Als die Soldaten kamen Ellinor Krogmann im Gespräch mit der Historikerin Miriam Gebhardt

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1 2 SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Als die Soldaten kamen Ellinor Krogmann im Gespräch mit der Historikerin Miriam Gebhardt Redaktion: Sendung: Nadja Odeh Freitag, um Uhr in SWR2 Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Mitschnitte der Sendungen SWR2 Tandem auf CD können wir Ihnen zum größten Teil anbieten. Bitte wenden Sie sich an den SWR Mitschnittdienst. Die CDs kosten derzeit 12,50 Euro pro Stück. Bestellmöglichkeiten: 07221/ Einfacher und kostenlos können Sie die Sendungen im Internet nachhören und als Podcast abonnieren: SWR2 Tandem können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter oder als Podcast nachhören: Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de 1

2 TRANSKRIPT Frau Gebhard, Sie haben Jahre lang recherchiert und sehr viel Energie reingesteckt, in dieses Thema Vergewaltigung zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Warum? Also, ich hatte zunächst keinen persönlichen Bezug zu dem Thema, der hat sich dann aber auch im Laufe der Arbeit herausgestellt. Mir ging s eigentlich erst mal darum, weil das so ein roter Faden in meiner Arbeit als Historikerin ist, einer Gruppe eine Stimme zu verleihen, die offensichtlich keine bekommen hat. Also in den großen Diskursen der Nachkriegsgeschichte haben die Vergewaltigungsopfer bis jetzt kaum einen Platz gefunden und das interessiert mich. Ich komme eigentlich so von dem Bereich Erinnerung und Geschichte, also welche Ereignisse oder welche Gruppen in der Geschichte werden erinnert und warum und wie lange? Also, das war eigentlich ursprünglich mein Antrieb. Und was hat sich dann rausgestellt? Ja, dann hat sich erst mal rausgestellt, dass das doch nicht so weit weg ist, das Thema, wie ich anfangs dachte. Ich komme ja aus Oberbayern und dacht, na ja gut, das hat was mit der Flucht und Vertreibung zu tun, im Osten. Und man kennt natürlich die Bilder von den Trümmerfrauen in Berlin, die dann Vergewaltigungsopfer wurden. Und dann musste ich feststellen, dass es eben auch in meinen kleinen umliegenden Dörfern passiert ist, eben in dem Fall nicht durch Rotarmisten, sondern durch amerikanische Soldaten. Und natürlich auch, der zweite Punkt, im deutschen Südwesten, also es war eigentlich eine flächendeckende Erfahrung einer ganzen Generation. Und da ging natürlich mir auch allmählich ein Licht auf über meine eigene Familie. Ich hatte eine alleinstehende Großmutter in Freiburg, die mit einem kleinen Mädchen nach dem Krieg sich alleine durchschlagen musste. Und mir ist schon immer aufgefallen, dass sie ich sage jetzt mal sexuell unglaublich spröde war und alarmiert und mir also noch Jahre lang, als ich schon längst halb erwachsen war, Warnungen aussprach wie ich mich zu verhalten habe im öffentlichen Raum und was jungen Frauen alles passieren kann bei Nacht und Nebel. Und ich bekam also regelmäßig Zeitungsausschnitte von Vergewaltigungen geschickt. Und ich konnte damit eigentlich nicht viel anfangen. Und die Erklärung in der Familie war immer: Na ja, die ist eben ein bisschen prüde. Und ich denke eben heute, nein, die war wahrscheinlich nicht prüde, die hat in der letzten Kriegszeit und in der Nachkriegszeit eben sehr viel mitbekommen, weil gerade in Freiburg für eine alleinstehende Frau die Straßen äußerst gefährlich waren. Und sie hat sicher gewusst von den vielen Vergewaltigungen, die dort auch durch die Franzosen passiert sind. Das kenne ich auch sehr gut, also die permanente Warnung: Geh nicht bei Dunkelheit aus dem Haus, die ja für uns, für mich auch als junges Mädchen, nicht mehr wirklich angemessen war, zu der Umgebung, in der ich groß geworden bin, die 2

3 ja eigentlich sicher war in der Regel. Und trotzdem wurde das immer wieder auch thematisiert von meiner Mutter. Und ich kenne eben auch Vergewaltigung als Problem, unausgesprochenes Problem in der Familiengeschichte. Und vermutlich haben ja viele heutige Frauen auch noch diese Geschichte in den Generationen davor gehört oder können darüber berichten. Erleben Sie das auch so? Ja. Also das ist sehr interessant, seitdem das Buch erschienen ist, bekommen ich mindestens drei Zuschriften pro Woche, von Angehörigen, die sagen, sie sind sich sicher oder sie nehmen fest an, dass ihre Mutter oder Großmutter vergewaltigt worden ist. Und die jetzt von mir Rat haben wollen, was sie tun sollen. Also die einen sagen: Ich habe jetzt Ihr Buch gelesen, kann ich das meiner Mutter zum Beispiel auch zum Lesen geben?, die anderen fragen mich, ob ich einen Kontakt machen kann zu anderen Betroffenen, weil sie sicher sind, dass ihre Mutter, jetzt im hohen Alter, noch mal darüber sprechen möchte und gerne mit anderen Betroffenen sprechen möchte. Also es ist ganz offensichtlich, dass jetzt auch immer mehr Stimmen laut werden aus den Bereichen, von denen man es eben nicht wusste, aus den westlichen Besatzungszonen. Eine ganz interessante Zuschrift war von einem Mann, der gesagt hat, er hat immer gehört die Russen hätten seine Mutter vergewaltigt. Und dann fiel ihm eines Tages auf, aber in Südhessen waren ja gar keine Russen. Und dann hat er eins und eins zusammengezählt und hat sich gedacht: na gut, dann können es eigentlich nur Amerikaner gewesen sein. Und es ist interessant, dass eben diese Frau, dass es sich so umgedeutet hat, weil es war eben noch eher akzeptabel und auch eher denkbar, dass der Täter ein Rotarmist war, weil das eben auch durch Goebbels Propaganda so schon angekündigt worden war. Aber es war offenbar, selbst für die betroffene Frau, schwer denkbar, dass sie einem amerikanischen Soldaten zum Opfer gefallen war. Sie haben ja eine sehr hohe Zahl an Vergewaltigungen ermittelt, also Ihr Zeitraum geht vom Herbst 1944 bis 1955, zum offiziellen Ende der Besatzungszeit. Und Sie haben ermittelt, deutsche Frauen und Mädchen sind vergewaltigt worden, davon durch US-Soldaten und von Franzosen. Wie sind Sie auf diese hohe Zahl gekommen? Also vorab, warum überhaupt Zahlen bei dem Thema: ich hatte Studentinnen, die gesagt haben: Das ist doch egal wie viele es sind. Also jede einzelne Frau ist zu viel. Ich dachte aber doch es ist wichtig einen Stellenwert wenigstens zu haben. Also ein Ereignis kann größer oder kleiner sein, jede einzelne Vergewaltigung ist natürlich eine zu viel. Bislang kursierten Zahlen zwischen ein und zwei Millionen Frauen, die nur alleine durch die Rote Armee zu Vergewaltigungsopfern wurden. Diese Zahl erschien mir zu hoch und ich konnte eben, durch meine Recherchen zufällig in einem Archiv Zahlen finden von allen Bundesländern, also auf kommunaler und Landesebene, wo ermittelt wurde wie viele Frauen durch Vergewaltigungen Kinder bekommen haben Vergewaltigung durch Besatzungssoldaten. Und man weiß, dass Kinder ungefähr durch jede hundertste Vergewaltigung auf die Welt kommen. Also jede zehnte 3

4 Vergewaltigung führt zu einer Schwangerschaft, in der Regel, durchschnittlich, und von diesen zehn wird ungefähr eine Schwangerschaft auch ausgetragen. Sodass ich, also aufgrund dieser Zahl der Vergewaltigungskinder, mit dem Faktor 100 hochgerechnet auf eine ungefähre Schätzung der Gesamtzahlen von Vergewaltigungsopfern kam. Ich sage aber immer dazu, es ist eine Hochrechnung, es ist eine Schätzung, die auf einem etwas sicheren Boden als die bisherigen Schätzungen steht, aber die natürlich immer nur eine Schätzung bleiben wird. Wir wissen ja, selbst heute, in der Gegenwart nicht wie viele Vergewaltigungsopfer unter uns leben, selbst in einem Staat, indem also alle Behörden funktionieren was ja nach 1945 nicht der Fall war gibt es eine hohe Dunkelziffer, insofern können es auch mehr gewesen sein. Die deutschen Frauen und Mädchen waren eingestellt auf Russen, die kommen und die sie vergewaltigen werden. Das hatte die nationalsozialistische Propaganda bereits verkündet. Was hat ihnen das genützt? Also, manche sind vielleicht wenigstens vorher auf das Thema angesprochen worden, von ihren Müttern. Gerade für junge Mädchen, die ja damals noch nicht aufgeklärt waren und für die es noch überhaupt nicht üblich war über Sexualität zu reden, konnte das eine gewisse Hilfe sein, wenigstens ungefähr zu wissen was ihnen passiert und auch möglicherweise mit den Folgen umzugehen. Es wurde auch diskutiert in der Forschung, ob es so eine Art Selbstbestätigung eines Nachkriegsvolkes war, das sich für überlegen hielt, diesen sogenannten asiatischen Bestien gegenüber so wurden ja damals die Rotarmisten immer tituliert also dass sie sich sozusagen mit etwas leichter abfinden konnten, was in ihr Weltbild gepasst hat, was ihre eigene moralische, vermeintlich moralische Überlegenheit, bewiesen hat. Ich bin da ein bisschen skeptisch. Ich glaube, letztlich war es für die Frauen gleich schlimm, ob sie jetzt von einem Sowjet oder von einem Franzosen oder einem Amerikaner oder Briten vergewaltigt worden sind. Die Folgen sahen dann aber unter Umständen für die Frauen anders aus. Inwiefern? Ja, also man konnte eben noch eher auf Verständnis und allgemeine Akzeptanz hoffen, wenn es ein Rotarmist gewesen war, weil das eben durch Goebbels und so weiter, durch die ganze Kriegspropaganda schon angekündigt worden war. Zumindest bei uns in Westdeutschland. Ja. Nee, auch die Frauen auf der Flucht und Vertreibung, die dann in Berlin gelandet sind, die Vertriebenen, in ihren Vertriebenenverbänden, die hatten da ein gewisses Forum, wo sie sich austauschen konnten. Schwieriger war es tatsächlich, wenn man ein Vergewaltigungsopfer eines westalliierten Soldaten geworden war, weil das A nicht vorhersehbar gewesen war, 4

5 weil dafür schlicht die Sprache und die Bilder fehlten und weil dann eben passieren konnte, dass man in den Vorwurf geriet, dass man es ja selbst gewollt hat. Also diese berühmte Rede von den Ami-Liebchen, die sich freiwillig für eine Strumpfhose und ein Päckchen Zigaretten einem westlichen Soldaten an den Hals werfen, diese Rede konnte ja absolut zerstörerisch sein. Und deswegen war es für viele Frauen, die Vergewaltigungsopfer von westlichen Soldaten waren, wirklich schwierig die Grenze aufzuzeigen und zu sagen: Hier, es gibt zwar Frauen, die haben fraternisiert, die haben sich mit dem Feind freiwillig eingelassen mit dem sogenannten Feind aber es gab eben auch Frauen, die vergewaltigt worden sind. Ich denke überhaupt, dass die Grauzonen, zwischen sogenannten freiwilligem Sex, Prostitution, Not-Prostitution und tatsächlicher sexueller Gewalt fließend waren und dass wir heute auf dieses ganze Kapitel Fraternisierung oder Ami-Liebchen noch mal neu gucken müssen. Vor dem Kapitel Fraternisierung und Ami-Liebchen steht ja das unmittelbare Kriegsende. Und da schreiben Sie ja auch von systematischen Massenvergewaltigungen, die in Freudenstadt und in Stuttgart stattgefunden haben, durch die Franzosen. Wie sahen die aus? Ja, es ging eigentlich immer nach demselben Schema: erst mal wurden Häuser sozusagen geklärt, ob da Waffen waren, ob da Naziabzeichen waren, dann hat man angefangen zu plündern. Also die Soldaten waren ja selber auch an Verpflegung und Alkohol und Schmuck und Wertsachen interessiert, haben Souvenirs mitgenommen. Und im dritten Schritt, nach diesen Plünderungen, ging es dann eben oft auf die Frauen. Es gab häufig Einbrüche von Soldaten, bei Nacht und Nebel, in die Häuser. Einer hat Wache gestanden, zwei sind ins Schlafzimmer gegangen, einer hat den Ehemann, beispielsweise wenn einer da war oder auch die Kinder, mit Waffengewalt bedroht und der andere hat sich in der Zwischenzeit über die Frau hergemacht. Es gab richtige Verabredungen, es gab Hinweise: in den Häusern leben so und so viele junge Frauen. Insofern war es richtig systematisch. Es gab sogar Unterkünfte, die angemietet wurden, Hotels beispielsweise oder auch leer stehende Häuser, die wie so eine Art mobile Bordelle funktioniert haben, in denen man Frauen von der Straße geholt hat und dort vergewaltigt hat und dann immer wieder neue geholt hat. Wie lange ging das? Also, diese unmittelbaren letzten Kämpfe waren natürlich ein besonderer gefährlicher Zeitpunkt. Ich gehe auch davon aus, dass dort, wo die Deutschen noch so anhaltend Widerstand geleistet haben und auch so sinnlos noch Widerstand geleistet haben, die Aggression besonders groß war. Mir fällt ein Beispiel hier in der Nähe von München ein, Moosburg, da haben eben, wie so oft, noch irgendwelche versprengten Soldaten und Volkssturmmänner versucht den Ansturm der Amerikaner aufzuhalten, haben Brücken gesprengt, haben 5

6 denen das Leben so schwer wie möglich gemacht. Und das führte dann eben auch zu einer Massenvergewaltigung. Und ein besonders schlimmes Beispiel war eine junge Frau, die von dem Anblick dieser Stahlhelme der amerikanischen Soldaten so traumatisiert war, dass immer wenn sie dann von dem Moment an amerikanische Soldaten mit Stahlhelm gesehen hat, also völlig außer Rand und Band geriet. Sie wurde dann in eine Psychiatrie verbracht, weil man eine akute Selbstmordgefahr befürchtete. Und sie ist dann tatsächlich in einem unbeobachteten Moment aus dem dritten Stock dieses Krankenhauses runter auf die Straße gesprungen, aus Angst, weil sie wieder amerikanische Soldaten sah. Haben Sie da auch Unterlagen bei der Armee direkt gefunden, also frühere Unterlagen, alte Zeugnisse der französischen Armee zum Beispiel, über diese Vergewaltigungen in Freudenstadt und Stuttgart? Also, ich bin so stichprobenweise vorgegangen. Ich habe jetzt bei der französischen Armee keine Unterlagen gesucht, mehr bei der amerikanischen Armee und da gibt es eben Militärgerichtsprozessakten. Es ist ja nicht so, wie wir uns lange gedacht haben, dass diese Vergewaltigungen keine Folgen für die Soldaten hatten. Es war in allen Armeen strengstens verboten und führte zu Anklagen bis hin zu Todesstrafen. Und da habe ich einige Gerichtsakten der amerikanischen Armee einsehen können. Anfangs haben sich Soldaten beschwert, gegen diese Vorwürfe, dass sie vergewaltigt haben, mit dem Argument: Die wollen ja nur unser Image schädigen. Das ist sozusagen propagandistische Kriegsführung. Aber es wurde dann eben von offizieller Seite überprüft und festgestellt, dass diese Vergewaltigungsvorwürfe aus der deutschen Bevölkerung tatsächlich gerechtfertigt waren. Also selbst von der Armeeleitung, der amerikanischen Armeeleitung, gab es diese offizielle Bestätigung. Wenn es verboten war, von Anfang an eigentlich, warum kam es trotzdem so häufig vor, wurden beide Augen zugedrückt erst mal? War es sozusagen das Recht des Siegers? Es gab anfangs sicher erst mal gar nicht so die Möglichkeit zu disziplinieren, gerade bei der Roten Armee, obwohl schon, also in den letzten Kriegswochen auch Armeeobere immer wieder das problematisiert haben und Schulungen gemacht haben. Ich denke, es gab schon, ein Auge zudrücken, und vor allem, was fatal war für die deutschen Frauen, es gab so ein Bild der deutschen Frau, die sexuell libertär ist, die dekadent ist, die geschminkt und mit Pelzmänteln über die Straßen läuft und die letztlich nur darauf wartet. Also sowohl die Rote Armee als auch die US-Armee haben letztlich, sicher nicht bewusst und beabsichtigt, aber mit so einer Art Kriegstrophäe gewunken: Wenn ihr diesen Krieg führt, dann lockt am Ende sozusagen die Frau als Beute. 6

7 Wie haben die Frauen reagiert? Sie haben jetzt von dem Selbstmord berichtet, einer jungen Frau, der das passiert ist, die so schwer traumatisiert war. Wie hat die überwiegende Zahl der Frauen reagiert? Ich denke, dass wir lange das falsche Bild hatten, auch durch die Verfilmung des Tagebuchs von der Anonyma, eine Frau in Berlin, mit Nina Hoss, das haben ja viele gesehen. Dass die so ein bisschen pragmatisch damit umgegangen sind, dass sie also so die Ärmel hochgekrempelt haben, Trümmer weggeräumt haben und sich dem Wiederaufbau Deutschlands und ihrem eigenen Aufbau ihres Lebensglücks gewidmet haben. Ich glaube, dass dieses Bild falsch ist. Ich glaube, dass also wirklich eine sehr große Zahl von Frauen tatsächlich Selbstmord verübt hat, eine große Zahl schwer traumatisiert ist. Man geht heute davon aus, dass bis zu 40 Prozent dieser Vergewaltigungsopfer ein schweres posttraumatisches Belastungssyndrom entwickelt haben, das heißt, eigentlich ihr Leben lang darunter gelitten haben, durch Albträume, durch psychosomatische Erkrankungen beispielsweise. Und ein Grund für diese schwierigen Verarbeitungsmöglichkeiten für die Vergewaltigungsopfer war eben, dass die Gesellschaft damals nicht offen war darüber zu reden. Wir müssen uns vorstellen, das ist eine Generation gewesen, die generell nicht über ihre Gefühle geredet hat, deren Erziehungsideal war Abhärtung, Schmerzunempfindlichkeit. Und die Männer kamen zurück von der Front und aus der Gefangenschaft und haben nicht darüber geredet was sie im Krieg gesehen und womöglich auch angerichtet haben. Die Frauen haben nicht erzählt was sie erlebt haben. So gab s wie so eine Art Schweigeabkommen zwischen den Geschlechtern, das sicher einer Verarbeitung dieses Themas im Wege stand. Haben die Frauen damals auch die Einstellung gehabt: jetzt haben die Männer solche großen Opfer gebracht, waren an der Front, haben ihr Leben über Jahre hinweg riskiert, wir müssen auch ein Opfer bringen? Ich glaube schon. Ich glaube eben das war auch schon so ein Teil der NS-Ideologie, dass beide Geschlechter ihren Teil beitragen, zur Rettung der Nation oder zur Expansion Deutschlands, und da war den Frauen auch so eine Art soldatische Rolle zugesprochen worden, die eben sich als Mutter bewähren sollte, aber auch in den Fabriken. Insofern ist das sicher so, dass auch die Frauen so ein Tapferkeitsideal hatten und die Zähne zusammengebissen haben und nicht darüber geredet haben. Jahre später hätten sie das ja tun können. Aber dann war das Schweigegebot schon zementiert oder wie kann man das bezeichnen? Ja. Ja, es waren eben unterschiedliche politische Vorzeichen auch. Im Kalten Krieg konnte man in bestimmten rechten, nationalistischen Kreisen, Vertriebenenkreisen durchaus über die Vergewaltigung der Frauen durch die Rote Armee reden, aber 7

8 man konnte nicht über die Vergewaltigung der westlichen Verbündeten reden. Das waren die Garanten der Freiheit, der Demokratie und des Wohlstandes. Und man hatte tatsächlich auch einen Grund, diesen Befreiern dankbar zu sein. Das möchte ich auch gar nicht in Abrede stellen. Es war aber dann eine Feministin der ersten Stunde, Helke Sander, die dann eben später, in den 90er Jahren, anfing zu recherchieren und uns zumindest mal ein Bild vermittelt hat über die Vergewaltigungen in Berlin. Ich möchte noch mal zurück, direkt in die 40er und 50er Jahre. Die betroffenen Frauen, die vergewaltigt wurden, mussten die quasi beweisen, dass das geschehen war oder wurde denen geglaubt? Das große Thema war erstens Mal, wenn man schwanger geworden war: wie kommt man an eine Abtreibung? Das kann man nur, also unter Umständen, das war noch längst nicht sicher, wenn man nachweisen konnte, dass diese Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung entstanden war. Und später, wenn Kinder ausgetragen worden waren, gab es noch mal das Thema: kriege ich eine Entschädigungszahlung für ein Kind, das aus einer Vergewaltigung durch einen Besatzungssoldaten entstanden war? Das waren also so zwei Situationen, in denen diese Vergewaltigungsopfer tatsächlich offiziellen Stellen gegenüber beweisen sollten, dass sie vergewaltigt worden waren, und das war äußerst schwierig. Die Hürden waren enorm hoch. Also man sollte im besten Fall einen Zeugen beibringen, der bei der Vergewaltigung dabei gewesen war. Man sollte nachweisen, dass man sofort zu einem Arzt gegangen war, dass man sofort Familienangehörige oder Nachbarn darüber informiert hatte. Und das haben eben die Frauen gerade nicht getan. Die haben sich ja nicht zuletzt geschämt dafür, dass ihnen was passiert war, von dem die Gesellschaft auch meinte, das haben sie vielleicht selbst verursacht. Das ist ja bis heute das Problem von Vergewaltigungsopfern, dass immer der Verdacht im Raum steht: ja, was hat die denn selbst dazu beitragen, vielleicht wollte sie es ja. Und das war damals noch ungleich schwieriger. Und sie hatten vielleicht auch Angst, oder die Sorge, dass ihre Ehe kaputt geht, wenn sie noch bestand oder wenn sie noch nicht verheiratet waren, dass sie keinen Mann finden werden, wenn dieser Makel auf ihnen lastet. Genau. Welche Position nahmen, in der Frage, denn dann zum Beispiel Seelsorger ein? Eine wichtige Quelle, für meine Untersuchungen, waren tatsächlich die sogenannten Einmarschberichte von Pfarrern, in einer Erzdiözese hier in München Freising. Da gibt es über 500 Berichte von Pfarrern, die in den letzten Kriegstagen und den ersten Kriegswochen ihrem Bischof melden sollten was genau in ihren Gemeinden passiert. 8

9 Und ich muss sagen diese Berichte sind relativ zynisch häufig. Man merkt, das war gar nicht auf der Prioritätenliste ganz weit oben, also erst mal wurde über die Beschädigung an den Kirchen geschrieben und über Plündereien in den Orten. Und so als ein Unterpunkt unter vielen kam ja dann: Ja, und es kam zu so und so viel Vergewaltigungen. In den kleinsten Dörfern in Oberbayern wurden, weiß nicht, 4, 5 Frauen vergewaltigt und häufig mit den Kommentaren der Pfarrer versehen: Ja, bei zweien muss es einen nicht wundern, die hatten ohnehin schon einen liederlichen Lebenswandel. Also da begann das eigentlich schon, dass man die Vergewaltigungsopfer moralisiert hat, dass man ihnen im Grunde eine moralische Schuld zuschieben wollte einmal, weil das Bild der weiblichen Sexualität damals eben noch so war, aber zum anderen auch denke ich, weil man da im Grunde eine Schuld verschieben konnte, von den Geschlechtern, dass also die tatsächliche Schuld der Deutschen und vor allem auch der deutschen Männer im Krieg da letztlich auf den Schultern der Frauen aufgetragen wurde, also die sich angeblich als lose oder unmoralisch also sexuell nicht kontrolliert erwiesen hatten. Und interessanterweise immer für bestimmte weibliche Bevölkerungsgruppen, also die Frauen, die in ordentlichen Familienverhältnissen lebten, die Töchter des Bürgermeistes oder so weiter, denen wurde eher geglaubt, wenn sie vergewaltigt wurden, während Frauen, die zum Beispiel evakuiert waren, die also fremd waren im Ort, die aus Städten kamen oder die gar Flüchtlinge waren, die hatten ohnehin schon schlechte Karten. Deren Lebenszuschnitt war eben nicht so bürgerlich geordnet und denen unterstellte man sehr viel schneller dann, dass sie sogenannte Ami-Liebchen waren und freiwillige sexuelle Verhältnisse eingegangen waren. Aus der Gruppe der vertriebenen Frauen kamen ja auch die meisten Opfer dann. Genau. Das waren eigentlich die Frauen, die am gefährdetsten waren. Also ein Schicksal, das mich auch besonders berührt hat war ein junges Mädchen, das auf der Flucht vergewaltigt worden war und sich also mutterseelenallein durchgeschlagen hat bis nach Bayern. Und die hier als erstes gleich wieder als sittenlos und moralisch verwahrlost einkassiert wurde und in ein Erziehungsheim gesteckt wurde. Trotz ihrer Vergewaltigung hat man ihr letztlich ihren desolaten Zustand vorgeworfen und sie also in ein wir wissen ja wie die Erziehungsheime damals aussahen also auch wieder in eine unerträgliche Situation gebracht. Was wusste man damals überhaupt über die Folgen von Vergewaltigung, also wenn es physisch einigermaßen überstanden war, die Geschlechtskrankheit, die sich die Frauen möglicherweise geholt haben überwunden war, was wusste man damals was da noch folgen könnte, aus einer Vergewaltigung? Ja, das ist eben das andere Traurige, was wenig hilfreich war für die Frauen, dass die Psychiatrie damals noch kein Konzept von Traumatisierung hatte. Also die Idee, dass ein psychisches Ereignis, ein Schrecken, eine Todesangst dazu führen konnte, dass man ein Leben lang traumatisiert ist und psychische oder auch körperliche Symptome davonträgt, dieses Konzept gab es noch nicht. 9

10 Ich habe da wieder so ein Beispiel von einer 52-jährigen Frau, die im Schwarzwald vergewaltigt worden ist und die in der Psychiatrie war und man im Grunde das nur erstaunt zur Kenntnis nehmen konnte, dass die jede Nacht um Hilfe rief und randalierte und also schwer irgendwie ruhig zu stellen war. Und es hat Jahre gedauert bis man erkannt hat, es sind psychische Traumata. Also dieses Konzept des psychischen Trauma ist eben erst so in den 70er Jahren entwickelt worden und bis dahin waren Frauen, die beispielsweise schwere Probleme da an den Tag gelegt haben, Frauen die waren geisteskrank und das hatte dann nichts mit den Ereignissen zu tun. Man glaubte eben nicht an das Konzept des psychischen Traumas. Und Sie haben es ja auch schon angesprochen, man wollte es auch nicht glauben vielleicht, weil man eben denken wollte, die Trümmerfrauen, die haben einiges ausgehalten, die sind physisch und psychisch stark, haben diese Gesellschaft wieder mit aufgebaut und, ja, eine Stärke vielleicht gehabt, die die Männer zu dem Zeitpunkt nicht hatten. Ja, und nicht zu vergessen die Folgekosten. Man hatte ja als kriegsversehrter Soldat beispielsweise Anspruch auf Renten, aber all die auch das gilt genauso für die Männer wie für die Frauen all die, die psychisch versehrt waren, haben keine Ansprüche auf Renten oder dergleichen gehabt. Also die betroffenen Gruppen, die Ansprüche auf irgendwelche Kriegsversehrten Renten gehabt hätten, wären natürlich ungleich größer gewesen. Insofern hat auch der Staat kein Interesse gehabt da sozusagen ein Fass aufzumachen und all jenen, die psychisch versehrt waren, irgendwelche Renten zu bezahlen. Buchhinweis: Miriam Gebhardt Als die Soldaten kamen Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des zweiten Weltkriegs Deutsche Verlagsanstalt (Euro 21,99) 10

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