5. Ist Wissen gerechtfertigte wahre Überzeugung?

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1 Was ist das Ziel unserer Erkenntnisbemühungen? 5. Ist Wissen gerechtfertigte wahre Überzeugung? Descartes Sicheres Wissen = Überzeugungen, die in dem Sinne unbezweifelbar sind, dass sie sich unter keinen Umständen als falsch erweisen können Das Ziel unserer Erkenntnisbemühungen ist Gewissheit. Aber Ist das Ziel unserer Erkenntnisbemühungen nicht vielmehr Wissen? Und muss Wissen wirklich unbezweifelbar gewiss sein? Frage Was ist Wissen? Was ist das Ziel unserer Erkenntnisbemühungen? Vorfrage Wie analysiert man überhaupt einen Begriff? Beispiel Der Begriff Junggeselle Was ist das Ziel unserer Erkenntnisbemühungen? Was macht jemanden zu einem Junggesellen? Merkmale Er muss männlichen Geschlechts sein unverheiratet sein im heiratsfähigen Alter sein er darf noch nie verheiratet gewesen sein kein Priester, Mönch etc. sein.

2 Was ist das Ziel unserer Erkenntnisbemühungen? Ergebnis Ein Junggeselle ist ein unverheirateter Mann im heiratsfähigen Alter, der noch nicht verheiratet war und der kein Priester oder Mönch oder ähnliches ist. Allgemein Das Ergebnis einer Begriffsanalyse ist eine Aufzählung von Merkmalen, von denen jedes einzelne für das Zutreffen des Begriffs notwendig ist und die zusammen für das Zutreffen des Begriffs hinreichend sind. Was ist das Ziel unserer Erkenntnisbemühungen? Merke Es gibt Begriffe, für die eine solche Analyse nicht gegeben werden kann. Beispiel: Der Begriff des Spiels. Welche notwendigen Bedingungen gibt es für Wissen? 1. Überzeugtsein Eine Person weiß nur dann, dass p, wenn sie auch davon überzeugt ist, dass p. Woraus folgt das? Insbesondere daraus, dass ein Satz wie Franz weiß, dass Neapel südlich von Rom liegt, aber er glaubt es nicht zumindest schräg klingt. Einwand 1 Wie steht es mit folgender Situation? Der Geographie-Lehrer fragt Donald nach den Hauptstädten von Argentinien, Kolumbien und Peru. Donald antwortet, dass er keine Ahnung habe. Es sei schon zu lange her, dass er sich damit befasst habe. Der Lehrer ermutigt ihn, dennoch zu antworten und einfach zu sagen, was ihm gerade in den Sinn kommt. Donald willigt ein und gibt spontan und ohne nachzudenken die richtige Antwort: Buenos Aires, Bogotá und Lima. Der Lehrer antwortet: Richtig! Siehst Du, Du weißt es doch!

3 Einwand 1 Dies scheint in der Tat ein Fall von Wissen zu sein. Donald hat nicht einfach zufällig die richtigen Städtenamen genannt. Vielmehr hat er die Hauptstädte in der Vergangenheit gelernt, und offenbar hat sich dieses Wissen in ihm aufbewahrt, auch wenn Donald das selbst nicht klar war. Zugleich aber scheint zu gelten, dass er keine Überzeugungen bezüglich der Hauptstädte dieser Länder hatte. Schließlich hätte er nicht viel darauf gewettet, dass seine Antwort richtig ist, und er war ja auch überrascht, als der Lehrer schließlich sagte, dass er richtig gelegen hat. Also scheint es Fälle von Wissen zu geben, in denen keine entsprechende Überzeugung vorliegt. Erwiderung Donald hat zwar die Überzeugung, dass Buenos Aires, Bogotá und Lima die Hauptstädte von Argentinien, Kolumbien und Peru sind; aber diese Überzeugung ist ihm nicht bewusst. Frage Kann man Überzeugungen haben, von denen man nicht weiß, dass man sie hat? Ein Beispiel Wenn man Robert fragt, ob Frauen beruflich genauso gut sind wie Männer, antwortet er spontan und offenbar völlig ohne Arg: Frauen können jeden Job genauso gut ausführen wie Männer. Wenn er einen Job zu besetzen hat, entscheidet sich Robert aber fast immer für einen Mann. Und nachdem Frau X in seinem Büro Herrn Y ersetzt hat, macht er immer, wenn im Büro etwas schief geht, ohne jede weitere Nachforschung Frau X verantwortlich. Offenbar glaubt Robert tatsächlich also nicht, dass Frauen jeden Job genauso gut ausführen können. Ein Beispiel Offenbar kann man also bestimmte Überzeugungen haben, ohne zu wissen, dass man sie hat.

4 Einwand 2 Offenbar ist der folgende Dialog sinnvoll A: Glaubst Du, dass Lima die Hauptstadt von Peru ist? B: Das glaube ich nicht, das weiß ich! Wenn das so ist, dann scheint Glauben aber nicht nur keine notwendige Bedingung für Wissen zu sein, dann sieht es vielmehr so aus, als wären Glauben und Wissen sogar unvereinbar: Entweder man glaubt etwas oder man weiß es; aber nicht beides. Erwiderung Man sagt auch manchmal: (*) Ich bin nicht gut, ich bin der Beste. Aber damit impliziert man nicht, dass Der-Beste-zu-Sein und Gut-zu-Sein sich ausschließen. (*) ist vielmehr so zu verstehen: (* ) Ich bin nicht bloß gut, ich bin der Beste. Und so ist auch Ich glaube es nicht, ich weiß es zu verstehen im Sinne von Ich glaube es nicht bloß, ich weiß es. Fazit 1 Wir können also als erste Bedingung festhalten: Jemand weiß nur dann, dass p, wenn er davon überzeugt ist, dass p. Eine weitere notwendige Bedingung 2. Wahrheit Eine Person weiß nur dann, dass p, wenn p wahr ist. Auch hier gilt Der Satz Herbert weiß, dass Bogotá die Hauptstadt von Lima ist, aber natürlich ist Bogotá nicht die Hauptstadt von Lima klingt sogar mehr als schräg.

5 Ein Problem Besonders in Disziplinen wie der Psychologie, Linguistik, Sozialwissenschaft und Künstliche-Intelligenz-Forschung wird das Wort Wissen so verwendet, dass Wissen auch mit der Falschheit der entsprechenden Überzeugung vereinbar ist. Ethnologen etwa sprechen von den Wissens-Systemen verschiedener Kulturen. In dem einen Wissens-System gilt die Erde als Scheibe, in dem anderen als Kugel. Ein Problem Wer den Ausdruck Wissen in dieser Weise verwendet, definiert ihn um. Gemeint ist hier nicht wirklich Wissen, sondern Fürwahr-halten. Oder anders ausgedrückt: Hier wird Wissen einfach mit Überzeugtsein gleich gesetzt. Aber nicht jede Überzeugung ist schon Wissen. Für Wissen wird mehr verlangt als für bloßes Überzeugtsein. Ein Problem Deshalb kann man auch nicht sagen: Früher wussten die Menschen, dass die Erde eine Scheibe ist, heute wissen sie dagegen, dass das nicht stimmt. Richtig ist vielmehr: Früher glaubten die Menschen, dass die Erde eine Scheibe ist, heute wissen sie, dass das nicht stimmt. Wissen setzt also tatsächlich Wahrheit voraus. Fazit 2 Also gilt Jemand weiß nur dann, dass p, wenn er (i) davon überzeugt ist, dass p, und wenn es (ii) wahr ist, dass p.

6 Frage Sind Überzeugtsein und Wahrheit zusammen schon hinreichend für Wissen? Die klassische Antwort Nein, Überzeugtsein und Wahrheit sind noch nicht hinreichend für Wissen! Gilt also auch: Wenn eine Person davon überzeugt ist, dass p, und wenn es wahr ist, dass p, dann weiß diese Person, dass p? Oder Gilt: Wissen = wahre Überzeugung? Platon Sokrates: Wenn also Richter, wahrheitsgemäß, überredet worden sind im Hinblick auf etwas, das nur, wer es selbst gesehen hat, wissen kann [ ]: so sind sie, nach dem bloßen Hörensagen urteilend, zwar zu einer richtigen Überzeugung gekommen, haben aber ohne Erkenntnis geurteilt selbst wenn sie, zu Wahrem überredet, gut geurteilt haben? Theätet: So ist es allerdings. Sokrates: Wenn aber [ ] wahre Überzeugung und Erkenntnis dasselbe wären, könnte auch der beste Richter keine wahre Überzeugung ohne Erkenntnis haben. So scheinen also beide verschieden zu sein. (Theätet 201b7-c7) Cornman, J.W., Lehrer, K., & Pappas, G.S. May we, then, equate knowledge simply with true belief? Absolutely not! To see why not, consider a person who has a hunch and thus believes that the final score of next year's Army-Navy football game will be a tie. Moreover, suppose that the person is quite ignorant of the outcome of past contests and other relevant data. Finally, imagine, as a mere matter of luck, he happens to be right. That it is a mere matter of luck is illustrated by the fact that he often has such hunches about the final scores of football games and is almost always wrong. His true belief about the outcome of the Army-Navy game should not be counted as knowledge. It was a lucky guess and nothing more. (Philosophical Problems and Arguments, 43)

7 Allgemein Von jemandem, der bloß zufällig z.b. durch Raten zu der Überzeugung p kommt, würden wir auch dann nicht sagen, er habe gewusst, dass p, wenn p tatsächlich wahr ist. Wir unterscheiden zufällig wahre Überzeugungen von wahren Überzeugungen, die nicht zufällig, sondern z.b. aufgrund sorgfältigen Überlegens zustande gekommen sind. Nur im zweiten Fall sprechen wir von Wissen; bloß zufällig wahre Überzeugungen stellen kein Wissen dar. Frage Was muss zu den Bedingungen (i) Überzeugtsein und (ii) Wahrheit noch hinzukommen, damit ein wirklicher Fall von Wissen vorliegt? Die klassische Antwort (iii) Rechtfertigung. Nicht bloß zufällig wahre Überzeugungen unterscheiden sich von bloß zufällig wahren Überzeugungen genau dadurch, dass sie nicht nur wahr, sondern auch gerechtfertigt sind. Die klassische Analyse von Wissen Wissen = gerechtfertigte wahre Überzeugung Eine Person weiß, dass p, genau dann, wenn (i) sie davon überzeugt ist, dass p, wenn (ii) p wahr ist und wenn (iii) die Person gerechtfertigt ist, p zu glauben.

8 Platon Theätet: Ja, Sokrates, da ist etwas, was ich auch schon einen sagen hörte und nur vergessen habe; jetzt erinnere ich mich aber wieder. Er sagte nämlich, die mit einer Begründung verbundene wahre Meinung (meta logou alêthês doxa) wäre Erkenntnis, die unbegründete dagegen läge außerhalb der Erkenntnis. (Theätet 201c8ff.) Merke Platon erwägt diese Analyse von Wissen, verwirft sie aber letztlich. Hans trifft Gerda, die ihm erzählt, dass sie gerade einen VW Käfer gekauft hat. Beim Mittagessen erfährt er von Paul außerdem, dass Gerda zur neuen Abteilungsleiterin ernannt worden ist. Hans hat also gute Gründe für die Annahme, dass die neue Abteilungsleiterin einen VW Käfer besitzt. Tatsächlich hat sich der ansonsten immer gut informierte Paul dieses Mal aber verhört. Nicht Gerda, sondern Anne wurde zur Abteilungsleiterin ernannt. Und, wie das Leben so spielt: Anne ist ebenfalls stolze Besitzerin eines VW Käfer. Hans glaubt also, dass die neue Abteilungsleiterin einen VW Käfer besitzt. Er ist in diesem Glauben gerechtfertigt. Und: Es ist wahr, dass die neue Abteilungsleiterin einen VW Käfer besitzt. Trotzdem würden wir nicht sagen, dass Hans weiß, dass die neue Abteilungsleiterin einen VW Käfer besitzt. Zwei Prinzipien 1. Man kann in einer falschen Überzeugung gerechtfertigt sein. 2. Wenn man gerechtfertigterweise p glaubt, wenn q aus p logisch folgt und wenn man q glaubt, weil man weiß, dass q aus p folgt, dann ist man auch gerechtfertigt, q zu glauben.

9 Hans ist gerechtfertigt zu glauben, dass Gerda einen VW Käfer besitzt. Hans ist gerechtfertigt zu glauben, dass Gerda zur neuen Abteilungsleiterin ernannt wurde. Hans ist gerechtfertigt zu glauben, dass Gerda einen VW Käfer besitzt und dass sie zur neuen Abteilungsleiterin ernannt wurde. Hans ist gerechtfertigt zu glauben, dass die neue Abteilungsleiterin einen VW Käfer besitzt. Was ist hier falsch gelaufen? Die Aussage, dass die neue Abteilungsleiterin einen VW Käfer besitzt, kann durch verschiedene Sachverhalte wahr gemacht werden. Sie kann durch den Sachverhalt wahr gemacht werden, dass Gerda die neue Abteilungsleiterin ist und einen VW Käfer besitzt. Sie kann aber durch den Sachverhalt wahr gemacht werden, dass Anne die neue Abteilungsleiterin ist und einen VW Käfer besitzt. Was ist hier falsch gelaufen? Tatsächlich wird die Aussage, dass die neue Abteilungsleiterin einen VW Käfer besitzt, durch den Sachverhalt wahr gemacht, dass Anne die neue Abteilungsleiterin ist und einen VW Käfer besitzt. Hans besitzt gute Gründe aber nur für die Überzeugung, dass Gerda die neue Abteilungsleiterin ist und einen VW Käfer besitzt. Er hat gute Gründe also nur für eine falsche Aussage, durch die die Aussage, dass die neue Abteilungsleiterin einen VW Käfer besitzt, gerade nicht wahr gemacht wird. Was ist hier falsch gelaufen? Gerda ist die neue Abteilungsleiterin und besitzt einen VW Käfer. Die neue Abteilungsleiterin besitzt einen VW Käfer. Anne ist die neue Abteilungsleiterin und besitzt einen VW Käfer.

10 Fazit Wenn man gute Gründe für eine Überzeugung p hat, weil man gute Gründe für die Annahme p 1 hat und weil p 1 p wahr machen würde, wenn p aber nicht durch p 1, sondern durch p 2 wahr gemacht wird, dann kann man zwar gerechtfertigt sein, p zu glauben, aber man weiß in diesem Fall nicht, dass p. Vertiefungsliteratur Peter Baumann, Erkenntnistheorie, Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler 2002, Kapitel II.

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