Was die Liebe stark macht

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1 Leseprobe aus: Hans-Werner Bierhoff/ Elke Rohmann Was die Liebe stark macht (Seite 11-16) 2005 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg.

2 KAPITEL 1 Was erleben wir in Partnerschaften? Wie lässt sich das partnerschaftliche Erleben beschreiben? Eine erste Antwort besagt, dass Liebeserfahrungen im Vordergrund stehen, aber ein kurzes Nachdenken zeigt auch, dass Konflikte und Widersprüche zu bewältigen sind. Weiterhin erleben wir in der Partnerschaft Hilfsbereitschaft und Engagement, und schließlich ist auch die Sicherheit oder Unsicherheit der Bindung an den Partner zu berücksichtigen. Diese kurze Skizze einer Antwort auf die Frage nach dem Erleben in Partnerschaften ist unvollständig und bedarf weitergehende, die Tiefenstruktur von Beziehungen berücksichtigende Überlegungen. Die Unvollständigkeit der Antwort hat damit zu tun, dass individuelle Eigenschaften, persönliche Temperamente und allgemeine soziale Einstellungen nicht berücksichtigt wurden. Die Beziehungserlebnisse eines gehemmten Menschen unterscheiden sich von denen eines Extravertierten, der Erfahrungen gegenüber aufgeschlossener ist, mehr an sich heranlässt und seine Aufmerksamkeit stärker nach außen richtet. Ein impulsiver Mensch wird leichter dazu neigen, einen «Vulkanausbruch» zu erleben, wenn der Partner seinen Zielen im Weg steht, als ein ausgeglichener Mensch. Und ein Zyniker, der alle Menschen für unzuverlässig und potenziell gefährlich hält, wird sich vielfach einer hämischen Kommentierung bei einem Fehler des Partners nicht entziehen können, während ein Menschenfreund eher verständnisvoll reagieren wird. Diese Gegebenheiten lassen aber gleichzeitig den Mittelpunkt unserer Darstellung erkennen: Uns geht es um das Beziehungserleben, das sich aus der partnerschaftlichen Bindung und der interpersonellen Abhängigkeit ergibt. Was die Tiefenstruktur von Beziehungen angeht, beginnen wir mit dem, was von dem Erleben der Partner zunächst an der Oberfläche erkennbar ist, um dann weiter nachzufragen und die 11

3 dahinter liegenden Motive zu erforschen. Aber dessen ungeachtet werden wir schon in diesem Kapitel auf theoretische Annahmen kommen, die über das, was an der Oberfläche erlebt wird, hinausgehen und einen tieferen Sinn erkennen lassen. In diesem Text geht es nicht darum aufzuzeigen, was in der Partnerschaft «richtig» oder «falsch» ist. Die Versuchung liegt nahe, eigene Wertvorstellungen einzubringen und sich an diesen entlangzuhangeln. Sicher kann sich niemand von seinen Werten ganz lösen und neutral bis in die Haarspitzen sein. Es macht aber einen Unterschied, ob man eine bestimmte Weltsicht aggressiv vertritt oder sich in dieser Hinsicht eher etwas zurückhält. Wir haben uns dafür entschieden, Wertzurückhaltung zu üben, was mit dem empirischen Ansatz übereinstimmt, dem wir folgen. Denn wir glauben, dass theoretische Annahmen über Beziehungen vornehmlich dann in der Öffentlichkeit Beachtung verdienen, wenn sie sozialwissenschaftlich abgesichert sind. Uns geht es an erster Stelle nicht um persönliche Einsichten, wie sie in der Literatur und Geisteswissenschaft vermittelt werden, sondern um nachprüfbare Fakten, auf deren Grundlage sich eine Psychologie der Paarbeziehung aufbauen lässt. Die Zurückhaltung bei der Anwendung von Wertvorstellungen auf das Thema unseres Buches beinhaltet auch die Auffassung, dass keine ideale Beziehungsform existiert, auf die hin der Alltag der Partnerschaft gepolt werden kann. Wenn z. B. im Folgenden die sichere Bindung im Gegensatz zu unsicherer Bindung thematisiert wird, dann heißt das nicht, dass Personen, die eine unsichere Bindung an ihren Partner haben, eine Therapie zu empfehlen ist. Wir lassen zu, dass es eine Bandbreite des Normalen gibt, die mehr umfasst als die Idealkonstellation einer Partnerschaft, wie sie z. B. durch Sicherheit der Bindung charakterisiert ist. Man darf in der Partnerschaft unsicher sein. Die Akzeptanz der Vielfältigkeit von Partnerschaften ist ein Erkennungsmerkmal einer positiven Partnerpsychologie. Wie sich das partnerschaftliche Erleben beschreiben lässt, hängt nicht zuletzt von der Perspektive ab, die man einnimmt. Im Folgenden wird zwei Perspektiven nachgegangen: der entwicklungs- 12

4 psychologischen und der kulturellen. Im Weiteren wird versucht, beide Perspektiven miteinander zu verbinden. Die erste Perspektive beinhaltet, die Entwicklung des Kindes zum Ausgangspunkt zu nehmen, weil man vermuten kann, dass das partnerschaftliche Erleben von erwachsenen Menschen Vorläufer in der Eltern-Kind-Beziehung hat. Diese entwicklungspsychologische Suchrichtung betrachtet die Frage, inwieweit die Qualität der frühkindlichen Bindung an die Eltern wegweisend für die spätere Bindung im Jugend- sowie Erwachsenenalter und speziell auch an einen Partner ist. Die Bindungstheorie, die sich mit der Suche nach Nähe und Geborgenheit befasst, beinhaltet zwei Grundsätze. Zum einen wird das Bindungsverhalten des Kindes aus einer evolutionspsychologischen Perspektive gesehen. Zum anderen liegt eine systemtheoretische Grundlage vor. Die evolutionspsychologische Grundlage kommt darin zum Ausdruck, dass die Mutter-Kind-Bindung gewährleistet, dass die Kinder trotz ihrer Hilflosigkeit und Schutzlosigkeit in den ersten Lebensjahren keinen Schaden nehmen, da sie die Nähe der Bezugsperson suchen, die ihnen Schutz bietet. Aber auch ältere Kinder bedürfen der Unterstützung ihrer Eltern, damit sie sich physisch und psychisch gut entwickeln können, soziale und kognitive Kompetenzen ausbilden und ihre Potenziale ausschöpfen können, um letztlich in der Gesellschaft erfolgreich zu sein. Der systemtheoretische Gedanke, der in die Bindungstheorie eingeht, besteht darin, dass die Eltern-Kind-Beziehung keine einseitige Einflussnahme der Eltern auf ein passives Kind darstellt, sondern einen gegenseitigen Einfluss. Diese Erkenntnis liegt im Übrigen der Entwicklung der Familientherapie zugrunde, die die Familie als Ganzes betrachtet und ihre Regeln des Funktionierens in den Mittelpunkt stellt. Eine Beziehung als System zu sehen, bedeutet, dass sie sich von anderen äußeren Gegebenheiten abgrenzen lässt und dass die Teile des Systems durch einen Informationsaustausch miteinander verbunden sind. Eine besonders zentrale Eigenschaft eines Systems besteht darin, dass es einen Zustand der Ausgeglichenheit anstrebt. Angewandt auf die El- 13

5 tern-kind-beziehung bedeutet dies den Austausch von positiven und negativen Rückmeldungen, durch die das Beziehungssystem stabilisiert wird. Das bezieht sich z. B. auf die Regulierung der Distanz zwischen Eltern und Kind. Beide Seiten streben einen bestimmten Abstand an, den sie als ideal ansehen. Durch die Annäherung und Vermeidung entsteht ein Nähe-Distanz-Verhältnis, in dem das System als Ganzes verharrt, weil es zum einen den Bedürfnissen des Kindes (z. B. nach Sicherheit und Bewegungsfreiheit) und zum anderen denen der Eltern (z. B. nach Fürsorge und Nähe) gerecht wird. Im Idealfall stellt dieser Zustand einen «sicheren Hafen» dar. Die zweite Perspektive konzentriert sich auf die kulturelle Abhängigkeit des Erlebens von Partnerschaften, die sowohl über verschiedene historische Epochen als auch über unterschiedliche Gesellschaften hinweg betrachtet werden kann. Bei diesem Ansatz stehen unterschiedliche Formen der Liebe im Vordergrund der Betrachtung, die über Zeitepochen und Kulturen gewechselt haben. Der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann hat diese Zeitabhängigkeit der Liebe in eindrucksvoller Weise beschrieben. Er hat aufgezeigt, dass die romantische Liebe erst im 20. Jahrhundert in den westlichen Gesellschaften zum verbindlichen Modell der Partnerwahl geworden ist. Tatsache ist auch, dass die Gene für die Bevorzugung einer bestimmten Form der Liebe eine geringe Rolle spielen, wie eine umfangreiche amerikanische Zwillings tudie von Niels Waller und Phillip Shaver zeigt. Ein prägnantes Beispiel dafür, wie die Kultur enge Beziehungen formt, ist das Vorhandensein oder Fehlen von Ehen, die durch Dritte arrangiert werden. Ehen wurden in den vergangenen Jahrhunderten in der westlichen Kultur durch die Eltern abgesprochen, was bedeutete, dass die romantische Liebe der zukünftigen Ehepartner zueinander eine geringe Rolle für die Eheschließung spielte. Die Tücken dieser Vorgehensweise werden in der Tragödie «Romeo und Julia» von William Shakespeare (Erstausgabe 1597) deutlich, in der die starke Leidenschaft von zwei Liebenden aus verfeindeten Veroneser Familien im Mittelpunkt steht. Romeo, aus der Adelsfamilie Montague stammend, verliebt sich 14

6 bei einem Maskenball im Hause der Familie Capulet auf den ersten Blick in Julia, die Tochter des Hauses. Sie erwidert seine Liebe, und die beiden heiraten am nächsten Tag heimlich. Doch eigentlich sollte Julia mit dem Grafen Paris vermählt werden. Um dem zu entgehen, nimmt sie einen Zaubertrank zu sich, der sie in einen todesähnlichen Schlaf versetzt. Die Nachricht von diesem Plan erreicht den unglücklichen Romeo nicht, wohl aber die ihres vermeintlichen Todes. Voller Verzweiflung sticht er sich an ihrer Bahre einen Dolch ins Herz. Nachdem Julia verspätet aus ihrem Todesschlaf erwacht, findet sie den Geliebten tot vor und nimmt sich mit seinem Dolch ebenfalls das Leben. Im Angesicht dieses durch Hass verschuldeten Liebestodes versöhnen sich die beiden verfeindeten Familien miteinander. Abgesehen von der Tragik dieser Geschichte verdeutlicht sie auch, dass Partner aufgrund verschiedener Bestrebungen zusammenkommen können: Einerseits aufgrund der stark empfundenen Leidenschaft füreinander, andererseits aber auch aufgrund eines Arrangements der Familie. Pragmatische Ehen werden auch dann eingegangen, wenn die Religion der Kultur vorschreibt, mit wem man eine Partnerschaft eingehen darf und mit wem nicht. In unserem westlichen Kulturkreis werden auch freiwillig Beziehungen aus pragmatischen Gründen eingegangen, wenn z. B. jemand eine «gute Partie» machen möchte. Die romantische Liebe zu einem Partner hat in der westlichen Kultur des 21. Jahrhunderts eine große Bedeutung für Partnerschaften, die sich sogar in den letzten Jahrzehnten noch gesteigert hat. Die romantische Anziehungskraft ist heute entscheidend für die Anbahnung und die Aufrechterhaltung einer Beziehung. Diese Entwicklung hat weitgehende Folgen: Lässt die romantische Anziehungskraft mit der Zeit nach und verschwindet möglicherweise ganz, denken die Partner über Trennung nach oder trennen sich wirklich. Wie anfangs schon erwähnt wurde, ist nicht alles, was wir in der Partnerschaft erleben, mit romantischer Liebe gleichzusetzen. Es gibt eine ganze Reihe anderer Erfahrungen, die wir machen. Dazu gehören Streit, Konflikt, fürsorgliches Verhalten, gemein- 15

7 same Interessen und Unternehmungen oder gemeinsam materielle Bedürfnisse befriedigen, um nur einige Bereiche, die weitere Erlebnishorizonte schaffen, zu nennen. Mit der Beschreibung und Analyse von fünf Erlebnishorizonten in Partnerschaften (Liebe, Sicherheit, Investment, Altruismus und Konflikt) werden wir unsere erste Suchrichtung, die von der Bedeutung der frühkindlichen Beziehung zu den Eltern ausgeht, und unsere zweite Suchrichtung, die von der Bedeutung gesellschaftlicher Definitionen von Liebe und glücklicher Partnerschaft ausgeht, integrieren. Das, was wir in unserer Partnerschaft erleben, lässt sich nämlich aus dem ableiten, was wir in der Beziehung zu unseren Eltern erlebt haben, und aus dem, was unter Liebe und Partnerschaft zu einem gegebenen Zeitpunkt in einer Gesellschaft verstanden wird. Von der Bindung an die Eltern zur Bindung an einen Partner Binden an einen Partner können wir uns auf unterschiedliche Weise, je nachdem, welche Erfahrungen wir mitbringen. Unsere Erfahrungen mit der Bindung an Menschen beruhen im Wesentlichen auf den Erlebnissen, die wir in dieser Hinsicht mit unseren Eltern gemacht haben. Denn wir haben die Tendenz, unsere Bindungserfahrungen mit den Eltern auf spätere Beziehungen zu Freunden, Bekannten und Partnern zu übertragen. Mehr oder weniger stark erwarten wir von unseren späteren Bezugspersonen das Gleiche, das wir von unseren Eltern bekommen haben. Wenn Mutter und Vater im Allgemeinen unsere emotionalen Bedürfnisse wahrgenommen und erfüllt haben, werden wir das auch von unseren späteren Bezugspersonen erwarten. Wenn die Eltern sich hingegen ablehnend gezeigt haben, werden wir dieses Verhalten von Partnern oder Freunden ebenfalls erwarten. Die soziale Eingebundenheit des Menschen ist ein grundlegender anthropologischer Tatbestand. Wenn das Kind geboren 16

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