Bremische Bürgerschaft Drucksache 16/1381. Landtag 18. April Wahlperiode. Bericht

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1 Bremische Bürgerschaft Drucksache 16/1381 Landtag 18. April Wahlperiode Bericht des Untersuchungsausschusses zur Aufklärung von mutmaßlichen Vernachlässigungen der Amtsvormundschaft und Kindeswohlsicherung durch das Amt für Soziale Dienste

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3 Bericht des Untersuchungsausschusses Kindeswohl Die Bremische Bürgerschaft (Landtag) hat mit Beschluss vom 2. November 2006 einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung von mutmaßlichen Vernachlässigungen der Amtsvormundschaft und Kindeswohlsicherung durch das Amt für Soziale Dienste mit der Kurzbezeichnung Kindeswohl eingesetzt. Der Untersuchungsausschuss legt hiermit seinen Bericht nach 20 Abs. 1 des Untersuchungsausschussgesetzes (UAG) vor. Helmut Pflugradt - Vorsitzender -

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5 Bericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses Kindeswohl

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7 Untersuchungsausschuss Kindeswohl 7 INHALTSVERZEICHNIS ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS EINSETZUNG UND VERFAHREN DES UNTERSUCHUNGSAUSSCHUSSES Einsetzung des Untersuchungsausschusses und Untersuchungsauftrag Konstituierung des Untersuchungsausschusses und Verfahrensüberblick Rechtsgrundlagen und Verfahrensregeln des Untersuchungsausschusses Verfahren hinsichtlich der Niederschriften über die Beweisaufnahme Beweisaufnahmeverfahren DAS SYSTEM DER ÖFFENTLICHEN JUGENDHILFE Rechtliche Rahmenbedingungen der Kindeswohlsicherung Organisatorische Rahmenbedingungen Das Amt für Soziale Dienste der Stadtgemeinde Bremen Organisation des Amtes für Soziale Dienste Das Jugendamt Der Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales der Freien Hansestadt Bremen Das Landesjugendamt Oberste Landesjugendbehörde Wahrnehmung kommunaler Aufgaben durch das Ressort Die staatliche und die städtische Deputation für Soziales, Jugend, Senioren und Ausländerintegration Der Prozess der Umstrukturierungen der vergangenen Jahre Finanzielle Rahmenbedingungen und personelle Ausstattung Finanzwirksame Elemente des Neuen Steuerungsmodells Finanzielle Rahmenbedingungen Personelle Rahmenbedingungen 43

8 8 Untersuchungsausschuss Kindeswohl 3. FESTSTELLUNGEN ZUM TOD VON KEVIN K Sachverhalt Vorgeschichte bis zur Geburt Kevins Von der Geburt Kevins bis zur Einschaltung der Amtsleitung Von der Berichterstattung an die Amtsleitung des Amt für Soziale Dienste bis zum 10. Oktober Verantwortlichkeiten Behördenebene Der Casemanager Fehlende Fallsteuerung Mangelhafte Aktenführung Probleme bei der Risikoeinschätzung Kein Abschluss eindeutiger Vereinbarungen, keine Kontrollen Verantwortungsverlagerung auf Andere Defizite in der Unterrichtung Dritter, insbesondere unvollständige und falsche Angaben Haltung Parallelen zu anderen Fällen des Casemanagers Ergebnis Die Stadtteilleiterin Unmittelbare Verantwortung Berichterstattung an den Amtsleiter Fallverantwortung als Urlaubsvertretung des Casemanagers Verantwortung als Vorgesetzte Ausübung der Aufsicht im Allgemeinen Wahrnehmung der Dienstaufsicht durch Wochenkonferenzen Die Wochenkonferenzen im Stadtteil Gröpelingen Bewertung der Wochenkonferenzen Zwischenergebnis Der Sozialzentrumsleiter Verantwortlichkeit Kollegen des Casemanagers Team allgemein Hausbesuch durch zwei Kolleginnen des Teams Amtsvormund Der Leiter des Referats Erzieherische Hilfen Der Leiter der Abteilung Junge Menschen und Familie Der Leiter des Amtes für Soziale Dienste Der Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales 157

9 Untersuchungsausschuss Kindeswohl Die Bremer Arbeitsgemeinschaft für Integration und Soziales (BAgIS) Sachverhalt Verantwortlichkeit der BAgIS Gesundheitssystem Die Familienhebammen im Gesundheitsamt Bremen Verantwortlichkeit der Mitarbeiter des Klinikums Bremen Nord Die Prof.-Hess-Kinderklinik Das Verhalten der Ärzte während des Aufenthalts vom 27.September bis 14. Oktober Bewertung des Verhaltens der Ärzte Der Sozialdienst im Klinikum Bremen-Mitte Die Termine in der Tagesklinik Der Kinderarzt Das Drogenhilfesystem Substitutionsgestützte Behandlung opiatabhängiger Personen Der substituierende Arzt Die Drogenhilfeberaterin des Arbeitskreises Kommunale Drogenpolitik Der Drogenhilfeberater des Vereins für Suchttherapie Justiz Verantwortung Freie Träger Familienkrisendienst FIM Frühe Hilfen Hermann Hildebrand Haus PIB - Pflegekinder in Bremen GmbH Zwischenergebnis Verantwortlichkeiten VERGLEICHBARE FÄLLE STRUKTURELLE PROBLEME Casemanagement Unklarheiten in Bezug auf Definition und Aufgabenbereich Probleme bei der Umsetzung des Handlungsansatzes Strukturelle und persönliche Voraussetzungen für das Casemanagement Personal- und Sachmittelausstattung Schulung und Fortbildung 227

10 10 Untersuchungsausschuss Kindeswohl Einstellung der Casemanager Allgemeine Anforderungen an die Arbeit der Casemanager Finanzverantwortung Dienst- und Fachaufsicht Die Dienstanweisungen und fachlichen Weisungen Die Einbindung der Fachabteilung Wahrnehmung der Dienst- und Fachaufsicht Kollegiale Beratungsstrukturen Die Wochenkonferenz Die Kollegiale Beratung Weitere Beratungsinstrumente Strukturelle Probleme Amtsvormundschaft Erreichbarkeit des Ambulanten Sozialdienstes Junge Menschen Umgang mit Verdacht auf Kindeswohlgefährdung Interne und externe Zusammenarbeit Datenschutz Zusammenarbeit Casemanager und Wirtschaftliche Jugendhilfe Information über strafrechtliche Verurteilungen Zusammenarbeit mit den Freien Trägern Drogensubstitution Zuständigkeitsabgrenzungen zwischen Ressort und Amt Die Trennung von operativen und strategischen Aufgaben Die Trennung von Landes- und kommunalen Aufgaben Finanzielle Rahmenbedingungen und personelle Ausstattung Finanzwirksame Elemente des neuen Steuerungsmodells Budgetierung Finanzielle Ressourcen Auswirkungen der Haushaltslage auf die Arbeit der Casemanager Personelle Ausstattung ZUSAMMENFASSENDE BEWERTUNG 312

11 Untersuchungsausschuss Kindeswohl KONSEQUENZEN UND MAßNAHMEN Personelle Konsequenzen und Maßnahmen Durch Ressort und Amt für Soziale Dienste veranlasste Maßnahmen Sonstige erforderliche Maßnahmen und Handlungsansätze 323 VERZEICHNIS DER ANLAGEN 330

12 12 Untersuchungsausschuss Kindeswohl Abkürzungsverzeichnis AGOLJB AL Art. BAgIS BAGLJÄ BGB BGBl. BremAGKJHG Brem.GBl. BremDG BV bzw. DIAKO FIM GG INSO i.d.f. i.v.m. KGSt KJND LAG m.w.n. NDV NOSD o.ä. PEP PiB Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden Leiter des Amtes für Soziale Dienste - Amtsleiter Artikel Bremer Arbeitsgemeinschaft für Integration und Soziales Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter Bürgerliches Gesetzbuch Bundesgesetzblatt Gesetz zur Ausführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes im Lande Bremen Gesetzblatt der Freien Hansestadt Bremen Gesetz über die Deputationen Beschäftigungsvolumen beziehungsweise DIAKO Bremen - diakonisches Krankenhaus Familie im Mittelpunkt (Familienkrisendienst) Grundgesetz Institut für Sozialplanung und Organisationsentwicklung in der Fassung in Verbindung mit Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement Kinder- und Jugendnotdienst Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege Bremen e.v. mit weiteren Nachweisen Nachrichtendienst - monatliche Zeitschrift des deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.v. Neuordnung der Sozialen Dienste oder Ähnliches Personalentwicklungsprogramm für die Ämter in der Freien Hansestadt Bremen Pflegekinder in Bremen GmbH

13 Untersuchungsausschuss Kindeswohl 13 SAP SGB II SGB VIII SPFH SZ SZL UG Software des Softwareherstellers SAP AG Sozialgesetzbuch Zweites Buch - Grundsicherung für Arbeitssuchende Sozialgesetzbuch Achtes Buch - Kinder- und Jugendhilfe Sozialpädagogische Familienhilfe Sozialzentrum Sozialzentrumsleiter Gesetz über Einsetzung und Verfahren von Untersuchungsausschüssen

14 14 Untersuchungsausschuss Kindeswohl

15 Untersuchungsausschuss Kindeswohl Einsetzung und Verfahren des Untersuchungsausschusses Der vorliegende Bericht kann die Probleme und Veränderungsbedarfe im Amt für Soziale Dienste und beim Senator für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales der Freien Hansestadt Bremen nicht vollständig benennen. Er kann jedoch Anregungen geben, die Verwaltung und Politik aufgreifen können. Für weitergehende Ergebnisse war die Zeit von fünf Monaten, die angesichts der Bürgerschaftswahl am 13. Mai 2007 für die Untersuchung zur Verfügung stand, zu knapp bemessen. 1.1 Einsetzung des Untersuchungsausschusses und Untersuchungsauftrag Am 10. Oktober 2006 wurde die Leiche des zweijährigen Kevin K. in der Wohnung seines (Zieh-)Vaters aufgefunden, als er von Mitarbeitern des Amtes in Obhut genommen werden sollte. Das Kind hatte einen Amtsvormund. Außerdem war der ambulante Sozialdienst Junge Menschen des Amtes für Soziale Dienste seit seiner Geburt mit ihm befasst. Am 20. Oktober 2006 beantragten die Bürgerschaftsfraktion von Bündnis 90/ Die Grünen und die Fraktionen der SPD und der CDU die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses (Drucksache 16/1168). Aufgrund des vorgenannten gemeinsamen Antrags setzte die Bremische Bürgerschaft (Landtag) am 2. November einen Untersuchungsausschuss mit folgendem Auftrag ein: Die Bürgerschaft (Landtag) setzt einen aus 6 Mitgliedern und 6 stellvertretenden Mitgliedern bestehenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein, mit dem Auftrag, im Rahmen der verfassungsmäßigen Zuständigkeit des Landes zu untersuchen, wie es zu der mutmaßlichen groben Vernachlässigung der Amtsvormundschaft und Kindeswohlsicherung im Fall des tot aufgefundenen 2jährigen 1 Beschlussprotokoll der Bremischen Bürgerschaft Nr. 69

16 16 Untersuchungsausschuss Kindeswohl Kevin kommen konnte ob bzw. inwiefern dies strukturelle Ursachen hat. Über das Ergebnis der Untersuchungen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen ist der Bürgerschaft (Landtag) Bericht zu erstatten. Der Untersuchungsauftrag erstreckt sich auf: - Ursachen des mutmaßlichen Versagens der zuständigen Behörden im Fall des 2jährigen Kevin; - den Umgang mit ähnlichen Fällen; - die Wahrnehmung der Steuerungs- und Kontrollfunktion durch die zuständigen Behörden; - Auswirkungen der personellen Kürzungen und der Budgetierung der Leistungen im Jugendhilfebereich; - Umgang mit Hinweisen und Anzeigen von Dritten; - Zusammenarbeit und Informationsaustausch zwischen den beteiligten Behörden und Senatsressorts im Fall Kevin und grundsätzlich bei Inobhutnahme und amtlicher Vormundschaft; - Konsequenzen aus den Untersuchungen, insbesondere mit Aussagen über Verbesserung der Steuerung und Struktur des Amtes für Soziale Dienste. Dabei sollen insbesondere folgende Sachverhalte untersucht werden: - die Umsetzung des neuen 8a KJHG (Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung) in Verwaltungshandeln; - ob fachliche und/oder dienstliche Weisungen der Aufsichtsbehörde zur Gefährdung des Kindeswohls beigetragen haben; - Spannungsfeld zwischen fachlichen Gutachten und dienstlichen oder fachlichen Weisungen; - Umgang der Fallkonferenzen mit strittigen Fällen; - Betreuung von Risikofamilien, durch z.b. Familienhebammen und andere soziale Dienste;

17 Untersuchungsausschuss Kindeswohl 17 - mutmaßliches Versagen von Kontrollsystemen trotz zahlreicher Hinweise. Die Bürgerschaft (Landtag) wählte folgende Abgeordnete als Mitglieder und stellvertretende Mitglieder des Untersuchungsausschusses zur Aufklärung von Vernachlässigungen der Amtsvormundschaft und Kindeswohlsicherung durch das Amt für Soziale Dienste: Mitglieder Stellvertreter/Stellvertreterinnen Kleen, Hermann (SPD) Busch, Birgit (SPD) Kummer, Uta (SPD) Garling, Karin (SPD) Kasper, Reimund (SPD) Günthner, Martin(SPD) Pflugradt, Helmut (CDU) Herderhorst, Rolf W. (CDU) Mohr-Lüllmann, Dr. Rita (CDU) Spieß, Dr. Iris (CDU) Möhle, Klaus (Bündnis 90/Die Grünen) Schmidtmann, Dirk (Bündnis 90/ Die Grünen) Die Bürgerschaft (Landtag) wählte den Abgeordneten Helmut Pflugradt zum Vorsitzenden sowie den Abgeordneten Klaus Möhle zum stellvertretenden Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses. 1.2 Konstituierung des Untersuchungsausschusses und Verfahrensüberblick Der Untersuchungsausschuss trat am 3. November 2006 im Haus der Bürgerschaft zu seiner konstituierenden Sitzung zusammen. Er gab sich die Bezeichnung Untersuchungsausschuss Kindeswohl und verabschiedete eine Verfahrensordnung. 2 Dem Ausschuss standen gemäß Art. 105 Abs. 5 der Landesverfassung der Freien Hansestadt Bremen (BremLV) 3 fünf Angehörige der Verwaltung als Ausschussassi- 2 Anlage 1 zu diesem Bericht 3 vom 21. Oktober 1947 (BremGBl S. 251), zuletzt geändert durch Gesetz vom 15. Mai 2006 (BremGBl S. 271).

18 18 Untersuchungsausschuss Kindeswohl stenz, den Fraktionen jeweils eine Mitarbeiterin beziehungsweise ein Mitarbeiter als Fraktionsassistenz zur Verfügung. Der Untersuchungsausschuss hielt in der Zeit vom 3. November 2006 bis zum 18.April 2007 insgesamt 28 interne Sitzungen ab. Die Beweisaufnahme erfolgte in 21 öffentlichen Sitzungen. Außerdem führte der Untersuchungsausschuss eine öffentliche Ausschusssitzung durch. Der vorliegende Bericht wurde am 18. April 2007 einstimmig beschlossen Rechtsgrundlagen und Verfahrensregeln des Untersuchungsausschusses Die Einsetzung sowie die Befugnisse des parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Bundesland Bremen finden ihre Rechtsgrundlage in Art. 105 Abs. 5 BremLV. Dieser lautet: Die Bürgerschaft hat das Recht und auf Antrag eines Viertels ihrer Mitglieder die Pflicht, parlamentarische Untersuchungsausschüsse einzusetzen. Diese Ausschüsse und die von ihnen ersuchten Behörden können in entsprechender Anwendung der Strafprozessordnung alle erforderlichen Beweise erheben, auch Zeugen und Sachverständige vorladen, vernehmen, vereidigen und das Zeugniszwangsverfahren gegen sie durchführen. Das Brief-, Post-, Telegrafen- und Fernsprechgeheimnis bleibt jedoch unberührt. Die Gerichts- und Verwaltungsbehörden sind verpflichtet, dem Ersuchen dieser Ausschüsse auf Beweiserhebung Folge zu leisten. Die Akten der Behörden sind ihnen auf Verlangen vorzulegen. Der Senat stellt den Untersuchungsausschüssen auf Ersuchen das zu ihrer Unterstützung erforderliche Personal zur Verfügung. Die Untersuchungsausschüsse haben das Recht, das Personal im Einvernehmen mit dem Senat auszuwählen. Maßgeblich für die Arbeit eines Untersuchungsausschusses ist weiter das Gesetz über Einsetzung und Verfahren von Untersuchungsausschüssen (UAG). 4 4 Vom 15. November 1982 (BremGBl, S. 329), zuletzt geändert durch Gesetz vom 23. Februar 1988, (BremGBl, S. 17)

19 Untersuchungsausschuss Kindeswohl 19 Im Rahmen der Verfahrensordnung legte der Untersuchungsausschuss Regelungen zur Vertraulichkeit und zum Datenschutz fest. Soweit die vom Senat der Freien Hansestadt Bremen übersandten Akten als vertraulich gekennzeichnet wurden, galten sie nach Ziffer 14 a der Verfahrensordnung des Untersuchungsausschusses als mit einem Vertraulichkeitsbeschluss gemäß 7 Abs. 5 UAG versehen Verfahren hinsichtlich der Niederschriften über die Beweisaufnahme Die Aussagen der vor dem Untersuchungsausschuss im Rahmen der öffentlichen Beweisaufnahme vernommenen Zeugen wurden auf Tonband aufgezeichnet und sodann als schriftliche Wortprotokolle niedergelegt. In entsprechender Anwendung des 273 Abs. 3 S. 3 Strafprozessordnung (StPO) 5 übersandte der Untersuchungsausschuss den Zeugen Abschriften der ihre Aussagen betreffenden Vernehmungsprotokolle für Einwendungen gegen die Richtigkeit der Übertragung vom Tonträger oder Richtigstellungen in der Sache, die dem entsprechenden Protokoll als Anlage beigefügt wurden Beweisaufnahmeverfahren Die aktenführenden Stellen übersandten insgesamt 267 Akten. Die erste Aktenübersendung erfolgte am 17. November 2006, die letzte am 27. März Der Ausschuss trug dem Schutz personenbezogener Daten durch besonderen Verschluss Rechnung. Die Beiziehung der Akten verlief nicht immer so zügig, wie es sich der Ausschuss gewünscht hätte. Teilweise musste er explizit Akten benennen, die er für die Untersuchung benötigte. Auch musste er den Senat einige Male an die erbetenen Akten erinnern. Aufgrund der knapp bemessenen Zeit musste der Ausschuss bereits mit der öffentlichen Beweisaufnahme beginnen, bevor sämtliche Akten ausgewertet werden konnten. Aus gleichem Grund musste der Ausschuss von der Vernehmung weiterer Zeu- 5 Vom 1. Februar 1877 i. d. F. der Bekanntmachung vom 7. April 1987 (BGBl. I S. 1074, ber. S. 1319),

20 20 Untersuchungsausschuss Kindeswohl gen Abstand nehmen. Der Untersuchungsausschuss fasste zur Durchführung der Beweisaufnahme insgesamt vierzehn Beweisbeschlüsse. 6 Er vernahm insgesamt 73 Zeugen. 7 In einem Fall hat der Ausschuss die Frage der Vereidigung von Zeugen beraten. Eine entsprechende Maßnahme wurde nicht ergriffen. Soweit für die Zeugen beamtenrechtlich oder aus sonstigen Gründen eine Aussagegenehmigung erforderlich war, wurde diese in jedem Fall erteilt. Darüber hinaus wurden Prof. Dr. Jürgen Blandow, Universität Bremen, und die Sachgebietsleiterin der Betreuungsbehörde im Amt für Soziale Dienste, Frau Rita Hähner, im Rahmen einer öffentlichen Ausschusssitzung angehört. Außerdem hat der Untersuchungsausschuss eine schriftliche Anfrage an die Städte Bremerhaven, Essen, Hamburg, Hannover, Nürnberg und Oldenburg zur Organisation der dortigen Jugendämter gerichtet. 8 zuletzt geändert durch Gesetz vom 22. März 2007 (BGBl. I S. 354) 6 Anlage 2 7 Anlage 3 8 Anlage 4

21 Untersuchungsausschuss Kindeswohl Das System der öffentlichen Jugendhilfe 2.1 Rechtliche Rahmenbedingungen der Kindeswohlsicherung Der Schutz der Familie ist verfassungsrechtlich verankert. In Artikel 6 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland (GG) 9 heißt es: (1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. (2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. (3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur aufgrund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen. Die für die Kinder- und Jugendhilfe geltenden gesetzlichen Regelungen sind im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) vom 26. Juni geregelt. Artikel 1 dieses Gesetzes enthält das 8. Sozialgesetzbuch (SGB VIII). Das SGB VIII regelt bundeseinheitlich die Leistungen gegenüber jungen Menschen (Kinder, Jugendliche, junge Volljährige) sowie deren Familien. Aufgabe der Jugendhilfe ist es gemäß 1 Absatz 3 SGB VIII: 1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung zu fördern und dazu beizutragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen, 2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung zu beraten und zu unterstützen, 3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl zu schützen, 4. dazu beizutragen positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen. 9 Vom 23. Mai 1949 (BGBl. I S. 1), zuletzt geändert durch Gesetz vom 28. August 2006 (BGBl. I S. 2034) 10 BGBl I, S.1163, in der Fassung der Bekanntmachung vom 15. März 1996, BGBl. I, S. 477, zuletzt geändert durch Gesetz vom 29. Mai 1998, BGBl. I, S. 1188

22 22 Untersuchungsausschuss Kindeswohl Im Wesentlichen geht es zum einen um die Förderung des Kindes und seiner Familie und zum anderen um den Schutz des Kindes vor Gefahren (Wächteramt des Staates). Die Kindesförderung erfolgt unter anderem durch die in den 27 ff SGB VIII geregelten Hilfen zur Erziehung. Diese reichen von der Erziehungsberatung über die Möglichkeit des Einsatzes einer sozialpädagogischen Familienhilfe ( 31 SGB VIII) bis hin zur Erziehung des Kindes in einer Vollzeitpflegefamilie oder in einem Heim ( 33 ff. SGB VIII). Um den Schutzauftrag des Staates bei Kindeswohlgefährdung zu konkretisieren und den Jugendämtern bei Wahrnehmung ihres Wächteramtes spezifische Verfahrensvorschriften insbesondere zum Umgang mit Hinweisen auf eine Kindeswohlgefährdung an die Hand zu geben, wurde mit dem Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz vom 8. September (sog. KICK) der 8a in das SGB VIII eingefügt. Dort heißt es: 1. Werden dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt, so hat es das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte abzuschätzen. Dabei sind die Personensorgeberechtigten sowie das Kind oder der Jugendliche einzubeziehen, soweit hierdurch der wirksame Schutz des Kindes oder des Jugendlichen nicht infrage gestellt wird. Hält das Jugendamt zur Abwendung der Gefährdung die Gewährung von Hilfen für geeignet und notwendig, so hat es diese den Personensorgeberechtigten oder den Erziehungsberechtigten anzubieten. 2. In Vereinbarungen mit den Trägern von Einrichtungen und Diensten, die Leistungen nach diesem Buch erbringen, ist sicher zu stellen, dass deren Fachkräfte den Schutzauftrag nach Absatz 1 in entsprechender Weise wahrnehmen und bei der Abschätzung des Gefährdungsrisikos eine insoweit erfahrene Fachkraft hinzuziehen. Insbesondere ist die Verpflichtung aufzunehmen, dass die Fachkräfte bei den Personensorgeberechtigten auf die Inanspruchnahme von Hilfen hinwirken, wenn sie diese für erforderlich halten, und das Jugendamt informieren, falls die angenommenen Hilfen nicht ausreichend erscheinen, um die Gefährdung abzuwenden.

23 Untersuchungsausschuss Kindeswohl Hält das Jugendamt das Tätigwerden des Familiengerichts für erforderlich, so hat es das Gericht anzurufen; dies gilt auch, wenn die die Erziehungsoder Personensorgeberechtigten nicht bereit oder in der Lage sind, bei der Abschätzung des Gefährdungsrisikos mitzuwirken. Besteht eine dringende Gefahr und kann die Entscheidung des Gerichts nicht abgewartet werden, so ist das Jugendamt verpflichtet, das Kind oder den Jugendlichen in Obhut zu nehmen. Die zur unmittelbaren Gefahrenabwehr notwendige Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen ist in 42 SGB VIII geregelt. Dort heißt es: (1) Das Jugendamt ist berechtigt und verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn 1. das Kind oder der Jugendliche um Obhut bittet oder 2. eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen die Inobhutnahme erfordert und a) die Personensorgeberechtigten nicht widersprechen oder b) eine familiengerichtliche Entscheidung nicht rechtzeitig eingeholt werden kann Die Inobhutnahme umfasst die Befugnis, ein Kind oder einen Jugendlichen bei einer geeigneten Person, in einer geeigneten Einrichtung oder in einer sonstigen Wohnform vorläufig unterzubringen. (2)... (3) Das Jugendamt hat im Fall des Absatz 1 Satz 1 Nr. 1 und 2 die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten unverzüglich von der Inobhutnahme zu unterrichten und mit ihnen das Gefährdungsrisiko abzuschätzen. Widersprechen die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten der Inobhutnahme, so hat das Jugendamt unverzüglich 1. das Kind oder den Jugendlichen den Personensorge- oder Erziehungsberechtigten zu übergeben, sofern nach der Einschätzung des Jugendamtes eine Gefährdung des Kindeswohls nicht besteht oder die Personensorge- oder Erziehungsberechtigten bereit und in der Lage sind, die Gefährdung abzuwenden oder 2. eine Entscheidung des Familiengerichts über die erforderlichen Maßnahmen zum Wohl des Kindes oder des Jugendlichen herbeizuführen Gesetz zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe vom 8. September 2005, BGBl. I, S.2729

24 24 Untersuchungsausschuss Kindeswohl (6) Ist bei der Inobhutnahme die Anwendung unmittelbarem Zwangs erforderlich, so sind die dazu befugten Stellen hinzuzuziehen. Die Befugnisse des Familiengerichts bei Kindeswohlgefährdung sind in den 1666, 1666 a des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) 12 geregelt. Dort heißt es: 1666 Absatz 1: Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen durch missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten eines Dritten gefährdet, so hat das Familiengericht, wenn die Eltern nicht gewillt o- der nicht in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden, die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Maßnahmen zu treffen a BGB lautet: (1) Maßnahmen, mit denen eine Trennung des Kindes von der elterlichen Familie verbunden ist, sind nur zulässig, wenn der Gefahr nicht auf andere Weise, auch nicht durch öffentliche Hilfen, begegnet werden kann.... (2) Die gesamte Personensorge darf nur entzogen werden, wenn andere Maßnahmen erfolglos geblieben sind oder wenn anzunehmen ist, dass sie zur Abwendung der Gefahr nicht ausreichen. Die oben genannten Regelungen lassen sich kurz wie folgt zusammenfassen: An erster Stelle steht nach dem Willen des Gesetzgebers die Pflicht des Staates zur Unterstützung der Personensorgeberechtigten bei der Erziehung ihrer Kinder. Reichen die zur Verfügung stehenden Hilfemöglichkeiten jedoch nicht aus, um das Wohl des Kindes zu gewährleisten oder sind die Personensorgeberechtigten trotz Kindeswohlgefährdung nicht mit der angebotenen Hilfestellung oder einer Fremdunterbringung des Kindes einverstanden, hat der Staat im Rahmen des ihm obliegenden Wächteramtes das Kind in Obhut zu nehmen beziehungsweise - nach Einschaltung des Familiengerichts - eine Fremdplatzierung (Pflegefamilie oder Heimeinrichtung) in die Wege zu leiten. 12 In der Fassung der Bekanntmachung vom 2. Januar 2002 (BGBl. I S. 42, ber. S. 2909, 2003 S. 738), zuletzt geändert durch Gesetz vom 22. Dezember.2006 (BGBl. I S. 3416)

25 Untersuchungsausschuss Kindeswohl Organisatorische Rahmenbedingungen Die im SGB VIII normierte Kinder- und Jugendhilfe umfasst Leistungen und andere Aufgaben zugunsten junger Menschen und Familien. 13 Zu den Leistungen zählen unter anderem Angebote des erzieherischen Kinder- und Jugendschutzes, Angebote der Förderung der Erziehung in der Familie und Hilfen zur Erziehung. 14 Als andere Aufgaben der Jugendhilfe sind Aufgaben wie die Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen, die Mitwirkung in Verfahren vor den Vormundschafts- und Familiengerichten und der Bereich der Amtsvormundschaft gesetzlich bestimmt. 15 Die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe werden von Trägern der freien Jugendhilfe und von Trägern der öffentlichen Jugendhilfe in partnerschaftlicher Zusammenarbeit erbracht. 16 Die anderen Aufgaben werden in der Regel von den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe wahrgenommen. 17 Für die öffentliche Jugendhilfe wird zwischen den örtlichen und den überörtlichen Trägern der Jugendhilfe unterschieden. Da die Jugendhilfe eine überwiegend kommunale Aufgabe ist, ist in 69 SGB VIII bundesgesetzlich festgelegt worden, dass die Kreise und kreisfreien Städte örtliche Träger der öffentlichen Jugendhilfe sind 18 und ihre Aufgaben jeweils durch die Errichtung eines Jugendamtes wahrnehmen. Landesrecht regelt, wer überörtlicher Träger ist Das Amt für Soziale Dienste der Stadtgemeinde Bremen Die Stadtgemeinden Bremen und Bremerhaven sind örtliche Träger der öffentlichen Jugendhilfe. Die Aufgaben werden gemäß 1 Abs. 1 des Ersten Gesetzes zur Ausführung des Achten Buches Sozialgesetzbuch - Gesetz zur Ausführung des Kinder Absatz 1 SGB VIII 14 2 Absatz 2 SGB VIII 15 2 Absatz 3 SGB VIII 16 4 Absatz 1 Satz 1 SGB VIII 17 3 Absatz 2 und 3 SGB VIII 18 Inwieweit die bundesgesetzliche Regelung durch Landesabweichungen künftig aufgelöst werden kann, da Art. 84 Absatz 1 Satz 7 GG dem Bund seit dem 1. September 2006 die Übertragung von Aufgaben auf die Gemeinden verbietet, spielt für die aktuelle Betrachtung keine Rolle.

26 26 Untersuchungsausschuss Kindeswohl und Jugendhilfegesetzes im Lande Bremen (BremAGKJHG) 19 - in der Stadtgemeinde Bremen durch das Amt für Soziale Dienste und in der Stadt Bremerhaven durch das Amt für Familie und Jugend wahrgenommen. Der örtliche Träger der öffentlichen Jugendhilfe hat die erforderlichen finanziellen und personellen Voraussetzungen für eine angemessene Wahrnehmung der Aufgaben des Jugendamtes nach dem SGB VIII zu schaffen. Das Jugendamt der Stadtgemeinde Bremen ist als Teil des Amtes für Soziale Dienste organisiert. Es nimmt seine Aufgaben im Wesentlichen durch die zentrale Fachabteilung Junge Menschen und Familie des Amtes für Soziale Dienste und durch die zuständigen Fachdienste in den dezentral organisierten Sozialzentren des Amtes für Soziale Dienste wahr Organisation des Amtes für Soziale Dienste Zum Amt für Soziale Dienste gehören die zentralen Abteilungen und sechs dezentrale Sozialzentren, die die Aufgaben des Amtes in den Stadtteilen wahrnehmen. Der Leitung des Amtes für Soziale Dienste sind das Controlling, die Innenprüfung, 20 das Ideen- und Beschwerdemanagement, sowie die Gesamtstädtische Jugendhilfe- und Sozialplanung, Sozialraummanagement unmittelbar unterstellt. Der Organisationsplan des Amtes für Soziale Dienste vom 15. Januar 2007 weist vier zentrale Abteilungen aus. 21 Im Einzelnen sind dies die Abteilungen Zentrale Dienste, Junge Menschen und Familie, Erwachsene und Wirtschaftliche Hilfen. Seit dem 1. Januar 2005 werden die operativen Aufgaben des Amtes für Soziale Dienste sozialraumbezogen in den sechs nach Stadtgebieten aufgeteilten Sozialzentren in Bremen wahrgenommen. Im Einzelnen sind dies das Sozialzentrum 01 - Nord, das Sozialzentrum 02 - Gröpelingen/ Walle, das Sozialzentrum 03 - Mitte/ Östliche Vorstadt/ Findorff, das Sozialzentrum 04 - Süd, das Sozialzentrum 05 - Vahr/ 19 Gesetz vom 17. September 1991, Brem.GBl. S Die Innenprüfung hat nach dem Auffinden der Leiche Kevins einen Prüfbericht zum gesamten Aktenbestand des Casemanagers erstellt. Dieser Prüfbericht Arbeitsplatzüberprüfung 450-SZ 2/21-4 vom findet sich in der Akte Akte 249, Blatt 8

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