine Projektgruppe ins Leben zu rufen, die sich näher mit der Frage beschäftigen soll, was Lehrer/innen, Eltern und Schüler/innen gemeinsam tun können, um die Entwicklung der Kinder zu fördern.

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