3) Faktoren der Frühindustrialisierung 3.1. Pionier und Nachzügler/Industrialisierung der Regionen

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1 3) Faktoren der Frühindustrialisierung 3.1. Pionier und Nachzügler/Industrialisierung der Regionen Hinsichtlich des technologischen Entwicklungsstandes, der Mechanisierung, der Maschinenausstattung, der Beschäftigtenzahl, der Produktion und der Exports als wichtigen Kriterien zur Messung des Industrialisierungsgrades, wird deutlich, dass vor allem in der Textilindustrie als dem Leitsektor der Industrialisierung die englische Textilindustrie im gesamten 19. Jh. weltweit die führende Stellung einnahm (K. Ditt, Vorreiter und Nachzügler in der Textilindustrialisierung, in: Berghoff/Ziegler (Hg.): Pionier und Nachzügler?, Bochum 1995, S. 29 ff.). Diese Fragestellung, - nach der First industrial nation, nach Pionieren, Vorreitern und Nachzüglern ist seitdem in der historischen Forschung immer wieder gestellt worden. Und sie ist im Zuge der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten in unterschiedlichen Regionen der Welt auch immer wieder aktuell. Sei es hinsichtlich der Vorreiterposition der entwickelten Ländern gegenüber den unterentwickelten, sei es hinsichtlich der führenden Position der USA in der Weltwirtschaft des 20. Jh. und möglicher Nachzügler in Europa, Asien oder Südamerika. Immer wieder stellt sich die Frage. Was macht ein Land oder eine Region zu einem Pionier oder zu einem Nachzügler, was zu einer entwickelten und was zu einem unterentwickelten Gebiet, und wie funktioniert das Nachholen und das Aufholen? Einige Faktoren haben wir bereits genannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der aus Russland stammende und später in Harvard lehrende Alexander Gerschenkron zu Beginn der 50er Jahre ein Modell entwickelt, welches auf diese Fragen Antworten geben sollte. Welche Faktoren hat Gerschenkron für die Erklärung wirtschaftlichen Erfolges bzw. wirtschaftlicher Rückständigkeit sowie als Ansatzpunkte für den Aufholprozess genannt? 1. der Stand der Technologie bzw. die Möglichkeit der Übernahme dieser führenden Technologien 1

2 2. das Vorhandensein von qualifiziertem Personal, Know-How, einem vorhandenen Bildungssystem 3. die Rolle der Banken und der Kapitalbeschaffung 4. das Engagement des Staates 5. Ideologien, Visionen und damit mentale Faktoren, die den Industrialisierungsprozess fördern. 3.2 Der Kultur -Faktor Die Frage nach einer erfolgreichen Industrialisierung, einer Entwicklung wirtschaftlichen Wachstums, wie er in Westeuropa und in den USA stattgefunden hat, kann nicht mehr nur auf das Verhältnis Pionier und Nachzügler, englisches Vorbild und kontinentaleuropäische Nachzügler begrenzt werden, sondern musserweitert werden in Richtung der Frage nach dem Wohlstand und Armut der Nationen, wie sie David Landes gestellt hat als er fragte warum die einen reich und die anderen arm sind (D. Landes, Wohlstand und Armut der Nationen, Berlin 1999). Ein zentrales Kapitel in Landes Buch ist mit der Überschrift Warum Europa? Warum damals? tituliert und stellt damit die Frage, warum die Industrialisierung in den genannten Regionen Europas und nicht irgendwo anders auf der Welt und zwar im Zeitraum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jh., bzw. unter Berücksichtigung protoindustrieller Entwicklung seit der Frühen Neuzeit einsetzte. Dazu holt Landes weit aus und fragt zunächst, warum der kulturelle und technische Fortschritt anderer Regionen und Kulturkreise zu einem bestimmten Zeitpunkt abbrach. Landes kommt abschließend zu dem Ergebnis: Wenn wir aus der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung etwas lernen wollen, dann dies: Kultur macht den entscheidenden Unterschied (Hier hat Max Weber recht). (Landes, Wohlstand, S. 517). In diesem Zusammenhang spielt auch die Soziologie Max Webers eine Rolle. Weber betrachtet die Entwicklung der westlichen Gesellschaften als Modernisierungsprozess, oder, wie er es ausdrückte, als okzidentalen 2

3 Rationalisierungsprozess. Max Weber argumentiert ähnlich wie Landes (bzw. Landes wie Weber): Nicht die Bevölkerungsentwicklung oder der koloniale Reichtum an Edelmetallen schuf die Voraussetzung für die Industrialisierung oder die Entfaltung des Kapitalismus, sondern die rationale Wirtschaftsgesinnung, wie er es in seiner Wirtschaftsgeschichte ausdrückt: Was letzten Endes den Kapitalismus geschaffen hat, ist die rationale Dauerunternehmung, die rationale Buchführung, rationale Technik, das rationale Recht, aber auch nicht sie allein; es mussten ergänzend hinzutreten die rationale Gesinnung, die Rationalisierung der Lebensführung, das rationale Wirtschaftsethos (Max Weber, Die Entfaltung der kapitalistischen Gesinnung, in: ders., Wirtschaftsgeschichte, Leipzig1923, S. 302.). Was hat das nun mit Kultur zu tun wie Landes es ausdrückt: Kultur macht den Unterschied? Wenn man Kultur nicht im traditionellen Sinne von Hochkultur (institutionalisierter Kultur wie Theater, Literatur etc. ) versteht, sondern im Sinne von Gesinnung, Einstellung, Verhalten, Deutung, Wahrnehmung, Moral und Traditionen, dann spielt dies in der Tat für die Entwicklung der westlichen Gesellschaften eine große Rolle. Rationalisierung als zweckorientierte, planmäßige Verwendung von sachlichen und persönlichen Nutzleistungen, auch im Sinne von Gewinnstreben, setzt eben eine rationale Gesinnung, ein rationales Wirtschaftsethos voraus. Wien etc. 2002, S. 70 ff.). In Anlehnung an Max Webers Vorstellungen zur Protestantischen Ethik du der Geist des Kapitalismus hat die Industrialisierungsforschung einerseits dem Aspekt der Rationalisierung, andererseits dem des Zusammenhangs zwischen Kapitalismus und Protestantismus viel Aufmerksamkeit gewidmet. Und das leitet über zu der abschließenden Frage: Wie erklärt sich nun das Phänomen der Industrialisierung? Ausgehend von Gerschenkrons Modell der 50er Jahre, in dem die Technologie, das Know-How, die Rolle der Banken und des Staates sowie Ideologien eine zentrale Rolle spielen und unter Berücksichtigung der Erklärungsansätze von Weber und Landes, können wir zunächst festhalten, dass monokausale 3

4 Erklärungsansätze hier nicht greifen. Das gilt im Übrigen für alle historischen Phänomene. Einfache, vereinfachende Erklärungen für komplexe Zusammenhänge erweisen sich in der Regel als unangemessen und wenig aussagekräftig. Dies gilt für eine Überbewertung der Technologie oder gar der Bedeutung der Dampfmaschine ebenso wie für Webers Protestantismusansatz, der für das Thema Industrialisierung oder Entfaltung des Kapitalismus nur eine Teilerklärung bietet. Verstehen wir Rationalisierung als weitgehend identisch mit Modernisierung, so liefert uns Weber und die Weber-orientierte Geschichtsforschung allerdings in seinen Studien weitere Erklärungsansätze zur Darstellung des Industrialisierungsprozesses und der Entwicklung moderner, westlicher Gesellschaften. Die Auflösung der Agrarverfassung und der traditionalen Ständegesellschaft, die Durchsetzung des Marktsystems, die Bürokratie als Herrschaftsinstrument, die Entwicklung des Rechtsstaates, die Individualisierung etc. Das führt uns schließlich dazu, den Industrialisierungsprozess als multifaktorielle Entwicklung zu begreifen, zu der ganz unterschiedliche Aspekte aus den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft, Politik, Technik und Kultur beigetragen haben. 4

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