Gedenkworte zur Pogromnacht 9. November 2015, Uhr, Plenarsaal des Rathauses

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1 Gedenkworte zur Pogromnacht 9. November 2015, Uhr, Plenarsaal des Rathauses Herr Oberbürgermeister Geisel, Herr Minister Schmeltzer, Herr Dr. Horowitz, Herr Neuberger, liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Landes- und Kommunalpolitik, liebe Schülerinnen und Schüler, meine sehr verehrten Damen und Herren! I. Möge auf dem Hause, in das wir einziehen, Gottes Auge stets schützend ruhen, daß es den Sturm der Zeiten überdaure Mögen Treue zum Vaterland, Liebe zur Heimat und Liebe zum Nächsten die edelsten Früchte sein, welche auf dem Gott geweihten Boden dieses Heiligtums zur Reife gelangen Ein Baustein sei dieses Haus zu dem hehren Werk der Menschenverbrüderung, das dereinst alle Erdenkinder vereinen wird in der Anbetung Gottes, in der Pflege der Wahrheit und der Gerechtigkeit!

2 2 Diese stolzen Worte fand Josef Levison, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, bei den Einweihungsfeierlichkeiten der neuen Synagoge an der Kasernenstraße am 6. September Jahre später schreibt die Rheinische Landeszeitung am 10. November 1938 in ihrer Abendausgabe über die Geschehnisse der Pogromnacht: Der Hauptsturm der Düsseldorfer richtete sich gegen die Synagoge. In all den Jahren nach der Machtübernahme hatte es immer wieder die deutschen Volksgenossen herausgefordert, dass von dem hohen Dach dieses jüdischen Gebetshauses provozierend der Davidsstern, das Symbol des jüdischen Hasses, über Düsseldorf hinwegstarrte. Besonderen Jubel löste es bei den unzähligen Volksgenossen aus, als der Davidsstern endlich mit dem brennenden Dachstuhl in das Innere der Synagoge herabstürzte. Ilse Neuberger, Ehefrau des späteren nordrhein-westfälischen Justizministers Josef Neuberger, erinnert sich, wie es ihren Nachbarn in der Pogromnacht erging: In der Degerstraße 59 wohnte der Bildhauer Leopold Fleischhacker mit seiner Frau Lotte und Sohn Erich. In der Nacht vom 9. zum 10. November wurden seine Wohnung und

3 3 sein Atelier völlig zerstört. Sämtliche Kunstwerke wurden zerschlagen. Wertvolle Gemälde Düsseldorfer Maler wurden zertrampelt, zerschnitten. In der Wohnung nahmen die Eindringlinge die alte Geige und schlugen sie so lange an die Wand, bis von ihr nur noch ein Häufchen Holz übrig war. Lotte Fleischhacker, die eine sehr gute Violinistin war, vermochte in ihrem ganzen Leben nie wieder eine Geige in die Hand nehmen. Es ist eine gute Fügung, dass morgen Abend in der Mahn- und Gedenkstätte eine besondere Ausstellung eröffnet wird, in der erstmalig die verlorene und in aller Welt zerstreute Kunst Leopold Fleischhackers in einer 3D-Werkschau gezeigt wird. II. Meine sehr verehrten Damen und Herren, die drei Zitate zeigen uns in ihrer Verbindung den erschütternden Zerfall der Menschlichkeit: Zunächst der berechtigte Stolz der jüdischen Gemeinde über die neue Synagoge. Dann die hämisch hetzende Berichterstattung über die Zerstörung dieses Gotteshauses. Und schließlich die Schilderung über die Verwüstung von Hab und Gut, von Körper und Seele, die schließlich zur Shoa, dem nationalsozialistischen Völkermord an den Juden führte.

4 4 Es berührt unser Herz und unsere Seele, und hoffentlich auch unseren Verstand, dass trotz alledem nach 1945 wieder jüdisches Leben in Deutschland gewachsen ist, dass sich in Düsseldorf einige wenige zur Gründung einer jüdischen Gemeinschaft entschlossen haben und dass heute trotz einiger widerlicher Kampagnen wieder blühendes jüdisches Gemeindeleben anzutreffen ist, Und letztlich gibt es dafür nur zwei Worte, die meine Gefühle gegenüber den Juden zum Ausdruck bringen: Demut und Dankbarkeit. Das Gedenken und die Erinnerung an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte sind meiner Generation und allen folgenden dauerhaft aufgegeben. Es werden niemals inhaltlose, lästige Rituale oder Inszenierungen sein, sondern Zeichen einer lebendigen und starken Demokratie, wie es sich der unvergessene Paul Spiegel gewünscht hat.

5 5 Das ist mir als sein Vermächtnis und unsere historische Schlussfolgerung aus dem 9. November 1938 von herausragender Bedeutung. Und ich bin mir sicher und ich weiß: Paul Spiegel wäre am heutigen Tage sehr stolz auf die Erinnerungsarbeit der Schülerinnen und Schüler, wie wir sie gerade erleben durften. III. Verehrter, lieber Herr Dr. Horowitz, Demut und Dankbarkeit habe ich genannt. Ich will aber auch ausdrücklich die Freude hinzufügen: Die Freude darüber, dass wir gemeinsam das 70-jährige Bestehen des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Nordrhein am 7. Dezember im Plenarsaal des Landtags begehen werden. Sie wissen, dass das für mich mehr als Symbolik ist. Es ist Wertschätzung im Rahmen von gewachsener, tiefer Freundschaft und Zuneigung. Und da der 7. Dezember der erste Tag des jüdischen Lichterfestes ist, werden wir nach der Feierstunde, wie es schon gute Tradition ist, wieder die Chanukka-Kerze anzünden als Zeichen der Zuversicht für ein gelingendes und bereicherndes Miteinander. Als Zeichen der Menschlichkeit und des Friedens, im Kleinen und im Großen.

6 6 Als Zeichen der Freundschaft, unserer Freundschaft! Eine Freundschaft, die uns weder blind noch taub und schon gar nicht still macht. Eine Freundschaft, die Anfänge erkennen lässt und bewahrt, und die Frieden schafft. Hoffentlich!

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