Lori Nelson Spielman Nur einen Horizont entfernt

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2 Kostenlose XXL-Leseprobe aus: Lori Nelson Spielman Nur einen Horizont entfernt Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015

3 Lori Nelson Spielman Nur einen Horizont entfernt Roman Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer

4 1 Das Ganze dauerte einhundertdreiundsechzig Tage. Jahre später habe ich noch mal in meinem Tagebuch nachgesehen und die Tage gezählt. Jetzt hat sie also ein Buch geschrieben. Unfassbar. Die Frau ist auf dem besten Weg, ein Star zu werden. Eine Expertin für Vergebung, Ironie des Schicksals. Ich betrachte ihr Foto. Sie sieht immer noch süß aus mit ihrer Kurzhaarfrisur und der Stupsnase. Das Lächeln wirkt ehrlich, ihr Blick ist nicht mehr so höhnisch wie früher. Dennoch allein schon ihr Bild lässt mein Herz rasen. Ich werfe die Zeitung auf den Couchtisch, nur um sie sofort wieder in die Hand zu nehmen. Mut zur Reue Von Brian Moss, The Times-Picayune NEW ORLEANS Kann eine Entschuldigung alte Wunden heilen, oder bleiben manche Geheimnisse besser ungesagt? Glaubt man Fiona Knowles, 34, Rechtsanwältin aus Royal Oak, Michigan, ist die Wiedergutmachung vergangenen Leids ein unverzichtbarer Schritt zur Erlangung des inneren Friedens.»Es braucht durchaus Mut, sich seine Reue einzugestehen«, sagt Knowles.»Den meisten von uns ist es unangenehm, sich verletzlich zu zeigen. Lieber verdrängen wir unsere Schuldgefühle und hoffen, dass niemand herausfindet, was wir verbergen. Es ist befreiend, sich seiner Reue zu stellen.«und Mrs Knowles muss es wissen. Im Frühjahr 2013 machte sie 9

5 die Probe aufs Exempel und verfasste fünfunddreißig Entschuldigungen. Jedem Brief legte sie ein Beutelchen mit zwei Steinen bei, die sie Versöhnungssteine nannte. Sie bat den Empfänger um zwei scheinbar leichte Dinge: ihr zu vergeben und selbst jemanden um Verzeihung zu bitten.»ich habe gemerkt, dass die Menschen sich geradezu nach einem Grund einem Anlass sehnen, um sich zu entschuldigen«, erklärt Knowles.»Wie die Samen des Löwenzahns wurden die Versöhnungssteine vom Wind davongetragen und verbreiteten sich.«ob es nun am Wind liegt oder an Mrs Knowles geschickter Nutzung der Social Media, sei dahingestellt, aber die Versöhnungssteine treffen offensichtlich einen Nerv. Schätzungsweise sind momentan fast Steine in Umlauf. Am Donnerstag, den 24. April, wird Mrs Knowles bei Octavia Books über ihr neues Buch mit dem passenden Titel DIE VER- SÖHNUNGSSTEINE sprechen. Als mein surrendes Handy mich erinnert, dass es Viertel vor fünf ist Zeit, zur Arbeit zu fahren, zucke ich zusammen. Mit zitternden Fingern stecke ich die Zeitung in die Tasche, greife zu Schlüsseln und Thermobecher und mache mich auf den Weg. Nachdem ich mir die abgrundtief schlechten Quoten der letzten Woche angesehen und die Infos zum Thema des Tages überflogen habe (die richtige Anwendung von Selbstbräuner), sitze ich drei Stunden später mit Wicklern im Haar und einem Plastikumhang über dem Kleid in meinem Büro, beziehungsweise meiner Garderobe. Man sollte meinen, dass ich nach zehn Jahren vor der Kamera an die Maske gewöhnt bin. Aber geschminkt zu werden setzt voraus, dass ich ungeschminkt herkomme, was für mich dasselbe ist, wie Badeanzüge unter Neonlicht vor Publikum zu präsentieren. Früher entschuldigte ich mich immer bei meiner Maskenbildnerin Jade für die Krater auf meiner Nase, auch bekannt als Poren, oder für die Ringe unter meinen 10

6 Augen, die aussehen, als hätte ich mich tags zuvor in die erstbeste Schlägerei gestürzt. Einmal habe ich sogar versucht, Jade den Grundierungspinsel aus den Fingern zu reißen, weil ich ihr ersparen wollte, einen Pickel in der Größe eines Minivans an meinem Kinn zu kaschieren. Wie mein Vater immer sagte: Wenn Gott gewollt hätte, dass Frauen ungeschminkt herumlaufen, hätte er keine Wimperntusche erschaffen. Während Jade an mir herumzaubert, gehe ich einen Stapel Post durch und zucke plötzlich zusammen. Das Herz sackt mir in die Hose. In der Mitte steckt ein Brief, von dem ich nur die obere rechte Ecke sehen kann, den großen runden Poststempel von Chicago. Ach, Jackson, es reicht allmählich! Seit seiner letzten Kontaktaufnahme ist über ein Jahr vergangen. Wie oft muss ich ihm noch sagen, dass alles in Ordnung ist, dass ich ihm verziehen habe? Die Sache ist abgehakt. Ich lege den Poststapel auf das Sims vor mir, schiebe die Briefe so zusammen, dass ich den Stempel nicht mehr sehen kann, und klappe meinen Laptop auf.»liebe Hannah«, lese ich Jade eine vor, um die Gedanken an Jackson Rousseau zu vertreiben,»mein Mann und ich schauen jeden Morgen Ihre Sendung. Er findet Sie umwerfend und meint, Sie wären die neue Katie Couric.Aufgepasst, Mrs Couric!«, mahnt Jade und betupft meinen unteren Lidrand mit einem Kajalstift.»Genau, die neue Katie Couric, nur ohne deren Millionen und die riesige Fangemeinde.«Hübsche Töchter und einen perfekten Mann habe ich genauso wenig»das kommt noch, du wirst schon sehen«, sagt Jade mit so großer Überzeugung, dass ich ihr beinahe glaube. Heute sieht sie besonders hübsch aus, sie hat ihre Dreadlocks zu einem lockeren Pferdeschwanz nach hinten gebunden, was ihre dunklen Augen und die makellose braune Haut zur Geltung kommen lässt. Wie immer trägt sie Leggings und einen schwarzen Kittel, dessen Taschen mit Pinseln und Stiften in allen erdenklichen Größen und Stärken vollgestopft sind. 11

7 Sie verwischt den Eyeliner mit einem flachen Pinsel, ich lese weiter.»ich persönlich halte Katie für überschätzt. Meine Lieblingsmoderatorin ist Hoda Kotb. Das Mädel ist wirklich lustig.autsch!«, sagt Jade.»Das war eine Ohrfeige.«Lachend lese ich weiter:»mein Mann meint, Sie wären geschieden. Ich glaube, Sie waren nie verheiratet. Wer hat recht?«ich lege die Finger auf die Tastatur.»Liebe Mrs Nixon«, lese ich vor, während ich tippe,»es freut mich wirklich sehr, dass Sie sich die Hannah Farr Show ansehen. Ich hoffe, Ihr Ehemann und Sie haben Spaß an den neuen Folgen. (Und übrigens: Sie haben recht, Hoda ist wirklich witzig.) Mit den besten Wünschen, Hannah.Hey, du hast ihre Frage nicht beantwortet«, meint Jade. Ich werfe ihr im Spiegel einen tadelnden Blick zu. Kopfschüttelnd greift sie zu einer Palette mit Lidschatten.»Natürlich nicht.ich war höflich.bist du immer. Zu höflich, wenn du mich fragst.na, klar! War ich etwa höflich, als ich mich über diesen großkotzigen Koch in der Sendung letzte Woche beschwert habe? Wie hieß der noch mal? Mason irgendwas? Der nur einsilbige Antworten gegeben hat? Bin ich vielleicht höflich, wenn ich mich wegen der Quoten aufrege? Und jetzt kommt auch noch Claudia, o Gott!«Ich drehe mich um.»hab ich dir erzählt, dass Stuart überlegt, sie zu meiner Co-Moderatorin zu machen? Dann bin ich erledigt!augen zu!«, befiehlt Jade und tupft Farbe auf meine Lider.»Die Frau ist erst seit sechs Wochen in der Stadt und schon beliebter als ich.nie im Leben«, widerspricht Jade.»Die Stadt hat dich angenommen und in ihr Herz geschlossen. Aber das wird Claudia Campbell nicht davon abhalten, zu versuchen, dich vom Thron zu stoßen. Die Frau verbreitet schlechte Schwingungen.Finde ich nicht«, gebe ich zurück.»klar ist sie ehrgeizig, aber sie macht einen echt netten Eindruck. Ich mache mir eher 12

8 Sorgen wegen Stuart. Bei ihm dreht sich alles um die Quoten, und meine waren in letzter Zeit Scheiße. Ich weiß. Aber sie werden auch wieder besser. Ich sage nur: Sei vorsichtig! Miss Claudia ist es gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen. Nie im Leben wird sich der neue Star von WNBC New York mit einem lausigen Job bei den Morgennachrichten zufriedengeben.«im Fernsehjournalismus gibt es eine Hackordnung. Die meisten beginnen ihre Karriere mit Liveberichterstattungen für die Nachrichten um fünf Uhr morgens, das bedeutet, um drei Uhr früh für zwei Zuschauer aufzustehen. Nach nur neun Monaten mit diesen zermürbenden Arbeitszeiten hatte ich das Glück, zur Wochenend-Moderatorin befördert zu werden, und kurz darauf bekam ich die Mittagsnachrichten, die ich vier Jahre lang mit Freude vorlas. Natürlich ist der Chefsessel bei den Abendnachrichten das ganz große Los, und zufällig war ich gerade zur rechten Zeit bei WNO. Robert Jacobs ging in den Ruhestand beziehungsweise wurde gezwungen, in den Ruhestand zu gehen, und Priscille bot mir seine Stelle an. Die Quoten schossen durch die Decke. Bald war ich von morgens bis abends beschäftigt, moderierte überall in der Stadt Benefizveranstaltungen, gab die Zeremonienmeisterin bei Spendenaktionen und Feiern zum Mardi Gras. Zu meiner Überraschung wurde ich eine lokale Berühmtheit, was ich immer noch nicht richtig begreifen kann. Als Chefin der Abendnachrichten war mein schneller Aufstieg jedoch noch nicht zu Ende. Weil New Orleans sich»in Hannah Farr verliebte«, so hat man es mir zumindest erzählt, bekam ich vor zwei Jahren meine eigene Sendung angeboten eine Gelegenheit, für die die meisten Journalisten morden würden.»ähm, ich sag s ja nicht gerne, mein Sonnenschein, aber die Hannah Farr Show ist nicht gerade oberste Liga.«Jade zuckt mit den Schultern.»Die beste Sendung in Louisiana, wenn du mich fragst. Aber Claudia steht in den Startlöchern, denk an meine Worte! Wenn sie schon hier sein muss, gibt es 13

9 nur eine Stelle, mit der sie sich zufriedengeben wird, und das ist deine.«jades Handy klingelt, sie späht aufs Display.»Darf ich kurz drangehen?ja, klar!«, sage ich, dankbar für die Unterbrechung. Ich will nicht über Claudia sprechen, diese umwerfende Blondine, die mit vierundzwanzig ein komplettes und entscheidendes Jahrzehnt jünger ist als ich. Warum muss ihr Verlobter ausgerechnet in New Orleans wohnen? Aussehen, Talent, Jugend und ein Verlobter! Sie schlägt mich in jeder Kategorie, sogar beim Beziehungsstatus. Jades Stimme wird lauter.»ist das dein Ernst?«, fragt sie den Anrufer.»Dad hat einen Termin im West Jefferson Memorial, ich hab dich gestern noch dran erinnert.«mir wird gleich schlecht. Sie spricht mit ihrem zukünftigen Exmann Marcus, Vater ihres zwölfjährigen Sohns oder»officer Arschloch«, wie sie ihn inzwischen nennt. Ich klappe meinen Laptop zu und nehme den Poststapel von der Ablage, um Jade zu vermitteln, dass ich nicht lausche. Blättere durch den Stapel, suche nach dem Poststempel von Chicago. Ich werde Jacksons Entschuldigung lesen und eine Antwort verfassen, in der ich ihm versichere, dass ich glücklich bin und er sich um sein eigenes Leben kümmern soll. So langsam ermüdet mich diese Angelegenheit. Ich finde den Umschlag und reiße ihn auf. Statt der Adresse von Jackson Rousseau steht oben links in der Ecke: WCHI News. Der Brief ist also nicht von Jackson. Was für eine Erleichterung! Liebe Hannah, es war mir eine große Freude, Sie letzten Monat in Dallas kennenzulernen. Ihre Rede bei der Konferenz der Fernsehsender war wirklich fesselnd. Wie ich damals schon erwähnte, konzipiert WCHI eine neue 14

10 Talkshow am Morgen: Good Morning, Chicago. Wie bei der Hannah Farr Show richtet sich die Sendung an Frauen. Neben gelegentlichen humoristischen und leichteren Beiträgen wird GMC auch anspruchsvolle Themen in Angriff nehmen, unter anderem Politik, Literatur, Kunst und das Weltgeschehen. Wir sind auf der Suche nach einer Moderatorin und würden sehr gerne mit Ihnen über diese Aufgabe sprechen. Hätten Sie Interesse? Abgesehen von einem persönlichen Gespräch und einem Demotape, möchten wir Sie um ein Exposé für eine Sendung bitten. Mit herzlichen Grüßen, James Peters Senior Vice President, WCHI Chicago Wow! Er meinte es also ernst, als er mich bei der Konferenz der Fernseh- und Rundfunkanstalten beiseite nahm. Er hatte sich meine Show angesehen. Er wusste, dass meine Zuschauerzahlen schwinden, aber meinte, ich hätte unglaubliches Potential, ich bräuchte nur das richtige Format. Bestimmt hatte er diese Sendung dabei schon im Hinterkopf. Und wie toll, dass sie meine eigenen Ideen zu einer Sendung hören wollen! Stuart ist nicht gerade ein Fan von Eigeninitiative.»Es gibt vier Themen, die die Leute morgens interessieren«, behauptet er gerne.»prominente, Sex, Abnehmen und Schönheit.«Was würde ich darum geben, eine meinungsstärkere Sendung zu moderieren! Kurz beginne ich zu träumen, dann werde ich wieder realistisch. Ich will keine Stelle in Chicago, neunhundert Meilen entfernt von hier. Ich bin zu stark an New Orleans gebunden. Ich liebe diese widersprüchliche Stadt, die alte Eleganz und den Dreck, den Jazz, das French Quarter und Gumbo mit Krabben. Wichtiger noch: Ich liebe den Bürgermeister dieser Stadt. Selbst wenn ich mich in Chicago bewerben würde was nicht der Fall ist, würde Michael nichts davon hören wollen. Seine 15

11 Familie lebt in dritter Generation hier, und er zieht gerade die vierte heran, seine Tochter Abby. Dennoch ist es schön, begehrt zu sein. Jade beendet ihr Telefongespräch, die Ader an ihrer Stirn tritt hervor.»dieser Vollidiot! Mein Vater darf den Termin im Krankenhaus auf keinen Fall verpassen. Marcus hat mir versprochen, ihn hinzubringen wollte sich wieder so richtig einschleimen. Kein Problem, hat er letzte Woche gesagt, ich hole ihn auf dem Weg zur Arbeit ab. Ich hätte es wissen sollen!«im Spiegel blitzen ihre dunklen Augen. Sie dreht sich ab und wählt eine Nummer.»Vielleicht kann Nicole kurz raus.«jades Schwester ist Direktorin einer Highschool. Nie im Leben kann sie ihre Arbeit unterbrechen.»wann ist der Termin?Um neun. Marcus behauptet, er käme nicht weg. Klar kommt der nicht weg. Der ist bestimmt an einen Bettpfosten gefesselt und macht mit seiner Schlampe Morgengymnastik.«Ich schaue auf die Uhr. Zwanzig nach acht.»geh!«, sage ich.»ärzte sind nie pünktlich. Wenn du dich beeilst, schaffst du es noch.«jade sieht mich finster an.»ich kann nicht gehen. Ich bin noch nicht mit deinem Make-up fertig.«ich springe auf.»glaubst du, ich habe vergessen, wie man sich schminkt?«ich scheuche sie davon.»los, verschwinde!aber Stuart Wenn er das herausfindet Keine Sorge. Ich passe schon auf. Du musst nur rechtzeitig zurück sein, um Sheri für die Abendnachrichten fertigzumachen, sonst landen wir beide in der Hölle.«Ich schiebe ihre zierliche Gestalt in Richtung Tür.»Jetzt mach schon!«ihr Blick schießt hoch zur Uhr über der Tür. Reglos steht sie da, beißt sich auf die Lippe. Mir wird klar: Jade ist mit der Straßenbahn zur Arbeit gekommen. Ich hole meine Tasche aus dem Spind und fische die Schlüssel heraus.»nimm mein Auto!«, sage ich und halte ihr den Bund hin.»was? Nein, das kann ich nicht tun! Was ist, wenn ich?«16

12 »Das ist ein Auto, Jade. Das kann man ersetzen.«im Gegensatz zu deinem Vater, denke ich, aber schweige. Ich drücke ihr die Schlüssel in die Hand.»Jetzt verschwinde, bevor Stuart auftaucht und merkt, dass du mich hast sitzenlassen.«die Erleichterung steht ihr ins Gesicht geschrieben, sie umarmt mich innig.»oh, danke! Mach dir keine Sorgen, ich passe gut auf deinen Wagen auf.«sie wendet sich zur Tür.»Immer locker bleiben«, sagt sie, ihr Lieblingsspruch zum Abschied. Sie ist fast schon am Aufzug, da höre ich sie rufen:»ich bin dir was schuldig, Hannabelle.Bilde dir nicht ein, dass ich das vergesse! Und drück deinen Vater von mir!«ich schließe die Tür und bin allein in meiner Garderobe, noch dreißig Minuten bis zur Pre-Show. Ich suche einen Kompaktpuder und pinsele mir bronzefarbenen Staub auf Stirn und Nasenrücken. Ich löse die Verschlüsse meines Plastikumhangs und greife noch einmal zu dem Brief, um erneut Mr Peters Worte zu lesen, während ich am Sofa vorbei zu meinem Schreibtisch schlendere. Fraglos ist dieses Angebot eine phantastische Gelegenheit, besonders angesichts meiner momentanen Krise hier. Ich würde vom dreiundfünfzigsten zum drittgrößten Fernsehmarkt des Landes wechseln. Innerhalb weniger Jahre würde ich in den Kandidatenkreis für eine landesweit ausgestrahlte Sendung wie Good Morning, America oder The Today Show aufrücken. Mit Sicherheit würde sich mein Gehalt vervierfachen. Ich setze mich an meinen Tisch. Offenbar sieht Mr Peters dieselbe Hannah Farr wie alle anderen auch: eine ehrgeizige Karrierefrau ohne Wurzeln und Anhang, eine Opportunistin, die für mehr Geld oder einen größeren Auftrag fröhlich ihre Sachen packt und ans andere Ende des Landes zieht. Mein Blick fällt auf das Foto von meinem Vater und mir, aufgenommen bei den Critics Choice Awards Bei der Erinnerung an die aufwendige Veranstaltung beiße ich mir in die 17

13 Wange. Die glasigen Augen und die rote Nase meines Vaters verraten, dass er bereits zu viel getrunken hat. Ich trage ein silbernes Abendkleid und grinse breit. Doch meine Augen wirken leer und stumpf, so wie ich mich an jenem Abend fühlte, als ich allein neben meinem Vater saß. Aber nicht, weil ich keine Auszeichnung bekommen hatte, sondern weil ich mir verloren vorkam. Die anderen Gäste saßen inmitten von Partnern, Kindern und nüchternen Eltern. Sie lachten und jubelten und bildeten später große Kreise auf der Tanzfläche. Ich wollte das, was sie hatten. Ich nehme ein anderes Foto in die Hand. Es zeigt Michael und mich letzten Sommer beim Segeln auf dem Lake Pontchartrain. Am Rand des Bilderrahmens sieht man Abbys blonde Haare. Sie saß mit dem Rücken zu mir rechts im Bug. Ich stelle die Aufnahme zurück auf den Tisch. Ich hoffe einfach, dass dort in ein paar Jahren ein anderes Foto steht, eins von Michael und mir vor einem hübschen Haus mit einer lächelnden Abby und vielleicht sogar einem eigenen Kind. Ich lege Mr Peters Brief in eine Aktenmappe mit der Aufschrift Angebote, in der ich schon rund ein Dutzend ähnlicher Schreiben verstaut habe, die ich im Laufe der Jahre erhalten habe. Ich werde die übliche Antwort verfassen: Danke, aber leider kein Interesse. Michael braucht das gar nicht zu erfahren. Auch wenn das klischeehaft und vielleicht sogar rückständig klingt, ist ein angesehener Job in Chicago nichts im Vergleich zu einer eigenen Familie. Bloß: Wann bekomme ich diese Familie? Am Anfang waren Michael und ich auf einer Wellenlänge. Innerhalb weniger Wochen sprachen wir von unserer gemeinsamen Zukunft. Stundenlang träumten wir miteinander. Wir überlegten uns Namen für unsere Kinder Zachary, Emma oder Liam, spekulierten, wie sie aussehen könnten und ob Abby lieber einen Bruder oder eine Schwester hätte. Wir suchten im Internet nach Häusern, schickten uns Links mit Anmerkungen wie: Nett, aber Zachary braucht einen größeren Garten, oder: Stell dir vor, was wir in so 18

14 einem großen Schlafzimmer anstellen könnten! Das alles scheint inzwischen weit zurückzuliegen. Jetzt träumt Michael nur noch von seiner politischen Laufbahn, jegliche Zukunftspläne wurden verschoben auf»wenn Abby mit der Schule fertig ist«. Mir kommt ein Gedanke. Ob die Aussicht, mich verlieren zu können, Michael vielleicht Feuer unter dem Hintern machen würde? Ich nehme den Brief aus dem Ordner, male mir das Szenario aus. Das ist mehr als ein Stellenangebot. Es ist eine Gelegenheit, meinem Privatleben auf die Sprünge zu helfen. In einem Jahr macht Abby ihren Schulabschluss. Es ist an der Zeit, die Planungsphase einzuläuten. Ich greife nach meinem Handy, zum ersten Mal seit Wochen beschwingt. Ich wähle Michaels Nummer. Ob ich Glück habe und ihn in einem der seltenen Momente allein erwische? Es wird ihn beeindrucken, dass man mir so ein Angebot macht besonders da es aus einer Stadt mit einem so großen Fernsehmarkt kommt. Er wird sagen, dass er stolz auf mich ist, dann wird er mich an all die wunderbaren Gründe erinnern, warum ich hier bleiben muss, und der wichtigste Grund von allen ist er selbst. Und später, wenn er Zeit zum Nachdenken gehabt hat, wird ihm klarwerden, dass er nun besser Nägel mit Köpfen macht, bevor ich ihm aus den Händen gerissen werde. Mir wird schwindelig bei der Vorstellung, wie begehrt ich sowohl beruflich wie privat bin. Ich lächele.»bürgermeister Payne.«Seine Stimme klingt schwer, dabei hat der Tag gerade erst angefangen.»heute ist Mittwoch!«, grüße ich in der Hoffnung, dass die Erinnerung an unseren wöchentlichen gemeinsamen Abend ihn vielleicht aufmuntert. Seit Dezember geht Abby mittwochsabends babysitten, so dass Michael von seinen elterlichen Pflichten entbunden ist und wir einen Abend unter der Woche gemeinsam verbringen können.»hey, Süße.«Er seufzt.»ist das ein verrückter Tag! An der 19

15 Warren Easton High School ist heute ein Bürgerforum, es werden Ideen zur Gewaltprävention an Schulen gesammelt. Bin gerade auf dem Weg dahin. Hoffe, dass ich um zwölf pünktlich für die Kundgebung zurück bin. Du kommst doch auch, oder?«er spricht von der Kundgebung von Into the Light, einer Organisation, die über Kindesmissbrauch aufklärt. Ich stütze die Ellenbogen auf den Tisch.»Ich habe Marisa gesagt, dass ich diesmal nicht dabei sein kann. Zwölf Uhr ist zu knapp für mich. Hab ein furchtbar schlechtes Gewissen deswegen.musst du nicht. Du tust schon so viel für sie. Ich kann selbst nur ganz kurz vorbeischauen. Habe den ganzen Nachmittag Besprechungen über den Anstieg der Armut. Ich nehme an, sie gehen bis in den Abend rein. Wäre es schlimm, wenn wir heute Abend absagen?«steigende Armut? Dagegen kann ich nicht argumentieren, selbst wenn heute Mittwoch ist. Wenn ich wirklich die Frau des Bürgermeisters werden will, gewöhne ich mich besser schon mal daran, dass er ein engagierter Mann ist. Das gehört schließlich zu den Eigenschaften, die ich an ihm liebe.»nein, schon gut. Aber du klingst müde. Versuch mal, heute Nacht ein bisschen mehr Schlaf zu bekommen.mach ich.«michael senkt die Stimme.»Auch wenn es mir lieber wäre, etwas anderes als Schlaf zu bekommen.«ich lächele, stelle mir vor, wie ich in seinen Armen liege.»mir auch.«ob ich ihm wirklich von dem Brief aus Chicago erzählen soll? Es gibt schon genug, um das er sich sorgen muss, ohne dass ich auch noch mit einer neuen Stelle drohe.»dann lasse ich dich jetzt in Ruhe«, sagt er.»es sei denn, du wolltest noch etwas?«ja, möchte ich ihm sagen, ich will etwas. Ich will hören, dass ich dir heute Abend fehle, dass ich deine oberste Priorität bin. Ich will die Zusage, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben, dass du mich heiraten willst. Ich hole tief Luft. 20

16 »Ich wollte dich nur vorwarnen: Deine Freundin ist heiß begehrt«, sage ich in einem fröhlichen Singsang.»Ich hatte heute einen Liebesbrief in der Post.Wer ist der Konkurrent?«, fragt er.»ich bringe ihn um!«lachend erzähle ich von James Peters Brief und der Aussicht auf eine Stelle in Chicago, lege gerade so viel Begeisterung in meine Stimme, dass bei Michael hoffentlich die Alarmglocken klingeln.»das ist natürlich noch kein Jobangebot, aber es hört sich an, als hätte man Interesse an mir. Die wollen ein Exposé für eine Themensendung. Cool, nicht?das ist wirklich super. Glückwunsch, Superstar! Jetzt weiß ich wieder, dass du in einer ganz anderen Liga spielst als ich.«mein Herz macht einen kleinen Sprung.»Danke. Hab mich riesig gefreut.«ich kneife die Augen zu und rede schnell weiter, bevor ich den Mut verliere.»die Pilotsendung ist im Herbst. Sie wollen eine schnelle Entscheidung.Das ist nur noch ein halbes Jahr. Beeil dich besser! Hast du schon einen Termin für das Gespräch vereinbart?«es verschlägt mir die Sprache. Ich lege die Hand auf die Brust und zwinge mich zu atmen. Zum Glück kann Michael mich nicht sehen.»ich nein, ich ich habe noch nicht geantwortet.wenn wir es schaffen, begleite ich dich mit Abby. Machen wir doch einen Kurzurlaub daraus! Ich war seit Jahren nicht mehr in Chicago.«Sag etwas! Sag ihm, dass du enttäuscht bist, dass du gehofft hast, er würde dich anflehen zu bleiben. Erinnere ihn, dass dein ehemaliger Verlobter in Chicago lebt, Herrgott nochmal!»es würde dich also nicht stören, wenn ich wegziehen würde?na, es würde mir natürlich nicht gefallen. Fernbeziehungen sind so richtig übel. Aber wir würden es schon schaffen, meinst du nicht?«21

17 »Klar«, pflichte ich bei, aber denke an unsere jetzigen Verpflichtungen, die es uns sogar in derselben Stadt kaum erlauben, Zeit miteinander zu verbringen.»hör zu«, sagt Michael.»Ich muss mich beeilen. Ich rufe später noch mal zurück. Und Glückwunsch, Schatz! Ich bin stolz auf dich.«ich drücke auf die rote Taste und lasse mich auf den Stuhl sinken. Michael ist es egal, ob ich gehe. Ich bin so bescheuert. Plötzlich ist mir alles klar. Er hat keine Hochzeit mehr auf dem Schirm. Und jetzt habe ich keine andere Wahl. Jetzt muss ich Mr Peters meinen Lebenslauf und ein Sendungsexposé schicken. Sonst sieht es noch so aus, als hätte ich Michael manipulieren wollen Mein Blick fällt auf die Times-Picayune, die aus meiner Tasche lugt. Ich ziehe sie heraus und lese erneut mit finsterer Miene die Überschrift: Mut zur Reue. Na, klar. Schick Versöhnungssteine herum, und alles wird dir verziehen. Du machst dir etwas vor, Fiona Knowles. Ich lege die Stirn in Falten. Ich könnte das Jobangebot mit einem hingeschmierten Exposé sabotieren und Michael erzählen, ich sei nicht zum Bewerbungsgespräch eingeladen worden. Aber nein. Dafür besitze ich zu viel Stolz. Wenn Michael will, dass ich mich für den Job bewerbe, dann tue ich das auch, verdammt nochmal! Und ich bewerbe mich nicht nur, ich werde den Job bekommen! Ich werde nach Chicago ziehen und einen Neuanfang wagen. Meine Sendung wird der Wahnsinn werden, ich werde die neue Oprah Winfrey von Chicago! Ich lerne einen anderen Mann kennen, der Kinder liebt und sich binden will. Wie gefällt Ihnen das, Michael Payne? Aber zuerst muss ich dieses Exposé verfassen. Ich laufe in der Garderobe auf und ab, versuche, mir eine Idee für eine Wahnsinnssendung aus den Fingern zu saugen, irgendetwas nachdenklich Machendes, etwas Frisches, Aktuelles. 22

18 Ein Thema, das mir diesen Job verschafft und Michael beeindruckt und ihn vielleicht dazu bringt, es sich anders zu überlegen. Wieder fällt mein Blick auf die Zeitung. Langsam glättet sich meine Stirn. Ja, das könnte klappen. Aber kann ich das durchziehen? Ich nehme die Zeitung aus der Tasche und reiße vorsichtig den Artikel über Fiona heraus. Tief durchatmend gehe ich zur Schreibtischschublade. Was mache ich hier bloß? Ich schaue auf die Schublade, als wäre sie die Büchse der Pandora. Schließlich öffne ich sie. Ich muss Stifte, Büroklammern und Post-its beiseiteschieben, bis ich den Brief in der letzten Ecke entdecke, wo ich ihn vor zwei Jahren verstaut habe. Eine Entschuldigung von Fiona Knowles. Und ein Samtbeutelchen mit zwei Versöhnungssteinen. 23

19 2 Ich ziehe das Beutelchen auf. Zwei stinknormale kleine, runde Kieselsteine purzeln auf meinen Handteller. Ich streiche mit dem Finger darüber, einer ist grau mit schwarzen Adern, der andere beige. Ich ertaste etwas Knisterndes in dem Samtstoff und ziehe ein wie ein Akkordeon gefaltetes Zettelchen heraus. Es gleicht dem Briefchen in einem Glückskeks. 24 Ein Stein symbolisiert die Last des Zorns. Der andere steht für die Last der Reue. Beides kann Dir genommen werden, wenn Du bereit bist, Dich davon zu trennen. Ob sie immer noch auf meinen Stein wartet? Wurden ihr die anderen vierunddreißig zurückgeschickt? Ich bekomme Schuldgefühle. Ich klappe das cremefarbene Briefpapier auf und lese noch einmal den Brief. Liebe Hannah, mein Name ist Fiona Knowles. Ich hoffe aufrichtig, dass Dir das nicht gleich etwas sagt. Falls Du Dich erinnerst, dann nur weil ich Dich verletzt habe. Wir waren zusammen auf der Mittelschule, der Bloomfield Hills Academy. Du warst neu in der Klasse, und ich habe Dich als mein Opfer auserkoren. Ich habe Dich nicht nur geärgert, sondern auch die anderen Mädchen gegen Dich aufgehetzt.

20 Einmal ging es so weit, dass Du fast einen Schulverweis bekommen hättest. Ich habe Mrs Maples erzählt, ich hätte gesehen, dass Du die Antworten für die Geschichtsarbeit von ihrem Pult genommen hättest, dabei habe ich das selbst getan. Wenn ich sage, dass ich mich schäme, kann das nicht auch nur ansatzweise meine Schuldgefühle ausdrücken. Als Erwachsene habe ich versucht zu begreifen, warum ich als Kind anderen Gemeinheiten zugefügt habe. Neid war der Hauptantrieb, Unsicherheit hat auch dazu gehört. Aber das ändert nichts daran, dass ich Dich schikaniert habe. Ich will das nicht entschuldigen. Es tut mir aufrichtig und von ganzem Herzen leid. Es hat mich so gefreut zu sehen, dass Du inzwischen großen Erfolg hast, mit Deiner eigenen Fernsehsendung in New Orleans. Vielleicht hast Du mich, das gemeine Mädchen von damals, längst vergessen. Ich aber werde von meinen Fehlern verfolgt. Tagsüber bin ich Anwältin, abends Schriftstellerin. Hin und wieder habe ich das große Glück, dass etwas von mir veröffentlicht wird. Ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder. Manchmal denke ich, die Einsamkeit ist meine Strafe. Falls du meine Entschuldigung annehmen kannst, möchte ich Dich bitten, mir einen der zwei Steine, die ich beigelegt habe, zurückzuschicken. Damit würdest du sowohl die Last Deines Zorns als auch die Last meiner Reue von uns nehmen. Bitte schicke den anderen Stein, mit einem zweiten, an jemanden, den Du einmal verletzt hast zusammen mit einer aufrichtigen Entschuldigung. Wenn der Stein zu Dir zurückkommt, so wie ich es mir von meinem erhoffe, schließt sich der Kreis der Versöhnung. Wirf den Stein in einen See oder Fluss, vergrabe ihn im Garten oder lege ihn in ein Blumenbeet, egal was es symbolisiert, dass Du Dich endlich von Deiner Schuld befreit hast. Ich hoffe sehr auf ein Zeichen von Dir, Deine Fiona Knowles 25

21 Ich lasse den Brief sinken. Selbst jetzt, zwei Jahre nachdem er in meinem Briefkasten lag, kommt mein Atem stoßweise. Wie viel hat dieses Mädchen damals kaputtgemacht! Wegen Fiona Knowles brach meine Familie entzwei. Wäre sie nicht gewesen, hätten sich meine Eltern vielleicht niemals scheiden lassen. Ich reibe mir die Schläfen. Ich muss das rational angehen, nicht emotional. Fiona Knowles ist inzwischen total angesagt, und ich bin einer der fünfunddreißig ursprünglichen Adressaten. Was habe ich da für eine Story, direkt vor meiner Nase! Genau die Art von Idee, die Mr Peters und seine Kollegen bei WCHI beeindrucken wird. Ich könnte vorschlagen, dass wir Fiona live senden, sie und ich könnten gemeinsam unsere Geschichte von Schuld, Reue und Versöhnung erzählen. Das einzige Problem ist: Ich habe ihr nicht verziehen. Habe es auch nicht vor. Ich beiße mir auf die Lippe. Muss ich das jetzt tun? Kann ich das möglicherweise überspielen? Schließlich erwartet die WCHI ja nur einen Vorschlag. Die Sendung müsste nie gedreht werden. Nein, ich mache das besser gründlich, nur für den Fall. Ich lege mir einen Bogen Briefpapier zurecht, da klopft es an der Tür.»Noch zehn Minuten bis zur Sendung«, ruft Stuart.»Komme sofort!«ich greife zu meinem Füller, ein Geschenk von Michael, als meine Sendung bei den Louisiana Broadcast Awards den zweiten Platz belegte, und schreibe schnell: Liebe Fiona, beiliegend findest Du Deinen Stein, das Symbol für die Last Deiner Reue und den Verlust meines Zorns. Freundliche Grüße, Hannah Farr 26

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