Der Weg zur Zukunftscharta

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1 Zukunftscharta EinEWElt Unsere Verantwortung Der Weg zur Zukunftscharta Stimmen und Bilder zum Prozess

2 INHALT Der Weg zur Zukunftscharta Seite 01 Rede von Bundesminister Dr. Gerd Müller auf dem EinEWElt- Zukunftsforum Seite 02 Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auf dem EinEWElt-Zukunftsforum Seite 06 Impressionen vom EINEWELT-Zukunftsforum am 24. November 2014 Seite 12 Stimmen aus der Bundesregierung Wie andere Bundesressorts zur nachhaltigen Entwicklung beitragen Seite 17 Andrea nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales Seite 18 Christian Schmidt, Bundesminister für Ernährung und landwirtschaft Seite 22 Barbara Hendricks, Bundesministerin für Umwelt, naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit Seite 26 Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramts und Bundesminister für besondere Aufgaben Seite 30 Veranstaltungen auf dem Weg zur Zukunftscharta Seite 40 Impressionen aus den Veranstaltungen zur Zukunftscharta Seite 42 Themenpaten Seite 47 Beteiligte Organisationen und Initiativen Seite 48 Impressum Seite 53 Prof. Dr. Maria Böhmer, Staatsministerin im Auswärtigen Amt Seite 36

3 Der Weg zur Zukunftscharta Beim EINEWELT-Zukunftsforum am 24. November 2014 hat Bundesentwicklungs- minister Dr. Gerd Müller vor rund Gästen die Zukunftscharta EINEWELT unsere Verantwortung an Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel überreicht. Am Zukunftsforum waren 100 Initiativen aktiv beteiligt. Ministerinnen und Minister aus verschiedenen Ressorts diskutierten in Politikarenen über Klimawandel, Jugend und menschenwürdige Arbeit. und mehrere Tausend insbesondere auch jüngere Teilnehmer beschäftigten sich den ganzen Tag lang intensiv mit Fragestellungen zur nachhaltigen Entwicklung. Die Charta gibt Empfehlungen für nachhaltiges Handeln in den verschiedensten Lebensbereichen ob in der Politik, der Wirtschaft oder im Alltag eines jeden Einzelnen. Das EINEWELT-Zukunftsforum bildete 2014 den Höhepunkt des deutschlandweiten Zukunftscharta-Prozesses, an dem sich neben Bürgerinnen und Bürgern viele gesellschaftlich engagierte Gruppen, Nichtregierungsorganisationen, die Wirtschaft und Politik beteiligt haben. Ab 2015 geht es nun um die umsetzung der Charta. Zusätzlich wird es in allen Bundesländern Veranstaltungen geben, die sich mit den Themen der Zukunftscharta befassen werden und zum Mitmachen und Nachdenken einladen sollen. 01

4 Rede von Bundesminister Dr. Gerd Müller auf dem EINEWELT-Zukunftsforum am Sehr geehrte Bundeskanzlerin, Exzellenzen, sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete, liebe EINEWELT-Gemeinschaft, stellvertretend Herr Bornhorst, liebe Kinder, wie soll sie aussehen, die eine, nachhaltige, gerechte Welt? Welche Verantwortung tragen wir, welche Verantwortung trägst du? Wie gestalten wir unsere Zukunft? 238 tage haben wir diskutiert, Probleme und Herausforderungen analysiert, lösungswege aufgezeigt. Jetzt liegt sie vor uns: unsere, eure EinEWElt-Zukunftscharta. Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Wir alle haben sie gemeinsam in vielen, vielen Veranstaltungen und Diskussionen erarbeitet. Es war ein einmaliger Prozess und ich sage allen Danke, Danke, Danke! Vielen Dank für all die Gespräche der letzten Wochen. Ohne Scheuklappen, Parteigrenzen, Vorgaben und Einschränkungen um die Zukunft zu ringen: So stelle ich mir eine offene Gesellschaft vor und einen Bürger- und Politikdialog. Und dies ist nur ein erster Schritt. Jetzt geht es erst los: mit Diskussionen vor Ort, im land und im Entwicklungsjahr

5 Wir wollen gemeinsam etwas bewegen, Bewusstseins- und Verhaltensänderung erreichen bei der Politik, bei Parteien, bei Verbänden, aber auch bei uns selbst. Wir wollen uns mit lebens- und Zukunftsfragen konfrontieren. Und nach Wegen und Antworten suchen für eine gerechte Welt mit Zukunft. Der Mensch und sein Planet das ist eine spannende Geschichte. Ein Sandkorn in der Dimension des Universums ist unser Planet. Milliarden von Jahren umfasst seine Geschichte. Gewaltige Eiszeiten, Hitzephasen, Verschiebung der Kontinente. leben entstand, die Schöpfung. Gewaltige Ozeane drei Viertel der Erde sind mit Wasser bedeckt. Die Pflanzen- und tierwelt, Dinosaurier und Panzerechsen beherrschten die Erde längst, bevor wir, der Mensch, auf den Planeten getreten sind. Vor vier Millionen Jahren erst kamen wir, sozusagen fünf Minuten vor zwölf, wenn wir die Erdgeschichte auf 24 Stunden transferieren. Zu Zeiten Jesu gab es eine Million Menschen, zu Zeiten Goethes eine Milliarde, 1930 dann der zweimilliardste Mensch. Heute sind es 7,5 Milliarden Menschen, davon 80 % in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Und die Geschichte geht weiter: Menschen kommen jeden tag hinzu. Zusammen können es vielleicht 2030, 2050 zehn Milliarden Menschen sein. Die Folgen dieser Bevölkerungsexplosion sind ein gewaltiges Ressourcenproblem und ein enormer ökologischer Druck. Seit 1950 hat sich nicht allein die Weltbevölkerung verdreifacht. Zugleich hat sich der Wasserverbrauch verdreifacht, der CO -Ausstoß vervierfacht und es ist kein 2 Ende in Sicht. Wenn wir bis 2050 blicken und dieses Jahr erleben wollen, dann brauchen wir 40 % mehr trinkwasser, 50 % mehr Energie und 60 bis 80 % mehr nahrung. Das sind die Überlebensfragen der Menschheit. Dabei haben wir ein Gerechtigkeits- und Verteilungsproblem, denn 20 % der reichen, der industriestaaten verbrauchen 80 % der Ressourcen. Man stelle sich vor, Deutschland verbraucht alleine so viel Strom wie 54 afrikanische Staaten. Das bedeutet: Auch Deutschland und die industrieländer sind Entwicklungsländer! Denn unser ökologischer Fußabdruck ist um ein Vielfaches größer als der Fußabdruck der meisten Afrikaner. Wir verlagern viele unserer Umweltbelastungen auf andere länder. Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir sind die erste Generation, die den Planeten an den Rand der Apokalypse bringen kann. Aber es gibt Hoffnung und es gibt auch lösungen. Der Club of Rome und viele initiativen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten mit lösungsansätzen für diese EinEWElt beschäftigt. Unsere Zukunftscharta nimmt diese Diskussion und Fragen auf. Wir brauchen neue Anstöße, Antworten und neuen Mut, jetzt zu handeln. Einen Un-Gipfel 2015, der einen neuen Weltzukunftsvertrag beschließt, ein neues Weltethos schafft. Die Welt braucht Zukunft, die Welt braucht Werte. Werte für verbindliche nachhaltigkeitsregeln, für globales Wirtschaften und Handeln. Für die Einhaltung von Menschen- und lebensrechten für alle Erdenbürger. ich könnte mir neben dem Sicherheitsrat der Vereinten nationen zukünftig auch einen Welt-Un-Zukunftsrat zur Einhaltung solcher globalen Standards vorstellen. Es gibt keinen Grund zu Pessimismus. Wissenschaft und Politik haben lösungen für die Herausforderungen von morgen. Aber wir brauchen dafür an vielen Stellen einen Paradigmenwechsel im Denken und Handeln, im lande, in der Wirtschaft, in 03

6 Bundesminister Dr. Gerd Müller mit Schauspielerin Wolke Hegenbarth (r.) und Moderatorin Dunja Hayali. Ökologisch bedeutet dies eine neue globale Partnerschaft, einen Zukunftsvertrag mit Entwicklungs- und Schwellenländern zum Schutz von Umwelt, Klima und Ressourcen. der Gesellschaft, im globalen Miteinander und zu Hause. Fang bei dir selbst an! Ein kleines Beispiel: Wasser aus Plastikflaschen. Wir können in Deutschland Wasser aus dem trinkhahn trinken, benutzen aber Plastikflaschen. Auf der Welt würden, aneinandergereiht, die Plastikflaschen, die jährlich verbraucht werden, 65-mal zum Mond und zurück reichen. Eine Plastikflasche benötigt in der Herstellung ein Drittel des inhalts an Öl. Das ist Ressourcenverschwendung. Das sind ganz einfache Beispiele, wie wir selbst zu Hause nachhaltig anders leben könnten. nachhaltigkeit muss das Prinzip all unseres tuns sein, ökonomisch, ökologisch, sozial und kulturell. Das zeigt unsere Charta auf, in acht Handlungsfeldern. Ökonomisch bedeutet dies einen globalen Handlungsrahmen, mit ökologischen und sozialen Mindeststandards im weltweiten Handel. WtO, ilo und UnEP die Standards sind da, wir müssen sie verschränken. Dies ist Grundlage für eine Entwicklung vom Freihandel zum Fairhandel. Sozial heißt nachhaltigkeit Verantwortung und Gerechtigkeit. Das heißt auch: existenzsichernde löhne statt Sklavenarbeit in der Kaffee- und Plantagenindustrie. 60 Millionen Kinder und Jugendliche, die nichts bekommen für Kaffee- und Kakaoanbauarbeit das kann nicht nachhaltig sein, das können wir nicht akzeptieren. Wir, die Reichen, auf der Sonnenseite, in den Scheinwerfern des lebens, müssen mehr Verantwortung übernehmen, z. B. für die näherinnen in Bangladesch, die unsere Kleider nähen für 15 Cent die Stunde, davon aber weder leben noch ihre Kinder zur Schule schicken können. Einen Euro würde es kosten, Verantwortung zu übernehmen, einen einzigen Euro, pro Kleid, pro Sakko oder pro Hose, damit harte Arbeit in Bangladesch, Kambodscha oder in Afrika auch lebenschancen für die Kinder und für die näherinnen bedeutet. ich akzeptiere nicht, wenn mir Modefirmen und textilverbände in Deutschland erklären wollen, sie könnten solche fairen Bedingungen nicht umsetzen. 04

7 Wir sind EinEWElt, es gibt nicht mehr die Erste, Zweite oder Dritte Welt. Wir sitzen in einem Boot. Und Frieden wird davon abhängen, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit zu verwirklichen: bei der Ressourcenverteilung, beim Vermögen, bei den lebenschancen. Jedes Kind hat ein Recht auf leben, auf nahrung und auf Bildung. Jedes Kind ob in Syrien, im Sudan, wo ich in Flüchtlingslagern war und wo Deutschland gemeinsam mit den Partnerorganisationen der Entwicklungszusammenarbeit großartige Hilfe leistet, ob in Afrika oder indien. Zukunftschancen und Menschenrechte sind kein Privileg der reichen industrieländer! Es geht uns etwas an, ob unser Wirtschaften, unser Konsum in anderen ländern Klima- und Umweltprobleme schafft. nur wenn es den anderen auch gut geht, geht es langfristig auch uns gut. Armuts-, Kriegs- und Klimaflüchtlinge werden ohne Perspektive, die wir dort schaffen zu uns nach Europa kommen. Pandemien werden nicht vor unseren Grenzen haltmachen. Wir sitzen in einem Boot. Aber das Boot muss nicht und wird nicht untergehen. EinEWElt ohne Hunger bis 2030 ist möglich und ein Schwerpunkt unserer Entwicklungszusammenarbeit. Pandemien und Krankheiten wie Aids, Polio, Malaria sind zu stoppen, auch mit deutscher Hilfe. Die Bundeskanzlerin unterstützt die initiative von Bill und Melinda Gates, die Konferenz der globalen impfallianz Gavi nächstes Jahr in Deutschland auszurichten. Auch mit deutscher Hilfe sind in den letzten Jahren 450 Millionen Kinder geimpft worden. Polio ist nahezu verschwunden, Malaria, Aids sind erheblich reduziert, Kinder- und Müttersterblichkeit halbiert. Das sind große Erfolge. Deutschland setzt Maßstäbe bei der Energie- und Klimapolitik. Ministerin Hendricks und ich haben in der vergangenen Woche für die Bundesregierung den Aufbau des Green Climate Fund auf den Weg gebracht. Unsere Bundeskanzlerin geht voran bei diesen themen in Europa, bei den G7 und den G20, beim Ausbau einer neuen Partnerschaft mit Afrika, für Frieden und Menschenrechte, für einen ökologisch-sozialen Ordnungsrahmen globalen Wirtschaftens, für eine Regulierung der Spekulation. Die Einführung der Finanztransaktionssteuer ist hier ein sehr, sehr wichtiges Signal. liebe EinEWElt-Gemeinschaft, liebe Gäste, es ist mir eine Herausforderung, eine Erfüllung und eine große Freude, mit euch weiterzuarbeiten und zu kämpfen. ich weiß, Sie messen uns, Sie messen mich, Sie messen die Bundesregierung auch daran, was wir in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren gemeinsam auf den Weg bringen. Dabei baue ich auf ihre Unterstützung für eine gerechte Welt, eine Welt mit Zukunft. ich freue mich auf die Rede unserer Bundeskanzlerin. Danke schön. 05

8 Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auf dem EINEWELT-Zukunftsforum am Sehr geehrter Herr Bundesminister, lieber Gerd Müller, liebe Staatssekretäre und Mitglieder der Parlamente, Exzellenzen, liebe Gäste, vor allen Dingen Sie alle, die Sie sich engagiert und mitgearbeitet haben, liebe Kinder, ich habe schon im Film gesehen, was für ein beeindruckender Entstehungsprozess der Zukunftscharta zugrunde liegt. Aber ich muss sagen: Schon der Weg in diesen Saal war sehr beeindruckend mit all dem, was hier an initiativen gezeigt wird und was man auch in kleinen Schritten beitragen kann. ich möchte mich bedanken für die Arbeit, die geleistet wurde. Denn dass eine solche Zukunftscharta sozusagen von unten her entstanden ist, ist in der tat ein einmaliger oder zumindest seltener Prozess. Dieser Prozess zeigt, dass etwas richtig ist, was wir oft sagen: Der Weg ist oft das Ziel. tatsächlich sind nicht selten immer wieder neue Anläufe nötig; und kaum hat man ein Etappenziel erreicht, steht das nächste Ziel an. Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin Das gilt auch für das gewaltige Vorhaben der Millenniumsentwicklungsziele und das, was danach kommt. Als wir die Millenniumsentwicklungsziele formuliert haben versetzen wir uns kurz zurück in das Jahr 2000, haben wir gedacht: Die teilung der Welt in Ost und 06

9 West sei überwunden; und jetzt wollen wir die teilung in einen reichen norden und in einen armen Süden überwinden. Damals sind die acht Millenniumsentwicklungsziele entwickelt worden. ich glaube, sie sind ein riesiger Meilenstein in Bezug darauf gewesen, dass wir uns vor Augen führen sollten, was man an wenigen prägnanten, aber die lebenswelt der Menschen völlig verändernden Zielen formulieren muss. Deshalb ist es auch so, dass ganz viele Menschen diese acht Millenniumsentwicklungsziele kennen und daran mitarbeiten können, sie zu erreichen. insofern war das aus meiner Sicht schon ein riesiger Erfolg. Dann kam aber manches anders, als wir uns gedacht hatten. Ein Jahr nach dem Millenniumsgipfel haben die Anschläge des 11. September die Welt erschüttert. Sie haben uns auf dramatische Weise vor Augen geführt, welchen Bedrohungen wir im 21. Jahrhundert zusätzlich zu den vielen Aufgaben, die wir auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit haben, noch entgegensehen. Wir mussten angesichts asymmetrischer Bedrohungen neue Methoden der Sicherheits- und Konfliktbewältigung entwickeln. Und, ehrlich gesagt, wir sind da immer noch nicht am Ziel. Doch wir sind gut beraten, wenn wir uns nicht so sehr von Unwägbarkeiten leiten lassen, sondern an den Zielen festhalten. Vor allen Dingen sind wir gut beraten, daran zu glauben, dass eine Wende zum Guten möglich ist. Vor dem Hintergrund, dass dieser Kongress, diese Veranstaltung hier in Deutschland stattfindet, darf man sich auch daran erinnern: Wir sind ein land, das erlebt hat, dass eine Wende zum Guten möglich ist; und zwar 1990 mit der Überwindung der deutschen teilung, mit der Deutschen Einheit. ich finde, angesichts dessen, was wir an Glück erlebt haben, haben wir auch eine Pflicht, etwas an die Welt zurückzugeben. Das tun so viele; und dafür ein herzliches Dankeschön. Manchmal lohnt sich auch ein Blick auf das, was wir erreicht haben. in den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben, immerhin halbiert und das, obwohl die Weltbevölkerung in dieser Zeit rasant gewachsen ist. Auf diesem Erfolg darf man sich natürlich nicht ausruhen, sondern er sollte uns Ansporn sein, weiterzumachen. Wir müssen unsere Ziele eben immer wieder den aktuellen Entwicklungen anpassen. Das gilt nun auch für die Millenniumsentwicklungsziele. Wir wissen: Wir werden diese acht Millenniumsentwicklungsziele nicht vollständig erreichen. trotzdem müssen wir uns der Zeit nach 2015 zuwenden. Dafür wird es eine Agenda für nachhaltige Entwicklung geben. Das Spannende ist: Bei dieser Agenda geht es nicht nur um das, was im Süden der Erdkugel erreicht werden soll, sondern sie geht uns alle an. Deshalb ist es absolut richtig, dass die Erarbeitung dieser Agenda auch von so vielen hier mitgetragen wird und dass sich das Arbeitsergebnis in der Zukunftscharta widerspiegelt. Diese Zukunftscharta ist ein Gemeinschaftswerk und ein ganz klares Signal an die Vorbereitung des Un-Gipfels im Herbst des nächsten Jahres. in diesem Dokument heißt es: Unser zentrales Ziel ist es, extreme Armut und Hunger ( ) zu beseitigen und das nicht bis zum Sankt-nimmerleins-tag, sondern bis Manch einer mag sagen: Bis dahin ist es doch noch so lange hin. Aber jeder, der engagiert ist, weiß: Die Zeit wird knapp werden; es wird sogar schwierig werden, das zu erreichen. Aber es wäre ja auch absurd, wenn Sie sich hier Ziele gesetzt hätten, die man sozusagen im Schneckentempo erreichen könnte. Die bisherigen Erfolge in der Armutsbekämpfung auch das müssen wir uns vor Augen halten sind zum großen teil auf den außergewöhnlichen wirtschaftlichen Aufstieg von ländern wie zum Beispiel China 07

10 Blick in die Charta: Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel mit Bundesminister Dr. Gerd Müller und Dr. Anthony Lake, Exekutivdirektor von unicef Wenn man erlebt, dass manchmal eine einzige Krise jahrelange Entwicklungsarbeit wieder zunichtemachen kann, dann brauchen wir auch ein großes gemeinsames Gefühl zum Durchhalten. zurückzuführen. in anderen ländern der Welt hingegen sieht es deutlich schlechter aus zum teil in Südasien und nach wie vor in Afrika. ich glaube ich sage es ganz vorsichtig und diplomatisch, wir werden uns dann, wenn wir uns alle gemeinsam in die Pflicht nehmen, neben den vielen einzelnen Aktivitäten auch verstärkt über gutes Regieren, über verantwortliche Regierungsführung überall auf der Welt unterhalten müssen. Das ist ein wichtiges Ziel im Übrigen: Je mehr wir selbst zeigen, dass wir unsere Art zu leben im Sinne von nachhaltigkeit verändern, umso mehr Autorität haben wir auch bei anderen, darauf hinzuweisen, dass auch sie ihren Beitrag dazu leisten müssen. Es ist also schon abzusehen: Je näher wir dem Ziel kommen, das Sie selbst formuliert haben, umso steiler wird der Weg werden. Die industrieländer, die Schwellenländer, die Entwicklungsländer alle gemeinsam müssen ihn aber gehen. natürlich bedürfen gerade die fragilen, zerbrechlichen Staaten unserer Unterstützung. Die instabilität von Staaten ist nach wie vor eine der Hauptursachen für Armut. Ebola zum Beispiel ist nicht nur eine Heimsuchung für die Menschen, die daran erkranken, sondern auch eine staatliche Bedrohung für die betroffenen länder. Ebola hat eine globale Dimension. Deshalb können wir die Krankheit auch nur mit einer internationalen Kraftanstrengung bewältigen. Wir haben beim G20-Gipfel in Australien sehr ausführlich darüber diskutiert. Es gibt den sehr bemerkenswerten Vorschlag des Präsidenten der Weltbank, dass wir Vorsorge gegen solche infektionskrankheiten treffen müssen, weil sie Ausmaße annehmen können, von denen wir alle betroffen sein werden. Deshalb müssen wir nach der Überwindung der akuten Katastrophe auch genau hierüber nachdenken. Meine Damen und Herren, Entwicklungschancen bemessen sich zweifellos auch nach dem Zustand der natürlichen lebensgrundlagen; der Film hat das so wunderschön gezeigt. Deshalb sind der Klimawandel, der Verlust fruchtbarer Böden, die Verseuchung von Gewässern oder die Bedrohung der Artenvielfalt oft völlig unterschätzte Probleme.

11 Dr. Angela Merkel Das sind ökologische Herausforderungen, die Wohlstand gefährden und Armut verhärten heute genauso wie für kommende Generationen. Deshalb sind all diese themen eng mit dem thema Armutsbekämpfung verbunden. Sie machen zusammen den Ansatz von nachhaltigkeit erforderlich. Das hat die Staatengemeinschaft 2012 beim Gipfel in Rio nochmals bestätigt. Daran sollte auch die Post-2015-Agenda anknüpfen. nun befinden wir uns mitten im Prozess der Erarbeitung dieser Agenda. in der ersten Gruppe hat unser Bundespräsident a. D. Horst Köhler teilgenommen. Es gibt jetzt offene Arbeitsgruppen, in denen wir eine Basis schaffen. ich sage ganz ehrlich: Dieser offene Prozess ist gut. ich wünsche mir nur, dass am Ende dieses Prozesses ähnlich greifbare Ziele stehen, die wir dann auch erfassen können, wie es bei den Millenniumsentwicklungszielen der Fall ist. Das heißt, wir werden uns auf bestimmte Dinge konzentrieren müssen. Deshalb finde ich es sehr gut, dass Sie mit ihrer Zukunftscharta versucht haben, die Dinge schon zu ordnen und sozusagen Säulen für unsere Arbeit aufzubauen. natürlich müssen wir auch erklären, was die Ziele für Deutschland bedeuten. Unsere internationale Glaubwürdigkeit hängt davon ab, ob wir diese Prinzipien auch selbst leben. natürlich gibt es da auch Konflikte. Wir zum Beispiel sind in diesem Jahr ein wenig stolz darauf, dass wir einen Bundeshaushalt haben, dem nach wir nicht mehr verbrauchen werden, als wir einnehmen werden. trotzdem sage ich es ganz ehrlich: Angesichts der vielen Herausforderungen muss man natürlich Prioritäten setzen; und das darf nicht bedeuten, dass die Entwicklungsziele zu kurz kommen. Aber ich darf ihnen verraten: Gerd Müller achtet schon darauf, dass es vorangeht. Dafür auch ein herzliches Dankeschön. Eines ist mir auch sehr wichtig, nämlich dass wir diejenigen der acht Millenniumsentwicklungsziele, die wir noch nicht erreicht haben, über dem Post-Agenda-Prozess nicht vergessen, sondern sie vernünftig integrieren; denn das gehört zur Glaubwürdigkeit dazu. Wir werden zum Beispiel die Ziele hinsichtlich Verbesserung der Müttergesundheit und Verringerung der Kindersterblichkeit nicht erreichen. Deshalb müssen wir diese Ziele auch nach 2015 weiterverfolgen. Das zeigt: Der Gesundheitsbereich ist ein zentraler Bereich. Wir werden deshalb diesen Bereich auch zu einem Schwerpunkt unserer G7-Präsidentschaft machen, die wir ja vor allen Dingen im nächsten Jahr innehaben werden. Den Auftakt des Jahres 2015 wird für uns die Wiederauffüllungskonferenz der globalen Je mehr wir selbst zeigen, dass wir unsere Art zu leben im Sinne von Nachhaltigkeit verändern, umso mehr Autorität haben wir auch bei anderen, darauf hinzuweisen, dass auch sie ihren Beitrag dazu leisten müssen. 09

12 impfallianz Gavi bilden. Wir wollen mit ihr die Voraussetzungen dafür schaffen, dass noch einmal 300 Millionen Kinder gegen tödliche Krankheiten geimpft werden können. Deutschland wird in den kommenden Jahren knapp 500 Millionen Euro für die Programme von Gavi zur Verfügung stellen; das haben wir jetzt bereits sichergestellt. Das Beispiel dieser impfallianz Gavi ist im Übrigen ein Beispiel für gelungene multilaterale Kooperation. Es stellt sich ja immer wieder die Frage: Sollen wir alles bilateral machen oder kann man den multilateralen institutionen vertrauen? ich muss sagen: Gavi ist ein gutes Beispiel; auch der Global Fund ist ein gutes Beispiel. Aber natürlich müssen sich auch multilaterale institutionen und Programme der transparenzforderung öffnen, damit jeder versteht, was da passiert. Wir sehen unsere G7-Präsidentschaft im Übrigen als eine Chance an, gerade auch auf die Post-2015-Agenda hinzuwirken. Wir wollen in Deutschland eine globale Partnerschaft initiieren, die nicht nur auf dem Papier steht, sondern die sich auch im Alltag von möglichst vielen Menschen auswirkt ob das nun näherinnen in Bangladesch oder Bewohner in Megacitys betrifft, die vielleicht Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel bei der Übergabe der Zukunftscharta durch Bundesminister Dr. Gerd Müller. Rechts: Moderatorin Dunja Hayali saubereres Wasser oder besseren Zugang zu Gesundheitsmöglichkeiten bekommen. Dafür brauchen wir transparenz. Die Probleme müssen klar benannt werden. Deshalb ist es auch wichtig, dass in den ländern, in denen wir tätig sind und für deren Menschen wir etwas machen, Presse- und Meinungsfreiheit eingeklagt werden, dass Menschen sich organisieren können, damit sie zu Wort kommen und damit das, was sie tun, auch verbreitet werden kann. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass die Bewahrung der Freiheitsrechte, der Grundund Menschenrechte insgesamt ein Wesensmerkmal von Entwicklung und genauso Voraussetzung für Entwicklung ist. Oder anders formuliert: Entwicklung ist ohne funktionstüchtige rechtsstaatliche und demokratische institutionen nicht wirklich denkbar. Es gehört sicherlich die Abhaltung von Wahlen dazu; aber sie ist noch nicht alles. Moderne Entwicklungspolitik unterstützt deshalb Partner dabei, die Grundlagen für eine demokratische Entwicklung zu schaffen. Wir wissen, dass das oft langwierig ist. Wir Europäer sollten im Übrigen nicht so hochmütig sein. Auch in Europa hat vieles sehr lange gedauert. Wir wissen aus eigener Erfahrung unseres Engagements in Afghanistan, welch schwieriger Weg das ist. in Afghanistan haben wir gelernt: keine Entwicklung ohne 10

13 Sicherheit und keine Sicherheit ohne Entwicklung. Das hat in den letzten Jahren unser Handeln geprägt. Meine Damen und Herren, ressortübergreifende Zusammenarbeit ist dabei unverzichtbar. Sie ist natürlich genauso unverzichtbar, wenn es darum geht, wie wir mit den weltweiten Flüchtlingsströmen umgehen. Das ist bei uns inzwischen ein innenpolitisches thema, genauso, wie es ein globales thema ist. Es ist absolut richtig, dass jeder Flüchtling hier bei uns zu Hause einen Anspruch auf menschenwürdigen Umgang hat. Aber es ist genauso richtig, dass wir zur Wahrung der Würde der Menschen vor Ort etwas tun müssen, damit sich Menschen erst gar nicht dazu gezwungen sehen, aus ihrer Heimat zu fliehen. Beides gehört zusammen und über beides müssen wir gleichzeitig sprechen. Deshalb ist die initiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zur Bekämpfung von Fluchtursachen so wichtig. Meine Damen und Herren, viele weitere themen sind von großer Bedeutung. Eines der themen, die wir uns immer wieder vor Augen führen sollten, ist die Urbanisierung. 80 bis 90 Prozent des weltweiten Wachstums wird sich in den kommenden Jahren in den Städten vollziehen ein hoher Anteil übrigens in kleineren und mittleren Städten. Dort müssen die Ziele oft unter schwierigen Bedingungen umgesetzt werden, weil Großfamilien nicht mehr so funktionieren und die Anonymität sehr zunimmt. ich sage ganz ehrlich: Für uns Deutsche ist es wichtig, ab und zu einmal eine Megacity zu besuchen, damit wir überhaupt noch wissen, worüber wir sprechen. Denn Berlin zählt nur bedingt dazu, obwohl Berlin sonst eine ganz tolle Stadt ist, meine Damen und Herren nicht, dass hier Missverständnisse aufkommen. Jeder Mensch Gerd Müller hat es gesagt; und ich wiederhole es hat das Recht, in Würde zu leben. in unserem Grundgesetz steht als erster Satz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieser Satz gilt nicht nur für Deutschland, er gilt auch nicht nur für Europa, er gilt für alle weltweit. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten. Deshalb ist auch ihr Engagement so wichtig; und deshalb sage ich Danke für das, was heute hier passiert. natürlich muss Regierungshandeln vieles umfassen. Wir haben unsere Pflichten, wir haben viele Aufgaben zu erledigen. Aber eine weltweite Partnerschaft lebt letztendlich davon, dass sich jeder Einzelne ein wenig für das globale Gemeinwohl einbringt: in Wirtschaft, in Wissenschaft, in der Politik, in der Gesellschaft. Das macht ja auch genau das Motto der Charta aus: EinEWElt Unsere Verantwortung. Das betrifft natürlich auch faire Arbeitsbedingungen und faire Preise, worüber auch heute diskutiert wurde. Man soll das durchaus an praktischen Beispielen diskutieren. Deshalb stimme ich Bundesminister Müller zu. ich habe mich mit der Premierministerin von Bangladesch lange unterhalten. natürlich kommt durch unser Engagement, wenn zum Beispiel näherinnen besser bezahlt werden, auch im ganzen land etwas in Bewegung, weil sich dann natürlich auch andere fragen: Muss nicht auch ich fairer bezahlt werden? Das sollten wir durchaus im Blick haben. Aber jemand muss den Anstoß geben. Und deshalb möchte ich allen danken, die bei diesen initiativen mitmachen. Das ist nur ein Beispiel von so vielen. Fantasie ist gefragt, idealismus ist gefragt, Engagement ist gefragt, Zeit ist gefragt alle, die heute hier sind, geben viel davon. Aber wir können noch mehr werden. Deshalb wünsche ich ihnen viel Erfolg dabei, auch andere Menschen zu begeistern. So viele sagen, dass sie nicht richtig wissen, was sie tun sollen. Wenn man ihnen eine kleine Anregung gibt, fällt vielen ein, was man vielleicht noch für die EinEWElt tun kann. Herzlichen Dank dafür, dass ich heute hier mit dabei sein kann. 11

14 Impressionen vom EINEWELT-Zukunftsforum am 24. November

15 1 Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und Bundesminister Dr. Gerd Müller präsentieren gemeinsam mit Schülern die Zukunftscharta. 2 Großes Medien-Aufgebot bei der Veranstaltung 3 Dr. Anthony Lake, Exekutivdirektor von unicef 4 Wolke Hegenbarth, Schauspielerin, bei der feierlichen Übergabe der Zukunftscharta

16 Impressionen vom EINEWELT-Zukunftsforum am 24. November

17 5 Dr. Bernd Bornhorst, Vorsitzender von VENRO (M.), und Dr. Eric Schweitzer (r.), Präsident des DIHK, im Gespräch mit Moderatorin Dunja Hayali 6 Prof. Dr. Klaus Töpfer 7 Hans-Joachim Fuchtel, Parlamentarischer Staatssekretär im BMZ 9 8 Moderatorin Dunja Hayali im Gespräch mit einer Schülerin 9 Tanja Gönner, Vorstandssprecherin der GIZ 10 Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramts, diskutiert zum Thema Jugend macht Politik Sängerin Ivy Quainoo mit ihrer Band 12 Thomas Silberhorn, Parlamentarischer Staatssekretär im BMZ 13 Dr. Kanayo F. Nwanze, Präsident von IFAD

18 Impressionen vom EINEWELT-Zukunftsforum am 24. November

19 Stimmen aus der Bundesregierung Wie andere Bundesressorts zur nachhaltigen Entwicklung beitragen Das Fördern einer nachhaltigen Entwicklung in Deutschland und weltweit so wie es auch die Zukunftscharta empfiehlt ist ein wesentliches Anliegen der Bundesregierung. Mehrere Bundesministerinnen und -minister haben auf dem Zukunftsforum deutlich gemacht, dass es dazu gemeinsamer Anstrengungen innerhalb der Bundesregierung bedarf, über die Ressortgrenzen hinweg. In Talkrunden und im Gespräch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben sie über ihre Ansätze diskutiert, mit denen das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung zu erreichen ist. In den folgenden Beiträgen zeigen sie auf, welchen Beitrag ihr Ministerium zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung leistet. 17

20 Nachhaltige Entwicklung bis zum Jahr 2030 was trägt mein Ministerium dazu bei? Wo stehen wir in 15 Jahren? Was werden wir bis dahin erreicht haben auf dem Weg hin zu einer friedlicheren, einer sozialeren, einer gerechteren Welt? Hätte man diese Frage im Jahr 2000 gestellt wer von uns hätte vorhergesehen, wie sich in der Zwischenzeit die Welt verändert hat: die Bedrohung durch internationalen terrorismus, die Katastrophe von Fukushima, die weltweite Finanzkrise und deren Überwindung oder die unaufhaltsame Digitalisierung aller lebensbereiche. Wer sich vor Augen hält, was allein in den vergangenen 15 Jahren passiert ist, wird vorsichtig sein mit Prognosen für die nächsten 15 Jahre. Denn immer wieder werfen uns unvorhersehbare Entwicklungen und Ereignisse in unseren Bemühungen um eine bessere Welt für alle Menschen zurück. Aber das sollte uns nicht hindern, ehrgeizige Ziele für das Jahr 2030 zu setzen. Denn nur, wer sich der Zukunft stellt, kann gestalten. Um Antoine de Saint-Exupéry zu zitieren: Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen. Andrea nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales So haben viele Generationen daran mitgewirkt und es möglich gemacht, dass wir heute in einem land leben, in dem sozialer Friede und Wohlstand herrschen. Und wir werden alles dafür tun, dass auch die Generationen nach uns gut leben und 18

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