50 Jahre Freie Universität Berlin

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1 K.Kubicki/Siegward Lönnendonker (Hrsg.) 50 Jahre Freie Universität Berlin aus der Sicht von Zeitzeugen

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3 Otto H. Hess gewidmet

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5 Inhalt Vorwort VII Eröffnung 1 I. Die politische Lage an der Lindenuniversität Vorbemerkungen 5 Referate und Diskussion 11 Lönnendonker 11 Lieber 13 Lönnendonker 20 Benda 20 Lönnendonker 25 Löwenthal 26 Lönnendonker 28 Besser 29 Kewitz 30 Lönnendonker 33 Hartwich 33 Löwenthal 37 Kewitz 37 Lönnendonker 38 II. Gründung der Freien Universität in der Blockade 1948/49 39 Vorbemerkungen 39 Referate und Diskussion 44 Löwenthal 44 Kotowski 47 Löwenthal 55 Recknagel 55 Löwenthal 57 Coper 58 Löwenthal 60 Furth-Heilmann 61 Löwenthal 62 Ansprenger 62 Löwenthal 64 Merker 65 Löwenthal 66 III. Ausbau und Konsolidierung

6 II 50 Jahre Freie Universität Vorbemerkungen 68 Referate und Diskussion 72 Kewitz 72 Hartwich 73 Diedrich 78 Kewitz 85 Alexander/Kubicki 86 Kewitz 91 Merker 92 Kewitz 94 Eichner 94 Kewitz 97 Frömming 97 Kewitz 99 Kotowski 99 Kewitz 103 IV Die Freie Universität im Feld der politischen Spannungen Vorbemerkungen 104 Referate und Diskussion 111 Besser 111 Köhler 112 Besser 119 Rabehl 120 Besser 127 Hennig 128 Besser 130 Fischer 130 Besser 134 Riedel 135 Besser 138 Hartwich 138 Besser 139 Köhler 139 Hennig 140 Besser 140 Rabehl 140 Hartwich 140 Fischer 141 Besser 141 V. Die Freie Universität unter dem neuen Hochschulgesetz

7 Inhalt III Vorbemerkungen 143 Referate und Diskussion 150 Hennig 150 Borrmann 151 Besser 160 Hennig 166 Tent 166 Hennig 167 Kreibich 167 Schuster 171 Hennig 175 Besser 175 Kreibich 176 Hennig 179 Kreibich 179 Hennig 180 Kewitz 180 Kreibich 181 Hennig 182 Hartwich 182 Hennig 183 Borrmann 183 Hennig 184 Zahn 184 Hennig 185 Besser 185 Kreibich 186 Hennig 188 Kubicki 188 Lönnendonker 189 Lenz 189 Kreibich 190 Lenz 190 Zahn 190 Behrmann 191 Hennig 192 VI. Auswirkung der Umwälzungen auf die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit Vorbemerkungen 193 Referate und Diskussion 197 Stüttgen 197

8 IV 50 Jahre Freie Universität Schuster 198 Stüttgen 206 Wesel 206 Schuster 210 Wesel 210 Stüttgen 211 Alexander 211 Wesel 212 Alexander 212 Fischer 214 Stüttgen 217 Riedel 217 Stüttgen 223 Behrmann 223 Riedel 224 Stüttgen 224 Behrmann 224 Schuster 225 Germer 226 Stüttgen 227 Schuster 227 Riedel 228 Stüttgen 229 Merker 229 Stüttgen 229 Besser 230 Stüttgen 231 VII. Die Lage der Universitäten nach dem Mauerfall 1989/ Vorbemerkungen 232 Referate und Diskussion 235 Rabehl 235 Heckelmann 237 Rabehl 243 Fischer 244 Rabehl 248 Besser 249 Rabehl 252 Hartwich 252 Heckelmann 253 Fischer 255 Rabehl 256

9 Inhalt V Kewitz 256 Rabehl 257 Hennig 257 Rabehl 257 Hammer 257 Rabehl 258 Heckelmann 259 Rabehl 260 Mardus 260 Rabehl 261 Besser 261 Rabehl 262 VIII. Wettbewerb und Kooperation Vorbemerkungen 263 Referate und Diskussion 266 Lönnendonker 266 Coper 267 Lönnendonker 272 Schuster 273 Lönnendonker 280 Besser 281 Lönnendonker 283 Hartwich 283 Lönnendonker 286 Kewitz 287 Besser 288 Lönnendonker 289 Schuster 289 Besser 290 Schuster 291 Kubicki 291 Lönnendonker 292 Schuster 292 Lönnendonker 293 Kleine Zeittafel für die Jahre Referenten und Diskutanten 348 Abkürzungen 350 Personenverzeichnis 352

10

11 Vorwort 1994 trafen sich auf Anregung von Dr. Horst Hartwich zum ersten Male einige Gründer der Freien Universität Berlin mit zwei noch an der Universität verbliebenen Mitgliedern des SDS: "48 trifft 68. Das Gespräch wurde zur regelmäßigen Einrichtung und es kamen neue Mitglieder zu der Runde, um über wichtige Perioden und einzelne Ereignisse der Geschichte der Freien Universität zu diskutieren. Aus diesem Kreis entstand die Ringvorlesung "50 Jahre Freie Universität aus der Sicht von Zeitzeugen", die im Wintersemester 1998/99 unter der Schirmherrschaft des amtierenden Präsidenten der Freien Universität, Prof. Dr. Peter Gaehtgens, stattfand. Wie sich herausstellte, war dies die einzige Veranstaltung, auf der Vertreter der politisch brisanten Phasen der Geschichte der FU zu Wort kamen, sowohl die der Gründergenration als auch die der wilden 60er und 70 er Jahre. "Zeitzeugen" ist eher zu tief gestapelt, handelte es sich doch hauptsächlich um Akteure der FU-Geschichte. Die einzelnen Diskussionsrunden waren im Schnitt gut besucht, allerdings beschränkte sich die Zusammensetzung des Auditoriums auf eher fortgeschrittene Semester, Studenten waren die Ausnahme. Insofern wurde ein Ziel, der unter den Studenten um sich greifenden Geschichtslosigkeit entgegenzuwirken, nicht erreicht. Im Mittelpunkt der Vorlesungsreihe stand die politische Geschichte der Freien Universität. Die Geschichte der Wissenschaften an der FU schien dem Kreis zu speziell für eine allgemeine Öffentlichkeit. Allerdings besteht Konsens darüber, daß die Wissenschaftsgeschichte der Freien Universität noch zu schreiben ist, ein Unterfangen, dem sich der Kreis als nächstes verschrieben hat. Trotz knapper Mittel stellte die Verwaltung die Räume sowie Unterkunft und Fahrgeld für die nicht in Berlin ansässigen Referenten zur Verfügung, ebenso die Plakate für die Werbung. Nach Abschluß der Veranstaltung wurden die Bandaufnahmen von Frau Margarete Döpping abgeschrieben und von den damaligen Mitgliedern des Kreises überarbeitet und redigiert. Dieses waren: Prof. Dr. Meta Alexander, Dr. Ursula Besser, Willi Diederich, Prof. Dr. Karl Eichner, Dr. Horst Hartwich, Prof. Dr. Ursula Hennig, Ruth Recknagel, Prof. Dr. Helmut Kewitz, Prof. Dr. Henning Köhler, Prof. Dr. Georg Kotowski, Prof. Dr. Karol Kubicki, Dr. Siegward Lönnendonker, Prof. Dr. Bernd Rabehl, : Prof. Dr. Günter Stüttgen, Dr. Bernhard Wiens. Zum besseren Verständnis wurde jedem Kapitel ein historischer Vorspann vorangestellt, außerdem eine Zeittafel für die ersten

12 VIII 50 Jahre Freie Universität 25 Jahre angefügt (ein Auszug aus der FU-Dokumentation "Freie Universität Berlin Hochschule im Umbruch"). Wir danken allen Beteiligten. Oktober 2001 Karol Kubicki Siegward Lönnendonker

13 Eröffnung Prof. Dr. Günter Stüttgen Zu der ersten Veranstaltung der Ringvorlesung "50 Jahre Freie Universität" darf ich Sie im Namen der Zeitzeugen begrüßen, die sich spontan zur Analyse und Bewältigung des einmaligen Phänomens einer Universitätsgründung durch Studenten - stimuliert durch politischen Druck - zusammengefunden haben. Besonderer Dank gilt heute Herrn Professor Peter Gaethgens, der von Seiten der Universitätsspitze diese Veranstaltung begrüßen wird. Diese Vorlesungsreihe stellt die politische Entwicklung und wissenschaftliche Leistung dar, berührt das Konzept einer Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Lehrenden von 1948, bewertet die Auswirkungen der Zwänge der großen und der kleinen Umwelt auf die Entwicklung einer solchen Universität. So stellt sich die Frage, welche Konzepte aus der Gründerzeit Bestand gehabt haben und welche Konsequenzen aus der damaligen gezielten Konfrontation revolutionärer Gruppen der 60er Jahre mit dem Establishment gezogen werden müssen. Die Freie Universität, wie sie sich heute darstellt, hat nach fünfzig Jahren ihr eigenes Profil gefunden und durch besondere wissenschaftliche Leistungen bestätigt. Die dynamischen Veränderungen in dieser Universitätsgeschichte aus der besonderen Situation Berlins mit ihrer politischen Einzigartigkeit in der Vergangenheit werden vorgestellt. Aus dem Resümee einer solchen Analyse ergeben sich Perspektiven für die Zukunft in unserer reformbedürftigen Zeit. - Professor Gaehtgens, ich darf Ihnen hiermit das Wort erteilen. Vize-Präsident Prof. Dr. Peter Gaehtgens Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte Sie zunächst sehr herzlich willkommen heißen, diejenigen von Ihnen, die zum Zuhören gekommen sind, ganz besonders natürlich diejenigen, die hier oben auf dem Podium Platz genommen haben, und noch eingehender diejenigen, die sich darum bemüht

14 2 50 Jahre Freie Universität haben, diese Veranstaltungsreihe zustande zu bringen. Es ist dies ja eine doch etwas ungewöhnliche Veranstaltung, und insofern möchte ich versuchen zu vermeiden, ein gewöhnliches Grußwort an den Anfang zu setzen. Die Freie Universität hat ohne Zweifel eine außerordentliche Biographie. Für mich, der ich kein Alt-FUler bin - ich habe hier weder studiert noch sonstige akademische Würden errungen - und der ich daher vielleicht ein bißchen mehr mit den Augen von außen als von innen diese Institution betrachte, ist es eine bemerkenswerte Erkenntnis, daß Institutionen nicht nur eine Geschichte, sondern auch im wirklichen Sinn eine Biographie haben. Biographien bestehen aus Erfahrungen, die immer anders sind als Erwartungen, und diese Erfahrungen prägen den Charakter. Herr Stüttgen hat eben gesagt: das Profil. Dieses Wort ist heute meist in einem etwas verminderten Sinn in Umlauf, und ich möchte deshalb den Begriff Charakter vorziehen und mich darüber wundern, daß eine Institution, die nur aus Menschen besteht, dennoch durch ihre historische, politische und sonstige Geschichte in einer Weise bestimmt wird, daß fünfzig Jahre nach der Gründung von diesem Gründungsereignis noch sehr viel übrig ist. Nun kann man sagen, daß das Flair, um es schwach auszudrücken, dieses Ereignisses immer wieder im Verlauf dieser Biographie aufgefrischt worden sei. Insofern finde ich es bemerkenswert, daß diejenigen, die 1948 dabei waren, und diejenigen, die in den 68er Jahren dabei waren, zu einem Dialog gefunden haben, der, wie mir scheint, nicht selbstverständlich ist. Denn zumindest von außen betrachtet haben sie nicht gemeinsame Ziele, vielleicht sogar konträre Ziele gehabt, und durch einen Dialog diese miteinander zu vergleichen, vielleicht sogar zu einer ganz anderen Schlußfolgerung zu kommen, als ich sie jetzt hier formuliert habe - das, finde ich, ist ein Unternehmen, das allen Respekts wert ist. Dies hat es möglich gemacht, in diesem Jubiläumsjahr der Freien Universität eine solche Veranstaltung zu organisieren, die eine so große Zahl von Zeitzeugen hier versammelt, uns, den Jüngeren - ich schaue in die Runde; nicht den ganz Jungen - Respekt und historisches Bewußtsein wieder zu vermitteln, die wir ja erst in sehr viel späteren Jahren an diese Universität gekommen sind. Vielleicht haben wir daher auch nicht die Sensibilität, um nachvollziehen zu können, was damals geschehen ist, und vielleicht auch nicht für das, was den Charakter dieser Universität als Ergebnis ihrer eigenen Biographie prägt. Der Begriff 'Profil' ist gefallen, und alle Universitäten in diesem Land sind aufge-

15 Eröffnung 3 fordert, sich in besonderer Weise durch ein Profil auszuzeichnen und ein solches zu entwickeln. Betrachtet man diese Aufforderung vor dem Hintergrund dieser historischen Biographie, dann, denke ich, muß die Freie Universität das gar nicht mehr machen, denn sie hat bereits ein Profil. Der Begriff ist allerdings in der allgemeinen Auseinandersetzung sehr viel flacher verstanden: Ein inhaltliches Profil wird gefordert, das ein begrenztes Fächer-Spektrum differenziert, organisiert und anbietet. In ihrem fünfzigsten Jahr befindet sich die Freie Universität, ob sie es selbst herbeigeführt hat oder nicht, durchaus in einer schwierigen Lage. Das möchte ich aus der Sicht der Heutigen denjenigen etwas näherzubringen versuchen, die vielleicht die heutige Situation nicht mehr so gut überblicken, so wie wir Jüngeren vielleicht die damalige Situation nicht so gut überblicken. Ich bin der Meinung, daß die Freie Universität sich, wie Herr Professor Stüttgen schon gesagt hat, durch ihre wissenschaftlichen Leistungen in den ersten fünfzig Jahren ihrer Existenz durchaus legitimiert hat. Wenn ich richtig informiert bin, war es damals, als sie gegründet wurde, nicht selbstverständlich, daß die anderen deutschen Universitäten diese Neugründung akzeptierten. Das ist heute anders. Insofern ist die Freie Universität in einen Kreis von nunmehr im Wettbewerb stehenden Wissenschafts- oder Bildungs-Institutionen hinein gewachsen, in dem sie sich bewähren muß. Mit welchen Kriterien, mit welchen Maßstäben diese Bewährung gemessen wird - das mit zu beeinflussen, ist, denke ich, unsere heutige Aufgabe. Es kann uns nicht nur darum gehen, vom Staat ein Finanzvolumen zu fordern, sondern es muß nun auch darum gehen, diese Zuwendung zu rechtfertigen. Dies kann nur geschehen, wenn wir uns auf die Kern-Kompetenzen, auf die zentralen Aufgaben der Universität in Forschung und Lehre fokussieren. Dennoch hat die Freie Universität im Unterschied zu anderen eine Reihe von anderen Kompetenzen aufgegriffen. Ein Elfenbeinturm zumindest war die FU nie. Das hat sie schwierig gemacht. Sie ist es auch heute nicht - das macht sie auch heute schwierig. Aber ich denke, beides macht sie auch in Zukunft unverzichtbar. Aus diesem Grunde bin ich fest davon überzeugt, daß man sich von ihr bekehren lassen kann. Das muß bei ein paar andern Personen vielleicht auch geschehen. Wir brauchen Argumente für die Existenz der Freien Universität in einer gegenüber 48 und 68 völlig veränderten gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen Lage. Ich halte es daher für wichtig, daß dieser hier vorgesehene Dialog stattfindet. Ich bedanke mich ausdrücklich bei denjenigen, die ihn in Gang gesetzt haben. Ich denke, das war ein verdienstvolles Unternehmen. Schönen Dank,

16 4 50 Jahre Freie Universität Herr Lönnendonker, schönen Dank, Herr Kubicki, ich wünsche dieser Veranstaltungsreihe den besten Erfolg.

17 1. Veranstaltung 21. Oktober 1998 I. Die politische Lage an der Lindenuniversität Vorbemerkungen 1945 eröffneten die ersten Universitäten in Ost und West bereits wenige Monate nach dem Kriegsende wieder ihre Pforten; im Osten verzögerte sich nur die Öffnung der Berliner Universität bis Anfang Es war ganz offensichtlich, daß grundsätzliche politische Interessenkonflikte, insbesondere zwischen der SMAD und den Westalliierten, eine frühere Eröffnung verhinderten. Die Sowjets ignorierten den im Londoner Protokoll vom 12. September 1944 festgelegten Beschluß, ganz Berlins aus der Sowjetischen Besatzungszone herauszunehmen und einer Viermächte-Verwaltung zu unterstellen. Sie beabsichtigten allgemein Herr im Hause zu bleiben und auch die Universität in ihrer Weise zu gestalten. Und die Amerikaner zeigten zunächst auch kein sonderliches Interesse an der Universität unter den Linden. Wie wir heute allerdings wissen, gab es bezüglich der Universität aber auch Unstimmigkeiten innerhalb der Sowjetischen Administration selbst, ganz zu schweigen von abweichenden Vorstellungen der deutschen Kommunisten. Die detaillierte Argumentation blieb den Universitätsangehörigen weitestgehend verborgen, denn weder die Alliierten noch die deutschen Kommunisten ließen sich in die Karten sehen. Die Sowjetische Administration drängte sowohl die Westalliierten als auch den Berliner Magistrat aus der Zuständigkeit für die Universität heraus, was nichts Gutes verhieß. Offensichtlich war zunächst für die akademischen Bürger nur, daß der ehrwürdige traditionelle Name Friedrich-Wilhelms-Universität gelöscht werden würde. (Bei der Wiedereröffnung am 29. Januar 1946 war für die Hochschule der Name Humboldt-Universität vorgesehen. Offenbar war die Zentralverwaltung jedoch darüber nicht glücklich, denn in den folgenden Jahren wurden offiziell die Namen Berliner Universität sowie Universität unter den Linden benutzt. Erst ab Sommersemester 1949 tragen die Vorlesungsverzeichnisse durchgängig die Aufschrift Humboldt-Universität.) Ende Mai 1945 hatte der Prorektor der Friedrich-Wilhelms-Universität, Prof. Hermann Grapow, den Pädagogen Eduard Spranger mit der Führung der Geschäfte beauftragt, und die Alliierten hatten diesen zunächst stillschweigend als Kommissarischen Rektor akzeptiert. Spranger suchte wegen der starken Beschädigung der Universitätsgebäude im Stadtzentrum nach weniger zerstörten Gebäuden, die er überwiegend in den westlichen Bezirken fand.

18 6 50 Jahre Freie Universität Das allerdings lief den Intentionen der Sowjets gründlich zuwider; schließlich setzten sie Spranger ab. Die Studenten warteten ungeduldig und zunehmend beunruhigt. Um mit dem materiellen Wiederaufbau der Universitätsgebäude einen eigenen Beitrag zum kommenden Lehrbetrieb zu leisten, folgten sie dem Aufruf des vom Magistrat eingesetzten Zentralausschusses zur Enttrümmerung des Universitätsgeländes. Sie organisierten sich damals in der Studentischen Arbeitsgemeinschaft, die zum Kern der späteren offiziellen Studentenvertretung an der Berliner Universität wurde. Im sowjetischen Sektor, in dem der Hauptteil der Berliner Universität lag, war die politische Beeinflussung der Bevölkerung durch die Besatzungsmacht von Anbeginn weitaus stärker spürbar als in den Sektoren der Westalliierten. An vielen Straßenkreuzungen befanden sich äußerst aufdringliche Lautsprecher, die entweder scheppernde Musik brachten oder Reden und Mitteilungen der Militäradministration ausstrahlten. Außerdem traf man allenthalben auf Stellwände mit Propagandatexten und Stalin-Worten. Vieles erinnerte auffällig an die Endzeit des NS-Regimes. Die Lebensbedingungen waren direkt nach dem Kriege äußerst schlecht, aber in den einzelnen Sektoren ziemlich unterschiedlich, weil jede Besatzungsmacht für die Versorgung ihrer Bevölkerung selbst verantwortlich war. Auf Fleischmarken gab es zum Beispiel im amerikanischen Sektor Corned beef, im englischen Frischfleisch, im französischen Eier und im russischen Fisch. Der Schwarzmarkt blühte. Für Studenten war es schwierig, eine Zuzugsgenehmigung nach Berlin zu bekommen, nach West-Berlin noch schwieriger als in den sowjetischen Sektor. Demgegenüber begann sich das kulturelle Leben in Berlin zu regen. Die Sowjets sahen in der Förderung der Künste einen hohen Propagandawert, förderten diese aber nur insoweit, als sie ihrer Ideologie ent- oder wenigstens nicht widersprachen. Von einer echten Vielfalt der Kultur war in Berlin erst die Rede, als die Westmächte ihrerseits Einfluß ausübten, zunächst vor allem über die Presse. So war gar nicht daran zu denken, das Stück Wir sind noch einmal davon gekommen des Amerikaners Thornton Wilder in Ost-Berlin aufführen zu können; auch Die Fliegen des damals schon bekannten französischen Philosophen und Literaten Jean Paul Sartre durfte in Ost-Berlin nicht gespielt werden, obgleich dieser Mitglied der kommunistischen Partei Frankreichs war; es wurde im amerikanischen Sektor im Hebbel-Theater in der Stresemannstraße auf die Bühne gebracht. Im Kulturbund und auf dem Kongreß für Kultur, dem die greise Ricarda Huch vorsaß, machten sich die ersten literarischen Spannungen bemerkbar. In den unmittelbaren Nachkriegsjahren war die persönliche Sicherheit der Menschen - selbst in den Westsektoren - nicht gewährleistet. Die Sowjets verhafteten ihnen unliebsame Personen, unter ihnen auch Wissenschaftler, an denen sie ein Interesse hatten, noch 1951, sogar in den Westsektoren. Der be-

19 Die p litische Lage an der Lindenuniversität 7 kannteste Fall war die Entführung des aus Chemnitz geflüchteten Dr. Walter Linse. Die westlichen Alliierten protestierten zwar, konnten aber letztlich nichts für Entführte und Verhaftete tun. Da nutzte es auch nichts, daß sich jemand während der Nazizeit für Juden und Kommunisten exponiert hatte. Wenn er die falsche Couleur hatte, konnte er, allein weil er Offizier gewesen war, glatt zu 125 Jahren Zuchthaus verurteilt werden und nie wieder auftauchen. Verhaftungen betrafen auch zahlreiche Studenten. Die amerikanisch lizensierte Studentenzeitschrift colloquium veröffentlichte dazu eine Liste des Verbandes Deutscher Studentenschaften mit den Namen von 284 verhafteten Studenten. Am stärksten erregten die Studenten die Verhaftungen von Georg Wrazidlo, Gerda Rösch und Manfred Klein - drei Vertretern der christlichen Studentenschaft. Ihnen wurden zum Teil unter Folter Geständnisse abgepreßt und Freiheitsstrafen bis zu 25 Jahren zudiktiert, ohne daß ein öffentliches Gerichtsverfahren stattfand. Diese Aktionen des NKWD wurden als Willkürhandlungen empfunden und verbreiteten Unsicherheit. Versuche der Studentenvertreter, etwas über ihre verhafteten Kollegen zu erfahren, wurden von den Sowjets brüsk zurückgewiesen. Mehrfach wurden Studenten von Unbekannten gerade noch rechtzeitig gewarnt. So wurde ein Telephongespräch Ernst Bendas plötzlich unterbrochen, und eine fremde Stimme riet ihm, vorsichtiger zu sein, am besten umgehend den Ostsektor zu verlassen. Einige Studenten konnten sich durch den spontanen Beistand ihrer Kommilitonen rechtzeitig in Sicherheit bringen. Der Medizinstudent Lutz Rosenkötter verschwand im letzten Moment über eine Hintertreppe, als die Ostberliner Polizei im Gebäude erschien, um ihn zu verhaften. Ein enger Kordon interessiert zuhörender Studenten schränkte sie in ihrer Bewegungsfreiheit ein. Der Professor für physiologische Chemie an der Lindenuniversität, Karl Lohmann, prüfte Rosenkötter wegen dessen Gefährdung später in einer Westberliner Kneipe, damit er wenigstens seine Zwischenprüfung abschließen konnte. Lohmann konnte sich das leisten, weil er ein weltberühmter Wissenschaftler war. Die Unterzeichner einer Resolution gegen die Beflaggung der Berliner Universität mit roten Fahnen und dem Emblem der gerade gegründeten Sozialistischen Einheitspartei zum 1. Mai wurden zur Militäradministration gerufen und dort mehrere Stunden in einem Keller festgehalten, wobei niemand von ihnen wissen konnte, ob das nicht den Beginn eines Verfahrens bedeuten konnte. Es verbreitete auf jeden Fall Angst und Unsicherheit. Die Sowjets versuchten auch, bürgerliche Studenten für natürlich vergütete Berichte über die Studentenschaft zu gewinnen. Der Berichte der SED- Studenten waren sie sich eh gewiß. So wurde mit allen Mitteln ge- und bespitzelt.

20 8 50 Jahre Freie Universität Eine Studentin wurde ganz offen von dem sie bespitzelnden Kollegen bedrängt. Er wich ihr längere Zeit nicht von der Seite und verwickelte sie laufend in Diskussionen, um sie weich zu klopfen. Das erinnerte sie fatal an die Nazizeit, wo ein SS-Mann sie sogar tagsüber begleitet, sich in Seminaren bei Haushofer und in der Mensa neben sie gesetzt und sie in intensive Gespräche verwickelt hatte. Einer der dreistesten Versuche von Bespitzelung war die Bildung der Vereinigung Antifaschistischer Studenten in der Medizinischen Fakultät. Dort hatte es eine Art Eklat gegeben. Ein Student hatte in einer Wahldiskussion Äußerungen getätigt, die der Großteil der Kommilitonen damals als faschistoid empfand. Dazu muß man daran erinnern, daß die Herrschaft der Nazis kaum zwei Jahre zurücklag, und viele der zugelassenen Studenten politisch und rassisch Verfolgte waren. Die Kommunisten versuchten nun über die VAS ein Spitzelsystem aufzubauen, in dem die bürgerlichen Kommilitonen als Feigenblätter dienen sollten. Nicht immer trauten sich die Sowjets allerdings, Studenten zu verhaften, die eindeutig der Opposition angehörten. Otto Hess hielt zum Beispiel im Juni 1946 bei einer Veranstaltung in der Singakademie, dem damaligen Sitz der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft, dem Oberst Sergej Tulpanow bei Kaviar und Wodka unbehindert sein negatives Bild über die sowjetische Universitätspolitik vor. Neben eindeutig prokommunistischen Professoren, wie dem unseligen Physiker Friedrich Möglich, der Mitglied der NSDAP und Gaukulturwart gewesen war und sich antisemitisch geäußert hatte, nun aber in der SED seine neue Heimat fand, gab es auch Hochschullehrer, die sich der Entwicklung der Berliner Universität zu einer kommunistischen Kaderschule entgegenstellten. Am 11. Februar 1947 wurde Frau Professor Else Knake als Prodekanin der Medizinischen Fakultät abgesetzt, nachdem sie genau so wie das Zulassungsreferat der Studentenschaft - öffentlich das kommunistische Zulassungsverfahren kritisiert hatte. Solche Kritik an der Hochschulpolitik der Kommunisten war selbstverständlich äußerst unerwünscht. Die Lage war nicht einmal für Professoren mit Rückhalt bei den Westalliierten ungefährlich. So äußerte der Romanist Prof. Fritz Neubert wiederholt Dinge, die den kommunistischen Beobachtern nicht gefielen. Da er von der Sorbonne kam, hatte er entsprechend Rückhalt bei der Französischen Besatzungsbehörde. Deren Vertreter zeigten sich ab und an demonstrativ bei Fachschaftsveranstaltungen, und Neuberts Studenten scharten sich ostentativ um ihn, damit er ihnen nicht während einer kritischen Vorlesung plötzlich abhanden käme. Einer der bekanntesten Fälle von Verfolgung betraf Prof. Hans Leisegang aus Jena, der 1949 rechtzeitig gewarnt - bei Nacht und Nebel verschwinden mußte und an die damals bereits gegründete Freie Universität ging. Wichtigen persönlichen Besitz und Arbeitsmaterial brachten ihm seine Studenten nach.

21 Die p litische Lage an der Lindenuniversität 9 Die SED-Verwaltung bemühte sich ihrerseits intensiv um die Berufung kommunistischer Hochschullehrer, die aber nicht immer ein ausreichendes Niveau aufwiesen. Zur Intensivierung ihres Einflusses griffen die Kommunisten schließlich zu politischen Pflichtvorlesungen, die allerdings nicht konsequent durchgesetzt wurden. So konnte beispielsweise der nicht kommunistische Jurist Prof. Hans Peters bei der SMA durchsetzen, daß er bestimme, wer diese Vorlesungen halten dürfe. In der Medizin tat sich besonders Robert Havemann hervor, der den Studenten damals in den politischen Pflichtvorlesungen einen knallharten Stalinismus anbot, was eher Widerstand als Zustimmung hervorrief. Die Quintessenz war, daß die meisten Vorlesungen nicht mehr besucht wurden, was damals noch ohne disziplinarische Folgen blieb. Ein weiterer Versuch der Sowjets, bzw. der Zentralorgane der Ostverwaltung, die Studenten zu beeinflussen, war die Gründung der Studentenzeitschrift FORUM, die nach anfänglich sich liberal gebenden Heften zum rein prokommunistischen Sprachrohr wurde. Mit dieser Gründung kamen die SMAD und die deutschen Kommunisten dem colloquium zuvor, das drei Monate später unter amerikanischer Lizenz erschien und in dem sich die freiheitlich denkenden Studenten artikulieren konnten. Einer der Gründer dieser Zeitschrift war der während der Nazizeit aus politischen Gründen verfolgte Kommilitone Otto Hess, ein Ururenkel von Moses Hess. Vor allem Otto Stolz, ein während der Nazizeit ebenfalls politisch Verfolgter, entlarvte im colloquium die Kommunisten ganz im Sinne Kurt Schumachers - als neue rote Faschisten. Die Antwort der kommunistischen Zentralverwaltung darauf war die Rücknahme der Studienerlaubnis für die Studenten Otto Stolz, Otto Hess und den Mitherausgeber des colloquiums Joachim Schwarz am 16. April Eine ordnungsgemäße Relegation wagten die Ostbehörden nicht, weil dies ein Disziplinarverfahren erfordert hätte, in dem keine Gründe für eine Relegation hätten vorgebracht werden können. Daß mit diesem Entzug der Studienerlaubnis der Stein zur Gründung einer von Ideologie freien Universität im Westen ins Rollen gebracht wurde, hatten die Kommunisten sicher nicht erwartet. Zur Protestversammlung im Hotel Esplanade in West-Berlin, am Rande des Potsdamer Platzes, kamen mehr als Studenten, obgleich die Universitätsleitung angedroht hatte, alle, die dort erscheinen würden, zu relegieren. Der von den Kommunisten als offizielle Studentenvertretung gegründete Studentenrat wurde zu deren Leidwesen stets von Nichtkommunisten dominiert und zeichnete sich im großen und ganzen durch beachtenswerten Mut gegenüber den Repressionen aus. Die in den ersten Semestern nach dem Kriege zugelassenen Studenten waren obwohl überwiegend mit antifaschistischer Vergangenheit - für kommunistische Vorhaben so gut wie nicht zu gewinnen. Sie gehörten zur Erfahrungsgeneration, die aus dem Felde oder den verschiedensten Haft- und

22 10 50 Jahre Freie Universität Zwangsarbeitslagern zurückgekommen war. Deren Erfahrungen mit totalitären Regimen schlugen sich nun in den Ergebnissen der Studentenratswahlen nieder, die - bei hoher Wahlbeteiligung für die SED stets katastrophale Ergebnisse brachten. Über die Vorstudienanstalten, die Arbeiter- und Bauernfakultäten und über die pädagogischen Fakultäten versuchten die kommunistischen Behörden dann, Studenten o h n e A b i t u r für ihre Belange zu rekrutieren und zu prägen. Bürgerliche Studenten mit soliden Abiturnoten hatten zu dieser Zeit kaum noch eine Chance. Eindeutig trieb die Universität auf eine SED-Kaderhochschule zu. Schon am 18. Oktober 1946 stellte der TAGESSPIEGEL in einem Leitartikel Abschied von der Berliner Universität unverblümt fest: Sie [die Universität Berlin] ist eine Parteiuniversität. Wir streichen sie aus der kulturellen Liste Deutschlands. Schon so früh bildeten sich Zirkel, in denen das Abgleiten der Universität betroffen diskutiert wurde. Alle anfänglichen Hoffnungen auf Besserung schwanden mehr und mehr. Ein wichtiger außeruniversitärer Kreis, bei dem sich wiederholt Studenten zu solchen Diskussionen trafen, entstand im gastfreundlichen Hause des amerikanischen Professors Fritz Epstein und dessen Frau Hertha. Ein inneruniversitärer Kreis, der auch das Konzept für die unabhängigen Studentenvertretungen an den Hochschulen der Sowjetischen Besatzungszone entworfen hatte, bildete sich um die Pathologin Frau Prof. Else Knake, die mutig für die von den Studenten geforderten akademischen Freiheiten eintrat. Im übrigen hatten die Kreise untereinander nicht mehr als zufällige Kontakte, stellten also keinen strategisch organisierten Widerstand dar. Solche Entwicklungen blieben natürlich nicht auf die Universität begrenzt. Sie war schließlich nur einer der Schauplätze der allgemein zunehmenden politischen Spannungen zwischen kommunistischen und demokratischen Deutschen sowie den Sowjets und den westlichen Alliierten, die im Frühsommer 1948 direkt auf die Blockade Berlins zusteuerten.

23 Die p litische Lage an der Lindenuniversität 11 Referate und Diskussion Podiumsleitung Dr. Siegward Lönnendonker Referenten Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber, Prof. Ernst Benda Podiumsteilnehmer Dr. Ursula Besser, Dr. Horst Hartwich, Prof. Dr. Helmut Kewitz, Gerhard Löwenthal Von links nach rechts: Gerhard Löwenthal, Stadtälteste Dr. Ursula Besser Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber, Dr. Siegward Lönnendonker, Prof. Dr. Ernst Benda, Dr. Horst Hartwich, Prof. Dr. Helmut Kewitz Lönnendonker Meine Damen und Herren. Ich habe eine kleine Zeittafel vorbereitet, die oben an den Eingängen ausliegt. Wer sie noch nicht hat, kann sie nehmen, um sich ungefähr zu orientieren, wann was war; das wird wichtig sein. Außerdem habe ich noch eine Durchsage zu machen: Ab 18 Uhr findet hier auch noch eine offizielle Veranstaltung zu 1968 statt: Paris - Prag - Berlin, und zu dieser anschließenden Veranstaltung sind alle sehr herzlich eingeladen. Ich darf Ihnen die Teilnehmer der heutigen Runde vorstellen und beginne mit Frau Ursula Besser. Frau Ursula Besser war Studentin an der Linden- Universität. Sie hat 1949 promoviert in Romanistik und Germanistik. Seit 1945 ist sie CDU-Mitglied. Sie war dann freiberufliche Übersetzerin aus dem Portugiesischen, hat dann eine AG für problematische Kinder geleitet; eine

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