Mental stark aber wie?

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1 Mental stark aber wie? Von Hansruedi Stahel Liebe Camp D Freundinnen und Freunde, vor einiger Zeit stellte mir Christina eine Frage: Hansruedi, könntest du etwas zum Thema mentale Stärke schreiben? Natürlich kann ich das, war meine spontane Antwort und nun sitze ich da und merke, dass dies gar nicht so einfach ist. Könnt ihr Euch noch an meinen letzten Artikel in der Camp fire erinnern? Es ging damals um das Warum. Diesmal geht es nun also um das Wie. Wie ist es mir möglich, ein bisschen mehr zu leisten, als es der Normalität entspricht? Viele Bücher habe ich schon darüber gelesen, wissenschaftliche Studien durchgeackert und dabei gemerkt, dass sich recht vieles widerspricht. Was nun vor dir liegt, ist eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte, welche ich selbst ausprobiert habe und welche nach meiner Meinung mit ein wenig gutem Willen auch umsetzbar sind. Etwas möchte ich noch betonen: Meine Ideen helfen nicht, echte Lebenskrisen zu meistern. Sie sind für ganz normale Menschen geschaffen, welche ihre Leistungsstärke verbessern möchten. Wenn du ein echtes Problem hast, wende dich an deinen Arzt, deine Diabetesberaterin oder Diabetesassistentin. Sie werden dich an die richtige Fachperson überweisen. Etwas ist klar, nicht dein Können und dein Talent entscheiden, wie weit du es im Leben bringst, sondern deine mentale Stärke oder noch besser gesagt, die mentale Stärke ist die Steuerung des idealen Leistungszustandes. Mentale Stärke ist die Fähigkeit, das gesamte Potential an Talent und Erlerntem im Leben umzusetzen. Lass es mich noch etwas anders erklären: Dein Körper ist die Hardware, dein Können und dein Talent die Software und die Verbindung zwischen Hardware und Software ist die mentale Stärke. Jetzt muss ich aber ganz schnell bremsen. So viel Theorie und weise Sprüche tun schon fast weh. Vorbereitet habe ich mich gut. Hunderte von Kilometern abgespult und Hügelintervalle trainiert, bis die Kühe des Nachbarn sich so an mich gewöhnt hatten, dass sie nicht einmal mehr den Kopf drehten, wenn ich an ihren Kälbchen vorbeirannte. Natürlich bereitete ich mich auch mental auf die gewaltige Leistung vor und nun liege ich im Bett, es ist morgens zwei Uhr, fünf Stunden vor dem Start, und ich kann nicht schlafen. Werde ich die 79 Kilometer und die Höhenmeter des Swissalpine Davos wohl schaffen? Der schwerste Tagesberglauf der Welt stand in der Broschüre positive und negative Höhenmeter warten auf mich. Ich versuche, mich zu entspannen, denn etwas weiss ich ganz genau: Undiszipliniertes, negatives Denken verhindert die Steuerung des idealen Leistungszustandes. 1

2 Der Versuchung zu widerstehen, negativ zu denken, weil es nun einmal den augenblicklichen Gefühlen entspricht, ist keine leichte Aufgabe. Deshalb gelingt es auch vielen Menschen nicht, ihr volles Potential auszuschöpfen. Wenn du also in Zukunft mental stark werden willst, musst du lernen, deine Gedanken zu steuern. Lass dir dies kurz an einem einfachen Beispiel erklären: Stell dir vor, du bekämst eine Einladung von der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, an der Jahrestagung einen Vortrag zum Camp D zu halten. Du bereitest dich selbstverständlich gut vor. Du lernst den Vortrag auswendig und übst ihn vor dem Spiegel ein. Nun stehst du auf der Bühne und Zuhörer warten gespannt auf deine Ausführungen. In diesem Moment kriecht fies und gemein die Angst vor dem Versagen in dein klopfendes Herz. Diese Angst produziert sofort in deinem Hirn negative Säfte und diese wiederum beeinflussen deinen Körper. Du beginnst zu schwitzen. Deine Beine zittern. Dein Herz klopft wie wild. Du beginnst zu stottern. Deine super antrainierte Stärke bricht in sich zusammen. Aus diesem Grund musst du lernen, deine Gedanken zu steuern. Undiszipliniertes Denken wie: Ich schaff es nicht! Ich kann es nicht! Ich glaub es nicht! Ich habe Angst! Ist nicht mehr erlaubt! Genau so, wie negative Gedanken den Körper negativ beeinflussen, beeinflussen positive Gedanken den Körper positiv. Wir Menschen denken gerne negativ. Wir werden richtig darauf trainiert, negativ zu denken! Wie viele Meldungen in den Abendnachrichten sind positiv, wie viele negativ? Du kannst die positiven Meldungen an einer Hand abzählen. Du musst also lernen, positiv zu denken. Ich möchte es sofort vorwegnehmen: Es ist nicht einfach! Viele Menschen lernen bewusst, Misserfolg zu haben. Das ständige Versagen führt dazu, dass sie irgendwann an ihr Versagen glauben. Besonders wenn ich mit übergewichtigen Menschen spreche, höre ich nichts anderes. Was hat er nicht schon alles ausprobiert und es hat nichts genützt. So startet der Patient die neue Therapie schon mit dem Bewusstsein, dass diese nichts bringt. Und sie wird nichts bringen! Wir müssen also lernen, positiv zu denken, um erfolgreich zu sein. Ich sage es nochmals ganz einfach: Unser Hirn muss lernen, mit erfolgreichen Gedanken umzugehen. 2

3 Nun muss ich meine Erläuterungen kurz unterbrechen. Vielleicht bist du praktizierender Christ. Ich bin es auch. Vielleicht denkst du: Mein Leben ist gegeben, Gott tut mit mir, was er will. Mein Leben ist in seiner Hand! Du bist im Recht! Gott hat uns Menschen einen Körper geschenkt. Mit Hirn, Armen und Beinen. Ich denke, er will, dass wir diese Organe nutzen. Du darfst ihn also auch bitten, dich durch dein Leben zu führen und dir die Kraft zu geben mental stärker zu werden. Gott hat zwei Hände, deine! Lerne, Erfolg zu haben. Als Erstes suche nach einem positiven Erlebnis in deinem Leben. Ein Erlebnis, wo du stark warst. Vielleicht hast du deine Angst überwunden. Oder ein kleines sportliches Ziel erreicht. Es muss gar nichts Großartiges sein. Nun denkst du jeden Abend zehn Tage lang vor dem Einschlafen fünf Minuten an dieses Erlebnis zurück. Freue dich immer wieder an diesem kleinen Erfolg. Sprich mit dir. Sage: Ich habe es geschafft! Ich war mutig! Ich war stark! Wie schon erklärt, werden in deinem Gehirn nun biochemische Säfte freigesetzt, welche dich positiv verändern. Nun kommt der nächste Schritt. Jetzt wird es richtig spannend. Jetzt lernen wir, Erfolg zu haben, und zwar jeden Tag neu. Bekanntlich ist der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert. Wenn du denkst: Ich werde nie mehr rauchen, rauchst du in drei Tagen wieder. Warum? Weil du noch nicht gelernt hast, Erfolg zu haben. Erstelle dir dein tägliches Erfolgstrainingsprogramm. Verlange etwas von dir, was dich fordert, aber ziehe es nur über eine kurze Zeit durch. Nur einen Tag lang. Beispiel: Nur heute werde ich nicht rauchen. Nur heute werde ich keinen Fernseher benutzen. Nur heute werde ich mich über meine Fehler amüsieren. Nur heute werde ich alle schlechten Gedanken sofort ausblenden. Nur heute werde ich eine Stunde marschieren. Nur heute werde ich meine Oma besuchen. Heute gehe ich zu Fuss zur Arbeit. Heute werde ich keine negativen Gedanken zulassen. Werde kreativ, erstelle dir selbst eine eigene Liste und am Abend, wenn du unter die Decke kriechst, denke mit Stolz an dein Erlebnis: Ich war stark. Ich habe es geschafft. 3

4 Vielleicht schaffst du etwas nur zu fünfzig Prozent freu dich über die fünfzig Prozent. Schreibe deine positiven Ziele auf Zettel und klebe diese an den Spiegel im Badezimmer, über dein Bett, an die Innentüre der Toilette. Wenn du dieses Programm drei Wochen durchgezogen hast, beginne, dir vor dem Einschlafen bildhaft vorzustellen, anders zu sein. Glücklich zu sein, Spass zu haben, persönliche Stärke zu zeigen, dich auf Herausforderungen zu freuen, Erfolg zu haben. Nachdem du dieses Programm durchgezogen hast, wirst du eine interessante Feststellung machen. Deine Zuversicht steigt. Du bist ruhiger und entspannter. Du bist mit positiven Emotionen aufgeladen. Du arbeitest konzentrierter. Du bist auch bereit, Humor in verschiedenen Situationen einzusetzen. Du wirst unter Druck nicht mehr sofort feindselig reagieren. Du wirst fähig sein, vergebene Chancen schneller abzuhaken. Herausforderungen sind für dich nicht mehr mühsame, sondern begeisternde Situationen. Ja, solche und andere Gedanken machte ich mir in der Nacht vor dem Wettkampf. Am Morgen um sieben Uhr bin ich gestartet. Die ersten vierzig Kilometer liefen recht gut. Aber dann, von Bergün (1.365 m) bis zur Keschhütte (2.632 m), ging es vierzehn Kilometer nur noch hinauf. Teilweise grauenhaft steil. Meine Beine wurden schwer. Mein Laufstil verkrampfte. Da kam mir mein mentales Training zugute. Ich stellte mir bildhaft vor, wie ich mich vor der Hütte auf die Bank setze, die angestrebte Schlusszeit vergesse und genüsslich fünf Minuten lang eine Cola trinken werde. An diesem positiven Gedanken hielt ich mich fest. Nach der Keschhütte ging es kurz hinunter und dann wieder hinauf zum Sertigpass (2.739 m). Auf diesen sechs Kilometern wurde es wieder eng. So stellte ich mir vor, wie ich nach der Passhöhe den höchsten Punkt des Laufes überqueren werde. Dann wird es hinuntergehen zu dem Dörfchen Sertig, wo Pati, meine Tochter, auf mich wartet. Von dort sind es dann nur noch dreizehn Kilometer bis zum Ziel. Die werde ich geniessen. Dort weiss ich ganz sicher, dass ich es schaffen werde. Die letzten Kilometer wurden nicht zu einer Tortur, sondern zur wahren Freude. Trotz einer enormen Müdigkeit und Schmerzen in den Beinen stellte ich mir immer wieder vor, wie ich ins Ziel laufen werde. Ich bin den Swissalpine nicht an einem Stück gelaufen, sondern in kleinen, erlebnisorientierten Etappen. Jede Etappe wurde von einem guten Gedanken begleitet. Es hätte viele Möglichkeiten für negative Gedanken gegeben, aber diese blendete ich strikt aus. 4

5 Zum Schluss möchte ich nochmals das ganze Programm kurz zusammenfassen. 1. Schritt: Lerne, deine Gedanken zu beherrschen. Wenn ein negativer Gedanke kommt, sage: Stop! Undiszipliniertes, negatives Denken verhindert, dass du deine optimale Leistungsstärke erreichst. 2. Schritt: Freue dich zwei Wochen jeden Abend ein paar Minuten an einem positiven Erlebnis, welches du gehabt hast. Sage immer wieder: Ich habe es geschafft, ich war stark. 3. Schritt: Erarbeite dir eine Nur-heute-Liste. Führe dieses Programm drei Wochen durch. 4. Schritt: Stelle dir vor, wie du in deine grosse nächste Herausforderung positive Gedanken einbaust. Wenn du eine Prüfung vor dir hast, stell dir vor, wie du dein Zeugnis entgegen nimmst etc. Natürlich gibt es viele Bücher zum Thema der mentalen Stärke. Alle wiederholen sich leider immer wieder. Eines möchte ich dir ans Herz legen. Es ist nicht nur lehrreich, sondern auch spannend zu lesen: Extrem von Norman Bücher. ISBN: Übrigens, letztes Wochenende war ich mit einer grösseren Praxis in Saas-Fee. Teambildung/mentale Stärke und Bergsteigen war unser Thema. Leider konnten wir wegen den schlechten Wetterverhältnissen nicht aufs Allalinhorn (4.042 m). So kletterten wir durch die Schlucht nach Saas Grund. Die Begeisterung am Ziel war überwältigend. Nicht dass wir es geschafft hatten, sondern über all das, was wir erleben durften. Da gab es Mitarbeiterinnen die behaupteten, nicht schwindelfrei zu sein, und in der Schlucht jauchzten sie vor Freude. Auch am dünnen Drahtseil mit dreissig Metern Luft unter den Beinen. Vielleicht habt ihr noch eine andere Idee oder macht eine spezielle Erfahrung. Wenn ja, schreibt sie uns. Ich wünsche euch von ganzem Herzen viel Erfolg! Mit lieben Grüßen euer Hansruedi 5

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