Was macht Kinder und Jugendliche stark?

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1 Was macht Kinder und Jugendliche stark? Vision einer innovativen Volksschule Wege entstehen, indem wir sie gehen Wo kämen wir hin, wenn keiner ginge, um zu schauen, wohin wir kämen, wenn wir gingen Franz Kafka, Kurt Marti Die Zukunft ist nicht schicksalsbestimmt. Wir können sie durch unsere Gedanken, Werte, Haltungen und Handlungen gestalten. Kommen Sie mit auf den Weg zur innovativen Volksschule! Hier hat Freude am Lernen Priorität. In einer innovativen, alltagstauglichen Volksschule lernen Kinder und Jugendliche nachhaltig an ihren Fertigkeiten und Lebenskompetenzen zu arbeiten. Sie erlangen dadurch ein starkes, tragfähiges Fundament für ihr Leben.

2 Volkschule anders gestalten Die anspruchvolle Alltagsbewältigung und die Sorge um die Zukunft rufen nach eigenständigen Menschen. Die innovative Volksschule unterstützt den Prozess der Persönlichkeitsbildung. Die Heranwachsenden werden in ihrer Meinungsbildung gefördert. Sie lernen, selbstständig zu urteilen und zu handeln. Dies bedingt, dass Kinder ihre Stärken kennen und schätzen, jedoch auch, ihre Schwächen akzeptieren und mit ihnen umgehen können. Eine Volksschule innovativ gestalten heisst:»» Bildung vom Kind her denken.»» Lust und Freude am Lernen bewahren.»» Fördern und Fordern von Vielfalt.»» Die Vielfalt bestimmt die Norm.»» Lernen im Alltag integrieren (learning by doing).»» Alle Kinder können Erfolg haben.»» Mitsprache- und Mitgestaltungsrechte aller Kinder sind selbstverständlich.»» Gerechtigkeit und Chancengleichheit werden gelebt.»» Die Schule ist eine lernende Organisation.»» Alle Teile der Gesellschaft sind für die Volksschule mitverantwortlich. Bildungsverantwortliche helfen mit: Väter, Mütter, Geschwister, Grosseltern, Nachbarn, Kinder, Jugendliche, Lehrpersonen, Schulleitungen, Hauswarte, Lehrbetriebe, Politikerinnen und Politiker, Vereine, etc. Gute Rahmenbedingungen: Geeignete personelle und finanzielle Ressourcen stehen für die innovative Volksschule bereit.

3 Bekanntlich gehört die Zukunft den Kindern und Jugendlichen. Um in der Zukunft als Erwachsene erfolgreich zu leben und um die Herausforderungen des Alltags angehen zu können, bedürfen Kinder und Jugendliche der Bildung. Bildung bedeutet in diesem Zusammenhang, über die Fähigkeit zu verfügen, sich Wissen nutzbar zu machen. War bis dato vor allem Wissen vermittelt worden, geht es in der innovativen Volksschule darum, die naturgegebene Lust der Kinder am Lernen zu managen. Es ist dabei unabdingbar, dass das Bildungsangebot für die Lernenden Sinn macht, dass sie es mit ihren Sinnen erleben können, weil es ihnen im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht. Die enorme Lust am Lernen ist der eigentliche Schatz der Kindheit und Jugend. In der innovativen Volksschule fühlen sich Kinder und Jugendliche geborgen, akzeptiert, wertgeschätzt und sie werden individuell gefördert. Durch die innovative Volksschule begegnen Kinder Vorbildern, denen sie nacheifern wollen. Sie entwickeln Visionen, wie ihr eigenes Leben gelingen kann. Lernen ist zirkulär Reflektieren Vertiefen Erleben Wissen Erfahrungen im Alltag Können Nutzbarmachen für den Alltag

4 Sozialer Wandel und Globalisierung haben... «Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.» Heraklit von Ephesus, v. Chr. Die innovative Volksschule ist nachhaltig. Sie gibt sich den Auftrag, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung und ihrem Lernen ganzheitlich zu unterstützen. Neben Fertigkeiten werden auch Kompetenzen trainiert. Es ergeben sich also Werkzeuge zum Erlangen von Selbstvertrauen und Handlungsspielraum, unter anderem auch zur Bewältigung von Schwierigkeiten und Krisen. Die Schutzfaktoren (dargestellt im Kompass) sind wichtig für das Zustandekommen individueller Gestaltungskompetenzen. Diese sollen sich Kinder und Jugendliche in ihrem sozialen Umfeld aneignen, um mit ihrem Leben gut zurechtzukommen. Schutzfaktoren sind zum Beispiel:»» Selbstvertrauen»» Beziehungsfähigkeit»» Kommunikationsfähigkeit»» Konfliktfähigkeit»» Fähigkeit, Probleme zu lösen»» Impulskontrolle»» Genuss- und Erlebnisfähigkeit etc.

5 ... Einfluss auf unsere Lebenswelt Gemäss Aaron Antonovsky, dem Medizinsoziologen, ist der Fluss ein Sinnbild für den Strom des Lebens. Niemand geht nur sicher am Ufer entlang, denn ein Grossteil des Flusses ist verschmutzt. Es gibt Flussgabelungen, die zu leichten Strömungen oder zu gefährlichen Stromschnellen und Strudeln führen können. Der Fluss kann rau, kalt und windig sein. Es stellt sich demnach die Frage: Wie wird das Kind, der Jugendliche, der Mensch ein guter Schwimmer, eine gute Schwimmerin im Fluss des Lebens? Antonovsky erwähnt die tagtäglichen Belastungen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. In seiner Theorie der Salutogenese beschreibt er, wodurch Menschen eine vertrauensvolle Grundeinstellung zum Leben erlangen können. Folgende Faktoren unterstützen diesen Prozess im Alltag, aber auch in der Schule:»» verstehen: Kinder und Jugendliche verstehen, dass die Ereignisse des Lebens in ihrem Sinn grösstenteils erklärbar sind.»» selber gestalten und kontrollieren: Kinder, Jugendliche verfügen über alle notwenigen Fähigkeiten, um mit den vielfältigen Lebensanforderungen umgehen zu können.»» individuell erlebter Sinn: Kinder und Jugendliche machen bedeutende Erfahr ungen, dass das Leben es wert ist, sich dafür zu engagieren. Die in der Kindheit und Jugend erworbene vertrauensvolle Grundeinstellung zum Leben ist auch die beste Voraussetzung für gelingendes Lernen. Sie führt zu Zuversicht in die eigenen Kräfte und in das Vorhandensein alltagstauglicher Fähigkeiten und Kompetenzen. So wird lebenslange Lernfähigkeit möglich.

6 Lehrpersonen sind mehr als Wissensvermittler Lehrpersonen sind Bezugspersonen, Wegbegleiter, Partner, Vorbilder und Motivatoren. Sie arbeiten mit der Grundhaltung: Ich achte dich, also fordere und fördere ich dich. Eine denkbare Philosophie der Lehrpersonen in der innovativen Volksschule könnte sein: Ich verkaufe keine Fische, sondern ich lehre fischen. Dabei bin ich geduldig und lasse den Lernenden Zeit, den Sinn ihrer Anstrengung zu erkennen. Ich respektiere, dass aus Fehlern gelernt werden kann. Um Kinder und Jugendliche während Durststrecken auf dem Weg zu Bildungszielen zu motivieren, bedarf es zwischenmenschlicher Beziehungen. Wenige Berufe erfordern eine so grosse Vielseitigkeit. Lehrpersonen brauchen fachliches Können, starke Präsenz und Ausstrahlung. Eine Lehrperson soll auf sich ständig verändernde Situationen flexibel reagieren können, über eine intuitive Sensibilität und über Verständnis für unterschiedliche Schülerpersönlichkeiten verfügen. Dadurch, wie Kinder und Jugendliche von ihren Lehrpersonen wahrgenommen werden, erkennen sie, wer sie selbst sind und worin ihr Potenzial und ihre Entwicklungsmöglichkeiten liegen. Lehrerinnen und Lehrer dürfen «menschliche Fehler» haben. Der Lehrpersonenberuf erfordert eine Balance zwischen verstehender Zuwendung und klarer Führung. Das gelingt jenen Lehrpersonen am besten, die als Menschen mit ihren persönlichen Eigenschaften auftreten und so für die Schülerinnen und Schüler spürbar werden. Lehrpersonen benötigen Authenzität, damit sie Begeisterung für das Lernen wecken können.

7 Die innovative Volkssch Organisation» und gutes Lernklima. Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Arbeiter von der Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer. Antoine de Saint-Exupery Übertragen auf unsere innovative Volksschule bedeutet dies: Wenn wir in unserer Gesellschaft starke, engagierte Persönlichkeiten haben wollen, müssen wir Kinder und Jugendliche bei der sehnsüchtigen Suche nach dem grossen weiten Meer des Lernens, der Bildung und der Lebenskompetenzen unterstützen. Die Sehnsucht nach dem Erstrebenswerten ist von Bedeutung und hat Auswirkungen auf das Lernverhalten.

8 ule ist eine «Lernende achtet auf ein Nachhaltiges und individuelles Lernen bedeutet eine stärkere Berücksichtigung und Förderung der individuellen Leistungspotentiale. Dieses Lernen ist eine wichtige Antwort auf Herausforderungen wie Integration, Wertevielfalt und Potentialförderung. Die innovative Volksschule schafft bestmögliche Rahmenbedingungen, indem sie dem Lernklima, der lustvollen und abwechslungsreichen, der offenen Unterrichtgestaltung sowie dem klaren und präsenten Führungsstil der Lehrpersonen viel Aufmerksamkeit schenkt.

9 Eltern sind beteiligt und interessiert. Eltern und Schule freuen sich über die individuelle Persönlichkeit der Kinder. Sie bilden durch ihre enge Beziehung ein tragfähiges und tatkräftiges Team. Die Mitsprache und Beteiligung aller an der Schule Interessierten ist ein hohes, demokratisches Gut der innovativen Volksschule. Eltern pflegen eine konstruktive, kooperative Zusammenarbeit mit der Schule. Sie wirken in der Schule mit und übernehmen Verantwortung. Kinder und Jugendliche erleben eindrücklich, wie Zusammenleben gelingen kann. Bedürfnisse werden angesprochen, Konflikte werden fair ausgetragen. Elternhaus und Schule sind Partner. Sie unterstützen sich gegenseitig. Gemeinsam werden Fragen der Erziehung und der Entwicklung der Kinder oder Jugendlichen besprochen. Es werden individuelle Lösungen gesucht. Eltern und Lehrpersonen haben das gleiche Ziel: Kinder und Jugendliche sollen gefestigte, starke und mit Zivilcourage ausgestattete Persönlichkeiten werden.

10 Praxisbeispiel eines Schulaltags Lernen in der innovativen Volksschule heisst:»» Die Lernumgebung ist anregend gestaltet.»» Es wird auf die individuelle Entwicklung und Lernfreude eingegangen.»» Anforderungen an die Kinder im offenen Unterricht und deren Mitwirkung sind angepasst.»» Vernetztes Denken wird gefördert.»» Nebst Projekt- und Forschungsarbeit findet der Unterricht in den einzelnen oder durchmischten Jahrgangsgruppen statt (Kindergarten, Klasse, Klasse, Oberstufe).»» Kinder lernen beim altersgemischten Lernen von andern Kindern und übernehmen Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess.»» Die Schüler und Schülerinnen werden meistens von zwei Pädagogen im offenen Unterricht begleitet (Lehrpersonen/schulische Heilpädagogen).»» Bewegung und musische Fächer haben einen hohen Stellenwert. Sie sind wichtig für den kreativen und ganzheitlichen Lernprozess der innovativen Volksschule.»» Durch das individuelle Arbeiten an einem Thema über längere Zeit wird die Selbständigkeit gefördert. Gesetzte Ziele können durch die erlernte Selbstorganisation auch ohne Hilfe erreicht werden.»» Der Lehrplan wird eingehalten. Ein gewöhnlicher Schultag:»» Hausaufgaben sind individuell und werden gezeigt und besprochen.»» Individuelle Ziele und Arbeiten für den Morgen (je nach Alter für den ganzen Tag) werden durch die Schüler und Schülerinnen formuliert.»» Das individuelle Arbeiten kann durch die Lehrpersonen, durch ein Kind oder einen Jugendlichen unterbrochen werden. Im Stuhlkreis werden soziale Probleme geklärt. Neue Arbeiten werden vorgetragen. Es werden Bücher vorgestellt, schwierige Aufgaben und neues Wissen aus den Forschungsteams werden vorgestellt und erklärt.»» Vor Schulschluss reflektieren die Schüler und Schülerinnen nochmals ihr Arbeitsverhalten.

11 Wie wird diese Vision Wirklichkeit?»» Welche Abläufe, Prozesse, Arbeits- und Führungsstrukturen werden im Hinblick auf die innovative Schule ausgebaut, verändert oder angepasst?»» Wie ist diese Schule infrastrukturell eingerichtet, damit Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen professionell und mit grossem Engagement arbeiten können?»» Welche Unterrichtselemente bleiben, welche werden reduziert oder müssen ergänzt werden?»» Wie gelingt eine positive Partnerschaft von Schule und Elternhaus im Alltag?»» Was ist in der Lehrerbildung anzupassen und zu verändern?»» Welche Prozesse der Mitgestaltung und Mitwirkung sind unbedingt noch mehr zu fördern, um langfristig echte Demokratieprozesse für die ganze Gesellschaft zu erreichen? Lust auf weitere Informationen! Auf dieser Homepage gibt es weitere Beiträge und Informationen. Literaturhinweise: Aaron Antonovsky, Medizinsoziologe G. Brägger, N. Posse, G. Israel, Erziehungswissenschaftler G. Hüther, Neurobiologe Haim Omer, Psychologieprofessor Joachim Bauer, Medizinprofessor Pro Juventute, Fachstelle für Kinder und Jugendliche Maria Montessori, Ärztin Martin Seligman, Positive Psychologie Remo H. Largo, Kinderarzt Roland Lüthi, Psychologe und Experte für Bildungs- und Gesundheitsfragen UNO Ottawa Charta (Grundlagenpapier Gesundheitsförderung)

12 Wege entstehen, indem wir sie gehen Was sind die wahren Werte des Lebens? Überall um uns ist Schönheit, aber viele sind blind für sie. Sie sehen die Wunder dieser Erde und scheinen nichts zu erblicken. Die Menschen sind in hektischer Bewegung, aber wohin die Reise führt, bedenken sie kaum. Sie suchen Erregung um jeden Preis, so als ob sie hoffnungslos verloren wären. Die natürlichen und einfachen Dinge dieses Lebens machen ihnen wenig Freude. Jede Sekunde, die wir in diesem Universum verbringen, ist einzigartig. Was bringen wir unseren Kindern bei? Dass zweimal zwei vier ist und Paris die Hauptstadt Frankreichs? Wann wird man sie lehren, was sie selber sind? Jedem Kind sollte man sagen: Weisst du auch, was du bist? Du bist ein Wunder! Du bist einmalig! Auf der ganzen Welt gibt es kein zweites Kind, das genauso ist wie du! Schau deinen Körper an, welch ein Wunder! Deine Beine, Arme, geschickten Finger, dein Gang. Aus dir kann ein Shakespeare werden, ein Michelangelo, ein Beethoven. Es gibt nichts, was du nicht werden könntest. Ihr müsst arbeiten alle müssen wir arbeiten, damit diese Welt ihrer Kinder würdig wird. Pablo Casals «Licht und Schatten auf einem langen Weg» IMPRESSUM Text: Astrid Epp, Schulsozialarbeiterin und Mutter ( Gestaltung: Nadia Räber, Grafikerin Erika Probst, Malerin und Erwachsenenbildnerin Lektorin: Regula Waldmeier, René Kleiner Astrid Epp

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