Grußwort. Empfang in der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom. am 17. Januar Annette Kurschus,

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1 Grußwort Empfang in der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom am 17. Januar 2017 Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen und stellvertretende Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Sehr geehrte Frau Botschafterin, Eminenzen, liebe Gäste. I. Rom als Ort des Protestantismus und der Ökumene Der Europäische Stationenweg ist in Rom angekommen. Rom: Die ewige Stadt. Petersdom und Petersplatz. Amtssitz des Heiligen Vaters. geistliches Zentrum der römisch-katholischen Kirche. Für uns als Delegation des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland liegt der heutige Empfang in der Deutschen Botschaft zwischen der Begegnung mit Vertretern der Chiese Evangelica Waldese und dem Besuch in der Christuskirche, wo wir am morgigen Tag zu Gast sind. Allein daran wird exemplarisch deutlich: Rom, diese beeindruckende Kapitale, das Symbol der katholischen Weltkirche, ist eine ökumenisch weit gespannte und konfessionell reiche Stadt. In der Gegenwart wie auch bereits in der Vergangenheit spielen hier in Rom protestantische Kirchen und protestantische Glaubenstraditionen eine wichtige Rolle. Im Jahr 1510 oder 1511 war der Mönch Martin Luther auf Dienstreise in Rom. Er war gekommen im Auftrag seines Generalvikars von Staupitz. Der wollte den jungen Ordensmann Martin Luther fördern, indem er ihn zu Verhandlungen mit dem Ordensgeneral in Rom entsandte. Niemand nahm damals von dieser Reise besondere Notiz. Luther war ein kleiner, unbedeutender Mönch von jenseits der Alpen. In Luthers späterer Erinnerung dominieren die Bilder, in denen er sich als eifrigen, aber unglücklichen Anhänger der damaligen Buß- und

2 2 Ablasspraxis erlebte. Er berichtet, wie er auf Knien die Heilige Treppe am Lateran erklomm, um Sündenvergebung für sich zu erlangen und die verstorbenen Verwandten aus dem Fegefeuer zu retten. Und immer wieder finden sich Bilder und Ausrufe der Entrüstung über den religiösen Unernst und den Sittenverfall, die er in Rom wahrgenommen hatte. Beinahe 500 Jahre sind seit der Romreise Luthers vergangen. Die Welt ist seitdem eine andere geworden. Und mit ihr haben sich die Kirchen verändert. Eine der wichtigsten Veränderungen ist wohl die, dass Katholiken und Protestanten es je länger je mehr verlernt haben, einander in vorgestanzten Bildern wahrzunehmen. An die Stelle von Stereotypen und Schwarz-Weiß-Schablonen sind das aufrichtige Gespräch und das offene Interesse am Gegenüber getreten. Die Christuskirche, in der sich die evangelisch-lutherische Gemeinde versammelt und wo morgen der Europäische Stationenweg einen festlichen Halt macht, ist dafür ein gutes Beispiel. Gleich zweimal in der jüngsten Vergangenheit schrieb diese Kirche ökumenische Weltgeschichte: 1983 im Jahr des 500. Geburtstags von Martin Luther besuchte mit Johannes Paul II. zum ersten Mal ein Papst eine evangelische Kirche. Und im Jahr 2010 feierte sein Nachfolger, Benedikt XVI., mit der Gemeinde in dieser Kirche zusammen einen Gottesdienst. Auch der jetzige Papst Franziskus hat die Christuskirche bereits besucht. Ein anderes für mich persönlich besonders eindrückliches Beispiel war die ökumenische Pilgerreise von Mitgliedern der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD nach Israel und Palästina. Wir sind reich beschenkt von dieser Reise zurückgekehrt. Beschenkt mit vielen Begegnungen und Gesprächen und einem tieferen gegenseitigen Verstehen. Beschenkt so paradox es klingen mag beschenkt auch in

3 3 einem tatsächlich gemeinsam empfundenen Schmerz: Dem Schmerz darüber, dass wir zwar Erfahrungen und Gedanken, Mahlzeiten und Reisewege miteinander teilen konnten; dass wir zwar in Predigt, Gesang und Gebet miteinander verbunden waren uns dann aber ausgerechnet am Tisch unseres gemeinsamen Herrn Christus trennen mussten. Hinter die Erfahrungen dieser Reise können wir nicht mehr zurück. Ich bin davon überzeugt, dass sie dazu beitragen werden, die Gemeinschaft unserer beiden Kirchen auf lange Sicht zu stärken. II. Das andere Jubiläum 500 Jahre Reformation: Wir feiern 500 Jahre Reformation. Und wir feiern dieses Mal anders als bei den bisherigen Jubiläen. Wir feiern das Jubiläumsjahr erstmals in großer Gemeinschaft. Nicht national, auch nicht auf den deutschsprachigen Raum begrenzt. Sondern in der Gemeinschaft aller Kirchen der Reformation. Mindestens ebenso wichtig ist: Das Reformationsjubiläum 2017 ist das erste, das nicht der Abgrenzung von der Römisch-Katholischen Kirche dient. Nach anfänglich mehr oder weniger offenen Vorbehalten Stichwort: Jubiläum oder Gedenken? ( Man kann doch die Spaltung nicht feiern! ) hat sich längst die Freude darüber durchgesetzt, dass wir ein gemeinsames Christusfest begehen. Unter diesem Leitwort werden wir uns an die gemeinsamen Wurzeln unseres Glaubens erinnern, wir werden vor Gott bekennen, dass wir aneinander schuldig geworden sind, und wir werden unsere gemeinsame Verantwortung für die Gesellschaft benennen. An wichtigen Orten dieses Jubiläumsjahres feiern wir sogar sichtbar gemeinsam. Eine weitere bedeutende Wegmarke: Im März werden die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland in Hildesheim einen gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst feiern

4 4 als Höhepunkt eines Healing of Memories-Prozesses. Wir werden in diesem Gottesdienst der Wunden gedenken, die die seit dem Reformationszeitalter getrennten Kirchen einander zugefügt haben. Wir werden Gott um Vergebung bitten für das Versagen beider Seiten. Und: Wir werden unseren Dank zum Ausdruck bringen für das, was beide Kirchen aneinander haben und was wir aneinander schätzen. Die Reformatoren wollten keine neue Kirche gründen. Sie wollten die Kirche nicht spalten. Ihr Anliegen war es, die Kirche Jesu Christi zu erneuern. Es ging ihnen darum, das Fundament der Kirche neu ins Bewusstsein zu bringen. Die Botschaft von der unverdienten Gnade sollte wieder ins Zentrum des christlichen Glaubens rücken. Das ist auch unser Anliegen in diesem besonderen Jubiläumsjahr. Und wir freuen uns, dass es längst zu einem ökumenischen Anliegen geworden ist. III. Der Europäische Stationenweg Seit dem 3. November reist ein himmelblauer Truck durch Europa. Bis zum 20. Mai dann soll er in die Weltausstellung Reformation in der Lutherstadt Wittenberg münden wird er an 67 exemplarischen Orten in 19 europäischen Staaten Station machen. Der Europäische Stationenweg ist ein besonders anschauliches Beispiel für den Charakter dieses Jubiläums: Wir überwinden mit dem Stationenweg Grenzen. Zunächst geografische Grenzen: Von Dublin im Westen bis ins lettische Riga und ins rumänische Sibiu im Osten. Von Bergen im Norden bis hierher nach Rom. Und dann auch konfessionelle Grenzen: Am Stationenweg sind 47 protestantische Kirchen beteiligt: Reformierte, lutherische, unierte; auch die Church of England ist mit der Station Cambridge dabei. An jeder Station des Stationenwegs gibt es in Vorbereitung auf die Ankunft des Trucks jeweils ein intensives Miteinander unterschiedlichster

5 5 Akteure: Kirche und Kommune, Partner aus Zivilgesellschaft, Kunst, Kultur und Wirtschaft. Nicht zuletzt sind in der Regel die Geschwister aus der Ökumene beteiligt, manchmal sogar verbunden mit einem interreligiösen Dialog. IV. Die Kirchen als Paten für ein solidarisches Europa Wir begehen das Jubiläumsjahr der Reformation in einer Zeit, in der das Miteinander der Völker gefährdet ist. Unser Feiern wird davon nicht unberührt bleiben. Wir können und werden über dem Feiern nicht vergessen, dass in Europa plötzlich wieder verstärkt nationale Identitäten betont werden. Wir erleben in erschreckender Weise Abgrenzung. Der Europäische Stationenweg setzt ein entschieden anderes Zeichen. Seine Botschaft lautet: Uns verbindet mehr als uns trennt. Der gemeinsame Glaube an Christus als den Herrn der Welt führt uns zusammen auf der Suche nach dem Reich Gottes. Wir haben gemeinsam den Auftrag, uns für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Auf diese Weise können wir Kirchen zu Paten werden; zu Unterstützern eines geeinten und menschlichen Europa. Europa kann seinem Ruf als christlicher Kontinent und als reich beschenktes Fleckchen Erde nur gerecht werden, wenn es sich weiterhin und immer neu darin übt, auch über die eigenen Grenzen hinaus solidarisch zu sein mit der ganzen Welt. Das Jubiläum der Reformation wird so Gott will ein neuer Anfang sein, eine kraftvolle Stärkung, der Anlauf zu einem intensiveren Miteinander. Verbunden mit der Suche nach Antworten auf die drängenden Fragen im Blick auf die Zukunft.

6 6 Aus einem fröhlichen Glauben und einer zuversichtlichen Hoffnung heraus gestalten wir unsere Welt. Rom ist dabei eine starke Wegmarke. Im Namen des Rates der EKD danke ich Ihnen dafür sehr herzlich.

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