AVWL II 184. Teil III. Internationale Makroökonomik

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1 AVWL II 184 Teil III Internationale Makroökonomik

2 AVWL II 185 In diesem dritten Teil der Vorlesung befassen wir uns mit dem Umstand, dass die Wirtschaft nicht nur innerhalb eines Landes sondern in einem offenen Umfeld operiert Dies bringt drei wesentliche Änderungen mit sich 1 Handel ist ein altes Phänomen, uralt Auch heute noch verstehen sich Handelsökonomen als Gralshüter der Ökonomie Das starke Wachstum des Welthandels unserer Tage hat aber eine etwas andere Dimension So hat nicht einfach der Handel zugenommen, sondern der Handel mit Vorleistungen ( Intra-Industry Trade ) Dies steht nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Entwicklung hin zu multinationalen Unternehmen 2 Integration bezieht sich nicht nur auf den Handel, sondern beinhaltet grenzüberschreitende Zusammenhänge auch in den Faktormärkten, vor allem beim Kapital Eine der ganz wesentlichen Eigenschaften der offenen Volkswirtschaft ist denn auch, dass Investitionen und Ersparnis auseinanderfallen können! Dies ist zwar auch kein neues Phänomen, hat aber in den letzten Jahrzehnten enorm an Bedeutung zugenommen So sind zum Beispiel die Ersparnisse in Deutschland in den letzten Jahren sehr hoch gewesen, die Investitionen aber gering In den USA war es umgekehrt 3 Im Zusammenhang mit dem Handel stellt sich die Frage nach dem internationalen Zahlungsverkehr Dies ist ein Zusammenhang, der schon in der Geschichte, vor allem aber im 20 Jahrhundert nach Aufgabe der Goldwährungen von großer Bedeutung war und auch heute immer wieder im Zentrum von wirtschaftlichen Verwerfungen steht

3 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II Internationaler Handel In diesem ersten Abschnitt kümmern wir uns zunächst um den 1 Punkt und erläutern, warum es überhaupt soviel Handel gibt Anschließend setzen wir uns mit der Frage auseinander, wie Handel im makroökonomischen Modell auftaucht und diskutieren die Zusammenhänge zum Einkommen und zum Wechselkurs 101 Warum gibt es Handel? Die traditionelle Theorie sieht den Handel als Ergebnis der Spezialisierung gemäß der Theorie der komparativen Vorteile Nehmen wir Ricardos (David Ricardo) berühmtes Beispiel des Handels zwischen England und Portugal Beispiel 1 Güter Stückkosten in Arbeitseinheiten England Portugal Kleidung 4 6 Wein 8 3 England ist günstiger bei Kleidung, Portugal ist günstiger beim Wein Klar, dass es dann zum Handel kommt Allerdings gibt es Handel auch dann, wenn keine absoluten Vorteile vorliegen

4 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 187 Beispiel 2 Güter Stückkosten in Arbeitseinheiten England Portugal Kleidung 4 6 Wein 8 10 England ist nun in allen Belangen günstiger Dennoch kann es vom Handel mit Portugal profitieren Um das zu verstehen, beachten Sie, dass das Faktoreinsatzverhältnis in England für Wein 8:4 beträgt, in Portugal dagegen 10:6 England muss demnach 8/4 = 2 Einheiten weniger Kleidung produzieren, um eine Einheit mehr an Wein produzieren zu können Portugal muss dagegen nur auf 10/6, also rund 167 Einheiten Kleidung verzichten In dieser Situation lohnt es sich für England nicht, selbst Wein zu produzieren Vielmehr kann es sich auf Kleidung konzentrieren und, wenn die Portugiesen bei ihrer Produktion von Kleidung und Wein bleiben, zu einem günstigeren Austauschverhältnis von 167 in Portugal Kleidung gegen Wein eintauschen Portugal könnte nach einer ähnlichen Überlegung die Spezialisierung auf Wein betreiben Solange sich das Austauschverhältnis zwischen 167 und 2 einpendelt, gewinnen beide vom Handel und spezialisieren sich Nehmen wir an, das Austauschverhältnis würde sich also auf 1, 8 Einheiten Wein für Kleidung einpendeln Dann muss England nur 18 statt 2 Einheiten Kleidung abgeben, um Wein zu bekommen, wenn es nämlich die Kleidung nach Portugal

5 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 188 verschifft, um Wein einzutauschen Portugal umgekehrt muss nur auf 1/18 also rund 056 statt auf 06 Einheiten Wein verzichten, um ein Stück Kleidung zu erhalten, wenn es den Wein nach England verschifft, um Kleidung einzutauschen Der Handel ist in diesem Beispiel für beide Länder vorteilhaft, es liegen Handelsgewinne ( Gains from Trade ) vor Abbildung 63 zeigt graphisch, wie England von der Diskrepanz zwischen dem Preiverhältnis bei Autarkie und dem bei Handel profitiert Die Budgetgerade im Fall der Autarkie hat eine Abbildung 63: Handelsgewinne W ein Kleidung Steigung von 1/2 Bei Handel ergibt sich eine größere Steigung von 1/18 Sie ermöglicht

6 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 189 es, eine höheres Indifferenzkurve und damit ein höheres Nutzenniveau zu erreichen 102 Handel in der VGR Der Handel beinhaltet demnach Lieferungen ins Ausland (=Exporte) und Käufe aus dem Ausland (=Importe) Nun handelt es sich typischerweise um verschiedene Güter Das ist für uns in soweit kein Problem, als wir die Komponenten in der VGR in Geldeinheiten spezifizieren Werfen wir einen Blick auf die Zahlen (vgl Abbildung 64) Sie sehen, Handel spielt eine erhebliche Rolle Der Saldo zwischen den Exporten und den Importen, der Außenbeitrag, ist im deutschen Fall positiv Dies ist kennzeichnend für die Bundesrepublik mit Ausnahme der Periode nach der Wiedervereinigung Die Entwicklung von Exporten und Importen ist in Abbildung 65 dargestellt Beachten Sie die erhebliche Steigerung der Bedeutung des Handels der vergangen Jahre Deutschland ist von daher trotz seiner Größe sehr stark in den internationalen Handel eingebunden 103 Außenbeitrag als Bestandteil der Nachfrage Der Außenbeitrag, den wir im folgenden wie Blanchard mit N X bezeichnen (Net-Exports) reflektiert, wie stark das Ausland zur Nachfrage beiträgt Dabei entsteht bei den Importen die Frage der Messung, schließlich geht es nicht um die Nachfrage nach heimischen Gütern,

7 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 190 Abbildung 64: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung: Verwendung des BIP

8 Abbildung 65: Entwicklung von Exporten und Importen 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 191

9 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 192 sondern um die Güter, die wir aus dem Ausland kaufen Letztere werden typischerweise in fremder Währung bezahlt und, da es andere Güter sind, haben sie auch nach Umrechnung in die heimische Währung einen anderen Preis Wie geht man also bei der Bestimmung der Importe vor? Ganz einfach: Nehmen wir an, wir verkaufen BMWs in die USA, die Amerikaner verkaufen Chevrolets nach Deutschland Wir müssen also die Chevrolets in BMWs umrechnen Wie machen wir das? Wir nehmen den Preis für einen Chevrolet von vielleicht US $ 45,000 Bei einem nominalen Wechselkurs E von US $ 150 pro e kostet der Chevrolet e 30,000 Was kostet der BMW? Nehmen wir an e 60,000 Nun spezifizieren wir das reale Austauschverhältnis als die Zahl ausländischer Güter, die für eine Einheit inländischer Güter aufgewendet werden muss P e BMW E P $ CHEV Y Das wäre also = 20 Ich hätte ebensogut den nominalen Wechselkurs in Termini von e pro US $ ausdrücken können Ich folge aber hier der Konvention: E wird definiert als Verhältnis zwischen ausländischer Währung und heimischer Währung des jeweils betrachteten Landes, also zb US $ pro e, wenn wir auf die Ökonomien von Deutschland und anderen Euro-Ländern

10 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 193 schauen Das ist das Übliche, wenn Sie in die Zeitung schauen Auch bei Blanchard wird das so gemacht (Blanchard und Illing folgen einer anderen Definition!) Ist E so spezifiziert wie bei uns, also als Preis der heimischen in der fremden Währung, dann nennen wir eine Aufwertung einen Vorgang, bei dem E steigt Formal wird für die Bewertung der Importe insgesamt das reale Austauschverhältnis unter Verwendung des nominalen Wechselkurses und des Preisniveaus ermittelt, man spricht vom realen Wechselkurs: ɛ P E P, wobei P das Preisniveau im Ausland ist Der reale Wechselkurs gibt an, wieviel Einheiten des ausländischen Sozialproduktes für den Kauf einer Einheit des heimischen Sozialproduktes aufgewendet werden müssen Eine reale Aufwertung bedeutet einen Anstieg in ɛ Wenn wir nun mit dieser Umrechnung den Aussenbeitrag errechnen wollen, verwenden wir die Definition NX = X IM ɛ, wobei X die Exporte bezeichnet und IM die Importe Mit dem Außenbeitrag ergibt sich für unser Grundmodell ohne Geldmarkt eine weitere Nachfragegröße neben Konsum und Investitionen

11 Abbildung 66: Wechselkursentwicklung 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 194

12 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II Output (Y ) Budgetidentität Y = C + I + NX 2 Konsum (C) Konsumfunktion C = c 0 + c 1 Y Der Einfachheit halber lassen wir hier den Staat sowohl was Staatsausgaben, als auch was Steuern betrifft weg Bestimmt werden dann C und Y Anhand dieser Spezifikation könnte man nun den Output-Effekt eines Anstiegs des Außenbeitrags bestimmen Wir haben aber schon gesehen, dass der Außenbeitrag allein von der Umrechnung her vom realen Wechselkurs abhängig ist Von daher erscheint es plausibel, Exporte und Importe zu unterscheiden, und den Einfluss des Wechselkurses zu berücksichtigen Zumeist geht man noch einen Schritt weiter und berücksichtigt auch noch einen Einfluss des Einkommens 104 Einkommenseffekte auf den Außenbeitrag Bei den Importen nimmt man an: + + IM = IM {}}{{}}{ ɛ, Y Wobei die Pluszeichen positiven Einfluss der Argumente nahelegen Die Vorstellung ist hier, dass mit der Höhe des Einkommens die Importe steigen, einfach weil die Nachfrage nach den ausländischen Gütern steigt Es ist aber wichtig zu berücksichtigen, dass hier Vorleistungen eingehen, anders als im Kontext der Binnenwirtschaft Die Annahme bezogen auf den realen Wechselkurs ist, dass ein Anstieg das Austauschverhältnis für die Inländer verbessert und deswegen zu erhöhter Nachfrage führt

13 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 196 Bei den Exporten wird ähnlich vorgegangen: + X = X {}}{{}}{ ɛ, Y Hier ist die Vorstellung, dass die Exporte von der ausländischen Nachfrage abhängig sind Ein Zuwachs des Einkommens in den anderen Ländern führt dann zu verstärkter Export- Nachfrage In Bezug auf den realen Wechselkurs wird unterstellt, dass eine Aufwertung die Exporte im Ausland verteuert und so zu einem Rückgang der Exporte führt Alternativ, wenn die Preise im Ausland konstant bleiben, sinken die Erlöse in heimischer Währung Nun lassen Sie uns im Rahmen des ganz einfachen Makromodells des Kapitels 1 den Außenbeitrag durch Exporte und Importe endogenisieren 1 Output (Y ) Budgetidentität Y = C + I + X (ɛ, Y ) 1 IM (ɛ, Y ) ɛ 2 Konsum (C) Konsumfunktion C = c 0 + c 1 Y

14 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 197 Modellerweiterung mit Aussenhandel ZZ: C + I + X (ɛ, Y ) 1 IM (ɛ, Y ) ɛ Y Y NX

15 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 198 Heimische Nachfrageausweitung ZZ ZZ Y Y NX

16 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 199 Die Konsequenz der heimischen Nachfrageausweitung ist demnach, dass sich die ZZ Kurve nach oben verschiebt Der Außenbeitrag verschlechtert sich Ein zweiter Aspekt der Berücksichtung des Außenbeitrags ist, dass der Multiplikatoreffekt geringer ist, als im Fall einer geschlossenen Volkswirtschaft Diesen Punkt können wir wie folgt formalisieren Hierzu nehmen wir an, dass die Importe durch eine wechselkursabhängige Importquote bestimmt werden: IM(ɛ, Y ) = m(ɛ)y Dann gilt nach Einsetzen der Konsumfunktion Y = c 0 + c 1 Y + I + X(ɛ, Y ) 1 ɛ m(ɛ)y Auflösen ergibt Y = c 0 + I + X(ɛ, Y ) 1 c ɛ m(ɛ) Was passiert also bei einer Nachfrageexpansion zum Beispiel durch Investitionen? dy di = 1 1 c 1 + 1m(ɛ) ɛ Wenn nun die Importquote m steigt, fällt der Multiplikator Hier zeigen sich die sogenannten Sickerverluste durch den internationalen Zusammenhang: Ein Land mit hoher Importquote, wie zb ein kleines europäisches Land, hat ein geringen Multiplikator

17 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 200 Nachfrageausweitung durch Exporte ZZ ZZ Y Y NX NX

18 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 201 Nachfrageausweitung durch Exporte: Wir haben die Situation so eingezeichnet, dass der Außenbeitrag ursprünglich Null ist Auch hier verschiebt sich die ZZ Kurve nach oben Auch die NX Kurve verschiebt sich nach oben und der Außenbeitrag verbessert sich 105 Wechselkurseffekte auf den Außenbeitrag Eine neue Größe in dem Modell ist der Wechselkurs Was ist, wenn er sich ändert? Wir können drei Effekte einer Abwertung (Wechselkurs fällt) auf den Außenbeitrag unterscheiden: 1 Die Importe sinken, NX steigt 2 Die Exporte steigen, NX steigt 3 Die Preise der Importe in Einheiten des heimischen Output steigen, NX sinkt Da die Effekte auf NX nicht einheitlich sind, ist der Effekt unklar Empirische Ergebnisse belegen indessen, dass der Effekt einer Abwertung in aller Regel positiv ist (Marshall- Lerner Bedingung) Aufgrund der empirischen Erfahrungen gehen auch wir davon aus, dass eine Abwertung den Aussenbeitrag verbessert, da die Nachfrageeffekte den Werteffekt überwiegen Da allerdings die Anpassung an die geänderten Preise Zeit braucht, greift unmittelbar

19 10 INTERNATIONALER HANDEL AVWL II 202 zunächst der adverse Effekt durch die Verteuerung der Importe: man spricht hier vom J-Kurven Effekt, da der Außenbeitrag sich zunächst verringert und sich erst langsam vergrößert NX Abbildung 67: Abwertung und Handelsbilanz in der Zeit Zeit Als Konsequenz des Effektes des Wechselkurses auf den Außenbeitrag könnte man sich überlegen, dass die Wechselkursentwicklung dafür sorgt, dass die Handelsbilanz langfristig gesehen ausgeglichen ist Ein positiver Außenbeitrag würde nämlich aufgrund der einfließenden Devisen einen Aufwertungsdruck mit sich bringen Solche Zusammenhänge können wir aber erst nach Verständnis der Zahlungsbilanz erörtern

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