Die Geschichte zur Geschichte der Frau H.

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1 Frau H., Teil 2 Kürzlich schrieb ich von der alten Dame in «Fein(d)Bilder», Frau H., Teil 1. Erst vor wenigen Tagen rief ich sie an, wollte hören, wie es ihr geht und ein wenig natürlich auch in eigener Sache, denn ich möchte die Aufzeichnungen zu ihrer Lebensgeschichte beginnen. «Ich muss morgen schon wieder ins Krankenhaus», hauchte sie leise. «Glauben sie, Sylvia, dass meine Kinder mich diesmal besuchen kommen?» Was sollte ich darauf sagen? Woran um Himmels Willen sollte ich denn glauben? An ihre Kinder, die nur kamen, wenn etwas zu holen war? An den alkoholkranken Sohn, der ihr vor wenigen Monaten das Konto leerräumte? Oder an die Tochter, die sich in die Arbeit stürzte, damit sie nicht sah, dass ihr Leben eigentlich ohne Arbeit öde war? Ich antwortete ihr nicht auf diese Frage, sonder n sagte: «Was soll ich ihnen vorlesen, wenn ich komme? Möchten sie Gedichte hören oder eine Geschichte, vielleicht ein Märchen?» Ich hörte sie am anderen Ende kichern und atmete erleichtert durch. «Am Besten wäre es, sie würden mir ein Märchen vorlesen oder eine Liebesgeschichte mit einem guten Ende. Das erinnert mich sicher an meinen Herbert.» «Gut, ich schneie am Fr eitagnachmittag bei ihnen ein und bringe alle gu-

2 ten Enden mit, die ich finden kann.» Frau H. lachte. Ich atmete noch erleichterter auf. So waren wir beide wieder ein wenig froh gestimmt. Den Feind lass nicht hinein, so ist es recht, dachte ich. Wiegeht es weiter Frau H. lag in einem schönen Krankenhaus am Rande von Dresden, wo ich sie im vorigen Jahr kennenler nte. Sie las gerade eine Zeitung, als ich das Zimmer betrat. Diese Frau war mir damals schon in den ersten Tagen sympathisch, denn sie las keine Frauenzeitschriften wie die meisten anderen Damen, egal welchen Alters. Wie ich war sie der Meinung, dass diese «Bunte» und «Brigitte» und wie sie sich alle nennen, nur zur Ver dummung und Erniedrigung der Frauen führen sollen. Wir machten uns lustig über die Klatschspalten, die Kochrezepte und die Empfehlungen für den Erhalt einer schönen Haut. «Diese Zeitschriften muss man wirklich mal näher beleuchten, tiefenpsychologisch», meinte ich. «Die mit ihren teuren Cremes!», schimpfte Frau H. im August «Sehen sie sich meine Haut an. Die hat nur Seife gesehen und später im Höchstfall die altbewährte Florena. Die überpflegen sich alle und das einzig und alleine für den Kommerz.«Sie seufzte tief. Für eine über achtzigjährige Frau hatte Frau H. wirkliche eine noch schöne Haut. «Ach, was ich sie zu diesem Thema fragen wollte: Warum tönen sie ihre Haar e eigentlich nach?» Damals schluckte ich wegen dieser Frage. Woher 2

3 wusste sie das? «Ich werde grau.» Meine Antwort folgte kurz und knapp. Ihr e auch: «Warum werden sie nicht mit Wür de reif?» Ich zuckte mit den Schultern und dachte den restlichen Tag darüber nach. Sie sagte «reif» und nicht «alt». Jedenfalls las sie gerade ein Wirtschaftsblatt. «Schwer e Kost», meinte ich, zog mir einen Stuhl ans Bett und sah auf die Zeitung, die sie bei meinem Eintr eten auf das Nachtschränkchen legte. Meine Brille lag diesmal noch in der Handtasche und so konnte ich nicht erkennen, wie die Zeitung hieß. «Ich muss doch wissen, was so in der Welt passiert.» Frau H. schob ihre Brille auf das weiße Haar, so wie ich das normalerweise auch immer zu tun pflege. Ich suchte meine Brille sonst ständig. An einer Kette mag ich sie nicht tragen, denn dann sähe ich aus wie eine der Geschäftsfrauen. Es fehlen dann nur noch die hochhackigen Schuhe und der str eng gespitzte, aber immerhin perfekt geschminkte Mund. Man hat so seine Bilder im Kopf. «Die Schwester bringt gleich die Blumen mit der Vase, äh, nein, die Vase mit den Blumen», sagte ich und Frau H. kicherte wieder. «Sie sollen doch kein Geld für mich ausgeben!», schalt sie mich. «Das habe ich ja auch nicht», antwortete ich und wie gerufen öf fnete sich die Tür und eine junge, hübsche Schwester mit strahlend weißen Zähnen wehte wie ein frischer Sommerwind durch das Krankenzimmer. «Frau H., sie haben ein Glück! Mir hat noch nie jemand solche Blümchen mitgebracht», flötete sie mit 3

4 hellem, noch recht kindlichen Stimme und der blonde Pferdeschwanz schwang lustig hin und her. Frau H. sah auf die Blumen, sah mich an und schüttelte mit dem Kopf. «Keine Angst mehr vor den Zecken?», fragte sie mich und grinste breit. Dabei entblößte sie beneidenswert schöne Zähne. Ich überlegte kurz, ob die noch echt sein können. «Doch, und wie!» Angeekelt verzog ich den Mund dabei. «Und die Angst überwunden?», mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie mich an. Kurz überlegte ich. «Ich dachte einfach nicht daran.» «Kluges Mädchen», sagte sie. Ich mag das irgendwie, wenn mich noch jemand «Mädchen» nennt. Das hat etwas nicht Alterndes, zeitlich Unbegrenztes. Wir Frauen tönen uns die Haar e, weil wir grau werden. Da passt «Mädchen» hin und wieder mal gut in unser Jungbrunnenkonzept. «Morgen könnte etwas Schlimmes passieren. Über morgen kommt ein total problembeladener Tag, vielleicht. Sie könnten beim Treppensteigen fallen. Die Welt steht politisch auch nicht gerade still. Was da alles passieren kann. Und? Wie sieht ihr Tag heute aus?», sagte sie gedankenverloren. Frau H. nahm ihr Wasserglas vom Nachtschrank und nahm einen großen Schluck, als hätte sie gerade eine lange Rede gehalten. Als ich darüber nachdachte, wie meine Antwort am besten klingen mochte, sagte sie: «Diabetes Mellitus, ich hatte immer Angst davor. Jetzt habe ich es!» Lautstark stellte sie das Wasserglas auf dem Nachttisch ab. «Wunderschöne Blumen sind das, 4

5 meine Liebe!», flüsterte sie und berührte versonnen das leuchtende Rot des Mohnes Sylvia Kling SK 5

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