9 I Weihnachts(ver)stimmunge n, oder: Warum es diese Geschichten überhaupt gibt

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2 9 I Weihnachts(ver)stimmunge n, oder: Warum es diese Geschichten überhaupt gibt Es begab sich aber zu jener Zeit und es begibt sich auch zu unserer Zeit, dass am Ende des Kalenderjahres Weihnachten vorbereitet wird. Es weihnachtet: Straßen, Markt und Wohnzimmer versuchen, das Idyll vergangener Tage nachzuzeichnen, eine Erinnerung aus einem fernen Land zu erzeugen, ein altes Suchen nach vielleicht schon Verlorenem. Es beginnt die Zeit der vielen Taten, der Feiern, geboren aus reichlich gutem Willen, Einsamkeit, Familienchaos und Verhältnissen, die ins Leere laufen eigentlich schon das ganze Jahr, aber an Weihnachten besonders. Je aktiver überall beschworen wird, hier käme gewissermaßen das Fest der seligen Passivität auf uns zu, desto schwieriger wird es, diese Passivität tatsächlich zuzulassen. Es braucht nicht viel Scharfsinn, um festzustellen, dass das geradezu öffentlich gewordene Weihnachtsgefühl unserer Tage mitten in aller organisierten Festlichkeit kein religiöses Gefühl birgt. Wo es doch der Fall ist, geschieht es mitunter auf verborgene Weise. Auch wenn es an Weihnachten eigentlich darum geht, wie Gott seine Beziehung zu den Menschen neu bestimmt, dreht sich die Weihnachtserfahrung der allermeisten eher um die Frage, ob und wie Familien oder Freunde wieder zusammenkommen können. Insofern ist Weihnachten ein Fest, das an der Beziehungsfront, ja, gefeiert oder eben oft eher ausgefochten wird.

3 Es stimmt, nicht zu selten macht Weihnachten die Beziehungen untereinander noch komplizierter. So die oft gehörte 10 Erfahrung und das vielstimmig und zahlreich beklagte Weihnachtsresümee. Als Pfarrerin stellt sich mir natürlich die Frage, ob es eine Brücke gibt zwischen diesem alle Jahre wieder enttäuschten Resümee von der Beziehungsfront hin zur Weihnachtsursprungsgeschichte, wie sie genauso zuverlässig alle Jahre wieder in den Kirchen erzählt wird: Gott wurde Kind. Gibt es einen Weg von uns zu dem Ereignis in Bethlehem, das in der Bibel als gewesen erzählt wird? Oder andersherum: Gibt es Wege, die von diesem Ereignis zu uns führen? Immer wieder faszinierend ist die Rollenbesetzung der Weihnachtsgeschichte: Joseph, Maria, das Kind, die Hirten, die Engel, die Könige (oder Magier) aus dem Morgenland die man nur im Matthäusevangelium findet und selbst die Menschen, die gar nicht weiter beschrieben werden, von denen man nur erfährt, dass sie sich wundern über das, was die Hirten ihnen erzählen. Vater, Mutter, Kind, um die sich alles dreht, stecken in einer Patchwork-Familie. Später wird sie»heilig«genannt werden. Dabei erzählt Lukas von einer minderjährigen Schwangeren, einem Kuckuckskind und seinem sozialen Vater, von verwirrenden politischen Verhältnissen und der Erfahrung der Ohnmacht einer Mittelstandsfamilie im Getriebe der Welt. Das ist eine Herausforderung für manchen, gewöhnt an die bürgerliche Ordentlichkeit. Noch interessanter ist, wenn man sich klar macht, dass die biblischen Autoren nach Bildern für die Beziehung zwischen Gott und Mensch suchten, die sie offenbar fanden in den Beziehungen zwischen Menschen und zwar weniger in

4 den so genannten intakten Beziehungen als in denen, die etwas von der Gefährdung des Lebens erzählen. Vielleicht ist das die Brücke vom alten Text in unsere Zeit. Was geschieht, wenn wir in der Weihnachtsgeschichte die 11 Beziehungsgeschichten hören die alten und die neuen? Können sich die betagten Worte, und jene alten Beziehungen in ihnen, neu in ein gewöhnliches Leben einlesen? Darum geht es in diesem Buch. Es ist ein Versuch, den alten Text aus der Kirche heraus und in die Stadt hinein zu holen. Es ist der Versuch, Spuren des Poetischen in den Realitäten des Lebens so zu entdecken wie auch Spuren des Realen in der Poesie einfacher Worte seien sie alt und damalig oder jung und heutig. Darum schreiben die hier festgehaltenen Stadt- und Großstadtepisoden auf ihre mal traurige, mal unfreiwillig komische Art die Weihnachtsgeschichte weiter. Es sind wahre Geschichten, die sich im Pfarramtsalltag einstellen und so oder so ähnlich geschehen können. Natürlich haben diese Begegnungen nachwirkend in meinem Herzen eine andere Gestalt gewonnen. Wer weiß schon, ob es»genau so«gewesen ist. Tatsachenberichte sind etwas anderes als die wahren Erzählungen dieser Menschen.»Wahr«das ist mehr und anderes als die wirkliche Tatsache. Manchmal muss die Wirklichkeit der jeweiligen Tatsache neu erzählt werden, damit ihre Wahrheit erkennbar wird, das also, worauf man sich verlassen kann. Warum habe ich ausgerechnet diese Geschichten gewählt, um das Weihnachtswunder zu begreifen? Geschichten vom Verlieren und Finden, von Trauer und Tod, aber auch von zaghafter Hoffnung, von vorsichtigen Neuanfängen, jenseits der Kitsch- und Sentimentalitätsgrenzen?

5 Es sind die Geschichten derer, die in die Gottesdienste kommen. Gerade zu Weihnachten. Mancher buckelt seine Geschichte, der andere trägt sie wie ein Schatzkästlein in der Manteltasche. All diese Menschen kommen mit großen Erwartungen, dass sie nämlich die Weihnachtsgeschichte hören, als ob sie gerade in ihrem eigenem Leben geschehen, also wirklich geworden sei. Das ist das eine. 12 Das andere ist klar: Jedes Menschenleben birgt Weihnachtsgeschichten und zwar gerade in den Momenten, in denen das Leben am zerbrechlichsten erscheint. Dies gilt auch in umgekehrter Richtung: Die alte Weihnachtsgeschichte birgt die Lebensgeschichten von heute. Sie schimmern im Hintergrund der Erzählungen von damals, sie werden in ein anderes Licht gesetzt, wenn man sie mit den alten Texten ins Gespräch bringt. Darum soll es hier gehen. Alle Geschichten, die hier erzählt werden, gehören zu den unzähligen Mosaiksteinchen der Geschichte zwischen Gott und Mensch. Die wird natürlich nicht nur an Weihnachten erzählt, aber da ganz besonders: als eine Geschichte etwa von der Dunkelheit, die durchbrochen werden kann, als eine Geschichte, die von einer Neubegegnung schreibt, oder als eine Geschichte, die erzählt, was Versöhnung bedeutet. Kurzum: Geschichten, die Rettung und Liebe nicht als religiöse Romantik oder romantisch-überkommene Religiosität erkennen lassen, sondern als das, was sie sind der Horizont, der weiter reicht als die»real«genannten Fakten. Es mag gewagt sein, davon auszugehen, dass auch in 2000 Jahren noch Realisten und Träumer, sowohl vom Leben Versehrte als auch vom Leben Verwöhnte, etwas von der

6 Verwunderung spüren so wie die ersten Hörer damals in Bethlehem:»Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.«die Nachricht vom neuen Anfang, dem Anfang eines Menschen, sie ruft Geschichten, Gefühle, Stimmungen auf. Es gibt Menschen, die niemals damit fertig werden herauszufinden und auszuloten, wo sie in dieser Weihnachtsgeschichte ihren Platz haben. Und es gibt Menschen, die fragen nach der Wirklichkeit, die noch kommen soll, und den Möglichkeiten, die schon da sind, wenn es tatsächlich 13 dabei bleibt, dass Gott in der Welt sein will. Anderen ist das gar keine Frage und doch werden sie mit einem Mal davon eingeholt. Und wieder andere sind irgendwo dazwischen. Von solchen Menschen erzählt dieses Buch.

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