GEMEINSAM ALT WERDEN IN BERLIN WIR ZEIGEN WEGE

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1 Rund ums Alter Rund ums Alter Rund ums Alter Rund ums Alter Rund ums Alter Rund ums Alter Rund ums Alter Rund ums Alter Rund ums GEMEINSAM ALT WERDEN IN BERLIN WIR ZEIGEN WEGE DOKUMENTATION DES 2. BERLINER SYMPOSIUMS DER KOORDINIERUNGSSTELLEN RUND UMS ALTER VOM 2. OKTOBER 2004

2 Inhaltsverzeichnis Seite Einleitung 3 Grußwort der Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz, Dr. Heidi Knake-Werner 4 Julia Pankratyeva: Wie ein zweites Leben - Mit meiner alten Kultur in der neuen Heimat 6 Idil Lacin: Lebensgeschichte einer Immigrantin, Türkin, Berlinerin, kurz einer Frau der ersten Generation 12 Jan Booij: Bericht aus dem Pflegeheim De Schildershoek 15 Sabine Kölber, Gabriela Matt, Gabriele Steinborn: Aufeinander zugehen Berliner Koordinierungsstellen sind offen für Migrantinnen und Migranten 21 Dr. Brigitte Wießmeier: Interkulturelle Öffnung der Sozialen Arbeit 30 2

3 Berliner Koordinierungsstellen Rund ums Alter Qualität, Breite und Vielfalt des fachlichen Angebots durch eine offene und kundenorientierte Arbeitsweise umzusetzen und weiterzuentwickeln, ist Zielstellung der Arbeit der Koordinierungsstellen Rund ums Alter in Berlin. Mit der Tagung wagten wir einen Ausblick auf neue Wege der sozialen Arbeit, die Migrantinnen und Migranten, die hier altgeworden sind bzw. alt werden, mit einschließt. Dies erhält ein besonderes Gewicht vor dem Hintergrund der Zahl der in Berlin lebenden älteren Migrantinnen und Migranten, deren Anteil sich in den nächsten Jahren wesentlich erhöhen wird. Diese Dokumentation enthält die Tagungsbeiträge, die Hintergrund einer lebhaften Diskussion unter den zahlreichen Teilnehmer/-innen war. 3

4 Grußwort der Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz, Dr. Heidi Knake - Werner Sehr geehrte Damen und Herren, für die Einladung zu diesem 2. Symposium der Koordinierungsstellen Rund ums Alter danke ich Ihnen herzlich. Sie hatten ja bereits auf Ihrem 1. Symposium dargestellt, dass es in Berlin ein funktionierendes, flächendeckendes Netz sozialer Arbeit für die Zielgruppe 50 Plus gibt, das ein konkreter Teil der geriatrischen Versorgungskette ist. Nun wollen Sie dankenswerter Weise neue Wege der sozialen Arbeit gehen und die Qualität, Breite und Vielfalt des fachlichen Angebots durch eine offene und kundenorientierte Arbeitsweise untersetzen. Dabei sehen Sie diese Zielstellung auch vor dem Hintergrund der stetig steigenden Zahl der Migrantinnen und Migranten, die hier bereits alt geworden sind oder aber hier alt werden. Ich begrüße dieses Ziel sehr, besonders, das Wie in den Mittelpunkt zu rücken und den Abstand zu Absichtserklärungen zu verringern, denn unsere Gesellschaft wird kulturell immer vielgestaltiger und differenzierter. Es gilt daher, den zugewanderten Bevölkerungsgruppen die Teilhabe an den sozialen, kulturellen und anderen Angeboten zu ermöglichen. Dass die Koordinierungsstellen in ihrer Arbeit sowohl die deutsche Mehrheitsbevölkerung als auch Menschen mit einem Migrationshintergrund im Blick haben, entspricht dem Integrationsziel der Migrantenpolitik des Berliner Senats. Sie, meine Damen und Herren, leisten mit diesem Ansatz einen wichtigen Beitrag zur Kampagne für eine kultursensible Altenhilfe, die von mir unterstützt wird. Mir ist die angemessene Versorgung der älteren Migranten und Migrantinnen ein besonderes Anliegen. Meine Verwaltung unterstützt deshalb, wie Sie wissen, schon seit längerem die Akteure der Altenhilfe bei der interkulturellen Öffnung der Dienste und Einrichtungen. Den Koordinierungsstellen als den Lotsen im System der Altenhilfe kommt dabei besondere Bedeutung zu. Hier reicht es nicht aus, zugewanderte ältere Menschen lediglich als neue Kundinnen und Kunden zu gewinnen. Nein, wichtig ist auch ein Umgang mit ihnen, der den individuellen Ansprüchen, den jeweiligen soziokulturellen und religiösen Prägungen und den Bedürfnissen entspricht und sich so weit wie möglich auch um die sprachliche Verständigung bemüht. Mit der gemeinsamen Datenbank, dem Hilfelotsen, sind Sie einen wichtigen Schritt der Modernisierung gegangen. Auch das Berlin weite Servicetelefon für pflegende Angehörige 4

5 trägt dazu bei, den Zugang zu entlastender und zielgenauer Beratung wesentlich zu erleichtern. Ich will an dieser Stelle der Diskussion nicht vorgreifen. Konzepte und praktikable Umsetzungswege werden im Verlauf der Veranstaltung sicher ausführlich vorgestellt werden und ich bin gespannt, mit welchen Schritten die Koordinierungsstellen hier ihren Beitrag leisten können. An Informationen über den Fortgang dieses Prozess bin ich im Übrigen sehr interessiert. Angesichts der in der Vergangenheit gezeigten Entwicklungsbereitschaft bin ich sicher, dass die Koordinierungsstellen dieser Herausforderung, das eigene Angebot kritisch zu überprüfen und weiter zu entwickeln, gewachsen sind. Selbstverständlich ist hier zu berücksichtigen, dass die Ausgangslage in den Bezirken sehr unterschiedlich ist. Und damit wünsche ich Ihnen viel Erfolg und auch Freude bei dieser anspruchsvollen Arbeit und erkläre das 2. Berliner Symposium der Koordinierungsstellen Rund ums Alter für eröffnet. 5

6 Julia Pankratyeva,ehrenamtliche Mitarbeiterin der Koordinierungsstelle Tempelhof-Schöneberg Mein Name ist Julia Pankratyeva und ich bin gebeten worden Ihnen heute etwas zur Lebenssituation älterer Aussiedler zu berichten. Seit 2002 arbeite ich ehrenamtlich für die VdK Koordinierungsstelle Rund ums Alter, Tempelhof-Schöneberg. Ein Aufruf dieser Koordinierungsstelle hat mich neugierig gemacht. Es sollte durch Übersetzung von Informationen ins Russische älteren Aussiedlern Unterstützung angeboten werden. Besonders die Älteren haben es schwer die komplizierte Behördensprache zu verstehen. Somit erfahren sie nicht von den Hilfsangeboten zum Beispiel bei Behinderung oder Pflegebedürftigkeit. Um selbst mehr über die Hilfsangebote zu erfahren und auch anderen Landsleuten bei der Eingewöhnung zu helfen, habe ich mich für diese Tätigkeit gemeldet. Nach einer Schulung übersetze ich nun im Beratungsgespräch zusammen mit einer Sozialarbeiterin die komplizierten Themen. Es sind ganz unterschiedliche Notlagen, mit denen die älteren Aussiedler in die Sprechstunde kommen. Es geht zum Beispiel um Hilfe beim Ausfüllen eines Schwerbeschädigtenausweises, um Information zu Angeboten bei Pflegebedürftigkeit, Anträge zur Telebusbenutzung oder Unterstützung bei der Suche nach einem geeigneten Pflegedienst. Das wichtigste dabei ist, dass wir uns Zeit nehmen die Hilfsangebote zu erklären und bei den Anträgen zu helfen. Durch meine Tätigkeit als Ehrenamtliche habe ich viel über die Angebote der Altenhilfe gelernt. Mein Wissen gebe ich jetzt in der Nachbarschaft weiter. Außerdem nutze ich es für die Versorgung meiner kranken Mutter. Als die Gesundheitsreform Anfang dieses Jahres stattfand, habe ich die Informationen der Krankenkassen übersetzt und meinen Landsleuten weitergegeben. Da ich bei einem Treffpunkt für Aussiedler und Einheimische arbeite, kann ich immer die Informationen der Koordinierungsstelle weitergeben. Manchmal machen wir auch gemeinsam Informationsveranstaltungen, so zum Beispiel zum Thema Vorsorgevollmacht, Betreuungsrecht, Pflegeversicherung und Hilfsmittel für Behinderte. 6

7 Frau Kölber von der VdK Koordinierungsstelle informiert beim Samowar-Abend Neu waren für mich besonders die unterschiedlichen Hilfsmittel, die es über die Krankenkasse gibt. Ein Rollator, ein Pflegebett oder gar die Möglichkeit der Türschwellenentfernung hat es bei uns in der SU nicht gegeben. Tagesstätten für Senioren oder gar Kurzzeitpflegeeinrichtungen sind in dieser Qualität nicht vorhanden. Auch das Angebot der Tagespflege gibt es nicht. Aus diesem Grund sind diese Hilfen bei Aussiedlern nicht bekannt. Außerdem denken sie, dass sie keinen Anspruch auf diese Hilfen haben. Im Rahmen einer Schulung durch Frau Kölber von der Koordinierungsstelle haben wir uns gemeinsam mit anderen Aussiedlern zwei Pflegeheime angeschaut. Gemeinsamer Besuch im Pflegeheim 7

8 Wir haben sehr gestaunt. In Russland sind derartige Einrichtungen in keinem Fall zu empfehlen. Es ist sicher, dass niemand in Russland seine Eltern in ein Heim geben würde. Das wäre eine Schande. Außerdem sind die Kinder zuständig für die Versorgung der Eltern im Alter. Hier in Deutschland sind diese Pflegeeinrichtungen viel besser, als wir uns das jemals vorgestellt hatten. Ich habe viele neue und auch positive Erfahrungen sammeln können, die ich auch meinen russischsprechenden Verwandten, Nachbarn und Freunden weitergebe. Frau Pankratyeva erklärt die Pflegeinrichtung Ich selbst bin 1997 aus der Ukraine mit meinem Sohn, Ehemann und meiner schwer kranken Mutter nach Berlin umgesiedelt. Meinen Vater konnte ich leider nicht mehr mitnehmen, da er mit 62 Jahren an den Folgen seiner schweren Krankheit verstarb 8

9 Meine Mutter, mit einer scheinbar unheilbaren Augenkrankheit, hat in Russland keine Hilfe erhalten. In Deutschland konnte ihr Gott sei Dank durch eine Operation geholfen werden. Es war allerdings nicht leicht sich hier in dem Gesundheitssystem zurecht zu finden. Es sind aber nicht nur die Verständigungsschwierigkeiten, die es uns schwer machen sich hier in Deutschland einzuleben. Alles ist anders. Unser Selbstwertgefühl wurde sehr geprägt von Arbeit und Leistung. Viele haben eine gute Ausbildung genossen und ihr ganzes Leben lang gearbeitet. Es fällt uns schwer hier in Deutschland nur als Hilfeempfänger auftreten zu müssen. Unsere Lebensleistung in Russland ist hier nichts mehr wert. In Russland haben wir wenig Hilfe vom Staat erhalten. Dafür wurden aber Beziehungen der Familie und in der Nachbarschaft sehr gepflegt. Hier in Deutschland erhalten wir zwar mehr Hilfe vom Staat. Dafür aber habe ich das Gefühl, dass es sehr schwer ist Freunde und nachbarschaftliche Hilfe zu finden. Deswegen sind für uns Treffpunkte für Aussiedler und Einheimische so wichtig. Auch das Alter wird hier in Deutschland ganz anders gelebt. Hier gibt es Möglichkeiten der Freizeitbetätigung. Und häufig wirken die Senioren sehr gepflegt und vor allem jünger als sie sind. In Russland sind Menschen nach einem langen Arbeitsleben unter den schwierigen Lebensbedingungen mit 60 Jahren krank und gehören zum alten Eisen. Selbst meine Mutter hat sich hier in Deutschland verändert. Wenn sie in ihre alte Heimat fährt, wird sie darauf angesprochen, dass sie jetzt sehr viel jünger wirkt als früher. Das hat sicher mit ihrer besseren Versorgung hier in Deutschland zu tun. Wir haben versucht so schnell wie möglich unsere Deutschkenntnisse zu verbessern oder wieder neu zu erlernen. Wir wollten uns schnell in unsere neue Heimat einleben. In Russland haben wir aus Angst Kontakte zu Behörden vermieden. Außerdem gab es auch nur wenig Hilfe. Hier in Deutschland gibt es Hilfe. Allerdings wissen wir häufig nicht, wie wir an die Hilfe kommen können. Auch hier gehen wir nur ungern zu den Ämtern. Meine Erfahrung ist es leider, dass Mitarbeiter von Krankenkassen oder Behörden sich keine Zeit nehmen mich über Hilfen aufzuklären. Obwohl ich Deutsch spreche, wurde ich zum Beispiel von der Krankasse gebeten einen Dolmetscher mitzubringen. Dieses passierte mir auch beim Wohnungsamt. Man hatte keine Zeit durch langsames Sprechen mir die komplizierte Sachlage zu erklären. In diesen Situationen fühle ich mich nicht ernst genommen und auch nicht akzeptiert. Ich kenne viele Aussiedler, die gar keine Fragen mehr stellen wollen. Sie fühlen sich als Last und wissen nicht, was ihre Rechte sind. Wir sind sehr froh hier in Deutschland leben zu können. Wir wollen niemandem zur Last fallen. Es ist manchmal schwer meine Landsleute zu bewegen ihre Rechte wahrzunehmen. Wenn sie dann in die Beratungsstelle kommen, erwarten sie, dass wir alles für sie übernehmen. Sie fühlen sich nicht in der Lage mitzuarbeiten. Sie gehen davon aus, dass eine öffentliche Stelle das viel besser klären kann. Besonders die Älteren erwarten von ihren Kindern, dass sie alle 9

10 Ämterfragen und Hilfen regeln. Das kenne ich auch von meiner Mutter. Schließlich spreche ich auch besser Deutsch. Manchmal fühle ich mich damit überfordert. Von anderen weiß ich, dass sie eine große Angst haben Fehler zu machen. Sie trauen sich wegen ihres Dialektes nicht ihre Sprachkenntnisse anzuwenden. Eine andere Erfahrung ist, dass ich und meine Familie immer sofort zu Russisch sprechenden Mitarbeitern verwiesen werden wenn es sie denn gibt. Bei einer Ärztegemeinschaftspraxis gibt es eine Russisch sprechende Ärztin, zu der wir sofort verwiesen werden. Da wir auch Deutsch sprechen, wollen wir aber zu der anderen Ärztin. Damit möchte ich erklären, dass nicht immer die Sprache, sondern vielmehr die Art der Zuwendung für mich wichtig ist. Ich habe auch eine gute Erfahrung gemacht. Ein Arzt, der zuständig für das Aussiedlerwohnheim war, sprach kein Russisch. Er hat sich aber dennoch sehr um uns bemüht. Alle Aussiedler sind gern zu ihm gegangen und er hatte dadurch viele Patienten. Was ich vermisse ist häufig das Zuhören, Interesse und die Bereitschaft die verschiedenen Hilfen zu erklären. Die Bereitschaft verstehen zu wollen hat nicht immer mit Sprache zu tun. Wenn sich diese Bereitschaft mehr zeigen würde, könnten Missverständnisse vermieden werden. Beratung bei einer Veranstaltung der Koordinierungsstelle Rund ums Alter Frau Pankratyeva (re) und Frau Kölber (li) Mein Wunsch ist es, dass wir alle unabhängig von Religion und Herkunft gleichberechtigt behandelt werden. Zusammenfassend möchte ich sagen, dass meine Landsleute nur erreicht werden, wenn man sie direkt anspricht und ihr Vertrauen gewinnt. 10

11 So sind zum Beispiel Informationsveranstaltungen direkt im Aussiedlerwohnheim sehr wichtig. Mit der Koordinierungsstelle Tempelhof- Schöneberg haben wir dort über die Hilfsmöglichkeiten für Ältere in zwei Sprachen berichtet. Manchmal ist auch der persönliche Kontakt wichtig, damit Hilfe angenommen werden kann. Auch im Radio Multi Kulti oder in Russischen Zeitungen haben wir schon Informationen über die Angebote von Koordinierungsstellen verbreitet. Zweisprachige Informationsveranstaltung in der zentralen Aufnahmeund Beratungsstelle für Aussiedler, Berlin Marienfelde Wenn wir Beratung in Russischer Sprache anbieten, kommen die Leute obwohl sie auch Deutsch sprechen. Das hat wohl etwas mit Vertrauen zu tun. Für sie ist die Erfahrung, dass sie in einer deutschen Institution, wie die Koordinierungsstelle, angehört und ernst genommen werden, sehr wertvoll, denn deutsche Institutionen gelten unter Aussiedlern als besonders fachkompetent. Am Ende eines Beratungsgesprächs lassen sie sich versichern, dass sie jederzeit wieder zur selben Beraterin kommen dürfen. Ist das Vertrauen erst einmal gewonnen, lassen sie sich nur schwer an andere Institutionen weitervermitteln. Ich finde meine ehrenamtliche Arbeit sehr wichtig. Ich lerne sehr viel von den Kolleginnen der Koordinierungsstelle und freue mich mein Wissen weitergeben zu können. Ich bedanke mich für Ihr Interesse 11

12 Idil L a c i n, Lebensgeschichte einer Immigrantin, Türkin, Berlinerin, kurz einer Frau der ersten Generation. Vor 64 Jahren wurde ich in der Türkei geboren. Meine Familie war emigriert, kam aus Tsaloniki (Nordgriechenland). Wir, meine Geschwister, Tanten etc., 3-4 Generationen, lebten in Istanbul zusammen und genossen unsere verständnisvollen Großeltern. Sie waren sehr liberal und weltoffen. In der Grundschule in Istanbul saß ich neben Erika, die mit ihrer Familie im 2. Weltkrieg aus Deutschland geflohen war und im Exil lebte. Sie hatte eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder. Ich war 8 Jahre alt als ich Nikolaus und Weihnachten durch meine Freundin Erika kennenlernte. Diese Freundschaft führte dazu, dass ich nach der Grundschule 2 Jahre die Österreichische Mädchenschule (Nonnenschule) und nach der Wiederöffnung die 6.und 7 Klassen der Deutschen Oberrealschule in Istanbul besuchte. Mittlere Reife und Gymnasium absolvierte ich in den türkischen staatlichen Schulen. Da ich die deutsche Sprache einigermaßen konnte und ich einen sehr starken Drang nach Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Neugier nach der Fremde hatte, bewarb ich mich beim Arbeitsamt und nach den üblichen Gesundheitskontrollen bekam ich sehr schnell grünes Licht für Deutschland. Im Februar 1962 verließ ich ganz allein mein Land und meine Familie, auch gegen ihren Protest und kam nach München. Seitdem lebe ich im Lande der Deutschen. Als ich in München ankam, zweifelte ich, ob es Deutsch ist, was dort gesprochen wurde, oder aber ob ich überhaupt Deutsch gelernt hatte? Somit war ich gezwungen, als erstes Bayerisch zu lernen, damit ich meinen Übersetzertätigkeiten nachkommen konnte. Dort wurde ich auch damit konfrontiert, dass die Bayern über die anderen Volksgruppen schimpften. Wir sind aus einem Lokal rausgeschmissen worden, weil wir in Begleitung einer Saupreußin dort gewesen waren. Ich habe sehr schnell begriffen, dass diese intolerante Haltung nicht nur eine bayerische Spezialität war. Als ich im November 1963 nach West-Berlin kam, hatte ich einen sehr starken bayerischen Akzent. Eine Frau aus der Türkei stammend mit bayerischer Aussprache... das war viel zu viel für die Geister. Ich wurde über ein Jahr bei Siemens gemieden. Keiner hat mit mir gesprochen, obwohl ich sehr schnell gelernt hatte, anstelle von Semmeln die Schrippen zu essen. Berlin war grau, die Menschen grimmig und die Stadt trug noch überall Kriegsspuren. Die Mauer um die Stadt herum war noch 2 Jahre jung. Sie war erdrückend, dennoch sehr herausfordernd... Ich heiratete 1964 in Berlin, ließ mich 1980 scheiden...ich sah Kennedy live auf dem Podium vor dem Rathaus in Schöneberg ick bin ein Börliner uns zurufend. Ich stand auf dem Bürgersteig am Wittenbergplatz und ließ am 1.Mai Willi Brand mit einer roten Nelke am Kragen gesteckt, vor mir paradieren. Ich stand vor dem Wahllokal von Herrn von Weizsäcker und trug ein Plakat, worauf stand Wahlrecht auch für mich!. Ich stand auf der Straße und sah wie die Menschenmasse über den Check Point Charlie vorbeiziehen. Ich lebte und erlebte diese Stadt in allen Phasen. In der ungeschriebene Geschichte dieser Stadt ist auch meine Lebensgeschichte! Ich lebte und arbeitete nicht nur. Ich mischte mich überall ein, wo der Einsatz für ein friedliches Zusammenleben, Recht auf Muttersprache, Chancengleichheit etc. erforderlich war. Ich kämpfte und kämpfe immer noch für Akzeptanz mit dem was ich war und bin, für ein würdevolles Leben. 12

13 Je mehr man sich bemüht hatte, mich bzw. uns zu sozialisieren, desto lauter wurde ich, um klarzumachen, dass unsere Sozialisation nicht hier beginnt, sondern wir unsere Grundlagen immer mitbringen, man müsse sich nur bemühen, dies nicht als Defizit zu sehen, sondern als eine Bereicherung für die Gesellschaft, in der wir zusammenleben. Aus diesen Auseinandersetzungen schöpfte ich meine Stärken und das Selbstbewusstsein. Ich lehnte eine Opferrolle ab und bereicherte mich an der Vielfalt dieser Stadt. Nach dem Mauerfall sah ich auch Parallelen mit uns. 40 Jahre Lebenserfahrung dieser Menschen kamen nicht zur Geltung. Der Westen bemühte sich den Osten zu sozialisieren, ohne hinzugucken, ob vielleicht auch etwas gibt, was man dazu lernen könnte. Ich lebte fast 20 Jahre auf den Koffern und plante nach jedem zweiten Jahr zurückzukehren. Ich glaube, wenn unsere Forderung nach doppelter Staatsbürgerschaft ernst genommen worden wäre, könnten viele, auch ich es wagen auszuprobieren, ob ein neuer Anfang im Herkunftsland möglich wäre. Sonst hieße es die Tür hinter sich zu schließen. So eine endgültige Entscheidung war nicht so einfach zu treffen. Dieser Zustand verfolgte mich, bis es mir klar wurde, dass ich ein Rückkehr über die Köpfe meiner heranwachsenden Töchter nicht planen darf. Ich wuchs mit meinen Töchtern und lernte auch viel von ihnen. Ich war auf der Suche nach dem richtigen Erziehungsweg, die Unterschiede als Chance und die Vielfalt als Bereicherung zu versteht. Nach meiner zweiten Tochter setzte ich mich intensiv mit Pädagogik auseinander und suchte mit vielen engagierten Menschen nach einer Antwort auf den kollektiven Misserfolg der ausländischen Kinder und Jugendlichen in der Schule. Ich arbeitete als soziale Beraterin und Dolmetscherin in verschiedenen Großbetrieben. Ich war jahrelang Sprachrohr für meine Landsleute. Ich leitete ein Wohnheim für Arbeitnehmerinnen aus dem ehem. Jugoslawien und aus der Türkei. Als Leiterin arbeitete ich über sechs Jahren in einer Kreuzberger Kindertagesstätte und bemühte mich für die Einführung der zweisprachigen Erziehung. Als Schulsozialpädagogin arbeitete ich über 15 Jahre mit den Jugendlichen in einer Kreuzberger Schule. Wenn ich zurückblicke stelle ich fest, dass wir die Samen für eine bunte, lebhafte schöne Stadt eingesät haben und heute die Keime bewusst wahrnehmen. Darum lache ich inzwischen über die Äußerungen, die uns immer noch als Ausländer, Nichtdeutsche, Immigranten betiteln. Wer kann von sich behaupten, dass sie eine waschechtere Berlinerin ist als ich, als meine in Tempelhof und Zehlendorf geborenen Töchter, als meine Enkelin? Meine Enkelin, ein 13-jähriges aufgewecktes Mädchen definiert sich als halbe Türkin und halbe Deutsche, sagt auch, wenn sie in der Türkei (sprich Istanbul) ist, fühlt sie sich zugehörig, in Deutschland (sprich Berlin) zu Hause. Und auch ich sage, ich fahre nach Hause, meine damit nach Istanbul zu meine Familie. Und wenn ich dort bin, sage ich ich fahre nach Hause, meine damit meine Kinder, Freunde und Nachbarn in Berlin. Auch das ist meine Realität...Diese Realität zu akzeptieren war nicht so einfach. Heute gehöre ich zu denen, die man Senioren nennt. Wir Senioren haben ein gemeinsames Anliegen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass diese Gesellschaft uns angesichts unseres Alters als Abfall, als Last behandelt. Da spielt es keine Rolle, wo wir geboren sind, welches Geschlecht wir haben, welche Sprache wir sprechen. Wir verfügen über eine reiche Lebenserfahrung, wovon die jüngere Generation profitieren kann, wenn sie will. Dennoch die politische Haltung uns gegenüber, den Menschen aus anderen Herkunftsländern wie z.b. der Türkei, dass wir für die Probleme verschiedenster Art in dieser Stadt, wie Arbeit, Wohnung, 13

14 Schule verantwortlich gemacht werden, verfolgt uns auch in diesem Lebensabschnitt. Auch im Seniorenalter kennen wir nicht den Luxus, uns zurückzuziehen, uns auszuruhen, da wir immer noch um Akzeptanz und für unsere Würde zu kämpfen haben. Ich habe eine Sterbeversicherung und eine Beerdigungs- und Überführungsversicherung abgeschlossen. Ich setze mich mit den Themen wie Sterben od. Pflegefall auseinander. Ich versuche, eine nüchterne Einstellung diesen Themen gegenüber zu gewinnen. Ich möchte in Istanbul in unserem Familiengrab beigesetzt werden. Dies zu thematisieren, darüber zu sprechen wirkt auf meine Familie in der Türkei sehr befremdend, sehr kränkend und beleidigend, da nach unserem Selbstverständnis diese letzte Aufgabe die Pflicht der Verbliebenen, der Verwandten ist. Daran merke ich, dass ich immer noch zwischen zwei Stühlen sitze und es einzig und allein mir überlassen ist, diesen Zustand als positiv oder negativ zu sehen. Darum appelliere ich an unseren Mitmenschen, einen sensiblen Umgang mit uns alten Menschen zu pflegen und Rücksicht auf unsere Individualität und Eigenartigkeit zu nehmen. 14

15 Jan Booij, Direktor des Pflegeheims "De Schildershoek" Sehr geehrte Damen und Herren, "De Schildershoek" ist ein Pflegeheim in Den Haag, in dem vor 14 Jahren ein multikulturelles Programm gestartet wurde, das seitdem nicht mehr wegzudenken ist. Es ist eine Geschichte aus der Praxis, in der Verschiedenheit eine Hauptrolle spielt. Zwei Seniorenheime und das Pflegeheim "De Schildershoek" sind drei dicht beieinander liegende Heime im Zentrum Den Haags; sie bilden zusammen eine Organisation. Neben diesen drei Häusern gibt es noch ungefähr 300 Seniorenwohnungen. Unsere Organisation betreut etwa 700 Bewohnerinnen und Bewohner und zählt rund 400 Mitarbeitende, wobei BewohnerInnen und vor allem Mitarbeitende aus vielen verschiedenen Ländern kommen. Surinamer aus allen Bevölkerungsgruppen: Hindustaner, Afro- Surinamer, Javaner und Chinesen, Kreolen und Inder. Aus dem Mittelmeerraum: Türken, Kurden, Marokkaner und Berber, einige Italiener, ein Ire, Portugiesen und zunehmend auch Mitarbeiter aus dem früheren Jugoslawien. Unsere Chinesischen BewohnerInnen und Mitarbeitende kommen aus Hong Kong, der Volksrepublik China, Indonesien und Surinam. Weiter haben wir Vietnamesen, Kap Verdianer, MitarbeiterInnen aus der Dominikanischen Republik, Weissrussland, Jordanien, dem Iran und Irak, Abkömmlinge aus Pakistan, Afghanistan, 15

16 Ghana, Ruanda, Ägypten, Somalia, Eritrea, Ethiopien und Indien. Weiter aus Südafrika, Togo, Liberia, Polen, Deutschland, den Niederlanden und Kolumbien. Das Pflegeheim hat 65% ausländische Bewohnerinnen und Bewohner und 70% der Mitarbeitenden sind von ausländischer Herkunft. Das Pflegeheim "De Schildershoek" entstand vor 16 Jahren durch die Zusammenfügung von drei alten Pflegeheimen. Es stellte sich bald heraus, dass unsere zukünftigen BewohnerInnen aus verschiedenen Ländern kommen würden, was nicht verwunderlich war, da das Haus in der Innenstadt von Den Haag liegt, in der seit langem viele Nationalitäten wohnen. Die Erkenntnis, dass die zukünftigen BewohnerInnen des Pflegeheims "De Schildershoek" andersartig sein würden und wir uns hierauf vorbereiten müssten, führte im Jahre 1989 dazu, ein kleines Projekt zu starten. In den Anfangsjahren, in denen die ersten ausländischen Bewohner-Innen zu uns kamen, legten wir den Schwerpunkt auf die Fürsorge für dieser Menschen. Wir beobachteten und untersuchten, wie unterschiedlich sie mit Krankheitserfahrung und Behinderungen umgingen. Wir entwickelten Konzepte für Kommunikation, Religion, Entspannung, Ernährung und gegenseitige Beziehungen. Das Pflegeheim "De Schildershoek" richtete sich im Voraus auf die zukünftigen BewohnerInnen ein, obgleich es anfangs noch nicht viele von ihnen gab. Was wurde in den Anfangsjahren realisiert? Die Anpassung der Räume, um den Bewohnern eine mehr erkennbare Umgebung zu bieten Der erste Gottesdienst für Hindus Musik und Filme aus den verschiedenen Kulturen Mehr Einsicht in die Familienverhältnisse der Bewohner Training für interkulturelle Kommunikation Winti Information Erste Wortlisten Einsicht in die unterschiedlichen Rituale um Krankenbett und Sterben Einsatz von Dolmetschern und Anschaffung von Dolmetscher-Telefon Erweiterung des Ladensortiments mit neuen Produkten Die Verständigung war vor allem in den ersten Jahren das größte Hindernis. Es hat sich herausgestellt, dass die Überwindung von Sprachprobleme, mit oder ohne Dolmetschern, viel Zeit kostet. Kontakte laufen häufig über viele Schienen, die wir anfangs nur schwer übersehen konnten. Wichtige Entscheidungen werden oft lange von der ganzen Familie erwogen. Das Ergründen von Beziehungen und Strukturen untereinander und die Findung der richtigen Antworten erfordert großes Einfühlungsvermögen von den Mitarbeitenden. Im Pflegeheim "De Schildershoek" waren von Anfang an ausländische MitarbeiterInnen beschäftigt, nur wurde dies bisher noch nicht so sehr beachtet wie jetzt; es waren einfach KollegInnen, die hier schon seit Jahren arbeiteten. Früher waren wir ein städtisches Heim. Viele MitarbeiterInnen aus Surinam, einer alten niederländischen Kolonie, und von den Niederländischen Antillen bevorzugten es, in einem städtischen Betrieb zu arbeiten. Diese Entwicklung des Personals folgte also keiner bewussten Strategie, sondern war eine Tatsache. Nach einigen Jahren kamen wir zu dem Schluss, dass die Voraussetzung für eine multikulturelle Fürsorge ein entsprechendes Management sein müsse. Darum sorgten wir 16

17 dafür, dass die Zusammenstellung des Personals möglichst die unserer BewohnerInnen widerspiegelte. In diesen Jahren wurde auf dem Gebiet der multikulturellen Zusammenarbeit vieles in Gang gesetzt. Eine größere Offenheit gegenüber Kulturunterschieden entstand und Themen wie Diskriminierung wurden besprochen. Verkrampfungen wurden durchbrochen. Außerdem entstand eine größere Sicherheit im Umgang miteinander, in der offen über Unterschiede gesprochen werden konnte. Es gab eine gewisse Neugier, die es ermöglichte, Witze über die gegenseitigen Gewohnheiten zu machen und auf eine nette Art miteinander zu spotten. Das Klima war hierfür reif. Ich denke, dass unsere Mitarbeitenden, aber auch Außenstehende dies spüren; man kann in unserem Pflegeheim einfach derjenige sein, der man ist; mit der eigenen Geschichte und eigenen Gewohnheiten. Gewohnheiten, die andere vielleicht sehr eigenartig finden. So entstand hier eine ganz eigene Kultur. Diese neue Kultur verbreitete sich über das Verhandlungsklima, die Kontakte mit den ausländischen BewohnerInnen und deren Familien und umgekehrt. Das Pflegeheim lehrte, von einander zu lernen; lernen von den BewohnerInnen, den Mit-Pionieren dieser Geschichte. Lernen von Familienmitgliedern, von Pandits und Imanen. Aber sie lernten auch von uns, lernten, was ein Pflegeheim ist und wie niederländische alte Menschen leben. In diesen Jahren entwickelten wir Dinge wie: Training für interkulturelle Kommunikation auf allen Ebenen Bekanntmachung mit dem Begriff Kultur und was dieser für jeden Menschen bedeutet Managementtraining Hindi Sprachschulung für MitarbeiterInnen Training für verschiedene Führungsarten und die Rolle der eigenen Persönlichkeit hierin Einblick in Selbsthilfe und die Rolle von Familienbanden Aufruf zum islamischen Gebet und Glockenläuten (von einer CD) vor den Gottesdiensten Einblick in die Standpunkte zum Thema Lebensverlängerung in den verschiedenen Lebensüberzeugungen und Kulturen Das multikulturelle Denken wurde komplexer, und fasste stets mehr Fuß. In diesen Jahren wurde auch der multikulturelle Speisezyklus abgerundet. Wir hatten uns schon im Jahre 1990 hierfür entschieden, aber die Verwirklichung war nicht so einfach. Vieles musste beachtet werden: die verschiedenen Fleischsorten, rituelle Schlachtung, neue Gemüse aus Surinam und Südeuropa als auch die Rezepte. Dies alles musste kombiniert werden mit verschiedenen Diäten und Variationen wie pürierte, flüssige oder natriumarme Mahlzeiten. Schließlich glückte es, durch ein geniales Software- Programm, dies alles zu integrieren. Eltern von MitarbeiterInnen und Familien von BewohnerInnen halfen, die Rezepte zu verfeinern: die Zutaten einzusetzen, die einem Gericht den letzten Schliff geben, wodurch es wirklich surinamisch, türkisch oder marokkanisch schmeckt. Das Resultat hiervon ist, dass viel mehr Töpfe auf dem Herd stehen und es große Variationen gibt. In dieser Periode entstand auch ein vollwertiges multikulturelles Programmangebot. Zur Zeit gibt es außer Skatnachmittagen die wöchentlichen Fußballabende, zwei verschiedene Hindi- Gottesdienste, zwei verschiedene islamische Gottesdienste, eine Koran-Lesung, 17

18 protestantische, katholische und ökumenische Gottesdienste. Außerdem werden Festtage der verschiedenen Kulturen gefeiert: Holi Phagwa, das chinesische Neujahr, Divali, das Zuckerfest, Keti Koti und dies alles zusätzlich zu den niederländischen Festtagen wie Nikolaus, Weihnachten, Ostern und Nationalfeiertag. Auch hierbei machten wir anfangs dumme Fehler: z.b. ein Hindi-Gottesdienst der verkehrten Strömung der Pandit war Vertreter einer anderen Richtung als die Mehrheit unserer BewohnerInnen. So entstanden Spannungen, die wir selbst erst viel später bemerkten. Ebenso mussten praktische Probleme gelöst werden: Improvisation und Kontakt mit der Feuerwehr waren zum Beispiel nötig um zu verhindern, dass nach jedem Hindi-Dienst mit Opfer die Feuerwehr mit Sirenengeheul ankam, weil die Rauchmelder Alarm ausgelöst hatten. Dieses Problem wurde dann gemeinsam gelöst: es gibt jetzt Wärme- statt Rauchmelder. Gegenwärtig wird jede Neuerung selbstverständlich auf ihre Brauchbarkeit in der multikulturellen Umgebung geprüft. Die Integration des multikulturellen Denkens, ein Hauptziel des ersten Projekts, ist inzwischen erreicht. Die letzten zehn Jahre waren nicht einfach. Regelmäßig gingen Dinge schief, folgten wir einer verkehrten Spur oder ergaben sich Spannungen in der Organisation. Aber diese Umwege waren wohl nötig, um den Prozess bis in die kleinsten Abteilungen des Pflegeheims durchdringen zu lassen. Aus einer derartigen Entwicklung ergibt sich viel Gutes, da jeder gezwungen wird, gut über die Normen und Werte nachzudenken, auf Grund welcher man Pflegedienst leistet und auch darüber, was dies aus der eigenen Kultur und der des Anderen bedeutet. Die Einstellung zur Arbeit im Pflegeheim "De Schildershoek" ist auf erlebnisgerichtetes Denken gegründet. Ein Denken, das vom Individuum ausgeht und nicht von der jeweiligen Kultur. Jeder hat hier seine eigene Lebensgeschichte, die nicht in Allgemeinheiten zusammenzufassen ist. Einblick in und Kenntnis von den verschiedenen Kulturen kann natürlich helfen, die richtigen Fragen zu stellen, um so auf passende Weise mit dem Bewohner und seiner Familie in Kontakt zu kommen. Sachkenntnis und ehrliches Interesse sind die Voraussetzungen für die Arbeit im Pflegeheim "De Schildershoek". Phonetische Wortlisten wie wir sie gebrauchen für Hindi, Mandarin, Hakka und Kantonesisch sind nicht gemeint, um echte Gespräche zu führen, wohl aber um unser Bemühen und Interesse zu zeigen. Das Pflegeheim "De Schildershoek" bildet zusammen mit den zwei Seniorenheimen und den 300 Seniorenwohnungen eine Einrichtung, von der aus auch extern Hilfe angeboten wird: So leisten wir z.b. verschiedene Arten von Pflegediensten und ambulante Therapien in unserem Stadtteil. Dies alles geschieht in enger Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Hierbei arbeiten z.b. chinesische und javanische Wohngruppen intensiv mit uns zusammen. Wir bieten Pflegedienste in den chinesischen Wohnkomplexen. Auch kommen alte Chinesen und Javanen in unsere Seniorenwohnungen, das Senioren- und Pflegeheim. Chinesische und Javanische MitarbeiterInnen werden angeworben und geschult. Bei ihnen achten wir jetzt auf die verschiedenen Sprachgruppen, denn auch hierin machten wir anfangs Fehler: z.b. mit Bewohnern, die nur Hakka-Chinesisch und Mitarbeitenden, die nur Mandarin-Chinesisch sprachen. 18

19 Die Zusammenarbeit mit Interessengruppen wird als wertvoll erkannt und erweitert. Es geschieht regelmäßig, dass allgemeine Einrichtungen zugänglich gemacht und später zusammen mit den Bewohnern verändert werden. Emanzipation und Beteiligung von Senioren aus allen Kulturen ist eine Neuerung, die ein aktives Engagement bedeuten. Multikulturell arbeiten bedeutet nachfragegerichtet zu arbeiten. Dies erfordert eine gemeinsame Anstrengung von uns, den BewohnerInnen und deren Familien. Eine Anstrengung, die darauf gerichtet ist, dass die gebotene Pflege den Wünschen und Erwartungen der Bewohnerinnen und Bewohner und gleichzeitig dem professionellen Standard entspricht. Die Einrichtung ist für die BewohnerInnen da und wenn diese sich verändern, muss auch die Einrichtung Änderungen durchführen. Wir sind schließlich kein McDonald s Restaurant, das in allen Ländern das gleiche Produkt verkauft! Das Pflegeheim "De Schildershoek" bekommt Anfragen aus allen Teilen des Landes. Diese sind meist zurecht begründet mit dem Wohlergehen des Individuums, können jedoch nicht berücksichtigt werden, da wir ja in erster Linie für die alten Menschen der Stadt Den Haag eingerichtet sind. Es ist unser Bestreben, ein multikulturelles Haus zu führen, in dem Menschen aus aller Welt sich wohl fühlen. Einrichtungen in anderen Grosstädten werden sich nachdrücklicher auf die neuen KlientInnen einstellen müssen, damit auch sie für BewohnerInnen aus aller Welt einladender werden. Das Argument, dass diese Menschen sich nicht melden, ist nur zum Teil gültig und reicht nicht aus, um nichts für sie zu tun. Es besteht eine große verborgene Nachfrage und es gibt viele potentielle Pflegebedürftige: alte Menschen und Familien, die den Weg nicht wissen, die das Angebot nicht kennen oder für die die Barriere eines Pflegeheims zu hoch ist, um anzuklopfen. Auch hier liegt eine Aufgabe für Gesundheitseinrichtungen: die Bedürftigen zu suchen, kennen zu lernen und einzuladen. Gute Alternativen sollten untersucht werden; wenn die Barrieren abgebaut sind, werden sich vielerorts neue BewohnerInnen anmelden. Fürsorge gehört zu jeder Kultur, jedoch ihre Ausdrucksform variiert. Der Mensch sollte immer zentral stehen; darum müssen wir die Betriebsführung, die Entwicklung neuer Dienstleistungen, Beschlussfassungsprozesse, die Diskussion über Normen und Werte, neu überdenken und eine entsprechende Betriebsführung entwickeln. Für die Gesundheitsfürsorge sind dies Aufgaben für das nächste Jahrzehnt. Die Diversität unserer Leistungen, die Zeit für gegenseitige Verständigung, die Missverständnisse, das nicht vertraut Sein unserer Bewohner mit Prozessabläufen verursachen, dass die Betriebsführung viel Zeit und Geld kostet. Oft ist die Pflege anfangs sehr arbeitsintensiv, da man mit der Aufnahme zu lange gewartet hat. Diese Mehrkosten werden bisher noch nicht gedeckt. Multikulturelle Fürsorge ist Maßarbeit, die für alle Beteiligten eine Qualitätsverbesserung bedeutet. Den Mitarbeitenden gibt diese Arbeit mehr Befriedigung, da sie ganz spezielle Kenntnisse erwerben, außerdem macht diese Arbeit sie aufmerksamer. Das Wichtigste ist das Klima, in dem Menschen einander offen gegenüberstehen, offen für Bewohner und Kollegen mit anderen Normen und Werten. Niemand braucht Alles zu wissen; was man nicht weiß, kann man schließlich fragen. Spielraum für Kreativität im Umgang mit den Unterschieden ist notwendig. 19

20 Die Möglichkeiten unseres Pflegeheims sind begrenzt. Wir probieren jedoch, unsere verschiedenen Mittel und die Erwartungen der BewohnerInnen so gut wie möglich miteinander in Einklang zu bringen. In unserem Pflegeheim wird der Sitzungssaal und bis vor kurzem das Magazin, als Gebetsraum benutzt. Die Ikonen der verschiedenen Religionen hängen verborgen hinter Vorhängen; sie werden jeweils, abhängig von der Gruppe die den Gebetsraum benutzt, zum Vorschein gezaubert. Da die Menschen begreifen, dass es nicht anders möglich ist, wird bei uns akzeptiert, was woanders vielleicht undenkbar wäre. Ein Klima, in dem jeder der sein kann, der er ist und anerkannt wird, bewährt sich. Regelmäßig passiert es jedoch auch, dass wir einen verkehrten Weg einschlagen; nichts geht von selber. Das Pflegeheim "De Schildershoek" ist ein ganz normales Pflegeheim, in dem wir täglich lernen und Neues. 20

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