Günter Grass Im Krebsgang

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1 Masaryk-Universität Brünn Philosophische Fakultät Institut für Germanistik, Nordistik und Nederlandistik Diplomarbeit Günter Grass Im Krebsgang Fakten und Fiktionen Betreuer: PhDr. Roman Kopřiva, Ph.D Autor: Bc. Lubomír Hrdlík 2010

2 Hiermit erkläre ich, an der vorliegenden Diplomarbeit eigenständig und unter vollständiger Angabe aller Quellen gearbeitet zu haben. Bc. Lubomír Hrdlík

3 Ich bedanke mich bei PhDr. Roman Kopřiva, Ph.D. für die wertvollen Ratschläge und die Zeit, die er mir bei der Ausarbeitung meiner Diplomarbeit gewidmet hat.

4 Inhalt Inhalt Einleitung Lebenslauf/Biographie Grass in der Waffen-SS Günter Grass: Ich war Mitglied der Waffen-SS SS und Moral Fakten Wilhelm Gustloff David Frankfurter Das Attentat Alexander Marinesko Wilhelm Gustloff (Schiff) Legion Condor an Bord Kriegszeit Operation Hannibal Katastrophe Im Krebsgang: Interpretation Internet Tabu Haupthelden Tulla Pokriefke Paul Pokriefke Konny Pokriefke Der Erzähler und sein Krebsen Die Gemeinsamkeiten Filme Im Krebsgang hierzulande Zusammenfassung Literaturverzeichnis Anlagen

5 1. Einleitung Günter Grass brach mit seiner Novelle Im Krebsgang ein groβes deutsches Tabu. Sechzig Jahre nach den damaligen Ereignissen war Gustloff noch immer ein Thema, über das man besser schweigen sollte. Mochte doch keiner was davon hören, hier im Westen nicht und im Osten schon gar nicht. Die Gustloff und ihre verfluchte Geschichte waren jahrzehntenlang tabu, gesamtdeutsch sozusagen. 1 Diese Arbeit ist nur ein weiterer Versuch dieses Tabu zu brechen. Heute spricht man gern vom Gedächtnis der Orte und denkt an Auschwitz oder Dresden. Im Fall der Wilhelm Gustloff ist keine richtige Stelle mehr vorhanden. Das Schiff selbst liegt auf dem Grund der Ostsee. Auf der Meeresoberfläche würde man höchstens den Punkt bezeichnen können, an dem das Schiff sank. Das heiβt, ein Gedächtnis des Ortes kann es nicht mehr geben, sondern nur ein Gedächtnis an den Ort. Er selber existiert ja nicht mehr. Was bleibt, ist die Stelle. Es wird sich in der vorliegenden Arbeit zeigen, dass solchen Stellen eine groβe Kraft der Erinnerung innewohnt, auch wenn in ihnen (hier Bericht auf dem Meer) kein lokal und konkret hervortretendes Zeichen mehr vorhanden ist. Es gibt also nicht einmal Ruinen oder Reste, nur Taucher können zur gesunkenen Wilhelm Gustloff hinuntersteigen. Es gibt auch keine Gräber. Auf das Gedächtnis dieses Ortes oder Nicht-Ortes ist also wenig Verlass. Es scheint zu versagen. Wie sich die Oberfläche eines Teichs sofort wieder schlieβt, wenn ein Stein ins Wasser fällt, so schloss sich auch das Meer wieder, nachdem das Schiff untergetaucht war. Und eine umfassende Erinnerung war nicht mehr zu erkennen. Man soll also bemerken, dass ein Ort (eine Meeresstelle) Erinnerungen nur dann festhält, wenn es Menschen gibt, die Sorgen dafür tragen. Günter Grass ist der Beweis für diese These. Er lieβ den Punkt auf der Ostsee als traumatischen Ort entstehen. Hier wird versucht zu zeigen, wie der Schriftsteller das nationale historische Gedächtnis im Blick auf die damalige Flüchtlingskatastrophe zu aktivieren versuchte und dabei ein literarisches Werk schuf, das sein Ziel erreichte. Im Einführungskapitel meiner Arbeit richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Leben und Biographie von Günter Grass. Grass, wie viele andere Autoren, schreibt teilweise Fiktion und teilweise schöpft er aus seinen Erinnerungen. Um einige seine Bücher besser zu verstehen, 1 Grass, Günter. Im Krebsgang. Deutscher Taschenbuch Verlag S.48. 5

6 sollte der Leser auch seinen Lebenslauf kennen. In den zwei Unterkapiteln wird über die Mitgliedschaft von Grass in der Waffen-SS gesprochen. Dies war und ist noch immer ein in Deutschland diskutiertes Thema. Man versuchte festzustellen, was Grass dazu bewog, was ihn also zu diesem Fehler geführt hat und wie ihn die Öffentlichkeit sieht, wie er eventuell von anderen Schriftstellern beurteilt wird. Das nächste Kapitel, welches Fakten bezeichnet ist, erklärt die wichtigsten Tatsachen aus der Novelle Im Krebsgang. Wenn man das Buch durchliest, könnte der Leser den Eindruck gewinnen, dass alles, was Grass schrieb der Wahrheit entspricht. Der betreffende Abschnitt dient dazu, dieses Problem zu minimieren. Mit besserer Kenntnis der Fakten kann sich der Leser einzelne Unstimmigkeiten klären. Das vierte Kapitel ist der Interpretation des Krebsgangs gewidmet. Am Anfang wird über das Internet gesprochen. Das Netz als neues Medium hat Grass für seine Novelle oft benutzt. In der Kommunikation zwischen den zwei Haupthelden ist das Internet sogar ein Grundstein ihres Verhältnisses. Grass hat mit seinem Werk ein groβes deutsches Thema aufgegriffen, und davon erzählt das nächste Unterkapitel. Daran knüpfen weitere Unterabschnitte an, die dem Leser die Haupthelden der Handlung vorstellen. Das fünfte Kapitel heiβt Filme. Hier werden verschiedene Produktionen erwähnt, die etwas Gemeinsames mit der Novelle haben. Meistens sind es Streifen über die Versenkung der Wilhelm Gustloff. Im vorletzten Kapitel gilt die Aufmerksamkeit der Tschechischen Republik. Das Buch wurde drei Jahre nach seinem Erscheinen übersetzt. Es hat freilich kein so groβes Aufsehen wie in den deutschsprachigen Ländern erregt. Deshalb befasst sich dieser Abschnitt nur mit zwei Beiträgen, die aber sehr hoch einzuschätzen sind. Bei der Abfassung dieses Kapitels war mir Jiří Stromšík, der Übersetzer der Novelle ins Tschechische, behilflich, wofür ich ihm sehr dankbar bin. 6

7 2. Lebenslauf/Biographie Um genauer zu verstehen, warum Grass so schreibt, wie er schreibt, empfiehlt es sich, ihn näher kennen zu lernen. Er schreibt viel über seine Kindheit und über seine Mutter. Einige Passagen seiner Bücher könnten dabei klarer sein, falls man sie als Quelle für seinen Lebenslauf ansehen möchte. Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig (heute Gdansk in Polen) geboren. Sein Vater war Pole und seine Mutter war kaschubischer Herkunft, bekanntlich ein westslawisches Volk aus Pommern. Mit seiner Schwester Waltraut bewohnte er zusammen ein kleines Zimmer. Seine Eltern waren nicht reich, sie besaβen nur einen kleinen Kolonialladen aus. Der kleine Günter wuchs also in einfachen Verhältnissen auf. Trotzdem hat er in Danzig ein Gymnasium absolviert. Er war, wie viele andere in jener Zeit, Mitglied des Jungvolkes und später sogar der Hitlerjugend. Grass hatte über Jahrzehnte behauptet, er habe sich mit 15 freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, um der familiären Enge zu entkommen. Durch die Veröffentlichung seiner Autobiographie Beim Häuten der Zwiebel bekannte er jedoch, daß er zur 10. SS-Panzer-Division Frundsberg der Waffen-SS einberufen worden war. 2 Mehr zu dieser Problematik im nächsten Kapitel. Vom 8. Mai 1945 bis zum 24. April war Grass in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung wollte er zuerst das Abitur nachholen, aber schlieβlich endete er als Koppeljunge und das für ein Jahr lang. In den Jahren 1947 bis 1948 absolvierte Grass eine Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer. Die Unbedenklichkeit des Neunzehnjährigen machte es mir im Winter 1946/47, diesem Winter ohnegleichen, in dem die Frierenden hungerten und die Hungernden im Bett froren, möglich, alles auf eine einzige Wunschkarte zu setzen: Bildhauer wollte ich werden; doch die Kunstakademie Düsseldorf hatte wegen Kohlenmangels geschlossen. Also ließ ich mich vorerst in zwei Grabsteinbetrieben als Steinmetz und Steinbildhauer ausbilden. Mit Arbeiten in Sandstein, Marmor und Muschelkalk, die verschollen sind, und mit Porträtzeichnungen alter Männer, die ich im Caritas-Heim Düsscldorf-Rath, meinem Schlafplatz in einem Zehnbettzimmer, gezeichnet hatte, schaffte ich zum Wintersemester 1948/49 die Aufnahme in die Akademie. 3 2 Königsloew, Albert von. Der Freiwillige: Günter Grass [online] [zitiert ]. URL: 3 Øhrgaard, Per. Ein deutscher Schriftsteller wird besichtigt. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S.16. 7

8 Dann studierte er bis 1952 Bildhauerei und Graphik bei Sepp Mages und Otto Pankok in der Düsseldorfer Kunstakademie siedelte Grass nach Berlin über, wo er ein Jahr später die Balletstudentin Anna Schwarz heiratete. In diesem Jahr verstarb seine neunundfünfzigjährige Mutter. Sein erster groβer Erfolg kam im Jahr Der Stuttgarter Rundfunk hatte einen Lyrikwettbewerb ausgerufen und Grass endete als Dritter. Seit 1957 war er Mitglied der Gruppe 47, die Hans Werner Richter gegründet hatte. Der Schriftsteller erinnerte sich: Ich war damals 25 Jahre alt und war Bildhauer von Beruf.... Die Vorgeschichte war, dass in Stuttgart vom Radio ein Wettbewerb ausgeschrieben worden war, ein Lyrik-Wettbewerb. Und ich bekam den 3. Preis. Jemand aus der Jury, der zur Gruppe 47 gehörte, muss mich empfohlen haben. Und so fuhr ich mit dem Bus dann nach Heckeshorn, das war am Wannsee, wo das Ganze stattfinden sollte und kam da am Nachmittag an. Die machten gerade Kaffeepause. Ich kannte keinen Menschen und setzte mich an einen freien Tisch. Dann kam eine Serviererin und sagte: Sind Sie auch Dichter?. Ich hab ganz selbstbewusst Ja gesagt. Und dann brachte sie mir auch Streuselkuchen und Kaffee. Nach einer gewissen Zeit kam dann dieser Mann mit den buschigen Augenbrauen und herrschte mich an: Wer sind Sie?. Er achtete immer darauf, dass da keine Fremden reinkamen, die er nicht geladen hatte. Ich konnte ein Telegramm vorweisen, da sagte er: Aha, so, Sie sind das. - Ja, ein Lyriker fehlt uns noch für den Nachmittag. Dann hat er gesagt, erst liest jetzt der und dann der. Die kannte ich nicht... und dann liest die Bachmann. die Bachmann. Die kannte ich vom Namen her und kannte auch ihre Gedichte. Und dann ging er weg und drehte sich aber noch mal um und sagte: Aber laut und deutlich lesen!. Eine Weisung. An die habe ich mich bis heute gehalten. 4 Schon 1958 trug er dort einige Passagen aus seinem zukünftigen Bestseller Die Blechtrommel vor. Dafür bekam er einen Literaturpreis, der mit 3000 DM dotiert war. Das Manuskript für den Roman war in Paris entstanden. Im Frühjahr 1959 war endlich Die Blechtrommel abgeschlossen. Schon im Herbst kam sie auf den Markt und sofort wurde klar, dass Grass etwas Spezielles und Denkwürdiges geschrieben hatte. Und das war die Meinung nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Mit dem Jahr 1960 ist sein Gedichtband Glasdreieck verbunden und im selben Jahr erhielt er den Berliner Kritikpreis. Übrigens: Der Lyriker Grass wird nach wie vor unterschätzt. 5 Die nachfolgenden Jahre waren für Günter Grass äuβerst hektisch erblickte das Licht der Welt seine erfolgreiche Novelle Katz und Maus. Im Unterschied zu anderen deutschen Autoren der Zeit war er politisch engagiert hat er Willy Brandt getroffen und gesprochen und seit dieser Zeit ist er eng mit der SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) verbunden. Grass hat mit Brandt sogar Wahlkampftourneen absolviert. Trotz 4 Ammert, Andreas. Günter Grass über Gruppe 47: "Ein verrückter Haufen"[online] [zitiert ]. URL: 5 Reich-Ranicki, Marcel. Unser Grass. München. Deutsche Verlag-Anstalt S

9 seines politischen Einsatzes ist Grass freilich erst 1982 ein Mitglied der Partei geworden. Aber er blieb es nicht für lange Zeit. Schon 1992 trat er aus Protest gegen deren Asylpolitik wieder aus. Sein nächster Roman Hundejahre folgte zwei Jahre nach Katz und Maus (1963). Damit war die so genannte Danziger Trilogie abgeschlossen. Im selben Jahr wurde Grass in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen und von war er Präsident dieser Institution bekam er eine sehr hoch eingeschätzte Auszeichnung den Georg Büchner Preis für sein Werk, Lyrik und Prosa. Mit Grass politischem Engagement hängen auch einige seiner Werke zusammen, wie Die Plebejern proben den Aufstand (1966), Davor (1969) oder zum Beispiel Örtlich Betäubt, das eigentlich ein Antikriegsroman ist. Allerdings betrifft er nicht den Zweiten Weltkrieg, sondern den Vietnamkrieg. Dieser Roman wurde sehr positiv vor allem in den Vereinigten Staaten aufgenommen. Das Jahr 1968 bedeutete einen Umbruch, eine Wende im Leben von vielen Menschen und eben auch von Grass. Seine Vorliebe für das Kommentieren politischer Situationen zeigte sich weiterhin. Grass war in Kontakt mit Pavel Kohout (tschechischer und österreichischer Dichter, Dramatiker und Übersetzer), und aus diesem Briefwechsel ist dann das Buch Briefe über die Grenze entstanden. Es ging meistens um ein in der Zeit der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik ganz kontroverses Thema, den Prager Frühling. 6 In der folgenden Periode war er wieder mit der SPD verbunden. Er reiste mit Willy Brandt kreuz und quer nicht nur durch Deutschland. Er war zum Beispiel auch in Warschau, wo er Zeuge der Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Vertrages wurde. Grass war eine sehr bewanderte Person, weilte in Frankreich, Spanien, in der UdSSR, in den Vereinigten Staaten, in der Tschechoslowakei, in Rumänien, Ungarn, Jugoslawien. Aber auch Japan, Indonesien, Thailand, Hongkong, Indien und Kenia hat er besucht. Alle seine politischen Erfahrungen hat Grass in seiner Prosa Aus dem Tagebuch einer Schnecke (1972) verarbeitet. Die Schnecke ist eine politische Erzählung mit Erinnerungen an den Wahlkampf erschien das Buch Mariazuehren, worin seine künstlerische Arbeiten und Fotos von ihm zu sehen sind. Im selben Jahr (23. April 1973) tritt Grass aus der katholischen Kirche aus. Damals fand eine sehr starke Diskussion statt und das wegen dem 218, was die Diskussion über Schwangerschaftsbruch betraf. Grass verteidigte die Notwendigkeit einer Kirchenreform, aber die Kirche war dagegen. 6 Mehr zu diesem Thema in: Emmert, František, Rok 1968 v Československu, Vyšehrad

10 Die Haltung der Bischöfe im Streit um die Reform des Abtreibungsparagrafen 218 erinnerte ihn an die Dogmatiker der anderen Weltreligion, die der Kommunisten, die sich auch im Besitz der allein selig machenden Wahrheit glaube und ähnlich umgehe mit ihren Gläubigen. 7 Vier Jahre danach (1977) hat Grass seinen nächsten Roman Der Butt publiziert. Dieses Werk wurde im Ausland, besser als in Deutschland aufgenommen. Es folgen die Romane Mit Sophie in die Pilze gegangen (1975), Denkzettel (1978), Treffen in Telgte (1979), Aufsätze zur Literatur (1980), Kopfgeburten oder sterben die Deutschen aus (1980) wurde sein erster Roman und bisher größter Erfolg Die Blechtrommel von Volker Schlöndorff verfilmt. Für die Hauptrolle war David Bennet vorgesehen. Sowohl Grass als auch Schlöndorff wollten, dass die Hauptrolle kein Darsteller eines Liliputaners übernehmen soll, sondern ein normaler Junge. Bennet hat deshalb also die ganze Oscarrolle ganz allein gespielt und das inklusiv einiger erotischer Szenen, was wieder eine Debatte nicht nur in Deutschland hervorgerufen hat. Die Blechtrommel erhielt 1980 sogar den Oscar als bester fremdsprachiger Film erschien Grass nächster Roman Die Rättin, der dann 11 Jahre später von Martin Buchhorn verfilmt wurde. Es soll ein Geschenk zu seinem 70. Geburtstag sein. Aber der Schriftsteller distanzierte sich von diesem Film. Von August 1986 bis Januar 1987 unternahm er eine Reise nach Indien. Er wohnte dort in einem Armenhaus in Kalkutta. Als er zurück nach Deutschland kam, publizierte er sein Tagesbuch über die Indienreise mit dem Titel Zunge zeigen. Er kritisierte darin die westliche Gesellschaft wegen der Mitschuld am Elend der indischen Bevölkerung war Wendejahr für die Deutschen. Beide Deutschlands vereinigten sich und die Menschen waren begeistert. Nicht so Günter Grass. Noch im selben Jahr hat er Ein Schnäppchen namens DDR publiziert, wo er klar und deutlich erklärt, dass er gegen die Vereinigung sei. In Reden und Aufsätzen habe ich mich seit Mitte der sechziger Jahre gegen die Wiedervereinigung und für eine Konföderation ausgesprochen. Hier gebe ich abermals Antwort auf die Deutsche Frage. Nicht in zehn, in fünf Punkten will ich mich kurzfassen: Drittens: Eine Konföderation der beiden deutschen Staaten steht dem europäischen Einigungsprozeß näher als ein übergewichtiger Einheitsstaat, zumal das geeinte Europa ein konföderiertes sein wird und deshalb die herkömmliche Nationalstaatlichkeit überwinden muß. 9 7 Jürgs, Michael. Bürger Grass. München. Goldmann Verlag S Academy of Motion Picture Arts and Sciences, [online], [zitiert ]. URL: 9 Grass, Günter, Ein Schnäppchen namens DDR, Letzte Reden vorm Glockengeläut. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S.10,11. 10

11 Ein Jahr später kam Unkenrufe heraus eine Prosa über die Versöhnung zwischen Ost und West publizierte er Ein weites Feld, einen Roman über einen erfolglosen Schriftsteller, der ein Spitzel der Stasi ist, vor und auch nach der Wende. Nach Erscheinen des Buches hat der Roman in der Öffentlichkeit eine sehr starke Diskussion hervorgerufen, was dazu führte, dass schon nach acht Wochen die fünfte Auflage herauskam. Aber nicht nur positive Reaktionen hat dieses Buch hervorgerufen. Dazu Reich-Ranicki: Das Unglück Ihres Romans besteht wohl darin, daß Sie sich zwar unentwegt auf Fontane berufen, daß Sie ihn zitieren und imitieren und mitunter auch plündern, daß es Ihnen aber nicht gelingen will, das, worauf es hier ankommt und was gerade er wie kaum ein anderer deutscher Schriftsteller gekonnt hat, von ihm zu lernen - nämlich: Gedankliches ins Sinnliche zu übertragen, Geistiges also sichtbar und anschaulich zu machen schrieb Grass sein Mein Jahrhundert, einen Punkt hinter dem vergangenen Jahrhundert. Für jedes Jahr, ab 1900, steht eine kurze Geschichte zur Verfügung veröffentlichte Grass schlieβlich Im Krebsgang. Grass wird mit diesem Buch die politische Diskussion in Deutschland bestimmen, als habe vor ihm keiner über den gnadenlosen Luftkrieg der Alliierten und die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg und die Millionen Opfer als Folge der Verbrechen Hitlers geschrieben. Kein Lenz, kein Schmidt, kein Surminski, keine Ossowski, kein Kempowski, kein Mulisch, kein Vonnegut, kein Bobrowski, kein Sebald. Dass ausgerechnet er, der linke Patriot, der Auschwitz immer mitdachte, davon erzählt, macht den Unterschied aus. 11 Ein Jahr später kamen Letzte Tänze heraus, und es wäre nicht Grass gewesen, wenn auch dieses Werk zu Diskussionen Anlass bot. Es ist Kollektion von erotischen Gedichten und von Zeichnungen des Schriftstellers. Sechs Jahre später folgten Beim Häuten der Zwiebel und 2008 Die Box. Genau 40 Jahre nach Erscheinen seines größten Romans Die Blechtrommel wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Günter Grass ist vielleicht der gröβte lebende deutschsprachige Autor der Gegenwart. Auch seine Kritiker bekennen dies. Hm. Liebe ich Grass? Kritiker dürfen und müssen oft übertreiben, um überhaupt verstanden zu werden. Doch muβ alles seine Grenzen haben: Ob ich Grass liebe, dessen bin ich mir gar nicht so sicher. Aber ich schätze und bewundere ihn. Ein Schuft, wer das für Ironie hält Reich-Ranicki, Marcel. Unser Grass. München. Deutsche Verlag-Anstalt S Jürgs, Michael. Bürger Grass. München. Wilhelm Goldmann Verlag S Reich-Ranicki, Marcel. Unser Grass. München. Deutsche Verlag-Anstalt S

12 2.1 Grass in der Waffen-SS Mit siebzehn will man die Jungfrau befreien und retten. In diesem Fall hieß die Jungfrau Deutschland. Das Problem war nur, daß die Jungfrau der Drache war. Durs Grünbein, 2006 Am 11. August 2006 kam die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit einer groβen Schlagzeile heraus Günter Grass: Ich war Mitglied der Waffen-SS 13 Dieses Bekenntnis hat eine groβe Erregung nicht nur bei deutschen Literaturwissenschaftlern, sondern auch in der Öffentlichkeit hervorgerufen. Grass vertrat seit Jahren die Position eines deutschen Moralrichters und bedeutete das Gewissen der Nation. Im Moment sind schon vier Jahre seit dieser Katastrophe 14 vergangen und es tauchen immer wieder neue Hinweise auf. Manchmal sprechen sie sogar für Günter Grass. Marcel Reich-Ranicki, sein ewiger Kritiker, wollte sich freilich nicht zu diesem Thema ausdrücken, was eigentlich eine gute Nachricht für den Autor ist. Aber die groβe Mehrheit steht gegen Grass. Schon im Jahre 2006 (also im Jahre seines Bekenntnisses) hat sich herausgestellt, dass Grass Moral nur den anderen predigte, sich selber aber nicht nach seinen Ratschlägen richtete. Das belegen zwei Briefe aus den Jahren 1969 und 1970 an den damaligen Wirtschaftsminister Karl Schiller ( ). Darin forderte der Schrifsteller seinen Freund Schiller auf, sich zu seiner nationalsozialistischen Vergangenheit zu bekennen. Die Dokumente belegten, dass Grass den Minister, der SA-Mitglied gewesen sei, wiederholt aufgefordert habe, diese Verstrickung öffentlich einzugestehen. Grass betonte in den Briefen an Schiller dem Zeitungsbericht zufolge, ihm sei diese Materie nicht unvertraut. Es wäre für Sie eine Erleichterung und gleichfalls für die Öffentlichkeit so etwas wie die Wohltat eines reinigenden Gewitters, hieß es in einem Brief an Karl Schiller weiter. 15 Grass hatte mit seinen Worten, sozusagen einen Monsterprozess gestartet. Lange Zeit war dieses Thema in der deutschsprachigen Presse Thema Nummer 1. Im Internet kann man 13 Frankfurter Allgemeine Zeitung [online] [zitiert ]. URL: /Doc~E4E61DA913E954EAEA41518E564AD5375~ATpl~Ecommon~Scontent.html 14 Diese deutsche Katastrophe ist einfach kaum zu begreifen. Corsten, Volker. Welt online. Uwe Timm: "Es hätte Anlässe gegeben" [online] [zitiert ] URL: 15 Focus online. Günter Grass Meister der Verdrängung [online] [zitiert ]. URL: 12

13 tausende Artikel über seine Zugehörigkeit zur Waffen SS lesen. Und das nicht nur in deutscher Sprache. Wenn man in Google Grass SS schreibt, findet diese Suchmaschine mehr als Treffer! ( ) Viele davon sind deutsch und englisch geschrieben. Aber es bereitet keinerlei Schwierigkeiten, solche zu finden, die in der französischen, tschechischen, slowakischen, russischen und sogar japanischen Sprache geschrieben sind. Wie viele andere Skandale begann auch dieser mit einem Interview, und zwar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im Unterschied zu anderen Gesprächen, bei denen der Gefragte etwas unbewusst verrät, war alles, was er damals gesagt hat, geplant. Grass wollte einfach, dass das Leserpublikum über diese seine Mitteilung diskutiert. Dazu ein Ausschnitt aus dem Interview, das soviel Aufsehen erregt hat, aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Sie haben wiederholt berichtet, daß erst Baldur von Schirachs Schuldbekenntnis in Nürnberg Sie davon überzeugen konnte, daß die Deutschen den Völkermord begangen haben. Aber jetzt sprechen Sie zum ersten Mal und völlig überraschend darüber, daß Sie Mitglied der Waffen-SS waren. Warum erst jetzt? Das hat mich bedrückt. Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das mußte raus, endlich.... Haben Sie damals mit Ihren Kameraden darüber gesprochen, was es bedeutet, in der Waffen-SS zu sein? War das ein Thema unter den jungen Männern, die sich da zusammengewürfelt fanden? In der Einheit war es so, wie ich es im Buch beschrieben habe: Schliff. Es gab nichts anderes. Da hieß es nur: Wie komme ich drum herum? Ich habe mir selbst die Gelbsucht beigebracht, das reichte aber nur für ein paar Wochen. Danach begann wieder die Hundsschleiferei und eine unzureichende Ausbildung mit veraltetem Gerät. - Jedenfalls mußte es geschrieben werden. Sie hätten es nicht schreiben müssen. Niemand konnte Sie dazu zwingen. Es war mein eigener Zwang, der mich dazu gebracht hat. 16 An diesem Tag fing für Günter Grass das niemals mehr stillstehende Karussell von Interviews und Beichten an. Die Frage der letzten Jahre in seinem Zusammenhang ist: Warum erst jetzt? Es kann ein Zufall sein, die Antwort kann aber auch in den allerersten Sätzen seines Buchs Im Krebsgang liegen: 16 Frankfurter Allgemeine Zeitung. Günter Grass im Interview Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweigen breche [online] [zitiert ]. URL: A308A56~ATpl~Ecommon~Scontent.html 13

14 »Warum erst jetzt?«sagte jemand, der nicht ich bin. Weil Mutter mir immer wieder... Weil ich wie damals, als der Schrei überm Wasser lag, schreien wollte, aber nicht konnte... Weil die Wahrheit kaum mehr als drei Zeilen... Weil jetzt erst Nicht nur die Historiker und die deutsche Intelligenz, aber auch die breite Öffentlichkeit wollten wissen, warum Grass mindestens zwei groβe Gelegenheiten nicht genutzt hat, um über seine Vergangenheit zu reden. Die erste war im Jahr 1967, als er Israel besuchte und wo er eine lange Rede gehalten hat, respektive die im Jahr 1985, als der amerikanische Präsident Ronald Reagan den Militärfriedhof Bitburg besuchte, wo junge SS Soldaten begraben liegen, wie eben Grass damals einer war. Merkwürdig könnte auch für jemanden sein, dass Grass sein Bekenntnis am Vorabend des Erscheinens seines Buchs Beim Häuten der Zwiebel machte. Manche nennen es nur eine wässrige Propaganda, ein gründlich geplantes Marketing. Aber dieses würde nur im Falle sinkender Beliebtheit des Autors stimmen. Und das kann bei Grass kaum in Frage kommen. Sein vorheriger Roman (vor Beim Häuten der Zwiebel, worin seine Stellungsnahme enthalten ist) Im Krebsgang brauchte keine derartige Unterstützung und trotzdem wurde er für mehrere Wochen die Nummer 1 in der Hitparade der deutschen Bücher. Und das gilt fast bei jedem Buch von Grass. 17 Grass, Günter. Im Krebsgang. Deutscher Taschenbuch Verlag S.7 14

15 Es hat keinen Sinn, gegen den Moralapostel die Moral ins Feld zu führen 18 - Arno Widmann, SS und Moral Bis zum Erscheinen des Interviews mit Grass war man der Auffassung, dass er als Flakhelfer und dann als gewöhnlicher Wehrmachtsoldat im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Was inzwischen ebenfalls klar ist: Grass meldete sich schon mit fünfzehn Jahren freiwillig zur U-Boot-Truppe, aber dort haben sie keine neuen Bewerber mehr genommen. Das meinte bislang die ganze Welt. Aber die Wahrheit war irgendwo anders. Er hat erzählt, dass er zur Waffen-SS rekrutiert wurde. Er hatte sich damals zuvor freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, dort haben sie ihn nicht genommen. Aber weil es schon seine freiwillige Meldung gab, haben sie diese Meldung genommen, um ihn zur Waffen-SS zu rekrutieren - das war damals offensichtlich Usus. Das hat er erzählt. 19 Grass wurde mit 17 einberufen und kam vom Arbeitsdienst zur 10. Panzerdivision "Frundsberg", die zur Waffen-SS gehörte. Er teilte mit, er habe nicht einmal geschossen. Das ist auch, Kritiker zufolge, eine ganz mutige Erklärung. Teodor Marjanovič zum Beispiel schieb im MF Dnes 20, dass Frundsberg 21 eine elitäre militärische Formation war. Die Geschichte dieser Panzerdivision ist mit harten Kämpfen sowohl an der West- als auch an der Ostfront verbunden. Kurz vor Kriegsende wurde Grass dann verletzt und am 8.Mai fiel er in Feindeshand in amerikanische Gefangenschaft. Grass hat viel über seine Generation im Zusammenhang mit dem Zweitem Weltkrieg gesprochen. Reinhard Mohr schrieb dazu im Spiegel online. Die Generation Grass ist eine vergiftete Generation, eine Generation, die in der Schizophrenie lebt. Einerseits hat sie politisch und intellektuell mit der Nazi-Herrschaft radikal abgerechnet, andererseits ist sie nicht imstande, die eigenen und selbst eingestandenen, oft diffusen und 18 Widmann, Arno. Unser Wegweiser [online] [zitiert ]. URL: 19 Spiegel Online. Es ist ein Armutszeugnis, wie Grass behandelt wird [online] [zitiert ]. URL: 20 Marjanovič, Teodor. Grassova divize prošla řadou bitev [online] [zitiert ]. URL: /zahranicni.asp?c=a060814_215115_zahranicni_ad 21 Für Tschechen kann interessant sein, dass noch vor Grass Einberufung der Kommandeur, Generalleutnant der Waffen-SS Karl von Fischer-Treuenfeld, Befehle dieser Panzerdivision erteilt hat. Unter der Leitung dieses Mannes standen die Truppen, die im Juni 1942 die tschechoslowakischen Fallschirmspringer Gabčík und Kubiš, die vorher das Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich in Prag verübt hatten. 15

16 zwiespältigen Scham- und Schuldgefühle ähnlich klar und unmissverständlich zu artikulieren. Lieber fühlt man sich als Opfer einer ungerechten Öffentlichkeit. 22 Wie hier zu sehen ist, waren die Medien Grass gegenüber unbarmherzig. Und keiner sollte sich darüber wundern. Fast immer gab seine Vergangenheit den Ausschlag. Er war doch das Gewissen des deutschen Volkes, der Wächter der deutschen Moral. Aber im 2006 zerbrach dieses Bild. Der Spiegel schrieb am : Der Blechtrommler. Spätes Bekenntnis eines Moral-Apostels 23, und dazu hatte er eine Titelseite gedruckt, die heutzutage schon als Klassiker gilt. 24 Dazu Michael Braun: Wiederum spielt das Titelbild mit dem markanten physiognomischen Profil des Autors, der, mit Walrossschnauzbart und Lesebrille, Anarchie und Intellektualität zu vereinen scheint; statt des Namens wird die personifizierte Marke genannt, die ihn berühmt gemach hat, und dieser Ruhm des fast achtzigjährigen Nobelpreisträgers wird nun auf seine höchst anrüchige Vergangenheit als siebzehnjähriger SS-Soldat übertragen. Im Matrosenanzug trommelt Der Blechtrommler auf einen Helm mit den SS-Runen Fakten Das Buch Im Krebsgang ist auf den historischen Begebenheiten aus dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut. Günter Grass hat Fiktion sehr geschickt mit realen historischen Ereignissen vermischt. Um zu wissen, was dabei die Wahrheit und was nur Imagination des Schriftstellers war, hat man sich mit den faktographischen Angaben näher zu befassen. 3.1 Wilhelm Gustloff Der Träger des Namens Wilhelm Gustloff wurde am 30.Januar 1895 in Schwerin geboren. Als er seine Lehre als Bankkaufmann beendet hatte, schickte ihn seine Bank in die Schweiz, damit er dort seine Krankheit heilen konnte. Gustloff hatte einen angegriffenen Kehlkopf. Nach der Kur arbeitete er in einem Observatorium. Dann trat er in die Partei. Gustloff ist schnell in der Hierarchie aufgestiegen und wurde zum Landesgruppenleiter ernannt. Am 4. Februar 1936 hat ihn freilich der jüdische Student David Frankfurter erschossen. 22 Mohr, Reinhard. Übelnehmen im Ohrensessel [online] [zitiert ]. URL: 23 Spiegel Online. Der Blechtrommler [online] [zitiert ]. URL: 24 Anlage Nr.1 25 Braun, Michael (Hrsg.). Die Medien, die Erinnerung, das Tabu: Im Krebsgang und Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass. In: Tabu und Tabubruch in Literatur und Film. Würzburg (Königshausen&Neumann) 2007, S

17 Von der nationalsozialistischen Propaganda wurde Gustloff sofort zum Blutzeugen der Bewegung erklärt. Sein Begräbnis war eine groβe Begebenheit. Anwesend waren alle wichtigen und herausragenden Vertreter des Naziregimes an der Spitze mit Adolf Hitler, Joseph Goebbels, Hermann Göring, Heinrich Himmler, Martin Bormann und Joachim von Ribbentrop. Der Sarg mit Gustloffs Leiche fuhr in einem speziellen Zug von Davos heim ins Reich. Adolf Hitler hat sogar eine Rede gehalten, die aber wegen der sich nähernden Olympischen Winterspiele nicht sehr aggressiv sein konnte. Zu seiner Zeit war gerade ein KdF-Schiff im Bau, das Adolf Hitler genannt werden sollte. Dieser sagte aber auf der Beerdigung der Hedwig Gustloff, dass die Welt niemals ihren Mann vergessen wird, also beschloss er das Schiff Wilhelm Gustloff zu nennen. Interessant ist auch die Tatsache, dass Hedwig Gustloff bis zum 8. November 1923 Hitlers Sekretärin war. 3.2 David Frankfurter David Frankfurter wurde am 9. Juli 1909 in Daruvar (damals Österreich-Ungarn, heute Kroatien) geboren. Sein Vater war Oberrabbi, also der religiöse Weg war ihm noch vor der Geburt vorgezeichnet. David war ein körperlich schwaches Kind. Er litt an Knochentumor und musste deshalb öfter operiert werden. Zum Studium der Medizin ging er nach Wien wo er die erste Judenangriffe und Pogrome erlebte. Deswegen floh er 1933 in die Schweiz, lieβ sich in Bern nieder und wollte wieder an seine Studien anknüpfen, aber Frankfurter war kein guter Student. Er brach das Studium ab Das Attentat Am 4. Februar 1936 hat David Frankfurter in Davos die Türklingel mit der Aufschrift Wilhelm Gustloff gedrückt. Die Tür öffnete Hedwig Gustloff. Frankfurter bat sie um ein Gespräch mit dem Landesgruppenleiter. Gustloff hatte gerade telefoniert, also führte sie Frankfurter in das Arbeitszimmer und sagte zu ihm, er solle Platz nehmen. Sobald Gustloff ins Zimmer kam, begann Frankfurter zu schießen. Er hat insgesamt vier Schüsse aus dem Revolver abgegeben. Alle vier Kugeln haben ihren Ziel gefunden, im Brustkorb, Kopf und Hals. Der Attentäter verlieβ dann normal das Gebäude und niemand hat ihm aufgehalten. Wenige Stunden später stellte er sich freiwillig der Polizei. Frankfurter wurde am 14. Dezember 1936 zu achtzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Dieser Prozess hat in Chur stattgefunden. Er saβ im Arrest aber nur neun Jahre ab. Nach 17

18 Kriegsende wurde er am 1. Juni 1945 freigelassen und aus der Schweiz ausgewiesen. Er verstarb in Israel. Dieses Attentat war der erste bedeutende, gegen die Nazis gerichtete Angriff auβerhalb von Deutschland. 3.3 Alexander Marinesko Alexander wurde am 2. Januar 1913 in Odessa geboren. Seine Mutter stammte aus der Ukraine und sein Vater war ein rumänischer Seemann. Der kleine Marinesko wuchs in einem harten Milieu auf. Seine Familie war arm und wohnte in einem Hafenviertel, wo das Leben vom Recht der Stärkeren bestimmt war. Dort konnte aus ihm nichts anderes als ein Dieb und Radaumacher werden. Seine Karriere begann aber bei der Handelsflotte. Von dort war es nur ein kleiner Schritt zur die Schwarzmeerflotte der Marine. Marinesko war zielbewusst und wollte nicht ein Leben lang Maat bleiben, deshalb besuchte er einen Navigationslehrgang. Dann wurde er zur U-Boot-Ausbildung abkommandiert. Im Laufe der Zeit arbeitete er sich auf den Posten des Kapitäns dritter Klasse hinauf und bekam das moderne U-Boot S-13. Marinesko hatte freilich groβe Probleme mit dem Alkohol. Zu Lande war er fast immer betrunken, aber hinter dem Steuerrad war der Alkohol tabu für ihn. Im Dezember 1944 sollte Marinesko eine U-Boot Fahrt unternehmen, aber er blieb unentschuldigt dem Dienste fern. Wenn er also rechtzeitig zu diesem Unternehmen angetreten wäre, hätte künftige Unglück gar nicht passieren müssen. Aber Marinesko meldete sich erst am 3. Januar 1945 zurück und sagte zur Entschuldigung, er wisse nicht mehr, wo er die Woche zuvor gewesen sei. Marinesko wurde mit dem Kriegsgericht gedroht. Als Ausweg wurde ihm geboten: Er sollte einen glänzenden Erfolg vorweisen. Und die unbewaffnete Wilhelm Gustloff gab ihm die Chance. Nach dem Krieg wurde Marinesko aus der Marine entlassen. Er starb als armer Mann im Jahr 1963 in Leningrad. Im Jahr 1990 wurde Marinesko für seine Heldentat (sein Verbrechen) eine Statue als Denkmal in St. Petersburg errichtet und ihn selber erklärte man zum Helden der Sowjetunion. 18

19 3.4 Wilhelm Gustloff (Schiff) Im Januar 1936 hat die Deutsche Arbeitsfront 26 ein neues Schiff für die immer populäreren Reisen nach Norwegen und ins Mittelmeer gebraucht. Für diese Reisen war die untergeordnete Organisation Kraft durch Freude 27 verantwortlich. Die Anforderungen beim Schiffsbau waren für diese Zeit ungewöhnt: breite Decks, groβe helle Säle und vor allem gleiche Kabinen für alle. Sowohl Personal als auch Gäste haben in gleichen Zimmern gelebt, entweder für zwei oder für drei. Das war damals nicht üblich. Das Schiff sollte den Eindruck erwecken, dass an Bord alle eben gleich sind. Einzige Ausnahmen waren das Zimmer für Robert Ley (Leiter der Deutschen Arbeitsfront) und Adolf Hitler (der es aber niemals benutzte). Alle Kabinen verfügten über flieβendes warmes und kaltes Wasser, was damals ein hoher Komfort war. Die Gustloff war ein bemerkenswertes Schiff. In der Zeit des Baus war es das gröβte und mit seinen 25 Millionen Reichsmark für die Baukosten auch das teuerste Schiff der Welt. Mit einer Länge von 208,5 Meter, einer Breite von über 25 Meter und einer Höhe von mehr als 17 Meter war sie ein Meisterwerk des deutschen Schiffbaus. Die Gustloff bot 1463 Passagieren Platz, die von 417 Besatzungsmitgliedern betreut wurden. Sie verfügte über zehn Decks sowie verschiedene Säle für Freizeitaktivitäten, ein Schwimmbad, eine Fleischerei, eine Bäckerei und eine Wäscherei. Am 15. März 1938 war endlich der Stapellauf des Schiffes. Es folgte keine offizielle Reise, lediglich eine zweitägige Test-Fahrt. Nur auserwählte Passagiere durften am 24. März 1938 an der so genannten Jungfernfahrt teilnehmen. Ironisch war, dass bei der Indienststellung des gröβten deutschen Schiffes die Mehrheit der Passagiere nicht deutsch war. Mehr als zwei 26 Die DAF sollte als neue einheitliche Organisation "durch Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft, die dem Klassenkampfgedanken abgeschworen hat" die Interessen "aller schaffenden Deutschen" wahrnehmen. Diese Zwangsgemeinschaft von Arbeitnehmern und Arbeitgebern war mit 25 Millionen Mitgliedern im Jahr 1942 die größte Massenorganisation im Deutschen Reich. Ihr Reichsleiter Robert Ley versuchte mit einer Bürokratie von hauptamtlichen und 1,3 Millionen ehrenamtlichen Mitarbeitern in nahezu alle Bereiche der nationalsozialistischen Wirtschafts- und Sozialpolitik einzudringen. Deutsches historisches Museum. Deutsche Arbeitsfront (DAF). [online]. [zitiert ]. URL: 27 Die am 27. November 1933 gegründete NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" (KdF) war die populärste Organisation im NS-Regime. Das Volkswagen-Projekt sowie Nah- und Fernreisen gehörten zu den wichtigsten Aktivitäten der Freizeitorganisation KdF, einer Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Mit dem umfassenden Wirken dieser Organisation sollte vorrangig die Arbeiterschaft in die "Volksgemeinschaft" integriert werden. Zugleich sollten so die im Zuge der Aufrüstung notwendigen Produktionssteigerungen ohne nennenswerte Lohnerhöhungen durchgesetzt werden. KdF-Veranstaltungen sollten der Entspannung und der Regeneration zur Erhöhung der Arbeitsleistung dienen, wozu auch die Verbesserung und Verschönerung der Arbeitsplätze mit Kantinen, Sportstätten oder Grünanlagen gehörte. Die Organisation KdF, die den Zugang zu bisher bürgerlichen Privilegien anbot, diente letztlich der Vorstellung einer klassenlosen Gesellschaft im Sinne der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Deutsches historisches Museum. Kraft durch Freude [online]. [zitiert ]. URL: 19

20 Drittel stellten die Österreicher. In Österreich sollte nämlich schon bald die Volksabstimmung durchgeführt werden, bei der sich die Österreicher entscheiden sollten, ob sie zum Deutschen Reich gehören wollten oder nicht. Letztlich war es bereits gleichgültig, weil Hitler über Österreichs Anschluss schon am 12. März 1938 entschieden hatte. Aber als Propaganda- Aktion war die Fahrt perfekt geplant. Zu Propagandazwecken befanden sich auf der Gustloff noch 165 Journalisten aus aller Welt, die nach der Fahrt schreiben sollten, wie perfekt die Reise war. Und sie mussten nicht lügen. Alles war bis ins Detail durchgearbeitet und die Journalistenbereichte waren mit nichts anderem als mit lauter Superlativen gefüllt. Diese Jungfernfahrt war also keine typische KdF-Reise. Einer solche wurde erst die zweite. Das Schiff war voll von Arbeitern aus dem Dritten Reich und fuhr bis in die Nähe von Dover. Damals herrschte schlechtes Wetter, viel schlimmer noch als bei der ersten Reise. Die Gustloff erhielt am 3.April 1938 einen SOS-Ruf des britischen Frachters Pegaway. Dieses Schiff ging 40 Kilometer von Terschelling (Niederlande) entfernt gerade unter. Am nächsten Tag rettete die Gustloff 19 britische Seemänner, was die deutsche Propaganda entsprechend darstellte. 7. April 1938 war für das Schiff das nächste wichtige Datum. Kapitän Lübbe erhielt den Auftrag, zu den englischen Ufern zu reisen, um dort ein schwimmendes Wahllokal zu bilden. Es ging um Österreichs Anschluss. Das Dritte Reich wollte eine Gelegenheit, sich dafür oder dagegen auszudrücken auch den Auslandsdeutschen verschaffen. Das war wieder eine Möglichkeit für die deutsche Propaganda. Gustloff ankerte 5 Kilometer vor der britischen Küste. Den ganzen Tag über fuhren kleine Schiffe und Boote zur Gustloff und haben fast 2000 Leute an Bord herbeigebracht. Nur vier Stimmen waren gegen den Anschluss. Das alles hat die englische Presse beobachtet, fotografiert und sie hat darüber auch berichtet. Mit der Rückkehr aus England hat für die Gustloff dann die Saison erst richtig begonnen. Heute würde man sagen, dass sie ein low cost Schiff war. Die Preise waren im Vergleich zu anderen Staaten dreimal oder viermal niedriger, weil das Reich diese Reise dotierte. Im Sommer fuhr die Gustloff nach Norwegen, um vor allem die Fjorde zu besichtigen, und im Winter konnten die Passagiere, die Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront, die Sehenswürdigkeiten von Portugal oder Italien zu bewundern Legion Condor an Bord Bisher hatte die Gustloff nur friedlichen Zwecken gedient. Im Mai 1939 erhielt jedoch Kapitän Heinrich Bertram (schon der dritte Kapitän in der kurzen Geschichte des Schiffs) 20

21 spezielle Befehle. Er sollte zum spanischen Hafen Vigo aufbrechen und dort die deutsche Legion Condor an Bord nehmen. 28 Das war zum ersten und gleichzeitig zum letzten Mal, dass die Gustloff ausschlieβlich als Militärtransporter diente. Als sie wieder nach Hamburg kam, warteten dort Tausenden von Menschen und die Soldaten wurden als Helden und Befreier gefeiert. Auch Generalfeldmarschall Hermann Göring und Robert Ley waren anwesend. Vor dem Beginn des Krieges sollte Gustloff noch eine wichtige Reise absolvieren. Im Juni 1939 gingen deutsche Athleten an Bord und fuhren nach Stockholm, um dort am Lingiad teilzunehmen. Lingiad war eine Athletenschau zu Ehren von Petr Henrik Ling, des Begründers des schwedischen Sports. Obwohl dort Gustloff mehrere Wochen lag, ankerte sie wieder einige hundert Meter vom Hafen entfernt. Weil Schweden kein offizieller Verbündeter der Achse 29 war. Nur noch vier vollständige Reisen hat Gustloff nach ihrer Rückkehr nach Hamburg absolviert. Bei der fünften Reise (19. August 1939) verlieβ sie zwar Hamburg, aber bis zu den norwegischen Fjorden kam das Schiff schon nicht mehr. Kapitän Bertram erhielt eine verschlüsselte Nachricht und nach der Entschlüsselung und Öffnung des betreffenden Umschlages gab er einen Befehl, augenblicklich zurück nach Hamburg zurückzukehren, ohne zu die Gäste wecken und zu informieren. Die Gustloff kam zurück am 25. August Eine Woche später griff Deutschland Polen an. 28 Anfang August 1936 trafen erste Einheiten der offiziell aus "deutschen Freiwilligen" gebildeten Legion Condor in Spanien ein. Sie sollten den putschenden General Francisco Franco im Kampf gegen die Spanische Republik militärisch unterstützen. Der Umfang der militärischen Hilfe wurde in den nächsten Monaten rasch ausgeweitet, Anfang November 1936 verfügte die Legion Condor unter dem Befehl von Generalmajor Hugo Sperrle ( ) über 100 Flugzeuge und Mann. Neben den "Freiwilligen" aus Deutschland kämpften italienische Verbände. Durch Rotation der Kontingente kamen insgesamt rund deutsche Wehrmachtssoldaten auf dem spanischen Kriegsschauplatz zum Kampfeinsatz. Ihr Eingreifen begründeten Adolf Hitler und Benito Mussolini mit ihrer Entschlossenheit zum "Kampf gegen den Bolschewismus". Zudem bot der Spanische Bürgerkrieg eine willkommene Gelegenheit zum Test neuer Waffensysteme, besonders der Luftwaffe. International heftig verurteilt wurde der Bombenangriff auf die Stadt Guernica am 26. April Pablo Picassos Gemälde "Guernica" rückte die Leiden der Zivilbevölkerung in das Bewußtsein der Weltöffentlichkeit. In Deutschland hingegen begründeten die NS-Propaganda und Zeitschriften wie das Luftwaffen-Magazin "Der Adler" gezielt den "Mythos Legion Condor. Deutsches historisches Museum. Die Legion Kondor [online]. [zitiert ]. URL: 29 Als Achsenmächte (engl. Axis Powers) bezeichnet man im Zusammenhang des Zweiten Weltkriegs das Deutsche Reich und seine wechselnden Bündnispartner, insbesondere Italien und Japan, und damit die Kriegsgegner der Alliierten. Daneben gab es die Achse Berlin-Tokio, so dass auch von einer Achse Berlin- Rom-Tokio gesprochen wurde. Auf ihrem Höhepunkt der Macht beherrschten die Achsenmächte große Teile Europas, Asiens und des pazifischen Ozeans. Holocaust und zweiter Weltkrieg ( ).Achsenmächte [online]. [zitiert ]. URL 21

22 3.4.2 Kriegszeit Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 und die Zeit der Seereisen war beendet. Gustloff galt damals offiziell als Hilfsschiff der Kriegsmarine. Fast das ganze Personal wurde entlassen. Im Dienst blieben Kapitän Bertram und einige ältere Mitglieder der Besatzung. Ende September 1939 wurde das Schiff offiziell als Lazarettschiff bezeichnet und mit anderen Schiffen der Kraft-durch-Freude-Flotte musste sie der Kriegsmarine dienen. Interessant ist, dass die ersten Verwundeten nicht Deutsche, sondern Polen waren. Der erster Auftrag für das umgebaute Schiff war also die Betreuung von 650 verletzten polnischen Soldaten und von nur zehn Deutschen des Minensuchers M Wie schon betont wurde, konnte die Gustloff vor dem Beginn des Krieges nicht im norwegischen Hafen ankern. Jetzt, als Norwegen zur Kriegszone erklärt worden war, lag sie in Oslo mehr als drei Wochen. Der 20. November 1940 war wieder ein Meilenstein in der kurzen Geschichte dieses Schiffes. Sie war nochmals umgebaut worden, jetzt zu einer schwimmenden Kaserne für die zweite U- Boot-Lehrdivision. Damit ist auch die zweite Übermalung verbunden. Beim ersten Mal wurde sie mit roten Kreuzen dekoriert, jetzt verschwanden diese Kreuze, das ganze Schiff wurde marinegrau gestrichen. Erstmals seit Beginn des Krieges war das Schiff offiziell nicht mehr geschützt und konnte versenkt werden. In ersten Jahren des Krieges war das Training der U- Boot-Besatzung aufwendig, aber effektiv. Admiral Dönitzs Rudeltaktik 31 machte die Deutschen überlegen und die Alliierten wussten sich lange nicht dagegen zu wehren. Aber mit zunehmender Dauer des Krieges wurde die Belegschaft immer jünger und verbrachte dort immer weniger Zeit. Die Gustloff ankerte bereits vier Jahre in Gotenhafen und auβer eines Luftangriffes geschah nichts Bedeutendes, nur dass sicht die Front zu nähern begann. Die Deutschen begannen den Zweiten Weltkrieg zu verlieren und die Russen kamen immer näher an Danzig heran. Die Welle der Flüchtlinge, die vor der Roten Arme flohen, wurde jeden Tag gröβer. Und alle wollten den Hafen von Danzig erreichen in der Hoffnung, auf einem Schiff entkommen zu können. Die Masse der Flüchtlinge wurde im Laufe der Zeit so groβ, dass sie mehrere Nächte auf der Mole übernachten mussten, um einen Schiffsplatz zu bekommen. Und nun hatte im Oktober die Rote Arme unter Führung von General Galitsky die ostdeutsche Grenze bereits 30 Rohwer, Jürgen. Chronik des Seekrieges [online]. [zitiert ]. URL: 31 Webmaster of Deutsche U-Boote Die Geburt der grauen Wölfe [online]. [zitiert URL: 22

23 überschritten. Für die Sowjetarmee nahte nicht nur die Stunde des Sieges, sondern auch die Stunde der Rache. Unterstützt von Parolen des Schriftstellers Ilja Ehrenburg hat die Rote Armee geraubt, getötet und vergewaltigt. Dort in Deutschland versteckt sich der Deutsche, der dein Kind gemordet, deine Frau, Braut und Schwester vergewaltigt, deine Mutter, deinen Vater erschossen, deinen Herd neidergebrannt hat! 32 Wenn du einen Deutschen getötet hast, töte noch einen - es gibt für uns nichts Lustigeres, als deutsche Leichen. Zähle nicht die Tage. Zähle nicht die Kilometer. Zähle nur eins: die von dir getöteten Deutschen. Töte den Deutschen! - das bittet die alte Mutter. Töte den Deutschen! - das fleht das Kind. Töte den Deutschen! - das ruft die Heimaterde. Verfehle nicht das Ziel. Laß ihn nicht entgehen. Töte! Ilja Ehrenburg 33 Der Strom der Flüchtlinge wurde noch gröβer nach der Eroberung des ersten deutschen Dorfs, das in sowjetische Hände fiel. Am 21./22. Oktober 1944 wurde Nemmersdorf als einer der ersten deutsche Orte von der Roten Armee eingenommen. Einen Tag später schlug die Wehrmacht die Rote Armee noch einmal zurück und fand Opfer eines Massakers, vor allem Frauen und Kinder, vor. "Nemmersdorf" wurde zum Fanal der Flucht und der Untaten der Roten Armee an der ostdeutschen Bevölkerung Operation Hannibal Die Operation Hannibal war wahrscheinlich die gröβte Flüchtlingsoperation, die es je gab. Für diese Operation war Karl Dönitz verantwortlich, obwohl sie Hitlers Missfallen erregte. Befehl des Admirals sollte alles, was schwimmen konnte, Flüchtlinge Richtung Westen zu transportieren. Mehr als zwei Millionen Menschen hat Dönitz auf dieser Weise gerettet. Am 28. Januar 1945 sollte die Gustloff zur Ausfahrt bereitet sein. Im Danziger Hafen drängten sich Hunderttausende von Flüchtlingen zusammen, die um jeden Preis an Bord gelangen wollten. Zu Beginn wurden nur die verwundeten Soldaten, das Schiffspersonal und einige Hunderte von den Nachrichtenhelferinnen der Marine aufgenommen. Dann selbstverständlich auch solche, die hochgestellte Bekannte hatten und auβerdem solche, die zahlungskräftig waren. Erst dann konnten sich die Flüchtlinge einschiffen. Alle hatten einen Ausweis, der sie zum Aufenthalt auf der Gustloff berechtigte. Die offizielle Liste besagt, dass 32 Fuhrer, Armin. Die Todesfahrt der Gustloff [online]. [zitiert ]. URL: 33 Ahrens, Wilfried. Verbrechen an Deutschen. Dokumente der Vertreibung. Bruckmühl. Ahrens-Verlag S Hinz, Thorsten. Nemmersdorf: Neue Aspekte eines Verbrechens[online] [zitiert ]. URL: 23

24 auf der Gustloff nur dreitausend Flüchtlinge waren. Diese Zahl kann wohl nicht stimmen. Man hat einfach aufgehört zu zählen. Auf das Schiff strömten Abertausende, überall herrschte Chaos und es gab kein Papier mehr für die Ausweise. Niemand kann heute die genaue Zahl der Passagiere angeben. Die neuesten Zahlen sprechen von mehr als zehntausend Flüchtlingen. Am 30. Januar 1945 begann die letzte Reise der Wilhelm Gustloff Katastrophe Am 30. Januar 1945 verlieβ das Schiff den Hafen. Es begab sich aber nicht allein auf diese Fahrt. Als Begleitungsschiff fuhr noch das Torpedoboot Löwe mit. Die Gustloff war für 1463 Passagiere und 417 Besatzungsmitglieder konstruiert und jetzt drängten sich an Bord mehr als zehntausend Menschen. Das Wetter war ungünstig, minus 18 C und Wassertemperatur circa 2 C. Nur, das eben die Rote Armee immer näher an Danzig herankam und die Situation der Gustloff mit jeder Minute Verspätung immer gefährlicher wurde. Wegen der heranrückenden Russen und vor allem wegen ihrer Flugzeuge, war das Schiff auch mit zwei Flak-Geschützen ausgerüstet. Ziel war Kiel, aber ein groβes Problem stellten die Kapitäne an der Brücke. Die Gustloff war unter der Führung von insgesamt vier Kapitänen Friedrich Petersen, Kapitän der Gustloff, dann Wilhelm Zahn, Kapitän der U-Boot Division, die das Schiff in den vergangenen vier Jahren bewohnt hatte und noch zwei Kapitäne der Handelsmarine Köhler und Weller. Und diese vier konnten sich nicht darüber einigen, welchen Kurs das Schiff steuern sollte. Unter Deck versuchten tausende Passagiere einen freien Platz zu finden. Jeder Fleck, wo man sitzen oder liegen konnte, war schon lange besetzt. Die Nachrichtenhelferinnen wurden sogar in einem leeren Schwimmbecken untergebracht. Der Schiffsrundfunk informierte die Flüchtlinge, dass alle ihre Schwimmwesten tragen sollten. Das groβe Problem war aber, dass es nur wenige Schwimmwesten gab. Also bei weiterem nicht für alle Passagiere. Ungefähr neunzig Minuten nach Ausfahrt der Gustloff erreichte auch Alexander Marinesko mit seinem U-Boot S-13 den Golf von Danzig. Er sollte eigentlich an der Küste entlang des Memellands zusammen mit anderen U-Booten unterwegs sein, aber er entschloss sich, ohne seine Vorgesetzten zu informieren, zur Einfahrt in den Golf von Danzig, wo er auf bessere Beute hoffte. Er brauchte eine solche wegen des drohenden Kriegsgerichtes. 24

25 Um etwa 18 Uhr bekam die Gustloff eine verschlüsselte Antwort, dass ein Konvoi von Minensuchbooten auf sie zukomme. Auf der Brücke begann gleich wieder ein Streit. Sie waren sich wegen der Ein- oder Ausschaltung der Positionslichter uneins. Bisher fuhr das Schiff nämlich ohne Positionslichter. Kapitän Zahn wollte die Lichter anschalten und Kapitän Petersen hat diese Idee dann durchgesetzt. Es war notwendig gewesen, die Gustloff zu markieren, da uns ein Minenleger-Verband in offener Formation entgegen kam und eine Kollision gedroht hätte. 35 Kurz nach 18 Uhr wurden die Positionslichter der Gustloff angeschaltet. Das war der gröβte Fehler der Kapitäne. Ungefähr um acht Uhr hat nämlich der Erste Offizier an Bord des russischen U-Boots S-13 die Beleuchtung der Gustloff gesehen. Marinesko umkreiste dann mehr als zwei Stunden lang das Schiff und verfolgte es. Unglücklicherweise hat dabei niemand die S-13 wahrgenommnen, auch nicht das Torpedoboot Löwe, das mit Radar ausgerüstet war. Dieses Ortungssystem war wegen der starken Kälte ausgefallen. Etwa um neun Uhr hat dann Marinesko den Schussbefehl gegeben, vier Torpedos abzufeuern. Jedes Geschoβ hatte einen eigenen Namen: das erste hieβ Für das Vaterland, das zweite Für Stalin, das dritte Für das sowjetische Volk und das letzte Für Leningrad. Drei Torpedos verlieβen die S-13, nur jenes, das Stalin gewidmet war, hatte sich verklemmt. Der erste Torpedo traf tief unter der Wasserlinie den Bug des Schiffes, dort, wo die Mannschaftsräume lagen. Wer auf Freiwache war, Stullen kaute oder in seiner Koje schlief und die Explosion überlebte, kam dennoch nicht davon, weil Kapitän Weller gleich nach der ersten Schadensmeldung alle Schotten zum Vorschiff automatisch schließen ließ, um ein schnelles Sinken über den Bug zu verhindern; die Notmaßnahme Schottenschließen war kurz vor Auslaufen des Schiffes geübt worden. Zu den aufgegebenen Matrosen und kroatischen Freiwilligen zählten viele, die während Übungen auf das geordnete Besetzen und Führen der Rettungsboote vorbereitet worden waren. Niemand weiß, was in dem abgeschotteten Vorschiff plötzlich, verzögert, endgültig geschah. 36 Der zweite Torpedo explodierte unter dem Schwimmbecken auf dem Deck E. Das war genau dort, wo hunderte von Nachrichtenhelferinnen der Marine ihre provisorische Unterkunft gefunden hatten. Es haben nur zwei oder drei überlebt. Der dritte Torpedo hat den Maschinenraum getroffen. Mit diesem Treffer war dann das Schicksal der Wilhelm Gustloff besiegelt. Die Lichter verlöschten und der Schiffsrundfunk blieb still. Zuerst vermutete ich einen Minentreffer, als es dann aber zwei weitere Detonationen gab, war mir klar, daß wir torpediert wurden. Das Licht erlosch, die Maschinen verstummten und wir bekamen Schlagseite Aus einem Interview mit Heinz Schön Eine nationale Tragödie [online] [zitiert ] URL: 36 Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Aus einem Interview mit Heinz Schön Eine nationale Tragödie [online] [zitiert ] 25

26 Weil die Maschinen leise waren und die Elektrizität nicht funktionierte, musste Gustloff nur den Reservesender benutzen, dessen Reichweite nur etwa zweitausend Meter betrug. So bekam das Begleitschiff Löwe die Katastrophe mit. Dazu Heinz Schön, einer der Überlebenden. Die Gustloff hatte noch SOS gefunkt? Schön: Nein, der schwere Kreuzer Admiral Hipper war kurz nach uns aus Gotenhafen ausgelaufen und sichtete unsere Signalraketen. Da die Hipper selbst schon Flüchtlinge an Bord hatte, lief sie weiter, entsandte aber das sie begleitende Torpedoboot T36 zur Gustloff. Auch unser Begleitschiff Löwe barg so viele Flüchtlinge wie möglich. Für Menschen, vornehmlich Frauen und Kinder, kam aber jede Hilfe zu spät. Natürlich spielten sich unbeschreibliche Szenen ab. Als ich bereits ins Wasser gespült worden war, sprang plötzlich die gesamte Schiffsbeleuchtung wieder an und man sah deutlich, wie die Menschen in Knäulen von Deck fielen. Ich erinnere mich an eines der Rettungsboote, daß endlich erfolgreich und vollbesetzt zu Wasser gelassen worden war, die Leute darin glaubten sich schon gerettet. Da löste sich eines der Flak-Geschütze und rutschte von dem schlagseitigen Schiff. Das Geschütz stürzte genau in das Boot, zerschmetterte es und die Menschen darin - von denen hat keiner überlebt. Grauenvoll war, wie die über Bord gegangenen Kleinkinder, in ihren Schwimmwesten ertranken. Da das Köpfchen schwerer war, als der kleine Leib, schwammen sie hilflos kopfüber auf dem Wasser. 38 Auch nach Versenkung der Gustloff wurden die Rettungsmaβnahmen fortgesetzt. Das Torpedoboot Löwe hat mit Hilfe von Netzen 472 Flüchtlinge gerettet. Die Arbeiten waren bei dem starken Wind und bei den bis einen Meter hohen Wellen sehr kompliziert. Als das Schiff zum Meeresboden gegangen war, trat am Ort der Katastrophe noch das Torpedoboot T-36 ein und fischte aus der frierenden Ostsee 562 Überlebende. Noch weitere Schiffe stieβen dazu, aber zu spät. Sie konnten nur noch einige, nicht mehr aber Hunderte von Passagieren retten. Nur ein paar Minuten nach dem Torpedoboot T-36 kam auch das gröβte Kriegsschiff in der Ostsee, der schwere Kreuzer Admiral Hipper der Gustloff zur Hilfe. Aber der Kapitän des Kreuzers wollte wie schon zitiert nicht anhalten. Er fürchtete, dort konnten noch mehr U-Boote sein, und eilte deshalb weiter. Mit den Wellen welche das Kriegsschiff machte und mit ihrer Schiffsschraube tötete die Admiral Hipper Hunderte von Menschen. Die Seenotfahrzeuge konnten insgesamt nur 1230 Menschen retten. Siebzig Minuten nach dem ersten Torpedoeinschlag versank die Gustloff. Mit dem Paradedampfer des Dritten Reiches endeten auch die Lebensbahnen von ungefähr neuntausend Männern, Frauen und Kindern. Dazu Heinz Schön, der bekannteste Überlebende der Katastrophe, der das ganze Leben der Sammlung der Informationen über diese Versenkung gewidmet hat. URL: 38 Ebd. 26

27 Herr Schön welche Frage beschäftigt Sie noch Heute am meisten? [Schön:] Musste die Gustloff untergehen? War die Katastrophe nicht vorprogrammiert durch Versäumnisse und Fehlerentscheidung? Versäumnisse deshalb, weil man nicht geklärt hat, wer hat überhaupt was zu sagen. Es war gar kein Anlass so schnell nach Kiel zu kommen Im Krebsgang: Interpretation Dieses Thema tickt bei mir schon sehr lange - G. Grass 4.1 Internet Internet is so big, so powerful and pointless that for some people it is a complete substitute for life - A. Brown Auch wenn Grass dreiundachtzig Jahre alt ist, (als er Im Krebsgang schrieb, zählte er sechsundsiebzig Jahre) ist sein Schreibstil, was das Internet anbelangt, sehr jung. "Ein Aspekt an dem Buch ist allerdings beinahe rührend: der Spaß, mit dem Grass immer wieder auf allerneueste Medientechnologie zu sprechen kommt. Wörter wie Internet, Windows, Browser baut er mit Lust in seine berühmt-berüchtigt sinnlichen Sätze ein. Man spürt förmlich: Hier wollte der "Alte" noch einmal vorne dran sein. Erster ist er aber auch hier nicht." 40 Man kann sehen, dass sich der Schriftsteller viel Mühe gab, der jungen Generation den Stil abzuschauen. Wollte wissen, wieso diese Provinzgröβe und zwar von den vier Schüssen in Davos an imstande war, neuerdings Surfer anzulocken. Dabei geschickt aufgemacht die Homepage. 41 Diese und andere Ausdrücke verwendet der Autor recht häufig. Am öftesten ist die Internet-Kommunikation in den Dialogen der zwei Hauptfiguren zu sehen. Auf dieser Nachrichtenübertragung ist die ganze Wilhelm-David-Kommunikation aufgebaut. Grass schämt sich nicht, auch Schimpfworte in diesem Dialog zu benutzen. Tschüβ, du geklontes 39 Zdf_Gustloff_podcast_Schoen.mp3 40 Knipphals, Dirk. Schiffskatastrophen und andere Untergänge [online] [zitiert ]. URL: 41 Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S

28 Nazischwein! und Mach s gut, Itzig! 42 Nötig zu bemerken, dass das Schimpfen im Internetraum ganz normal ist und man sie täglich erleben kann. Grass war hier viel zu harmlos. Auch wenn die zwei Haupthelden wie Freunde sind, hätte die Kommunikation aus der Sicht der verschiedenen Rassen viel härter sein können. Nachdem man einige Internetseiten durchgelesen hat, kann man sich fast nicht vorstellen, dass sich zwei so aufrichtige und nette Menschen auf der pro-nazi-orientierter Webseiten treffen. Zum Beispiel ist es auf den tschechischen Internetseiten nicht möglich einen solchen Dialog zu finden. Hier sollte Günter Grass härter sein. Seine Bücher lesen auch jüngere Menschen und die wissen, wie es mit den Debatten im Internet aussieht. Grass warnt vor der Entwicklung, bei der sich [in der Wahrnehmung der Gesellschaft] das Sekundäre (die subjektive Verarbeitung von Fakten) frech vors Primäre (die Fakten selbst) geschoben hat und Literatur aufgemotzt, zum Event oder häppchenweise ins Internet verfüttert, die eigentliche Literatur verdrängt. 43 Man kann aber auch im deutschen Internet sicher härtere Reaktionen finden. Dazu selbst Grass: Dort ging es neulich um einen Schmachtfetzen kolossaler Spielart, den in Hollywood frisch abgedrehten Titanic-Untergang, der bald darauf als gröβte Schiffskatastrophe aller Zeiten vermarktet wurde. Diesem Unsinn standen Heinz Schöns nüchtern zitierte Zahlen entgegen. Natürlich mit Echo, denn seitdem die Gustloff im Cyberspace schwimmt und virtuelle Wellen macht, bleibt die rechte Szene mit Haβseiten online. Dort ist die Jagd auf Juden eröffnet. Als wäre der Mord von Davos gestern geschehen, fordern Rechtsradikale auf ihrer Webseite Rache für Wilhelm Gustloff!. Die schärfsten Töne Zündelsite kommen aus Amerika und Kanada. Aber auch im deutschsprachigen Internet mehren sich Homepages, die im World Wide Web unter Adressen wie Nationaler Widerstand und Thulenet ihrem Haβ Auslauf geben. 44 Bestimmt interessant ist die Feststellung, dass man in der Novelle drei verschiedene Kommunikationsstile zur Verfügung hat. Erstens ist es Tulla mit ihrem Sprechen und ihren Gedanken, zweitens ist es Paul mit seinem Schreiben und drittens ist es Konny und sein leises Internet. Dazu ein Einschnitt aus einem der kritischsten Artikel, der über Im Krebsgang je veröffentlicht worden war: "Die Generation der Großeltern, verkörpert in der Mutter des Ich-Erzählers, pflegt vor allem den persönlichen Kontakt. Sie redet - für Grass immer ein Zeichen von Zuhause - gern im Dialekt. Der Erzähler ist Journalist. Er und Seinesgleichen verständigen sich mittels Büchern und Zeitungen, direkter Kontakt liegt ihnen fern. Die Vertreter dieser Generation sind geschieden, sie arbeiten zu lange und sie wissen wenig voneinander. Ihre Kinder schließlich haben kaum noch persönlichen Kontakt. Der kleine Pokriefke, seine Freundin, der vermeintliche»judenjunge«- sie alle sind Einzelgänger, trinken nicht, haben nicht einmal Sex. Sie sind Gefangene ihrer Bildschirme. Das Internet ist ihnen ein Kommunikations- und Liebesersatz. Im Internet findet der Nazi wie sein Gegenspieler den einzigen Freund. 42 Ebd. S Driland Kolleg. Grass: Im Krebsgang [online]. [zitiert ]. URL: 44 Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S

29 Grass' Unerfahrenheit im Umgang mit dem neuen Medium ist offensichtlich. Der junge Pokriefke redet stets - per - mit»dem Internet«, das abstrakt und gefährlich erscheint. Die Chatrooms sind»voll«wie Wohnräume, ein Thema»schlägt«hier»virtuelle Wellen«. All das wäre nicht weiter schlimm, würde nicht an solchen Details sichtbar, dass Grass' Texte anscheinend nicht mehr lektoriert werden, seitdem er den Luchterhand Verlag verlassen hat." 45 Die Möglichkeit einen Nick zu benutzen führt zur Anonymität der Beteiligten, die sich dann nicht in ihren Äußerungen kontrollieren müssen. Im Internet besteht die Möglichkeit, aus dem normalen Leben zu entlaufen, weg aus der Realität. Ziel ist es, in der Sicherheit des Cyberspace die Phantasie, der andere zu werden auszuleben. 46 Diese Möglichkeit nutzen beide Haupthelden, Wilhelm und David, aus. Konrad Pokriefke gibt sich für Wilhelm (Gustloff) und Wolfgang Stremplin für David (Frankfurter) aus. Dies konnten sie nicht im normalen Leben machen und deshalb flüchteten sie in die Sicherheit des Cyberspace und versteckten sich dort. Dazu Lisa Nakamura, eine Professorin an der University of Illinois, die sich mit der Identität im Internet beschäftigt. A cute cartoon dog sits in front of a computer, gazing at the monitor and typing away busily. The cartoon's caption jubilantly proclaims, "On the Internet, nobody knows you're a dog!" 47 Die Konversation zwischen den zwei Haupthelden zu folgen ist einerseits ganz unterhaltend. Hallo du borstiges Nazischwein! Hier flüstert dir deine schlachtreife Judensau ein paar Tips, wie man den Tag der Machtergreifung heute noch feiern könnte, nämlich mit kaltem Kaffe Für heute genug Judenblut geflossen. Dein Leibundmagenkoch, der dir gerne eine koschere braune Soβe aufwärmt, macht jetzt Winkewinke und loggt sich aus. 48 An der anderen Seite ist dieses Online-Gespräch drohend und manchmal sogar gespenstisch, wenn man begreift, dass dort zwei junge Menschen ohne weiteres über die Gaskammern oder die Endlösung der Judenfrage sprechen. Sag mal, David, könnte es sein, daβ du jüdischer Herkunft bist?...mein lieber Wilhelm, wenn es dir Spaβ macht, oder sonst wie hilft, kannst du mich bei nächster Gelegenheit gerne ins Gas schicken Sundermeier, Jörg. Es hört nicht auf [online] [zitiert ]. URL: 46 Fricke, Hannes. Günter Grass: Im Krebsgang. Der Zwang, Zeugnis abzulegen, und die virtuelle Realität. In: Romane des 20. Jahrhunderts, Band 3. Stuttgart. Philips Reclam jun. GmbH&CO S Ein herrlicher Hund sitzt am Computer, sieht sich den Bildschirm an und schreibt fleiβig. Die Schlagzeile der Zeichnung behauptet freundlich Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist! Nakamura, Lisa. Race In/For Cyberspace: Identity Tourism and Racial Passing on the Internet [online]. [zitiert ]. URL: 48 Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Ebd. S

30 4.2 Tabu Warum erst jetzt? - Günter Grass Für Günter Grass sind Brüche von Tabus nichts Neues. Schon sein erster groβer Roman Die Blechtrommel wurde als Pornographie, Blasphemie, Nihilismus 50 bezeichnet. Das nächste groβe Tabu hat Günter Grass mit dem Eintritt in das politische Leben gebrochen. Bisher waren die Schriftsteller und Dichter nur Schriftsteller und Dichter, nichts weiter. Keiner war politisch engagiert. Doch dann kam Grass mit seinem Ich rat euch, Es-Pe-De zu wählen 51, und die Zeitschriften in Deutschland konnten wieder einmal wovon schreiben. Grass schockierte gerne und auch mit seinem vorletzten Roman Im Krebsgang ist es ihm wieder gelungen. Der Untergang der Gustloff war vielleicht das gröβte deutsche Tabu des Zweiten Weltkrieges. Viele hatten darüber etwas gewusst, aber keiner hat darüber gesprochen. Grass war auch nicht der erste, er war nur der bekannteste. Einer der ersten, die über die Gustloff geschrieben haben, oder möglicherweise überhaupt der erste, war Heinz Schön. Schön hatte die Katastrophe überlebt, das heiβt, er war damals auf der Gustloff anwesend. Er hatte drei Bücher über die Katastrophe publiziert, war bei allen Filmdreharbeiten beteiligt und trotzdem war die Gustloff noch immer ein vergessenes Schiff. Immer wenn Grass ein neues Tabu brach, hat dieser neuer Bruch etwas mit den vorhergehenden Brüchen gemeinsam. Jedes mal geht es um zwei Dinge die deutsche Vergangenheit und die Erinnerungen (also sein persönliches Leben). Diese zwei Attribute sind mit Grass fest verbunden. Wenn es um die Erinnerungen geht, ist die Schlacht, die im Gehirn des Autors vor sich geht, noch schlimmer und schwerer. Dazu der Erzähler (eigentlich Grass) aus Im Krebsgang: Aber ich wollte nicht. Mochte doch keiner was davon hören 52 und Doch ich hielt weiterhin unter Verschluβ. 53 Man braucht viel Mut, um unter diesem Druck nicht mürbe zu werden. Wie hart das sein kann, zeigt schon Nietzsches Bemerkung: Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich - gibt das Gedächtnis nach Braun, Michael (Hrsg.). Die Medien, die Erinnerung, das Tabu: Im Krebsgang und Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass. In: Tabu und Tabubruch in Literatur und Film. Würzburg (Königshausen&Neumann) 2007, S Führ, Eckhard. Ich rat euch, Es-Pe-De zu wählen [online] [zitiert ]. URL: 52 Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Ebd. S Kattermann, Vera.Der Tagespiegel. Das haben wir nicht getan, sagt der Stolz [online] [zitiert ] 30

31 Den größten (persönlichen) Aufruhr, den Grass hervorgerufen hat, war sicher der, dass er öffentlich bekannt gab, in der Waffen SS gedient zu haben. (Vgl. Kapitel 2.1). Der größte literarische Skandal war aber zweifellos sein Buch Im Krebsgang. Grass spricht hier über die tabuisierte Vergangenheit und vor allem über das Leid der deutschen Flüchtlinge und Soldaten. Über das Leid des deutschen Volkes. Wer dieses öffentlich bekennt, muss immer mit einem großen Missverhältnis rechnen. Das häufigste Argument ist "Wer Wind sät, wird Sturm ernten". Dazu selbst Grass (der Ausschnitt ist aus seiner Rede bei einem Nobelpreisträgertreffen): "Merkwürdig und beunruhigend mutet dabei an, wie spät und noch immer zögerlich an die Leiden erinner wird, die während des Krieges den Deutschen zugefügt wurden. Die Folgen des bedenklos begonnenen und verbrecherisch geführten Krieges, nämlich die Zerstörung deutscher Städte, der Tod Hunderttausender Zivilisten durch Flächenbombardements und die Vertreibung, das Flüchtlingselend von zwölf Milionen Ostdeutschen, waren nur Thema im Hintergrund. Selbst in der Nachkriegsliteratur fand die Erinnerung an die vielen Toten der Bombennächte und Massenflucht nur wenig Raum." 55 Wie Michael Braun in seinem Buch Medien, die Erinnerung, das Tabu schreibt: "Wovon angeblich nicht gesprochen wird, darüber muss Grass schreiben." 56 Nicht alle meinen aber, dass Grass dieses Tabu gebrochen hat. Eine interessante Einsicht kann Dirk Knipphals anbieten. In seinem Artikel Schiffskatastrophen und andere Untergänge schreibt er: "Selbst wenn Grass Tabus gebrochen haben sollte (er hat es nicht), kann man also so seine Probleme mit dem Buch haben." 57 Mit dieser Nichtbrechung meint er nur, dass Grass nicht der erste war. Und wenn er nicht der erste ist, kann er das Tabu nicht gebrochen haben, weil es schon gebrochen war. Grass war also nicht der erste, aber er hat über diese Katastrophe schon früher in seinen Büchern geschrieben. Manchmal waren es nur Andeutungen, manchmal waren es ganze Absätze. Dazu selbst Grass: Zum Beispiel das letzte Buch "Im Krebsgang", dieses Thema, das hatte ich zwar angeschlagen schon in der "Blechtrommel", der Untergang der Gustlow kommt in "Hundejahre" vor, wird in der "Rättin" noch mal erwähnt, aber ich hatte das noch nicht gestaltet, ich fand den literarischen Zugang nicht. Es hat lange, wie ich meine, ein bisschen zu lange gedauert, bis ich dann endlich dazu kam, auch da zu schreiben und zu gestalten, und zwar als Novelle in einer strengen Form. 58 URL: 55 Wieland, Rayk. Polen wieder offen! [online]. KONKRET 03 / 02. [zitiert ]. URL: 56 Braun, Michael (Hrsg.). Die Medien, die Erinnerung, das Tabu: Im Krebsgang und Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass. In: Tabu und Tabubruch in Literatur und Film. Würzburg (Königshausen&Neumann) 2007, S Knipphals, Dirk. Schiffskatastrophen und andere Untergänge [online] [zitiert ]. URL: 58 Spiegel online. Interview mit Günter Grass: Ich glaube, wir haben unsere Lektion kapiert [online] [zitiert ]. 31

32 Der Untergang der Wilhelm Gustloff war lange nur ein Thema der Rechtsradikalen. Für die Linken war es Tabu, über das man nicht sprechen konnte. Dazu Grass: Ja, ein selbstgestelltes Tabu. In der DDR war es in der Tat Tabu. Flüchtlinge hießen dort Umsiedler, das Thema war in der Tat verdrängt. Hier konnte man es schon aufgreifen. Es gab ja auch, Kempowski hat im "Echolot" darauf hingewiesen, es gibt von Arno Schmidt und Siegfried Lenz "Heimatmuseum", es ist immer wieder Thema gewesen. Bei mir ja auch, am Rande, aber die literarische Gestaltung war in unzureichendem Maße da. Und man hat, das kommt noch hinzu, man hat fahrlässiger Weise, da muss ich mich mit dazu zählen, wir haben das Thema den Rechten überlassen. Da war es da. Mit all den Entstellung, auch mit den Revanchegelüsten und mit dem Umdrehenwollen der Geschichte und den falschen Informationen, z.b. dass die Versenkung der Gustlow ein Kriegsverbrechen gewesen ist. Was nicht stimmt, es waren U-Boot-Rekruten drauf, an der Zahl, es waren Flakgeschütze an Bord und auch das musste richtig gestellt werden Haupthelden Grass Figuren sind manchmal so schwer zu verstehen wie ihr Autor auch. Von Zeit zu Zeit ist man der Meinung, dass Grass nichts ernst gemeint hat, dass er sich nur lustig über den Leser macht. Zum Beispiel der Erzähler in Im Krebsgang. Warum hatte er so lange die Webseite nur so gelesen und nichts gemacht? Auch wenn er die Wahrheit erfuhr, hat es bei ihm zu lange gedauert, bis er etwas unternahm. Ansonsten sind die Personen sehr präzis durchgearbeitet, wie alle, die Grass geschaffen hat. Den Zentralpunkt der Novelle bildet die Familie Pokriefke. Dieser Familienkreis besteht aus mehreren Personen, aber nur drei bleiben, auch nachdem man das Buch durchgelesen hat, im Gedächtnis des Lesers haften. - Ursula Tulla Pokriefke: Mutter von Paul und gleichzeitig Groβmutter von Konny - Paul Pokriefke: Sohn von Tulla und Vater von Konny - Konrad Konny Pokriefke: Sohn von Paul und Enkel von Tulla Pokriefke Die Familie als eine Gesamtheit hält gar nicht so fest zusammen, wie man auf den ersten Blick erwarten möchte. Schon nach einigen Minuten Lektüre sollte jedem Leser klar sein, dass hier etwas nicht stimmt. Schon auf der Seite vierzehn kann man Folgendes lesen: Aber nai doch! ruft sie, die ich nie besitzergreifend meine sondern immer nur Mutter nenne. 60 Hier beginnt die seltsame Geschichte der Familie Pokriefke. URL: 59 Ebd. 60 Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S.14 32

33 4.3.1 Tulla Pokriefke Auch wenn es scheint, dass Paul oder Konny die Hauptfiguren dieser Novelle sind, ist das nicht der Fall. Tulla ist die stärkste Person in diesem Buch. Ohne Tulla würde es keine Entwicklung geben. Sie ist der Grundstein dieser Erzählung. Sie war und ist immer dort, wo gerade etwas geschieht. Tulla war schon am Anfang der Handlung da (wenn man retrospektiv denkt), beim ersten wichtigen Moment bei der Geburt Pauls auf dem Schiff. Alles andere vorher sind meistens historische Angaben. Die Geschichte selbst beginnt mit der Geburt. Aus dem Bericht des Erzählers weiβ man, dass Tullas Jugend allem Anschein nach ziemlich schön war, und vor allem, dass sie, wenigstens in der Zeit zwischen den Novellen Katz und Maus und Im Krebsgang, eine sehr schöne Frau war. Tulla, ein Spirkel mit Strichbeinen, hätte genausogut ein Junge sein können. Jedenfalls hat sich das zerbrechliche Ding, das nach Laune mitschwamm, als wir den zweiten Sommer auf dem Kahn kleinbekamen, nie vor uns geniert, wenn wir die Badehosen schonten, uns blank auf dem Rost lümmelten und nichts oder nur ganz wenig mit uns anzufangen wuβten. 61 Mag sein, dass sie, wie es ihre Art war und geblieben ist, selbst im hochschwangeren Zustand männliches Schiffspersonal anzuziehen verstand: sie verfügt nun mal über einen inwendigen Magneten, den sie ain jewisses Etwas nennt. 62 Dies ist der Baustein der Skepsis des Erzählers. Er hat ein groβes Problem, er weiβ nämlich nicht, wer sein Vater ist. Tulla war so schön, dass sein Vater jeder von Tullas Bewunderern sein konnte. Weiss der Teufel, wer Mutter dickgemacht hat. 63 Und sie will es ihm nicht sagen. Hier ist wieder ein Hinweis auf die Art dieser Familienbeziehungen zu sehen. Einerlei, wer sie gestoβen hat, für mich hieβ ihr beliebiges Angebot: vaterlos geboren und aufgewachsen, um irgendwann Vater zu werden. 64 Dieses Problem kann man in der ganzen Novelle wie einen roten Faden beobachten. Pauls Vater wird für immer ein Geheimnis sein. Aber das ist nicht das einzige Geheimnis in Tullas Leben. Sie ist eine vieldeutige Person. Aus der Erzählung kann man erfahren, wie sehr sie das Schiff geliebt hat. Was ham die sich aufjeregt bai ons im Parteikollektiv, als ech mal kurz was Positives ieber Kaadeäffschiffe jesagt hab, daβ nämlich di Justloff ein klassenloses Schiff jewessen is 65 Sie hat freilich in der DDR gelebt und dort war jede Erwähnung der Gustloff und überhaupt einer Sache, die im Dritten Reich gut war, fast ein Verbrechen. Man kann also voraussetzen, dass sie die Genossen und Kommunisten hassen wird, aber auch dies stimmt nicht. Als in Ost und West 61 Grass, Günter. Katz und Maus. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Ebd. S Ebd. S Ebd. S

34 Stalins Tod bekanntgemacht wurde, habe ich Mutter weinen sehen. [ ] und sah, wie Mutter hinter brennenden Kerzen über Stalins Tod weinte. 66 Dazu Elisabeth Krimmer: In Paul s story, Tulla is an archetype of almost superhuman dimensions. A classic survivor, she thrives in every political system. During the Third Reich, she is a Nazi and anti-semite who praises the classlessness of Nazi society and is convinced that Gustloff fell victim to a Zionist agitator. After the war, she becomes a dedicated member of the socialist work-force who is inconsolable when her hero Stalin dies. Deep down, however, she never changes, thus embodying Grass s convictions that there is a great affinity between National Socialism and communism. 67 Tulla ist in der Novelle fast wie eine überirdische Person abgebildet. Und obwohl sie mit vielen Problemen kämpfen musste, hat sie immer über den Dingen gestanden und sie erlaubte sich nichts. So lief es auch mit der Geburt des Pauls auf dem Torpedoboot Löwe ab. Für jede andere Frau wäre eine solche Geburt unter diesen Bedingungen ein Alptraum, aber Tulla sagte nur: das jing wie nix. Ainfach rausjeflutscht biste. 68 Nachdem man das Buch gelesen hat, weiβ man, dass es nicht so wie nix war. Tulla erhielt eine Injektion mit irgendeinem Stoff, der die Geburt unmöglich machen sollte. Sie bekam schon auf der Gustloff, genau bei ihrer Versenkung, die ersten Geburtswehen. Aber trotzdem musste Tulla beachtenswerte Stärke und psychische Widerstandsfähigkeit aufweisen. Tulla war keine gute Mutter für Paul. Sie hat ihn nicht gestillt, das haben andere Frauen erledigt. Zuerst eine ostpreuβische Wöchnerin, die mehr als genug hatte, dann eine andere Frau, die ihren Säugling verloren hatte. Nach dem Krieg arbeitete Tulla in einer Tischlerwerkstatt. Es war notwendig, sie brauchte Geld, um ihre Familie zu ernähren. Aber trotzdem (oder ebendarum) kümmerte sie sich um Paul fast gar nicht. Nach der Katastrophe kann man bei Tulla etwas wie Trauma oder Obsession beobachten. Sie will sich nicht eingestehen, dass auch sie ihr Leben ändern und weiter gehen muss. Für sie ist Untergang des Schiffs noch immer aktuell. Kann man nich vergässen, so was. Das heert nie auf 69 oder Womit sie bei ihrem eigentlichen Thema, dem fortwährend sinkenden Schiff war 70 oder sie lebt nach einem anderen Kalender Ebd. S In Pauls Geschichte ist Tulla ein Archetyp von fast übermenschlichem Umfang. Ein klassischer Überlebender, der in jedem politischen System überlebt. Innerhalb des Dritten Reiches ist sie ein Nazi und eine Antisemitin, die die Klassenlosigkeit der Nazigesellschaft lobt und ist überzeugt, dass Gustloff den zionistischen Agitatoren zum Opfer gefallen ist. Nach dem Krieg wird sie zum ergebenen Mitglied der sozialistischen Bewegung, das untröstlich wird, als ihr Held Stalin stirbt. Aber tief innen änderte sie sich niemals, sie stellt Grass Überzeugung dar, dass zwischen dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus groβe Affinität ist. Krimmer, Elizabeth. Ein Volk von Opfern? Germans as Victims in Günter Grass's Die Blechtrommel and Im Krebsgang. In: Seminar: A Journal of Gemanic Studies. University of Toronto Press S Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Ebd. S Ebd. S Ebd. S

35 Auch wenn gerade Tulla nicht über den Untergang schweigt, schweigt der Rest der Welt. Das kann den Opfern nicht helfen, sie müssen nämlich ihre Ereignisse ventilieren und das können sie nicht, wenn das Ereignis zu einem Tabu wird. Eng verbunden mit der Dialektik von Auseinandersetzung und Abwehr ist das Thema Schweigen, das sowohl auf kollektiver als auch auf individueller bzw. familiärer Ebene häufig diskutiert wird: So ist von einer Mauer des Schweigens zwischen den Generationen die Rede oder vom kollektiven Schweigen in Deutschland nach dem Holocaust. 72 Tulla hat psychische Probleme nicht nur wegen der ewig lebenden Gustloff, sondern auch mit der Weitergabe ihrer Erlebnisse an die nächste Generation. Sie erzog Paul als eines der Opfer, er soll ihr Gedächtnis sein. Ech leb nur noch dafier, daβ mein Sohn aines Tages mecht Zeugnis ablegen. 73 Dazu Kurt Grünberg (Kurt Grünberg ist Psychoanalytiker am Sigmund- Freud-Institut in Frankfurt am Main): Das Kind werde unaufhörlich überfordert. Weitere Überforderung stellten nicht erfüllbare Delegationen dar, beispielsweise die Erwartung, Töchter und Söhne von Überlebenden sollten für ihre Eltern die Brücke zum Leben sein, ihnen nach jahrelanger Konfrontation mit dem Tod, eigentlich wiederum in Verkehrung der natürlichen Folge, das psychische Leben schenken. 74 Als es Tulla nicht gelingt, Paul als ein Opfer zu erziehen, probiert sie es mit Konny. Damals war ich ihr Hoffnungsträger. Doch als aus mir kein Funkeln zu schlagen war und nur Zeit verpuffte, begann sie kaum war die Mauer weg meinen Sohn zu kneten. 75 Er hatte ebenfalls viel von der Gustloff gehört und mit dem Geschenk in Form von einem Computer, den er von Tulla bekam, geriet er auf die schiefe Ebene. Einmal nahm ihn Tulla auf ein Treffen der Überlebenden mit und dort stellte sie fest, dass Konrad der Fortsetzer ist, den sie gesucht hat. Paul sieht es aber anders. Mit seinen annähernd fünfzehn Jahren im März würde es soweit sein wirkte er keine Spur kindlich, vielmehr reif für Mutters Absicht, ihn ganz und gar zum Mitwisser des Unglücks [!] und wie sich zeigen sollte Verkünder der Legende eines Schiffes zu machen. 76 Tulla weiβ, dass sie die Schlacht um Paul verloren hat, und um so mehr verzieht sie Konrad. Nachdem sie feststellte, dass nicht Paul, sondern Konny erkoren ist, war sie noch kritischer in ihrer Beziehung zu Paul. Aus mainem Konradchen wird mal bestimmt was Großes. Nich son Versager wie du Kühner, Angela: Kollektive Traumata. Argumente, Konzepte, Perspektiven. Aktualisierte Buchfassung des Berghof Report Nr. 9. Gießen: Psychosozial-Verlag S Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Grünberg, Kurt. Tradierung des Nazi-Traumas und Schweigen. In: I. Özkan, A. Streeck-Fischer, U. Sachsse (Hrsg.), Trauma und Gesellschaft. Vergangenheit in der Gegenwart. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht S Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Ebd. S Ebd. S

36 Was die Leser noch fesseln könnte, ist die Tatsache, dass Tulla sehr häufig, ja sogar ausschlieβlich den Dialekt benutzt. Grass schreibt, dass es ein baltischer Dialekt sei und am häufigsten in der Umgebung von Danzig zu hören war. Einige deutsche Wörter aus dieser Mundart kann man ohne Schwierigkeiten verstehen, andere erschlieβen sich nicht so leicht. Was bedeutet nun ein so groβer Gebrauch des Dialekts bei einer Person? Man kann es mit Bildungsmangel klären, aber Grass hat der Mundart möglicherweise auch groβe Bedeutung zugeschrieben. Der Dialekt, obwohl er manchmal kaum zu verstehen ist, macht die Novelle interessanter und bringt die Person (Tulla) den Lesern näher. Wer mehrere Bücher von Grass gelesen hat, dem konnte die Tulla verdächtig vorkommen. Dazu Elisabeth Krimmer: Tulla Pokriefke, originally conceived as Oskar s malicious little sister but ultimately relegated to the pages of Katz und Maus (1961) and Hundejahre (1963), is among the very few rescued from the torpedoed ship Paul Pokriefke Aber das stimme alles nicht. Mutter lügt. Bin sicher, daβ ich nicht auf der Löwe Die Uhrzeit war nämlich Weil schon, als der zweite Torpedo Und bei den ersten Wehen Doktor Richter keine Spritze, sondern gleich die Geburt Ging glatt. 79 So denkt Paul über seine Geburt, er will nicht eines der ersten überlebenden Kinder sein. Er will auch nicht ein Ersatz für Tausende Tote sein. Einer stirbt, der andere wird geboren. Wenn jemand über seine Kindheit mehr wissen möchte, sagt er selber, dass das Einzige, woran er sich noch erinnern kann, der Knochenleimgeruch ist. Wie schon betont wurde, vernachlässigte ihn seine Mutter, Tulla. Sie war fast niemals mit ihm, sie hatte einfach keine Zeit. Paul erinnerte sich, dass ihn seine Nachbarin erzogen hat, weil es keine Kinderkrippe gab, und als er älter war, wurde er in einen Kindergarten abgeschoben. Pauls Verhältnis zur Mutter ist eigentlich nicht sehr widerspruchsvoll, eher undeutlich. In der Novelle beschreibt er ihre positiven Seiten nur sehr selten, es überwiegen die negativen. Nachdem man die Novelle gelesen hat, muss man sich fast wundern, warum Paul mit seiner 78 Tulla Pokriefke, die ursprünglich als Oskars kleine und meuchlerische Schwester konzipiert war, die aber schlieβlich auf die Seiten von Katz und Maus (1961) und Hundejahre (1963) verbannt wurde, gehört in die kleine Gruppe von Menschen, die das torpedierte Schiff überlebten. Krimmer, Elizabeth. Ein Volk von Opfern? Germans as Victims in Günter Grass's Die Blechtrommel and Im Krebsgang. In: Seminar: A Journal of Gemanic Studies. University of Toronto Press S Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S

37 Mutter überhaupt noch spricht. Er wollte sich von ihrem Einfluss befreien, darum zog er anderswohin, deshalb arbeitete er als Journalist, das heiβt, dass er keinen festen Beruf wie seine Mutter hatte, die immer auf einem Platz arbeitete. Paul wurde sich nämlich bewusst, dass ihn Tulla manipulierte, und er versuchte so, Tullas Wirkungsfeld zu entkommen. Das gelingt ihm auch damit, dass er nicht auf Tullas Drängen reagiert. Baldig wird kainer von ons mehr lebendich sain, nur du. Abä du willst ja nech aufschraiben, was ech diä alles schon immer erzählt hab. 80 Aber auch nach seinem Weggang hat Tulla immer einen Weg gefunden, Paul einen Brief zu schicken. Selbstverständlich mit einer Bitte um die Aufzeichnung der Erlebnisse, die sie auf der Gustloff hatte. Und falls dies nicht möglich war, hat sie einfach ihre Freundin Jenny für ihre Absichten benutzt. Dies war kein Problem für sie, weil sie unbarmherzig zu manipulieren verstand. Paul sagt dazu: Und später... hat mir Tante Jenny... Mutters Ermahnungen zum Dessert geliefert: Meine liebe Freundin Tulla setzt immer noch große Erwartungen in dich. Sie läßt dir sagen, daß es deine Sohnespflicht bleibt, endlich aller Welt zu berichten 81 Erst nach der Feststellung, dass Paul eigentlich eine Sackgasse darstellt, wendet sich Tulla an den kleinen Konrad. Na vleicht wird mal main Konradchen eines Tags drieber was schraiben 82 Paul weiβ, dass Konny seine Groβmutter besucht und es wurde ihm auch klar, was die zwei dort machen: Bin sicher, daß Mutter ihn mit ihren Geschichten, die ja nicht nur auf dem Tischlereihof in Langfuhrs Elsenstraße spielten, vollgedröhnt hat. Alles, sogar ihre Abenteuer als Straßenbahnschaffnerin im letzten Kriegsjahr, hat sie ausgepackt. Wie ein Schwamm muß der Junge ihr Gerede aufgesogen haben. Natürlich hat sie ihn auch mit der Story vom ewigsinkenden Schiff abgefüttert. Ab dann war Konny oder Konradchen, wie Mutter sagte, ihre große Hoffnung. 83 Tullas Einfluss auf Konrad wurde Paul klar, nachdem er immer mehr Zeit auf der Webseite verbrachte. Er begann die Familiengeschichten, die der Webmaster auf der Webseite schreibt, kennen zu lernen und stellte langsam fest, dass es sich nur um seinen Sohn handeln kann. Sobald ich in Konnys Chatroom war, hatte ich das unbeirrbare Gequassel der Ewiggestrigen im Ohr. 84 Als Paul endlich merkte, dass Konny ein Rechtsradikaler sei, war es schon zu spät. Er konnte es nicht früher wissen, weil seine Beziehung zu Konny fast so wie, die zu seiner Mutter war. Sie sind sehr voneinander entfernt, Konny verkennt seinen Vater und Paul weiß nicht, wie er einen Weg zu Konny finden soll. 80 Ebd. S Ebd. S Ebd. S Ebd. S Ebd. S

38 He feels compelled to tell his story and hence the story of the Gustloff, whose sinking coincided with his birth, because he believes that his son s obsession with the past would not have escalated to murder if Paul had lived up to his responsibility to bear witness. 85 Paul ist der einzige, der keine eigene Geschichte hat. Er lebt nur in Geschichten der Anderen. In der Tulla-Geschichte ist er nur eine Randfigur und in der Geschichte von Konrad ist er ein Mittelsmann zwischen Tulla und Konrad. Der Ich-Erzähler erscheint als richtungslos, ohne eine eigene Geschichte, die zu erzählen wäre Konny Pokriefke Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben. - T.W. Adorno Konrad Pokriefke ist einerseits Opfer von Tullas Sehnsüchten, andererseits ist auch irgendwo in ihm eine starke Sehnsucht verborgen. Aber nur seine Groβmutter ist für die Entdeckung dieser seiner Sehnsucht verantwortlich. Dank seiner Faszination von der Vergangenheit nähert sich Konny immer mehr den faschistischen Idealen. Auch diese Begeisterung für das Gewesene hat Tulla geweckt. Ist also nur sie für Konrads Taten und Verhalten verantwortlich? Obwohl sie einen groβen Anteil daran hat, ist sie nicht die einzige, die daran schuld ist. Der zweite in der Reihe ist Konrad selbst. Es saβ irgendwie tief in ihm drin. Und selbstverständlich trägt auch Paul für Konrads Auftreten Verantwortung. Konny vermisste ein männliches Vorbild und konnte ein solches nur in der rechtsradikalen Ideologie suchen und später auch finden. Dieser Held war für Konrad eben Wilhelm Gustloff. Söhne die ohne Väter aufgewachsen sind, reden häufig davon, ihre Jugend sei eine einzige Herumhampelei gewesen, das Leben dominiert von Unsicherheiten bei Frauen, im Beruf etc Er fühlte sich gezwungen seine Geschichte zu sagen und auch die Geschichte von Gustloff, deren Untergang überdeckt ist mit seiner Geburt, weil er glaubt, dass die Besessenheit von der Vergangenheit seines Sohns würde nicht bis zum Mord eskalieren, wenn Paul die Zeugnis ablegen würde. Krimmer, Elizabeth. Ein Volk von Opfern? Germans as Victims in Günter Grass's Die Blechtrommel and Im Krebsgang. In: Seminar: A Journal of Gemanic Studies. University of Toronto Press S Prokop, Ulrike. Trauma und Erinnerung in Günter Grass Im Krebsgang. In: Freiburger literaturpsychologische Gespräche. Band 23. Königshausen & Neumann, Würzburg S

39 Dies, aber anders formuliert, schreibt ebenfalls Grass (mit Pauls Worten). Die Worte über den Einzelgänger kann man mit Hilfe des vorangehenden Zitats als die Unmöglichkeit, sich nach einem Vorbild zu benehmen, interpretieren. Er ist ein typischer Einzelgänger, schwer zu sozialisieren. Einige meiner Lehrerkollegen sagen, Konnys Denken sei ausschlieβlich vergangenheitsbezogen, sosehr er sich nach auβen hin für technische Neuerungen interessiert, für Computer und moderne Kommunikation zum Beispiel. 88 Mit dem Geschenk von Tulla hat das alles eigentlich begonnen. Hier tritt die neue Erzählweise ins Spiel ein. Mit Hilfe des Computers kann Grass die neue Linie für Konrad gestalten. Er beginnt mit den Arbeiten auf der Webseite und im Fall der Geschichte von der Gustloff entdeckte er ein fiktives Loch auf den Markt der Rechtsradikalen. Dazu Paul Youngman: As is the rule in political propaganda, he who gets the story out first, loudest, and most intriguingly has gained the initiative to shape it in support of his ends. This is the effect of Konny's website--he gets the story out first, and no book or article Paul writes can possibly match the power and figurative decibel level of blutzeuge.de. 89 Manche Kritiker und Schriftsteller meinten, dass Konrad in dieser Novelle viel zu sympathisch dargestellt ist. Am Ende scheint ihm das politisch korrekte Gewissen doch noch zu schlagen und in die Quere zu kommen. Hat er den jungen Neonazi, Tullas Enkelkind Konrad, mit der bizarren Verehrung für Wilhelm Gustloff, den Namensgeber des Schiffes, vielleicht zu sympathisch dargestellt? Muss nicht vielmehr streng auf die Gefahr solcher Aktivitäten hingewiesen werden? Der Erzähler und sein Krebsen Den Erzähler festzustellen erweist sich manchmal als ein Problem. Grass war entschlossen, nicht nur einen Erzähler in seiner Novelle zu haben. Der Haupterzähler ist klar, das ist ohne jeden Zweifel Paul Pokriefke. Aber ab und zu kann man noch eine andere Stimme hören, 87 Schulz, Herman, Radebold, Hartmud, Reulecke, Jürgen. Söhne ohne Vater. Erfahrungen der Kriegsgeneration. Berlin. Christoph Links Verlag S Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Wie es Regel in der politischen Propaganda ist: der, der seine Geschichte früher, lauter und am interessantsten publiziert, hat gewonnen, ihr Ende zu formen. Dies ist die Auswirkung von Konnys Website er publiziert die Geschichte als erster. Und kein Buch oder Artikel, geschrieben von Paul, würde sich nicht mit der Kraft der Website blutzeuge.de vergleichen lassen. Youngman, Paul A. The Realization of a Virtual Past in Günter Grass s Crabwalk. In: Studies in 20th and 21st Century Literature, Volume 32, Issue Von Hage, Volker. Untergang der Gustloff. Das tausendmalige Sterben [online] [zitiert ]. URL: 39

40 die ihn sozusagen regiert. Man kann diese Stimme als seinen Mentor oder Arbeitgeber verstehen. Diese seltsame Figur ist der Arbeitgeber, der Experte für Danzig und Umgebung 91 Es ist der Alte, beziehungsweise Grass selbst, oder sein Alter ego. Man kann sich fragen, warum Grass seine Novelle Im Krebsgang bezeichnet hat. Sobald man das Buch durchgelesen hat, müsste alles klar sein. Und das obwohl nirgendwo in der Novelle ein Krebs zu finden ist. Schon der Titel des Buches ist also eine groβe Überraschung. Bei der Schilderung der Ereignisse krebst Grass wirklich einmal vor, dann wieder seitlich und am Ende wieder nach hinten. Viele Kritiker waren von diesem Stil begeistert, aber nicht alle stimmten dieser Erzählweise zu. Wie Dirk Knipphals sagt: "Bei Grass aber ist neben allem anderen eine merkwürdige erzählerische Verzagtheit zu verzeichnen. 92 Wie gesagt, Grass hat sich von Krebsen inspirieren lassen. Diese können auch mal schnell seitwärts flüchten und sie können die Seiten ganz bequem wechseln. Genau wie Grass. Die Erzähltechnik des Krebsgangs nimmt von Linearität und Hierarchisierung Abstand und muss der Zeit eher schrägläufig in die Quere kommen, etwa nach Art der Krebse, die den Rückwertsgang seitlich ausscherend vortäuschen, doch ziemlich schnell vorankommen. 93 In seinem Buch beginnt er mit historischen Tatsachen, dann springt er fünfzig Jahren nach vorne um nur einen oder zwei Sätze zu sagen, dann erzählt er über die Jugend seiner Mutter, hüpft wieder mehrere Jahre nach vorne und endet nochmals in der tiefen Vergangenheit. Derjenige, der an eine solche Erzählweise nicht gewöhnt ist (zum Beispiel von Stephen King), kann am Anfang der Novelle einige Probleme mit dem Verständnis des Inhalts und mit der Orientierung in der Handlung haben. Aber dieses Gefühl verschwindet ganz schnell und man ist in der Lage, Grass Genialität zu genieβen. Interessant ist es zum Beispiel, ganz am Anfang die Schicksale der drei Haupthelden zu beobachten. Er hilft sich wieder mit seinem Krebsen und nach der Einführung mit Wilhelm Gustloff springt er zu Pauls Mutter, die dann Erlebnisse erzählt, mit deren Hilfe Grass zu Marinesko kommt und bei Frankfurter endet. Diese Übergänge wirken gar nicht gezwungen. Der Autor geht spielerisch auf die nächste Ebene über. Beim Gustloff beginnt er mit: Zuerst ist jemand dran, dessen Grabstein zertrümmert wurde. 94 In diesem einzigen Satz sind zwei Zeitpunkte, die voneinander mehr als fünfzig Jahre entfernt sind, ganz geschickt zusammengeklebt. Grass krebst mit 91 Fricke, Hannes. Das hört nicht auf. Trauma, Literatur und Empathie. Göttingen. Wallstein Verlag S Knipphals, Dirk. Schiffskatastrophen und andere Untergänge [online] [zitiert ]. URL: 93 Prinz, Kirsten. Mochte doch keiner was davon hören - Günter Grass 'Im Krebsgang und das Feuilleton im Kontext aktueller Erinnerungsverhandlungen. - in: Medien des kollektiven Gedächtnisses. Konstruktivität - Historizität - Kulturspezifität. Herausgegeben von Astrid Erll und Ansgar Nünning. Berlin. Walter de Gruyter S Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S

41 Blitzesschnelle über die Grube von fünfzig Jahre hinweg. Das Bindemittel zwischen seinen Sprüngen sind meistens Tullas Ereignisse. Wie schon erwähnt, springt er von Wilhelm Gustloff zu Pauls Mutter, die dann Erlebnisse erzählt, mit deren Hilfe er zu Marinesko kommt. Wie also gelangt Grass von Gustloff zu Marinesko? Wieder mit einem Satz oder mit zwei. Hier mit Tullas Hilfe. Ond wann jenau hat nu dieser Russki, der Käpten auf dem U- Boot jewesen is, sain Jeburstag jehabt? Du waiβt doch sondst alles aufs Haar jenau 95 Und falls keine Geschichte von oder über Tulla zur Hand ist, hilft sich Grass einfach mit der Konstatierung der Wahrheit. Wie kommt Grass zum ersten Mal zu Frankfurter? Das Trio ist nicht komplett. Einer fehlt noch. 96 Ganz einfach Die Gemeinsamkeiten Der Erzähler - Paul Pokriefke - ist in Im Krebsgang, so wie Grass, auch ein Journalist. Diese Arbeit passt dem Erzähler wie angegossen. Es kann auch kein Zufall sein, dass er Journalist ist. Dank dieser Arbeit kann die Novelle so geschrieben sein, wie sie ist. Paul ist in der Lage verschiedene Erzählstile zu benutzen, ohne dass es auffällig ist. Wäre er kein Journalist gewesen, hätte er auch nicht das Niveau des Erzählens zu wechseln vermocht. Nur wer etwas mit Schreiben zu tun hat, weiβ, wie es gemacht wird. Das andere, was beide auszeichnet, ist der Gebrauch des Internets. Grass schreibt, dass Paul deswegen auf die Website gestoβen ist, weil er im Internet etwas gesucht und dabei nur zufällig das Wort Gustloff als Suchwort benutzt hat. Dazu er selbst: Mein Beruf verlangt diesen Abruf weltweit vagabundierender Informationen. 97 Paul, als ein Journalist, musste mit dem Internet also gut umgehen, weil es sein Beruf verlangt. Wenn Paul also kein Journalist wäre, könnte auch Grass das Internet nicht in einen solchen Masse nutzen, wie er es in der Novelle in Verbindung mit Paul gebraucht, weil Menschen in Pauls Alter das Internet nicht so oft anwenden und vor allem nicht so gut verstehen, wie Paul. Pauls Mutter stammt, selbstverständlich - das hat doch Grass geschrieben - aus Danzig. Alles Bedeutende im Werk von Günter Grass ist irgendwie mit Danzig verbunden. Was noch den Autor mit seinem Helden verbindet, das sind die Wanderungen zwischen den Besatzungszonen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland gemacht wurden. Tulla 95 Ebd. S Ebd. S Ebd. S. 9 41

42 blieb in Schwerin, ihr Sohn Paul zog nach Berlin um (in den westlichen Teil) und sein Sohn Konny wuchs wieder in Mölln auf (also in Ostdeutschland). Die Parallele kann man bei Grass in den siebziger Jahren finden. Er wohnte im Ostblock, aber die Genossen haben ihn ausquartiert. Er endete also in Westberlin. Paul bezeichnet sich als ein Linksliberal. Diese Einstellung gilt auch bei Grass (siehe Kapitel Lebenslauf/Biographie). Der Autor spricht und schreibt immer über zwei Pole der einen Sache. Er schreibt von den Tätern, wie z.b. von Wilhelm Gustloff, aber denselben Raum widmet er auch den Opfern. Er bemüht sich, eine Verurteilung zu vermeiden oder, besser gesagt, nicht nur auf einer Seite zu stehen. Am Anfang der Novelle kann man über Gustloff viele Zeilen lesen, die aber nicht so ausführlich sind, wie jene, die Grass dem Frankfurter widmet. Das alles nur deshalb, um ungefähr den gleichen Umfang an Informationen bei beiden zu erreichen. Grass polemisiert mit Frankfurter und fragt sich: Was wird er geraucht haben? 98 Solche Kleinigkeiten behandelte er bei Gustloff freilich nicht. Warum? Weil er zu viele Informationen über Wilhelm Gustloff gefunden hat, sodass er unter ihnen auswählen muss. Unterlagen über Frankfurter gibt es gar nicht in diesem Ausmaβ, weil David Frankfurter einfach nicht so bekannt ist und man hat über ihn auch nur wenige Bücher publiziert. Hier geht es aber nicht nur um Bücher. Wilhelm Gustloff wurde vom Naziregime zum Blutzeugen erklärt und viele Straβen, Plätze und Fabriken sind nach ihm benannt worden. Alexander Marinesko schaffte eine solche Berühmtheit ebenfalls. Die kommunistische Partei erklärte ihn zum Helden, zwar nach seinen Tod, aber auch danach trugen einige Straβen seinen Namen. Grass sagt dazu: Eine Lücke fällt auf. Nach dem Medizinstudenten David Frankfurter ist nichts benannt worden. Keine Straβe, keine Schule heiβt nach ihm. 99 Und wieder kann man die beiden Polen einer Sache erkennen. Dem Deutschen und dem Russen wurden Ehren erweisen, aber auf der Seite des Kroaten geschah nichts. Wenn man über Opfer und Täter spricht, muss man wissen, dass fast keine Person in Grass Novelle nur schwarz oder nur weiβ ist. Fast alle sind schwarzweiβ. David Frankfurter auf den ersten Blick versteht man diese Person als klar positiv. Das heiβt hier Opfer. Aber Frankfurter ist auch ein Täter er hat doch Gustloff ermordet. Oder Tulla Pokriefke. Bei keiner anderen Person in der Novelle kann man Grass Bemühungen um eine bipolare Person stärker verfolgen, als bei Tulla. Tulla bildet einen geschlossenen Kreis. Sie ist möglicherweise das gröβte Opfer des Buches, weil sie die Versenkung der Justloff 98 Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Ebd. S

43 mitgemacht hat, aber sie ist auch der wahrscheinlich gröβte Täter. Sie trägt vermutlich die Hauptschuld an Konnys Entwicklung. Auch Paul entspricht dieser Formel. Opfer war er, als er mit seiner Mutter leben, und ihre ständige Märchen über Gustloff hören musste. Aber Täter wurde er ebenfalls. Seine Stellung zu Konrad und seine Unfähigkeit, einen Weg zu ihm zu finden, sind in gleicher Weise an der charakterlichen Formung von Konny beteiligt. Bei Konrad selber sind diese zwei Pole ganz klar. Einerseits ist es die Beeinflussung durch Tulla und Paul (Opfer), andererseits ist es der Mord des David (Täter). 5. Filme Leider hat bis heute noch kein Regisseur diesen Bestseller in Szene gesetzt, aber es dürfte nicht mehr lange dauern. Erfolgreiche Bücher wurden gewöhnlich in kurzer Zeit ganz schnell auf der Leinwand präsentiert. Mit folgenden Angaben wäre ein solcher Film so gut wie fertig: nach einer Woche verlieβ am 13. Februar 2002 bereits das Exemplar die Druckerei und hielt sich monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten. 100 Der Film Im Krebsgang existiert also nicht, aber ältere Streifen über das Hauptthema dieser Novelle, über den Untergang der Gustloff, sind schon lange in den Videoverleihen. Der älteste ist ein zwanzig Minuten langer Film namens Schiff ohne Klassen 101 aus dem Jahre 1938, dass heiβt sieben Jahre vor dem Untergang! Die Filmaufnahme beginnt mit den Worten: Wilhelm Gustloff ist das erste Urlauberschiff der deutschen Arbeitsfront, das für Fahrgäste und Mannschaften einheitliche zwei- und vierbettige Kabinen besitzt. Es folgt Nazi-Propaganda die zeigt, wie billig Telefongespräche auf der Gustloff waren und was alles man dort essen konnte. Nach Besichtigung des Kurzfilmes kann sich der Zuschauer gut einige Plätze auf dem Schiff, über das auch Grass schreibt, vorstellen. Das älteste Filmwerk, das keinerlei propagandistischen Zwecken dienen sollte, war wahrscheinlich Nacht fiel über Gotenhafen (1959). Dazu Günter Grass: Eine Beziehungskiste in Kriegszeiten. In Nacht fiel über Gotenhafen geben, nach viel zu langem Vorspiel in Berlin, Ostpreuβen und sonst wo, ein Soldat an der Ostfront als betrogener Ehemann und späterer Schwerverwundeter auf dem Schiff, die ungetreue Ehefrau mit Säugling, die sich aufs Schiff retten konnte, als hin- und hergerissene Reizfigur und ein leichtlebiger Marineoffizier als Ehebrecher, Vater und Retter des Säuglings das Personal der Dreiecksgeschichte ab. 100 Bernhardt, Rüdiger. Königs Erläuterungen und Materialien. Erläuterung zu Günter Grass Im Krebsgang. Hollfeld. C. Bange Verlag S Hier zu sehen: 43

44 Grass hatte wahrscheinlich Recht, wie auch Andreas Kossert derselben Meinung ist. Er schrieb, dass der Film keinen Erfolg hatte, denn aktuelle Probleme und die Schrecken der Erinnerung wollte das Kinopublikum lieber verdrängen als auf der Leinwand sehen. 102 Dazu bemerkt er noch: Während Grün ist die Heide und andere Filme dieser Art im Laufe der Jahre immer wieder einmal im Fernsehen zu sehen waren, verschwand Nacht fiel über Gotenhafen nahezu vollkommen aus der Erinnerung, bis Günter Grass sich mit der Novelle Im Krebsgang der Schiffskatastrophe auf der Ostsee wieder zuwandte. 103 Der nächste Film, der mit der Gustloff-Geschichte irgendwie im Zusammenhang steht, ist die Bearbeitung der Davos-Ermordung von Rolf Lyssy aus dem Jahre Er heiβt Konfrontation. Diesen Film habe ich nicht gesehen, aber wenn man sich auf Grass und seine Meinung verlassen darf, habe ich nichts versäumt. Lyssy geht ziemlich korrekt mit den Fakten um. Man sieht den Medizinstudenten, der anfangs eine Baskenmütze, dann einen Hut trägt, verzweifelt rauchen und Tabletten schlucken. Beim Kauf des Revolvers in der Berner Altstadt kosten zwei Dutzend Patronen drei Franken siebzig. Noch bevor Gustloff in Zivilkleidung sein Arbeitszimmer betritt, setzt Frankfurter, anders als nach meiner Version, wartend den Hut auf, wechselt vom Sessel auf einen Stuhl und schieβt dann mit Hut auf dem Kopf. Neues sagt der Film nicht. 104 Auf dem Gebiet der Dokumentarfilme dominiert klar das 2003 gedrehte Dokument Triumph und Tragödie der Wilhelm Gustloff. Dieser Film zeigt sowohl Überlebende, als auch Retter der damaligen Flüchtlinge. Die Direktoren Karl Höffkes und Heinz Schön erzählen die Gustloff-Geschichte aus verschiedenen Winkeln, sie benutzen einige noch niemals veröffentlichte Dokumente, Fotografien und Filmausschnitte. Die Hauptlinie des Dokuments bilden aber die Zeugenaussagen damaliger Passagiere oder des Personals. Das Dokument beginnt fast wie die Novelle, das heiβt mit der Vorstellung der Haupthelden. Nach der Erschießung des Gustloff hat Frankfurter, laut Dokument, Ich habe soeben Gustloff erschossen gesagt. Aber Grass schreibt in seinem Buch etwas anderes: Ich habe geschossen, weil ich Jude bin. 105 Das sind zwei ganz unterschiedliche Sätze. Triumph und Tragödie der Wilhelm Gustloff endet mit den Worten: Als die Wilhelm Gustloff am 30. Januar 1945 aus Gotenhafen auslief, befanden sich 10,582 Menschen an Bord, darunter fast 9000 Flüchtlinge. Nur 1252 konnten von deutschen Handels- und Kriegsschiffen gerettet werden. 13 von ihnen starben später noch an Unterkühlung. 102 Kossert, Andreas. Kalte Heimat. München. Siedler Verlag S Ebd. S Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag S Ebd. S

45 Der letzte Film, der bisher gedreht wurde, heiβt einfach Die Gustloff, tschechisch übersetzt als Zkáza lodi Gustloff. Regisseur Joseph Vilsmaier hat den Film als eine drei Stunden lange, detaillierte Erzählung über die Versenkung der Gustloff gefasst. Im Unterschied zu Grass ist der Hauptheld der Kapitän Hellmuth Kehding und die Hauptlinie der Erzählung ist die Lovestory zwischen den Kapitän und einer der Nachrichtenhelferinnen, die hier Erika heiβt. Interessant ist auch, dass dort eine Figur namens Heinz Schön, der wahrscheinlich bekannteste Überlebende der Gustloff Katastrophe, auftritt. Herr Schön war Funker auf der Gustloff und jener Berater bei den Filmdreharbeiten, von der schon die Rede war. Das nächste, was das Filmwerk mit Grass Novelle gemeinsam hat, ist die schwangere Mutter (hier Marianne, bei Grass Tulla), die hier aber nur eine Frau aus der Masse und keine so wichtige Hauptfigur ist, wie bei Grass. Völlig unterschiedlich fiel dagegen das Ende des Filmes aus. Regisseur Vilsmaier vertritt hier die Meinung, dass die Versenkung der Gustloff eine Sabotageaktion war. Die Gustloff" leidet am Ende dennoch deutlich unter dem "Dresden"-Syndrom: Ausstattung, Bild und Technik überzeugen, Charaktere und Drehbuch hingegen wirken reißbretthaft. Die Theorie, dass Sabotage das Versenken der "Gustloff" ermöglicht hat, ist bis heute übrigens nicht bewiesen. Zum Zeitpunkt der Pressevorführung forschte Guido Knopps Historiker-Team immer noch in russischen Archiven nach Indizien für den im Film behaupteten Tatbestand. Nicht nur deshalb sind die beiden Reportagen zu empfehlen - hier kommen schließlich die echten Überlebenden der "Gustloff" zu Wort. 106 Zwischen der Novelle und der Filmbearbeitung kann man viele andere Unterschiedlichkeiten feststellen. Der Film ist nicht vom Buch inspiriert, also man kann nicht die Hauptideen oder das Auftreten der Figuren gegenüberstellen. Was man aber vergleichen kann, ist die Beschreibung der Katastrophe und andere Realien. Die Filmmacher haben keinen einzigen historisch verbürgten Namen (mit Ausnahme von Heinz Schön) eingehalten. Auch die vier Kapitäne heiβen anders: hier Kehding, Johannsen, Petri und Leonberg. In Wirklichkeit waren es Friedrich Petersen, Wilhelm Zahn, Köhler und Weller. Johannsen ist klar von Petersen inspiriert, er ist der älteste und er lag vier Jahre lang mit der Gustloff nur im Hafen. Das einzige, wodurch sich der Film von Grass inspirieren lieβ, ist offensichtlich die schwangere Frau, aber auch hier kann man einige Widersprüche finden. Marianne (bei Grass heiβt sie Tulla) entbindet auf dem Rettungsboot und stirbt dann. Tulla bringt den kleinen Neugeborenen Paul auf dem Torpedoboot Löwe zur Welt und lebt weiter. Einer der Kapitäne hatte einen Hund, der nach Grass Hassan hieβ. Grass wiederum schreibt, dass dieser Hassan 106 Leimann, Eric. Die Gustloff [online] [zitiert ]. URL: 45

46 das Unglück nicht überlebte. In Die Gustloff gab es ebenfalls einen Hund, aber der hieβ Hasso, was nicht so weit von der Novelle entfernt ist, wie die Namen der Kapitäne. Hasso überlebte ebenfalls nicht, aber mit einem wesentlichen Unterschied. In der Filmbearbeitung wurde er von seinem Herrn erschossen. 6. Im Krebsgang hierzulande Dass die Novelle Im Krebsgang schon auf den tschechischen Ladentischen der Buchhandlungen sein würde, war sofort klar, nachdem sich die Zeitungen mit ihr zu befassen begannen. Schon nach einigen Wochen begannen in verschiedenen Periodika Rezensionen herauszukommen. Nicht alle haben aber auf die tschechische Übersetzung gewartet. Eine angenehme Überraschung war der Artikel von Veronika Jičínská, der schon am , das heiβt im Erschienungsjahr des Buches, auf den WWW Seiten Literatura.cz seinen Platz gefunden hat. 107 Er ist auch die einzige Veröffentlichung (eines tschechischen Publizisten), der sich kritisch zu dieser Novelle stellt. Die Autorin schreibt, dass dort die frühere Anarchie und die Kraft der Sprache von Grass fehlen. Im Krebsgang hätte ein Meisterstück werden können, aber am Ende ist es nur eine gesellschaftliche Therapie. Dann kam endlich das Jahr 2005 und die tschechische Übersetzung von Jiří Stromšík, der an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität deutsche Literaturgeschichte lehrt. Grass je postrachem pro překladatele, nejen české, z mnoha důvodů. Patří k nim pasáže asociativního chrlení obrazů a slov (zvláště v Plechovém bubínku a Psích rocích), celkově neuvěřitelně bohatá slovní zásoba a široká škála stylových rovin od argotu až po lyrické pasáže, stejně tak i odborná terminologie z nejrůznějších oblastí (vojenství, hornictví, výtvarnictví, kuchařství atd. atd.), jíž Grass užívá s až pedantickou přesností (nad popisem vaření sulcu nebo konstrukce větrného mlýna skřípá zuby i hodně otrlý překladatel), slovní hříčky a parodie; problémem je Grassovo hojné a efektní využívání nářečních prvků (ty musí překladatel k vlastní lítosti většinou nechat padnout pod stůl) a spousta reálií z baltské oblasti, kde se překladatel musí např. u místních jmen stále rozhodovat mezi verzí německou, polskou a českou." V "Rakovi" je zvlášť náročná vojenská a námořnická odborná terminologie. "Jazykových zvláštností" je u Grasse vždy dost, jako ostatně u většiny krajově, popř. nářečně určených autorů, ale na to by bylo třeba samostatného rozboru Jičínská, Veronika. Günter Grass Im Krebsgang [online] [zitiert ]. URL: 108 Grass ist der Schrecken für die Übersetzer, nicht nur für die tschechischen, aus mehreren Gründen. Zu diesen Gründen gehören Passagen mit assoziativem Heraussprudeln der Bilder und Wörter (vor allem in der Blechtrommel und in den Hundejahren), allgemein ein unglaublich reicher Wortschatz und eine breite Skala von Stilebenen, von Argot bis zu lyrischen Passagen, ebenso auch Fachterminologie aus den verschiedensten Bereichen (Militärwesen, Bergbau, bildende Kunst, Kochkunst usw. usw.), die Grass mit fast pedantischer Genauigkeit verwendet (bei der Beschreibung des Sulzkochens oder der Konstruktion einer Windmühle knirscht mit den Zähnen auch der gefühlloseste Übersetzer), Wortspiele und Parodien; das Problem ist auch sein häufiger und effektiver Umgang mit Dialektausdrücken (diese muss der Übersetzer zu seinem Leidwesen meistens unter 46

47 Bei der Mundart hat leider Stromšík Recht, wie man an der Übersetzung der Novelle sehen kann. Tulla spricht im Original im baltischen Dialekt, aber in der tschechischen Übersetzung spricht sie normal, das heiβt, wie jede andere Person in der Novelle. Fast alle wichtige tschechische Zeitungen und Zeitschriften haben über die Novelle Im Krebsgang informiert. Die unfangreichste Nachricht darüber brachte Radka Denemarková in Lidové noviny. 109 Sie schreibt nicht nur über die Vergangenheit, die Gustloff sowie die Brechung des Tabus, sie schreibt auch über die Schreibart von Grass, was nicht ganz so typisch für die heutige Presse ist. Sätze der Art: Hladinový útok a následné rychlé ponoření - to je způsob Grassova odkrývání příběhů 110 kann man im ganzen Text entdecken. Den anderen Artikel, der tief schürfend ist, hat Pavel Švanda in Revue Politika publiziert. Er schrieb, dass das Buch Im Krebsgang, sowie alle andere Romane von Günter Grass, sehr gut lesbar ist, obwohl seine Hauptidee als mehr drastisch erscheint. Sehr interessant sind auch seine Gedanken über die Verbreitung von Kriegsthemen. An eine gewisse Ritualisierung der Kriegsthemen haben wir uns schon gewöhnt und wir wissen so, was erlaubt ist und was nicht, schreibt er. Wir verstehen schon im voraus, dass es geeignet ist, Filme und Fernsehsendungen über den Zweiten Weltkrieg zu drehen, und wir wissen, dass man nicht gerne sieht, wenn sich die Palette der etablierten Motive unerwartet erweitet. Er beendete seinen Artikel mit der Feststellung, dass Im Krebsgang von Günter Grass eine Hybride ist. Švanda ist der Meinung, dass das Buch in der Tradition der Non-fiction Literatur steht, jedoch auf der Oberfläche wie ein belletristisches Dokument aussieht. Die anderen Beiträge sind wesentlich kürzer und inhaltlich knapper. Alle handeln von der Gustloff-Katastrophe, alle erwähnen David Frankfurter und Alexander Marinesko, aber keiner von ihnen geht so in die Tiefe, wie es Pavel Švanda machte. Heute hat jede Zeitung ihre eigenen WWW-Seiten. Wenn man intensiv sucht und Glück hat, kann man dort (meist in der Sektion alte Artikel oder Archiv ) zwei bis maximal drei Erwähnungen von Im Krebsgang finden. Und diese sind aus jener Zeit, als die Novelle den Tisch fallen lassen) und mit den vielen Realien aus dem baltischen Gebiet, wo sich der Übersetzer ständig entscheiden muss, z.b. im Falle der Ortsnamen, ob er die deutsche, polnische oder tschechische Version benutzt. Im Im Krebsgang begegnet eine besonders anspruchsvolle Militär- und Seemannsfachterminologie. Spracheigentümlichkeiten gibt es bei Grass immer genug, wie übrigens bei den meisten regional, bzw. mundartlich bestimmten Autoren, aber dazu wäre noch eine selbstständige Analyse nötig. Aus der Korrespondenz des Autors mit Jiří Stromšík Denemarková, Radka. Günter Grass Jako rak [online] [zitiert ]. URL: 110 Spiegelangriff und folgende schnelle Senkung das ist Grass Art und Weise der Entdeckung von Geschichten. Jičínská, Veronika. Günter Grass Im Krebsgang [online] [zitiert ]. URL: 47

48 herauskam. Obwohl Im Krebsgang ein groβer Bestseller auf der ganzen Welt ist, haben die tschechischen Zeitschriften zuerst nicht reagiert, als ob das Werk gar nicht existiere. Erst im Jahre 2006 kann man mehr darüber finden, aber nur deswegen, weil seinerzeit Günter Grass bekannt hatte, Mitglied der Waffen SS gewesen zu sein. Die tschechische fachliche Öffentlichkeit war geteilter Meinung entsprechend der Einschätzung in der Welt. Zum Beispiel war auch der tschechische PEN-Klub für die Aberkennung des Karel-Čapek-Preises, den Grass im Jahre 1994 erhalten hatte. 7. Zusammenfassung Obwohl Grass nicht auf der Gustloff war, weist seine Novelle einen groβen Maβ an Authentizität auf. Sein Ameisenfleiβ bei der Sammlung von Informationen, über dem Ereignis, das sich vor fast fünfzig Jahren abspielte, ist bewundernswert. In einigen Fällen hat er einige Situationen seiner Novelle literarisch angepasst (siehe den Satz, den Frankfurter nach der Erschieβung gesagt hat), trotzdem aber kann man das Buch als ein Dokument lesen. In meiner Arbeit wollte ich die einzelnen Schichten der Novelle Im Krebsgang zeigen. Günter Grass ist ein groβer deutscher Schriftsteller und mit diesem Buch hat er es wieder bewiesen. Er erscheint nicht nur als Schriftsteller eines Romans, der Blechtrommel, wie viele seine Kritikern sagen, sondern auch seine nächsten Bücher belegen, dass der Erfolg der Blechtrommel nicht zufällig war. Seine Novelle Im Krebsgang ist nur ein weiteres Beispiel von Grass literarische Qualitäten. Geschichte hat der Autor immer wieder dargestellt. Seine Werke wollen sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Aber es gibt darunter welche, die alles andere sind als ein historischer Roman, wie z.b. Der Butt. Fast überflüssig zu sagen, dass Grass Geschichte gar nicht realistisch erzählen muss. Das komplexe Spiel, mit Vergangenheit umzugehen, bezeugte auch der Krebsgang. Dabei zeigt gerade der dargestellte Krieg, dass Geschichte gerade Männergeschichte ist. Die weibliche Figur des Werks, Tulla, ist freilich für die groβe Aufgabe vorgesehen: Dafür zu sorgen, dass nicht vergessen wird, was andere längst verdrängt haben oder woran die Gegenwart eventuell keine Interesse mehr hat, um genau dieses wieder zu wecken. Die Frauen sind aufgerufen, die Erinnerungen nicht aufzugeben. Doch die Männer scheinen hier zu versagen. Die Männergesellschaft verantwortet den Krieg. Wie aber soll sie 48

49 mit dem Zustand der Nachkriegszeit umgehen? Die Frage nach der Funktion von Männerund Frauengesellschaft hat Grass eben auch im Butt gestellt. Der Krebsgang führt auch zu den unterschiedlichen Aufgaben von Wissenschaft und Literatur: Nur die Forscher lesen wissenschaftliche Abhandlungen zu historischen Ereignissen. Fachleute sind eine Minderheit. Die Massen strömen in Filme wie Schindlers Liste. Das Schicksal der Wilhelm Gustloff war den Wissenschaftlern nicht unbekannt. Aber erst durch den Krebsgang ist die deutsche Gesellschaft auf diese Tragödie aufmerksam geworden, die sich am Ende des Zweiten Weltkriegs abgespielt hat. Es scheint nicht zu genügen, historiographisch zu forschen, Rekonstruktionsarbeit zu leisten, akribisch Daten zusammenzutragen, so wichtig und grundlegend eine solche Tätigkeit auch immer ist. Solche Darstellungen bilden überhaupt erst die Voraussetzung für die Literatur, also die Werke, die Vergangenes vergegenwärtigen. Es gibt dabei viele Möglichkeiten, Geschichte zu gestalten. In der vorliegenden Arbeit wurde der spezielle Ansatz gezeigt, den Grass im Blick auf den Untergang der Gustloff, bestimmte Ereignisse vorher und nachher gewählt hat. Seine Art der Vergegenwärtigung schöpfte aus dem groβen Reichtum der Möglichkeiten, durch die sich das Geschichtenerzählen auszeichnet. Dabei war auf die ästhetische Gestaltung hinzuweisen, die hier viel ausgeprägter ist, als bei der wissenschaftlichen Präsentation von Vergangenheit. 49

50 8. Literaturverzeichnis Primärliteratur: 1. Grass, Günter. Im Krebsgang. München. Deutscher Taschenbuch Verlag Sekundärliteratur: 1. Ahrens, Wilfried. Verbrechen an Deutschen. Dokumente der Vertreibung. Bruckmühl. Ahrens-Verlag Bernhardt, Rüdiger. Königs Erläuterungen und Materialien. Erläuterung zu Günter Grass Im Krebsgang. Hollfeld. C. Bange Verlag Braun, Michael (Hrsg.). Die Medien, die Erinnerung, das Tabu: Im Krebsgang und Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass. In: Tabu und Tabubruch in Literatur und Film. Würzburg (Königshausen&Neumann) Fricke, Hannes. Das hört nicht auf. Trauma, Literatur und Empathie. Göttingen. Wallstein Verlag Fricke, Hannes. Günter Grass: Im Krebsgang. Der Zwang, Zeugnis abzulegen, und die virtuelle Realität. In: Romane des 20. Jahrdunderts, Band 3. Stuttgart. Philips Reclam jun. GmbH&CO Grass, Günter. Ein Schnäppchen namens DDR, Letzte Reden vorm Glockengeläut. München. Deutscher Taschenbuch Verlag Grass, Günter. Katz und Maus. München. Deutscher Taschenbuch Verlag Grünberg, Kurt, Tradierung des Nazi-Traumas und Schweigen. In: I. Özkan, A. Streeck- Fischer, U. Sachsse (Hrsg.), Trauma und Gesellschaft. Vergangenheit in der Gegenwart. Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht Jürgs, Michael. Bürger Grass. München. Wilhelm Goldmann Verlag Krimmer, Elizabeth. Ein Volk von Opfern? Germans as Victims in Günter Grass's Die Blechtrommel and Im Krebsgang. In: Seminar: A Journal of Gemanic Studies. University of Toronto Press Kühner, Angela: Kollektive Traumata. Argumente, Konzepte, Perspektiven. Aktualisierte Buchfassung des Berghof Report Nr. 9. Gießen: Psychosozial-Verlag

51 12. Øhrgaard, Per. Ein deutscher Schriftsteller wird besichtigt. München. Deutscher Taschenbuch Verlag Prinz, Kirsten. Mochte doch keiner was davon hören - Günter Grass Im Krebsgang und das Feuilleton im Kontext aktueller Erinnerungsverhandlungen. - in: Medien des kollektiven Gedächtnisses. Konstruktivität - Historizität - Kulturspezifität. Herausgegeben von Astrid Erll und Ansgar Nünning. Berlin. Walter de Gruyter Prokop, Ulrike. Trauma und Erinnerung in Günter Grass Im Krebsgang. In: Freiburger literaturpsychologische Gespräche. Band 23. Königshausen & Neumann, Würzburg Reich-Ranicki, Marcel. Unser Grass. München. Deutsche Verlag-Anstalt Schulz, Herman, Radebold, Hartmud, Reulecke, Jürgen. Söhne ohne Vater. Erfahrungen der Kriegsgeneration. Berlin. Christoph Links Verlag Youngman, Paul A. The Realization of a Virtual Past in Günter Grass s Crabwalk. In: Studies in 20th and 21st Century Literature, Volume 32, Issue Kossert, Andreas. Kalte Heimat. München. Siedler Verlag Tertiärliteratur: 1. Emmert, František, Rok 1968 v Československu, Vyšehrad 2007 Internetquellen: 1. Academy of Motion Picture Arts and Sciences, [online], [zitiert ]. URL: 2. Ammert, Andreas. Günter Grass über Gruppe 47: "Ein verrückter Haufen"[online] [zitiert ]. URL: ex.html. 3. Aus einem Interview mit Heinz Schön Eine nationale Tragödie [online] [zitiert ] URL: 51

52 4. Corsten, Volker. Welt online. Uwe Timm: "Es hätte Anlässe gegeben" [online] [zitiert ] URL: 5. Denemarková, Radka. Günter Grass Jako rak [online] [zitiert ]. URL: 6. Deutsches historisches Museum. Deutsche Arbeitsfront (DAF). [online]. [zitiert ]. URL: 7. Deutsches historisches Museum. Die Legion Kondor [online]. [zitiert ]. URL: 8. Deutsches historisches Museum. Die Schutzstaffel (SS) [online]. [zitiert ]. URL:http://www.welt.de/print-welt/article235902/Hitlers_moerderische_Elite.html. 9. Deutsches historisches Museum. Kraft durch Freude [online]. [zitiert ]. URL: 10. Driland Kolleg. Grass: Im Krebsgang [online]. [zitiert ]. URL: 11. Finger, Evelyn. Das Geständnis-Event [online] [zitiert ]. URL: 12. Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ich war Mitglied der Waffen-SS [online] [zitiert ]. URL: /Doc~E4E61DA913E954EAEA41518E564AD5375~ATpl~Ecommon~Scontent.html. 52

53 13. Frankfurter Allgemeine Zeitung. Günter Grass im Interview Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweigen breche [online] [zitiert ]. URL: 441E696FB0443CA308A56~ATpl~Ecommon~Scontent.html. 14. Focus online. Günter Grass Meister der Verdrängung [online] [zitiert ]. URL: 15. Fuhrer, Armin. Die Todesfahrt der Gustloff [online]. [zitiert ]. URL: 16. Führ, Eckhard. Ich rat euch, Es-Pe-De zu wählen [online] [zitiert ]. URL:http://www.welt.de/welt_print/article /Ich_rat_euch_Es_Pe_De_zu_waehlen.ht ml. 17. Hinz, Thorsten. Nemmersdorf: Neue Aspekte eines Verbrechens[online] [zitiert ]. URL: 18. Holocaust und zweiter Weltkrieg ( ).Achsenmächte [online]. [zitiert ]. URL 19. Jičínská, Veronika. Günter Grass Im Krebsgang [online] [zitiert ]. URL: 20. Kattermann, Vera.Der Tagespiegel. Das haben wir nicht getan, sagt der Stolz [online] [zitiert ] URL: 53

54 21. Knipphals, Dirk. Schiffskatastrophen und andere Untergänge [online] [zitiert ]. URL: 22. Königsloew, Albert von. Der Freiwillige: Günter Grass [online] [zitiert ]. URL: 23. Leimann, Eric. Die Gustloff [online] [zitiert ]. URL: 24. Marjanovič, Teodor. Grassova divize prošla řadou bitev [online] [zitiert ]. URL: /zahranicni.asp?c=a060814_215115_zahranicni_ad. 25. Mohr, Reinhard. Übelnehmen im Ohrensessel [online] [zitiert ]. URL: 26. Nakamura, Lisa. Race In/For Cyberspace: Identity Tourism and Racial Passing on the Internet [online]. [zitiert ]. URL: 27. Rohwer, Jürgen. Chronik des Seekrieges [online]. [zitiert ]. URL: 28. Spiegel Online. Der Blechtrommler [online] [zitiert ]. URL: 29. Spiegel Online. Es ist ein Armutszeugnis, wie Grass behandelt wird [online] [zitiert ]. URL: 54

55 30. Spiegel Online. Interview mit Günter Grass: Ich glaube, wir haben unsere Lektion kapiert [online] [zitiert ]. URL: 31. Sundermeier, Jörg. Es hört nicht auf [online] [zitiert ]. URL: 32. Webmaster of Deutsche U-Boote Die Geburt der grauen Wölfe [online]. [zitiert URL: 33. Widmann, Arno. Unser Wegweiser [online] [zitiert ]. URL: 34. Wieland, Rayk. Polen wieder offen! [online]. KONKRET 03 / 02. [zitiert ]. URL: 55

56 9. Anlagen Nr.1 56

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