Auch Migranten werden alt!

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1 Auch Migranten werden alt! Lebenslagen und Perspektiven in Europa Dokumentation der Fachtagung vom 30. Juni bis 1. Juli 2003 in Lünen Multikulturelles Forum Lünen e.v.

2 Die Fachtagung wurde zusätzlich gesponsert vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Dortmund und Lünen, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW und der Paritätischen Geldberatung eg. Impressum Herausgeber: Forschungsgesellschaft für Gerontologie e.v. Institut für Gerontologie an der Universität Dortmund Evinger Platz Dortmund Dr. Vera Gerling Tel.: Kreis Unna, Der Landrat Fachbereich Arbeit und Soziales Koordinierungsstelle Altenarbeit Hansastraße Unna Antje Meister Tel.: Hans Zakel Tel.: Multikulturelles Forum Lünen e.v. Bahnstraße Lünen Kenan Küçük Tel.: Gestaltung: Rainer Midlaszewski Druck: Hausdruckerei Kreis Unna März 2004

3 Inhalt 3 Eröffnung und Grußwort Kenan Küçük 6 Altenpolitik des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen der Integrationsoffensive Cornelia Prüfer-Storcks 11 Migrations- und Altenarbeit im Kreis Unna Michael Makiolla 15 Das Unna Projekt im Licht der deutschen und internationalen Projektlandschaft Dr. Vera Gerling 23 Integration älterer Migranten/innen Vorstellung des Modellprojektes Hans Zakel 33 Integration älterer Migranten/innen Vorstellung des Modellprojektes Evrim Özay 40 Ältere Migranten/innen in Belgien Godelieve Van Geertruyen 48 Ältere Migranten/innen in Österreich Ramis Dogan 56 Ältere Migranten/innen in der Türkei Prof. Dr. Ilhan Tomanbay 63 AG 1: Konzepte und Verfahren zur Öffnung von Diensten und Angeboten der Altenarbeit für ältere Migranten/innen 65 AG 2: Partizipation und interkulturelle Begegnung durch Selbstorganisation älterer Migranten/innen 70 AG 3: Probleme und Perspektiven in der pflegerischen Versorgung älterer Migranten/innen 1

4 73 Anforderungen, Chancen und Möglichkeiten einer interkulturellen Öffnung der Altenarbeit die Rolle der Migrantenselbstorganisationen Heike M. Martinez 78 Sozialpolitische Zukunftsperspektiven älterer Migranten/innen in einem geeinten Europa Elke Tippelmann 87 Podiumsgespräch: Können Migranten/innen in Europa beruhigt alt werden? 91 Liste der Autoren/innen 2

5 Eröffnung und Grußwort Kenan Küçük Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich darf Sie alle hier ganz herzlich im Namen der Projektgruppe Integration älterer Migranten/innen Schaffung neuer, integrationsfördernder Strukturen zur Verbesserung der Lebenssituation begrüßen auch im Namen des Kreises Unna/RAA und Fachbereich Altenarbeit. Besonders heiße ich Sie, Frau Cornelia Prüfer-Storcks, Staatssekretärin des Ministeriums für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen, in unserer Mitte willkommen. Ihr Ministerium fördert zum ersten Mal ein Projekt wie das unsere. Es ist eine große Ehre für uns, dass Sie aus Anlass dieser Fachtagung zu uns nach Lünen gekommen sind. Ich begrüße Frau Emmi Beck vom Sozialausschuss des Kreises Unna und heiße Sie herzlich willkommen! Ich begrüße den Beiratsvorsitzenden, Herrn Michael Makiolla, Kreisdirektor des Kreises Unna, der uns seit den Anfängen unseres Projektvorhabens begleitet und unterstützt hat. Der Kreis Unna spielt eine Vorreiterrolle im Aufgabenbereich ältere Migranten/ innen und bei diesem Modellprojekt. Als Geschäftsführer des Multikulturellen Forums Lünen sehe ich mit Genugtuung und Zufriedenheit auf die konstruktive Zusammenarbeit zurück und spreche Ihnen, Herr Makiolla, meinen besonderen Dank aus. Ich begrüße unsere Referenten aus dem Inland sowie aus Belgien, Österreich und der Türkei. Unser Thema hat auch in diesen Ländern einen wichtigen Stellenwert und wird uns in Europa zunehmend beschäftigen. An dieser Stelle hatte ich auch unseren Landtagsabgeordneten, Herrn Rainer Schmelzer, begrüßen wollen. Leider musste er seine Teilnahme kurzfristig wieder absagen. Auch Migranten/innen werden alt! Lebenslagen und Perspektiven in Europa so lautet das Motto unserer heutigen Fachtagung. Ich will den nachfolgenden Rednern nicht vorgreifen. Lassen Sie mich an dieser Stelle nur einige Gedanken zu unserem Thema aus der Sicht und Erfahrung meiner Einrichtung und damit der Migranten/innen anführen. Vor 18 Jahren, als das Multikulturelle Forum Lünen gegründet wurde, haben wir uns nicht vorstellen können, dass wir uns einmal mit älteren Migranten/innen beschäftigen würden. Wir hatten mit jungen, mitten im Leben stehenden Menschen zu tun, mit Gastarbeiter/innen, mit Arbeitskräften, mit Familien mit Kindern. Entsprechend dieser Vorstellung handelten wir. Alte Leute kamen in unseren Konzepten und Maßnahmen nicht oder nur am Rande vor. Inzwischen hat sich die Situation grundlegend verändert. Schon am Straßenbild ist das zu erkennen. Die Migration umfasst zwei, drei, vier Generationen. Zur Gruppe der Migranten/innen gehören nun in großer Zahl die Senioren/innen, Ruheständler/innen, Rentner/innen. Darin gleichen sie den Einheimischen. 3

6 4 Auch bei den Migranten/innen sind die Familien kleiner geworden. Der Sohn, die Tochter finden nicht gerade immer vor der Haustür der Eltern einen Job. Sie ziehen weg, und oft sind die Eltern mehr oder weniger auf Hilfe und Pflege von außerhalb angewiesen. Im Multikulturellem Forum Lünen stellten wir im Lauf der Jahre fest, dass im Rahmen von Beratungen altersspezifische Themen wie z. B. Rentenfragen, Pflegefragen, immer häufiger auftauchten. Mitglieder und Ehrenamtliche gingen auf einmal in Rente. Einige gründeten bei uns einen Gesprächkreis für Senioren/innen. Seit Jahren bietet er älteren Migranten/innen die Möglichkeit, sich auszutauschen, sich zu informieren, Freizeit zu gestalten, sich am gesellschaftlichen Geschehen zu beteiligen. Auch die Bedürfnisse und Vorstellungen der Betroffenen selbst haben sich geändert. Was wollen sie eigentlich, die älteren Migranten/innen? Sie wollen hier bleiben. Sie wollen sicher, ruhig und gemütlich ihren Lebensabend verbringen. Sich wohl fühlen. Und entsprechend ihrer besonderen Situation leben können. Pendeln zwischen hier und der Türkei z. B.. Und dabei Rechtssicherheit genießen. Im Alten-Wohnheim beispielsweise die Möglichkeit bekommen, auch ein halbes Jahr in der Türkei zu wohnen. Denn ein Teil ihrer Familie lebt ja meistens noch dort. Altenpolitik auch für Migranten/innen ist zum täglichen Geschäft, zur aktuellen Herausforderung geworden. Eine Herausforderung, auf die Gesellschaft und Politik reagieren müssen. Wir hier im Kreis Unna haben das Anliegen nicht auf die lange Bank geschoben. Wir haben den Bedarf und die Notwendigkeit erkannt und entsprechend gehandelt. Ausgehend von einer Projektidee der Koordinierungsstelle Altenarbeit im Kreis Unna wurde vor über vier Jahren dieses Modellprojekt entwickelt. Seit Beginn des Modellprojektes konnten wir zahlreiche Erkenntnisse gewinnen, Erfahrungen machen, Ergebnisse erzielen. Das Projekt hat gezeigt, wie wichtig diese Arbeit, wie hoch der Bedarf bei der Zielgruppe ist, und welche Rolle Einrichtungen wie das Multikulturelle Forum Lünen oder Behörden wie der Kreis Unna dabei spielen. Noch jetzt, mit Auslaufen dieses Projekts, kommen die Leute zu uns in die Beratung. Sie kommen, wenn sie Unterstützung und Hilfe brauchen. Aber auch in punkto Freizeitgestaltung und Reisen. Sie sehen es bei den deutschen Senioren/innen, möchten es auch so machen, möchten sich auch integrieren. Es ist wichtig, dass es überhaupt Angebote dieser Art gibt. Gerade die türkischen Senioren/innen die stärkste Gruppe möchten oft über das Hergebrachte und Gewohnte hinaus. Der Ansicht, dass Migranten/innen vor allem unter sich bleiben wollen, widerspreche ich. Sicherlich haben türkische Cafes auf der einen und Moscheen auf der anderen Seite ihren unverzichtbaren Stellenwert im Leben vieler Migranten/ innen. Aber daneben und darüber hinaus besteht auch das Bedürfnis nach politik- und religionsübergreifenden Angeboten, und die müssen organisiert werden. Sehr viele Migranten/innen beziehen nur eine kleine Rente. Sie können sich große Reisen und teure Freizeitvergnügen nicht leisten. Auch hier müssen die Angebote entsprechend sein. Wir müssen es in der Altenarbeit als Aufgabe begreifen, auch erschwingliche Angebote zu machen. Die Gruppe der Älteren mit kleinen Renten ist nun mal da, wir können sie nicht übersehen. Und es ist auch eine Tatsache, dass diese Gruppe die deutsche Sprache oft nicht genug beherrscht und nicht beherrschen wird. Entsprechend muss das Fachpersonal, das mit der Zielgruppe arbeitet, auch die Sprache von Migranten/innen sprechen können.

7 Frau Staatssekretärin, sehr geehrte Damen und Herren, ich habe manchmal das Gefühl, dass wir gegenüber den Migranten/innen noch immer Gastarbeiterpolitik betreiben. Partizipation ist in vielen Bereichen leider noch viel zu selten erreicht. Im Bildungsbereich, auf dem Arbeitsmarkt, im öffentlichen Dienst, in der Politik bleiben Migranten/innen noch zu oft außen vor. Auch die Parteien haben sich noch wenig um sie gekümmert. Sie sind nicht auf Migranten/innen als Wähler eingestellt. Es wird zu oft nur über und nicht mit den Migranten/innen gesprochen und gehandelt. Die Migranten/innen, die sogenannten Gastarbeiter/innen, haben den Aufbau nach dem Krieg mitgetragen; haben ihre Jugend hier verbracht; haben mit ihrer Arbeit, ihren Steuern und Beiträgen mitgeholfen, unsere Gesellschaft auf ihr hohes Wohlstands- Niveau zu heben. Und waren dann diejenigen, die als erste ihren Job verloren. In Lünen z. B. beträgt die Arbeitslosigkeit unter Migranten/innen fast 37 Prozent, ein großer Teil davon sind Langzeitarbeitslose. Jetzt setzt sich diese Vernachlässigung im Rentenalter fort. Die Problematik der Benachteiligung hat sich nicht sehr geändert. Nur ausgeweitet in andere Dimensionen. Wie die Nachkriegsgenerationen haben es auch die älteren Migranten/innen nicht leicht gehabt. Sie haben ein friedliches und sorgenfreies Leben im Alter wohl verdient. Und dabei sind die älteren Migranten/innen durchaus ein Faktor, mit dem gerechnet werden muss gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. Sie sind nicht so sehr ein Problem Stichwort: Überalterung der Gesellschaft. Sie sind in viel höherem Maße eine Bereicherung. Um nur die wirtschaftliche Seite zu nennen: Sie nehmen Dienstleistungen und Güter in Anspruch und bezahlen dafür. Mit ihrer Kaufkraft halten sie manche Wirtschaftszweige überwiegend oder ausschließlich am Leben. Sie schaffen damit Arbeitsplätze. Frau Staatssekretärin, meine Damen und Herren, die Aufgabe der Integration ist nach wie vor eine große Herausforderung für Kommunen, Land und Bund. Der Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit ist noch lange nicht zu Ende. Gerade in unserem Land NRW mit dem hohen Migranten/innenanteil müssen wir noch viel mehr tun. Die Integrationsoffensive des Landes ist ein ermutigender Anfang. Nur darf der Aufbruch nicht in der Theorie stecken bleiben. Den Worten müssen Taten folgen. Sie müssen bei den Menschen ankommen und ihr Zusammenleben verändern verbessern. Bezüglich der Altenarbeit im Migranten/innenbereich liefert unser Modellprojekt ein Beispiel, nicht nur für den Kreis Unna, sondern landes- und bundesweit. Wir haben Ergebnisse erzielt, die sich sehen lassen können und die gegebenenfalls übertragbar sind. Bevor ich das Wort an meine Nachredner/innen übergebe, möchte ich mich noch bei Ihnen und Ihrem Ministerium, Frau Staatssekretärin, beim Kreis Unna, beim Paritätischen in NRW, bei der Paritätischen Geldberatung eg und dem Diakonischen Werk Lünen für die finanzielle Unterstützung bedanken, ohne die diese Tagung nicht möglich gewesen wäre. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Verlauf der Tagung und gute Ergebnisse Ihrer gemeinsamen Überlegungen und Diskussionen. 5

8 Altenpolitik des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen der Integrationsoffensive Cornelia Prüfer-Storcks I. Meine Damen und Herren, zunächst möchte ich Ihnen von Frau Ministerin Birgit Fischer herzliche Grüße übermitteln. Sie ist leider verhindert, wünscht aber der Veranstaltung einen guten Verlauf und Erfolg. Meine Damen und Herren, der Anteil Älterer nimmt zu, der Anteil der Jungen schrumpft. Unsere Gesellschaft wird älter waren rund 13,5% der Bevölkerung 65 Jahre und älter werden es voraussichtlich 18% sein. Im Gegenzug wird der Anteil der Kinder stetig geringer. Das Wissen um diese generelle Entwicklung ist heute Allgemeingut. Aber das bedeutet längst noch nicht, dass wir die Reichweite dieser Veränderungen, ihre Vielschichtigkeit und die daraus resultierenden Konsequenzen wirklich verstanden und verinnerlicht haben. Ich bin den Veranstaltern dieser Tagung dankbar, dass sie die öffentliche Aufmerksamkeit heute auf einen speziellen Aspekt, auf die Lebenslage älterer Migranten/innen lenken. Dabei ist klar: Dieses Thema wird in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Bundesweit wird der Anteil der ausländischen Senioren/innen über 60 Jahre nach heutigen Schätzungen von derzeit 6,5% auf 9% im Jahr 2020 ansteigen. Dieser Anstieg wird in Nordrhein-Westfalen sogar deutlich höher ausfallen, da NRW in den 50er und 60er Jahren die erste Adresse für Arbeitsmigranten/innen war. Derzeit leben in NRW rund ausländische Senioren/innen über 65, hinzu kommen etwa über 60-jährige Aussiedler/innen. Ich begrüße, dass sich diese Tagung mit best-practice-beispielen unserer europäischen Nachbarn beschäftigt, die ähnliche demographische Veränderungen erleben. Sie betonen weniger als hierzulande die möglichen Bedrohungen und Risiken, sondern konzentrieren sich zu Recht stärker auf die nüchterne Analyse und die möglichen Chancen. 6

9 II. Meine Damen und Herren, Ziel der Seniorenpolitik des Landes NRW ist, der älteren Generation ein selbstständiges, eigenverantwortliches Leben zu ermöglichen. Das gilt für einheimische wie für zugewanderte Senioren/innen. Es geht darum, Chancen im Alter zu wahren oder zu schaffen und die Integration in die Gesellschaft zu gewährleisten. Es geht um altersspezifische Bedürfnisse und zugleich auch um migrationsspezifische Probleme. Diese doppelte politische Herausforderung ist bis in die 80er Jahre hinein weitgehend vernachlässigt worden. Die meisten Arbeitsmigranten/innen waren nicht nach Deutschland gekommen, um auf Dauer zu bleiben, sondern um ihre wirtschaftliche Existenz im Heimatland zu sichern. Dementsprechend war die gesamte Lebensführung auf die spätere Rückkehr ausgerichtet. Dass dennoch viele der Zugewanderten in Deutschland blieben, hat vielfältige Gründe. Oft entsprach dies dem Wunsch der zweiten Generation. Die häufig bessere medizinische Versorgung hierzulande wird ebenfalls eine Rolle gespielt haben, wie auch Veränderungen der politischen und sozialen Verhältnisse im Heimatland. Die Lebenslage der Migranten/innen, die auf diese Weise in Deutschland alt geworden sind, unterscheidet sich von denen der einheimischen älteren Generation und ist durch eine Reihe von Defiziten geprägt. Die ökonomische Situation ausländischer Senioren/innen ist häufig deutlich schlechter als die der einheimischen Älteren. Zwar beziehen auch sie Bezüge aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Die durchschnittliche Rentenhöhe liegt jedoch unter derjenigen deutscher Senioren/innen. Ausgleichende Sozialleistungen wie die zum 1. Januar 2003 eingeführte Grundsicherung werden oftmals auf Grund der mangelnden Sprachkenntnisse und Informationsdefizite nicht in Anspruch genommen. Insgesamt entsteht somit ein deutlich höheres Armutsrisiko, das sich z.b. auch in einer ungünstigeren Wohnsituation zeigt. Die bisher vorliegenden wissenschaftlichen Studien lassen auch bei der gesundheitlichen Lage Unterschiede erkennen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass vor allem psychosomatische Ursachen, die durch den anderen Kulturkreis und die mangelnde Integration verursacht wurden, und die langjährige Tätigkeit in Arbeitsbereichen mit hoher gesundheitlicher Belastung zu einem vergleichsweise schlechteren gesundheitlichen Zustand älterer Migranten/innen geführt haben. Zugleich nehmen sie die vorhandenen medizinischen Leistungsangebote nicht in gleichem Umfang wahr wie die einheimischen Älteren. Dies liegt auch an den bestehenden Zugangsbarrieren. Hemmend wirken schließlich auch die oft unzureichenden Sprachkenntnisse, insbesondere der zugewanderten Frauen. Deshalb entgehen ihnen wichtige Informationen über Hilfsangebote und unverzichtbare Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe. Unter dem Strich besteht somit für ältere Migranten/innen in besonderem Maße die Gefahr einer Kumulation verschiedener Aspekte sozialer Ungleichheit mit der Folge entsprechender Benachteiligungen im gesellschaftlichen Leben. 7

10 III. Meine Damen und Herren, ich möchte einen Aspekt hervorheben, der mit der steigenden Zahl ausländischer Senioren/innen an Bedeutung gewinnen wird, nämlich die Pflege und Unterstützung im Alter. Derzeit stützen sich ältere Migranten/innen noch überwiegend auf informelle Hilfeleistungen, insbesondere der Familienangehörigen und Nachbarn. Der familiäre Zusammenhalt ist jedoch auch bei den Migranten/innen ähnlich gefährdet wie in der einheimischen Bevölkerung. Es kann daher auf Dauer nicht davon ausgegangen werden, dass die Kinder und Enkel der ersten Generation ihre Eltern und Großeltern versorgen und pflegen. Altenarbeit und Altenpflege werden sich daher langfristig verstärkt auf pflegebedürftige Migranten/innen einstellen müssen. Von einer bedarfsgerechten Versorgungssituation kann derzeit noch nicht gesprochen werden. Allerdings ist auch die Inanspruchnahme altenpflegerischer Dienste noch sehr gering. Wenn überhaupt, werden Angebote der ambulanten Pflege und Versorgung in Anspruch genommen. In einer Befragung ausländischer Senioren/innen in Hamburg bezeichneten sich 20% der Befragten als pflegebedürftig, aber nur 2% nahmen auch Hilfen in Anspruch. Lediglich 0,6% der Befragten lebten in stationären Einrichtungen der Altenpflege. Das wird nicht auf Dauer so bleiben. Die Altenarbeit muss sich daher auf diese neue Zielgruppe einstellen. Gerade die Pflege von ausländischen Senioren/innen kann unter kulturellen und religiösen Aspekten besondere Anforderungen mit sich bringen. Für einen streng gläubigen muslimischen Mann ist es beispielsweise ausgesprochen schwierig, sich von einer Frau pflegen zu lassen um nur ein Beispiel zu nennen. Auch sprachliche Verständigungsschwierigkeiten erschweren eine bedarfsgerechte Pflege und die Kooperation mit den Angehörigen. Schließlich müssen Pflegekräfte auch kulturell unterschiedliche Umgangsformen, Lebensgewohnheiten sowie ein anderes Krankheits- und Pflegeverständnis bewältigen. Somit ist zweierlei nötig: Auf der einen Seite müssen sich die Anbieter altenpflegerischer Leistungen auf die spezifischen sprachlichen und kulturellen Bedürfnisse ausrichten. Auf der anderen Seite müssen bei den zugewanderten Senioren/innen die Barrieren abgebaut werden, die einer Inanspruchnahme altenpflegerischer Leistungen entgegen stehen: Hier sind Informationsdefizite und Verständigungsschwierigkeiten abzubauen. 8

11 IV. Meine Damen und Herren, die nordrhein-westfälische Landesregierung hat in Übereinstimmung mit der Integrationsoffensive des Landtages zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht, um die Integration von Zuwanderern/innen zu fördern, ihnen gleiche Chancen zu ermöglichen und gesellschaftliche Teilhabe zu gewährleisten. Integrationspolitik verstehen wir dabei als eine Querschnittsaufgabe, die alle Politikbereiche gleichermaßen berührt und fordert. Neben den Schwerpunkten der Sprachförderung, der vorschulischen Erziehung, der Verbesserung der Ausbildungsbeteiligung zugewanderter Jugendlicher und der Verbesserung der Chancen Zugewanderter im Erwerbsleben haben wir auch den Blick auf die spezifische Situation älterer Migranten/innen gerichtet. Im Bereich der gesundheitlichen Versorgung bietet beispielsweise das nordrheinwestfälische Gesundheitsportal [www.gesundheit.nrw.de] die Möglichkeit, muttersprachliche Ärzte/innen auszuwählen, um so die Defizite in der Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung abzubauen. Die Gesundheit älterer Migranten/innen war zudem Thema einer Landesgesundheitskonferenz, in der die wesentlichen Akteure des nordrhein-westfälischen Gesundheitswesens einmal jährlich zusammentreffen, um sich über Fragen der Gesundheitspolitik auszutauschen und gemeinsame Initiativen zu vereinbaren. Die Gesundheitsberichterstattung des Landes soll auf diese spezielle Zielgruppe hin weiterentwickelt werden. Dies bietet eine gute Grundlage dafür, die Einrichtungen des Gesundheitswesens für die Belange der älteren Migranten/innen zu sensibilisieren. Über den Gesundheitsbereich hinaus hat das Land mit Modellprojekten spezielle migrationspolitische Akzente in der Landesseniorenpolitik gesetzt. Die wesentlichen Ziele der Landesseniorenpolitik gelten dabei natürlich fort: Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Selbsthilfepotenziale der älteren Generation zu unterstützen und zu aktivieren und den Senioren/innen auf diese Weise ein selbständiges, aktives Leben zu ermöglichen. Nachberufliche Tätigkeiten, bürgerschaftliches Engagement und soziale Netzwerke spielen dabei eine wesentliche Rolle. Auf dieser Grundlage hat das Land verschiedene Projekte und Maßnahmen angestoßen. Hier im Kreis Unna zählt dazu beispielsweise ein Modellprojekt, das: soziale Leistungen, Angebote und Einrichtungen der Altenarbeit für die Migranten/ innen transparenter macht und Bürgerschaftliches Engagements der deutschen und der ausländischen älteren Generation fördern soll. Vorgesehen sind z.b. Informationsveranstaltungen für ältere Migranten/innen über das soziale Sicherungssystem und die Angebote der Altenarbeit sowie eine Informationsreihe, die Träger und Mitarbeiter von Einrichtungen der Altenarbeit für die Migranten/ innen als neue und zusätzliche Zielgruppe sensibilisieren soll. Seit 1997 engagiert sich darüber hinaus auch die Stiftung Wohlfahrtspflege des Landes NRW zugunsten älterer Migranten/innen. 9

12 In Essen ist beispielsweise der Aufbau eines Netzwerks für türkische Migranten/innen gefördert worden. Dazu gehörten Beratung und Information über offene, ambulante und stationäre Altenhilfe, der Aufbau von Kontakten zu Selbstorganisationen ausländischer Senioren/innen und die Erarbeitung muttersprachlicher Informationsmaterialien. In Mönchengladbach hat die Stiftung Wohlfahrtspflege die AWO bei der Errichtung einer Begegnungsstätte für ausländische und deutsche Senioren/innen mit einem Finanzvolumen von knapp Euro unterstützt. Insgesamt hat die Stiftung Wohlfahrtpflege für die Förderung dieser und anderer Projekte seit 1997 rd. 2 Mio. Euro eingesetzt. In ihrer Gesamtheit greifen sie die wesentlichen Herausforderungen auf. Es muss darum gehen: aktuelle Hilfs- und Pflegebedarfe zu befriedigen; die interkulturelle Kompetenz der vorhandenen Altenhilfe-Infrastruktur zu entwickeln und für die Versorgung zu qualifizieren; die Öffnung der Altenarbeit durch muttersprachliche Pflegekräfte sicherzustellen; den sozialen Kontakt von deutschen und ausländischen Senioren/innen in Nachbarschaften oder Begegnungsstätten zu fördern und zu festigen. V. Meine Damen und Herren, die demographischen Veränderungen führen dazu, dass der Anteil ausländischer Senioren/innen in den nächsten Jahren weiter steigen wird. Die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, sind inzwischen erkannt. Jetzt muss es darum gehen, die richtigen Lösungen zu finden und mit Elan in die Realität umzusetzen. Eine Fachtagung wie diese ist eine gute Gelegenheit, gemeinsam über Projekte und Möglichkeiten zu diskutieren. Ich wünsche dieser Tagung einen guten Verlauf und konstruktive Ergebnisse. 10

13 Migrations- und Altenarbeit im Kreis Unna Michael Makiolla Sehr geehrte Frau Staatssekretärin, sehr geehrte Damen und Herren, zu Beginn unserer Fachtagung begrüße ich Sie ganz herzlich in Lünen im Kreis Unna. Ich freue mich, dass Sie so zahlreich und teilweise von so weit her zu uns ins westfälische Ruhrgebiet gekommen sind. Da der Kreis Unna zusammen mit dem Multikulturellen Forum Veranstalter dieser Tagung ist und ich nicht voraussetzen kann, dass Sie alle wissen, mit wem Sie es zu tun haben, zu Beginn einige Informationen über den Kreis Unna: Zu uns gehören 10 Städte und Gemeinden nördlich, östlich und südlich von Dortmund. Wir haben knapp Einwohner/innen, darunter mehr als Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Schaubild Kreis Unna 11

14 Der Kreis Unna ist Teil des Ruhrgebietes und zählt daher seit jeher zu den klassischen Einwandererregionen in Deutschland. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war unsere Region fast menschenleer. Das änderte sich erst mit dem Beginn der Industrialisierung. Der Steinkohlebergbau und der Bau von Eisenbahnen zog Menschen von überall her in diesen Teil Westfalens. Damals entstand das, was wir heute Ruhrgebiet nennen. Zuwanderer/innen kamen zunächst aus den ländlichen Gebieten des damaligen preußischen Staates, darunter viele Polen/innen. Ein Blick in die Telefonbücher der Städte auch im Kreis Unna beweist, dass die Nachfahren dieser Menschen heute einen Großteil der einheimischen Bevölkerung stellen. Nach dem 2. Weltkrieg kam ein weiterer Schub von Zuwanderern/innen in den Kreis Unna; und zwar nicht nur die vertriebenen Deutschen aus dem Osten, sondern auch viele Menschen aus Bayern, die gezielt angeworben wurden, weil in den ersten Nachkriegsjahren im Bergbau Arbeitskräftemangel herrschte. So ist es zu erklären, dass es auch heute noch in der Stadt Bergkamen, die zusammen mit Lünen an unserem Modellprojekt teilnimmt, einen bayerischen Traditionsverein und eine bayerische Bierstube gibt. Ab 1956 folgten dann die sogenannten Gastarbeiter/innen aus dem Mittelmeerraum. Die mit Abstand größte Gruppe stellen heute mit knapp Personen türkische Staatsbürger/innen. Das ist der Grund, warum wir uns bei dem Modellprojekt auf die türkische Bevölkerungsgruppe konzentriert haben. In der ersten Hälfte der 70er Jahre und seit Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wanderten darüber hinaus viele deutschstämmige Menschen mit ihren Familien aus Polen, aus Rumänien und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den Kreis Unna ein. Viele Zuwanderer/innen besitzen mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft und haben auf diese Weise formal bekundet, dass sie Einheimische geworden sind. Meine Damen und Herren, Sie sehen, Einwanderung und der Umgang damit haben im Kreis Unna eine lange Tradition. Man schätzt, dass mehr als ein Drittel aller Einwohner/innen im Kreisgebiet entweder selber Zuwander/innen sind oder unmittelbar von Zuwanderern/innen abstammen. Auch ich zähle dazu, denn mein Vater ist nach dem 2. Weltkrieg aus Oberschlesien in das Ruhrgebiet, nämlich nach Holzwickede, gekommen. Meine Damen und Herren, 12 nicht nur Einwanderung hat in unserer Region Tradition, sondern auch Integration. Die Menschen im westfälischen Ruhrgebiet haben in den vergangenen hundert Jahren eine ungeheure Integrationsleistung vollbracht, auf die alle stolz sein können. Die große Mehrheit der Migranten/innen und ihre Nachkommen leben heute mit oder ohne deutschen Pass weitgehend konfliktfrei in unseren Städten und Gemeinden als Teil einer sehr pluralistischen örtlichen Gemeinschaft. Wie in jeder Einwanderungsgesellschaft gibt es natürlich auch in unserer Region Interessengegensätze, Auseinandersetzungen, Problemgruppen und Integrationshemmnisse, die nicht verschwiegen und verdrängt werden dürfen. Gerade in ökonomisch schwierigen Zeiten ist die Eingliederung von Zuwanderern/innen in die Mehrheitsgesellschaft objektiv und subjektiv schwieriger geworden; und damit müssen wir uns auseinandersetzen. Die Integration von Migranten/innen halte ich daher für eine der größten Herausforderungen, denen sich unsere Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten gegenübersieht.

15 Meine Damen und Herren, der Kreis Unna befasst sich seit den 80er Jahren mit dieser Thematik. So gibt es seit 1989 die regionale Arbeitsstelle zur Förderung ausländischer Kinder und Jugendlicher (RAA), die insbesondere mit Schulen, Kindertages- und Jugendeinrichtungen zusammenarbeitet, um diese Institutionen fit im Umgang mit Zuwanderern/innen zu machen. Wir waren damals im Übrigen der erste Kreis in Nordrhein-Westfalen, der eine RAA mit finanzieller Unterstützung der Landesregierung geschaffen hat. Hauptzielgruppe der RAA sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Das ist sicherlich nicht falsch, denn es handelt sich hier um eine entscheidende Zielgruppe für eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern/innen. Allerdings haben wir die Bedürfnisse der älteren Migranten/innen in der Vergangenheit eher vernachlässigt. Das lag sicherlich auch daran, dass der Altersdurchschnitt der zugewanderten Bevölkerung bekanntlich jünger ist als der Altersdurchschnitt aller einheimischen Menschen. Wir haben die älteren Migranten/innen vielfach übersehen, weil es so wenige waren. Außerdem haben wir geglaubt, dass beispielsweise die meisten Türken der ersten Zuwanderergeneration nach Beendigung ihres Arbeitslebens Deutschland wieder verlassen und ihren Lebensabend in ihrem Heimatland verbringen werden. Dies ist so nicht eingetreten. Die Zuwanderer/innen werden älter und bleiben in Deutschland und auch im Kreis Unna. Rund türkische Staatsbürger/innen sind allein in den beiden beteiligten Projektstädten Lünen und Bergkamen älter als 50 Jahre. In diesem Alter sind die meisten Bergleute bereits Rentner oder stehen kurz vor der Verrentung. Die Zahl der älteren Zuwanderer/innen wird in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Das ist der Hintergrund, vor dem wir uns entschlossen haben, mit Unterstützung der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen ein Modellprojekt zur Integration älterer türkischer Migranten/innen in den beiden kreisangehörigen Städten Lünen und Bergkamen durchzuführen. Über Inhalt, Ablauf und vorläufige Ergebnisse unseres Projektes werden Ihnen gleich die Nachredner/innen berichten. Ich beschränke mich darauf, Ihnen meine persönliche Schlussfolgerung aus dem bisherigen Projektverlauf zu erläutern: Wesentlich stärker als bisher müssen wir unsere sozialen Dienste und Einrichtungen, die sich mit alten Menschen befassen, befähigen, sich mit den spezifischen Belangen älterer Migranten/innen auseinander zu setzen. Das gilt für die Pflegeberatung, die Wohnberatung, die häuslichen Pflegedienste, für die teil- und vollstationären Pflegeeinrichtungen sowie auch für Seniorenbegegnungsstätten. Es gibt erhebliche Informationsdefizite in Bezug auf Ansprüche und Möglichkeiten, die man in Deutschland im Falle von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit hat. Ich war sehr überrascht, wie wenig in der türkischen Bevölkerung beispielsweise über die Leistungen der Pflegeversicherung bekannt ist; und das, obwohl die türkischen Arbeitnehmer/innen genauso in diese Sozialversicherung einzahlen wie ihre einheimischen Kollegen/innen. Wir müssen daher über neue Wege nachdenken, wie wir diese Bevölkerungsgruppe überhaupt mit unseren Informationen erreichen. Ein Faltblatt in türkischer Sprache reicht dazu mit Sicherheit nicht aus. Wir benötigen aber keine Spezialdienste und Spezialeinrichtungen, beispielsweise für türkische Pflegebedürftige. Integration heißt vielmehr, dass sich die vorhandenen Regeleinrichtungen und -dienste interkulturell öffnen müssen, um ältere Zuwanderer/ innen betreuen zu können. Das ist zum einen eine Frage der inneren Bereitschaft, dies zu tun, zum anderen aber auch eine Frage des Know-Hows, das es zu erwerben gilt. Um nicht zu viel vorweg zu nehmen, möchte ich es bei diesen Ausführungen belassen. 13

16 14 Ich bedanke mich ganz herzlich bei Frau Ministerin Fischer für die finanzielle Unterstützung der Landesregierung, die dieses Projekt im Kreis Unna erst möglich gemacht hat. Uns allen wünsche ich eine interessante Fachtagung, bei der wir viel voneinander lernen können. Und schließlich hoffe ich, dass diejenigen, die von weit her zu uns gekommen sind, die Stadt Lünen und den Kreis Unna in guter Erinnerung behalten werden. In diesem Sinne bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit und grüße Sie mit dem traditionellen Gruß unserer Region, nämlich mit einem herzlichen Glück auf!

17 Das Unna-Projekt im Licht der deutschen und internationalen Projektlandschaft Dr. Vera Gerling Das Thema Altern in der Migration wird in der Bundesrepublik Deutschland auf wissenschaftlicher (im Schnittfeld zwischen der Migrationsforschung und der sozialen Gerontologie), politischer und praktischer Ebene seit mittlerweile ca. 15 Jahren behandelt. Hintergrund und Entwicklung der Thematik Vor dem Hintergrund der Zunahme älterer Migranten/innen in den Sozialberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände kamen die ersten Anstöße aus der Sozialberatungspraxis, und die Thematik wurde 1988 das erste Mal ausführlicher auf einer Tagung der griechischen Sozialberater/innen des Diakonischen Werks diskutiert. Ende der 80er Jahre entstanden auch die ersten Altenclubs für ausländische Senioren/innen, die bekanntesten waren der türkische Altenklub in Bielefeld und der italienische Altenklub des Centro Italiano in Stuttgart. Anfang/Mitte der 90er Jahre erfolgten die ersten größeren empirischen Untersuchungen und Projekte zur Lebenslage älterer Migranten/innen. Das erste größere Forschungsprojekt Lebenssituation und spezifische Problemlage älterer ausländischer Einwohner in der Bundesrepublik fand 1992 im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung (BMA) statt und wurde vom Zentrum für Türkeistudien durchgeführt folgte das ebenfalls vom BMA geförderte Projekt Entwicklung von Konzepten und Handlungsstrategien für die Versorgung älter werdender und älterer Ausländer, das vom Institut für Gerontologie und dem Institut für Migrationsforschung, Zweisprachendidaktik und Ausländerpädagogik der Universität/Gesamthochschule Essen evaluiert wurde. Die bis dato größte empirische Befragung älterer Migranten/innen erfolgte 1998 im Auftrag der Hamburger Sozialbehörde und lautet Älter werden in der Fremde. Wohnund Lebenssituation älterer ausländischer Hamburgerinnen und Hamburger. Grundlegende theoretische Arbeiten zur Situation älterer werdender Arbeitsmigranten/innen in Deutschland wurden Anfang/Mitte der 90er Jahre von Maria Dietzel-Papakyriakou verfasst. In Nordrhein-Westfalen hat man sich relativ früh mit der Thematik Alter und Migration befasst. Die neue Zielgruppe der älteren Migranten/innen geriet beispielsweise schon Ende der 1980er Jahre aus Anlass der Vorbereitung des 2. Landesaltenplans in den Blickwinkel der Landespolitik. Allerdings ging der 2. Landesaltenplan selbst nur mit wenigen Sätzen auf die Zielgruppe der älteren Migranten/innen ein, denn seinerzeit stellte die betreffende Bevölkerungsgruppe erst einen verschwindend geringen Anteil an der Gesamtgruppe der älteren Menschen dar. Vor dem Hintergrund bereits absehbar wachsender Zahlen gab die Landespolitik jedoch die Empfehlung, die Entwicklung des Altenanteils unter den Menschen nicht-deutscher Herkunft sorgfältig zu beobachten. 15

18 16 Mittlerweile zeichnet sich die erwartete Veränderung deutlicher ab. Im bundesdeutschen Durchschnitt hat sich der Anteil der über 60Jährigen bei den ausländischen Senioren/ innen von weniger als 4% im Jahr 1980 bis 2000 auf 8,6% mehr als verdoppelt. Bei über 7 Mio. ausländischen Staatsangehörigen, die z.z. in der Bundesrepublik leben, macht dies eine Gruppe von ca Personen aus. Und diese Personengruppe wird zukünftig weiterhin stark anwachsen. Nach einer Modellrechnung der Bundesregierung wird die Zahl der über 60jährigen ausländischen Senioren/innen bis 2010 auf 1,3 Millionen und bis 2030 auf 2,8 Millionen ansteigen. Dies sind Größenordnungen, die schon heute nicht mehr vernachlässigt werden können. Außerdem muss berücksichtigt werden, dass eine nicht unerhebliche Zahl älterer Menschen nicht-deutscher Herkunft im Laufe der Zeit die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hat. Damit hat sich zwar ihr Rechtsstatus, aber nicht unbedingt ihre faktische Lebenssituation verändert. Wenn also ausländische Senioren/innen spezifische Bedarfslagen aufweisen, ist dies auch bei eingebürgerten älteren Menschen zu erwarten. Eine weitere Gruppe älterer Migranten/innen stellen die älteren Aussiedler/innen dar, die in der Statistik als Deutsche geführt werden und insofern in dieser Hinsicht genauso wenig sichtbar wie die eingebürgten Senioren/innen ausländischer Herkunft sind. Diese Gruppe steht allerdings insgesamt noch weniger stark im Zentrum der Diskussion um das Altwerden in der Fremde und der Projekte für ältere Migranten/innen. Ältere Aussiedler/innen in der Altersklasse 60 Jahre und älter umfassten in 2000 jedoch immerhin ca Personen. Insofern ist die Gesamtgruppe der älteren Menschen mit Migrationshintergrund insgesamt also wesentlich größer als in der amtlichen Statistik als ausländische Senioren/innen ausgewiesen. Zwar ist im Vergleich zu einheimischen Älteren die ausländische ältere Bevölkerung trotz starker Differenzen innerhalb der verschiedenen Nationalitäten insgesamt noch deutlich jünger, der Alterungsprozess und ein damit verbundener Hilfe- und Pflegebedarf scheint bei den ausländischen Senioren/innen jedoch auch deutlich früher einzusetzen. Das ist vor allem auf insgesamt stärkere gesundheitliche Probleme (als Ergebnis von durchschnittlich schlechteren Lebens- und Arbeitsbedingungen) sowie unterschiedliche kulturelle Konzepte des Alters zurückzuführen. Seit einiger Zeit trifft die Gruppe der älter werdenden und alten Migranten/innen in Wissenschaft, Altenpolitik und Altenarbeit auf steigende Aufmerksamkeit. Dies zeigt sich zum einen daran, dass ihre Lebenssituation systematischer und umfassender untersucht und erfasst wird. Trotz weiterhin bestehender Forschungslücken die insbesondere im internationalen Vergleich sichtbar werden, liegt inzwischen umfangreiches Datenmaterial vor, in dem sich die Lage der Menschen nicht-deutscher Herkunft relativ differenziert widerspiegelt. Zum anderen zeigt sich dies auch an der verstärkten Diskussion um Zuwanderung und der Auseinandersetzung um diesbezügliche gesetzliche Regelungen, auch wenn das allgemeine ausländerpolitische Klima dadurch nicht unbedingt verbessert worden ist. Vor allem zeigt sich das steigende Interesse an der Thematik Altern in der Migration jedoch an einer Zunahme von Projekten auf örtlicher Ebene, die auf unterschiedliche Weise auf die spezifischen Bedarfslagen älterer Migranten/innen eingehen. Dabei fällt besonders eine Intensivierung des Austauschs über Projekterfahrungen zwischen den beteiligten Akteuren sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene auf, und der good-practice-ansatz gewinnt auch in diesem Bereich an Bedeutung.

19 Europäische Projekte Auf europäischer Ebene und gefördert von der Europäischen Kommission sind in jüngster Zeit gleich zwei international angelegte größere Projekte durchgeführt worden, die auf die Zielgruppe der älteren Migranten/innen ausgerichtet sind bzw. waren. Beide zielten auf einen Austausch von good practice und die konzeptionelle Weiterentwicklung bestehender Handlungsansätze ab, wobei die Schwerpunkte variierten. Das Projekt Entwicklung innovativer Konzepte zur sozialen Integration älterer Migrant/innen wurde von der Europäischen Union und dem deutschen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert und fokussierte auf einen länderübergreifenden Erfahrungsaustausch in diesem Bereich. Die europäische Koordination und wissenschaftliche Begleitung lagen in der Hand des Kölner Instituts für sozialwissenschaftliche Analysen und Beratung (ISAB). An dem Projekt waren vier europäische Länder beteiligt, neben Deutschland waren dies Belgien, die Niederlande und Österreich. Die in diesen Ländern mit ihren unterschiedlichen Migrationsgeschichten gewonnenen Erkenntnisse wurden systematisch ausgewertet und in die Entwicklung innovativer Konzepte für die soziale Integration älterer Migranten/innen eingebracht. Bemerkenswert an diesem Projekt ist die zu Grunde liegende Betrachtungsweise: Es wurde nicht davon ausgegangen, dass die Lebenssituation von (älteren) Migranten/ innen primär von Defiziten bestimmt ist, sondern vielmehr wurde an ihre Ressourcen und Potenziale angeknüpft eine Perspektive, die auch in Bezug auf ältere Deutsche keineswegs selbstverständlich ist. Vor diesem Hintergrund sind in jedem der genannten Länder solche Projekte ausgewählt worden, die auf der Basis innovativer Konzepte und Verfahren der sozialen Ausgrenzung von älteren Migranten/innen erfolgreich entgegenwirken und wurden auf verschiedenen Tagungen vorgestellt und diskutiert. Im Rahmen dieses europäischen Projekts ist das Modellprojekt des Kreises Unna im November 2002 als vorbildlich ausgezeichnet worden. Ein weiteres internationales Projekt ist das von der Europäischen Kommission im Rahmen des Programms zur Bekämpfung der sozialen Ausgrenzung finanzierte Projekt Services for Elders from Ethnic Minorities (SEEM), das sich stärker auf den Bereich sozialer Dienste für ältere Angehörige ethnischer Minderheiten sowie den Aufbau eines europäischen Netzwerks konzentrierte und dessen erste Projektphase gerade beendet worden ist. An diesem Projekt waren neben der nordenglischen Stadt Leeds, die die Projektleitung inne hatte, weitere sechs Akteure beteiligt und zwar: auf britischer Seite das Leeds Older People s Forum, auf französischer Seite die Stadt Lille, auf schwedischer Seite die Stadt Götheburg (SDF Gunnared Elderly Services) und auf deutscher Seite die Stadt Dortmund sowie der Verein für Internationale Freundschaften (ViF) und die Forschungsgesellschaft für Gerontologie (FfG) (beide ebenfalls in Dortmund ansässig). Die Ziele von SEEM umfassten den Aufbau von transnationalen Partnerschaften im Bereich der sozialen Dienste für ältere Angehörige ethnischer Minderheiten, die Einbeziehung der Zielgruppen und ihrer jeweiligen Selbstorganisationen, den Austausch von good practice, die Entwicklung von Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis sowie die Bewerbung bei der EU für die zweite Phase und einen damit verbundenen Ausbau des Projekts. In dem neunmonatigen Projekt haben zwei dreitägige Projekttreffen 17

20 mit Workshops und der Besichtigung von Praxisangeboten für ältere Migranten/innen in Dortmund und Leeds stattgefunden. Neben dem Aufbau einer eigenen Homepage (www.leeds.gov.uk/seem) sind je vier Hintergrund- und Empfehlungsberichte der vier Städte sowie ein umfassender Abschlussbericht verfasst worden. Die Bewerbung für die zweite Projektphase war erfolgreich, so dass das Projekt von Anfang 2004 bis Ende 2005 auf erweiterter Basis fortgeführt wird. Neben der Erweiterung der Projektpartner auf Organisationen und Einrichtungen aus Rumänien und Belgien geht es inhaltlich verstärkt um die Einbindung und Konsultation der Selbstorganisationen älterer Migranten/innen sowie die bilaterale Intensivierung des Erfahrungsaustauschs. Ansätze und Projekte in Deutschland Ein weiteres Beispiel für den gesteigerten Stellenwert der Thematik stellt auf nationaler Ebene in Deutschland die vom Bundesseniorenministerium und von der Stadt Bonn geförderte Informations- und Kontaktstelle Migration (IKoM) dar, die im August 2002 eingerichtet wurde. IKOM sammelt bundesweit Informationen über migrantenbezogene Projekte mit dem Schwerpunkt Alter bereitet sie auf und stellt sie interessierten Projektträgern (u.a. in Form eines Newsletters) zur Verfügung (www.ikom-bund.de). Die Auswertung aktueller Recherchen (vor allem durch IKOM und die beiden EU-Projekte) zu laufenden Projekten für ältere Migranten/innen in Deutschland ergibt differenziert nach inhaltlicher Ausrichtung folgende Übersicht: 1. Interkulturelle Begegnung und Austausch Begegnungsstätte des Vereins für Internationale Freundschaften e.v. in Dortmund Café Ballermann Ort der Begegnung für ältere Migranten in Berlin (Caritasverband für Berlin e.v.) Deutsche und Ausländer gemeinsam Aktiv im Alter in Düsseldorf (Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben) Gruppe für Migrantinnen türkischer Herkunft in Neumünster (Seniorenbüro und AWO Neumünster) Incontro per donne italiane a Darmstadt (Zentrum für Interkulturelle Begegnung) Interkulturelle Begegnungs- und Beratungsstätte für Senioren in Hannover (AWO Kreisverband Hannover-Stadt e.v.) Treffpunkt für ältere Migranten/innen in Gelsenkirchen Bismarck (Gesundheitshaus in Bismarck e.v./gesundheitshaus Lahrshof) TriNationale Seniorenbegegnung in Stuttgart (Treffpunkt Senior) 18

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