Praktische Erfahrungen mit unterirdischen End-to-End Prüfungen im Kavernenkraftwerks-Netz

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1 Praktische Erfahrungen mit unterirdischen End-to-End Prüfungen im Kavernenkraftwerks-Netz Peter Meinhardt, OMICRON Einleitung End-to-End-Prüfungen, die mit synchroner Prüfsignal-Einspeisung an mehr als einem Relais- Einbauort arbeiten, sind eine hervorragende Methode, um das Zusammenspiel von Komponenten eines verteilten Schutzsystems testen zu können. Synchronisierung über eine globale Zeitreferenz bietet sich für alle die Fälle an, wo die Prüfsignal-Einspeisepunkte so weit voneinander entfernt sind, dass sie nicht von einem räumlich konzentrierten Prüfsystem beschickt werden können. Anwendungsfälle sind unter anderem Signalvergleichs-Systeme und Leitungsdifferenzialschutz. Voraussetzung für eine erfolgreiche Prüfung ist, dass die räumlich getrennt erzeugten Prüfsignale mit hinreichend genauer zeitlicher Synchronizität generiert werden, so dass sie vom Schutzsystem als konsistente Anlagensignale interpretiert werden können. Sofern die Dauer jeder Signalausgabe hinreichend kurz ist ("Schuss"), dass die Signale der mit Quarzgenauigkeit arbeitenden Prüfeinrichtungen während der Signalausgabe nicht wahrnehmbar auseinanderdriften, genügt hierfür das zeitgleiche Starten der Ausgabe. Typischerweise werden hierzu die Prüfsysteme der Einspeisepunkte mit einem extern erfassten Zeitsignal synchronisiert. Geschieht dies über GPS-Empfänger, so ist hinreichend freie Sicht der Antenne auf den Himmel Voraussetzung, der Einsatzradius des Prüfsystems ist also bei vorgegebener Antennenposition durch die maximal zulässige Verbindungslänge zwischen Antenne und Prüfgerät begrenzt. Problematisch wird dies, wenn sich der Einspeiseort für die Prüfsignale weitab von einer möglichen Antennenposition befindet, wie dies z.b. in Bergstollen der Fall ist. Genau dieses ist die Situation bei einigen Kavernenkraftwerken, wie sie z.b. von den Vorarlberger Illwerken betrieben werden. Dieser Praxisbericht gibt Einblicke in einige Aspekte einer solchen Prüfung. Aufgabenstellung Im Rahmen der Inbetriebnahme von Schutzsystem-Komponenten der Eigenbedarfsversorgung mehrerer Wasserkraftwerke stellte sich bei den Illwerken die Aufgabe, den Signalvergleichsschutz möglichst realistisch, also durch Prüf-Einspeisung an allen beteiligten Relais-Orten, auf korrekte Funktion zu prüfen. Im Rahmen dieser Prüfung sollten im Umfeld von Partenen in Vorarlberg insgesamt drei Kraftwerks-Standorte einbezogen werden, wovon zwei (Kopswerk I und Kopswerk II) als Kavernenkraftwerke mit langen Zugangsstollen zu der ebenfalls unterirdisch untergebrachten Sekundärtechnik realisiert sind [1]. Zum einen müssen also auf Grund der Entfernung der drei Standorte separate Prüfsysteme pro Station eingesetzt werden, zum anderen stellt sich das Problem, eine Verbindung zwischen der GPS- Antenne und dem zum Teil über 400 Meter entfernt arbeitenden Prüfgerät zu schaffen. Lösungsansatz Eine schematische Darstellung des in die Prüfungen einzubeziehenden 20kV-Eigenbedarfs- Netzes ist in Bild 1 zu sehen. Bild 1 Netzkonfiguration mit Signalvergleichsschutz Drei Teilstrecken sind jeweils mit Signalvergleichsschutz als 100%-Leitungsschutz abgesichert, wobei zum Teil Distanzschutz und zum Teil gerichteter UMZ-Schutz (auch gemischt an den Leitungsenden) zum Einsatz kommt. An jedem Standort sind also insgesamt zwei Relais an den Prüfungen beteiligt, die teilweise räumlich getrennt angeordnet sind. Da unter den zu betrachtenden betrieblichen Bedingungen davon ausgegangen werden kann, dass das durch die Versorgungs- Verbindungen zwischen den drei Standorten aufgespannte Dreieck immer an mindestens einer Stelle geöffnet ist und auch keine Zwischeneinspeisung anzunehmen ist, vereinfacht sich die Prüfung insofern, als jede der drei Teilstrecken mit

2 den zuständigen beiden Relais und der Signalvergleichsverbindung einzeln geprüft werden kann. Für die gegebenen großen Entfernungen zwischen Antennenposition und Prüfgerät bietet sich der Einsatz der in diesem Jahr erstmals verfügbaren kompakten GPS-Empfänger CMGPS 588 an (Bild 2). Das Besondere an ihnen ist, dass Antenne und Elektronik gemeinsam im wetterfesten Außengehäuse sitzen. Auswahl des Fehlerortes für den jeweiligen Testfall Bild 3 Netzwerkkonfiguration für End-to-End-Prüfung Bild 2 CMGPS 588 im Einsatz Das von diesen an die CMC Prüfeinrichtung übertragene Signal ist PTP (Precision Time Protocol) gemäß IEEE , das per Ethernet-Kabel dem CMC zugeführt wird, während das CMGPS 588 über das gleiche Kabel via PoE (Power over Ethernet) vom CMC mit Energie versorgt wird. Damit können größere Entfernungen mit einem Ethernetkabel überbrückt werden als bei Lösungen mit einer Antenne, die vom GPS- Empfänger abgesetzt ist, der beim Prüfgerät steht. Zulässig sind hier 100 Meter Direktverbindung. Geplante Testfälle Wie schon erwähnt, war es auf Grund der gegebenen Betriebsbedingungen möglich, jede der drei Strecken mit den jeweils zuständigen Relais separat zu prüfen. Es bot sich an, unter Verwendung der gegebenen Netzdaten (Leitungsdaten, Einspeise-Kurzschlussströme) eine Erzeugung der Prüfgrößen mit NetSim vorzunehmen. Dies gestaltet sich sehr einfach: Auswahl der Netzkonfiguration (die Standardkonfiguration der beidseitig gespeisten Leitung passt bereits, Bild 3) Eingabe der aus den Leitungsdaten berechneten Leitungsimpedanzen Eingabe der aus den Einspeise- Kurzschlussströmen berechneten Netzimpedanzen Fünf Fehlerorte wurden dabei gewählt: Fehler in Leitungsmitte (50% Line 2; beide Schutzeinrichtungen müssen in Schnellzeit auslösen) Fehler am einen Leitungsende (1% Line 2; durch Vorwärtsentscheid beider Relais muss die Bereichserweiterung der Zone 1 bei Distanzschutzeinrichtungen bzw. die Freigabe beim gerichteten UMZ-Schutz ebenfalls beidseitig zur Abschaltung in Schnellzeit führen) Fehler am anderen Leitungsende (dito) Fehler in Rückwärtsrichtung (Sammelschiene) am einen Leitungsende (99% Line 1; kein Mitnahmesignal des Relais beim Fehlerort, das den Fehler in Rückwärtsrichtung sehen muss; Reserveschutz- Auslösung mit Zeitverzögerung) Fehler in Rückwärtsrichtung am anderen Ende (dito) Hierfür war also für jedes Leitungsende ein passender Control Center Prüfplan mit der entsprechenden Abfolge von NetSim-Instanzen anzulegen (an einem Ende Messstelle A ausgewählt, auf der anderen Seite Messstelle B gemäß Bild 3). Dieser Ansatz, der also keinen unmittelbaren Bezug auf Einstellwerte der Relais nimmt, entspricht also der Idee des Systemtests im Vergleich zu Parameter-orientiertem Prüfen es wird das Anlagenverhalten bei gegebenen Netzfehlern nachgebildet, und die Relais müssen das korrekte Beherrschen des jeweiligen Szenarios unter Beweis stellen. Einen kleinen Kompromiss ging das Prüfteam allerdings auf Grund des Kabelquerschnitts der vor Ort vorhandenen speziellen Prüfadapterkabel ein: Gemäß den Netzdaten würden sich teils sehr hohe Kurzschlussströme und damit sekundäre Prüfströme ergeben, die zwar für die verwendeten Prüfeinrichtungen (CMC 256plus und CMC 356) kein Problem sind, aber die Kabelspezifikation

3 verletzen würden. Die Abhilfe war einfach: Die Netz-Speiseimpedanz wurde hochgesetzt, so dass sich an Leitungsimpedanzen und Fehlerort etc. nichts änderte, der Kurzschlussstrom aber begrenzt wurde. Für die Verifizierung des korrekten Signalvergleichs-Verhaltens war diese Modifikation vertretbar. Das (Parameter-orientierte) Prüfen der individuellen Relaiskennlinien war nicht Bestandteil dieser End-to-End-Prüfungen, sondern erfolgte separat auf "klassische" Weise. Alternativ kam auch der State Sequencer zum Einsatz, indem die sich aus der NetSim-Simulation ergebenden Daten in Schritte des State Sequencer übernommen wurden. Sowohl NetSim als auch State Sequencer sind per Zeitsynchronisierung steuerbar und daher für diesen Einsatz geeignet. Als Startverfahren wurde "Nächste volle Minute" gewählt, es musste also nie eine konkrete Startzeit eingegeben werden. Aufbau der Prüftechnik An jedem Standort sind, wie sich aus Bild 1 ergibt, insgesamt zwei Relais an den Prüfungen beteiligt, die teilweise räumlich getrennt in der Station angeordnet sind. Nacheinander war für die drei Strecken jeweils eine Prüfreihe durchzuführen. Es bot sich also für eine zügige Durchführung des Gesamttests an, an jedem Standort ein Prüfsystem (CMGPS 588, Verbindungstechnik, CMC und PC) vorzuhalten, welches an das jeweils für die Strecke zuständige Relais anzuschließen und bei Prüfung der anderen in dieser Station endenden Strecke entsprechend umzuklemmen bzw. umzuziehen ist. Wie oben ausgeführt, können per Ethernetkabel bis zu 95 Meter zwischen CMPGS 588 und CMC überbrückt werden. Bei den gegebenen Stollenlängen genügt dies allerdings nicht. Daher wurde hier eine Sonderlösung eingesetzt (Bild 4): Bild 4 Anbindung von GPS 588 an CMC Den Hauptteil der Entfernung überbrückt ein optisches Kabel mit je einer genutzten Ader für Sende- und Empfangsrichtung. Im konkreten Fall wurde eine LWL-Kabeltrommel mit 500 Metern Multimode-Kabel eingesetzt, wovon nur die benötigte Länge abgewickelt wurde (Bild 5). Bild 5 Kommunikationsbrücke via optischem Leiter An den Enden sorgen spezielle Signalwandler mit geringer, konstanter Signalverzögerung, die dort aus in der Nähe zugänglichen Steckdosen versorgt wurden, für die Umsetzung des optischen in das Ethernet-Signal, so dass an einem Ende das CMGPS 588 mit seinem mitgelieferten wetterfesten Ethernetkabel an einen Umsetzer angeschlossen wurde (der auch die PoE-Versorgung lieferte) und am anderen Ende das CMC mit einem weiteren Ethernetkabel an den dortigen Umsetzer. Bild 6 zeigt einen Umsetzer mit angeschlossenem Netzteil, Ethernet-Kabel und LWL-Kabel. Die konstante Signalverzögerung wird in der Verarbeitung der PTP-Telegramme vollständig kompensiert. Bild 6 Umsetzer von Ethernet auf Lichtwellenleiter Durchführung der Prüfungen Wenn die GPS 588 per PoE aus dem CMC über das Ethernetkabel versorgt werden, dauert es wenige Minuten nach Einschalten des CMC, bis die Satelliten erfasst sind und PTP-Telegramme gesendet werden. Entsprechende Statusinformationen sind im Test Universe ablesbar. Wo die PoE-Versorgung über die Ethernet / Optik- Umsetzer erfolgte, standen natürlich bereits Zeittelegramme zur Verfügung, als das CMC später eingeschaltet wurde. Die Verständigung zwischen den an einer Prüfung beteiligten Teams der beiden Enden erfolgte per Telefon. Jede Seite gab zu erkennen, wann sie bereit war. In der Statusanzeige des Prüfmoduls ist als Countdown-Information zu erkennen, wann gemäß dem gewählten Modus "Nächste volle

4 Minute" der nächste Start möglich ist. Mit hinreichend zeitlichem Sicherheitsabstand vor der vollen Minute gab eine Seite der anderen telefonisch das Start-Signal. Beide starteten manuell das Prüfmodul, welches daraufhin auf das Erreichen der nächsten vollen Minute gemäß PTP-Telegramm wartete und präzise zur vollen Minute mit der Signalausgabe begann. So sahen beide beteiligten Relais von ihren jeweils angeschlossenen Prüfeinrichtungen Ströme und Spannungen, die genau zueinander passten. Ihre Reaktionen (Anregung, Auslösung) sowie die Signalvergleichs-Sende- und Empfangssignale beider Enden wurden von NetSim bzw. State Sequencer aufgezeichnet. Es war auf Grund der erfassten Signale (Sendesignal gekommen oder nicht gekommen, Dauer bis zum jeweiligen Auslösekommando nach Anregung) sofort erkennbar, ob das Schutzsystem korrekt arbeitet (Bild 7). Dies kann im Übrigen auch automatisch in den Modulen durch Formulierung entsprechender Zeitkriterien (Messwert-Bedingungen) pro Signal bewertet werden. Und sowohl das Entwicklerteam des CMGPS 588 als auch das Test Universe Team konnten stolz sein, wie problemlos diese Testreihen abgewickelt werden konnten. Kleinere Unschönheiten sind zwischenzeitlich ausgeräumt, so dass einem Sommer-Release des Test Universe 3.00 von daher nichts mehr im Wege steht. Zusammenfassung End-to-End-Prüfungen sind eine wichtige Ergänzung bei der Inbetriebnahme verteilter Schutzsysteme, wobei die Bereitstellung des Zeitsignals bei langen Wegen zwischen Antenne und Prüfsystem z.b. bei Kavernenkraftwerken eine Herausforderung ist. Erstmals konnte diese wichtige Überprüfung des verteilten Schutzsystems in dieser Form durchgeführt werden. Die Durchführung erwies sich zur Freude aller Beteiligten als frei von größeren Überraschungen seitens der eingesetzten Prüftechnik und ergiebig für den Betreiber. Eine Prüfung mit höheren Anforderungen ist für den Herbst geplant, wenn Hochspannungs- Leitungsdifferenzialschutz in Betrieb genommen wird. Hierbei wären dann Synchronizitätsabweichungen deutlich kritischer, da die Phasendifferenz der zu vergleichenden Ströme einen entscheidenden Einfluss auf die Schutzfunktion hat. Für die Lösung mit CMGPS 588 macht dies allerdings keinen Unterschied sie ist deutlich präziser als für Signalvergleich oder Differenzialschutz erforderlich. Literatur Bild 7 Schutzauslösung mit Signalvergleich Ergebnisse Alle Beteiligten waren gespannt auf die Erkenntnisse dieser Prüfreihen die Anlagenbetreiber wegen der Inbetriebnahme-Ergebnisse für die Signalvergleichs-Systeme und das OMICRON- Team wegen der praktischen Betriebserfahrung mit den brandneuen CMGPS 588 und der noch im Entwicklungsstadium befindlichen Test Universe Version 3.00, die ab Sommer 2013 unter anderem die Zusammenarbeit mit CMGPS 588 ermöglicht. Das Illwerke-Team konnte einige wichtige Erkenntnisse gewinnen, die zu Optimierungen des Schutzsystems genutzt werden so gab es zum Beispiel durch eine Fehlersimulation angestoßene unerwünschte periodische Sendesignal-Folgen, die durch eine geänderte Einstellung von Signalvergleichs-Parametern abgestellt werden konnten. [1] Kraftwerke der Vorarlberger Illwerke AG, Über den Autor Dr.-Ing. Peter Meinhardt promovierte an der Universität Hannover im Bereich elektrische Energietechnik, arbeitete danach in Frankfurt am Main bei AEG als Entwicklungsingenieur, später im Bereich Marketing, leitete bei Areva das Schulungsprogramm zum Thema Schutz- und Stationsleittechnik und ist seit 2004 Produktmanager bei OMICRON electronics in Klaus (Vorarlberg), wo er schwerpunktmäßig die Prüfsoftware Test Universe betreut.

5 OMICRON ist ein weltweit tätiges Unternehmen, das innovative Prüf- und Diagnoselösungen für die elektrische Energieversorgung entwickelt und vertreibt. Der Einsatz von OMICRON-Produkten bietet höchste Zuverlässigkeit bei der Zustandsbeurteilung von primär- und sekundärtechnischen Betriebsmitteln. Umfassende Dienstleistungen in den Bereichen Beratung, Inbetriebnahme, Prüfung, Diagnose und Schulung runden das Leistungsangebot ab. Kunden in mehr als 140 Ländern profitieren von der Fähigkeit des Unternehmens, neueste Technologien in Produkte mit überragender Qualität umzusetzen. Servicezentren auf allen Kontinenten bieten zudem ein breites Anwendungswissen und erstklassigen Kundensupport. All dies, zusammen mit einem starken Netz von Vertriebspartnern, ließ OMICRON zu einem Marktführer der elektrischen Energiewirtschaft werden. Mehr Informationen, eine Übersicht der verfügbaren Literatur und detaillierte Kontaktinformationen unserer weltweiten Niederlassungen finden Sie auf unserer Website. OMICRON

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